Gustav Adolf und Wallenstein vor Nürnberg im Sommer des Jahres 1632

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Autor: Stephan Donaubauer
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Titel: Gustav Adolf und Wallenstein vor Nürnberg im Sommer des Jahres 1632
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aus: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg, Band 13, S. 53–78
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Erscheinungsdatum: 1899
Verlag: J. L. Schrag
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Erscheinungsort: Nürnberg
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Quelle: Digitalisat BSB
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[53]
Gustav Adolf und Wallenstein vor Nürnberg im Sommer des Jahres 1632.
Von
Reallehrer Dr. Stephan Donaubauer.




I.
Marsch der schwedischen und kaiserlichen Armee vor Nürnberg.

Vierzehn Jahre verheerte der Krieg die deutschen Gaue; aber erbitterter denn je standen sich die feindlichen Parteien gegenüber, und noch immer war kein Ende des Jammers und Elends abzusehen. Den besiegten Protestanten war ein Retter in dem Schwedenkönig Gustav Adolf erschienen. Von der Ostsee bis zu den Alpen hatte dieser Deutschland in zwei Jahren siegreich durchzogen; die katholischen Fürsten waren meist aus ihren Ländern vertrieben, die protestantischen Stände hatten sich aber nunmehr fast insgesamt mit dem König verbündet. Schon sah sich Gustav Adolf als das Oberhaupt des evangelischen Deutschlands, als den unmittelbaren Herrn und Gebieter der gesegneten Gefilde am Rhein und Main und aller an der Ostsee gelegenen Länder.

Aber noch galt es für den König einen neuen gefährlichen Waffengang, ehe derselbe an die Verwirklichung seiner kühnen Pläne denken konnte. Aus Böhmen heran zog der gefürchtete Herzog von Friedland, und ihm führte der Kurfürst Maximilian I. von Bayern bedeutende Streitkräfte entgegen.

Im festen Glauben, Wallenstein würde sich mit seiner ganzen Macht auf den Kurfürsten von Sachsen werfen, eilte Gustav Adolf aus Bayern herbei, um seinem Bundesgenossen [54] beizustehen. Am 15. Juni[1] war er in Weissenburg, am 16. marschierte er gegen Schwabach und am 17. hielt er grosse Heerschau bei Fürth. Von hier aus kam er auch nach Nürnberg, wo er den Abgesandten des Rates seine stolzen Ideen über die künftige Gestaltung Deutschlands entwickelte. Dann zog er weiter nach der Oberpfalz, um über die Stärke und die Absichten des Feindes sich Klarheit zu verschaffen und, wenn möglich, die Vereinigung der kaiserlichen und bayerischen Truppen zu verhindern. Am Morgen des 21. Juni passierte die schwedische Armee bei Doos die Pegnitz, marschierte dann auf der alten Strasse ausserhalb der Stadt nach dem Lauferthor und erreichte an demselben Tage das vier Stunden von Nürnberg entfernte Städtchen Lauf. Nun ging der Marsch auf Hersbruck zu und am 23. Juni gegen Sulzbach; die Bagage blieb auf den Wiesen bei Hersbruck und Reichenschwand zurück. Doch gelang es dem König nicht mehr, die bayerischen Truppen einzuholen und von den Friedländischen abzuschneiden; am 27. Juni vereinigten sich beide bei Eger. Auch war er sich noch immer nicht klar geworden, wohin der Feind sich mit seiner Macht wenden würde. So zog er denn am 26. Juni wieder zurück nach Hersbruck, um hier den weitern Verlauf der Dinge abzuwarten.

Als nun aber der Feind keine Miene machte, in Kursachsen einzufallen, sondern sich langsam nach Süden bewegte, da wurde es Gustav Adolf immer wahrscheinlicher, dass nicht Sachsen, sondern er selber und Nürnberg bedroht seien. Unverzüglich schrieb er daher am 29. Juni an den Herzog Wilhelm von Sachsen-Weimar, er möge mit seinen Truppen zu ihm stossen, und den Abgesandten des Nürnberger Rates, welche er an diesem Tage auf dem ½ Stunde von der Stadt entfernten Thummenberg in Audienz empfing, eröffnete er, dass Wallenstein und der Kurfürst Max allem Anscheine nach gegen Nürnberg marschieren würden, weshalb er entschlossen sei, bei der Stadt zu bleiben und dieselbe »nach eusserstem Vermögen zubeschutzen«. Hernach ritt er herein nach Nürnberg, besichtigte die Befestigungswerke und befahl, dass man das »angesehene Tranchement nunmehro an die Hand nemen, alle vor der Statt gelegenen [55] Gärten, Sitz und Herrenheuser, sogar auch das Weierhaus, Gleishamer, Gipitzen- und Lichtenhof darein bringen und solche Arbeit in 3–4 Tagen verrichten lasse«.

Bei Nürnberg also gedachte der König sich festzusetzen, bis er alle schwedischen Hilfsvölker an sich gezogen hätte; einen Angriff auf das kaiserlich-bayerische Heer konnte er jetzt nicht wagen, da dieses ihm an Zahl dreifach überlegen war. Wohl erkannte er, dass die Gegend am Main sich zu einem Lager besser eignen würde. Dort war ja Proviant und Fourage in Fülle vorhanden. Der dürre, sandige Boden des Nürnberger Landgebietes aber lieferte viel geringeren Ertrag, und obendrein waren auch die Lebensmittel von entfernteren Gegenden schwer zu erlangen, da feindliche Nachbarstaaten und die Festungen Wülzburg, Rotenberg und Forchheim mit ihren kaiserlichen, beziehungsweise kurbayerischen Besatzungen Handel und Verkehr sehr erschwerten. Allein dann war Nürnberg in der äussersten Gefahr, dem Feinde in die Hände zu fallen, und das wollte der König um keinen Preis zulassen.

Der Schutz der schwedischen Armee aber sollte Nürnberg teuer zu stehen kommen. Wohl hatte die alte freie Reichsstadt die vielen Kriegsjahre hindurch viele Hunderttausende von Thalern für das kaiserliche und zuletzt für das schwedische Heer aufgewendet; sie hatte gerade in den letzten Tagen die grössten Opfer gebracht, indem sie die königliche Armee mit Brot, Bier, Wein, Hafer, Heu, Munition und anderem versorgte, die kranken schwedischen Soldaten ins Spital aufnehmen und[WS 1] auf Kosten der Stadt kurieren liess. Jetzt aber wurden ganz andere Anforderungen an die Stadt Nürnberg gestellt; nicht tage-, sondern wochenlang oblag ihr die Verpflegung der königlichen Armee, in der Stadt wurde Not und Elend immer grösser, rafften Hunger und Seuchen viele Hunderte hinweg.

Zunächst wurden die Schanzarbeiten in Angriff genommen. Die ganze Bevölkerung Nürnbergs, Bürger und Bauern, Inwohner und Schutzverwandte, wurde hiezu herangezogen; nur der Rat und die Geistlichkeit waren befreit. Auch das schwedische und Nürnberger Kriegsvolk musste mit Hand anlegen. Weder Wiesen und Äcker, noch Gärten wurden verschont, wenn sie zur Einschliessung in die Linie nötig waren.

[56] Am Donnerstag, den 1. Juli, wurde hinter Lichtenhof beim Hundschlagerhaus am Walde ein Laufgraben aufgeworfen in der Breite von 15 und Höhe von 12 Schuh. Von Lichtenhof aus liefen die Schanzen und Laufgräben gegen Gostenhof, von da bis an die Pegnitz bei St. Johannis, dann hinter der Burg bis zum Maxfeld und weiter gegen Wöhrd, wo sie sich mit denen von St. Peter und Lichtenhof vereinigten. Drei schöne starke Bollwerke wurden zwischen dem Spittler- und Frauenthor angelegt, zwei vor dem Frauenthor; bedeutende Schanzen wurden errichtet, je eine vor Steinbühl auf der Strasse nach Schweinau, hinter Steinbühl in der Richtung gegen das Lager, bei St. Wolfgang am Wald an der Strasse nach Röthenbach, bei Gleishammer an der Altdorfer Strasse und andere mehr. Von Wöhrd aus lief ein Laufgraben gegen den Rechenberg zu, auf dem vier Bollwerke errichtet waren. Alle diese Redouten und Schanzen, die Stadtmauern, runden Türme und Basteien, die Bastionen am Ein- und Ausfluss der Pegnitz, das Ravelin und Hornwerk zwischen dem Frauen- und Spittlerthor waren mit grossen und kleinen Geschützen besetzt, deren Zahl über 300 betrug.

