Horace Vernet und der Jäger von Vincennes

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Autor: W. O. von Horn
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Titel: Horace Vernet und der Jäger von Vincennes
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 31, S. 403-408
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[403]
Horace Vernet und der Jäger von Vincennes.[1]

Unter der Regierung Louis Philippe’s war einst ein Bataillon Jäger von Vincennes nach Versailles commandirt, um die Wachen dort zu versehen. Unter diesen Jägern befand sich ein junger Elsasser, dessen blaue Augen, blondes Haar und weißer Teint, aber auch sein stilles, sinniges Wesen den ächt germanischen Typus darstellten. Es war ein bildhübscher Bursche, schlank, gewandt und freundlich, obgleich er, wenn er allein war oder zu sein glaubte, in eine wehmüthige Stimmung gerieth, deren schmerzlicher Ausdruck sich dann deutlich auf seinem Gesichte ausprägte.

Der Hauptmann der Compagnie hatte Wohlgefallen an dem sittigen und braven Burschen und wählte ihn deswegen zu seinem Diener. Eines Tages traf ihn der Hauptmann wieder in solchem Sinnen und Wesen, wie er es schon oft an ihm bemerkt.

„Jean,“ sagte er, „warum gehst Du nicht einmal in die Gallerie, um die schönen Bilder zu sehen?“

„Darf ich denn, mein Kapitain?“ fragte Jean verwundert.

„Ob Du darfst, närrischer Kautz? Der König hat ja den Soldaten die besondere Erlaubniß gegeben. Geh, Niemand wird Dir etwas in den Weg legen.“

Jean eilte sogleich in das Schloß. Er hatte so viel von den schönen Schlachtenbildern reden gehört, die der Maler Horace Vernet gemacht habe, daß er längst vor Verlangen brannte, sie zu sehen. Die gegen seinen Hauptmann ausgesprochene Meinung hielt ihn indessen zurück, und sich auf gut Glück zuzudrängen, war er zu bescheiden.

Er trat denn nun mit pochendem Herzen in die Säle und wanderte langsam hindurch. Er wußte nicht, welche die Bilder des berühmten Malers seien, aber sie übten auf den unbefangenen Sohn des Volkes einen solchen Zauber aus, daß er gerade vor ihnen wie festgebannt stehen blieb. Als er gar zu denen der neuern Zeit und des afrikanischen Krieges kam, und da die Köpfe der Generale und Staabsoffiziere augenblicklich wieder erkannte, die er schon gesehen, die er genauer kannte, und von denen die Soldaten manch’ tapfres und braves Stücklein erzählen, da hätte er fast laut aufgeschrieen.

„Das ist ein Maler!“ sagte er endlich zu einem neben ihm stehenden Herrn. „Der versteht’s! Wissen Sie vielleicht den Namens?

„Horace Vernet!“ versetzte der Fremde.

„Ist der jetzt in Paris?“ fragte darauf rasch und erregt der Jäger.

„Ich glaube wohl,“ entgegnete der Fremde. „Vor acht Tagen wenigstens habe ich ihn noch in den Champs Elysées lustwandeln gesehen.“

Jean dankte für die Mittheilung und vollendete seine Bilderschau mit dem festen Entschlusse, jede freie Stunde zum Wiederbetrachten dieser Bilder zu verwenden. Freilich blieb ihm Vieles, Historisches namentlich, dunkel. Als er das seinem freundlichen Kapitain äußerte, gab dieser ihm den „Führer durch die Gallerie,“ ein Büchlein, welches die historische Bedeutung jedes Bildes mittheilt, und von jetzt an sah man den Jäger von Vincennes jeden Tag, mit seinem Büchlein in der Hand, in der Gallerie, so lange das Bataillon in Versailles stand. Endlich zurückgekehrt nach Paris, wurde die Nachricht im Bataillone bekannt, es sei nach Algerien bestimmt, und werde in Oran seine Standquartiere erhalten.

Seit dieser Zeit wurde die Gemüthsstimmung Jean's immer trüber und düsterer; er wurde einsylbiger und besonders noch sparsamer, als er bis jetzt gewesen war, und seine Kameraden Larivière und Stampfler meinten neckend, er werde jetzt die Zehntausend-Francs-Rente vollmachen wollen, ehe er mit den Kabylen vertraute Bekanntschaft mache. Er aber lächelte zu solchen Bemerkungen, und was in ihm vorging, errieth Keiner.

Eines schönen Morgens stand Horace Vernet in seinem Atelier vor der Staffelei und der Pinsel fuhr mit raschem, kräftigem, breitem Striche über die grundirte Leinwand. Einzelformen und Gestalten traten schon hervor und ließen fast ahnen, daß es sich um ein afrikanisches Schlachtenbild handle, welches ihm der König aufgetragen.

Es war stille im Atelier. Für neugierige Besucher der kunstliebenden Stände war es zu frühe. Das waren und sind des Künstlers schönste Stunden schöpferischer Thätigkeit, und Horace Vernet war so in seinen Gegenstand vertieft, daß er es gar nicht wahrnahm, wie Jemand leise eintrat.

