Hetärengespräche

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Textdaten
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Autor: Lukian von Samosata
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Titel: Hetärengespräche
Untertitel:
aus: Lucian’s Werke, übersetzt von August Friedrich Pauly, Dreizehntes Bändchen, Seite 1565–1613
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum: 2. Jahrhundert
Erscheinungsdatum: 1831
Verlag: J. B. Metzler
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Erscheinungsort: Stuttgart
Übersetzer: August Friedrich Pauly
Originaltitel: Ἑταιρικοὶ Διάλογοι
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
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[1565]
Hetären-Gespräche.
1. Glycera und Thais.

1. Glycera. Erinnerst du dich des Akarnanischen Soldaten, liebe Thais, der früher die Abrotonon bei sich hatte, und sich hernach in mich verliebte? Weißt du noch? Ich meine Den in dem prächtigen Reitermantel mit der purpurnen Besetzung?

Thais. Ich erinnere mich seiner sehr wohl, Glycerchen: er hat voriges Jahr am Ceresfeste mit uns einen lustigen Abend zugebracht. Aber was ists mit Dem? Du hast Etwas von ihm zu erzählen, wie es scheint.

Glycera. Gorgona, die Schändliche, die ich für meine Freundin hielt, hat sich in seine Gunst eingeschlichen und ihn mir abspänstig gemacht.

Thais. Wie, und nun besucht er dich gar nicht mehr, und Gorgona ist jetzt seine Gesellschafterin?

Glycera. So ist es: wie nahe mir Das geht, kannst du glauben, liebe Thais.

Thais. Schlimm, in der That, Glycerchen; aber unerwartet ist die Sache eben nicht: dergleichen ist etwas Gewöhnliches unter uns Hetären. Du darfst dich also nicht [1566] zu sehr grämen, noch auch über Gorgonen so sehr aufgebracht seyn. Ist ja auch Abrotonon dir damals nicht gram worden, wiewohl ihr früher immer gute Freundinnen gewesen waret.

2. Nur darüber muß ich mich wundern, was der Kriegsmann Schönes an dieser Gorgona finden konnte! Er muß blind gewesen seyn, um nicht zu sehen, daß sie halb kahl ist, und daß sie bleifarbene, abgestorbene Lippen, eine lange Nase und einen magern Hals hat, an welchem alle Adern hervortreten. Das Einzige muß man gelten lassen, sie ist schlank gewachsen, hat eine gute Haltung und etwas besonders Verführerisches in ihrem Lächeln.

Glycera. Glaubst du denn, Thais, der Akarnanier sey durch ihre Reize gefangen? Weißt du denn nicht, daß ihre Mutter, die Chrysarion, eine Hexe ist, daß sie gewisse Thessalische Sprüche weiß, und den Mond auf die Erde herabzaubern kann? Man behauptet sogar, sie fliege bei Nacht. Die hat dem Menschen ein Tränklein gegeben, und ihn verrückt gemacht, und nun beeren sie ihn bis auf den Kamm ab.[1]

Thais. Nun so beere du einen Andern ab, liebes Glycerchen, und laß Diesen laufen.


2. Myrtion, Pamphilus, Doris.

1. Myrtion. Du heirathest also des Schiffsherrn Phido Tochter, Pamphilus, oder vielmehr du hast sie schon [1567] geheirathet, wie ich höre, und alle die tausend Schwüre, die du mir geschworen, die Thränen, die du geweint hast, sind in einem Augenblicke verwischt, deine Myrtion ist vergessen, und das jetzt, da ich schon im achten Monate von dir schwanger gehe? Das ists also, womit mir meine Liebe bezahlt wird, dieser dicke Leib und die Hoffnung, nächstens ein Kind aufziehen zu dürfen, das beschwerlichste Geschäft für eine Hetäre? Aber ich werde mein Kind nicht aussetzen, am wenigsten, wenn es ein Knäbchen seyn wird: dann soll es Pamphilus heißen und der einzige Trost in meiner unglücklichen Liebe seyn. Es soll einst zu dir gehen und dir Vorwürfe machen, daß du so treulos an seiner armen Mutter gehandelt hast. Und das Mädchen, das du heirathest, ist ja nicht einmal schön! Ich sah sie unlängst mit ihrer Mutter beim Thesmophorienfeste, als ich noch nicht wußte, daß ich um ihrer willen meinen Pamphilus nicht mehr sehen soll. Betrachte sie nur erst recht, sieh ihr Gesicht an und ihre Augen, damit es dich hinterher nicht verdrieße, daß die letzteren wasserblau sind und gegen einander schielen. Doch du hast ja den Phido, den Vater deiner Braut, gesehen: du kennst dieses Gesicht, und es wäre nun überflüssig, das der Tochter näher zu beschauen.

2. Pamphilus. Was schwatzest du mir da für närrisches Zeug vor, Myrtion, von Brautschaften und Schifferstöchtern? Ich weiß von keiner Braut, weder von einer schielenden, noch einer schönen. Auch weiß ich nicht, ob Phido von Alopekä (denn Der ist es doch wohl, von dem du sprichst) eine mannbare Tochter hat oder nicht. Nur Das weiß ich, daß er und mein Vater nichts weniger als gute [1568] Freunde sind. Sie hatten vor einiger Zeit einen Proceß miteinander in einer Schiffersache. Phido war, wenn ich nicht irre, meinem Vater ein Talent schuldig und wollte nicht zahlen. Da belangte ihn mein Vater vor dem Schiffergericht, und brachte es mit harter Mühe dahin, daß er endlich zahlte, wiewohl nicht Alles, wie mein Vater sagte. Wenn ich also auch wirklich heirathen wollte, glaubst du wohl, ich würde des Schiffers Phido Tochter nehmen, und nicht lieber die des Demeas, der voriges Jahr Stratege gewesen, und die noch überdieß mein Bäschen ist? Von Wem hast du denn Das gehört, Myrtion? Oder ist es deine Eifersucht, welche dir mit immer neuen Hirngespensten zu schaffen macht?

3. Myrtion. Wie, Pamphilus? Du heirathest also nicht?

Pamphilus. Liebe Myrtion, entweder bist du vom Verstande gekommen, oder der Wein spricht aus dir: doch wüßte ich nicht, daß wir uns diese Nacht betrunken hätten.

Myrtion. Nein, die Doris hier hat mich so geängstigt. Ich hatte sie ausgeschickt, baumwollene Zeuge einzukaufen, und für meine bevorstehende Niederkunft der Lucina ein Gelübde zu thun. Da wäre ihr, erzählte sie, die Lesbia begegnet – doch Doris soll es dir selbst erzählen, wenn sie anders das Ganze nicht erdichtet hat.

Doris. Ich will mich todtschlagen lassen, Frau, wenn ich das Mindeste gelogen habe. Eben ging ich am Prytaneum vorüber, als mir die Lesbia begegnete und mir mit spöttischem Lächeln sagte: „Pamphilus, euer Liebhaber, heirathet [1569] Phido’s Tochter;“ und wenn ich’s nicht glauben wollte, setzte sie hinzu, sollte ich nur in euer Gäßchen hineinsehen, dort sey Alles mit Kränzen behangen, und Flötenspielerinnen und ein Gedränge von Menschen, und eben werde der Brautgesang gesungen.

Pamphilus. Und nun hast du wirklich hineingesehen, Doris?

Doris. Das hab’ ich, und es war so, wie sie sagte.

4. Pamphilus. Ha! Nun verstehe ich den Irrthum. Lesbia hat dich gewissermaßen nicht belogen, und du hast Myrtion die Wahrheit gesagt: gleichwohl habt ihr euch vergeblich bekümmert. Die Hochzeit war nicht bei mir. Jetzt erst erinnere ich mich, daß meine Mutter gestern, als ich von euch nach Hause kam, zu mir sagte: „Siehst du, Pamphilus, unseres Nachbars Aristänetus Sohn, Charmides, der so alt ist als du, macht jetzt Hochzeit, und wird ein gesetzter Mann: und du, wie lange willst du es noch mit einer Hetäre halten?“ Dieß hörte ich so mit halbem Ohr an und schlief drüber ein. Morgens in aller Frühe ging ich aus, und so sah ich nichts von Allem, was hernach Doris dort gesehen hat. Wenn du mir nicht glauben willst, Doris, so gehe noch einmal hin; aber statt blos in die Gasse hineinzugaffen, sieh nach, über welcher von beiden Hausthüren die Kränze hängen, und du wirst finden, daß es des Nachbars Thüre ist.

Myrtion. Du hast mir das Leben wieder geschenkt, Pamphilus: denn ich hätte mich erhenkt, wenn mir so Etwas widerfahren wäre.

[1570] Pamphilus. Das wird nie geschehen. Nie werde ich so thöricht seyn, meine Myrtion zu vergessen, am wenigsten jetzt, wo sie Mutter zu werden verspricht.


3. Philinna und ihre Mutter.

1. Mutter. Bist du eine Närrin geworden, Philinna, oder was ist dich angekommen, bei dem gestrigen Schmause dich so zu betragen? Diphilus kam diesen Morgen zu mir und erzählte mir unter Thränen, welche Begegnung er von dir erfahren, Du hättest dich betrunken und hierauf vor der ganzen Gesellschaft Tanzsprünge gemacht, wiewohl er dich zurückhalten wollte: darauf küßtest du den Lamprias, seinen Cameraden, und als Diphilus darüber böse wurde, kehrtest du ihm den Rücken, und liefst auf Lamprias zu, und umarmtest ihn sogar. Fast erstickt hätte ihn der Verdruß, wie er mir sagte. Und des Nachts wolltest du nicht bei ihm schlafen, so viel er bitten mochte, sondern legtest dich, ohne an seine Thränen dich zu kehren, ganz allein auf das nächste Ruhebettchen, und sangst lustige Liedchen, nur um ihn zu kränken.