Am 3. Juli zog Gustav Adolf mit seiner ganzen Armee vor Nürnberg. Das königliche Hauptquartier war in Lichtenhof.

Mit den beiden von Nürnberg geworbenen Regimentern, dem Leublfingischen und Schlammersdorffischen, zählte die königliche Kriegsmacht nicht über 20 000 Mann.

Hiezu kam das Bürgermilitär zu 24 Kompagnien. Die Fähnlein waren nach dem Alphabet bezeichnet, weshalb man sie die Abc-Fähnlein nannte, und mit lateinischen und deutschen Sprüchen versehen. Ich begnüge mich, von diesen Sprüchen folgende anzuführen: Auf dem B-Fähnlein stand:

»Beweis dein Macht, Herr Jesu Christ,
Brich aller Feind’ Gewalt und List«

und in lateinischer Sprache:

Bis vincit, qui se vincit.

Auf dem S-Fähnlein war zu lesen:

»Simson hüt’ Dich vor Delila,
Sie hat viel Schwestern fern und nah«

[57] und lateinisch:

»Salus reipublicae
Suprema lex esto«.

Der deutsche Spruch auf dem O-Fähnlein lautete:

»O Held Gustave! kann das Reich
Dein’ Treu’ dir auch belohnen gleich?«

Auf dem R-Fähnlein waren die zornigen Worte:

»Römisch verfluchtes Babylon,
Dein Ziel wirst du nicht übergohn«.

Das Oberkommando führte Johann Jakob Tetzel, des inneren Rates Landpfleger und Kriegsverordneter, dessen Oberstlieutenant war Friedrich Pömer und dessen Major Hans Philipp Farnschedl. Die Adjutanten hiessen Jakob Listner und Adam Krauss. Jede Kompagnie hatte je einen Hauptmann, Lieutenant, Fähnrich, Feldwebel und fast durchgehends je sechs Korporale; die Stärke einer solchen schwankte zwischen 81 und 141. Im ganzen bestand das Bürgermilitär aus 141 Korporalen und 2607 Mann. Ausserdem stellten noch die Vorstädte Wöhrd und Gostenhof je eine Kompagnie in der Stärke von 108 Mann. Die Bürgersoldaten wurden hinaus auf das Maxfeld und die Fahrstrassen neben das geworbene Kriegsvolk gelegt. Wer über 40 Jahre alt war, blieb in der Stadt bei den Gassenhauptleuten, welche die Mauern, Türme und Plätze vor der Stadt bewachten.

Auf diese Weise glaubte der Rat Nürnberg vor der Einnahme durch den Feind geschützt, gesichert vor allem durch das schwedische Kriegsvolk. Nun aber galt es, dieses mit Lebensmitteln zu versorgen, und das war keine kleine Aufgabe; denn die Stadt war von den Unterthanen aus dem Landgebiete und von Fremden überfüllt. Vorerst nun verpflichtete sich der Rat, täglich 14 000 Pfd. Brot und gegen Bezahlung Bier, Wein, Salz, Fourage u. s. w. ins Lager zu verschaffen.

Unvorbereitet jedoch wurde Nürnberg von der misslichen Lage, in der es sich nunmehr befand, nicht betroffen. Kaum waren anfangs Juni die ersten beunruhigenden Gerüchte über kaiserliche und bayerische Truppenansammlungen in der Oberpfalz eingetroffen, so wurde Getreide in grosser Menge angekauft, und die Müller erhielten den strikten Befehl, bei Strafe von 50 fl. im Übertretungsfalle, ihre Mühlwerke zu reparieren und so viel Roggenmehl, als nur möglich, abzumahlen. In nächster [58] Umgebung der Stadt, wie in Gleishammer und Tullnau, wurden neue Mahlgänge eingerichtet; die Müller zu Lauf, Doos und Laufamholz erhielten die Weisung, Getreide nur für die Stadt zu liefern. Durch öffentliche Bekanntmachung wurden die Bewohner aufgefordert, sich mit Handmühlen und einem Getreidevorrat zu versehen, damit die »Armen von den gemeinen Becken und Mühlen auch umb so viel eher befürdert und versehen werden mögen«. Die Viertelmeister mussten in jedem Viertel an öffentlichen Plätzen zu jedermanns Gebrauch etliche taugliche und bequeme Handmühlen anbringen; den Lebküchnern wurde befohlen, »sich des Lebkuchenbachens gänzlich zu enthalten und aus ihrem Getraid und Meel anderst nichts als Brot für die Burgerschaft abzubachen«. Bäcker, Metzger, Weinhändler und Bierbrauer durften nichts aus der Stadt verkaufen. Marketender wurden nicht eingelassen. Strenge verboten war das Zechen und Schwelgen in den Wirtshäusern. »Die Provisoner mussten tags so nachts in den Bierheusern umbgehen, die gesetzten Zechleutt auftreiben und sowohl die Bierwirt, alss dergleichen Bierbrüder uf Befindung dem Rugamt ohne allen Respect und Unterschaid der Personen ordentlich anklagen«. Überhaupt wurden die Bewohner eindringlich ermahnt, ein gottwohlgefälliges Leben zu führen, damit der Zorn des Himmels beschwichtigt würde. Man nahm sogar Anstoss, dass ein Wirtshaus zum Himmel, das andere zur Hölle hiess, und forderte die Wirte auf, ihre Schenkstätten anders zu benennen.

Nicht geringe Sorge bereitete dem Rate die Überfüllung der Stadt mit Fremden. Als Ende Juni die Gefahr immer drohender wurde, da flüchteten die Landleute nicht bloss aus dem Nürnberger Landgebiet, sondern auch aus dem Brandenburgischen scharenweise nach Nürnberg und erhöhten so die Gefahr einer Hungersnot und ansteckender Krankheiten und Seuchen. Nun aber konnte der Rat seine Unterthanen, die sich mit Pferden, Ochsen, Kühen und all ihrer Habe hereinbegeben hatten, nicht abweisen; auch den Adeligen und Vornehmen musste er wohl oder übel Zuflucht gewähren. Doch erhielten die Bauern freie Plätze vor der Stadt angewiesen, wie die Hallerwiese, Deutschherrn- und Findelwiese, und Fremde sollten nur dann eingelassen werden, wenn sie mit Getreide, [59] Mehl und anderen Lebensmitteln versehen wären. Allein so gut gemeint und richtig die Verordnungen waren, der Rat konnte es nicht verhindern, dass viele, wenn sie auch keinen Proviant hatten, ja selbst Bettler und Landstreicher in die Stadt hereinkamen.

Auch wie die Stadt vor Verrat und Feuersbrünsten wirksam geschützt werden könnte, beschäftigte den Rat jetzt wieder besonders lebhaft. Es durften vorerst nur drei Thore geöffnet sein; alle ankommenden Fremden sollten genau ausgeforscht, und wer sich nicht ausreichend legitimieren konnte, sollte fortgewiesen werden; die Wirte durften ohne besondere Erlaubnis des Rates keinen Fremden über Nacht beherbergen. Verdächtige Personen, wie Martin Karl Haller und Sebastian Welser, wurden in ihrem Thun und Treiben aufs schärfste überwacht. Um ein Umsichgreifen des Feuers möglichst zu verhüten, wurden Spritzen und Feuereimer ausgeteilt, mussten in jedem Hause und vor diesem gefüllte Wassereimer stehen, und hatten die Lederer eine grosse Anzahl Ochsenhäute bereit zu halten.

