Hohe Fluth

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Autor: Hans Warring
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Titel: Hohe Fluth
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 4-7, S. 57–62, 77–82, 106–108, 120–123
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[57]
Hohe Fluth.
Erzählung von Hans Warring.


Mehrere Tage lang hatten heftige Nordstürme die See aufgewühlt, mit Ungestüm die Wogen auf den Strand geworfen und die Baumwipfel auf den hohen bewaldeten Strandbergen geschüttelt. Es war ein Wetter gewesen, das eher an den November, als an den Juni erinnerte, und doch zeigten die noch in jungem Blätterschmucke prangenden Bäume und das frische Grün der Wiesen, daß man sich in diesem wonnigsten Monate des Jahres befand. Auch jetzt noch, obgleich die Wuth des Sturmes sich gelegt hatte, konnte das aufgeregte Meer sich nicht beruhigen. Man vernahm sein Toben bis in die letzten Häuser des Badeortes, und die Stadtbewohner, welche eben erst zur Sommerfrische in dem Orte angelangt waren, versicherten, daß es besonders zur Nachtzeit, wenn alle anderen Stimmen schwiegen, entsetzlich wäre, das Wüthen des Elementes zu hören. Man könnte kein Auge zuthun bei dem Tosen, sagten sie, und wenn das noch längere Zeit so fortginge, dann thäte man am besten, seine Zelte wieder abzubrechen und zurückzukehren in die sichere Stadt. Was nun ersteres anbelangte, so hatte der Nordwind ihnen diese Mühe erspart. Er hatte die leichten Sommerbuden zusammengeworfen, wie ein ungeduldiges Kind seine Kartenhäuser, und die Leinwand hin und her gezaust, daß man gemeint, es würde kein Faden neben dem andern bleiben. Mehr Widerstand hatten ihm die Villen geleistet, welche sich die reichen Handelsherren der benachbarten Großstadt in dem Orte gebaut hatten. Zwar hatte er sie bis in ihre Grundvesten erschüttert, aber sie dennoch nicht zum Wanken gebracht; sie fühlten festen, soliden Grund unter sich, ebenso wie ihre Besitzer. Dafür aber hatte sich der Wind mit desto größerer Wuth an den Gartenanlagen vergriffen, die jene Villen umgaben. Er hatte auf den Rasenplätzen die hochstämmigen Rosen und Lilien geknickt und die sorgsam hinaufgerankten Reben von den zierlichen, sommerlichen Veranden gerissen. Und als alle diese Gewaltthaten vollbracht waren, hatte er aufgehört zu toben und, zufrieden mit seinem Werke, sich in seinen Krystallpalast am Nordpole zurückgezogen. Die Sonne wurde endlich Herr über den Aufruhr und lächelte vor ihrem Niedergange so mild auf die Verwüstung herab, als wollte sie mit ihrem Blicke alle Schäden heilen. –

Vor dem großen Logirhause, das seine offene Halle der See zukehrte, hatte sich eine Gruppe von Herren zusammengefunden, welche den Sonnenuntergang beobachteten und dabei die Aussicht auf kommende schöne Tage erörterten. Sie hatten so stetig in die Gluth des niedersinkenden Gestirns geschaut, daß, als es endlich langsam in der Fluth verschwunden war, ihre Augen nur unsicher und geblendet durch den schnell aufsteigenden Abendnebel zu blicken vermochten. Dies mochte wohl auch der Grund sein, daß einer der Herren von dem Reiter, der, von einem Reitknechte gefolgt, langsam die chaussirte Dorfstraße daher kam, bereits als Bekannter mit einem Schwenken des leichten Hutes begrüßt worden war, ehe Jener noch etwas Anderes wahrgenommen hatte, als den schön gebogenen Hals und die ebenmäßigen Formen des herrlichen Rappen, und daß die Hand des Ankommenden, der sich schnell vom Pferde geschwungen hatte, schon auf seiner Schulter ruhte, als er sich noch damit beschäftigte, die goldene Brille abzureiben, um schärfer ausschauen zu können. Zu gleicher Zeit tönte eine Stimme in sein Ohr, die trotz der langen Zeit, in der er sie nicht gehört hatte, dennoch plötzliche Erinnerungen an vergangene frohe Stunden in ihm wachrief.

„Guten Abend, König David!“ sagte die Stimme, und der Eigenthümer derselben, ein großer Mann mit braunem, schönem Vollbarte, blickte lächelnd den Angeredeten an, der, etwa um einen Kopf kleiner als er, ernsthaft und forschend ihm in's Gesicht schaute. Doch dauerte sein Schwanken nur kurze Zeit. Ein Ausdruck freudigen Erstaunens breitete sich über seine Züge, als er, Jenem die Hand kräftig schüttelnd, ausrief:

„Sehe ich recht? Gerhardt! Wo in aller Welt kommst Du her, so plötzlich und erfreulich wie das gute Wetter nach den kalten stürmischen Tagen? Und verändert hast Du Dich, daß ich Dich beinahe nicht wiedererkannt hätte. Mir scheint’s, Du bist kleiner geworden – oder liegt es daran, daß Deine Breite jetzt in besserem Verhältnisse zu Deiner Länge steht? Deine stattliche Gestalt giebt auch dem ärgsten Spötter nicht mehr das Recht, Dich, wie wir es einst thaten, für eine mathematische Linie zu erklären, die bekanntlich zwar Länge, aber keine Breite hat.“

Der Andere lächelte.

„Ja,“ sagte er, „die Jahre haben ihr Werk an mir gethan. Sie haben, wie ich hoffe, alles Schwankende an mir gefestigt, nicht allein die lange, schmale Figur. Was aber Dich anbetrifft, König David, so bist Du merkwürdig der Gleiche geblieben. Du bist noch so schlank und behende wie damals, als Dein prächtiger Tenor und Dein lockenumwalltes Haupt – 'bräunlich mit schönen Augen' – Dir den Namen des israelitischen Sängers eintrugen. – Wo ich herkomme, fragst Du mich? – Nun, darüber ist bald Auskunft gegeben! Ich habe mir hier in der Nachbarschaft eine alte Ritterburg erstanden, auf welcher ich als Nachfolger der Deutschherren hause. Es ist dies ein altes Nest mit öden hohen Gemächern und hallenden Gängen, welches seinen [58] besten Werth dadurch erhält, daß eine gute Strecke schöner Felder und Wiesen und ein Wald dazu gehören, den ich Dir nicht beschreiben will, den Du selbst sehen sollst. – Nun aber befriedige auch meine Neugier, und laß’ hören, was Du treibst und wie es kommt, daß ich Dich hier im süßen Nichtsthun treffe, den ich als vielbegehrten Arzt in der großen Stadt wähnte?“

„Eins schließt das Andere nicht aus,“ entgegnete Jener gutgelaunt. „Wenn ich in der Stadt vielbegehrt bin, so bin ich es auch hier, da die Liste der hiesigen Badegäste zum größten Theile Namen aus der dortigen Einwohnerschaft ausweist. Ich muß daher im Sommer mehr unterwegs sein, als es mir wünschenswerth ist. Und in diesem Sommer wird dies voraussichtlich noch mehr der Fall sein, als sonst. Ich habe einen kleinen Patienten hier, der meine fortwährende Aufmerksamkeit und Sorgfalt in Anspruch nimmt, der so recht eigentlich durch die Mühe, die er mir gemacht hat, mein Eigenthum geworden ist, und auf welchen ich Rechte zu besitzen meine, die ich durch manche an seinem Bette durchwachte Nacht errungen habe. Nun, dieser kleine Bursche hat mich auch heute hergeführt, und wenn Du mich begleiten willst – es ist nur eine kleine Strecke Wegs, die Villenstraße hinab, – dann sollst Du seine Bekanntschaft machen und dabei eine alte erneuern.“

„Eine alte Bekanntschaft? – Du machst mich neugierig – wer ist es?“

„Nichts da!“ entgegnete der Andere, „ich gebe keinen weiteren Aufschluß. Komm’ mit und Du wirst mit eigenen Augen sehen und erkennen.“

„Wenn Du Dir zutraust, mich als willkommenen Gast dort einzuführen,“ sagte der Große, „so bin ich bereit. Aber bedenke, ich habe von jeher scharfe Augen gehabt – hast Du sie nicht zu fürchten? Die Sache mit dem kleinen Patienten scheint mir bedenklich – ist da nicht etwa eine hübsche Schwester, oder gar eine Mutter im Spiele, die Dich mehr in Athem hält, als der kleine Kranke?“

„Herr des Himmels, ist der Mann scharfsichtig!“ erwiderte lachend der Andere. „Beides ist vorhanden, sowohl eine Mutter, wie auch eine Schwester. Nun aber sage ich auch nichts weiter – komm’ mit und thu’ die Augen auf, dann wirst Du sehen.“

Die Herren wandten sich zum Gehen, und nachdem der Größere seinem Reitknechte gewinkt hatte, ihm mit den Pferden zu folgen, schritten sie eine Strecke die Hauptstraße entlang und bogen dann in den Weg zu den Villen ein. Sie gingen langsam zwischen den zierlichen, niedrigen Zäunen hin, welche die Straße von den sorgfältig gehaltenen Vorgärten trennten. In allen erblickten sie geschäftige Arbeiter, die bemüht waren, die Verwüstungen des Sturmes zu verwischen. Zwischen den Laubgruppen schimmerten helle Sommerkleider, und in den offenen Hallen saßen die Bewohner plaudernd um den gedeckten Theetisch.

Der Doctor grüßte rechts und links auf eine Weise, die seinen Begleiter erkennen ließ, daß er wohlbekannt und wohlgelitten in den Häusern sei. Auch glaubte er zu bemerken, daß es vorzugsweise die Augen der Frauen waren, die ihm mit Interesse folgten.

Diese Wahrnehmung erregte sein Lächeln. Es wurde ihm dadurch wieder lebhaft jene entschwundene Zeit in’s Gedächtniß zurückgerufen, da sie Beide lustige Jenenser Studenten waren und sein Freund jede Woche ein anderes Liebesabenteuer hatte. Sie waren damals eine Zeitlang Stubennachbarn gewesen, und er erinnerte sich daran, wie fast kein Tag entschwunden war, ohne ein duftiges, kleines Billet oder sonst eine zierliche Sendung für Jenen zu bringen. Mit einiger Verwunderung fragte er sich, wie es hatte geschehen können, daß dieser oft beneidete Liebling der Frauen bis jetzt unvermählt geblieben war, wie er selbst, der doch in früherer Zeit stets eine sehr bescheidene Rolle in der Gesellschaft gespielt hatte. Während er noch darüber nachdachte, öffnete Jener die Thür des letzten der Gärten, und beide Männer betraten den Kiesweg, welcher einen sauber gehaltenen, weiten Rasenplatz begrenzte. Auf demselben stand eine hohe Frauengestalt leicht niedergebeugt zu einem Arbeiter, der sich knieend mit einem beschädigten Rosenbäumchen beschäftigte. Die Dame stand von den Kommenden abgewandt, sodaß diese ihr Gesicht nicht sehen konnten. Aber die schlanke Gestalt, die anmuthige Haltung, die graziöse Art, wie die weiche, dunkle Seide ihres Gewandes in reichen, ungebrochenen Falten herniederfloß, machten sie auch in dieser Stellung zu einem angenehmen Ruhepunkte für die Blicke der Nahenden. Als deren Schritte dem Ohre der Dame hörbar wurden, richtete sie sich in die Höhe und wandte sich langsam um.

„Guten Abend, Frau Helene!“ sagte der Arzt, während er ihr mit dem Vorrechte des alten Bekannten die Hand hinreichte. „Verzeihen Sie, daß wir Sie stören in der Ausübung Ihres milden Amtes, Wunden zu heilen! Ich bin vor kaum einer Stunde angekommen und wollte mich vor Nacht noch von dem Befinden unseres Felix überzeugen – und da habe ich Ihnen einen alten Freund und neuen Nachbar mitgebracht, der mir unterwegs ganz unvermuthet in den Wurf gekommen ist. Schauen Sie ihn an, Frau Helene, und sagen Sie mir, ob Sie sich dieses kleinen, zarten Menschenkindes noch von früherher erinnern!“

Die schöne Frau hob langsam das Auge und schaute mit einem ernsten, prüfenden Blicke zu dem Fremden empor. Dieser regte sich nicht, nur das schnellere Heben und Senken der Brust bezeugte, daß er lebe und athme. Seine Augen waren auf das glänzende, dunkle Haar der Dame gerichtet, dessen reichen Flechten ein paar widerspenstige Löckchen entwischt waren. Und diese auf dem schlanken Halse sich kräuselnden Löckchen waren es, die ihm plötzlich die Leiden verflossener Jahre mit peinvoller Deutlichkeit in’s Gedächtniß zurückriefen. Unter den auf ihn einstürmenden Erinnerungen wurde die Pause des Stillschweigens, welche den Worten des Doctors folgte, ungebührlich lang. Das zartgeschnittene bleiche Gesicht der jungen Frau wurde von einem feinen Roth übergossen, und der Blick ihrer großen dunkelgrauen Augen begann unsicher zu werden. Endlich hatte sich der Fremde gefaßt und sagte mit einer wohlklingenden, tiefen Stimme: „Wollen Sie es meiner Ueberraschung zu gute halten, gnädige Frau, wenn ich heute wieder in den Fehler meiner Jugend zurückfalle und da schweige, wo Reden geboten wäre? Der Doctor hier hat mir allerdings das Wiedersehen einer Freundin aus frühern Tagen verheißen, daß ich aber Sie, gerade Sie, hier treffen würde, das habe ich so wenig vermuthet, daß die Ueberraschung mir im ersten Augenblicke die Fähigkeit raubte, Ihnen meine Freude darüber auszudrücken.“

Die junge Frau reichte ihm lächelnd die Hand.