2. Philinna. Aber was er mir gethan, das hat er dir nicht erzählt, Mutter. Du würdest sonst gewiß nicht dem unverschämten Menschen das Wort reden, der mich sitzen ließ, um sich mit der Thais, der Hetäre des Lamprias, ehe dieser zugegen war, zu unterhalten. Wie er sah, daß mich dieß verdroß und daß ich ihm Winke gab, kriegte er die Thais beim Ohre zu packen, drückte ihr den Kopf zurück und küßte sie so herzhaft ab, daß ich glaubte, er werde seine Lippen gar nicht wieder wegbringen. Ich weinte; er aber lachte, und sagte der Thais einmal um das andere Etwas [1571] ins Ohr, versteht sich über mich: denn jedesmal lächelte sie und sah mich an. Als sie den Lamprias kommen hörten und sich satt geküßt hatten, ließen wir uns zu Tische nieder und ich nahm nichts desto weniger einen Platz an des Diphilus Seite, um ihm auf keine Weise einen Vorwand zu Beleidigungen zu geben. Nach einiger Zeit erhob sich Thais, schürzte ihr Gewand bis über die Knöchel auf, als ob sie allein ein hübsches Bein hätte, und tanzte. Wie sie aufgehört hatte, blieb Lamprias still und sagte kein Wort. Diphilus aber erschöpfte sich in Lobeserhebungen über die Grazie ihrer Bewegungen, ihre gefällige Haltung, die pünktliche Harmonie ihres Tanzes mit dem Tacte des Saitenspiels, ihre zierlichen Beine, und tausend andere Dinge dieser Art, als ob es gegolten hätte, die Sosandra des Calamis und nicht eine Thais zu loben: und du weißt ja selbst, was an ihr ist, da sie schon mehrmals mit uns im Bade war. Die Thais, wie sie denn gleich mit ihren spöttischen Bemerkungen gegen mich bei der Hand ist, rief jetzt: „Wohlan denn, Wer sich nicht seiner dünnen Beine zu schämen hat, aufgestanden und getanzt!“ Was konnte ich da sagen, liebe Mutter? Ich erhob mich also und tanzte. Anderes konnte ich Nichts thun. Oder sollte ich geduldig sitzen bleiben und dadurch der Spötterin Recht geben? Sollte ich mir gefallen lassen, daß Thais die Königin des Festes machte?[2]

3. Mutter. Etwas zu eifersüchtig, Töchterchen! Du hättest dich gar nicht darum bekümmern sollen. Nun – wie ging es denn weiter?

[1572] Philinna. Sie lobten Alle mein Tanzen, nur Diphilus legte sich rückwärts auf sein Polster, und sah gleichgültig an die Decke des Saales hinauf, bis ich endlich müde ward und aufhörte.

Mutter. Aber daß du den Lamprias küßtest, daß du dich von Diphilus wegmachtest und Jenen zärtlich umarmtest, hat es damit seine Richtigkeit? – Du schweigst? – Das ist dir doch nicht zu verzeihen.

Philinna. Ich wollte ihn nur wieder ärgern.

Mutter. Und daß du auch nachher nicht zu ihm gingst, sondern sangst, während er bat und weinte? Bedenkst du denn nicht, meine Tochter, daß wir bettelarm sind, und hast du schon vergessen, was du Alles von ihm erhalten, und was für einen harten Winter wir hätten zubringen müssen, wenn uns nicht Venus diesen Freund zugeschickt hätte?

Philinna. Wie? und deßwegen soll ich mich geduldig mißhandeln lassen?

Mutter. Du magst ihm zürnen: nur vergelte ihm nicht Gleiches mit Gleichem. Weißt du denn nicht, daß Verliebte von solchem Muthwillen gemeiniglich bald wieder zurückkommen und sich hernach selbst die bittersten Vorwürfe machen? Du bist immer zu empfindlich und strenge gegen diesen Menschen. Aber nimm dich in Acht, daß es dir nicht nach dem Sprichwort gehe: „Allzu straff gespannte Saiten reißen.“


4. Melitta und Bacchis.

1. Melitta. Wenn du mir irgend ein altes Weib weißt, Bacchis, dergleichen es viele in Thessalien geben soll, [1573] die mit Zauberei umgehen kann und die Kunst versteht, einen jungen Menschen zu nöthigen, auch ein ihm verhaßtes Mädchen zu lieben – gute Bacchis, so thue mir den Gefallen und bringe sie zu mir. Meine besten Kleider und diesen goldenen Schmuck hier will ich gerne darum geben, wenn ich nur die Freude haben werde, den Charinus wieder zu mir zurückkehren und seine Symmiche eben so sehr hassen zu sehen, wie er jetzt mich haßt!

Bacchis. Was sagst du? Charinus hat dich verlassen und lebt jetzt mit der Symmiche? Gute Melitta! und doch hatte er wegen deiner den ganzen Unwillen seiner Aeltern über sich ergehen lassen, als er jenes reiche Mädchen nicht heirathen wollte, welches ihm ganze fünf Talente zugebracht hätte, wie die Leute sagten. Ich erinnere mich, daß du es mir selbst erzähltest.

Melitta. Ach! dieses Alles ist nun vorüber, liebe Bacchis! Heute ist schon der fünfte Tag, daß ich ihn mit keinem Auge mehr gesehen habe. Eben jetzt schmaust er mit Symmiche bei seinem Freunde Pammenes.

2. Bacchis. Ich bedaure dich, gute Melitta. Aber was hat euch denn entzweit? Es muß wohl eben kein unbedeutender Anlaß gewesen seyn.

Melitta. Ich weiß es dir selbst nicht ganz zu sagen. Unlängst kam er vom Piräeus zurück, wohin ihn sein Vater geschickt hatte, ich glaube um eine Schuld einzutreiben, und als er ins Haus trat, sah er mich gar nicht an, sondern da ich wie gewöhnlich ihm entgegen lief und ihn umarmen wollte, stieß er mich von sich und sagte: „Geh zu deinem Schiffsherrn Hermotimus, oder lies, was im Ceramikus an [1574] den Wänden geschrieben steht, wo eure Namen an allen Säulen prangen!“ „Wie?“ rief ich, „Hermotimus? zu was für einem Hermotimus? An welchen Säulen?“ Allein vergebens: er antwortete mir nicht, aß keinen Bissen, und kehrte mir, als wir uns niedergelegt hatten, den Rücken zu. Du kannst dir denken, daß ich alles Ersinnliche that, ihn zu begütigen: ich schlang die Arme um ihn, suchte ihn zu mir zu wenden, und küßte ihn, da er sich wegkehrte, auf die Schultern. Aber er war nicht zu erweichen und sagte mir endlich: „Wenn du nicht aufhörst, mich zu belästigen, so gehe ich auf der Stelle fort, wenn es gleich schon Mitternacht ist.“

3. Bacchis. Du kennst aber doch diesen Hermotimus?

Melitta. Glaube mir, Bacchis, ich will noch vielmal unglücklicher seyn, als ich jetzt schon bin, wenn ich einen Schiffsherrn kenne, der Hermotimus heißt! Kurz, Charinus wachte mit dem ersten Hahnenschrei auf, erhob sich und ging aus dem Hause. Weil mir nicht aus dem Sinne kam, daß er von gewissen Säulen im Ceramikus gesprochen hatte, auf welchen mein Name geschrieben stehen sollte, so schickte ich mein Mädchen, die Acis, hin, um nachzusehen. Diese fand weiter nichts, als in der Nähe des Doppelthors, im Hereingehen rechts, an einer Wand die Worte: Melitta liebt den Hermotimus, und gleich darunter: Der Schiffsherr Hermotimus liebt die Melitta.

Bacchis. O über die muthwilligen Jungen! Verstehst du nicht? Diese Worte hat Einer geschrieben, der den Charinus ärgern wollte, weil er seine Eifersucht kannte, und Charinus hat es ohne Weiteres geglaubt. Wüßte ich nur, [1575] wo ich ihn treffen könnte: ich wollte mit ihm sprechen. Er ist noch ein unerfahrenes Kind.

Melitta. Wie könntest du ihn zu sprechen bekommen, da er sich immer einschließt und die Symmiche bei sich hat? Seine Aeltern suchen ihn immer noch bei mir. Nein, lieb Bacchis, wenn ich nur so ein altes Weib, wie ich dir sagte, aufzutreiben wüßte! Die könnte mir das Leben wieder schenken.

4. Bacchis. Je nun, meine liebe, ich kenne eine sehr geschickte Zauberin aus dem Syrerlande, ein noch rüstiges Weib von derbem Aeußeren, die einmal den Phanias, der eben so ohne Ursache auf mich böse war, wie Charinus auf dich, wieder mit mir versöhnte, und das nach ganzen vier Monaten, als ich schon alle Hoffnung aufgegeben hatte: aber ihre kräftigen Hexensprüche brachten ihn unverzüglich wieder zu mir.

Melitta. Und was nahm denn die Alte vor? Erinnerst du dich noch?

Bacchis. Sie verlangt keine große Bezahlung: eine Drachme und ein Brod ist Alles, was man ihr geben muß. Außerdem muß in Bereitschaft seyn etwas Salz, sieben Obolen, Schwefel, eine Fackel, und ein Krug mit gemischtem Wein, den sie allein austrinkt. Auch ist irgend Etwas von dem Manne dazu nöthig, ein Kleidungsstück, oder Schuhe, oder auch einige Haare von ihm, oder sonst Etwas dieser Art.

Melitta. Ich habe Schuhe von ihm.

5. Bacchis. Diese hängt sie an einen Nagel, räuchert sie mit Schwefel ein, wirft auch etwas Salz in die [1576] Gluth, und spricht dazu seinen und deinen Namen. Dann nimmt sie das Zauberrad aus dem Busen hervor, und trillt es unter einer schauerlich klingenden, barbarischen Formel herum, die sie mit geläufiger Zunge heraushaspelt. So hat sie es wenigstens damals gemacht, und wirklich erschien nicht lange darauf mein Phanias, ungeachtet seine Freunde ihn darüber schalten, und die Phöbis, mit welcher er inzwischen lebte, ihn mit den zärtlichsten Bitten zurückzuhalten suchte; allein der Zug des Zaubermittels war stärker: er kam. Außerdem lehrte sie mich noch ein sehr wirksames Mittel, ihm die Phöbis verhaßt zu machen: ich sollte auf ihre Fußstapfen Acht geben, und gleich hinter ihr drein auf die Spur ihres linken Fußes mit meinem rechten treten und sie auslöschen, und so umgekehrt, und dazu die Worte sprechen: Auf dich tret’ ich, und über dir bin ich! Dieß that ich pünktlich, wie sie mir vorgeschrieben hatte.

Melitta. Geschwind also, liebe Bacchis, geschwind! Hole mir die Syrerin herbei! Und du, Acis, hörst du, schaffe das Brod zur Stelle, und den Schwefel, und Alles, was zu dem Zauberwerk nöthig ist!


5. (6). Crobyle und Corinna.

1. Crobyle. Nun, Corinnchen, hast du jetzt gelernt, daß es nichts so Schreckliches ist, wie du dir vorstelltest, aus einer Jungfer eine Frau zu werden? Dafür hast du auch von dem artigen jungen Menschen, der bei dir war, eine ganze Mine[3] zum Geschenk erhalten, weil es das erstemal [1577] war. Nun will ich dir gleich ein schönes Halsband dafür kaufen.

Corinna. Ach ja, Mütterchen! Aber es muß auch recht schöne funkelnde Steine haben wie der Philänis ihres.