Unterdessen war der Feind immer näher herangerückt. Am 9. Juli kam er, ungefähr 50–60 000 Mann stark, in Neumarkt an, von hier marschierte er nach Altdorf und dann über Wendelstein, Kornburg und Katzwang nach Schwabach.

Kaum hatte Gustav Adolf hievon Kunde erhalten, so rückte er mit dem grössten Teile seiner Reiterei und einigem Fussvolke aus, um über den Marsch der kaiserlich-bayerischen Armee Sicheres zu erfahren; ein anderer Trupp Reiter begab sich nach Wendelstein, ebenfalls um zu rekognoszieren. Doch des Königs Absicht, den Feind in ein Gefecht zu verwickeln, misslang; unverrichteter Dinge kehrte er am Abend wieder zurück ins Lager.

Schwabach aber erfuhr ein hartes Schicksal. In der Hoffnung auf schwedische Hilfe und in Unkenntnis über die Stärke der kaiserlichen und bayerischen Truppen entschlossen sich die Bürger, ihr Städtchen zu verteidigen, und unterhielten ein lebhaftes Feuer auf die Feinde. Sie töteten 60–70 Mann; Wallenstein selbst streifte eine Kugel dicht am Kopfe vorbei. Ergrimmt über diesen unvermuteten Widerstand, schwur derselbe, alle Bewohner Schwabachs niederhauen zu lassen, und kam nur [60] auf Zureden des bayerischen Kurfürsten hievon ab. Doch gab er das Städtchen den Greueln einer sechstägigen Plünderung preis.

Auch das nahegelegene Städtchen Roth wurde um dieselbe Zeit unversehens überfallen, ausgeraubt und in Brand gesteckt.

Am 16. Juli verliess endlich die kaiserliche Armee Schwabach, dessen noch am Leben gebliebene Bewohner nun alle zu Bettlern geworden waren, und rückte gegen Stein vor. Von da errichtete sie längs des linken Ufers der Rednitz ein ungemein stark befestigtes Lager, das in drei Tagen vollendet wurde. Die Weiber und der Tross wurden zu den Faschinen kommandiert und sangen im Marschieren: »Wir haben dem Kaiser eine Schanze gebaut und haben den Schweden den Pass verhaut«. Zehn Regimenter und neun Kompagnien arbeiteten täglich an den Verschanzungen. Das Lager umschloss im Umkreis von 2½ Meilen die Ortschaften Stein, Zirndorf, Altenberg, Kreutles und Unter-Asbach und war reich mit Schanzen und Redouten versehen. Den Schluss gegen Norden machten die Alte Veste und die gegen die Rednitz sich herabziehende Höhenstrecke, die durch Pallisaden und Gräben wohl verwahrt und durch bedeutende Batterien geschützt waren. Zwischen Stein und Altenberg lagen die Wallensteinischen Truppen, von hier bis zur Alten Veste die bayerischen; im Bibertthale waren 10 000 Kroaten unter Graf Isolani, bei Zirndorf kampierte das Beckerische Regiment. Die Infanterie war in Zelten, die Kavallerie in Baracken untergebracht, der Artilleriepark bei Unterasbach und Altenberg aufgestellt. Wallenstein hatte in seinem Generalstab sein Quartier im südlichen Teile des Lagers gegen Stein hin, Altringer kampierte bei Kreutles, Kurfürst Max anfangs in Altenberg, vom 31. August an im Bibertthale. Gedeckt war das Lager durch die Festungen Wülzburg, Rotenberg, Forchheim und später durch Lichtenau, sowie auch durch die starken kaiserlichen Besatzungen in Schwabach und Neumarkt. Die Zufuhr von Lebensmitteln erfolgte aus dem Bambergischen, der Markgrafschaft Ansbach, aus Bayern, Oberpfalz und Schwaben und von Wien aus über Regensburg. Ein baldiger Mangel an Proviant und Fourage war daher weniger zu befürchten als im schwedischen Lager, das in der Hauptsache auf Nürnberg [61] angewiesen war. Daraufhin baute denn auch Wallenstein seinen Plan, die Schweden förmlich auszuhungern, zum Erstaunen der ganzen Welt, die einen Ringkampf zwischen den beiden grössten Heerführern jener Zeit erwartete.

II.
Der kleine Krieg. Nürnberg zur Zeit des schwedischen Lagers.

Zwischen der schwedischen und kaiserlichen Reiterei, die beiderseits auf Verproviantierung und Fouragierung ausritten, kam es täglich, ja stündlich zu Scharmützeln, und öfter als die Kaiserlichen zogen hiebei die Schweden den kürzeren; denn Wallenstein war Gustav Adolf an Kavallerie bedeutend überlegen.

Grössere feindliche Zusammenstösse ereigneten sich aber nur zwei; der eine anfangs Juli, der andere anfangs August.

Als nämlich die kaiserlich-bayerische Armee gegen Neumarkt heranzog, schickte Gustav Adolf den Oberst Taupadell mit 5 Kompagnien Dragoner und 4 Cornets Reiter dahin ab, damit dieser die Bewegungen des Feindes beobachte oder, wie es nach einer anderen Lesart heisst, einen Anschlag auf Lauterhofen versuche. Hievon aber wurde der Kurfürst verständigt, und während sich 3000 Mann Kaiserliche im Walde versteckten, rückten 3 Kompagnien zum Scheine auf Rekognoszierung aus, um die Schweden, welche eine vorteilhafte Stellung auf einem Berge genommen hatten, in ein Gefecht zu verwickeln und so ins Thal herabzulocken. Die List gelang. Während des Gefechtes kamen jene 3000 Mann aus dem Walde hervor, umringten die Schweden und hieben dieselben fast sämtlich nieder. Taupadell selbst geriet in Gefangenschaft, aus der er aber bald wieder befreit wurde.

Vier Wochen später jedoch glückte den Schweden ein Handstreich gegen das oberpfälzische Städtchen Freystadt, und der König selber erfocht einen Sieg in einem Treffen bei Burgthann. Am 7. August rückte der Oberst Taupadell nach dem von Nürnberg ungefähr 9 Stunden gelegenen Städtchen, wo sich ein grosses Magazin für die kaiserlich-bayerische Armee befand. Das Städtchen war rasch erobert; die Schweden hieben [62] die bayerische Garnison, welche nicht auf ihrer Hut gewesen war, fast vollständig nieder, plünderten alle Häuser und Proviantwägen, nahmen mit, was sie mitnehmen konnten, und steckten zuletzt den Ort in Brand.

Nun aber hatte Wallenstein von Taupadells Marsch alsbald Kenntnis erhalten und den General von Sparr beauftragt, den Schweden auf ihrem Rückmarsche von dieser Expedition aufzulauern. Mochte nun Gustav Adolf solches vermutet oder erfahren haben, kurz, er zog mit etlichen Kompagnien Reiter und 500 Musketieren auf der Regensburger Strasse nach Ochenbruck und von da auf sehr schmalem Wege über Pattenhofen und die Einöde Fröschau. Eine Viertelstunde über Fröschau hinaus, das in einem fruchtbaren, von der Schwarzach durchflossenen Thale liegt, stiess der König auf dem bewaldeten und wegen seiner vielen Quellen sehr sumpfigen Berge auf General von Sparr. Reiter und Musketiere wehrten sich wohl aufs tapferste, bei den schwierigen Terrainverhältnissen aber war ihre Niederlage bald entschieden. Sparr selber, der sich geraume Zeit im Moraste hinter einem Busche verborgen hatte, wurde verraten und kam mit vielen seiner Offiziere und Soldaten in Gefangenschaft.

In Nürnberg wurde in allen Kirchen ein öffentliches Dankgebet verrichtet, und man würde sich des immerhin nicht zu unterschätzenden Vorteils, den der König davongetragen hatte, herzlich gefreut haben, wenn nicht zu derselben Zeit eine Hiobspost eingetroffen wäre.