„Ihre Stimme,“ sagte sie, „giebt mir erst Gewißheit darüber, wen ich vor mir habe. Meine kurzsichtigen Augen haben mich darüber in Zweifel gelassen. Daher ist meine Begrüßung auch weniger herzlich ausgefallen, als es bei einem lieben Freunde aus der Jugendzeit der Fall sein sollte. Lassen Sie mich das Versäumte nachholen und Ihnen sagen, daß ich Sie von Herzen willkommen heiße! Und Sie sind unser Nachbar geworden – ich denke, lieber Doctor, so sagten Sie doch? – und weilen hier am Orte, um gleich uns Seebäder zu nehmen?“

„Behüte, Frau Helene!“ entgegnete der Doctor, „wir haben in unserem Freunde den neuen Besitzer von Schloß Hirschberg zu begrüßen, denselben, für welchen die schönere Hälfte der Badegesellschaft bereits schwärmt, ohne ihn zu kennen. Ja, ja, Du Glücklicher,“ wandte er sich lachend an seinen Freund, „man hat Großes mit Dir im Sinne. Man hat Absichten auf Dich und Alles, was Dein ist. Dein Park liegt uns gerade bequem zu unsern Pikniks und Waldfesten. Deine Wagen und Pferde brauchen wir zu unsern Ausflügen in die Umgegend, und Dich selbst pressen wir zum Vorstande des Vergnügungscomités. So ist’s beschlossen in öffentlicher Sitzung, was natürlich nicht kleine private Pläne ausschließt, die Dich dem Gelübde der Ehelosigkeit untreu machen sollen, das Du, wie man sich erzählt, als würdiger Nachfolger der Ordensbrüder abgelegt haben sollst. Ich habe jetzt meine Freundespflicht an Dir erfüllt und Dich gewarnt. Und nun, Frau Helene, lassen Sie mich meinen Kleinen sehen! Wie steht’s sonst bei Ihnen – Alles wohl?“

Er hatte während der letzten Worte die Hand der jungen Frau ergriffen, sie durch seinen Arm gezogen und sich dem Hause zugewandt, Alles mit der Miene eines Mannes, der ein unbestreitbares Recht in Anspruch nimmt. Sie hatte es geschehen lassen, es aber so einzurichten gewußt, daß der Fremde an ihrer andern Seite dem Hause zuschritt.

„Der Doctor hat ein scharfes Ohr,“ sagte sie lächelnd, „er hört das Klappern der Theetassen von der Veranda her und weiß, daß es unsere Pflicht ist, diesem Zeichen pünktlich zu gehorchen. – Also als Landwirth finde ich Sie wieder, und eben [59] dachte ich darüber nach, welch einen juristischen Titel Sie jetzt wohl führen könnten. Haben Sie die Beamtencarrière aufgegeben?“

„Seit längerer Zeit schon,“ entgegnete er. „Es waren damals eben andere Zeiten als jetzt. Und als ich einsehen gelernt hatte, daß Kenntnisse, Pflichttreue und Arbeitslust nicht ausreichten, mich in meiner Laufbahn vorwärts zu bringen, daß man noch außerdem ein gänzliches Aufgeben meiner selbständigen Ansicht von mir verlangte – da wählte ich einen andern Beruf. Ich habe bis jetzt keine Ursache gehabt, es zu bereuen.“

„Das glaube ich, sagte der Doctor. „Die Verwandlung eines geplagten, unbesoldeten Assessors in einen freien, wohlhabenden Gutsbesitzer ist sicherlich für Jedermann eine ganz angenehme Sache. Aber nicht Jedem geht es so gut, so zu rechter Zeit der Erbe einer reichen, alten Tante zu werden. Du hattest aber immer Glück bei den alten Damen. Das hattest Du Deinen braunen Locken und Deinem mädchenhaften Erröthen zu verdanken.“

„Ja, wir pflegten uns immer brüderlich zu theilen,“ entgegnete Jener mit melancholischem Lächeln, „Dir fielen die jungen und mir die alten Damen zu. Indessen kann ich nicht leugnen, daß es eine Zeit gab, wo mir diese Einrichtung manches Herzeleid bereitet hat.“

Man war während dessen bis an die Stufen gelangt, die an der Hinterseite des Hauses zu einer offenen Vorhalle hinaufführten, von welcher man eine freie Aussicht auf die See hatte. Eine von der Decke herabhängende Ampel erleuchtete den Raum und warf ihr Licht auf den darunter stehenden Tisch, der mit glänzendem Damastgedeck, feinem Porcellan und Silber zierlich servirt war.

„Onkel Doctor! Onkel Doctor!“ rief eine jubelnde Kinderstimme den Ankommenden entgegen, und ein kleiner Knabe streckte von dem Rollstuhle, auf welchem er saß, seine Arme nach dem Manne aus, der sich liebevoll zu ihm niederbeugte. Er beschäftigte sich in den nächsten Minuten so ausschließlich mit dem Kinde, welches seine Arme um seinen Hals geschlungen hatte, daß er außer einer flüchtigen Verbeugung im Vorübergehen der jungen Dame, die mit ungeduldig umwölkter Stirn hinter dem Theetische stand, keine weitere Aufmerksamkeit schenkte. Sie hatte seine Verbeugung mit einem hochmüthigen Neigen des Kopfes erwidert und sich dann mit dem dampfenden Theekessel zu schaffen gemacht. Auch als Frau Helene zu ihr herantrat, blickte sie nicht auf.

„Du hast Dich so lange erwarten lassen, Mama,“ sagte sie dabei in mißmuthigem Tone, „daß es Dich nicht überraschen darf, den Thee vom langen Stehen trübe und bitter zu finden. Ich glaube, es ist bereits neun Uhr – hoffentlich setzen wir uns jetzt.“ –

„Laß mich Dir zuerst einen alten Bekannten vorstellen, liebes Kind,“ entgegnete die Angeredete, „einen Freund, den ich ganz unvermuthet als unsern Nachbar auf Schloß Hirschberg wiedergefunden habe – Herr Gerhardt von Schack – meine Tochter, Fräulein Rosa von Malwitz.“ –

Die Worte, in ruhigem, gleichmäßigem Tone und mit einer weichen, vollen Altstimme gesprochen, bildeten einen scharfen Contrast zu der ungeduldigen Redeweise der jüngern Dame und zu der lebhaft vibrirenden Stimme derselben. Mit einer schnellen Bewegung hob sie den Kopf empor und erröthete, als sie die ernsten Augen des Fremden mit einem unzufriedenen Ausdrucke auf sich gerichtet fand.

„Und hier haben Sie noch eine Bekanntschaft zu machen,“ fuhr die junge Hausfrau fort – „die meines Knaben. Hiermit wäre unser kleiner Kreis geschlossen, und wir können Rosa's Wunsch erfüllen und uns setzen.“

„Die Bekanntschaft Ihres Herrn Gemahls zu machen, darf ich heute nicht hoffen?“ fragte Schack, der sich vergebens nach dem Hausherrn umgesehen hatte.

„Meines Mannes?“ erwiderte Frau Helene, „so wissen Sie nicht, daß ich ihn verloren habe, schon vor sechs Jahren?“

Er zuckte zusammen und richtete die Augen auf das Gesicht der jungen Frau, welches ernst zu ihm aufblickte.

„Ich bitte um Verzeihung,“ sagte er nach einer Pause mit unsicherer Stimme. „Ohne es zu ahnen, habe ich durch meine Frage Ihnen Schmerz bereitet. – Seitdem ich erfuhr, daß Sie sich verheirathet, habe ich keine Gelegenheit gehabt, von Ihrem Ergehen zu hören. – Und Ihr kleiner Knabe hat den Vater schon so früh verlieren müssen? Das arme Kind!“

Er beugte sich zu dem Knaben nieder, der von dem Arzte indessen an den Tisch geschoben worden war, und blickte prüfend in sein Gesicht. Es waren unverkennbar fremde Züge darin, aber die Augen und der schön geformte Mund erinnerten ihn lebhaft an die Mutter. Er hob das feine zartgeschnittene Gesichtchen empor und küßte es.

„Du mußt mich besuchen,“ sagte er. „Ich habe einen kleinen Ponywagen, den Du selbst lenken sollst. Auch segeln wir einmal nach dem Leuchtthurm hinüber und sehen uns die großen Seeschiffe im Hafen an. – Was sagst Du dazu?“

Die Augen des Kindes leuchteten.

„Wenn ich ganz gesund sein werde, will ich gern kommen,“ sagte es.

„Felix hat einen schweren Winter hinter sich,“ berichtete die Mutter, „wenn er sich aber noch einige Tage still und geduldig verhält, dann verspricht Onkel Doctor ihm ein so gesundes Füßchen, daß er damit den ganzen Tag laufen und springen kann.“

Sie hatte sich neben das Kind gesetzt und winkte Gerhardt an ihrer Seite Platz zu nehmen.

„Ich hoffe, mein gnädiges Fräulein,“ sagte in diesem Augenblicke der Arzt mit einer tiefen, ceremoniellen Verbeugung, in welcher unverkennbar etwas Spott lag – „ich hoffe, Sie werden es mir verzeihen, daß ich als später Gast an Ihrem Theetische Ihnen Mühe bereite.“

„Das thun Sie durchaus nicht,“ erwiderte sie, und während sie sprach, hob sich ihre kurze Oberlippe empor, daß darunter die weißen, kleinen Zähne hervorblitzten. – „Sie sind nie im Stande, mir Mühe zu bereiten. Der Thee ist fertig, wie Sie hören konnten, und eine Tasse mehr oder weniger thut nichts zur Sache. Es geht eben in eins hin.“

Der Doctor lächelte und verbeugte sich abermals, dann nahm er seinen Platz zwischen dem schönen Knaben und dessen Schwester mit der Miene eines Mannes ein, dem man eben etwas sehr Angenehmes gesagt hat.

Während des Schweigens, welches der unliebsamen Antwort folgte, und das nur durch das Klappern der Tassen unterbrochen wurde, hatte der Fremde Zeit das ungeduldige kleine Fräulein näher zu betrachten. Sie war augenscheinlich noch sehr jung, etwa sechszehn- oder siebenzehnjährig. Ihre Gestalt war, obgleich unter Mittelgröße, von vollendeter Symmetrie und reizender Fülle und zeigte sich in allen Bewegungen behende, anmuthig und leicht. Ihr wundervolles, glänzendes Blondhaar fiel in natürlichem Gelock um Hals und Schultern und wurde zuweilen in einer Art zurückgeschüttelt, die von dem erregbaren Temperamente der Besitzerin zeugte. Dazu stimmten auch die lebhaften braunen Augen, welche zuversichtlich in die Welt blickten, das feingeformte Näschen, das durch eine kleine, eine ganz kleine Neigung, sich in die Höhe zu heben, dem Gesichte einen pikanten, kampfbereiten Ausdruck gab, sowie die Haltung der schlanken Gestalt, die etwas Festes, Selbstbewußtes hatte und die Absicht der jungen Dame auszudrücken schien, die einmal eingenommene Position tapfer gegen jeden Angriff zu vertheidigen. Alles zusammen genommen, machte die Erscheinung den Eindruck, als könne in gewissen Fällen die Gesellschaft des jungen Mädchens unbehaglich, nie aber langweilig werden.

„Es hat stark bei Ihnen gestürmt, Frau Helene,“ sagte der Doctor, „man merkt das an dem Nachgrollen des Wetters. Ich spreche Ihnen mein herzlichstes Beileid zu dem schlechten Anfange aus.“

Die Worte wurden in harmlosem, freundlichem Tone gesprochen; das Gesicht des Doctors sah unschuldig aus wie das eines neugebornen Kindes – und dennoch schien für Fräulein von Malwitz ein Angriff darin zu liegen. Sie gab durch ein schnelles Zucken der Wimpern und ein hastiges Heben des Kopfes Kunde davon.

„Warum sagst Du das nur der Mama und nicht auch mir, Onkel? Ich habe auch den Sturm gehört, und er war gräulich anzuhören – das kannst Du mir glauben.“

Der Kleine sprach die Worte mit der Eifersucht eines kranken, verzogenen Kindes, das daran gewöhnt ist, sich zum Gegenstande allseitiger Aufmerksamkeit gemacht zu sehen.

[60] „Gräulich anzuhören! Das glaube ich gern, mein Kleiner. Ich wünschte nur, ich wüßte ein Schutzmittel, das Euch sicher stellte gegen die Unbilden des entfesselten Elementes.“

Die Lippen des jungen Mädchens zuckten spöttisch.

„Sie kennen ja so Vielerlei, Doctor – Simonis,“ sagte sie, „vielleicht möchte es Ihnen auch gelingen, eine chinesische Mauer um den Badeort zu bauen. Ich denke, das würde dem gewünschten Zwecke entsprechen.“

„Das ginge über meinen Zweck hinaus,“ entgegnete er ernsthaft. „Mein Wunsch beschränkt sich darauf, die Bewohner dieses Hauses, nicht die ganze Badegesellschaft zu schützen.“

„Es wäre viel christlicher, wenn Sie diesen Wunsch auf die Allgemeinheit ausdehnten.“

„Christlicher?! Können Sie im Ernste einem Abkömmlinge von Juden und Judengenossen die Zumuthung stellen, sich einer christlichen Nächstenliebe zu befleißigen? – Auch ich bin gewöhnt, nur da Hülfe zu leisten, wo solche noth thut, hier aber thut sie dringend noth.“

„Und weshalb hier mehr als anderswo?“ fragte das junge Mädchen, indem sie hastig den Kopf erhob und einen finstern Blick auf den Gast warf.

„Weil Frau von Malwitz und Felix von zarter Gesundheit sind und weil sie den Lärm stets in nächster Nähe haben.“

„Dachte ich's doch!“ rief das junge Mädchen mit zuckender Lippe, „dachte ich's doch, daß es wieder auf eine Beleidigung abgesehen war! Ich möchte Sie in allem Ernste bitten, mein Herr, Ihre Worte besser zu bedenken.“

Der Doctor blickte mit einer unschuldig verwunderten Miene von seiner Theetasse auf.