Endlich verrieth ein umsonst zu unterdrücken versuchtes Husten die Anwesenheit eines betrachtenden Fremden.

Horace Vernet wandte sich um - und vor ihm stand leuchtenden Auges ein Jäger von Vincennes.

An solch einen Besucher war der Maler nicht gewöhnt. Er betrachtete den schönen jungen Mann aufmerksam mit seinem scharfen Blicke und der ächt deutsche Charakter fiel ihm in eben dem Maße auf, als er in dieser Persönlichkeit ihm gefiel.

[404] Jean, denn er war's, stand einen Augenblick verlegen da und schlug mit mädchenhaftem Erröthen das Auge nieder, als des Malers ausdrucksvoller Blick auf ihm ruhte. Als aber in dem Blicke gar nichts Unfreundliches zu finden war, ermuthigte er sich, grüßte ehrerbietig und bat um Entschuldigung, daß er so keck gewesen sei, hier einzutreten.

„Ich habe,“ sagte er, beherzter geworden durch des Künstlers Zuvorkommenheit, Ihre köstlichen Bilder in der Gallerie zu Versailles so oft bewundert, daß ich einmal gern sehen wollte, wie Sie sie machen.“

Hatte schon die äußere Erscheinung des schönen Burschen auf den Künstler einen günstigen Eindruck gemacht, so wurde dieser nun durch die naive Art und Weise seines Ausdrucks noch erhöht und Horace Vernet legte Pinsel und Palette weg, um ihm den Caron des Bildes zu zeigen, das er malen wollte.

„Ach!“ rief bewundernd der Jäger, das ist gewiß die Schlacht von Isly?“

Der Künstler blickte den Jäger nicht ohne Erstaunen an. „Warst Du etwa dabei, mein Freund?“ fragte er überrascht. „Doch nein,“ setzte er, sich selbst berichtigend hinzu, „Deine Gesichtsfarbe trägt nicht das Gepräge der Wüste.“

Jean seufzte und bestätigte das, setzte aber hinzu. „er werde wohl in der Zeit eines Monats jenes Gepräge tragen, denn sein Bataillon sei nach Afrika bestimmt.“

„Aber woran erkennst Du denn die Schlacht von Isly?“ fragte der Maler, der gerne den Grund der ausgesprochenen Meinung gewußt hätte.

„Das will ich Ihnen sagen, Herr Vernet,“ sprach darauf zutraulicher werbdend der Elsasser. „Sie haben alle früheren, wichtigen Waffenthaten in Afrika schon gemalt, und da meint’ ich, Sie müßten jetzt an der stehen; aber das ist’s nicht allein. Ich habe in den Invaliden einen Kameraden von den Chasseurs d’Afrique, der ist dabei gewesen und hat mir davon so viel erzählt, daß ich mir so eine Vorstellung davon gemacht, die ich hier fast verwirklicht sehe. Ueberdies kenne ich die Generale und den Herzog, und die leiben und leben ja da auf dem Bilde! Sagen Sie mir doch, wie Sie das so fertig bringen?“

Der Künstler lächelte und meinte: das könne er ihm so eigentlich nicht auseinandersetzen, weil – er’s selber nicht wisse.

Jean sah ihn erstaunt, aber ungläubig an.

„Treffen Sie denn Jeden so?“ fragte er dann etwas ängstlich.

„Ich glaube wohl,“ entgegnete der Künstler, der immer mehr Interesse an der Unterredung und dem Menschen nahm.

„Das hab’ ich mir gleich gedacht,“ fiel Jean rasch ein. „Denn Ihre Bilder leben. Sacre nom de Dieu!“ rief er aus, „selbst die Pferde leben und wie aus den Augen das Feuer sprüht! Herr, es ist eine helle Pracht! Und die Kanonen und das Feuer! Man meint – Paff! jetzt kracht’s und duckt sich ordentlich vor Furcht.“

Vernet lächelte und hörte dem Geplauder des ehrlichen Elsässers mit Vergnügen zu. Es entging ihm indessen nicht, daß er noch etwas Besonderes auf dem Herzen haben müsse, dem er auf die Spur kommen wollte. Jean war indessen im Zuge gemüthlichsten Plauderns.

„Wie haben Sie aber die Generale und Stabsoffiziere getroffen! Man meint, sie wollten Einem gleich Befehle geben! Ja, mit dem Treffen, das ist so eine Sache, die Sie meisterhaft verstehen und daran thut’s Ihnen Keiner gleich. – Meine Kameraden, der Larivière und der Stampfler haben sich, da’s nach Afrika geht, bei dem Petetin in Vincennes auch malen lassen für die Ihrigen daheim, aber, fi donc! das ist pure Schmiererei, und sie stehen da, wie Holzböcke und Schanzkörbe. Nichts gleicht, als die Uniform – die Gesichter wahrlich nicht. Nun, frag’ ich Sie, Herr Vernet, was thun ihre Leute zu Haus damit? Ein Bild, mein’ ich, müsste gleichen, dann ist’s ein Andenken an Den, den vielleicht bald der heiße Sand der Wüste deckt. – Und der Petetin lässt sich schweres Geld dafür bezahlen –“

„Wirklich?“ fragte Vernet.