Der jugendliche Pfleger Georg Scheurl von Lichtenau liess sich nämlich durch seinen Lieutenant Hans Endres Geuder und die kleinmütige Bevölkerung verleiten, Lichtenau wider Eid und Pflicht den Kaiserlichen zu übergeben, obwohl noch kein Schuss gefallen und der schwedische General Banner bereits zu Gunzenhausen mit bedeutenden Streitkräften angelangt war. Eine verräterische Absicht lag dem Pfleger durchaus fern, und man muss dem Rate einen guten Teil der Schuld beimessen, da er in schwerer Zeit einen Mann auf einen wichtigen Posten gestellt hatte, dem dieser in keiner Weise gewachsen war.

Gustav Adolf geriet ob dieser leichtsinnigen Übergabe in die äusserste Wut und begehrte, dass man über den Pfleger ein [63] Kriegsgericht setze. Denn Lichtenau hatte er als Sammel- und Musterplatz für die Truppen des Generals Banner und des Herzogs Bernhard von Weimar ausersehen; dadurch wäre der feindlichen Armee der Weg ins Ansbachische versperrt worden und die Verproviantierung aus diesem Gebiete nicht mehr möglich gewesen. Doch bald sah der König die Sache milder an; denn Scheurl war ja kein Kriegsmann und verstand also nichts vom Kriegswesen. Weniger zur Milde geneigt zeigte sich der Rat. Am 17. Dezember wurde Georg Scheurl zu lebenslänglichem Kerker verurteilt. Doch dauerte seine Haft nicht ganz zwei Jahre; am 14. Juli 1634 wurde er auf Verwendung des Herzogs Bernhard von Weimar unter der Bedingung auf freien Fuss gesetzt, dass er auf drei bis vier Jahre in Kriegsdienste trete, die dem evangelischen Wesen nicht zuwider seien.

Woche für Woche vergingen, und noch immer lagen sich die Feinde unbeweglich gegenüber. Immer bedenklicher wurde die Situation des schwedischen Heeres. Wie sollte Nürnberg auf längere Zeit dasselbe mit Lebensmitteln versorgen, nachdem schon im Monat Juli in der Stadt grosser Mangel eingetreten war! War es doch, von anderem ganz abgesehen, keine kleine Aufgabe, für das schwedische Lager täglich 30,000 Brot abbacken zu lassen. Auch die Verpflegung der kranken schwedischen Soldaten im Lazaret empfand die Stadt als harte Last, mochten auch die Ärzte, wie der Rat ihnen befohlen hatte, noch so sehr »mit den medicamentis preciosis zurückhalten und geringere, so gleichwol ihren Effect haben, hinausordnen«. Zu alledem trat noch, dass die Nürnberger von ihren eigenen Freunden ausgeplündert wurden. Die schwedischen Soldaten, die sich gerne in den Wein-, Met- und Bierhäusern aufhielten und, wenn sie sich betrunken hatten, allerlei Unfug und Rohheiten in der Stadt verübten, trugen ausserdem noch zur Erhöhung der Not das Ihrige bei. Sie nahmen den Bäckern das Brot mit Gewalt hinweg, schlugen an den Mühlen das Eisen ab, um es in der Stadt zu verkaufen, schnitten auf dem Felde das Getreide ab, raubten Gartenfrüchte, Gemüse und dergleichen mehr[.]

So schwer nun dem Rate die Verpflegung der Armee fiel, er sollte dem König auch noch eine bedeutende Summe Geldes vorstrecken. Am 20. Juli verlangte dieser ein Darlehen von [64] 300 000 fl. »zur Contentirung der Officierj«. Nun aber war das Ärar erschöpft, und auch die Kaufmannschaft weigerte sich mit aller Entschiedenheit, eine solch hohe Summe aufzubringen. Abweisen konnte und wollte der Rat jedoch Gustav Adolf nicht. Es erhielten daher die Viertelmeister den Auftrag, den Bürgern, Inwohnern und Schutzverwandten, wie auch all denen, die in Nürnberg Zuflucht gesucht und gefunden hatten, »beweglich« zuzusprechen, »dass ein jeder zu Bezeugung seiner zu Gottes Ehr, dem nothleidenden evangelischen Wesen und zu des lieben Vatterlands Conservation, Freiheit und Wohlfard tragenden Begierd« dem König mit einem Darlehen gegen einen Zins von 5–6 % an die Hand gehen möge »und dargegen einer ordentlichen Obligation oder Schuldbriefs aus gemeiner Statt Losungsstuben gewertig sein solle«. Auf diese Weise kamen allerdings nicht 300 000 fl., wohl aber die Hälfte, nämlich 150 000 fl., zusammen, immerhin eine Summe, die für die Opferwilligkeit der Bewohner Nürnbergs ein beredtes Zeugnis ablegt. Zu welchen Opfern die Bevölkerung bereit war, das beweist uns auch eine Kollekte von 10 000 fl. zu gunsten der erkrankten und notleidenden Soldateska. Als Merkwürdigkeit sei hier noch erwähnt, dass der Rat, freilich erst nach längerem Sträuben, die Zeche bezahlte, welche der vertriebene Kurfürst von der Pfalz, der sogenannte Winterkönig, dem Wirte »zum schwarzen Bären« in Lauf schuldig geblieben war.

Um aber den Anforderungen zu genügen, die an ihn gestellt wurden, musste der Rat neue Einnahmequellen suchen. Er half sich nun damit, dass er einen Aufschlag auf Getreide, Mehl, böhmisches Bier, Hopfen und Wein verkünden liess. Bezüglich des Getreide- und Mehlaufschlags wurde festgesetzt, »dass hinfüro und so lang es gemeiner Statt Notturft erfordert, von allem und ieden Getreid, so von Bürgern, Inwohnern, Becken, Bierpräuern, Pfragnern und sonsten menniglich zum Abmahlen in die Mühlen gebracht wirdt, je von einem Sümmer sechzehn Patzen bezahlet und darmit uff nechst kommenden Mittwoch von allem Getreid, so von selbigem Tag an abgemahlen wirdt, wann und welche Zeit es auch in die Mühlen kommen, ein merklicher Anfang gemacht werden solle«. Dieser Aufschlag sollte auch von allem fremden Brote, das in die Stadt gebracht [65] würde, eingefordert werden. Der Aufschlag auf eine Mass böhmisches Bier sollte 1 kr., auf ein Simra Hopfen 1 fl., auf einen Eimer Wein, der aus der Stadt ins Lager gebracht würde, 1 fl. betragen.

Doch war es mit dem blossen Befehle nicht gethan. Der Getreideaufschlag fand bei den Bürgern und Unterthanen grossen Widerstand, und man suchte ihm auf alle mögliche Weise aus dem Wege zu gehen; konnte man sich doch auf die Geistlichkeit berufen, die auf den Kanzeln gegen denselben eiferte, »da er Gottes Wort und dem Gewissen, ja sogar den heidnischen Exempeln zuwiderlaufe«. Den Aufschlag auf Wein konnte man überhaupt nicht aufrecht erhalten. Die Weinhändler liessen einfach den Wein, den sie von auswärts bezogen, direkt ins Lager führen. Dadurch kam das städtische Ärar nicht bloss um den neuen Aufschlag, sondern auch um die 6 kr., welche von jeher für einen Eimer bezahlt werden mussten, sowie um 15 kr. Pferdegeld. Es blieb daher dem Rate nichts übrig, als seinen Erlass zurückzunehmen.

Diese neuen Finanzmassregeln brachten also lange nicht ein, was man von ihnen erhofft hatte.