Crobyle. Das sollst du haben. Aber nun laß dir auch von mir sagen, was du Alles ins Künftige in deinem Benehmen gegen die Männer zu beobachten hast. Denn ich sehe nun einmal kein anderes Mittel, uns fortzubringen: du weißt ja, liebe Tochter, wie knapp wir diese zwei Jahre her, seit dein seliger Vater todt ist, haben leben müssen. Freilich, so lange der noch lebte, hatten wir Alles genug; er war ein Kupferschmidt, der seines Gleichen suchte, und noch jetzt kannst du die Leute im Piräeus schwören hören bei Allem, was heilig ist: „seit des Philinus Tode haben wir keinen Kupferschmidt mehr!“ Aber als er gestorben war, war das Erste, daß ich die Zangen, den Amboß und den Hammer um zwei Minen verkaufen mußte, und davon lebten wir, so lange es gehen mochte. Darauf suchte ich mit Garnspinnen, Weben und Nähen kümmerlich genug unser bischen Brod zu erwerben, und dich, liebes Töchterchen, zu ernähren: denn auf dich habe ich meine ganze Hoffnung gesetzt.

2. Corinna. Meinst du wegen dieser Mine, Mutter?

Crobyle. Ach nein! Ich dachte mir immer, wenn einmal meine Corinna herangewachsen seyn wird, wird sie mich wieder ernähren, es wird ihr ein leichtes seyn, sich Geld zu verdienen, so viel sie will, sich prächtig zu putzen und in [1578] kostbare Stoffe zu kleiden, und ein Gefolge von Dienerinnen zu halten.

Corinna. Wie so, liebe Mutter, wie soll denn Das werden?

Crobyle. Dazu brauchst du weiter nichts, als mit jungen Männern zusammen zu seyn, mit ihnen zu schmausen, und ums Geld auch bei ihnen zu schlafen.

Corinna. Wie der Daphnis ihre Tochter, die Lyra?

Crobyle. Ja.

Corinna. Aber Die ist ja eine Hetäre?

Crobyle. O das ist eben kein Unglück! Dafür sollst du auch eine reiche Dame seyn, wie sie, und viele Liebhaber zählen. – Wie, du weinst, Corinna? Siehst du denn nicht, wie viele Hetären es gibt, wie man sich von allen Seiten um ihre Gunst bewirbt, und wie viel Geld sie einnehmen? Diese Lyra – heilige Adrastea! welche Lumpen hatte sie an, ehe ihre Reize zu blühen anfingen! Und nun siehst du, wie sie Staat macht mit ihrem goldenen Schmuck, ihren prunkenden Kleidern und ihren vier Zofen?

3. Corinna. Wie hat denn Lyra dieses Alles bekommen?

Crobyle. Fürs Erste wußte sie sich artig und nett zu kleiden und eine gefällige Haltung anzunehmen, war freundlich gegen Jedermann und lachte nicht den Leuten aus vollem Halse ins Gesicht, wie du, sondern hatte in ihrem Lächeln immer etwas Süßes und Anziehendes: sodann ist ihr Benehmen gegen die Männer sehr klug; sie hat Diejenigen, welche sie besuchten oder begleiteten, eben so wenig mit Sprödethun zum Besten, als sie sich Andern von selbst aufdringt. [1579] Geht sie zu einem Schmause, wofür sie jedesmal bezahlt wird, so betrinkt sie sich nie, denn dadurch macht man sich lächerlich und den Männern widerwärtig: auch ist sie nicht so unfein, die Speisen im Uebermaaß einzuführen, sondern sie berührt, was sie nimmt, nur mit den Fingerspitzen, und füllt nicht beide Backen auf einmal an, am wenigsten aber spricht sie dazu. Und wenn sie trinkt, so geschieht es sachte, nicht auf einen Zug, sondern in Absätzen.

Corinna. Aber wenn sie nun einmal durstig ist, Mutter?

Crobyle. Gerade dann am meisten, liebe Corinna. Sie spricht auch nicht mehr, als schicklich ist, und erlaubt sich keine Spöttereien gegen irgend Einen der Anwesenden. Ihre Aufmerksamkeit ist nur auf Den gerichtet, von welchem sie bezahlt wird. Darum ist sie auch bei allen jungen Männern so beliebt. Und wenn sie mit Einem derselben allein zu seyn hat, so wird sie sich nie die geringste Frechheit oder Unanständigkeit beigehen lassen, sondern einzig und allein bemüht seyn, den Mann zu fesseln und zu ihrem wahren Liebhaber zu machen. Das ist’s hauptsächlich, was ihr den Beifall Aller erworben hat. Und nun, liebe Tochter, lerne Das auch, und wir werden eben so glücklich seyn, wie Jene. Denn im Uebrigen bist du noch um Vieles – – doch nein, Adrastea möge mir vergeben, was ich sagen wollte. Bleibe nur hübsch gesund, weiter wünsch’ ich Nichts.

4. Corinna. Aber sage mir, Mutter, sind denn die jungen Leute, von welchen wir Geld bekommen, alle so wie der Eucritus, der diese Nacht bei mir war?

[1580] Crobyle. O nein, es gibt noch bessere. Viele derselben sind schon älter und reifer; freilich gibt es auch Manche, die nichts weniger als schön sind.

Corinna. Und bei Diesen muß man auch schlafen?

Crobyle. Allerdings, Corinnchen: denn gerade Diese zahlen am besten. Die Schönen wissen sich zu viel mit ihrer Schönheit. Dir aber muß es immer nur um den größern Lohn zu thun seyn, wofern dir anders lieb ist, wenn in Kurzem alle Mädchen mit Fingern auf dich weisen, und sagen: „Ei seht doch der Crobyle Tochter, die Corinna! was die reich geworden ist, und wie glücklich sie ihre Mutter gemacht hat!“ – Was sagst du nun dazu? Willst du thun, was ich sagte? Ja, ich weiß gewiß, du thust es, und es wird dir ein Leichtes seyn, allen Andern den Rang abzulaufen. Aber jetzt geh und bade dich: vielleicht kommt der junge Eucritus noch heute wieder; er hat es ja versprochen.


6. (7.) Musarion und ihre Mutter.

1. Mutter. Aber Das muß wahr seyn, Musarion, wenn wir noch so einen Liebhaber kriegen, wie dieser Chäreas, so dürfen wir nicht unterlassen, der Pandemos[4] eine weiße Ziege, und der Urania in den Gärten eine junge Kuh zu opfern, und die Ceres, die Spenderin des Reichthums, mit Blumenkränzen zu beschenken: denn wo wären in der Welt so glückliche Sterbliche als wir? Aber sage mir im [1581] Ernste, Musarion, was haben wir denn bis jetzt von diesem jungen Menschen erhalten? Hat er dir ein einzigesmal einen Obolus gegeben, oder ein Kleidungsstück, ein Paar Schuhe, oder auch nur ein Büchschen voll Salböhl? Nein, immer nichts als Entschuldigungen, Versprechungen, Vertröstungen auf eine ferne Zukunft; einmal über das ander heißt es: „wenn einmal mein Vater … wenn ich Herr meines Erbgutes seyn werde, dann ist Alles dein.“ Und wie du sagst, hat er dir sogar geschworen, daß er dich zu seiner gesetzlichen Gattin machen wolle?

Musarion. Ja Mutter, das hat er mir mit einem Eide bei Ceres, Proserpina und Minerva versprochen.

Mutter. Und du glaubst ihm, wie natürlich. Deßwegen hast du auch neulich, als er seinen Beitrag zu euerem Kränzchen nicht zahlen konnte, ihm ohne mein Vorwissen deinen Ring vom Finger gegeben: den hat er nun verkauft und vertrunken. Und die zwei Ionischen Halsketten, jede zwei Dariken schwer, welche dir der Chiische Schiffsherr Praxias in Ephesus hatte machen lassen, wo sind die hingekommen? Nicht wahr, dein Chäreas brauchte sie, als er seinen Antheil an einem Schmause mit seinen Cameraden zu bestreiten hatte? Und dein feines Linnenzeug, deine Halstücher – darnach mag ich gar nicht fragen. In der That, dieser Chäreas ist ein kostbarer Schatz, den wir gefunden haben.

2. Musarion. Aber er ist so schön, so jugendlich, er versichert mich seiner Liebe mit so zärtlichen Thränen: und er ist nicht gemeiner Leute Kind, seine Mutter ist die Dinomache und sein Vater Laches ist Rath auf dem Areopag. Er verspricht, mich zu heirathen, und wir dürfen ein [1582] großes Glück von ihm hoffen, wenn einmal der Alte die Augen zumacht.

Mutter. Und wenn du jetzt ein Paar neue Schuhe brauchst und der Schuster will seine zwei Drachmen[5] haben, so werden wir ihm sagen: „Geld haben wir zwar keines, aber desto mehr Hoffnungen, nimm dir etliche davon mit!“? Zu dem Mehlhändler sagen wir das Nämliche. Und wenn man die Hausmiethe von uns verlangt, so sprechen wir: „Warte nur, bis der alte Laches todt ist: nach der Hochzeit wollen wir dich bezahlen.“ Schämst du dich denn nicht, daß du die Einzige unter allen Hetären bist, die kein Ohrgehenk, keine Halskette und keinen Tarentinischen Schleier hat?

3. Musarion. Sind sie darum glücklicher und schöner als ich, liebe Mutter?

Mutter. Nein, aber klüger: sie verstehen die Hetärenkunst, und glauben nicht den schönen Worten der jungen Leute, denen ihre Schwüre nur auf den Lippen sitzen. Du aber bist ein leichtgläubiges, verliebtes Mädchen und willst mit keinem Andern zu thun haben, als allein mit diesem Chäreas. Nur erst neulich, als der junge Landmann aus Acharnä kam, der doch auch noch ein glattes Kinn hat, und zwei Minen mitbrachte als Erlös aus Wein, den er für seinen Vater verkauft hatte, den wiesest du mit Nasenrümpfen ab und kostest dafür mir deinem Adonis Chäreas.

Musarion. Wie? ich sollte also den Chäreas laufen lassen und den Bauer mit seinem Bocksgeruch bei mir beherbergen? [1583] Der feine, zierliche Chäreas und das Schwein aus Acharnä, welch ein Unterschied!

Mutter. Mag seyn: er ist freilich nur ein Bauer und führt nicht den besten Geruch. Aber warum hast du denn auch dem Antiphon, des Menekrates Sohn, kein Gehör gegeben, der dir eine Mine versprach? Ist der nicht ein hübscher, artiger Städter, und eben so jung als Chäreas?