„Ja, denken Sie nur, einen ganzen Franken!“ rief unmuthig Jean aus.

„Wahrlich, das ist zu viel, wenn das Bild nicht gleicht,“ sagte Vernet. „Das sag’ ich auch,“ fuhr Jean fort, der sich nun, zutraulich gemacht, ganz gehen ließ. „Ein armer Soldat hat doch nicht viel herzugeben. Und Einen so zu schröpfen für ein Bild, das nicht ähnlich ist, pfui!“

„Gewiß!“ sagte Vernet; „aber hast Du denn nicht daran gedacht, Dein Bildniß den Deinigen zu senden?“

„Ich?“ fragte sehr betroffen Jean. – „Ja – ja, ich habe wohl – daran gedacht; – aber –“

„Nun, was hielt Dich zurück?“

„Ich will’s Ihnen ehrlich gestehen,“ fuhr Jean fort und redete mit gedämpfter Stimme, als dürfe das Niemand außer Vernet hören: „von dem Petetin will ich nicht gemalt sein. Was sollte mein armes, liebes Mütterlein daheim dran haben, wenn sie ihren Sohn darin nicht sähe? – Wenn sie ihn nicht erkennte, und ihren Blick mit Liebe darauf heften, mit ihm in Gedanken plaudern könnte. Nein, von dem Petetin wollte ich einmal nicht gemalt sein; aber doch – das leugne ich nicht, lag es mir am Herzen, meiner lieben, guten Mutter mein Bild zu senden, und als ich Ihre Bilder in Versailles gesehen, da sagte ich zu mir: Jean, wenn du dich malen lässest, so muß es der Herr Vernet thun, der trifft doch zum Sprechen! Aber – da fiel mir etwas auf das Herz. Das Geld nämlich, denn ich dachte, bei Ihnen werde so ein Bild ohne Zweifel das Doppelte kosten, wie bei dem Petetin –“

„Und das brachtest Du nicht zusammen?“ fragte lächelnd Vernet.

„Ach,“ sagte Jean, „mein Herr, halten Sie mich nicht für einen Leichtfertigen. Hören Sie erst, wie es um mich steht, dann werden Sie mir glauben, daß ich seit zwei Monaten darauf spare.

„Und das brachtest Du nicht zusammen?“ fragte lächelnd Vernet.

„Ach,“ sagte Jean, „mein Herr, halten Sie mich nicht für einen Leichtfertigen. Hören Sie erst, wie es um mich steht, dann werden Sie mir glauben, daß ich seit zwei Monaten darauf spare.

„Mein Vater war ein Weber in der Nähe von Mühlhausen und er lehrte mich, als ich heranwuchs, dies Geschäft. Herr Köchlin in Mühlhausen gab uns immer Verdienst, daß wir uns ernähren konnten; aber gerade, als meines Vaters Kräfte nachließen, und er meiner erst recht bedurft hätte, wurde ich gezogen und Soldat. Sie können sich’s denken, wie ich mit schwerem Herzen die alten Aeltern verließ! Meinen ganzen Sold schickte ich ihnen regelmäßig und behalf mich kümmerlich. Die Liebe zu den guten Aeltern, Herr Vernet, macht jedes Entsagen leicht.

„So vergingen zwei Jahre, da starb mein Vater und meine arme, alte Mutter war völlig hülflos. Von meinem Solde konnte sie nicht leben. Ich that alle Schritte, um frei zu werden, da das Gesetz den Ernährer einer Wittwe frei giebt; aber es blieb Alles ohne Erfolg. Man beachtete meine Eingabe nicht! Gott weiß, wie es zuging. Andere kamen frei, ich nicht!“

„Das ist ungerecht!“ rief Vernet mit Entrüstung.

„Das ist es gewiß,“ sagte Jean, „allein ich bin arm, ohne Fürsprecher, ohne einflußreiche Freunde. – Nun, Sie wissen, wie es eben in der Welt geht; ich mußte Soldat bleiben und meine theure Mutter darbte. Da fügte es Gott, daß ich meines Hauptmanns Diener wurde, wofür ich monatlich fünf Francs beziehe. Damit konnte ich mein liebes Mütterlein wirksamer unterstützen, und hab’ es ihr mit meinem ganzen Solde monatlich geschickt. Ach, mein Herr, was war mir das ein süßer Lohn und wie glücklich war ich, daß ich es konnte! Wär’ ich freilich zu Hause, dann könnte ich weben, und es geht mir von der Hand – aber leider muß ich nun nach Afrika und – mir ahnet’s – daß ich dort mein Grab finden werde. Da dacht’ ich meiner theuern Mutter wenigstens mein Bild zu hinterlassen und habe seit zwei Monaten jeden Centime gespart, aber, ich habe nur Einen Francs und fünfundsiebenzig Centimes zusammengebracht und der Zeitpunkt der Einschiffung rückt näher und näher heran. So wollt’ ich Sie denn fragen, ob Sie für dies Geld, mein Alles, mich malen wollten? – Ach, wenn Sie’s könnten, wie würde mein Mütterlein glücklich dadurch!“

Vernet war tief ergriffen von dem einfach schlichten Worte, von der innigen treuen Kindesliebe und von der gutmüthigen Offenheit des jungen Menschen. Es wurde ihm weich um das Herz und sein Auge wurde feucht.