Doch that der Rat, was in seinen Kräften stand, um den Verpflichtungen gegen Gustav Adolf gerecht zu werden, und wenigstens bis Mitte des Monats August scheint ihm dies auch im grossen und ganzen gelungen zu sein. So viel allerdings, als sie versprochen hatte, konnte die Stadt an Lebensmitteln nicht ins schwedische Lager liefern, und schon anfangs machte die Herbeischaffung von Fourage grosse Schwierigkeiten. Freilich nach den Berichten des vom Schultheissen in Neumarkt als Spion gedungenen Hans Pogner, Waffenknechtes des Kriegsverordneten Sigmund Gabriel Holzschuher, hätte es im schwedischen Lager gar traurig ausgesehen und wären die Soldaten geradezu verhungert. Ich möchte jedoch dessen Aussagen, die alle ebenso weitschweifig als unbedeutend sind, nur geringes Gewicht auch in diesem Falle beilegen. Den Mitteilungen dieses Spions steht direkt entgegen, was Joachim Camerarius, der beständig in der Umgebung des Königs und gewissermassen sein Vertrauter war, an seinen Vater Ludwig Camerarius nach Prag schreibt. Am 6. August berichtete derselbe: »Bei uns steht [66] noch alles gut; beim Feinde dagegen herrscht grosser Mangel«, und am 21. August: »Der Zustand ist noch derselbe, doch beginnt in der Stadt die Sterblichkeit«. Auch in den Ratsverlässen ist nirgends erwähnt, dass im schwedischen Lager Not herrsche; erst am 24. August wird beschlossen, dem König vorzutragen, dass der Vorrat an Mehl nunmehr ganz aufgezehrt und es daher unmöglich sei, wie bisher 100 Simra zur Verproviantierung der königlichen Armee zu liefern.

Anders jedoch wie im schwedischen Lager sah es in der Stadt aus. Wohl hatte man Getreide in Menge aufgespeichert, die Müller mussten so viel Mehl liefern, als ihnen nur möglich war, wo es anging, wurden neue Mahlgänge eingerichtet, in allen Häusern und auf öffentlichen Plätzen waren Handmühlen in Verwendung; es gab nach der Imhofischen Chronik 138 Bäckerhäuser. Es durften aus der Stadt, wie bereits erwähnt, keine Lebensmittel verkauft werden; aller Luxus bei Hochzeiten, das Zechen in den Wirtshäusern war strenge untersagt.

Und doch kam es schon Mitte Juli vor, dass mancher in drei Tagen keinen Bissen Brot ass, und anfangs August melden übereinstimmend Chroniken und Ratsverlässe, dass täglich auf der Gasse Leute gefunden wurden, die vor Hunger verschmachtet waren. Die Müller und Bäcker konnten eben beim besten Willen die Bewohnerschaft Nürnbergs, die ausser der gewöhnlichen Bevölkerung von 40 000 noch Tausende von Fremden beherbergte, nicht genügend mit Mehl und Brot versorgen. Überdies wurde den Bäckern von Bürgern, Bauern und Soldaten das Brot mit Gewalt weggenommen, und viele Müller auf dem Lande von den schwedischen Offizieren gezwungen, für die Armee abzumahlen und nicht, wie der Rat befohlen hatte, für die Stadt. Dazu trat eine immer wachsende Teuerung, nicht zum wenigstens hervorgerufen durch den Aufschlag auf Lebensmittel und den Eigennutz einzelner, die Getreide in grosser Menge einkauften, um eine Preissteigerung hervorzurufen. So mussten die schwedischen Offiziere für ein Simra Hafer 17 Thaler bezahlen, und von den Wirten heisst es in einem Ratsverlasse, »dass sie fast insgemein ganz unbillig mit den frembden Gästen umbgehen und nur für eine blose Mahlzeit drei oder mehr Gulden sich reichen lassen«.

[67] Der Rat setzte nun am 30. Juli als Taxe für ein Simra Weizen, Hafer, Gerste und Hirse je 15 fl., für ein Simra Korn oder Erbsen je 12 fl., für Dinkel 11 fl., für Linsen und Wicken je 10 fl. fest und machte auch den Wirten einen bestimmten Preis. Da aber nun viele ihr Getreide nicht verkaufen wollten, in der Erwartung, dasselbe würde im Preise steigen, liess der Rat eine Getreidevisitation vornehmen und zwang diejenigen, welche ihren Vorrat zurückbehielten, von ihrem Überfluss abzugeben.

Schlecht sah es mit der öffentlichen Reinlichkeit aus. Trotzdem die Bauern und Wirte vom Anfang an den bestimmten Befehl hatten, das verendete Vieh und den Mist an bequeme Orte ausserhalb der Stadt zu führen, trotzdem die Mistmeister wiederholt aufgefordert wurden, die Wirte und Bauern anzuhalten, »solchen Unlust ohnverzüglich aus der Statt und über die Schanzen hinauszuführen«, wurden die Miststätten immer zahlreicher und grösser, und allenthalben traf man auf verendetes Vieh. Die Hauptschuld lag bei den Bauern, die durch den »Unlust« offenbar wenig belästigt waren. Auch Todkranke, sogar Leichname fand man immer wieder auf den Gassen zum grossen Missfallen des Rates, der sich bitter beklagte, »dass die mehrmaln ergangene scharpfe Erläss und Decreta so gar nicht in schuldige Observanz und Obacht genommen, dass vielmehr denenselben schnurstrackhs zu entgegen zu gemeiner Statt eusserster und höchster Gefahr gehandelt werde«.

Kein Wunder denn, dass schon gegen Ende Juli Spital und Lazaret überfüllt waren, weshalb ein Anbau hergestellt werden musste; dass der Tod gerade aus der ärmeren Klasse viele Opfer forderte, die man zu fünf oder sechs auf einen Wagen legte, mit einem grossen Leichentuche zudeckte und »uno actu« zu Grabe führte.

III.
Der Kampf bei der Alten Veste. Abzug der schwedischen und kaiserlichen Armee.

Ende August war gekommen und eine Entscheidung noch immer nicht erfolgt. Täglich kamen zwar Scharmützel zwischen den kaiserlichen und schwedischen Reitern vor, die beiderseits [68] auf Fouragierung und Verproviantierung ausritten; allein sie waren für das Ganze von untergeordneter Bedeutung. Alle Welt, Freund und Feind, wunderte sich, dass der entscheidende Kampf nicht erfolgte, dass besonders Wallenstein nicht zum Angriff schritte, der doch der Stärkere war. Auch im kurbayerischen Lager schien man beständig auf einen solchen gefasst zu sein. Schon am 16. Juli schrieb Graf Wolkenstein nach Salzburg an den Fürsten von Hohenzollern, des heiligen römischen Reiches Erbkämmerer und kaiserlichen Rat, »es sei die Resolution genommen, es in Gottes Namen mit ihme zu wagen«; dann wieder am 27. Juli: »tandem aliquando sei die Resolution genommen, welche den Feind zum Aufbruch nötigen oder doch den Anfang eines rechten Krieges machen soll« und am 21. August: »wann gleich die Conjunction nicht zuverhindern, so bleibt man doch bestendig resolvirt, dem Feind die Schlacht zu liefern«. Auch Joachim Camerarius, Gustav Adolfs Vertrauter, gibt in seinen Berichten seiner Verwunderung über die Unthätigkeit Wallensteins immer wieder Ausdruck und erwartet, nachdem dieser auch die Vereinigung der königlichen Armee und der schwedischen Hilfsvölker nicht verhindert hatte, mit Zuversicht, dass Gott ihn bald gänzlich mit Verwirrung strafen werde. Wallenstein aber sass ruhig in seinem Zelte. Er wusste, dass ihm ein Bundesgenosse zu Hilfe kommen würde, gegen den alle menschliche Macht und Klugheit nichts ausrichten könnte.

Nunmehr aber musste die Entscheidung erfolgen; denn der König war entschlossen zum Kampfe, auf den ganz Deutschland, ja ganz Europa mit Bangen und Hoffnung harrte. Denn schon begannen auch im Lager Hunger und Krankheiten zu wüten, die Pferde wurden immer elender und verendeten in grosser Zahl. Von allen Seiten zogen sich die schwedischen Streitkräfte zusammen, welche der König zu sich nach Nürnberg befohlen hatte.