„Mein gnädiges Fräulein,“ sagte er, „ich sehe mit Ueberraschung, daß Sie meinen harmlosen Worten einen versteckten Sinn unterlegen. Ich sollte denken, daß dieselben kaum mißzuverstehen sind. Da dieses Haus das letzte in der Villenstraße und das nächste der See ist, so wird mein Ausspruch kaum noch einer Erklärung bedürfen.“

Die junge Dame antwortete nicht, aber ein verächtlicher Zug, der sich um ihren ausdrucksvollen Mund legte, sprach deutlicher, als Worte es vermocht hätten.

„Sie müssen wissen, lieber Freund,“ wandte sich Frau Helene lächelnd zu dem neben ihr sitzenden Gaste, „daß zwischen meiner Tochter und dem Doctor ein fortwährender Krieg stattfindet. Täglich hoffe ich, daß die fortgesetzte Anstrengung des Kampfes eine Erschöpfung beider Parteien zur Folge haben werde, die sie zum Frieden geneigt machen möchte. Bis jetzt aber hat sich zu meinem Bedauern meine Hoffnung nicht erfüllt.“

„Ist das meine Schuld, Frau Helene? Ich wünsche aufrichtig den Frieden, allein das gnädige Fräulein kann ohne Kampf nicht leben. Es ist das mehr ihr Verhängniß, als eigene Wahl. Das Blut ihrer erlauchten Vorfahren, das Blut von Rittern und Kriegern braust durch ihre Adern – ich unglücklicher Mensch bin derjenige, welcher am meisten darunter leidet.“

„Wenn dies der Fall ist,“ antwortete Rosa schnell, „dann wundert es mich, daß Sie sich Ihrer Abstammung gemäß nicht friedliebender zeigen. Kampfesmuth pflegt man im Allgemeinen Ihrem Volke nicht zum Vorwurf zu machen.“

Dem Doctor zuckte es um die Lippen. „Wahr, mein Fräulein! Ich habe auch schon darüber nachgedacht, was mich so hat aus der Art schlagen lassen, und da habe ich herausgefunden, daß es der Tropfen versprengten Ritterblutes sein muß, der einst durch die Heirath meines Großvaters mit der Schwester des Ihrigen in unsere Familie gekommen ist. Meine schöne Großmutter muß doch keine so große Antipathie gegen die Abstammung des kecken, eben getauften Bankiers gehabt haben, der es wagte, sie aus einem Fräulein von Malwitz zu einer einfachen Frau Simonis zu machen. Ich muß mir diesen Umstand immer wieder in's Gedächtniß zurückrufen, um mein Gemüth daran aufzurichten, wenn es durch Ihre Grausamkeit, gnädige Cousine, niedergedrückt wird.“

„Sie vergessen, daß man die Heirath meiner Großtante auch anders erklären kann, und ich bin überzeugt, daß meine Erklärung die richtige ist. Ihr Großvater war ein reicher Mann und seine Gattin eine arme Waise, als er ihr seine Hand anbot.“

„Ich protestire gegen diese Erklärung,“ rief der Doctor schnell. „Mein Gefühl empört sich dagegen, daß Sie dieser Dame aus erlauchtem Hause denselben Schachergeist zusprechen, der meinen Großvater und alle seine Vorväter beseelt und den Mammon zusammengescharrt hat, der noch manche Generation der Simonis beschweren wird. Nein, mein Fräulein, eine solche Beleidigung kann ich meiner Großmutter nicht anthun lassen. Ich behaupte, es war Liebe – ein beseligender Zug des Herzens, der sie meinem Großvater einte. Widersprechen Sie mir nicht! Es wird Ihnen nie gelingen, mich vom Gegentheil zu überzeugen.“

Um einer heftigen Antwort Rosa's vorzubeugen, zu welcher sie ganz bereit schien, streckte Frau Helene die Hand nach der Glocke aus und gab dem eintretenden Diener einige Befehle. Das junge Mädchen war dem Winke gehorsam und schwieg, aber der Ausdruck ihres Gesichts gab eine desto beredtere Antwort. Ihre Oberlippe hob sich wieder empor, und wieder erschien darunter der perlmutterweiße Streif ihrer kleinen scharfen Zähne.

„Wie lange bleibst Du hier, Onkel?“ fragte der Kleine.

„Morgen den ganzen Tag,“ lautete die Antwort. „Denke darüber nach, wie wir ihn genießen wollen, mein Junge! Und Du, Schack, merke Dir, daß sich morgen das Vergnügungscomité constituirt. – Zeige Dich dankbar und nimm ohne Widerrede Dein Kreuz auf die Schultern!“

„Thorheit, Doctor – ich danke für die Ehre. Ich habe nicht einmal einen Begriff davon, welche Pflichten mir als Mitglied dieses schrecklichen Comités obliegen würden.“

„Man wird sich Deiner Unwissenheit schon annehmen,“ tröstete ihn der Arzt.

„Wer kann mich zu diesem Amte vorgeschlagen haben? Ich bin fast unbekannt hier.“

„Fast, aber doch nicht ganz. – Uebrigens darfst Du mich nicht so strafend ansehen; ich bin unschuldig daran. Hätte ich freilich ahnen können, daß Du Dich als der fragliche Schack auf Hirschberg entpuppen würdest, dann hätte ich mit meiner Stimme nicht zurückgehalten. Denn mir ist noch sehr wohl erinnerlich, daß Du in früherer Zeit ein unverwüstlicher Tänzer warst. Ja, ich entsinne mich sogar, daß es Dir gelang, selbst mich einmal zu bewegen, in einer entsetzlichen Sturmnacht bei strömendem Regen eine drei Meilen lange Fahrt im offenen Wägelchen zu machen, damit Du den Cotillon mit einer gewissen jungen Dame nicht versäumtest.“

„Du sprichst von längst vergangenen Zeiten,“ erwiderte Jener, „und vergissest, daß andere Motive, als bloße Tanzlust damals vorlagen.“

„Diese Motive können wiederkehren. – Nun, es würde mir wirklich eine rechte Freude sein, Dich in die Stimmung Deiner gefühlvollen Jugendzeit zurückfallen zu sehen. Ich werde Dich Bekanntschaften machen lassen, die es Dir beweisen sollen, wie empfänglich Dein Herz noch ist.“

Gerhardt war im Begriffe zu erwidern, daß neue Bekanntschaften dazu weniger im Stande sein dürften, als solche, die aus glücklichen Jugendjahren stammten, allein die Hausfrau, als ob sie diese Entgegnung geahnt hätte und sie unterdrücken wollte, gab das Zeichen zum Aufstehen. Die Stühle wurden gerückt, und man erhob sich. Während der Doctor sich die ein- für allemal gestattete Cigarre anzündete, war Frau Helene langsam die Treppe hinabgeschritten. Gerhardt folgte ihr, und Beide wandten sich dem Mittelgange zu, der durch die Gartenanlagen bis zu der Balustrade führte, hinter welcher der Berg schroff zur See abfiel. Während man drinnen verweilt hatte, war auch der letzte Schimmer der Tageshelle verschwunden, dafür aber war der Mond aufgegangen, und in seinem Lichte glänzten die bewegten Wogen wie flüssiges Silber. In den blühenden Büschen zwitscherte hin und wieder ein Vogel wie im Traum, und unter den Bäumen rechts und links vom Wege glänzten Johanniskäfer im thaufeuchten Grase.

[77] „Wissen Sie auch, Frau Helene, daß der heutige Abend mich wunderbar an den erinnert, den wir vor zehn Jahren zum letzten Mal zusammen verlebten?“ fragte Gerhardt, als er neben ihr langsam den Weg hinabschritt. „Es war damals auch eine so milde schöne Nacht, wie die heutige. Sie sollten am nächsten Morgen abreisen, um zu Ihren Eltern in die ferne, große Residenz zurückzukehren, und ich war von E., wo ich als jüngster Referendar auf dem Kreisgerichte arbeitete, herausgekommen auf das Landgut Ihrer Tante, um Abschied von Ihnen zu nehmen. Aber das Glück war mir nicht günstig – ich fand das Haus voll von Gästen. Vettern und Basen waren von Nah und Fern gekommen. Sie waren so umringt, Frau Helene, daß ich, als die Stunde der Heimkehr geschlagen hatte, mich mit einer Verbeugung und einigen leisen Worten beim Abschied begnügen mußte. Und doch hätte ich meine Seligkeit darum geben mögen, wenn ich nur zehn Minuten mit Ihnen hätte sprechen können. – Ich glaube, nie vorher und kaum jemals nachher bin ich wieder so unglücklich gewesen, wie in jener Nacht, als ich langsam heimritt durch die blühenden Felder.“

Sie hatte ihm schweigend zugehört. Auch in ihr war die Erinnerung an jenen Abend und an das herbe Weh des Abschieds wieder wach geworden. Sie entsann sich, wie mühsam sie damals ihre Thränen zurückgehalten, wie schwer sie hatte kämpfen müssen, um die ihr schon früh zur Pflicht gemachte Selbstbeherrschung aufrecht zu erhalten. Dann, zurückgekehrt in ihr stattliches, reiches Elternhaus, hatte sie gewartet, still und geduldig. Sie hatte es nicht fassen können, daß Alles vorbei sein – daß sie sich getrennt haben sollten für immer. Aber ein Tag nach dem andern war verflossen; sie waren zu Wochen und Monaten geworden, und keine Kunde war zu ihr gelangt. Ihre Gesundheit hatte zu wanken angefangen – sie entsann sich, wie sie sich darüber gefreut, wie sie gehofft hatte, es werde bald Alles vorüber sein. Ihre Eltern, deren einziges Kind sie war, liebten sie zärtlich und versäumten nichts, was sie retten konnte. Der Arzt hatte Luftveränderung und Zerstreuung angerathen, und unverweilt wurden Reisevorbereitungen getroffen. In der Schweiz hielt man sich längere Zeit auf. Hier, in einer Pension unweit Flüelen, am Vierwaldstätter See war es, wo Helene ihren Gatten kennen lernte. Er war ein stattlicher, ernster Mann in der Vollkraft des Lebens. Seit einiger Zeit Wittwer, zog er sich von allen rauschenden Vergnügungen zurück, schloß sich aber mit großer Herzlichkeit an Helenens Eltern an. Die schöne sanfte Tochter hatte gleich anfangs einen mächtigen Eindruck auf den reifen, hochgebildeten Mann gemacht, der noch gesteigert wurde durch die leidenschaftliche Liebe, welche sein zehnjähriges Töchterchen für Helene faßte. Da er sich schon früh als tapferer Officier ausgezeichnet hatte und schnell avancirt war, so konnte seine Lebensstellung auch die anspruchsvollsten Eltern befriedigen. Helene hatte unterdessen ihren Stolz zum Bundesgenossen aufgerufen; ihr siebenzehnjähriges Köpfchen hatte einen hohen Begriff von der Würde ihres Geschlechts, und sie sagte sich, daß es ihrer unwürdig sei, sich mit Schmerzen nach Jemand zu sehnen, der sich nichts aus ihr mache. Zudem war sie daran gewöhnt, die Wünsche ihrer Eltern als Befehle zu betrachten – sie widerstand ihnen auch jetzt nicht. Sie war noch nicht achtzehnjährig, als sie Herrn von Malwitz ihre Hand reichte und ihm in seine Garnison folgte. Alle diese Erinnerungen waren mit der Plötzlichkeit eines Blitzes wieder vor ihre Seele getreten. Alle Gefühle, von welchen sie damals durchwogt war, lebten in ihr mit voller Klarheit wieder auf, während die Worte des Mannes in ihr Ohr tönten. Er sprach mit bewegter Stimme – wollte er etwa jetzt, da er sie durch Zufall wiedergefunden hatte, die Beziehungen von Neuem anknüpfen, die er damals durch eine zufällige Trennung hatte zerreißen lassen? Er hatte in der Zwischenzeit so wenig an sie gedacht, daß er nicht einmal die wichtigsten Ereignisse ihres Lebens kannte – wähnte er in ihr noch das leichtgläubige sechszehnjährige Mädchen zu finden, das seine Huldigungen zitternd und wonnevoll empfangen und darauf gläubig und vertrauensvoll das Gebäude ihres künftigen Glückes errichtet hatte? Hielt er sie für eine, nach welcher er, wenn der Zufall sie in seine Nähe führte, nur nachlässig die Hand ausstrecken dürfe? Ihr Stolz empörte sich bei diesem Gedanken – sie war es sich, ihrem verstorbenen Gatten und ihrem Kinde schuldig, die Würde ihres Geschlechts und des Namens, den sie trug; streng zu wahren.

„Wer von uns hat nicht an Stunden zurückzudenken, welche unsere Erwartungen nicht erfüllt haben!“ sagte sie mit ihrer schönen, ruhigen Stimme, welche trotz ihres Wohlklangs dennoch ernüchternd auf ihren erregten Begleiter wirkte, „zumal in der Jugendzeit, wo unsere Wünsche und Hoffnungen gern bis in den Himmel hinein fliegen. In späteren Jahren lernen wir die Kunst, Alles auf das gehörige Maß zu beschränken. Ich habe oft gedacht, ob die Erziehung, welche uns das schon in der Jugend lehren könnte, nicht die verständigste und tüchtigste wäre. Wie es bei Männern sein mag, weiß ich natürlich nicht; allein [78] das habe ich oft gefühlt, daß wir Frauen in unserer Jugend – ich meine wir, die wir mit den gewöhnlichen Sorgen des Lebens nicht zu kämpfen haben, denen ein gütiges Schicksal schon vor der Geburt eine reiche, schöne Heimath bereitet hat – ich meine, daß wir unserm Gefühlsleben eine zu große Wichtigkeit einräumen. Wie voll überschwänglichen Glückes sind nicht unsere Jugendträume! Wir erbauen uns in unserer Phantasie ein Haus und durchleuchten es mit ewigem Sonnenschein. Man läßt uns Zeit – denn ernste Pflichten haben Mädchen unseres Standes selten zu erfüllen – es mit Gestalten zu bevölkern, die dem Boden der Wirklichkeit nicht entsprossen sind, die unsern kindischen, überspannten Hoffnungen, nicht aber dem alltäglichen Leben angehören.“

„Sie sprechen aus Erfahrung, Frau Helene?“ fragte er, und während er sprach, ließ er seinen Blick forschend auf ihrem zarten, vom Mondschein beleuchteten Gesichte ruhen.