Er schwieg eine Weile und Jean betrachtete ihn mit Spannung, schwebend zwischen Furcht und Hoffnung.

Endlich sagte Vernet: „Wohlan, mein Freund, ich will Dir das Bild malen und ich denke, es soll besser werden, als das Petetin’s, den ich übrigens nicht kenne. – „Ich glaub's wohl,“ fiel ihm Jean in die Rede, „er ist Tüncher seines Handwerks und malt nebenbei Soldaten, die die Esel für Portraits nehmen.“

„So?“ sagte Vernet, sich ernst haltend. „Ich weiß indessen nicht,“ fuhr er fort, „ob ich vor nächstem Sonntag daran komme. [405] Weißt Du was, komm’ nächsten Sonntag, um neun Uhr Morgens. Kannst Dir ja Urlaub geben lassen! Aber, höre, ich bin kein Maler, wie Petetin, was Du ja auch selber sagtest. Ich muß, wenn ich ein Portrait male, allerhand von dem wissen, den ich male. So sag' mir Deinen Namen.“

„Jean Dümmler!“

„Dein Alter?“

„Sechs und zwanzig Jahre!“

So fragte er ihn nach den Namen seiner Aeltern, seinem Wohnorte und Arrondissement, wie lange er Soldat sei, wenn sein Vater gestorben sei und wie alt seine Mutter.

Jean gab die genaueste Auskunft, konnte aber doch gar nicht begreifen, was das Alles mit seinem Portrait zu thun habe.

Er äußerte das.

„Ja, siehst Du,“ sagte Vernet, „das muß ich Alles wissen, sonst wird Dein Bild nicht ähnlich. Ich würde es Dir wohl auseinandersetzen, aber sieh’, Du würdest es am Ende doch nicht verstehen.“

Jean wiegte nachdenkend seinen Kopf in bejahender Weise und sagte dann: „Nun begreif’ ich, warum in den Bildern des Petetin auch nicht die entfernteste Aehnlichkeit liegt; der fragt nach dem Allen nicht!“

Darauf reichte er dem Künstler traulich die Hand und ging.

„Ein köstlicher Junge!“ rief Horace[WS 1] Vernet aus, „und ein ächtes, treues, deutsches Gemüth! Du sollst nicht vergessen werden, guter Junge!“

Er nahm eine auf einen kleinen Rahmen gespannte, grundirte Leinwand, stellte sie auf eine Staffelei und begann sogleich das Portrait Jean’s zu entwerfen. Er hatte sich ihn so scharf angesehen, daß es keines Sitzens bedurfte. Er arbeitete rasch daran fort, so weit es thunlich war; dann kleidete er sich an, nahm die Notizen über Jean’s Familienverhältnisse zu sich und fuhr bei dem Kriegsministerio vor, in dessen Thüre er verschwand.

Der Wagen hielt mehrere Stunden, bis Vernet zurückkam, begleitet von einem hohen Beamten des Ministerium bis zum Thore. Noch einmal sprachen beide angelegentlich, dann stieg Vernet in seinen Wagen und rief dem Kutscher zu: „Nach den Tuilerien!“

Dort angekommen, ließ er um eine Audienz bei Louis Philippe in dringender Angelegenheit bitten.

Der König gewährte sie dem hochgeehrten Künstler und Horace Vernet trat in das Kabinet ein.

Hier erzählte er dem Könige fast wörtlich die Unterredung mit Jean. Der König, den dies ungemein amüsirte, wurde indeß sehr ernst, als Vernet den Punkt berührte, daß der arme Junge nicht habe zu seinem Abschied gelangen können, ob er gleich die einzige Stütze seiner armen, hochbetagten Mutter sei, die seit Jahren Wittwe.

„Lassen Sie mir Ihre Notizen hier,“ sagte der König, „ich werde die Sache untersuchen lassen und sogleich auf das Kriegsministerium senden.“

„Ich bin bereits dort gewesen, Sire,“ sagte Vernet und legte dem Könige einige Schriftstücke vor.

Der König las sie durch, setzte sich sodann, nahm eine Feder und schrieb einge Worte darunter; ließ alsdann einen der Ordonnanzoffiziere eintreten und sandte die Papiere dem Minister.

Zu Vernet gewendet, sagte er lächelnd: „Wenn Sie Ihr Portrait für zwei Franks so gut vollenden, wie ich die andere Sache, so denke ich, soll Jean Dümmler mit uns Beiden zufrieden sein!“

Ein höchst freundliches Neigen des Kopfes entließ den Maler, der seelenvergnügt nach den Champs Elysées fuhr, um sich im Freien zu ergehen. Niemals erinnerten sich seine Freunde, ihn heiterer, ja fröhlicher gesehen zu haben, als an diesem Abende. Sie ahneten nicht, daß dies der Segen einer guten That war, der nie ausbleibt und den Widerschein himmlischer Freude und Friedens in das Herz wirft. Horace Vernet kam spät in den Kreis der Seinen zurück, auch hier so heiter und glücklich erscheinend, wie selten; aber er sagte nichts über den Grund dieser heitern Seelenstimmung, weil er erst dann es ihnen erzählen wollte, wenn es eine vollendete Thatsache würde geworden sein.