Am 20. August war General-Rendez-vous der schwedischen, hessischen, weimarischen und kurhessischen Völker bei Windsheim. Die verschiedenen Heerhaufen, welche die Herzoge Bernhard und Wilhelm von Weimar, der schwedische Reichskanzler Oxenstjerna, der Pfalzgraf Christian von Birkenfeld und [69] der Landgraf Wilhelm von Hessen hier zusammengeführt hatten, besassen eine Stärke von etwa 34 000 Mann. Diese marschierten von Windsheim über Neustadt, Emskirchen und Herzogenaurach nach Bruck bei Erlangen. Von da brachen sie am Dienstag, den 31. August, nach Fürth auf, wo 1000 Kaiserliche lagen, die nun aus diesem Orte vertrieben wurden, und marschierten dann bis Kleinreuth, wo sie sich mit der königlichen Armee verbanden. Die kaiserlich-kurbayerische Armee und die schwedische waren nun annähernd gleich stark, sie zählten beide ungefähr 50–60 000 Mann.

Noch an demselben Tage rückte Gustav Adolf auf das rechte Rednitzufer vor und zeigte sich vor dem Feinde in voller Schlachtordnung; doch dieser liess sich in keinen Kampf verwickeln. In der Nacht vom 31. August bis 1. September liess nun der König bei Gebersdorf in der Nähe von Stein auf der Höhe 3 Batterien errichten und mit 18 Stücken schweren Geschützes das feindliche Lager beschiessen, während zu gleicher Zeit das Fussvolk aus den Häusern von Gebersdorf ein lebhaftes Kleingewehrfeuer unterhielt. Doch nur eine schwache Antwort kam von den Friedländischen Wällen. Der König änderte nun seinen Plan. Er führte seine Armee unterhalb des Lagers über die Rednitz und konzentrierte sie mehr um Fürth, wo sich jetzt das Hauptquartier befand. Hier gedachte er, dem Feinde den Rang abzulaufen. Nur wenige Truppen blieben zur Deckung des Lagers und zum Schutze der Stadt Nürnberg zurück.

Am Abend des 2. September brachten Kundschafter die Nachricht ins schwedische Lager, der Feind sei auf dem Rückzuge und habe nur einige Regimenter zurückgelassen; in Wirklichkeit hatte derselbe nur seine Quartiere etwas geändert. Daraufhin rückte die königliche Armee am 3. September dicht unter die feindlichen Werke, wurde aber alsbald von einem feindlichen Kugelregen empfangen, und es kam zu einem so hitzigen Gefechte, wie es nur wenige gegeben hat. So mag jene falsche Kunde den König bewogen haben, etwas früher gegen die feindlichen Linien vorzurücken; der Plan jedoch, die Alte Veste zu stürmen, entstand sicherlich nicht erst jetzt, sondern stand nach den ersten missglückten Versuchen, den Feind aus seinen Verschanzungen herauszulocken, fest. Gelang es, die [70] beherrschende Stellung auf der Höhe zu erobern, so war das kaiserliche Lager nicht mehr haltbar.

Freiherr von Soden berichtet in seinem Werke, »dass zwei besonders verschreite Landesverräther«, Hans Körbel und Georg Schöser, trotzdem der damalige Pfarrer zu Fürth, Johann Ising, eindringlich vor ihnen gewarnt hätte, dem König einen falschen Weg gewiesen hätten; und er entnimmt diese Erzählung aus einer damals erschienenen Flugschrift, die er übrigens selbst als unbedeutend bezeichnet. Nun aber erwähnen hievon weder Abelin im Theatrum Europaeum, noch der im ganzen recht zuverlässige Geschichtschreiber Bogislav Chemnitz und andere das Geringste; auch Joachim Camerarius, der einen ausführlichen Bericht über die Schlacht nach Prag abgehen lässt, schweigt hievon. Sie wird daher wohl zu jenen Nachrichten gehören, die erfinderische Leute, welche es mit der Wahrheit nicht genau nehmen, aushecken.

Die Linie des schwedischen Heeres ging von der Dambacher Brücke bis Oberfürberg. Im Vordertreffen waren die Kerntruppen der schwedischen Infanterie, im Mitteltreffen die sächsischen Regimenter, Infanterie und Kavallerie, im Hintertreffen Schotten und deutsche Regimenter durcheinander; die Nachhut bildeten verschiedene deutsche Regimenter. Die Flügel waren vorzugsweise von Reitern und Pikenieren gebildet, zwischen denen Artillerie und Musketiere eingeschaltet waren. Der Kern der Kavallerie, die schwedischen und finnischen Reiterregimenter, hatten den Ehrenplatz im Vordertreffen des linken Flügels. Das Kommando auf dem linken Flügel führte der König, auf dem rechten der Herzog Bernhard von Weimar. Der König liess die Truppen auf einem Weg marschieren, der vor Fürberg auf der nördlichen Seite der Alten Veste durchs Holz gerade auf die Höhe führt. Auf der südlichen Seite hatten die Kroaten einen Weg durchs Holz gehauen, auf dem sie unter dem Schutze der Batterien unvermutet das schwedische Lager in der Flanke angreifen konnten.

Die Alte Veste, wie die gegen die Rednitz sich herabziehende Höhenstrecke waren mit Redouten und schwerem Geschütze reichlich versehen; der Wald war vielfach gefällt und mit dichten Verhauen und Pallisaden geschützt. 8000 Mann waren zur Deckung der Alten Veste kommandiert und wurden [71] nach 2 Stunden immer wieder von frischen Truppen abgelöst. Die schwere Kavallerie befand sich im Bibertthal, des Einhauens gewärtig. Oben aber thronte Wallenstein ruhig und sicher wie ein Gott und erteilte überallhin seine Befehle.

Die erste Kolonne von 500 deutschen Fusssoldaten führte der Oberst Burt vom weissen Regiment zum Sturm. Aber von einem mörderischen Kugelregen empfangen, wich sie zerschossen und in völliger Auflösung zurück; Oberst Burt selbst wurde, verwundet, vom Kampfplatze getragen. Nun stürmte Erich-Hand mit seinen Schweden und Finnen heran, aber auch diese wichen zurück, und Erich-Hand geriet, mit dem Tode ringend, in Gefangenschaft. So folgte Kolonne um Kolonne, bis alle Regimenter nach und nach zum Sturm geführt waren, manches sogar sechs-, sieben- oder achtmal. Der Berg war ganz in Rauch und Dampf gehüllt und verbreitete ringsum Tod und Verderben.

Während hier der Kampf immer heftiger tobte, drangen plötzlich auf dem Wege, den sie selbst durch das Holz gehauen hatten, die Kroaten hervor und brachten dem blauen Regiment des Königs solche Verluste bei, dass es völlig aufgerieben wurde. Gleichzeitig wütete bei Dambach ein äusserst hitziger Reiterkampf. Immer wieder drang die kaiserliche Reiterei vor und stets aufs neue wurde sie zurückgeworfen, bis endlich Graf Fugger bis zum Dambacher Wäldchen gelangte, wohin der König in der Zwischenzeit eine starke Abteilung Musketiere zum Empfang der feindlichen Reiter postiert hatte, sein Wagnis aber mit dem Leben bezahlte.

Erst mit Einbruch der Dunkelheit hörte der Kampf auf. So tapfer und kühn auch die Schweden stürmten, die Höhe war uneinnehmbar. Wohl eroberte Bernhard von Weimar einen Posten auf der Höhe, der Alten Veste gegenüber, wahrscheinlich unmittelbar jenseits der Steinbrüche, die gegen den nach Zirndorf gelegenen Waldsaum sich befinden. Aber da die schweren Geschütze unter dem feindlichen Feuer und wegen des starken Regens, der über Nacht gefallen war, nicht hinaufgeschafft werden konnten, war diese Eroberung wertlos. Der König sah ein, dass eine Fortsetzung des Kampfes nichts nützen würde, und zog sich am Vormittag des nächsten Tages ganz [72] vom Berge zurück; bei diesem Rückzuge geriet der General der Artillerie, der nachmals so berühmte Torstenson, in die Hände des Feindes. Umsonst hatte der König über 2000 seiner Krieger in den Tod geführt, umsonst sein eigenes Leben in die Schanze geschlagen. Was half es, dass auch der Feind schwere Verluste erlitten hatte? Der Tag war für den König verloren.