„Sicherlich thue ich das,“ entgegnete sie schnell. „Ich leugne es nicht, daß ich mir von vielen Dingen – und auch von vielen Menschen – mehr versprochen habe, als sie im Stande waren zu halten. Es sei fern von mir, jenen daraus einen Vorwurf machen zu wollen. Ich erkenne gern an, daß nicht sie die Schuld daran trugen, sondern lediglich mein eigener thörichter Kopf. Aber diese Zeiten sind zum Glücke lange vorüber. Die Schule, die ich habe durchmachen müssen, war vielleicht keine ganz milde; allein sie hat ihren Zweck erreicht. Sie hat mich gelehrt, mich mit dem Möglichen zu bescheiden und keine Wünsche zu hegen, deren Erfüllung nicht in der ruhigen Fortentwickelung des Gegebenen liegt.“

Sie blickte zu seinem Gesichte empor und sah, daß es bleich und leidend aussah. Ihr Herz fing schmerzlich an zu klopfen – sie fühlte die Nothwendigkeit, dem Gespräche eine andere Richtung zu geben.

„Es wäre auch schlimm, lieber Freund,“ sagte sie leichter und heiterer sprechend, „wenn eine alte Frau wie ich sich noch thörichten Jugendphantasien hingeben wollte. Lächeln Sie nicht – ich fühle in Wahrheit, daß ich alt werde. Erinnern mich doch alle Dinge, die ich schaue, daran, daß eine lange Zeit zwischen heute und meiner Jugend liegt. Sehen Sie,“ fuhr sie fort, dicht an die Balustrade tretend und auf eine Linde hinweisend, die mit theilweise bloßgelegten Wurzeln dicht über dem Abgrunde schwankte, „dieses Baumes weiß ich mich zu erinnern, als er noch mehrere Schritte vom Abhange entfernt stand. Damals stand er innerhalb der Balustrade; er hat mit seinen überhängenden Aesten oft meine kleine Hängematte getragen, als ich nicht älter war, als jetzt mein Felix ist. Meiner Mutter waren zu jener Zeit Seebäder verordnet, und mein Vater hatte diesen Grund und Boden gekauft und ihr das Sommerhaus darauf gebaut. Hier habe ich gar oft gelegen und mich vom frischen Seewinde schaukeln lassen. Aber wieviel Sandkörnchen sind seitdem den Abhang hinabgerollt, wie oft hat der Wind in den Aesten rütteln müssen, bis es ihm gelungen ist, den alten treuen Baum so weit zu bringen, daß man mit Sicherheit voraussehen kann, es ist dies der letzte Sommer, dessen er sich freut. Die Herbststürme werden ihn unfehlbar zu Fall bringen, und zwar trotz der Mühe, die sich Jeder von uns gegeben hat, ihn zu erhalten. Mein Mann, der sich für diesen alten Freund aus meiner Kinderzeit auch lebhaft interessirte, hatte ihm zum Schutze den Abhang mit Weidenstecklingen bepflanzen lassen. Sie gingen aber ein in dem dürren Sande. So sehe ich ihn unrettbar dem Untergange geweiht – und so habe ich schon viel Werthvolleres dahin gehen sehen. Solche Erfahrungen aber, mein Freund, machen ernst und alt. Glauben Sie mir, jedes der zwanzig Jahre, die vergangen sind, seitdem meine Hängematte hier hing, hat mehr als die gewöhnliche Anzahl der Tage gehabt.“

„Ich erkläre mir das dadurch, Frau Helene,“ erwiderte er, „daß Sie von jeher ernster, beobachtender, inniger gewesen sein mögen, als andre Kinder, Sie haben eben früher angefangen zu leben. Selbst damals, als ich Sie kennen lernte – Sie waren in jenen Tagen fast noch Kind – wurde ich oft überrascht durch die Tiefe und den Ernst Ihres Wesens. Sie lebten ein andres Leben, als das heitere Schmetterlingsleben Ihrer Cousinen, das Sie doch theilten.“

„Sie täuschen sich, mein Freund. Entsinnen Sie sich nur, wie oft Sie mir damals meine Spottsucht und meinen Uebermuth zum Vorwurfe machten!“

„Ich weiß das wohl. Aber dieser lachende Uebermuth war Ihnen etwas bis dahin Unbekanntes gewesen. Er brach zur Ueberraschung Ihrer Verwandten plötzlich hervor mit einem Glanze, der uns Alle entzückte. Und doch sahen sie nur den Widerschein, lernten sie nur die Nachwirkung dessen kennen, was reich und von den Meisten ungeahnt in Ihrem Innern aufgelebt war. Ich aber, Helene, ahnte es – und es machte mich trunken von Glück.“

Er hatte mit bewegter Stimme geendet. Schweigend schritten sie nebeneinander den Weg entlang. Aber während die Lippen der jungen Frau geschlossen blieben sprach eine Stimme in ihrem Innern das Urtheil aus: er wußte also um meine Liebe – er erkannte den Ernst und die Tiefe derselben, und dennoch konnte er unserer Trennung kein Wiedersehen folgen lassen. „Da kommt der Doctor,“ sagte sie nach einer kleinen Pause ruhig.

Gerhardt fuhr aus seinen Gedanken und beschleunigte gleich seiner Begleiterin die Schritte, um Jenen zu erreichen.

„Wünschen Sie mir Glück, Frau Helene,“ sagte der Arzt in einem Tone, der Kunde gab von der freudigen Erregung seines Wesens – „wünschen Sie mir Glück, und ich kann Ihnen frohen Herzens ein Gleiches thun. Eben habe ich Felix' Füßchen untersucht und zum ersten Male die volle Ueberzeugung gewonnen, daß die Operation gelungen ist. Wenn Ihr wüßtet, was es heißt, trotz der gewissenhaftesten Pflichterfüllung des Erfolges nicht sicher zu sein, wenn Ihr die Pein kenntet, an seiner Kunst oft gerade da verzweifeln zu müssen, wo man den besten Theil seines Selbst hingeben möchte, um ein günstiges Resultat zu erlangen; wenn Ihr, wie ich, unter dem Jammer dieser Unzulänglichkeit gelitten hättet, dann könntet Ihr mir die Freude nachfühlen, womit ich jetzt sage: es ist gelungen.“

Er hatte mit einer Empfindung gesprochen, die dem ruhigen, sarkastischer Wesen des Mannes sonst fremd war. Jetzt nahm er den Hut ab und ließ die erhitzte Stirn vom Nachthauche kühlen.

„Lieber Doctor,“ entgegnete Helene mit bewegter Stimme, „Sie wissen, wie tief ich in Ihrer Schuld schon stehe, und wie fast jeder Tag Ihre Schuldforderung an mich noch vergrößert. Ich bin gewohnt, Ihre Anordnungen vertrauensvoll gut zu heißen – heute aber muß ich doch mit Ihnen rechten. Sie haben heute erst Gewißheit erlangt über den Erfolg der Operation, und mich ließen Sie in ruhiger Sicherheit dahinleben? Sie haben mir die Gefahr verheimlicht, worin mein Kind schwebte? Doctor, Ihre Absicht mag gut gewesen sein – aber war es recht, so an mir zu handeln?“

„Ich hielt es dafür,“ lautete die schnelle Antwort. „Noch habe ich nicht die Zeit vergessen, wo ich einen hoffnungslos Kranken in Ihrem Hause behandelte. Damals hatten wir Ihnen den sichern Ausgang nicht verheimlichen können. Ich habe gesehen, wie schwer Sie unter dieser Hoffnungslosigkeit gelitten haben. Nun, Frau Helene, ich konnte es nicht über das Herz gewinnen, Ihnen etwas Aehnliches wieder anzuthun. Glauben Sie mir, es ist mir nicht leicht geworden, meinen Zweifel, meine Unruhe still zu tragen, wenn ich in Ihre hoffnungsfreudigen Augen blickte! Ich habe keine Vorwürfe verdient – reichen Sie mir die Hand und sagen Sie: Ich danke, Doctor.“

Die junge Frau erfüllte sein Verlangen, dann wandte sie sich dem Hause zu.

„Bleiben Sie noch, ich bitte,“ sagte sie zu den beiden Männern, die ihr schweigend nachschauten, „ich möchte Ihnen noch besser 'Gute Nacht' sagen als ich es jetzt vermag. Zuvor aber muß ich noch zu meinem Sohne; er ist daran gewöhnt, vor dem Einschlafen meinen Kuß zu empfangen.“

„Mir ist zu Muthe, Gerhardt, als sei eine Centnerlast von meinen Schultern genommen,“ sagte der Doctor, als die junge Frau in's Haus getreten war. „Ich kann Dir nicht beschreiben, wie sehr ich unter der Qual dieses Zweifels gelitten habe. – Wie oft haben die schwersten Selbstvorwürfe mich gepeinigt, daß ich den Kräften des zarten Kindes zu viel zugemuthet – daß mich der Wunsch, das Antlitz der Mutter glücklich lächeln zu sehen, verleitet hätte, die Operation zu beschleunigen, die ich ganz wohl erst in einigen Jahren hätte vornehmen können. Freilich hatte ich auch wieder die Entschuldigung für mich, daß gerade diese Art Uebel, je früher, desto sicherer geheilt wird. – Aber obwohl ich mir dies immer wiederholte, habe ich doch seit [79] Wochen keine ruhige Stunde gehabt. Mit einer Angst, wie ich sie noch niemals empfunden habe, ging ich heute daran, die Bandagen und Schienen zu lösen – und siehe da! Alles ist so, wie ich es nicht besser wünschen kann. Das Bürschchen hat jetzt zwei gesunde Füße – der eine ebenso gerade und ebenso lang wie der andere. Ich sage Dir, kein Vater könnte sich mehr darüber freuen, als ich es thue.“

„Du liebst den Kleinen sehr?“ fragte Gerhardt.

„Wie sollte ich nicht?“ entgegnete der Doctor. „Habe ich ihm doch mit Mühe und Noth in's Leben geholfen und dadurch so eine Art Vaterrecht über ihn erworben. Ich habe stets eine Vorliebe für Kinder gehabt – Du mußt Dich dessen noch von früher her erinnern – es pflegten mir immer einige an den Rockschößen zu hängen. Nun, für dieses Kind aber fühle ich mehr, als für irgend ein anderes, schon der Mutter wegen. Du weißt doch, daß ich mit der Familie von Malwitz verwandt bin; Malwitz und ich waren Vettern im zweiten Grade, und ich bin zu einer Zeit Arzt im Hause gewesen, die wohl geeignet war, die Menschen einander näher zu bringen. Es war nach Malwitz’s Verwundung bei Königgrätz. Die Sache schien anfangs ungefährlich zu sein, und ihm war in Folge dessen die Heimreise gestattet worden. Aber bald nach seiner Rückkehr – ich selbst hatte ihn abgeholt und mit aller Sorgfalt, deren sein Zustand bedurfte, heimgeleitet – sah ich, daß es eine Wendung zum Schlimmen mit ihm nahm und daß sein Zustand mit jedem Tage bedenklicher wurde. Eine Verheimlichung war unmöglich – bei seinem Anblicke mußte auch das Auge des Laien erkennen, daß hier nichts mehr zu hoffen war. Und dieser gräßliche Zustand dauerte nicht etwa nur Wochen – es gingen Monde darüber hin, und immer war die Frau an seiner Seite, still und geduldig zu jedem Dienste bereit. Wie lebensmüde und wie hoffnungslos sie war – wie dieses Nicht-sterben-können und Nicht-leben-dürfen auf ihr Gemüth gewirkt hatte, das erkannte ich erst, als in all diesem Jammer das Kind geboren wurde. Die Rechte des armen Jungen war ihm schon vor der Geburt verkümmert worden. Die Mutter hatte ihn und sich selbst vergessen über dem Wunsche, die letzten qualvollen Tage des Gatten zu erhellen. Der Vater – der arme Mann – hatte am eigenen Elend genug zu tragen – ihm war Alles um ihn her gleichgültig geworden. So kam es, daß bei der kaum zwanzigjährigen Frau jeder Lebenswunsch und jede Lebenskraft so darniederlag, daß das Bürschchen es nur mir zu verdanken hat, daß sein Geburtstag nicht zugleich sein Todestag wurde. Du siehst, ich habe beinahe Vaterrechte an dem Jungen, fast ebensolche, wie der arme sieche Mann, dessen letzter Athemzug beinahe in dieselbe Minute fiel, in der sein Sohn den ersten Schrei ausstieß. – Unter diesen Umständen ist meine Vorliebe für das Kind gewiß erklärlich.“

Die beiden Männer waren während des Gesprächs den Kiesweg entlang geschritten, welcher den Rasenplatz umgab. Sie hatten die Hinterfront des Hauses vor sich, und hier waren es hauptsächlich zwei von faltigen rothseidenen Vorhängen verhüllte Fenster, welche die Blicke Schack’s anzogen. Hinter diesen Vorhängen glänzte ein mildes, verschleiertes Licht: die Nachtlampe in Frau Helenens Schlafgemach, und der Schatten einer schlanken Gestalt – Schack erkannte sie deutlich – glitt an den Vorhängen hin. „Er liebt den Knaben wie sein eigenes Kind – er sagte, er sei ihm um der Mutter willen theuer – es kann kein Zweifel obwalten: er liebt sie. Und ebenso zweifellos ist es, daß auch sie ihn nächst ihrem Kinde am meisten liebt. Anfangs mag es nur Dankbarkeit gewesen sein, und vielleicht ist es auch jetzt nicht viel mehr. Aber dieses Gefühl ist so innig und tief, daß er mit Geduld und Beharrlichkeit sicherlich zu seinem Zwecke gelangen wird.“

Er wandte sich mit einem halbunterdrückten Seufzer ab, um weiter zu schreiten, blieb aber wieder stehen, als sein Gefährte ihm nicht folgte. Dieser stand da und blickte aufmerksam durch die weitgeöffneten Flügelthüren in den Saal hinein, der nur durch eine einzige, auf einem Tische brennende Lampe matt erhellt war. An diesem Tische saß Rosa von Malwitz. Vor ihr lag ein Buch, sie schien aber nicht darin zu lesen; denn während der Zeit, daß die beiden Männer sie betrachteten, wandte sie weder ein Blatt um, noch veränderte sie ihre Stellung. Sie saß da, einen Arm auf den Tisch gestützt, das Haupt tief gesenkt und mit der Hand das Gesicht so beschattend, daß der Ausdruck desselben den Blicken der Beobachter entzogen blieb. Aber die Haltung des jungen Mädchens und ihre starre Unbeweglichkeit sprachen dafür, daß keine heitern Gedanken sie beschäftigten. Da öffnete sich die Thür ihr zur Seite, und Frau Helene trat ein. Man sah, daß die junge Frau freudig bewegt war; ihr Gesicht war von milder Röthe übergossen und zeigte einen Ausdruck strahlenden Glückes. Sie blieb neben ihrer Stieftochter stehen, um mit ihr zu sprechen, beugte sich nieder zu ihr und legte ihr die Hand auf die Schulter. Da kam plötzlich Leben in die unbewegliche Gestalt. Mit einer hastigen, ungestümen Wendung, als ob sie etwas Widerwärtiges von sich abschütteln wollte, entfernte sie die Hand von ihrer Achsel. Sie war aufgesprungen und stand ihrer Stiefmutter gegenüber, augenscheinlich zornige Worte ihr entgegensprudelnd. Plötzlich aber hielt sie inne, verhüllte mit den Händen ihr Gesicht und brach in leidenschaftliche Thränen aus. Dann eilte sie aus dem Zimmer, die Thür heftig hinter sich in’s Schloß werfend.