4. Musarion. Aber Chäreas hatte gedroht, uns Beide umzubringen, wenn er mich bei ihm träfe.

Mutter. Oho! wie viele jungen Leute haben nicht schon so gedroht! Deßwegen also willst du ohne Liebhaber bleiben und so keusch leben als eine Priesterin des Ceres? Doch genug davon. Das Erntefest ist heute: was hat er dir zum Angebinde gebracht?

Musarion. Er hat Nichts, Mutterchen.

Mutter. Also unter allen jungen Leuten seines Alters hat blos Chäreas noch keinen Kunstgriff ersonnen, dem Beutel seines Vaters beizukommen? Hat er denn keinen Sklaven, durch den er ihn beluchsen lassen könnte? Kann er nicht von seiner Mutter Geld fordern, und ihr drohen, zu Schiffe zu gehen und Soldat zu werden, wenn sie ihm keines gäbe? Aber da sitzt er müßig und zehrt von unserem Fett, und nicht genug, daß er uns Nichts gibt, so will er uns nicht einmal erlauben, von Andern zu nehmen. Meinst du denn, Musarion, du werdest immer achtzehen Jahre alt bleiben? Und des Chäreas Gesinnung werde sich nicht ändern, wenn er einmal selbst ein reicher Herr ist, oder wenn seine Mutter eine glänzende Verbindung für ihn ausfindig gemacht haben wird? Wenn ihm da vielleicht die lockende [1584] Aussicht auf fünf Talente Mitgift gezeigt wird, was glaubst du, wird er sich auch alsdann noch jener Thränen, jener Küsse und Eidschwüre erinnern?

Musarion. Ja, er wird es gewiß! Und ein Beweis davon ist, daß er sich nicht bereits vermählt, sondern, so sehr man ihn nöthigen wollte, dennoch alle Vorschläge standhaft verworfen hat.

Mutter. Gebe der Himmel, daß du dich in ihm nicht täuschest! Aber du wirst noch an mich denken, Musarion!


7. (8.) Ampelis und Chrysis.

1. Ampelis. Glaube mir, liebe Chrysis, Wer nicht eifersüchtig ist, Wer auf sein Mädchen noch nicht gezürnt, sie noch nicht geschlagen, ihr die Haare noch nicht vom Kopfe geschnitten oder die Kleider vom Leibe gerissen hat, der ist noch kein rechter Liebhaber.

Chrysis. Wie so, Ampelis? das wären also die einzigen Kennzeichen der wahren Liebe?

Ampelis. Allerdings: wenigstens die eines feurigen Mannes. Denn alles Uebrige, die Küsse, die Thränen, die Schwüre, die häufigen Besuche beweisen nur erst, daß die Liebe in ihrem Beginnen ist. In das rechte Feuer geräth sie erst durch die Eifersucht. Wenn dich also dein Gorgias geschlagen hat, wie du sagst, wenn er so recht voller Eifersucht ist, so freue dich und wünsche nur, daß er es nie anders mache.

Chrysis. Nie anders? Wie meinst du das? daß er mich immer schlagen soll?

[1585] Ampelis. Nun das eben nicht, aber daß er immer böse werde, wenn du nicht blos für ihn allein Augen hast. Denn wenn er dich nicht liebte, wie könnte er darüber in Zorn gerathen, daß du noch einen zweiten Liebhaber hast?

Chrysis. Aber ich habe ja keinen zweiten. Er glaubt ganz ohne Grund, der bewußte reiche Herr sey in mich verliebt, blos weil ich einmal zufällig seinen Namen nannte.

2. Ampelis. Um so besser, wenn er glaubt, daß es reiche Leute seyen, welche sich Mühe um dich geben. Das wird ihm nur um so mehr zu schaffen machen, und sein Stolz wird ihm nicht erlauben, von solchen Nebenbuhlern an Freigebigkeit sich übertreffen zu lassen.

Chrysis. Ach nein! Der tobt und prügelt nur, aber geben will er Nichts.

Ampelis. Er wird schon freigebig werden: die Eifersucht wird ihm keine Ruhe lassen.

Chrysis. Aber ich begreife nicht, liebe Ampelis, wie du verlangen kannst, daß ich mich soll schlagen lassen.

Ampelis. Das will ich nicht. Aber ich weiß, daß die Liebe ihre volle Stärke oft erst dann erreicht, wann der Liebhaber glaubt, vernachlässigt zu werden. Ist er gewiß, seinen Gegenstand allein zu besitzen, so erkaltet leicht seine Leidenschaft. Dieß sage ich dir aus zwanzigjähriger Hetären-Erfahrung. Du bist, glaube ich, noch nicht einmal achtzehen Jahre alt. Laß dir erzählen, was mir selbst vor etlichen Jahren begegnet ist. Der Wechsler Demophantus, der hinter der Pöcile wohnt, war damals mein Liebhaber. Dieser hatte mir niemals mehr als fünf Drachmen gegeben, und begehrte doch mein unumschränkter Gebieter zu seyn. Er [1586] war dabei ein sehr kühler Liebhaber, der weder seufzte noch weinte, und es zu unbequem fand, bei Nacht und Nebel vor meine Thüre zu kommen: nur bisweilen schlief er bei mir, und auch das jedesmal erst nach langen Pausen.

3. Einmal aber kam er und fand die Thüre verschlossen (der Maler Calliades war nämlich bei mir, der zehen Drachmen geschickt hatte): er schimpfte und ging brummend seiner Wege. Viele Tage gingen drüber hin, ohne daß ich nach ihm schickte. Endlich aber, als Calliades eben wieder bei mir war, erschien er, wartete vor der verschlossenen Thüre, und mochte inzwischen gewaltig warm geworden seyn; denn als die Thüre aufging, stürzte er herein, heulte und tobte, drohte mit Mord und Todtschlag, prügelte mich durch, riß mir die Kleider vom Leibe, kurz, machte das tollste Zeug, und das Ende vom Liede war, daß er mir ein Talent gab, und mich dafür acht volle Monate ganz allein hatte. Seine Frau sagte damals zu allen Leuten, ich hätte es ihm durch einen Liebestrank angethan, aber der Liebestrank war seine Eifersucht. Siehst du liebe Chrysis; dieses Mittelchen mußt du bei deinem Gorgias auch anwenden. Der junge Mensch wird ein großes Vermögen bekommen, wenn es mit seinem Vater einmal eine Veränderung geben sollte.


8. (9.) Dorcas, Pannychis, Philostratus und Polemo.

1. Dorcas. Wir sind verloren, Frau, wir sind verloren! Polemo ist aus dem Kriege zurück, und bringt gewaltig viel Geld mit, wie die Leute sagen. Ich habe ihn selbst gesehen: er trägt einen mit Purpur besetzten Mantel [1587] mit einem prächtigen Schloß, und hat eine hübsche Anzahl Bedienter hinter sich her. Wie ihn seine Bekannte sahen, liefen sie alle auf ihn zu, um ihn zu begrüßen; ich aber machte mich inzwischen an Parmeno, einen von seinen Laquaien, der mit ihm im Felde gewesen war, grüßte ihn recht freundlich und fragte ihn, wie es ihnen ergangen sey, und ob sie auch Etwas mitgebracht hätten, um das es der Mühe werth gewesen wäre, den Feldzug mitzumachen?

Pannychis. Damit hättest du nicht gleich herausrücken sollen. Warum riefst du nicht: „O! den Göttern und vor allen Jupitern und Minerven[6] sey’s gedankt, daß ihr wohlbehalten wieder da seyd! Meine Frau wollte alle Augenblicke wissen, wie es euch gehe, wo ihr seyd!“ und dergleichen. Und hättest du noch hinzugesetzt: “ach! sie hat so viele Thränen vergossen, sie hat von Nichts als von Polemo gesprochen!“ – so wäre es nur desto besser gewesen.

Dorcas. Das war allerdings das Erste, was ich sagte: ich wollte es nur nicht wiederholen und dir blos berichten, was ich von Parmeno gehört habe. Meine ersten Worte waren eigentlich die: „Nun, lieber Parmeno, gewiß haben euch oft die Ohren gesummt? Unaufhörlich hat meine gute Frau an euch gedacht und geweint, und jedesmal, wenn Nachrichten von einer Schlacht einliegen, und daß Viele geblieben seyen, zerraufte sie ihre Haare und zerschlug sich die Brust; kurz sie trauerte schon förmlich um ihren Polemo.

Pannychis. Schön, Dorcas, so war’s recht.

[1588] Dorcas. Dann erst that ich jene Frage an ihn, wie ich vorhin sagte. „Nun ja,“ antwortete er, „wir sind in ganz ansehnlichen Umständen zurückgekommen“.

Pannychis. Und Das sagte er auch nur so kurzweg, ohne zu erwähnen, daß Polemo gleichfalls an mich gedacht, daß er sich nach mir gesehnt, und sich darauf gefreut habe, mich gesund wieder zu sehen?

Dorcas. O ja, er sagte Vieles dergleichen. Aber die Hauptsache war doch immer, was er mir von dem großen Reichthum erzählte, den Polemo mitgebracht hätte: er besäße Gold und Elfenbein in Menge, kostbare Kleider und eine zahlreiche Dienerschaft; das Silbergeld werde bei ihm nicht mehr gezählt, sondern nach Scheffeln gemessen und er habe deren eine große Zahl. Parmeno selbst hatte an dem kleinen Finger einen ungemein schweren, vieleckigten Ring mit einem röthlichen, in drei Farben spielenden Edelstein. Ich mußte mir ein Langes und Breites erzählen lassen, wie sie über den Halys gegangen wären, und dort einen gewissen Teridatas niedergesäbelt hätten, wie brav sich Polemo in der Schlacht mit den Pisidiern gehalten und was dergleichen mehr war. Da bin ich nun eilends hieher gelaufen, um dir diese Nachricht zu bringen, damit du Zeit hättest zu überlegen, was jetzt zu thun sey. Denn wenn nun Polemo kommt, um dich zu besuchen – und er kommt unfehlbar, sobald er sich von seinen Bekannten losgemacht haben wird – und er trifft den Philostratus bei uns an, was meinst du wohl, was dann werden wird?

Pannychis. Wir müssen auf ein Mittel denken, uns aus dieser Verlegenheit zu ziehen. Diesen Philostratus abzuweisen, [1589] geht durchaus nicht an: er hat mir erst neulich ein ganzes Talent zum Geschenke gemacht, und ist ein reicher Kaufmann, von dem ich mir noch Vieles versprechen kann. Und doch wäre es sehr unvortheilhaft, den Polemo nicht anzunehmen, der in so glänzenden Umständen zurückgekommen ist: zudem ist er sehr eifersüchtig; er war es schon auf eine unerträgliche Weise, als er noch Nichts hatte: wie würde er sich jetzt erst geberden?

Dorcas. Wahrhaftig, da kommt er schon.