Schon am andern Morgen, in der Frühe, stand Vernet vor seiner Staffelei und malte an dem Bildchen, darinnen er Jean portraitiren wollte. Er stellte ihn dar, wie er unter einem jener prächtigen Bäume auf einer Bank saß, die den Park von Versailles schmücken. Auf seinem Knie lag ein Brief, den seine Linke hielt, die Rechte ruhte auf dem Tschako, der neben im stand. In der Ferne sah man einen Theil des Schlosses, worin die historische Gallerie sich befindet. Das Gesicht war dem Beschauer zugewendet und der Blick des blauen Auges sah träumerisch in die Weite. Die Aehnlichkeit war vollkommen gelungen, als er am Abend mit selbst zufriedenem Lächeln den Pinsel weglegte.

Jean hätte den Künstler gern angeredet, als er seinen Kapitain besuchte, den er wohl kennen mußte, obgleich dieser nie dessen erwähnte – aber die Hochachtung hielt ihn zurück. Nur einen Gruß konnte er sich nicht versagen, der ebenso viel Liebe als Hochachtung ausdrückte, und den Vernet mit einem so freundlichen Gesichte erwiederte, daß es dem ehrlichen Elsasser im Grunde der Seele wohlthat und er Betrachtungen über den Unterschied zwischen diesem berühmten Maler des Königs und dem Tüncher Petetin anstellte, der unendlich hochmüthig war, während Vernet ebenso herablassend, als freundlich gegen ihn sich erwiesen hatte.

Jean konnte die Stunde kaum erwarten, in der er sich zu Vernet begeben sollte. Die Traurigkeit über seine Versetzung in den mörderischen Kampf zu den Kabylen machte ihm stillen Kummer, denn der Gedanke hatte sich bei ihm festgesetzt, daß, wenn er lebend aus dem Kampfe hervorgehen sollte, er dem wachsenden, heißen Klima erliegen würde, weil schon die Sommerhitze in Frankreich jedesmal seine Gesundheit bedeutend untergrub. Gedachte er dann der völlig trostlosen Lage seiner lieben, hochbetagten Mutter, so bangte es ihm gewaltig. Neue Schritte, seinen Abschied zu erhalten, mochte er jetzt nicht unternehmen, weil eines Theils sein Ehrgefühl dies nicht erlaubte, andern Theils er aber auch von der Erfolglosigkeit derselben völlig überzeugt war. Seine Stimmung war daher eine gedrückte, und nur der Gedanke, seiner Mutter ein ähnliches Bild von ihm senden zu können, brachte ihm einige erheiternde Augenblicke. Hätter er sie nur noch einmal wiedersehen können, ehe ihn der Ocean von ihr trennte – vielleicht ein Grab im Sande der Wüste! Sollte er diesen Wunsch seinem guten Kapitain äußern? – er ging lange mit sich zu Rathe. Endlich meinte er: es könne ihm ja doch nicht im Mindesten schaden, und so wagte er es, einst seinem Kapitain nach der Zeit der Einschiffung zu fragen.

„Sie stehe noch nicht nahe bevor,“ sagte der Kapitain.

Da wagte er einen Schritt weiter, und bat um zwölf Tage Urlaub, seine geliebte Mutter noch einmal sehen zu können.

Ganz unerwartet erwiederte freundlich der Kapitain, er werde ihm gerne diesen Urlaub gewähren; wenn er ihn anzutreten wünsche?

„Nächste Woche,“ war Jean’s Antwort.

„Warum denn nicht gleich?“ fragte der Kapitain.

„Weil – weil – “ stotterte Jean, „Herr Horace Vernet ihn malen würde.“

„Was?“ rief der Kapitain in erkünsteltem Erstaunen, „Du willst Dich von dem berühmten Maler des Königs malen lassen, Jean, was fällt Dir ein? Der malt unter tausend Franken kein Bildniß. Wo sollst Du das Geld dazu hernehmen?“

Jean fiel schier in Ohnmacht. Tausend Franken. Das Wort erstarrte auf seiner Lippe.

„Ach,“ sagte er, „mein Kapitain, Sie scherzen grausam! Einen Franken und fünfundsiebzig Centimes habe ich mir erspart, das, habe ich ihm gesagt, sei meine ganze Baarschaft und Habe, und er sagte mir zu, mich dafür zu malen.“

„Das muß ich sagen!“ rief der Kapitain aus. „Glaubst Du denn das? Laß mal sehen, wenn Du erst gemalt bist, wird er Dir eine Zeche an’s Bein hängen. Jean, das war ein dummer Streich! Mit den großen Künstlern ist nicht zu spaßen!“

Jean versicherte wiederholt, Vernet habe es ihm zugesagt, ihn für dies Geld zu malen, und er sei ein gar guter, freundlicher Mann.