„Welch’ ein stürmisches, unberechenbares Temperament dieses Mädchen hat!“ sagte Schack im Tone herber Unzufriedenheit. „Das Zusammenleben mit ihr muß eine Qual sein. Hätte ich hier einen Einfluß geltend zu machen – ich würde diese kleine Tyrannin aus dem Hause schaffen. Sie müßte mir unter ernste Aufsicht kommen; ein strenges Pensionat für ein oder zwei Jahre wäre eine dienliche Sache für sie.“

„Wenn ein Mädchen achtzehnjährig ist, kann man sie nicht mehr gut in die Schulstube stecken,“ entgegnete der Doctor bedenklich. „Aber ich wüßte dennoch ein Mittel: Man müßte ihr einen Mann finden, der es verstände, sie in guter, ehelicher Zucht zu halten.“

„Sieh mich nicht so prüfend an!“ rief Schack lachend. „Selbst wenn Du in mir die nöthigen Eigenschaften erkennen solltest, dieses böse Käthchen im Zaume zu halten – ich würde mich dennoch niemals dazu verstehen, ihren Petruccio zu machen.“

„Auch nicht aus Freundschaft für Frau Helene?“ fragte der Doctor lächelnd. „Es läßt sich nicht verkennen, sie leidet unter dieser Ungleichheit der Laune. Schau hin, wie in Gedanken verloren und wie niedergeschlagen sie dasteht!“

„Deshalb eben will ich, daß Du der Sache so schnell wie möglich ein Ende machst, Doctor. Du darfst es nicht zugeben, daß man sie in ihrem eigenen Hause und unter Deinen Augen tyrannisirt. Du hast ja hier so eine Art von Hausherrnrecht occupirt – mache es geltend! Es wäre das ein gutes Werk.“

„Du willst mich also durchaus zu Frau Helenens befreiendem Ritter machen? – Du bist indessen kein zuverlässiger Rathgeber – Du bist Partei in der Sache. Wir müßten da doch tiefer auf den Grund gehen. Es ist ein alter Erfahrungssatz, daß, wo zwei sich nicht vertragen, die Schuld gewöhnlich an beiden Theilen liegt.“

„Das sagst Du nach der Scene, deren Zeuge ich heute gewesen bin? Ich dächte, das Benehmen am Theetisch gegen Dich könnte Jeden davon überzeugen, wer hier der Friedensstörer ist.“

„Bitte, laß mich aus dem Spiel!“ rief der Doctor, „wir sprachen ja von Frau Helenens Leiden und nicht von den meinigen.“

„Aber Du kannst doch Niemand verwehren, aus dem Betragen der jungen Dame gegen Dich Schlüsse zu ziehen, wessen ihre Hausgenossen sich von ihr zu versehen haben.“

„Sie ist nicht ganz so schuldig, wie es scheint – ich will gerecht sein und gestehen, daß ich sie reize. Ich liebe den Kampf mit ihr; ihr Zorn erfrischt mich wie ein Wellenbad. Anfangs findet man es etwas frisch – vielleicht auch ein wenig zu frisch – aber bald fühlt man sich ganz behaglich. Ich muß bekennen, sie gefällt mir nie besser, als wenn sie zornig ist.“

„Ueber den Geschmack läßt sich nicht streiten,“ meinte der Andere. „Ich erkenne willig die Berechtigung des Deinen an, wenn ich ihn auch nicht begreifen kann. Indessen kommt es hier nicht auf Deinen Geschmack allein an – Du solltest billig auch den Anderer berücksichtigen. Und bedenke, wie soll sich die Zukunft gestalten mit einer Hausgenossin, deren Gegenwart Behagen, Friede und Ruhe illusorisch macht?“

„Durchaus nicht!“ sagte der Doctor behaglich; „ihr Temperament mag gefährlich sein, aber nicht für den, der Meister darüber bleibt. Ich bin stets als Sieger aus unsern Kämpfen hervorgegangen, und so wird es auch in Zukunft bleiben.“

„Verzeih!“ entgegnete Schack mit zuckender Lippe, „ich sprach [80] nicht von Dir.“ Leise aber setzte er hinzu: "So sicher also fühlt er sich seiner Zukunft, daß er jene Worte unbedenklich auf sich bezog.“

Indessen hatte eine ältliche Dienerin sich ihnen mit einer Botschaft ihrer Herrin genaht. Die gnädige Frau ließe um Entschuldigung bitten, sagte sie, daß sie nicht mehr in den Garten käme. Sie ließe den Herren gute Nacht wünschen und hoffte, sie morgen zu sehen. Auf die Frage des Arztes nach den Befinden des Kleinen berichtete sie, daß er ruhig schlafe, die gnädige Frau aber wäre von plötzlichem Kopfschmerz befallen worden und hätte sich bereits zur Ruhe begeben.

Als die beiden Männer sich dem Ausgange zuwandten, war die Nachtlampe hinter den rothen Vorhängen das einzige noch brennende Licht im Hause; alle anderen Fenster zeigten sich dunkel. Drinnen aber im Saale saß Frau Helene und blickte den beiden Gestalten nach, welche an der Gartenthür stehen geblieben waren, um Schack's Reitknecht zu erwarten, der die unruhigen Pferde langsam die Villenstraße entlang ritt. Das Mondlicht war hell genug, um die zierliche Gestalt des Arztes und die hohe, straffe, stattliche des Edelmannes deutlich in allen Bewegungen erkennbar zu machen. Als sie ihnen nachschaute, dachte sie daran, wie wenig sie es in ihrer Jugend geahnt hatte, daß derjenige, der damals ihr bester Freund, ihr treuester Verehrer gewesen war, ihr einst so fern stehen würde. – Sie hatte damals mit der Erkenntniß seiner Liebe, und im beglückenden Gefühl der ihrigen ihr Schicksal für unumstößlich besiegelt gehalten und war dennoch nach kaum zwei Jahren die Gattin eines andern Mannes geworden. Sie war es geworden ohne Zwang, selbst ohne Ueberredung. Es hatte genügt, daß sie diese Verbindung als sehnlichen Wunsch ihrer Eltern erkannt hatte. Wenn hier eine Schuld vorlag – war es allein die des Mannes? Hätte sie nicht noch einige Jahre ruhig hoffen, ruhig warten müssen, bis er sich zu einer Stellung emporgearbeitet haben würde, die ihm in den Augen ihrer Eltern die Berechtigung gab, sich um die Hand ihres einzigen Kindes zu bewerben? – Aber warum schwieg er? Nur wenige Worte wären genügend gewesen.

Sie riß sich schnell aus ihren Gedanken empor. Sie schienen ihr ein Unrecht gegen den verstorbenen Gatten, den Vater ihres Kindes, zu sein. Aber schon im nächsten Augenblick kam sie wieder darauf zurück, als sie den Mann beobachtete, der sich jetzt von seinem Gefährten trennte, um sein Pferd zu besteigen. Wie hatte er sich verändert! Die fast überschlanke Gestalt des Jünglings hatte sich zu der stattlichen, in voller Lebenskraft blühenden des Mannes gefestigt. In jeder seiner Bewegungen lag die unbewußte Anmuth und Kraft eines vollkommenen Ebenmaßes. Helene blickte ihm nach, wie er das ungeduldige Pferd leicht und sicher zügelte, bis die Abendnebel hinter der Gestalt zusammenschlugen und sie ihrem Blicke entzogen.

Als sie sich vom Fenster abwandte, wurde sie durch das offen auf dem Tische liegende Buch an Rosa und an die Scene erinnert, die eben zwischen ihnen stattgefunden. Heute, wie schon mehrmals vorher, hatte sie Gelegenheit gehabt, wahrzunehmen, daß sie die Liebe ihrer Stieftochter, die sich in früheren Zeiten beinahe bis zu einer vergötternden Anbetung gesteigert hatte, verloren habe. Die Ursache hiervon aufzufinden, war ihr bis jetzt nicht gelungen. Sie hatte ihre Worte und ihr Betragen Rosa gegenüber einer ernsten Prüfung unterworfen; sie fragte sich auch jetzt wieder, ob sie vielleicht im Laufe des Abends eine Aeußerung gethan, welche das junge Mädchen verletzt habe. Allein trotz allen Nachsinnens konnte sie sich auch heute von einer bewußten Schuld freisprechen und mußte sich mit der Hoffnung trösten, daß die Zeit eine Klärung des ungleichen, launenhaften Wesens herbeiführen werde. Sie gestand sich auch heute wieder, wie schon oft vorher, daß es eine schwere Aufgabe sei, eine mütterliche Autorität auszuüben und mütterliche Liebe einem Wesen entgegenzubringen, welches ein eigenes Kind weder war, noch den Jahren nach sein konnte.




Als Rosa am nächsten Morgen aus ihrem Schlafzimmer trat, fand sie, daß ihre Stiefmutter und Felix noch nicht aufgestanden waren. Die Thüren des Gartensaales standen geöffnet; der Frühstückstisch war bereit, und Diener und Stubenmädchen gingen leise ab und zu in Erfüllung ihrer täglichen Pflichten.

Langsam trat das junge Mädchen in den Garten hinaus und schritt den Mittelgang hinab, der zu der Balustrade auf dem Strandberge führte. Hier blieb sie lange stehen und blickte auf die noch immer hochgehende See hinab. Aus unabsehbarer Weite wälzten sich die Wellen heran, eine nach der andern daherkommend und eine nach der andern mit lautem Rauschen auf den Strand niederfallend. Im Scheine der hellen Morgensonne glänzten sie wie dunkelgrünes Glas, auf welchem die weißen Schäfchen – die schaumgekrönten, sich überstürzenden Häupter der Wellen – schon weithin sichtbar waren. Rosa liebte die See, vielleicht deshalb, weil eine unleugbare Aehnlichkeit zwischen derselben und ihrem eigenen leicht erregbaren Temperamente herrschte. Sie hatte einen projectirten Aufenthalt in der Strandvilla stets mit Lebhaftigkeit befürwortet; die an der See verlebten Sommerferien waren ihr stets die genußreichsten gewesen, und Helene hatte es ihr zu Liebe sowohl jetzt, seitdem sie Wittwe war, wie auch früher, während der Dauer ihrer kurzen Ehe, so einzurichten gewußt, daß fast in jedem Sommer einige Wochen für das erfrischende Seebad erübrigt worden waren. So war Rosa zu einer Vertrautheit mit dem Elemente erlangt, welche ihr beim Baden eine Kühnheit und Gewandtheit gab, die ihr eine gewisse Berühmtheit bei den Badegästen eingetragen hatten. Man ließ es sich nicht leicht entgehen, ihrem muthwilligen Spiele mit den Wellen zuzuschauen und die zugleich anmuthigen und doch kräftigen Bewegungen zu bewundern, mit denen sie sich aus den Fluthen wieder emporarbeitete, wenn sie über ihrem Haupte zusammengeschlagen waren. Ihr rosiges Gesicht tauchte dann wie das einer Nixe aus der grünen Welle empor, um sogleich wieder unter dem weißen Schaume der nächsten zu verschwinden, und daß die schöne Rosa von Malwitz selbst im kleidsamsten Ballcostüm und in der anmuthigen Bewegung des Tanzes niemals so schön und reizend sei, wie als Wassernixe im Ostseebade, war eine Ueberlieferung, die von den Ohren gläubiger Brüder und Söhne willig aus dem Munde ihrer Mütter und Schwestern empfangen wurde. –