Noch schwerer aber als die Schlappe, welche Gustav Adolf im Felde erlitten hatte, wog die moralische Niederlage.

Triumphierend berichtete Wallenstein an den Kaiser: »Der Schwedenkönig hat sein Volk uber die Massen discoragirt, dass er sie so hazardosamente angeführt, dass sie in fürfallenden Occasionen ihm desto weniger trauen werden, und ob zwar E. M. Volk Valor und Coraja zuvor uberflüssig hat, so hat doch diese Occasion sie mehr assecurirt, indem sie gesehen, wie der König, so alle seine Macht zusammenbracht, rebutirt ist worden, das das Predicat invictissime nicht ihm, sondern E. M. gebührt«.

Nachdem Wallenstein den Sturm der Schweden aufs Lager glänzend abgeschlagen hatte, sah der König ein, dass ein zweiter Versuch auch an einer andern Stelle wenig nützen würde, und damit war seines Bleibens bei Nürnberg nicht mehr. Denn war auch im kaiserlich-bayerischen Lager der Mangel an Lebensmitteln täglich fühlbarer geworden, waren auch dort Krankheiten aller Art eingerissen und die Sterbefälle immer zahlreicher geworden, im schwedischen Lager waren die Zustände ungleich trauriger. Wohl hatte der Rat nach der Ankunft der schwedischen Hilfsvölker auf die wiederholte Drohung des schwedischen Reichskanzlers, »May. würde unumgänglich getrungen, in zweien Tagen hinweg zu gehen und dero Statt zu dero äussersten Ruin zuverlassen«, sich zur täglichen Lieferung von 50 000 Pfd. Brot verstanden, dem König ausserdem 100 Sra. Hafer und die Aufnahme und Verpflegung der kranken und verwundeten schwedischen Soldaten zugesagt, deren Zahl bald 1500 betrug. Aber der Rat hatte mehr versprochen, als er zu leisten vermochte. Trotzdem er bei Bürgern, Inwohnern und Schutzverwandten eine Getreidevisitation vornehmen liess und befahl, dass dieselben ihren Getreidevorrat »bei Verlust respective [73] des Bürgerrechts, Schutz und Inwohnung, auch Confiscation des Getraids« angeben sollten, trotzdem er an die Müller die strengste Weisung ergehen liess, soviel Getreide abmahlen zu lassen, als nur möglich sei, Bauern und Unterthanen an den Handmühlen arbeiten mussten und bei der Bürgerschaft eine Brotsammlung vorgenommen wurde: er konnte doch nur statt der verheissenen 50 000 Pfd. Brot 30 000 liefern.

Die Fourage war noch spärlicher. Die Pferde fielen in Menge um und blieben tot liegen. Von 16 000 Reitern waren zuletzt nur mehr 4000 vorhanden. Ein unausstehlicher Gestank herrschte im Lager, Hunderte verschmachteten vor Hunger, andere starben an der Seuche dahin, welche immer mehr um sich griff. Eine Besserung war aber nicht zu erwarten; vielmehr war mit Sicherheit vorauszusehen, dass es nur noch schlimmer würde. Nun konnte der König auch auf seine Offiziere und Soldaten nicht mehr wie früher rechnen; er musste, wie er selbst bekannte, fast jedes Wort auf die Wagschale legen.

Und wie sah es erst in Nürnberg aus, auf welches der König angewiesen war! Hunger und Krankheiten rafften täglich viele dahin; die Miststätten waren an manchen Stellen so angefüllt, dass man vor Ekel nicht vorübergehen konnte; totes Vieh lag um die Stadt und auf den Gassen; hin und wieder stiess man auf Leichname, welche zwei oder drei Tage liegen geblieben waren. Bei der Karthause fand man sogar drei Tote, die von den Schweinen angefressen waren.

Schlimmer war es mit den Bürgerwachen bestellt. In einem Berichte an den Fürsten von Hohenzollern in Salzburg, welcher nach der Schlacht bei der alten Veste abging, spottete der kaiserliche Rat Rampeck: »Das alte Lager ist von der Nürnberger Bürgerschaft besetzt. Die halten so gute Wache, dass die Weiber aus unserem Leger bis in die Gärten vor die Stadt schleichen und allerhand Kreitelwerch herüberbringen; sein auch gar erwünschte Leut für die Croaten, so bis ganz an die Stadt anreuten und teglich Gefangene und gute leute mit bringen, wie sie dann nechstmal Frauenzimmer und bei ihnen ansehnlichen Geschmuck bekommen«. Dass der kaiserliche Rat wohl kaum übertrieben hat, das können wir entnehmen aus [74] einer Klage des Nürnberger Rates vor der Schlacht bei der Alten Veste. »Die Burgerwachten«, heisst es in einem Ratsverlasse, »sind dermassen übel bestellet, dass nicht allein die Rohr mehrentheil ganz ungeladen, auch zu mehrmaln uff der ganzen Wach nicht einig prenend Lunden zu finden, welches dann nicht allein sehr schimpflich und verächtlich, sondern auch leichtlich zu anderer Ungelegenheit ausschlagen könnte«. In den Zwingern konnten Fremde und Einheimische ungehindert herumgehen, die Büchsenmeister waren selten bei ihren Geschützen zu finden. Unter diesen Umständen fasste Gustav Adolf den Entschluss, abzuziehen und nur eine Garnison von ein paar tausend Mann zurückzulassen, und liess hievon durch seinen Sekretär Schwallenberg und durch den Nürnberger Abgesandten Burkhard Löffelholz dem Rate Mitteilung machen.

Der Rat war äusserst betroffen; er wollte und konnte sich mit diesem Gedanken nicht vertraut machen, obwohl er einsah, dass nach Lage der Dinge ein anderer Weg wohl nicht möglich war. Unverzüglich wurde Burkhard Löffelholz beauftragt, mit dem Sekretär Schwallenberg »in das Lager zu reuten, umb zu penetrirn, ob die kgl. Mayt. zue Schweden noch uff voriger Meinung beruhe oder seithero eine andere und hiesiger Statt vorträglichere Resolution gefunden«. Die Hochgelehrten und Kriegsräte wurden angegangen, sich sofort gutachtlich zu äussern, hatten aber »diese Sache, weiln sich’s verhoffentlich endern mögte, beim Aid in höchster Geheimb und Verschwigenheit zuhalten«.

Allein so ausführlich und gewissenhaft auch jedes einzelne Gutachten abgefasst war, darüber kam man nicht hinaus, dass unter den obwaltenden Verhältnissen Gustav Adolf einen anderen Entschluss wohl nicht fassen könne. Allgemein wurde aber auch die Befürchtung ausgesprochen, es würde dann »bei dem meistenteils zum Fechten ganz untüchtigen Volk« Nürnberg dem Feinde in die Hände fallen und ein Schicksal wie Magdeburg erfahren; sowie dass es gar leicht »zu einem Ufflauf und Ausspolirung der fürnehmen Heuser, bevorab von dem Pöfel« kommen könnte. Viel wichtiger als die Gutachten war dem Rate der Bericht der beiden Abgesandten, welcher gar wenig tröstlich klang. Gustav Adolf beharrte fest auf seinem Vorhaben; [75] zur Beruhigung in gewisser Beziehung mochte nur dienen, dass der König die Zustände im kaiserlichen Lager als sehr schlimm schilderte und versprach, eine Garnison von 4400 Mann zurückzulassen, sich selber aber nicht weit von Nürnberg zu entfernen.

Auch eine Audienz beim Reichskanzler Oxenstjerna hatte keinen Erfolg. Dieser erklärte zwar, der König würde bleiben, wenn man ihm 180 000 Thaler zur Befriedigung seiner Soldaten und Offiziere vorstrecke und ausserdem täglich 50 000 Pfund Brot ins Lager liefere. Aber ein solcher Vorschlag hatte thatsächlich keinen Wert; denn der Rat konnte beim besten Willen solches nicht leisten.