Pannychis. Ich bin des Todes! Welche Verlegenheit! Ich zittere an allen Gliedern!

Dorcas. Da kommt nun vollends auch Philostratus!

Pannychis. Was fang’ ich an! Ich möchte in die Erde sinken!

4. Philostratus. Ah, Pannychis, machen wir uns nicht einen lustigen Abend zusammen?

Pannychis. Mensch, du bist mein Unglück! – Was sehe ich? Polemo? Ah! sey gegrüßt – nach so langer Zeit!

Polemo. Wer ist denn der Mensch da, der mit mir hereingekommen? Wie? du verstummst, Pannychis? Nun gut! wir sind geschieden. Ich beeile mich, was ich kann, und fliege in fünf Tagen von Pylä hieher, um – eine solche Dirne zu treffen! Wiewohl – es ist mir recht geschehen: ich danke dir dafür. Nun soll ich doch nicht mehr ausgeplündert werden!

Philostratus. Wer bist denn du, guter Freund!

Polemo. Ich heiße Polemo, bin aus Stiria, des Pandionischen Stammes, verstehst du? war Oberster über Tausend, commandirte aber zuletzt ein eigenes Freikorps [1590] von fünftausend Mann, und war Narr genug, in die Pannychis verliebt zu seyn, so lange ich sie für ein menschliches Wesen hielt.

Philostratus. Wie aber die Sachen jetzt stehen, Herr Oberster, gehört die Pannychis mir. Sie hat ein Talent von mir erhalten, und wird ein zweites bekommen, sobald ich meine Schiffsladung an den Mann gebracht haben werde. Du gehst also jetzt mit mir, Pannychis; dieser Oberster da mag seine Tausende commandiren bei den Odrysen!

Dorcas. Sie ist eine freie Bürgerin, und wird gehen mit Wem sie Lust hat.

Pannychis. Was soll ich thun, Dorcas?

Dorcas. Das Beste wird seyn, du gehest in dein Zimmer. Hier bei Polemo kannst du unmöglich bleiben, so lange er im Zorn ist: seine Eifersucht würde nur noch mehr angefacht werden.

Pannychis. Gehen wir hinein, Philostratus!

5. Polemo. Ha! das soll das letztemal seyn, daß ihr miteinander schmauset! Oder glaubt ihr, ich wollte mich vergeblich in so vielen blutigen Händeln umgetrieben haben? Meine Thracier, Parmeno! Sie sollen mit Ober- und Untergewehr anmarschiren und in einer Colonne das ganze Gäßchen besetzen, die schweren Truppen in der Front, die Bogenschützen und Schleuderer auf beiden Flanken und die Uebrigen in Reserve.

Philostratus. Oho! hältst du uns für kleine Kinder, daß du uns mit diesem Geschwätze Angst einjagen willst? Elender Söldling! Hast du denn je schon einmal ein Huhn umgebracht? oder ein einzigesmal einem Feinde in’s Gesicht [1591] gesehen? Wenn ich dir viel zutrauen will, so hast du vielleicht als Wache in einem alten Thurme gelegen und ein paar Dutzend Mann unter dir gehabt.

Polemo. Nun das wird sich zeigen, wenn wir einmal in unserer funkelnden Rüstung mit gefällten Piken dir zu Leibe gehen.

Philostratus. Rückt nur an, Mann an Mann geschlossen. Ich und mein Tibius da, der einzige Bediente, den ich bei mir habe, werden euch mit Steinen und Scherben dergestalt auseinander jagen, daß ihr nicht wissen werdet, wohin ihr euch verkriechen sollt.


9. (10.) Chelidonion und Drose.

1. Chelidonion. Besucht dich denn der junge Clinias nicht mehr, Drose? Es ist schon lange her, daß ich ihn nicht bei euch gesehen habe.

Drose. Er kommt nicht mehr, Chelidonion. Sein Lehrer hat ihm verboten, mit mir umzugehen.

Chelidonion. Wer ist denn sein Lehrer? Du meinst doch nicht etwa den Turnmeister Diotimus? Der ist ja einer meiner Liebhaber.

Drose. Nein, sondern der häßliche Philosoph Aristänetus ists, dem ich alles Unheil auf den Hals wünsche.

Chelidonion. Gewiß der struppigte Griesgram mit dem langen Bocksbart, den man alle Tage mit den jungen Leuten in der Pöcile auf- und abspazieren sieht?

Drose. Ja, diesen Schwätzer meine ich, den verfluchten Kerl, den ich einmal sehen möchte, wie ihn der Henker an seinem langen Bart zum Galgen schleppt!

[1592] 2. Chelidonion. Aber wie konnte sich dieser Mensch beigehen lassen, dem Clinias solche Dinge weiß zu machen?

Drose. Das weiß ich nicht. Kurz Clinias, der vor mir noch mit keinem Mädchen Umgang gehabt, und, seit er mich liebt, noch keine Nacht ohne mich zugebracht hat, hat sich nun drei Tage nach einander nicht einmal in meinem Gäßchen sehen lassen. Unruhig darüber – denn mir ahnte nichts Gutes – schickte ich die Nebris, mein Mädchen, nach dem Markte und in die Pöcile, um nach ihm zu sehen. Dort sah sie ihn wirklich mit Aristänetus auf- und abgehen, und winkte ihm von ferne zu: er aber ward über und über roth im Gesicht, und vermied es absichtlich sie anzublicken. Drauf gingen sie Beide zur Stadt hinaus und Nebris ihnen nach bis zum Doppelthor, wo sie, weil sich Clinias auch nicht ein einzigesmal umgesehen, wieder umkehrte und nach Hause ging, ohne mir eine nähere Nachricht mitbringen zu können. Nun kannst du dir denken, Chelidonion, wie mir zu Muthe war. Ich bemühte mich vergeblich, zu errathen, was doch den lieben Jungen angewandelt haben möchte. Habe ich ihn etwa beleidigt? Oder ist er meiner überdrüssig und liebt nun eine Andere? Oder hat ihm gar sein Vater mein Haus verboten? Hundert solche Fragen durchkreuzten sich in meinem Kopfe, als Abends spät sein Bedienter Dromo eintrat und mir diesen Brief einhändigte. Hier, liebe Chelidonion, lies ihn mir; du hast ja wohl lesen gelernt.

Chelidonion. So laß sehen. Die Handschrift ist eben nicht zu deutlich: die Buchstaben sind in einander gezogen und verrathen die Eilfertigkeit des Schreibers. „Wie sehr ich dich geliebt habe, gute Drose, wissen die Götter!“

[1593] Drose (weint). O wehe! nicht einmal mit einem Gruß fängt er an, der Unglückliche!

Chelidonion. – „und auch jetzt ist es nicht Abneigung, sondern Zwang, was mich von dir trennt. Mein Vater hat mich nämlich dem Aristänet übergeben, um die Philosophie bei ihm zu studiren. Dieser Mann hat unser Verhältniß in Erfahrung gebracht, und überhäuft mich nun mit Vorwürfen, indem er spricht, es wäre ein Schimpf für den Sohn des Architeles und der Erasikléa, mit einer Hetäre zu leben, und es wäre weit besser, die Tugend der Wollust vorzuziehen.“

Drose. Daß er die Schwindsucht kriege, der alte Gimpel! Einen jungen Menschen solches Zeug zu lehren!

Chelidonion. „Ich sehe mich also genöthigt, ihm zu gehorchen. Denn er geht mir auf allen Tritten und Schritten nach, und beobachtet mich so genau, daß ich außer ihm keinen Menschen auch nur ansehen darf. Wenn ich fein sittsam seyn und ihm in Allem folgen werde, so verspricht er mir, mich durch Entsagung und Arbeit zu einem höchst glücklichen und von der Tugend durchdrungenen Manne zu machen. Nur mit Mühe konnte ich mich ihm von der Seite stehlen, um dir diese Zeilen zu schreiben. Nun lebe wohl und glücklich, und vergiß nicht deinen Clinias!“

4. Drose. Was sagst du nun zu diesem Briefe, Chelidonion?

Chelidonion. Barbarisch! Nur das „vergiß nicht deinen Clinias“ läßt noch einige Hoffnung übrig.

Drose. So scheint es mir auch. Aber inzwischen sterbe [1594] ich vor Liebe. Noch sagte mir Dromo, dieser Aristänet sey ein Päderast, der seine Wissenschaft nur zum Vorwande brauche, um die hübschesten jungen Leute in seinen Umgang zu ziehen. Er halte sehr oft unter vier Augen Unterredungen mit Clinias und verspreche ihm außerordentliche Dinge, wie z. B. daß er ihn den Göttern gleich machen wolle. Auch lese er mit ihm gewisse verliebte Gespräche, welche alte Philosophen mit ihren Schülern gehalten: kurz er mache sich gewaltig viel mit dem jungen Menschen zu schaffen. Es ist ihm von Dromo schon gedroht, daß des Clinias Vater Alles erfahren soll.

Chelidonion. Du hättest dem Burschen die Kehle tüchtig schmieren sollen, Drose.

Drose. Dieß ist geschehen. Er ist übrigens auch ohne Dieß der Meinige: denn meine Nebris sticht ihm gar sehr in die Augen.

Chelidonion. Nun so sey gutes Muthes: Alles wird vortrefflich gehen. Ich will im Ceramikus, wo Architeles spazieren zu gehen pflegt, an ein Haus die Worte schreiben: „Aristänetus verführt den Clinias!“ so daß wir auch von dieser Seite der Aussage des Dromo zu Hülfe kommen.

Drose. Aber wie willst du dieß ungesehen thun?

Chelidonion. Ich schreibe es des Nachts mit einer Kohle.

Drose. Vortrefflich, liebe Chelidonion. Hilf mir Krieg führen gegen den großmauligen Aristänet!

[1595]
10. (11). Tryphäna und Charmides.

1. Tryphäna. Was soll das, Charmides? Wer hat sich jemals zu einer Hetäre gebettet und ihr fünf Drachmen gegeben, um ihr den Rücken zuzukehren und die ganze Nacht mit Weinen und Seufzen zuzubringen? Diesen Abend wollte dir kein Tropfen Wein schmecken, und doch mochtest du auch nicht allein zu Tische seyn. Während der ganzen Mahlzeit standen dir die Thränen in den Augen, ich habe es wohl gesehen; und jetzt heulst du vollends wie ein kleines Kind. Was ist dir denn, Charmides? Verhehle mir’s nicht, damit ich doch wenigstens diese Unterhaltung in der schlaflosen Nacht habe, die ich mit dir zubringen muß.

Charmides. Die Liebe bringt mich um, Tryphäna: ich halte diese Qual nicht länger aus.