Wie es immer zu geschehen pflegte, so wurde Rosa auch heute von dem Spiele der sich überstürzenden Wogen mehr und mehr angezogen. Ihr Temperament, das stets zum Widerstande bereit war, wurde durch diesen Anblick kampfesfreudig erregt, und mit Entzücken nahm sie wahr, wie die rothe Fahne, das Zeichen der Gefahr, vom Damenbade entfernt wurde, um der weißen Platz zu machen, die mit der Erlaubniß zum Baden ihrem Kampfesmuthe die erwünschte Befriedigung versprach. Heiter ein Liedchen vor sich hin trällernd, wandte sie sich dem Hause zu, allein je mehr sie sich demselben näherte, desto zögernder und langsamer wurden ihre Schritte. Sie fühlte sich wieder von der ganzen Last des Schmerzes bedrückt, an der sie schon seit Monaten schwer getragen und unter welcher sie nicht allein selbst gelitten, sondern auch Andere leiden gemacht hatte. Sie dachte an den Zornesausbruch, der sich gestern über ihre sanfte, milde Stiefmutter ergossen, und trotz des eifersüchtigen Grolles, den sie zu ihrer eigenen Pein schon seit Monaten in sich genährt hatte, fühlte sie ihr Unrecht dennoch tief. Ihr Zorn pflegte nach solchen Ausbrüchen stets schnell zu verfliegen, um der Reue Platz zu machen. Sie trat dann bußfertig und demüthig vor die Gekränkte hin und sprach ihr Bedauern und ihre Bitte um Vergebung mit herzlicher, rückhaltsloser Offenheit unter Thränen und Liebkosungen aus. Diese Bitte wurde zwar stets gewährt, allein Helene verhehlte es sich nicht, daß ihr diese stürmischer Versöhnungsscenen fast nicht weniger unangenehm waren, als Rosa's leidenschaftlicher Zorn, und oft hatte sie die Mahnung ausgesprochen, das junge Mädchen möge gegen die Ausbrüche ihres ungestümen Temperaments mehr auf der Hut sein. Daß ein milder Tadel ihr auch heute bevorstünde, fühlte Rosa wohl, und sie erkannte willig die Gerechtigkeit desselben an. Es war auch nicht die Unbehaglichkeit dieser Erwartung, was ihre Schritte so zögern machte; es war das plötzlich sich ihr wieder aufdrängende Bewußtsein des gestörten innigen Verhältnisses, das Bewußtsein, daß sie nicht nur eine Ueberflüssige im Hause ihrer Stiefmutter sei, sondern daß man sie selbst als ein Hinderniß betrachte, das sich zwischen Helene und einen neuen Ehebund schiebe. Sie hatte ähnliche Andeutungen von Helenens Mutter, einer stolzen, kalten Dame, hören müssen, und seit jener Zeit war es geschehen, daß sie ihre harmlose Heiterkeit verloren und mit scharfem, spähendem Blicke um sich geschaut hatte. Welch eine Heirath es sei, die man für Helene [82] herbeizuführen wünschte, darüber konnte das junge Mädchen nicht im Zweifel sein. Die alte Dame zeigte offen ihre Vorliebe für Doctor Simonis, ja, sie hatte sogar schon mehrmals zu ihrer Tochter in Rosa’s Gegenwart Andeutungen gemacht, die es deutlich erkennen ließen, daß sie ihn für den einzigen Mann halte, der im Stande sei Helenens und vor allen Dingen Felix’ Glück zu begründen. Dergleichen Aeußerungen hatte die junge Frau nie verstehen wollen. Stets hatte sie eine Wendung gefunden, die das Gespräch in andere Bahnen lenkte, und dennoch – Rosa glaubte sich nicht zu täuschen, wenn sie bei Helene ein tiefes Interesse für den Arzt voraussetzte. Sie fügte sich stets vertrauensvoll seinen Anordnungen, und nicht nur den medicinischen; sie verhehlte nicht ihre Freude über seine Liebe zu ihrem Knaben und zögerte nie, sich in allen Dingen an ihn zu wenden, wo ihr der Rath oder die Hülfe eines Mannes noththat.

[106] Diese Beobachtungen hatten in dem jungen Mädchen eine Gemüthsstimmung erzeugt, vor welcher sie selbst oft erschrak. Es hatte sich ein tiefer Groll ihrer bemächtigt, ein Groll, der sich in manchen Augenblicken bis zu leidenschaftlichem Hasse steigerte. Sie konnte nicht mehr unbefangen, wie sonst, die vielfachen Beweise der Großmuth, welche sie von Helene empfing, hinnehmen; sie hatte angefangen, das Mein und Dein strenge zu sondern. Auch an Helenens Wesen, das ihr früher als das Musterbild hoher Weiblichkeit erschienen war, hatte sie begonnen, den Maßstab nicht nur einer strengen, sondern, wie sie sich selbst gestehen mußte, böswilligen Kritik zu legen. Besonders aber war es Helenens Verhalten gegen den Arzt, das sie mit eifersüchtigem, grollendem Blicke überwachte. Während ihr angeborner Gerechtigkeitssinn anerkennen mußte, daß Helene sich stets gleich geblieben war in offener, herzlicher Zuneigung, legte sie ihr dennoch unlautere Motive unter. Sie nannte sie intriguant, berechnend und coquett, und es war gestern nicht zum ersten Male [107] geschehen, daß sie sich erlaubt hatte, ihrem ungerechten Grolle Ausdruck zu geben.

Alle diese Gedanken arbeiteten in ihrem Kopfe, als sie langsam dem Hause zuschritt. In dem unseligen Zwiespalte ihrer Gefühle drängte es sie, ihre Arme um den Hals Helenens zu schlingen und sie um Verzeihung zu bitten wegen ihrer gestrigen Heftigkeit. Dann aber fiel ihr ein, daß Doctor Simonis – wenn sie diesen Namen leise für sich aussprach, gab sie ihm stets einen andern Klang, als wenn es vor Andern geschah, und sie pflegte in diesem Falle vorher stets eine Pause eintreten zu lassen, und ihn dann auszusprechen, als fasse sie ihn mit Zangen an – es fiel ihr ein, daß Doctor Simonis Helene gegenüber Aufmerksamkeit und achtungsvollste Höflichkeit bewiesen, während er sich gegen sie selbst spöttisch und herausfordernd, ja, geradezu unhöflich gezeigt hatte, und bei diesem Gedanken erhielt der Geist des Trotzes wieder Oberhand in ihrem Köpfchen. So geschah es, daß sie mit umwölkter Stirn und finsterem Blicke vor ihrer Mutter erschien, während es nur eines Hauches bedurft hätte, sie mit Reuethränen zu deren Füßen zu führen. Bei ihrem Eintritte blickte Frau Helene von einem Briefe auf, in welchem sie eben gelesen. Sie erwiderte ihrer Tochter kühlen Morgengruß mit einem Neigen des Hauptes und sagte dann:

„Ich habe soeben einen Brief von meiner Mutter erhalten; sie meldet ihren Besuch auf morgen an und gedenkt bis zum Schlusse der Badesaison hier zu bleiben. Dann macht sie den Vorschlag, Dich im Herbste mit nach Berlin zu nehmen, um Dich dort einige Wintervergnügungen genießen zu lassen. Bis jetzt habe ich eine Trennung von Dir stets zurückgewiesen, allein in letzter Zeit habe ich einsehen gelernt, daß es das Beste sein dürfte, wenn Du für einige Zeit in ein andres Haus einträtest. Vielleicht wird ein zeitweiliges Entbehren der Heimath Dich deren Vorzüge besser erkennen lassen, wenn Du zurückkehrst.“

Die junge Frau hatte in ihrer gewöhnlichen ruhigen, milden Weise gesprochen. Sie hatte den Vorschlag der Trennung nicht etwa in der Absicht gethan, eine Verbannungsstrafe über die Schuldige zu verhängen, sondern in der richtigen Erkenntniß der Thatsache, daß Rosa aus ihr unbekannten Gründen der Aufenthalt in ihrem Hause weder angenehm noch dienlich sei – dennoch aber wirkten ihre Worte auf Rosa wie eine ihr angethane schwere Beleidigung. Ihre Lippen zuckten; sie schüttelte mit einer trotzigen Bewegung des Hauptes ihre Haare zurück und nahm schweigend ihren Platz am Frühstückstische ihrer Mutter gegenüber ein. Erst als sie nach beendeter Mahlzeit in ihr Zimmer gegangen war und ihren Hut vor dem Spiegel aufsetzte, um zum Baden zu gehen, erlaubte sie sich die Erleichterung der Thränen. Der Gedanke, von dem lieben Hause scheiden, die Menschen, die ihr die liebsten waren, Monate lang nicht sehen zu sollen, von dem kleinen Felix sich trennen zu müssen – dieser Gedanke war so bitter, daß sich ihr Schmerz in einem leidenschaftlichen Ausbruche kund that. Aber schnell faßte sie sich wieder. Niemand sollte sagen, daß sie leide, Niemand ahnen, daß ihr eine Trennung schwer fallen würde.

„Sie verdienen es nicht, daß ich sie liebe,“ sagte sie trotzig, während sie die Stufen zum Damenbade hinabstieg, „denn sie Alle sind Heuchler. Alle hintergehen mich und glauben, ich sei so einfältig, sie nicht zu durchschauen. Es ist lange schon beschlossene Sache gewesen, mich aus dem Hause zu entfernen – ich habe das schon lange geahnt. Ich will ihnen nicht zur Last fallen; ich will gehen und sie von meiner Gegenwart befreien. Aber nicht dahin, wohin sie mich schicken, werde ich gehen – nicht in das Haus jener Frau, die ich verabscheue – zu fremden Menschen will ich meine Zuflucht nehmen. O, daß ich sie Alle vergessen könnte, daß ich im Stande wäre, die Liebe zu ihnen aus meinem Herzen zu reißen!

Die Wehmuth übermannte sie wieder, und sie mußte sich abwenden, ihre feucht gewordenen Augen zu trocknen. Dann aber faßte sie sich gewaltsam. War das die Art, wie sie sich benehmen mußte, um alle Welt an ihre ungetrübte Heiterkeit, an ihr ungestörtes Glück glauben zu machen? – Noch einen Augenblick brauchte sie, um sich zu sammeln, dann sprang sie leichtfüßig die Stufen hinab und langte mit einem Jauchzen, von welchem keine der bereits versammelten Damen vermuthet hätte, daß es aus einer schmerzbewegten Brust kam, unten am Strande an.

„Welch' ein Bad werden wir heute haben!“ rief sie jubelnd aus, indem sie so dicht an die Fluth herantrat, daß der Schaum der brandenden Wellen ihre Füße und den Saum ihres Morgenkleides benetzte. „Welch' ein Bad! Das erste wahrhaft schöne in diesem Jahre. Warum aber stehn sie Alle noch so zweifelhaft da? Hat noch Niemand den Muth gehabt, als Erste das Bad zu beginnen? Nur einen Augenblick Geduld – ich werde sogleich bereit sein.“

Sie eilte in leichten Sprüngen über den Sand hin und verschwand hinter der Thür der Bretterbude, die von ihr und Helene zum An- und Ablegen der Badekleider benutzt wurde. Einige Augenblicke später erschien auch diese unten am Strande.

„Die See geht noch ungewöhnlich hoch; ich habe nicht erwartet, daß heute das Bad gestattet sein würde,“ sagte sie zu einer der harrenden Badefrauen.

„Innerhalb der Barrière ist der Grund untersucht und ganz sicher befunden worden,“ lautete die Antwort. „Es ist demnach keine Gefahr zu befürchten, wenn sich die Damen nicht zu weit hineinwagen.“

Trotz dieser Versicherung war die Meinung der Anwesenden getheilt. Einige faßten Muth und erklärten, sich fertig machen zu wollen, um Fräulein von Malwitz in die See zu folgen. Andere dagegen riethen von diesem Vorsatze ab und meinten, daß nur einer so geübten Schwimmerin, wie Rosa, heute das Bad gestattet sein sollte. So kam es, daß, als diese im Schwimmcostüm, wie ein kecker, junger Matrose aussehend, erschien, die Schaar der Badelustigen und Badebereiten nur sehr klein war und daß selbst von diesen die Meisten erklärten, noch abwarten zu wollen, mit welchem Erfolge Rosa gegen die Wogen kämpfen würde, ehe sie selbst das Wagniß beginnen wollten.

„Die Wellen rollen heute schwer vom Strande zurück; sie werden Dich gewaltsam seewärts ziehen,“ sagte Helene warnend.

„Wer Angst hat, mag doch hübsch im Trocknen bleiben!“ entgegnete Rosa mit leichtem Hohn.

„Du solltest Dir wenigstens den Gürtel mit der Leine anlegen lassen,“ rieth Helene.

„Ich bedarf dessen nicht; ich bin meiner sicher,“ lautete die kühle Antwort.

„Bitte, nimm den Gürtel meinetwegen – mir zur Beruhigung!“

Die junge Frau hatte sanft und dringlich gesprochen und war Rosa währenddessen leise näher getreten. Diese wandte sich jäh und heftig zu ihr um.

„Bemühe Dich nicht, eine Besorgniß zu heucheln, die Dir nicht von Herzen kommt!“ sagte sie leisen Tones, aber mit blitzenden Augen. „Es gelingt Dir doch nicht, mir die Ueberzeugung zu nehmen, daß die See Dir einen dankenswerthen Dienst leisten würde, wenn sie Dir den bösen Schein ersparte, mich bei fremden Leuten ein Unterkommen suchen zu lassen. Ich rathe Dir übrigens, hier nicht länger zu verweilen – der Doctor wird wahrscheinlich um diese Zeit seinen Besuch bei Felix machen – bitte, versäume denselben meinetwegen nicht!“

Sie wartete eine Entgegnung nicht ab, sondern sprang mit lautem Lachen, dem ein feines Ohr das Erzwungene wohl anmerken konnte, von ihr hinweg.

Helene blieb einen Augenblick regungslos stehen. Dahin war es also gekommen. Rosa hatte jedes Verständniß, jede Erinnerung für bewiesene Liebe und Güte verloren. Sie fühlte sich durch diese Wahrnehmung anfangs lief niedergebeugt, dann aber ging jeder andere Gedanke in dem Mitleid unter, das der Anblick des jungen Mädchens ihr einflößte. Mit einer Lustigkeit, die den Jammer ihres Herzens vor Helenens Augen nicht verbergen konnte, machte Rosa sich eben bereit, ganz allein, ohne Gefährtin zu baden. Sie wandte sich noch einmal um, die Zurückbleibenden der Feigheit und Treulosigkeit anzuklagen und sie in scherzhaft pathetischem Tone zu Reue und Besserung zu vermahnen. Ihre Worte hatten einen unerhofften Erfolg. Noch im letzten Augenblick gesellte sich ihr eine Gefährtin zu, die Tochter einer befreundeten Familie, Rosa's liebste Gespielin von frühester Kindheit an. Helene sah noch, wie beide geübte Schwimmerinnen sich rücklings einer eben heranbrausenden Welle entgegenwarfen und neben einander aus den Fluthen wieder auftauchten, dann wandte sie sich zum Gehen, da für ihren Geschmack und ihre Fertigkeit die Wellen heute zu hoch gingen.