Der Kapitain lachte ihn aus und blieb bei seiner Meinung, und Jean war in einer der quälendsten Lagen seines Lebens. Zum Glück war es am Samstag, als ihm sein Kapitain das sagte. So nahm er sich denn vor, das Bild Morgen gleich abzubestellen, „da ja Vernet noch nicht begonnen habe,“ dachte er, „lasse sich das auch ohne alle Schwierigkeit abthun, wenn ihn Herr Vernet, wie sein Kapitain glaubte, nicht sollte verstanden haben.“

Der quälende Gedanke ließ ihn übrigens kaum schlafen, und seine Seele war ungemein betrübt, daß nun seine liebe Mutter kein ähnliches Bild von ihm haben sollte.

[406] Lange vor der bestimmten Stunde ging er unruhig vor dem Hause Horace Vernet’s auf und nieder.

Endlich schlug die Stunde auf dem Thurm von Notre-Dame und Jean trat pochenden Herzens in das Haus, und auf Vernet’s Ruf in das Atelier.

Der Künstler saß in einem Hausrocke da und erwartete ihn. Auf einer Staffelei stand ein mit einem Tuche verdecktes Bild.

„Du bist glücklich, mein Freund,“ rief ihm Vernet entgegen und reichte ihm die Hand.

„Mein Gott, aber,“ rief er plötzlich aus, „Du bist ja so bleich, siehst so verstört aus. Was ist Dir denn, mein Freund?“

Jean zitterte wie Espenlaub im Winde.

„Ach, Herr Vernet,“ sagte er wehmüthig, und eine Thräne feuchtete seine Augenwinkel, „aus dem Malen des Bildes kann nichts werden – “

Vernet sah ihn erstaunt an. „Wie?“ rief er aus, „hast Du Deine Meinung geändert und willst Deiner lieben Mutter Dein Bild nicht senden oder trauest Du mir nicht zu, daß ich es ähnlich malen könnte und – hast Petetin Dich zugewendet?“

„Ach, keins von den Dreien, die Sie da genannt haben, trifft zu. Wie gerne würde ich meiner geliebten Mutter diese Freude machen, wenn – ich könnte. Und wem könnte ich mehr zutrauen als Ihnen, dessen Werke ich bewundere und mit mir alle Welt? Am Wenigsten aber könnte es mir einfallen, bei gesundem Verstande dem Tüncher Petetin den Vorzug vor Ihnen zu geben. Aber – “

„Nun, was ist denn dazwischen gefahren? Sie mal her, Jean; es ist ja schon zu spät, daß Du reuig wirst!“

Er nahm das Tuch von dem Bilde, das fast vollendet war. Die Gestalt Jean’s war fix und fertig, nur die Nebenwerke waren noch auszuführen.

Jean starrte einen Augenblick das Bild an, dann stieß er einen Schrei der Freude aus und reif: „Ach, mein Gott, das bin ich ja mit Leib und Seele!“ Diese Freude wandelte sich aber augenblicklich in Schrecken.

„Ach, Gott,“ rief er aus, „ich wollte es abbestellen, weil ich glaubte, es würde heute erst angefangen, und nun ist es schon fertig und so überaus schön und sprechend ähnlich!“

„Was fällt Dir denn aber ein?“ fragte Vernet, der aus dem Allem sich nicht herausfinden konnte.

Jean mußte jetzt sich aussprechen. Er erzählte Vernet die Unterredung mit seinem Herrn Kapitain; wie der von tausend Franken geredet und er schier ohnmächtig geworden sei. Er habe zwar dem Kapitain gesagt, daß er dem gütigen Herrn Vernet gesagt habe, seine ganze Baarschaft, sein ganzes Vermögen, bestehe in einem Frank und fünfundsiebzig Centimes; mehr habe er sich nicht ersparen können, weil er Alles, was er bei dem Kapitain verdiene und an Sold erhalten, der alten, darbenden Mutter sende; aber der habe ihn gründlich ausgelacht und gesagt, das sei Larifari, denn Herr Vernet male kein Bildniß unter tausend Franks, und Herr Vernet habe das gewiß nicht verstanden.

„Im Grunde,“ sprach, nachdem er gemüthlich lachend zugehört, Vernet zu Jean, „im Grunde hat Dein Kapitain Recht, und ich dachte, der Frank und die fünfundsiebzig Centimes seien auch nur eine Abschlagszahlung; aber ich wollte folgenden Accord mit Dir machen: die übrigen 998 Franks 25 Centimes blieben als unverzinsliche Schuld stehen, bis Du General geworden bist; dann wollte ich sie von Dir einfordern.“

Jean sah den Maler etwa so an, als komme ihm der Gedanke, es sei unter dem rothen Sammetbarette, welches er trug, nicht ganz sicher und geheuer – und schwieg bedenklich.

„Ist der Accord nicht Recht?“ fragte Vernet.