Tryphäna. In mich wenigstens bist du nicht verliebt, so viel ist klar: denn wie könntest du sonst mich bei dir haben, und doch so kalt meine Umarmungen von dir stoßen? Dein Mantel bildet ja recht eigentlich eine Mauer zwischen uns Beiden, nur damit ich dir nicht zu nahe kommen soll. Sage mir also, wie heißt denn die Geliebte? Vielleicht daß ich dir zum Ziele helfen kann: ich verstehe mich ein wenig drauf, wie man dergleichen Dinge angehen muß.

Charmides. Du kennst sie recht gut, und sie dich: sie ist keine von den unbekannten Hetären.

Tryphäna. Nun, ihr Name?

2. Charmides. Philemation.

Tryphäna. Welche Philemation? Es gibt ihrer zwei: [1596] die aus dem Piräeus, die noch ganz kürzlich ein keusches Jüngferchen war, und jetzt den Damyllus, des gegenwärtigen Prätors Sohn, zum Liebhaber hat; oder die andere, die sogenannte Fangschlinge?

Charmides. Die Letztere: diese hat mich gefangen, und läßt mich Unglücklichen nicht wieder los.

Tryphäna. Also wegen dieser hast du so viele Thränen vergossen?

Charmides. Allerdings.

Tryphäna. Und ist dieß eine ganz neue Liebe, oder dauert sie schon eine Zeit lang?

Charmides. Ganz neu ist sie eben nicht: es sind etwa sieben Monate her seit dem Bacchusfeste, wo ich sie zum erstenmal sah.

Tryphäna. Hast du sie denn auch ganz und genau gesehen, und nicht blos ihr Gesicht und die unbedeckten Theile ihres Körpers? Denn eine Person von fünfundvierzig Jahren will wohl etwas näher betrachtet seyn.

Charmides. Wie? Sie schwur, daß sie künftigen Elaphebolion [April] erst zweiundzwanzig seyn werde.

3. Tryphäna. Willst du ihren Schwüren mehr glauben als deinen Augen? Sieh einmal auf ihre Schläfe, wo sie allein noch eigenes Haar trägt: denn alles übrige ist falsch. Wenn hier das künstliche Schwarz, womit sie ihr Haar färbt, sich verliert, so kommt das natürliche Grau zu Tag. Doch was läge daran? Aber nöthige sie einmal, sich zu entkleiden.

Charmides. Das habe ich noch nie von ihr erhalten können.

[1597] Tryphäna. Ha, das glaube ich! Sie stellt sich wohl vor, wie abscheulich du die Schwindflechten finden würdest, mit welchen sie am ganzen Leibe bedeckt ist. Denn von dem Halse bis zu den Knieen ist sie so fleckigt als ein Pardel. Und du weintest darüber, eine solche Schönheit nicht an deiner Seite zu wissen? Sie wird doch nicht etwa gar spröde gethan und dich beleidigt haben?

Charmides. Das hat sie gleichwohl, Tryphäna, ungeachtet sie schon so viel von mir erhalten hat. Und nun, da sie auf’s Neue tausend Drachmen[7] von mir haben will, die ich ihr nicht geben kann, weil mein Vater mir sehr auf die Finger sieht, hat sie den Moschion bei sich aufgenommen und mir ihre Thüre verschlossen. Deßwegen habe ich dich holen lassen, um ihr dafür einen Verdruß anzuthun.

Tryphäna. Nun so soll mir Venus ungnädig seyn, wenn ich gekommen wäre, hätte ich gewußt, daß ich nur dazu dienen soll, einer Andern Verdruß zu machen, und das vollends einem solchen Todtengerippe, wie diese Philemation! Ich stehe auf und gehe. Der Hahn kräht ohnedieß schon zum drittenmale.

4. Charmides. Nicht so eilig, liebe Tryphäna, hörst du! Wenn das Alles wahr ist, was du mir von der Philemation sagst, von ihrer Perücke, ihren gefärbten Haaren und ihren Schwindflechten, pfui, so möchte ich sie gar nicht wieder ansehen.

Tryphäna. Frage deine Mutter, die vielleicht schon im Bade mit ihr zusammen war. Und was ihr Alter betrifft, [1598] so wird dein Großvater dir am besten Auskunft geben können, falls er noch am Leben ist.

Charmides. Nun denn, wenn das ist, so falle die Scheidewand! Komm in meine Arme, und laß uns unter Küssen und Scherzen die häßliche Philemation vergessen!


11. (12.) Ioëssa, Pythias, Lysias.

1. Ioëssa. Warum so kalt und spröde gegen mich, Lysias? Dankst du es mir so, daß ich dir niemals Geld abforderte, daß ich nie, wenn du kamst, meine Thüre verschloß und dich nie mit der schnöden Antwort abfertigte, ich hätte andern Besuch? Wann habe ich dich je genöthigt, deinen Vater zu überlisten oder deine Mütter zu bestehlen, um mich beschenken zu können, was doch alle Andere meines Gleichen thun? Habe ich dich nicht gleich Anfangs, ohne alle Rücksicht auf Belohnung bei mir aufgenommen, wiewohl du jedesmal mit leeren Händen kamst? Und weißt du auch, wie viele Liebhaber ich um deinetwillen abgewiesen habe? Den Ethokles, der jetzt Prytane ist, den Schiffsherrn Pasio, deinen Altersgenossen Melissus, wiewohl dessen Vater erst kürzlich gestorben und der junge Mensch im Besitze des ganzen Vermögens ist. Du warst mein Phaon, mein Ein und Alles, für den ich allein Augen hatte, für den allein meine Thüre offen war. Denn ich Thörin hielt Alles für untrüglich, was du mir schwurst, und war dir ergeben wie die keusche Penelope, so viel auch meine Mutter dagegen schrie, und so heftige Klagen sie bei meinen Freundinnen über mich führte. Du aber, sobald du sahest, daß du das arme, von Liebe verzehrte Mädchen ganz in deiner Gewalt hattest, erlaubtest [1599] dir vor meinen Augen verliebte Scherze mit der Lycäna, nur um mich zu kränken. Und neulich, als du an meiner Seite warst, was wußtest du nicht Alles zum Lobe der Sängerin Magidion zu sagen? Es war mir um so schmerzlicher, weil ich wohl fühlte, daß es mit allem diesem nur auf meine Schmach abgesehen war. Unlängst, als ihr zusammen schmaustet, Thraso, Diphilus und du, war auch die Flötenspielerin Cymbalion, und die Pyrallis zugegen, welche letztere meine erklärte Feindin ist. Du wußtest dieß, und so war mir’s zwar ziemlich gleichgültig, daß du eine Cymbalion fünfmal küßtest, denn du beschimpftest dadurch bloß dich selbst: aber daß du der Pyrallis einmal um das andere zuwinktest, ihr, wenn du getrunken, den Becher zeigtest und dem Bedienten ins Ohr sagtest, daß er nur der Pyrallis und sonst keinem Menschen in diesen Becher einzuschenken habe; daß du endlich, als Diphilis eben in einem Gespräch Thraso begriffen war, einen Apfel anbißest, und ihr ihn, ohne nur im Geringsten zu thun, als ob ich’s nicht merken sollte, mit einem wohlgezielten Wurfe in den Schoos warfst, wo sie ihn dann sogleich aufhob, küßte und in ihren Busen versteckte – –! Lysias, warum hast du mir das gethan?

2. Habe ich mich auch nur im Geringsten gegen dich verfehlt? Habe ich dich irgend womit beleidigt, oder je einem Andern Aufmerksamkeit erwiesen? Lebe ich nicht einzig für dich? Oder hältst du es etwa für eine Kleinigkeit, einem armen Mädchen wehe zu thun, das dich bis zum Wahnsinn liebt? Glaube mir, es ist eine Adrastea im Himmel, die Alles sieht und hört. Du wirst es bald genug [1600] bereuen, wenn es einmal heißen wird, man habe meinen Leichnam an einem Stricke hängend oder in einem tiefen Brunnen gefunden. Denn ich werde schon ein Mittel finden, aus der Welt zu kommen, um dir nicht länger mit meinem Anblick beschwerlich zu seyn. Und dann triumphire immerhin, als ob du Wunder was für eine Heldenthat verrichtet hättest. – Was blickst du mich so finster an und knirschest mit den Zähnen? Hast du mir etwas vorzuwerfen, so sprich. Die Pythias hier soll zwischen uns entscheiden. Wie? du gehst und würdigst mich nicht einmal einer Antwort? – Siehst du nun, Pythias, welche Bewegung ich von ihm erfahre?

Pythias. Der Barbar! Von solchen Thränen nicht gerührt zu werden! Er ist ein Stein, er hat kein Menschenherz. Uebrigens, wenn ich dir die Wahrheit gestehen soll, liebe Ioëssa, so hast du ihn durch deine übertriebene Liebe, die du ihn sogar merken ließest, selbst verdorben. Du hättest dir nicht so außerordentlich viel aus ihm machen sollen: die Männer werden übermüthig, so wie sie das finden. – Weine nicht so, armes Mädchen! Folge mir, und verschließe nur ein oder zweimal deine Thüre, wenn er dich wieder besuchen will. Du wirst sehen, das wird ihn wieder in helle Flammen setzen, und er soll dir vor Liebe und Eifersucht von Sinnen kommen.

Ioëssa. Stille davon! Welcher Rath! Ich soll dem Lysias die Thüre verschließen? Ach! und wenn er mir nun zuvorkäme, und sich auf immer von mir trennte?

Pythias. Ha! da kommt er ja schon wieder.

[1601] Ioëssa. O wehe! Pythias, wir sind verloren! Gewiß hat er es gehört, daß du vom Verschließen sprachst.

3. Lysias. Ich komme zurück, Pythias, nicht wegen dieser Dirne da, die keines Blickes mehr werth ist, sondern wegen deiner, damit du mich nicht ungehört verurtheilen und nicht sagen sollst, Lysias sey ein gefühlloser Mensch.

Pythias. Das sagte ich und sag’ es noch.

Lysias. Wie? du willst also, ich soll das Betragen dieser Ioëssa entschuldbar finden, die jetzt zwar weinen kann, die ich aber vor Kurzem, da sie mich ferne glaubte, an der Seite eines jungen Menschen schlafend angetroffen habe?

Pythias. Lysias, sie ist eine Hetäre, das ist Alles. Uebrigens wie lange ist es denn, daß du diese Entdeckung gemacht hast?