[108] Sie erstieg die Stufen, die zu ihrem Garten emporführten. Es kreuzten sich so verschiedenartige Gedanken in ihrem Kopfe, daß sie sich danach sehnte, allein zu sein, um sie sammeln und ordnen zu können. Wie ein Blitz war ihr eben die Erkenntniß gekommen, was die Ursache von Rosa's verändertem Wesen sei. Mit plötzlicher Klarheit stand die Gewißheit vor ihr, daß Rosa den Arzt liebe, und daß sie, irre geleitet von ihrem freundschaftlichen Verhältniß, in dem Glauben befangen sei, in ihr eine glückliche Rivalin zu sehen.

„Das arme, thörichte Kind!“ sagte sie leise lächelnd vor sich hin – „das arme Kind, warum schenkt sie mir kein Vertrauen? Wie leicht hätte ich durch wenige Worte ihrem Kummer und ihrer Eifersucht ein Ende machen können! O, wenn ich es nur verstanden hätte, ihr herbes, sprödes Wesen dem Doctor gegenüber richtig zu deuten – vielleicht hätte ich dann schon eine Lösung herbeiführen können, die zwei liebe Menschen für's Leben glücklich gemacht hätte!

Mit diesen Gedanken beschäftigt, war sie oben im Garten angelangt, als sie schnelle feste Schritte den Weg daherkommen hörte. Im nächsten Augenblicke bog Doctor Simonis um die Hecke und stand heiter grüßend vor ihr.

„Guten Morgen, Frau Helene!“ sagte er, ihr die Hand reichend, „wie geht es heute mit Ihrem Kopfschmerz? Ich muß Bericht darüber an Gerhardt erstatten, der sich vermuthlich eine unruhige Nacht darüber gemacht hat. Denn schon heute mit dem Frühesten langte ein Billet von ihm an, mit der dringenden Bitte um Nachricht. – Sie erröthen, Frau Helene? Ei, ei, die Sache beginnt von beiden Seiten gefährlich auszusehen. Ein Erröthen – ein wirkliches mädchenhaftes Erröthen, wie ich es an Ihnen in all den Jahren, die ich als Freund Ihnen zur Seite stehe, nicht erlebt habe. Und was Schack anbelangt, so macht er alle unsere Illusionen in Betreff des Vergnügungs-Comités zu Schanden. Er erklärt, daß er mit Niemand Etwas zu thun haben wolle, ich solle ihm die Leute – mit einer einzigen Ausnahme natürlich – vom Halse halten. Er sei nicht in der Stimmung sich Unbequemlichkeiten aufzuerlegen um der Narrheiten Anderer willen. Kurz, sein Humor ist in's Menschenfeindliche umgeschlagen, immer mit der schon erwähnten einzigen Ausnahme. Denn was ihm bei Anderen eine Narrheit ist – das Amüsement – das scheint ihm in einem einzigen Falle eine wichtigen Sache zu sein. So macht er den Vorschlag, uns heute Nachmittag den Wagen zu schicken, um einen Ausflug nach dem reizend gelegenen Seebude, einem zu seinem Gute gehörigen Vorwerke, zu machen. Was sagen Sie dazu, Frau Helene?“

Ehe die junge Frau antworten konnte, tönte ein lang anhaltender, vielstimmiger Angstschrei vom Strande zu ihnen herauf. Helene erbleichte.

„Was war das?“ rief sie zitternd aus. „Da ist ein Unglück geschehen. Rosa – es ahnt mir – ist beim Baden tollkühn gewesen. O Doctor, eilen Sie, retten Sie sie! Ich werde Hülfe herbei rufen.“

Sie eilte dem Hause zu, während der Arzt behende die Strandtreppe hinabsprang. Unten empfing ihn ein erneuetes Jammergeschrei der Versammelten. Bei seinem Anblick stürzte die ganze Schaar der rathlosen Frauen ihm entgegen. Er wurde umringt und von hundert Stimmen zugleich um schleunige Hülfe und Rettung beschworen, während man in der Angst und Verwirrung ihm dennoch hindernd und jede freie Bewegung hemmend in den Weg trat. Mit einer kräftigen Armschwenkung, wie man sie dem rücksichtsvollen zartsinnigen Manne kaum zugetraut hätte, machte er sich frei und stürzte dem Strande zu. Hier war nicht zu zögern, wenn die Rettung nicht zu spät kommen sollte – mit dem ersten Blicke hatte er das erkannt. Hastig warf er den beengenden Rock von sich und eilte den schreienden Badefrauen zu Hülfe, die, bis an die Brust im Wasser stehend und selbst nur mühsam gegen den gewaltigen Anprall der Wogen ankämpfend, sich vergeblich bemühten, den über die Barrière hinaus Verschlagenen die Rettungsleine zuzuwerfen. Die beiden jungen Mädchen kämpften – das sah er sogleich – mit ungleichen Kräften. Er hatte Rosa gestern noch die Tochter von Rittern und Kriegern genannt; sie bewies jetzt, daß der Muth und die Kraft ihrer Vorfahren in ihr lebten. Die zurückrollenden Wogen rissen sie gewaltsam seewärts, aber kaum war ihr blonder Kopf aus einer über sie hinstürzenden Welle emporgetaucht, so sah man sie mit Muth und Besonnenheit danach ringen, der Barrière wieder näher zu kommen. Die Badekappe war ihr vom Haupte geglitten; ihr blondes Haar schwamm auf den grünglänzenden Wogen. Zuweilen war sie dem rettenden Taue schon so nahe, daß nur wenige Augenblicke hingereicht hätten, ihre sehnsüchtig ausgestreckte Hand dasselbe ergreifen zu lassen, aber erbarmungslos kamen die Wogen heran und fielen mit gleichmäßig sich hebendem und senkendem Geräusch auf den Strand nieder. Und mit jeder, die zurückrollte, wurde die Entfernung größer – Rosa's Bewegungen wurden schwächer und matter.

Während dieses harten Kampfes war Helene mit neuer Hülfe unten angelangt. Sie hatte den Bedienten nach dem Logirhause gesendet, und der Besitzer mit einer Schaar von Gästen war schleunigst zur Rettung herbeigeeilt. Vom Dorfe liefen auf die Schreckenskunde Fischer herzu; man lief hin und her mit Leinen und Stangen; Andere stürzten zu den Rettungsbooten. Doch schien es, als ob jede Hülfe zu spät kommen sollte. Rosa kämpfte zwar noch muthig fort, obgleich ihre Bewegungen unregelmäßig und unsicher wurden, ihre Gefährten aber schien den Kampf aufgegeben zu haben. Eine Woge rollte über sie fort, und die andere hob sie wieder in die Höhe. Man sah ihr bleiches Antlitz für einen Augenblick aus den grünen Wellen auftauchen – dann verschwand es wieder. Die unglückliche Mutter des jungen Mädchens stieß einen Schrei aus, der selbst das brandende Meer übertönte. Da tauchte aus den Fluthen noch einmal ein weißer Arm empor – dann rollte Welle um Welle heran, aber keine brachte ein Zeichen mit von dem jungen Leben, das augenscheinlich der Vernichtung anheimgefallen war.

[120] Ein Theil der Frauen umringte die Mutter, die ohnmächtig auf den Strand niedergesunken war. Andere bemühten sich um Helene, deren Kräfte sie gleichfalls zu verlassen drohten. Sie aber wehrte jede Unterstützung ab und raffte sich gewaltsam auf. Mit angstvoll gespanntem Blicke, während ihr Herz mit schmerzhafter Heftigkeit pochte, beobachtete sie die Bewegungen der Menschen, die ihr beide gleich theuer waren. Sie sah, wie der Doctor sich den Rettungsgürtel hatte umlegen lassen, wie er den Frauen Anweisung ertheilte wegen Handhabung der daran befestigten Leine. Dann warf er sich muthig in die Wogen. Wieder und immer wieder wurde er an’s Ufer zurückgeworfen – allein er ermattete nicht. Stets von Neuem begann er den Kampf. Mit fast übermenschlicher Kraft rang er mit den Wassern; Helene sah, wie er allmählich, ganz allmählich vorwärts kam. Fast unmerklich vergrößerte sich die Entfernung zwischen dem Ufer und dem kühnen Schwimmer. Jede Welle warf ihn zwar wieder zurück, aber jedes Mal, wenn sein dunkler Kopf aus den Fluthen auftauchte, hatte er Raum gewonnen. So erreichte er allmählich die Barrière. Auch Rosa’s Kräfte schienen wieder zu wachsen, als sie sah, daß Hülfe nahte. Nun nur noch ein kurzes Ringen. Helene legte die Hand über die Augen; die Aufregung wurde so qualvoll, daß sie meinte, sie nicht länger ertragen zu können. Ihr schwindelte, und mit ausgestreckter Hand suchte sie nach einer Stütze. Da tönte ein Freudenschrei in ihr Ohr – wie durch einen Nebelschleier sah sie die Gestalt des Arztes, der Rosa in den Armen hielt. Sie entsann sich noch, daß sie mit ausgebreiteten Armen vorwärts gestürzt sei, daß sie Rosa’s Haupt an ihrer Brust gefühlt habe – dann senkte sich Nacht über sie.

Während hundert Hände sich regten, während die Rettungsboote in See gingen und die ganze Badegesellschaft in angstvoller Spannung das Resultat erwartete, wechselte Rosa, von Helene unterstützt, ihren Anzug. Sie hatte nach ihrer Rettung sich kaum Zeit gelassen, ihre Mutter zu umarmen, dann war sie neben der Ohnmächtigen niedergeknieet und hatte ihre Hände geküßt. Aber eine herzbeklemmende Angst hatte sie von einer Stelle zur andern getrieben. Sie hatte Alle von sich abgewehrt, die sie glückwünschend umdrängten, mit angstvollen Zügen die Anstalten beobachtet, welche zur Rettung der verunglückten Freundin getroffen wurden. Die Hände ringend, hatte sie um Beschleunigung derselben gefleht, und nur mit Mühe konnte endlich Frau Helene sie bewegen, sich von ihr umkleiden zu lassen. Als endlich Beide allein waren, als Helene die durchnäßten Kleider von dem zitternden Körper des jungen Mädchens entfernt hatte und ihre milden, beruhigenden Worte sich ebenso wohlthuend um ihre Seele legten wie die linde Gewandung um ihren übermüdeten Leib, da löste sich der Bann, der auf ihrem Herzen lastete, in Thränen auf. Schluchzend schlang sie ihre Arme um die Mutter, indem sie an ihr zu Boden sank und ihr Gesicht in ihrem Kleide barg. Und als Frau Helene mit liebkosender Hand über ihr Haar strich und sanft zu Ruhe und Mäßigung mahnte, da trieb die Angst das arme Kind wieder empor und mit einem wilden, verzweiflungsvollen Schrei rief sie aus:

„Keine Ruhe für mich, keine Ruhe für mich weder jetzt noch künftig! O, weshalb hat mein elendes Leben gerettet werden müssen – weshalb ruhe ich nicht neben meinem armen Clärchen in den Fluthen? Mutter, es giebt fortan kein Glück mehr für mich auf Erden – denn wisse, ein Mord lastet auf meinem Gewissen! Sieh mich nicht so entsetzt an! Ich bin nicht wahnwitzig. Sieh, die Arme bat mich, ihr die Hand zu reichen, ich aber sagte in der wilden Aufregung des Kampfes: 'Gehe an’s Land, wenn Du nicht sicher bist! Ich brauche heute meine Arme für mich allein?' – Dann kam Welle um Welle über mich, und als ich mich endlich emporgearbeitet hatte und nach der Gefährtin umschauen konnte, da sah ich sie schon über die Barrière hinaus verschlagen. Wie ein Blitz kam mir da der Gedanke: du mußt dein Leben einsetzen, um das ihrige zu retten. Ich strebte mit allen Kräften, sie zu erreichen. Es war nicht die Macht der Wellen, die mich ihr nachschleuderte; es war mein eigener freier Wille. Damit aber, Mutter, hörte auch meine Sühne auf. Denn mit dem Bewußtsein, daß ich mit dem Tode ringe, mit diesem Bewußtsein kam ein namenloses Grauen über mich; ich kämpfte mit verzweifelnder Kraft um mein – nur um mein Leben. Und dann – als ich sah, wie Er zu meiner Rettung herbeikam – wie er zu mir strebte – wie er rang meinetwegen – da erschien das Leben, das ich ihm verdanken sollte, mir so süß, daß jeder andere Gedanke mir davor entschwand. – Ach, erst in dem Augenblicke, als ich wieder festen Grund unter mir fühlte, als er von mir hinwegeilte, um das zweite Leben zu retten – erst da kamen alle Schrecken einer vergeblichen Reue wieder über mich. – O Mutter! wie soll ich leben mit der Schuld des Mordes auf meinem Gewissen?“

Frau Helene hatte sich über sie gebeugt. Ihre Thränen fielen mild und schwer wie Sommerregen auf die glühende Stirn des armen Kindes. Da tönte Geräusch vom Strande her zu ihnen herein. Neben dem Brausen des Meeres erscholl das Brausen vieler vereinter Menschenstimmen. Aber kein freudiger Aufschrei ließ sich vernehmen – Alles klang gedämpft, wie der dumpfe Ton einer Sterbeglocke. Schaudernd richtete Rosa sich in die Höhe: sie wußte, auch ohne es zu sehen, daß es gelungen sei, die Leiche zu finden. Nun knirschten schwere Schritte über den Sand hin: die Schritte von Männern, die eine Last trugen. Mit einer wilden Bewegung preßte Rosa die Hände an ihre schmerzenden Schläfe. Die Tritte der Träger erschollen näher und näher – jetzt wurde von außen die Wand der Bude gestreift, in welcher die beiden Frauen sich befanden. Dann ließ sich ein Geräusch vernehmen in dem benachbarten Raume: man legte die Leiche dort nieder.