„Ach, Herr Vernet,“ rief Jean aus – „ich weiß wahrhaftig nicht, wie ich mit Ihnen daran bin!“

Vernet lachte laut auf. „Nun höre, gefällt Dir das Bild?“

„Ach, wie können Sie fragen? Ich bin entzückt davon!“

„So? – Nun, dann ist es Dein, und es bleibt bei dem Accorde. Da Du aber auf Urlaub geht und Dein Geld brauchst, so will ich jetzt auch die Abschlagszahlung nicht, und die ganze Summe von tausend Franks mag denn stehen bleiben, bis Du General bist.“

„Ach, Herr Vernet –“

„Es bleibt dabei, mein Freund,“ schloß Vernet. „Mach’ mir jetzt keine Einwände mehr. Bist Du einmal General, so sind Dir tausend Franks so viel, wie jetzt ein Centime oder wie eine taube Nuß; dann bin ich alt, kann nichts mehr verdienen, und die tausend Franks kommen mir dann recht zu Gute. Das Bild ist also Dein; aber, siehst Du, es ist noch nicht fertig, weil ich es in Oel gemalt habe, und nicht, wie Petetin die Seinigen in Wasserfarben. Das trocknet langsam und will überhaupt Zeit haben. Ich schicke Dir Das Bild in acht Tagen an Herrn Köchlin in Mühlhausen; da holst Du es ab und überraschest Deine liebe Mutter damit. Grüße sie herzlich von mir!“

Jean stand wie eine Bildsäule da. Alles kam ihm wie ein toller Spaß vor, den man mit ihm treibe; aber Vernet sah ihn so freundlich an: der Mann sah gar nicht aus wie ein Windbeutel – kurz, es waren Räthsel, die er nicht lösen konnte.

Vernet mochte seine Gedanken ahnen.

„Glaubst Du mir nicht?“ fragte er. „Ich gebe Dir mein Ehrenwort, daß das Alles wahr ist und kein Spaß, den ich etwa mit Dir treibe. Das ist meine Art nicht. Geh’ in Gottes Namen, grüße mir Deine Mutter. Das Bild aber holst Du in acht Tagen bei Herrn Köchlin in Mühlhausen ab.“

Jetzt traten Thränen in des ehrlichen Elsassers Augen und seine Lippe zitterte von innerer Bewegung.

„Herr Vernet,“ rief er aus, „wie soll ich Ihnen danken?“

„Sei immer ein guter Sohn, wie Du es bis jetzt warst, und dieser Dank soll mir der liebste sein; kommst Du aber einmal nach Paris, Du magst dann Chasseur oder General oder Weber sein, so vergiß nicht, daß Horace Vernet zu Deinen Freunden gehört.“

Jean küßte mit tiefem Gefühle die dargebotene Hand, und gelobte, das treu zu halten.

Wie er nach der Wohnung seines Kapitains kam, das wußte er selber nicht. Der Kapitain war ausgegangen. Jean packte sein Bündelein und wartete die Rückkehr des Kapitains ab, um sofort seine Reise anzutreten.

Endlich, nach langem, ungeduldigem Harren, kam er.

„Wie ist’s bei Vernet gegangen?“ fragte er lachend.

Da floß das Herz des guten Jungen vom Preise des Malers über. Er erzählte alles.

„Du kannst von Glück sagen!“ rief der Kapitain. „So etwas wäre hundert Andern sicherlich nicht passirt; denn das ist ja so gut, wie geschenkt, da, wie ich glaube, Du nicht auf Avancement erpicht bist, sondern auf Deinen Abschied, wo es dann mit dem Generalwerden sein Ende haben wird.“

„Da haben Sie Recht, mein theurer Kapitain,“ sagte Jean, und so etwas lag auch in den Worten und Mienen des trefflichen Mannes.

„Du wirst also, wie ich merke, Deine Urlaubsreise heute noch antreten wollen? Kann mir’s denken! Nun dann, glückliche Reise, mein braver, treuer Jean; leb’ wohl, und vergiß Deinen Kapitain nicht! Da,“ sagte er, „nimm das Deiner guten Mutter mit und pflege sie treu bis an’s Grab.“

Er drückte ihm zwei Fünffranks-Stücke in die Hand, und unter heißem Danke schied Jean von seinem guten Kapitain.

Erst vor der Barrière von Paris blieb er einmal stehen und dachte den Worten seines Kapitains nach, die fast so in seinem Ohre geklungen hatten, als nähme der auf immer Abschied von ihm, und als habe er den Abschied vom Militär in der Tasche und kehr zur Heimath zurück für immer. Jean schüttelte den Kopf: „Da komme der Kuckuck heraus!“ rief er im Selbstgespräche aus, denn in des Malers Worten lag auch so etwas Aehnliches. Er zog rasch den Urlaubspaß heraus, den ihm der Kapitain gegeben, und las ihn; aber der lautete einfach auf zwölf Tage Urlaub, und nichts weiter.