Lysias. Es werden ungefähr fünf Tage seyn – richtig; es war am zweiten dieses Monats, und heute ist der siebente. Mein Vater, dem zu Ohren gekommen war, daß ich schon seit geraumer Zeit eine Bekanntschaft mit dieser saubern Person unterhalte, hatte mir die Hausthüre verschließen lassen, und dem Thürsteher den gemessenen Befehl gegeben, mir nicht zu öffnen. Mir war es unerträglich, eine Nacht ohne sie zubringen zu müssen. Mein Dromo mußte sich also an die Hofmauer, wo sie am niedrigsten ist, stellen, damit ich auf seine Schultern steigen, und so ohne Mühe über die Mauer hinüber kommen konnte. Dieß geschah, ich kam hieher, fand aber die äußerste Hausthüre sorgfältig verschlossen. Weil es schon Mitternacht war, wollte ich nicht anklopfen, sondern hob, was ich auch sonst wohl gethan, die Thüre sachte aus den Angeln, und kam so ganz stille [1602] ins Haus. Alles schlief. Ich tappte so lange an den Wänden herum, bis ich vor ihrem Bette stand.

4. Ioëssa. Und was hast du gefunden? Hilf Ceres, wie er mich ängstigt!

Lysias. Ich merkte gleich, daß hier mehr als Eine Person Athem holte, und glaubte anfänglich Lyda, ihr Mädchen schlafe bei ihr. Die war es aber nicht, Pythias. Denn wie ich so herum tastete, fand ich, daß es ein auf dem Kopfe geschorenes, übrigens noch ganz unbärtiges und zartes Bürschchen war, das eben so von Salben duftete wie sie selbst. Hätte ich einen Säbel bei mir gehabt, so würde ich mich wohl nicht lange bedacht haben, das dürft ihr mir glauben. Aber – was soll das, Pythias? Ihr lacht wohl gar? Kommt euch etwa die Geschichte so lustig vor?

Ioëssa. Also das war’s, Lysias, was du mir so übel nahmst? Siehe, diese Pythias hat bei mir geschlafen.

Pythias. Stille, Ioëssa, ich bitte dich, sage ihm nicht –

Ioëssa. Warum nicht? Die Pythias wars, mein geliebter Lysias; ich habe sie bitten lassen, die Nacht bei mir zuzubringen, weil ich so betrübt war, daß ich dich nicht bei mir haben sollte.

5. Lysias. Wie? Dieser Pythias hätte das geschorene Köpfchen gehört? Sonderbar! und in fünf Tagen ist ihr diese Fülle von Haaren gewachsen?

Ioëssa. In einer Krankheit sind ihr die Haare ausgefallen, und nun hat sie sich die übrigen vollends abschneiden lassen und trägt jetzt eine Perücke. Zeige es ihm doch, Pythias, ich bitte dich, damit er sich von der Wirklichkeit [1603] überzeuge. – Siehst du, hier steht er nun, der gefährliche Bursche, der Nebenbuhler, auf den du so eifersüchtig wurdest.

Lysias. Aber mußte ich’s nicht werden, Ioëssa? Denke dir meine Liebe zu dir, und diese Entdeckung, die ich mit eigenen Händen zu machen glaubte?

Ioëssa. Aber nun bist du doch wohl überzeugt? Billig wäre jetzt die Reihe an mir, die Beleidigte zu spielen, und dir mit ähnlichem Verdrusse zu vergelten.

Lysias. Nein, liebe Ioëssa: laß uns zusammen trinken. Pythias soll bei uns bleiben; es ist billig, daß sie Zeugin unseres erneuerten Bündnisses sey.

Ioëssa. Das soll sie. Ich habe viel wegen deiner erlitten, mannhaftester aller Jünglinge, Pythias!

Pythias. Dafür hat er euch aber auch wieder ausgesöhnt. Du kannst mir also nicht böse seyn. - Aber der Umstand mit den Haaren, hörst du, Lysias, der bleibt unter uns!


12. (13.) Leontichus, Chenidas, Hymnis.

1. Leontichus. Und in der Schlacht gegen die Galater – das weiß Chenidas, wie ich da auf meinem Schimmel der ganzen Reiterei voransprengte, und wie die Galater, so brav sie sonst sind, bei meinem Anblicke zitterten und bebten, und Keiner mehr Stand hielt? Ich warf meine Lanze und durchbohrte den Reiterobersten sammt seinem Pferde. Auf die Wenigen, die noch zusammenhielten – denn als die Phalanx sich aufgelöst hatte, blieben noch Einige stehen und bildeten ein länglichtes Viereck – auf diese [1604] sprenge ich wie wüthend mit blankem Säbel ein, reite sieben Vordermänner über den Haufen, und spalte mit einem wohlgeführten Säbelhieb einem Hauptmann den Kopf sammt dem Helm bis auf die Schultern. Ihr Andern, Chenidas, kamt erst einige Zeit nachher dazu, als die Feinde schon nach allen Seiten flohen.

2. Chenidas. Aber dein Zweikampf mit dem Satrapen in Paphlagonien, Leontichus, war doch wohl auch eine schöne That?

Leontichus. Gut, daß du mich daran erinnerst: das Stück war allerdings keines der schlechtesten. Dieser Satrap, ein Mann von kolossalem Körperbau und dem Rufe nach der beste Fechter seines Landes, sprach mit der größten Verachtung von uns Griechen und ritt vor unsere Reihen mit der Frage, Wer Lust hätte, sich im Zweikampfe mit ihm zu versuchen? Die andern Alle sagten kein Wort: die Hauptleute, die Obersten, selbst der Feldherr, sonst nichts weniger als ein Memme, Keiner rührte sich. Aristächmus aus Aetolien kommandirte uns damals, ein trefflicher Wurfschütze. Ich war nur erst Hauptmann, aber doch faßte ich mir Herz, stieß meine Cameraden, die mich zurückhalten wollten, auf die Seite – denn es wurde ihnen bange für mich beim Anblicke des Asiatischen Riesen, der freilich im Glanze seiner vergoldeten Rüstung, mit seinem wilden Helmbusch und seiner geschwungenen Lanze eine furchtbare Figur machte.

Chenidas. Ja, auch ich war sehr in Angst um dich, Leontichus. Du weißt, wie ich dich festhielt, wie ich dich flehentlich bat, doch nicht für Andere dich in Gefahr zu [1605] stürzen. Denn, wärst, du gefallen, hätte ich das Leben nicht mehr ansehen mögen.

3. Leontichus. Wie gesagt, ich hatte mir ein Herz gefaßt, und trat vor, nicht schlechter gerüstet als der Paphlagonier: auch meine Waffen glänzten über und über von Gold. Ein lautes Geschrei empfing mich von beiden Seiten. Denn auch die Feinde erkannten mich gleich an meiner Tartsche, meinem Waffenschmuck und Helmbusche. Du wirst noch wissen, Chenidas, mit Wem ich damals allgemein verglichen wurde?

Chenidas. Mit Wem anders, als mit der Thetis Sohn, dem Peliden Achilles? So herrlich stand dir der Helm, der purpurne Waffenrock und der strahlende Schild.

Leontichus. Kaum hatten wir einander gegenüber Posto gefaßt, als mein Barbar mit seinem Wurfspieß mir eine leichte Streifwunde über dem Knie beibringt. Da jage ich ihm meine Pike durch den Schild und mitten in die Brust, stürze mich auf ihn, trenne ihm mit Leichtigkeit auf Einen Hieb den Kopf vom Rumpfe, und kehre, seinen Kopf auf der Pike und in Blut gebadet, zu den Meinigen zurück.

4. Hymnis. Abscheulich, Leontichus! Welche gräßliche Dinge erzähltest du von Dir selbst! Wer möchte einen Menschen, der eine solche Freude an Mord und Blut hat, nur ansehen, geschweige mit ihm trinken und schlafen wollen? Ich bleibe nicht: lebe wohl!

Leontichus. Du sollst die doppelte Bezahlung haben.

Hymnis. Ich hielte es nicht aus an der Seite eines solchen Menschenwürgers.

[1606] Leontichus. Du hast mich nicht zu fürchten, gute Hymnis. Alles dieß ist ja nur in Paphlagonien vorgegangen; und jetzt bin ich lammfromm.

Hymnis. Nein, du bist ein mit Mord besudelter Mensch: noch ist mir, als sehe ich das Blut von dem Haupte des Barbaren, das du auf deinem Spieße trugst, über dich herab träufeln: und einen solchen Mann sollte ich umarmen und küssen? Bei den Grazien, das sey ferne! Du bist um nichts besser als ein Henkersknecht.

Leontichus. O hättest du mich nur in meiner Rüstung gesehen! Ich weiß gewiß, du hättest dich in mich verliebt.

Hymnis. Und doch wird mir übel, schon bei der bloßen Erzählung: es überläuft mich kalt: ich glaube die Gespenster der Ermordeten wie Schatten vor mir zu sehen, besonders das des armen Hauptmanns, dem du den Schädel entzwei hiebst. Wenn ich nun vollends die blutige Arbeit selbst, und die umherliegenden Leichen mit angesehen hätte, glaube mir, ich hätte den Tod davon gehabt. Denn ich kann nie dabei seyn, wenn auch nur ein Hühnchen umgebracht wird.

Leontichus. Wie, Hymnis, so feigherzig und verzagt? Dachte ich doch, mit meiner Erzählung dir Vergnügen zu machen.

Hymnis. Mit solchen Geschichten magst du Lemnierinnen und Danaïden[8] ergötzen, wenn du welche findest. Ich gehe wieder zu meiner Mutter, so lange es noch Tag ist. [1607] Komm, Grammis. Gehab dich wohl, vortrefflicher Oberst über tausend, und Todtschläger von so Vielen du willst!

5. Leontichus. Bleib doch, Hymnis, um Himmel willen bleib! – Umsonst, sie ist fort!

Chenidas. Du hast aber auch das zarte Kind mit deinen wilden Helmbüschen und deinen schauerlichen Aufschneidereien gar zu sehr geängstigt, Leontichus. Ich sah gleich, wie sie sich verfärbte, als du noch an dem Hauptmann warst, und wie sie zusammenschauerte und das Gesicht verzog, da du ihm den Kopf halbirtest.

Leontichus. Ich war der Meinung, sie sollte mich nur desto liebenswürdiger finden. Aber du hast mir das Spiel vollends verdorben, Chenidas, indem du die Geschichte mit einem Zweikampf auf die Bahn brachtest.

Chenidas. Ich glaubte dir lügen helfen zu müssen, da ich die Absicht deiner Prahlerei merkte. Aber du hast es zu arg gemacht. War es nicht genug, dem armen Tropf von Paphlagonien den Kopf abzuschneiden? brauchtest du ihn auch noch auf den Spieß zu stecken, daß das Blut dir über das Gesicht lief?

6. Leontichus. Da hast du recht, Chenidas: das war freilich etwas zu gräßlich. Aber im Uebrigen habe ich doch so übel nicht gemalt. Gehe nun nur zu ihr hin, und suche sie zu bewegen, daß sie diese Nacht bei mir zubringt.