Noch einmal flammte die Hoffnung auf, als der Generalmajor von Schlammersdorf dem Rate mitteilte, Gustav Adolf würde sich noch länger bei Nürnberg aufhalten »und vermittelst des Allerhöchsten Gnaden verhoffentlich einen solchen Straich thun, der zu Gottes Ehren und der ganzen Christenheit zum Besten komen würde«, wenn man ihm täglich mit 40 000 Pfd. Brot und einer gewissen Geldsumme an die Hand gehen wolle. Der Rat beschloss das Äusserste zu thun, um dem König hierin zu willfahren. Die Müller sollten ihre Mühlwerke bei Tag und Nacht gehen lassen, die Pfleger von Lauf und Hersbruck das gemahlene Mehl bei Tag und Nacht hereinschicken, die Bauern und Soldatenjungen das Getreide mit den Handmühlen abmahlen. Auch 45 000 fl. wollte man aufbringen.

Doch es war ein Trugbild. Der König erklärte das Anerbieten des Rates für wertlos.

Am Samstag, den 18. September, verliess Gustav Adolf Nürnberg, bei welchem er 11 Wochen lang gelegen hatte, und brach mit seiner Armee über Neustadt a. d. Aisch nach Windsheim auf. Mit vollem Trommelschlag und Trompetenklang zog er an dem Feinde vorüber; aber weder die Friedländer, noch die Bayern störten die Schweden in ihrem Rückzuge. Fünf Tage nachher brach auch Wallenstein aus seinem Lager auf und marschierte in grosser Eile nach Forchheim.

Noch an demselben Tage, als Gustav Adolf Nürnberg verliess, kamen 4426 Mann Fussvolk, 1 Kompagnie Reiter und 56 Dragoner als Garnison in die Stadt.

[76] Der zwischen dem Rate und dem schwedischen Reichskanzler Oxenstjerna vereinbarte Vertrag lautete seinem wesentlichen Inhalte nach:

1. Der Reichskanzler verspricht, in und bei der Stadt zu bleiben und deren Verteidigung »jederzeit und getreulich« in acht zu nehmen. – 2. Beide Teile haben »mit Handtreu reciproce an Aidsstatt einander zuegesagt und versprochen, absonderlich und ohne des anderen Wissen und Einwilligen mit dem Feind und desselben Zuegethanen nichts zu tractiren, noch andern von ihrentwegen zu gestatten, auch sonst alles andere, was zu gemeiner Statt Defension notwendig und erspriesslich, mit einander insgesambt und communicato consilio freundlich und getreulich zu tractiren und zu schliessen«. – 3. Jeder Fusssoldat und Reiter erhält täglich 1½ Pfd. Brot; die Löhnung fürs Fussvolk beträgt alle 10 Tage 5914 Thaler, die halbe Monatslöhnung der Reiter 412¼ Thaler. Hiezu kommt noch der Servis, bestehend in Bett, Holz, Licht, Essig und Salz; ausserdem erhalten die Reiter jeden Monat 42 Simra Hafer. Ausbedungen sind bequeme Quartiere, wenn nötig auch in den Vorstädten. – 4. Kommt es zu Streit und Thätlichkeiten zwischen Bürgern und Soldaten, so haben die ersteren ihre Klagen beim Rat, die letzteren beim Reichskanzler anzubringen. Soldaten jedoch, welche auf der Strasse Excesse verüben, kann der Rat selber festnehmen lassen. – 5. Nach dem Läuten der Feierglocke darf sich kein Soldat mehr auf der Strasse blicken lassen. – 6. Wenn es zum Kampfe mit dem Feinde kommt, hat der Reichskanzler Oxenstjerna das Oberkommando, und es sind ihm alle Kriegsobersten und Offiziere unbedingten Gehorsam schuldig. Doch werden ihm Kriegsdeputierte beigeordnet, mit denen er alles beratschlägt, was zur Verteidigung der Stadt dient. Dem Kriegsrat und den von der Stadt bestellten Obersten haben alle Soldaten Obedienz zu erweisen. – 7. Der Rat verpflichtet sich, Taxen für die Lebensmittel festzusetzen; er trägt Sorge für Reinhaltung der Strassen, lässt keine Verdächtigen ein und schafft alle unnützen Leute aus, thut überhaupt alles, was zum Heile der Stadt nötig ist. – 8. Wenn die Gefahr vorüber ist, sollen die Soldaten wieder abziehen; »wessen ihre königl. Mayt. mit einem edlen, ehrnvesten [77] Rat der Statt Nürnberg vor diesem sich schriftlich verglichen, das soll gleich wie zuvor also auch noch ferner stet, vest und unverbrüchlich gehalten werden«.

Von der Einquartierung blieben nur die Geistlichen verschont; vorgenommen wurde dieselbe durch die Viertelmeister, denen Provisoner beigegeben waren.

Die Einquartierung ging aber keineswegs glatt von statten. Die Armen wollten keine Soldaten aufnehmen, da sie selbst »weder zu nagen noch zu beissen hätten«; die Reichen hinwiederum beschwerten sich, dass man sie zu sehr belaste. Es wurden für viele gefallene Soldaten Quartiere bereitet, und an deren Stellen kamen die Witwen, die selbstverständlich wieder fortgeschafft wurden. Am 23. September, dem fünften Tage nach dem Einzug der schwedischen Garnison, lagen noch 400 bis 500 Mann auf der Strasse, da sie kein Unterkommen finden konnten. Die Soldaten erwiesen sich auch wenig dankbar für die Aufnahme und Verpflegung in Nürnberg; sie waren eben, wie der schwedische Reichskanzler bekannte, »des Felds gewohnet, also beschaffen, dass sie, ob sie gleich in einer Statt wol accomotirt wären und doppelte Gage hetten, dennoch lieber hin und wider herumb mausen, als also eingesteckt sein wolten«. Doch wurde, als im Oktober die Gefahr für Nürnberg vorüber war, die Garnison bedeutend verringert; es blieb nur mehr das Hastverische und Monroesche Regiment.

Und nun zum Schluss eine kurze Übersicht der Auslagen, welche Nürnberg der Bund mit Schweden nur ein einziges Jahr kostete. Von 106 560 fl., welche Nürnberg nach der Kreisanlage im November 1631 zu entrichten hatte, wurden bis 3. April 1632 71 749 fl. 30 kr. bezahlt, die Extraordinari-Ausgaben fürs eigene und schwedische Kriegsvolk betrugen vom 15. November 1631 bis September 1632 869 891 fl. 23¾ kr., 150 000 fl. wurden für die königlichen Schenkungen bezahlt; dazu kamen weitere 150 000 fl., welche dem König im August 1632 vorgestreckt wurden. Unberechenbar war der Schaden, den Bürger und Unterthanen infolge der Kriegsdrangsale erlitten hatten. Hunderte waren im Juli, August und September 1632 dahingestorben; überall, in Stadt und Land, herrschte Not und Elend.

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Quellen.

Ausser der einschlägigen Literatur wurden an Archivalien und Handschriften benutzt die Ratsverlässe und Verlässe der Herrn Ältern, die Schwedischen Kriegsakten Bd. 17 und 18, die Spezialakten des dreissigjährigen Kriegs, die Leublfingsche und Imhofische Chronik im kgl. Kreisarchiv Nürnberg, das Protokoll der Kriegsstube vom Jahre 1632 im städtischen Archiv und die Volckamerische Chronik (Amb. 523. 4°) und die »Beschreibung der Stadt Nürnberg Geschichten, die sich im 17. Seculo ereignet« (Amb 77. 2°) in der Stadtbibliothek, sowie die Schwedischen Kriegsakten, Bd. 191, 213, 214 und Fasc. 21 und 23, im kgl. allg. Reichsarchiv zu München.

Anmerkungen der Vorlage

  1. Sämtliche Monatsdaten sind nach dem gregorianischen Kalender angegeben.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: uud