Die Hoffnung, die auf einen Augenblick ihre Fittige gehoben hatte, senkte sie wieder schnell und mit einem Seufzer, wie er so mancher Täuschung des Herzens folgt, sagte er zu sich: „Es ist doch wahr, daß man fast überall das heraus hört und sieht, was man im Herzen warm hegt! Beide Herren haben gewiß Das, was ich heraus hörte, in ihre Worte nicht legen wollen. Wer mich täuschte, das bin ich selber gewesen, wie so oft schon in meinem Leben. Vielleicht täusche ich mich auch mit Algerien? Nun, wie du willst, Herr, und nicht, wie ich will,“ sagte er betend und gen Himmel blickend. „Nur um das Eine flehe ich, laß mich mein Mütterlein gesund wiederfinden!“

In diesem Augenblicke trat die Sonne mit vollem Glanze hinter den Wolken hervor, und das schien dem frommen Gemüthe [407] Jean’s eine Antwort des Herrn zu sein, die seine Seele mit frohen Hoffnungen erfüllte. Bei der Kürze seines Urlaubs machte er die größten Tagereisen, die ihm möglich waren, und erreichte endlich, müde bis zum Sterben, das älterliche Häuschen. Er fand seine theure Mutter gesund. Durch seine Unterstützungen und die treuer Nachbarn und Freunde war es ihr möglich, zu bestehen, ohne zu darben; nichts aber kann den Grad der Freude und des Glückes beschreiben, die bei dem unverhofften Wiedersehen nach so langer Zeit die Herzen der Mutter und des Sohnes erfüllten. Daß er nach Afrika müsse, verschwieg er der guten Mutter, um ihrem Herzen nicht die Freude des Wiedersehens zu verbittern.

Nach acht Tagen ging er zu Herrn Köchlin nach Mühlhausen.

„Aha,“ sagte der Fabrikherr, „Du willst den Kasten holen, der an Dich von Herrn Vernet geschickt worden ist? Wahrscheinlich [408] ist es ein Bild. Willst Du es nicht verkaufen? Ich würde Dir, ohne es gesehen zu haben, 500 Franks dafür bieten, wenn es von Horace Vernet ist.“

„Es ist von seiner Hand,“ sagte Jean. „Aber ich kann es nicht hergeben, und wenn Sie mir die halbe Welt anböten!“

Er eilte heim.

Dort angekommen, öffnete er den Kasten und nahm das wunderschöne Bild heraus, welches in einen breiten Goldrahmen gefaßt war.

Entzückt und staunend betrachtete es Mutter und Sohn. Die Aehnlichkeit war sprechend.

Erst nachdem es an der Wand des ärmlichen Stübchens der Wittwe aufgehängt war, fiel es Jean ein, nachzusehen, ob nicht vielleicht auch ein Brieflein dabei liege, und richtig, da lag ein großer, dicker Brief.

Rasch entfaltete er ihn und – wer malt seinen freudigen Schrecken? – Darinnen liegt sein Abschied vom Militär und eine Banknote von dreihundert Franken!

Herr Vernet schrieb ihm, da er nun nicht General zu werden Hoffnung habe, so verzichte er auf den Preis des Bildes und mache es ihm zum Geschenke. Ueber den errungenen Abschied würde er wohl nicht böse sein; und die Banknote, welche Herr Köchlin gern versilbern würde, sei dazu bestimmt, daß er sich als fleißiger Weber einrichte, um gegen seine gute Mutter die Kindespflichten getreulich erfüllen zu können.

Jetzt war die Freude vollkommen, aber auch die innigsten Dankgebete stiegen zum Himmel auf.

Herr Köchlin mußte um die Sache gewußt haben, denn er lächelte, als Jean zu ihm kam mit der Banknote.

„Wärest Du nicht froh, noch einmal nach Paris zu kommen, um diesem edlen Manne zu danken?“ fragte der Fabrikherr.

Mit einer Thräne im Auge, sagte Jean, daß[WS 2] dies sein heißester Wunsch sei.

„Gut,“ versetzte der Fabrikherr, „so kannst Du mit einem Waarentransport hin- und zurückreisen, der Morgen abgeht. Da kostet es doch nichts.“

Jean nahm dankbar dies Erbieten an und traf in Paris ein, ehe sein Bataillon nach Algerien abging.

Wie innig dankte er Vernet, und wie glücklich machte es den Künstler, ein so lauteres, dankbares Gemüth beglückt zu haben. Auch seinen Kapitain und seine Kameraden sah er wieder und konnte ihnen Lebewohl sagen.

Froh, dem Gefühle seines Herzens genügt zu haben, kehrte er mit dem Wagen des Fabrikherrn wieder heim; richtete sich als Weber ein und pflegte sein Mütterlein. Der Name Horace Vernet aber hatte und behielt in dem Hause des Webers Jean Dümmler den Werth eines Heiligen und das Bild blieb sein höchster Schatz.
O. W. von Horn. 
  1. Die hier erzählte Begebenheit hat dem Ref. eine hochgebildete und hochgestellte Pariserin mitgetheilt, die mit dem Maler und seiner Familie in vielfacher Beziehung stand. Er hält es für nöthig, das hier ausdrücklich zu bemerken.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Horaze
  2. Vorlage: das