Chenidas. Soll ich also sagen, es wäre Alles rein erlogen? Du hättest dich ihr blos als Helden zeigen wollen?

Leontichus. Um Alles nicht, Chenidas! Das würde mich beschämen.

[1608] Chenidas. Anders kommt sie dir gewiß nicht. Du hast also die Wahl, entweder: zwar für einen wackern Raufdegen zu gelten, aber dich dafür abscheulich finden zu lassen, oder: eine Nacht bei der Hymnis mit dem Geständniß zu erkaufen, daß du gelogen habest.

Leontichus. Eins so verdrießlich, als das Andere. Doch – Hymnis ist mir lieber. Also fort, und sage ihr, ich hätte gelogen – Vieles gelogen, aber doch nicht Alles!


13. (14). Dorion und Myrtale.

1. Dorion. Jetzt also werde ich ausgeschlossen, Myrtale? Jetzt, nachdem ich durch dich arm geworden bin? Freilich, so lange ich Etwas zu bringen hatte, war ich der Geliebte, der Mann, der Herr, kurz Alles in Allem: nun aber, seit ich rein aufs Trockene gekommen, und du an deinem Bithynischen Kaufmann einen neuen Liebhaber gefunden hast, weist man mich ab und läßt mich weinend vor der Thüre stehen, während jener Begünstigte ganze Nächte mit dir allein zubringen darf. Und, wie du sagst, bist du sogar schwanger von ihm.

Myrtale. Das ist vollends unausstehlich, Dorion, daß du sagst, du hättest mir so Vieles gegeben, du wärest durch mich arm geworden. Rechne doch einmal zusammen, was ich seit dem Anfange unserer Bekanntschaft von dir erhalten habe.

2. Dorion. Gut, Myrtale, wir wollen rechnen. Fürs Erste die Sicyonischen Schuhe im Werthe von zwei Drachmen. Schreibe zwei Drachmen.

Myrtale. Dafür aber hattest du zwei Nächte.

[1609] Dorion. Nach meiner Zurückkunft aus Syrien, das Phönicische Salbenbüchschen aus Alabaster, das, beim Poseidon, gewiss auch seine zwei Drachmen werth war.

Myrtale. Hatte ich dir nicht bei deiner Abfahrt, damit du nicht so bloß auf der Ruderbahn säßest, das kurze Mäntelchen geschenkt, welches der Untersteuermann Epiurus, der bei mir geschlafen, mitzunehmen vergessen hatte?

Dorion. Das hat Epiurus gleich wieder erkannt, als wir neulich in Samos zusammentrafen. Wir rauften uns wahrlich nicht wenig darum; aber am Ende mußte ich’s ihm überlassen. Weiter brachte ich dir Zwiebeln mit aus Cypern, fünf Salzfische, und bei meiner Rückfahrt aus dem Bosporus vier Pärsche. Ferner einen Korb mit acht Stücken Zwieback, einen Topf voll Carische Feigen, und noch ganz kürzlich ein Paar vergoldete Pantoffeln aus Patara, du Undankbare! – auch, was mir noch zu rechter Zeit einfällt, aus Gythium einen großen Käse.

Myrtale. Macht zusammen, wenn wirs hoch rechnen, ungefähr fünf Drachmen aus.

3. Dorion. Wenigstens so viel, als ich geben konnte, so lange ich bloßer Matrose war und von meinem Solde leben mußte. Jetzt aber bin ich Aufseher der ganzen rechten Ruderbank, und du hältst mich noch immer für zu gering? Hab’ ich nicht unlängst an den Aphrodisien eine Silberdrachme für dich zu den Füßen der Venus gelegt? nicht deiner Mutter zwei Drachmen zu Schuhen gegeben, und der Lyda hier einmal über das andere, bald ein Zwei-, bald ein Vier-Obolenstück in die Hand gedrückt? Rechne das Alles zusammen, und es ist eines armen Bootsmannes ganzes Vermögen.

[1610] Myrtale. Doch wohl nicht deine Zwiebeln und Salzfische.

Dorion. Allerdings: ich hatte sonst Nichts, was ich bringen konnte. Wäre ich ein reicher Mann, so wäre ich nicht Ruderknecht geworden. Meiner eigenen Mutter habe ich in meinem Leben nicht einmal eine Knoblauch-Knolle gebracht. Aber nun möchte ich doch auch gerne wissen, mit welchen Geschenken sich dein Bithynier eingestellt hat?

Myrtale. Nummer eins hat er mir dieses Kleid gekauft, siehst du? und diese Halskette dazu, die recht artig ins Gewicht fällt.

4. Dorion. Er hätte sie gekauft? Und doch habe ich sie schon lange an dir gesehen.

Myrtale. Die, welche du gesehen hast, war viel dünner und hatte keine Smaragden. Außerdem habe ich von ihm erhalten diese Ohrgehenke und einen Teppich und neulich zwei Minen baar. Auch hat er die Hausmiethe für uns bezahlt. Das sind andere Dinge als Patarische Pantoffeln und Gythischer Käse und andere dergleichen Bettelwaare.

Dorion. Aber wie er aussteht, dein nächtlicher Gesellschafter, das sagst du freilich nicht. Er ist ein Kahlkopf, tief in den fünfzigen, und hat eine Hautfarbe wie ein Mistkäfer. Und hast du auch schon seine Zähne gesehen? Heilige Dioscuren! welch ein reizendes Mäulchen! besonders wenn er singt und schön thun will, das steht ihm an, wie dem Esel das Citherschlagen. Nun ja, ich wünsche Glück: du bist ganz seiner würdig, und möchtet ihr bald mit einem Söhnchen erfreut werden, das seines Vaters Ebenbild ist! Ich werde schon eine Delphis, eine Cymbalion, oder auch [1611] eure Nachbarin, die Flötenspielerin, oder sonst Eine, wie sie sich für mich schickt, ausfindig machen. Es ist nun ein mal nicht Jedermanns Sache, Teppiche und Halsketten zu verschenken und zwei Minen auf Einmal auszuzahlen.

Myrtale. Die kann von Glück sagen, welche Dich zum Liebhaber bekommen wird, Dorion. Zwiebeln erhält sie aus Cypern, und wenn du aus Gythium zurückkommst, einen Käse!


14. (15). Cochlis und Parthenis.

1. Cochlis. Du weinst, Parthenis? Wer hat dir denn deine Flöten zerbrochen?

Parthenis. Der große Aetolische Soldat, Dinomachus, glaube ich, heißt er, der Liebhaber der Crocale, hat mich geschlagen, weil er mich bei der Crocale antraf, wohin ich von seinem Nebenbuhler Gorgus bestellt worden war, um Flöten zu spielen. Er zerbrach mir meine Flöten, warf den Tisch, an welchem sie aßen, über den Haufen, und stieß mit einem Fußtritt den großen Weinkrug um. Darauf riß er den jungen Landwirth, den Gorgus, an den Haaren hinter dem Tische hervor, und prügelte ihn mit Hülfe eines Cameraden so entsetzlich durch, daß ich nicht weiß, ob der arme Mensch mit dem Leben davon kommen wird: denn das Blut lief ihm stromweise aus der Nase, und sein ganzes Gesicht ist aufgeschwollen, und braun und blau.

2. Cochlis. War der Kerl rasend, oder hat er im Rausch so tolles Zeug gemacht?

Parthenis. Die Raserei der Liebe war’s, und Eifersucht, gute Cochlis. Crocale hatte, wenn mir recht ist, zwei [1612] Talente verlangt, wenn er sie ganz allein haben wollte. Weil ihr nun Dinomachus nicht so viel gab, schloß sie ihm beim nächsten Besuche die Thüre vor der Nase zu. Dagegen fand ein reicher junger Landmann aus Oenoë, der seit längerer Zeit schon ihr Liebhaber gewesen war, ein braver Bursche, Eingang bei ihr, und da sie sich heute einen lustigen Abend machen wollten, ward ich bestellt, die Flöte zu spielen. Sie hatten schon eine gute Weile zusammen getrunken, ich stimmte eben einen der lieblichen Lydischen Tänze an, Gorgus stand auf und fing an zu tanzen, Crocale klatschte ihm Beifall: kurz wir waren lustig und guter Dinge: Auf einmal läßt sich ein Lärmen und Schreien vor dem Hofe vernehmen, die Thüre wird eingeschlagen, und herein stürzen acht starke Bengel mit den groben Aetolier unter ihnen. Nun gings drunter und drüber: Gorgus wurde, wie gesagt, durchgebläut und auf dem Boden mit Füßen getreten. Crocale wußte, ich weiß nicht wie, zu entschlüpfen, und flüchtete sich zu ihrer Nachbarin Thespias. Aber mir versetzte Dinomachus mit den Worten: Scher dich zum Henker! etliche derbe Streiche, zerbrach meine Flöten und schmiß mir die Stücke an den Kopf. Und jetzt bin ich auf dem Wege, den ganzen Vorfall meinem Herrn zu erzählen. Auch Gorgus ist ausgegangen, um in der Stadt einige Freunde aufzusuchen, die ihm den häßlichen Kerl vor die Obrigkeit bringen helfen.

3. Cochlis. Das hat man von diesen Soldaten-Liebschaften: Schläge und Processe! Wenn man sie hört, so sind sie lauter Obersten und Hauptleute. Aber wenn sie Etwas geben sollen, so heißt es: „Warte nur, bis Zahltag [1613] ist, bis ich meinen Sold erhalte; dann will ich Alles thun.“ Daß sie alle am Galgen hingen, diese Prahlhanse! Was mich betrifft, so bin ich so klug, keinem Einzigen derselben mehr Gehör zu geben. Dafür lobe ich mir einen wackern Fischer, einen Schiffer oder Bauer, oder irgend einen Andern von niedrigem Stande, der mir zwar nicht viel Schönes zu sagen weiß, aber desto besser zahlt. Aber die Herren da mit den wehenden Helmbüschen, die so viel von ihren Schlachten zu erzählen wissen, glaube mir, liebe Parthenis, die sind lauter Poltrone.



  1. So Wieland glücklich für τρυγὤσιν, was eigentlich Traubenlesen heißt.
  2. Die Königin – machte. Wieland.
  3. 44 fl.
  4. Venus Vulgivaga, die Hetärengöttin. Die Venus Urania, oder die Himmlische, hatte einen Tempel in den Gärten, dem östlichsten Districte der Stadt, mit einer berühmten Bildsäule von Alcamenes.
  5. 52 kr.
  6. Im Text: „Jupitern, dem Schutzgotte der Fremdlinge (Xenios), und Minerven, der Soldatenpatronin (Strateia).“
  7. 440 fl.
  8. Vgl. Apollodor I, 9, 17. und II, 1, 5.