„Komm fort!“ sagte Frau Helene sich aufraffend und sich bemühend, Rosa mit sich fortzuziehen, „komm fort von hier! Laß uns nach Hause zurückkehren und zusammen der Entscheidung harren! Vielleicht, daß Gott Erbarmen hat und das schwere Leid von Dir nimmt! Lasse den Muth nicht sinken, Kind! Wir wollen beten, daß die Rettung gelingt.“

Da ließ sich die wohlbekannte Stimme des Arztes vernehmen [122] – sie sprach einige Worte der Ermuthigung zur verzweifelnden Mutter. Rosa meinte die Stimme ihres Heilandes zu vernehmen. Dann hörten die lauschenden Frauen, wie dieselbe Stimme energisch Befehle ertheilte, wie sie eine der Badefrauen zum Beistande herbeirief, wie sie gebieterisch die Entfernung aller andern Personen, selbst die der Mutter verlangte – dann wurde es still nebenbei.

Es war die schwerste Stunde in Rosa’s Leben, die nun folgte. Die Angst ihres gequälten Herzens trieb sie von Stelle zu Stelle. Zu Hause angekommen, wanderte sie mit gerungenen Händen ruhelos im Saale auf und nieder, von Minute zu Minute hinauslauschend, ob die Entscheidung endlich nahe. Um sie zu beruhigen, hatte Helene schon mehrmals ihr Mädchen hinabgesandt, um Erkundigungen einzuziehen. Aber immer wieder war sie ohne Nachricht zurückgekehrt.

Der Herr Doctor habe sich eingeschlossen und habe bis jetzt auf alle Anfragen noch keine Antwort ertheilt – so lautete der sich stets wiederholende Bericht. Rosa’s Muth sank mit jeder verrinnenden Minute mehr; Helenens Gesicht wurde bleicher und bleicher. Da, in der größten Noth, war es wieder derselbe Retter, der zur Erlösung herbeieilte. Schritte kamen die Gartentreppe herauf; die Thür wurde von einer festen Hand geöffnet und mit leuchtenden Augen, obwohl bleich und übermüdet, trat der Arzt in’s Zimmer. Es bedurfte für Rosa nur eines Blickes in sein Gesicht, um die Gewißheit zu erlangen, von welcher das Schicksal ihres Lebens abhing. Sie stieß einen Schrei aus und stürzte ihm entgegen.

„Gerettet?“ fragte Helene.

„Gerettet!“ entgegnete er lächelnd. Und während seine bis zum Aeußersten angestrengten Kräfte ihn jetzt mit der Entscheidung plötzlich zu verlassen drohten, während er sich matt auf die Lehne eines Stuhles stützte, hörte er den aufjauchzenden Schrei Rosa’s. Er fühlte, wie zwei Arme sich um seinen Hals schlangen, wie frische, lebenswarme Lippen sich heiß und innig auf die seinen drückten. Und als er die Arme um die Gestalt schlang, die an seiner Brust ruhte, da strömte mit der Gewißheit ihrer Liebe neues Leben und neue Kraft ihm wonnig durch die Adern.

„So bist Du also mein!“ sagte er, sie an sich drückend, „so habe ich Dich heute mir gerettet. Wie ich Dich im wilden Ringen erkämpft habe, so werde ich Dich mit gesammelter Kraft mir zu erhalten wissen für’s Leben.“

„Du weißt nicht, wie Du mir heute mein Leben zweimal gerettet hast,“ entgegnete sie, unter Thränen zu ihm auflächelnd. „Jede Stunde meines Lebens, jeder Schlag meines Herzens sei Dein! Und ist es wirklich wahr, Du verschmähst mich nicht? Hat mein Hohn und Trotz Dich nicht von mir zu scheuchen vermocht? Hast Du meine Liebe erkannt trotz allem Bösen, das ich Dir gethan?“

Er beugte sein Haupt zu ihr nieder und flüsterte ihr in’s Ohr, wie er schon seit Monden das Glück geahnt habe, das sich ihm heute voll und ganz erschlossen. Dann blickte er auf von dem goldenen Gelock, auf welches er seine Lippen gedrückt hatte. Sie waren allein. Helene hatte still das Zimmer verlassen und leise die Thür hinter sich in’s Schloß gedrückt. – –

„Sie sehen also, lieber Freund, welch’ tieferschütternde Ereignisse uns seit gestern heimgesucht haben. Lassen Sie uns dies zur Entschuldigung dienen, daß wir Ihre Geduld ungebührlich lang’ in Anspruch genommen haben. Ich bin diejenige, der die größte Schuld an unserm späten Kommen zufällt; denn da ich nicht mehr Rosa’s Elasticität besitze, die sich seit dem Morgen emporgerichtet hat, wie eine Blume nach einem Regenschauer, so habe ich nur zögernd meine Einwilligung zu dem projectirten Ausfluge gegeben. Ich wurde indeß von den beiden Glücklichen überstimmt und mußte mich dem Beschlusse der Majorität fügen, wie es fortan wahrscheinlich stets mein Loos sein wird. Die Erschütterungen des heutigen Tages aber fühle ich noch stark in meinen Nerven zittern, trotz der Versicherung des Doctors von den wohlthätigen Folgen der Fahrt. Haben Sie also Nachsicht mit mir und blicken Sie nicht länger so finster drein! Hören Sie, wie das Lachen Rosa’s und das lustige Jodeln des Doctors zu uns aus der Schlucht herauftönt! Und – blicken Sie um sich! – lacht Ihnen das Herz nicht bei dem Anblicke der ruhigen Schönheit, die ausgegossen ist rings um uns her? Ich meine, der Mann, der, wie Sie, herabblicken darf auf ein schönes, reiches Eigenthum, der Mann, dessen Leben frei und schön vor ihm liegt, dieser Mann sollte nicht so finster in die Welt blicken, auch wenn ein paar unpünktliche Freunde, auf seine Nachsicht bauend, ihn über Gebühr haben warten lassen.“

Sie blickte lächelnd zu ihm auf und sah, daß sein Blick ernst, fast traurig auf ihr weilte. Er stand an die Linde gelehnt, deren Aeste sich weit und schattig über die Rasenbank erstreckten, auf welche Helene mit ihrem Knaben sich niedergelassen hatte. Es war ein köstliches Plätzchen, wo die Drei sich befanden. Zur Linken blitzte durch Waldesgrün der Spiegel der See auf, in welche die Sonne eben strahlend versank. Vor ihnen im Grunde lagen die Häuser des Vorwerks Seebude, halb versteckt in dem Erlengebüsche, das sich dem Laufe eines zur See fließenden Baches entlang zog. Im Hintergrunde erhoben sich die Baumgruppen des Hirschberger Parkes, aus deren Mitte die Giebel des alten Schlosses hervorschauten, dessen Fenster im letzten Strahle der Sonne erglänzten. Und fernab von den tiefliegenden Wiesen begannen die Abendnebel aufzusteigen und sich allmählich über die Gegend zu verbreiten. Abendstille und Abendfrieden war über die weite Landschaft gebreitet – nur die Glocken der heimziehenden Heerden tönten, den Feierabend verkündend, zu ihnen herauf.

„Wie können Sie nur glauben, Helene, daß in Ihrer Gegenwart meine ungeduldige Verstimmung Stand halten könnte?“ antwortete Schack nach einer Pause. „Es ist etwas Anderes, was auf mir lastet. Sie haben Recht, ich könnte ein glücklicher Mensch sein, allein die Nachricht von der Ankunft Ihrer Mutter raubt mir den Sonnenschein der kommenden Tage. Wenn man bedenkt, daß ich lange Jahre habe leben können, ohne Sie zu sehen, daß ich absichtlich jeder Gelegenheit aus dem Wege gegangen bin, welche die schmerzvolle Erinnerung an Sie wieder wachrufen konnte, so mag es allerdings wunderbar erscheinen, daß es mich so tief niederdrückt, Ihre Gesellschaft, Ihren Anblick wieder entbehren zu sollen. Aber seit dem gestrigen Abende, als ich Sie so unvermuthet wiedersah, ist es mir zum Bewußtsein gekommen, daß mein bisheriges Leben eigentlich kein Leben gewesen ist, ich fühle es klar, daß Sie nicht mehr sehen, Ihre Stimme nicht mehr hören dürfen meine Tage wieder grau und farblos machen heißt – und dies wird mein Loos sein, so lange Ihre Mutter bei Ihnen weilt.“

„Sie machen sich ein falsches Bild von meiner Mutter, wenn Sie glauben, daß ihre Gegenwart mein Haus weniger gastlich oder mich weniger geneigt machen könne, Ihnen meine Freundschaft zu beweisen,“ entgegnete Helene. „Ich verkenne es nicht, daß auch sie ihre Pflichten hat, und ich werde Niemand, selbst meine Mutter nicht, zwischen die unsere treten lassen. Auch wird sie selbst das nicht wünschen. Meine Mutter ist eine feine, kluge Frau – ich habe die Hoffnung, daß auch sie Ihnen bei näherer Bekanntschaft eine liebe Freundin werden wird. Ich habe selten Jemand gefunden, der so wie sie mit scharfem Blicke und gerechtem Urtheile die Vorzüge jedes Menschen erkennt und zu würdigen weiß.“

„Sie dürfen mir die weltgewandten Eigenschaften Ihrer Mutter nicht erst rühmen, Helene,“ entgegnete Schack bitter, „ich habe Gelegenheit gehabt, dieselben kennen zu lernen, und werde sie mein Leben lang nicht vergessen.“

Helene blickte überrascht zu ihm auf.

„Ich verstehe Sie nicht, mein Freund,“ sagte sie leise, „seit wann kennen Sie meine Mutter?“

„Seit wann? – Nun, seit jener Zeit, als sie den armen Jungen, der verzagten Herzens vor ihr stand, auf die liebenswürdigste Weise gehen hieß und ihn lächelnd und höflich zur Thür geleitete. Sie hatte einen so feinen Blick gehabt, daß ich nicht nöthig gehabt hatte zu sprechen. Ich verstand die feinen Redewendungen der gnädigen Frau und wußte, daß ich meinen Abschied in der Tasche hatte, ehe ich mich dessen versah. Und der alte Diener, der mich durch den Vorsaal zur Hausthür führte, machte dieselbe hinter mir so nachdrücklich zu, daß ich mir den Schwur ablegte – denn, Helene, meinen Mannesstolz hatte ich doch, obgleich ich ein armer, unbedeutender Bursche war – die Schwelle dieses Hauses nicht wieder zu betreten. Ich habe diesen Schwur gehalten – allein mein Leben hatte seinen Zweck verloren seit jenem Tage. Verdenken Sie es mir daher nicht, daß ich den Anblick jener Dame zu vermeiden suchen werde!“

Helene hatte, während er sprach, ihm starren Blickes in’s Gesicht geschaut. Jetzt bedeckte sie ihre Augen mit den Händen, [123] und Schack sah, wie Thränen langsam über ihre Wangen rollten.

„Um des Himmels willen, weshalb diese Thränen?“ fragte er bestürzt. „Habe ich Etwas gesagt, was Ihnen Schmerz bereitet hat? Oder – Helene – wäre es möglich – hat man Ihnen von meinem Besuche nichts gesagt? Das also bedeuten die Worte, die Sie gestern zu mir sprachen; Sie haben mich für treulos und leichtsinnig gehalten.“

„O, Verzeihung, Verzeihung, Gerhardt, daß ich an Ihnen zweifeln konnte. Wenn Sie wüßten, was ich gelitten habe! wie lange ich vergeblich auf eine Nachricht von Ihnen hoffte, wie mir endlich der Muth sank – wie mir Alles so gleichgültig wurde, daß ich willenlos über mich verfügen ließ. Aber lassen Sie mich darüber schweigen! Jede Klage von meinen Lippen wäre ein Unrecht gegen den Verstorbenen und gegen mein Kind.“

„Weshalb sollten wir auch über einige verlorene Jahre klagen, wenn eine ganze schöne Zukunft vor uns liegt!“ rief er aus, indem er sich zu ihr niederbeugte. „Denn, nicht wahr, Helene, wir trennen uns nicht mehr? Sage mir, daß Du mir ein Recht giebst, für Dich und Deinen Knaben zu leben!“

Die Sonne war in’s Meer gesunken, und dichte Nebel stiegen aus der Fluth. Drunten im Thale wallten und brauten sie und entzogen dem Auge der Glücklichen die Welt um sie her. Wie auf einem Fels inmitten des Meeres saßen sie neben einander – sie waren zu Dreien und fühlten sich dennoch eins.

„Wirst Du ein Herz haben für meinen Knaben?“ fragte Helene leise, indem sie innig und ernst zu ihm aufschaute.

Schack antwortete nicht. Aber mit fester, sanfter Hand hob er das schlaftrunkene Kind von dem Schooße der Mutter auf seine Kniee und bettete das lockige Haupt desselben an seine Brust. Dann schlang er den Arm um die geliebte Frau und zog sie näher an sich.

„So ist es recht,“ unterbrach die heitere Stimme des Arztes das selige Schweigen, in welches die Beiden versunken waren, „so ist es recht. Wir haben uns also nicht vergeblich discret bei Seite gemacht und sind in den Schluchten herum geklettert, daß wir Gefahr liefen, uns nicht mehr herauszufinden. Wir sind zum Zwecke gelangt und können die Mama morgen mit einer zwiefachen Freude überraschen. Du darfst nicht so bedenklich dreinschauen, Gerhardt. Der Schloßherr von Hirschberg ist eine andere Person, als der jugendliche Referendar, dessen Zukunft noch sehr unsicher im Schooße der Zeit lag. Auch kenne ich die gnädige Frau und weiß, daß sie eine zu feine Diplomatin ist, um sich nicht vor der Macht der vollendeten Thatsache zu beugen. Glaube mir, Du wirst Dir keine liebenswürdigere, rücksichtsvollere Schwiegermutter wünschen können. Und was mich anbelangt, so bin ich mit der meinigen auch höchlichst zufrieden, und zwar so sehr, daß ich nicht dafür stehe, daß Rosa in einem neuen Anfalle von Eifersucht mir heute wieder ein so ungnädiges Gesicht am Theetische macht, wie gestern. Was meinst Du dazu, Kleine?“