Hospital-Scenen vom Kriegsschauplatze

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Titel: Hospital-Scenen vom Kriegsschauplatze
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 6, S. 74-75
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Florence Nightingale im Lazarett während des Krimkrieges
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Die Gartenlaube (1855) b 073.jpg

Miß Florence Nightingale.

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Hospital-Scenen vom Kriegsschauplatze.
Mit Portrait der Miß Florence Nightingale.

Skutari am Bosporus, Constantinopel gegenüber auf der asiatischen Seite, 350 englische Meilen über das schwarze Meer hin vom Kriegsschauplatze, ist das Hauptlager der englischen Verwundeten. Ueber tausend liegen im Haupthospitale längs großer steingepflasterter Gänge und Corridore, 2500 in der zum Hospitale umgewandelten großen, prächtigen, türkischen Kaserne, 700 mußten in den Schiffsrumpfen bleiben und 700 nach Abydos geschickt werden. Im Ganzen haben diese Hospitäler die unglaublichsten und unmenschlichsten ihrer Schrecken, die anfangs lange darin wütheten, verloren, seitdem außer etwa hundert Aerzten, 86 englische Frauen und Mädchen darin als Krankenpflegerinnen walten. Diese Töchter Englands, größtentheils aus gebildeten Ständen und guten Vermögensverhältnissen freiwillig aus tiefem, ächten, weiblichen Erbarmen zu ihrer neuen Mission getrieben und mit zarter, sorgsamer Hand lindernd und heilend, was das englische Militärsystem an noch heilbaren Wunden geschlagen, sind unter dem Vorstande und der Leitung von Miß Florence Nightingale, eine tröstliche und eigenthümliche Erscheinung zwischen den blutigen Schreckensscenen des Krieges. Es sind zarte, englische, sentimentale Damen, welche die zum Theil scheußlichen Wunden von 4200 verstümmelten Soldaten pflegen und außer körperlicher Erquickung mit sanftem, aber zu Herzen gehenden Zuspruch [75] Muth und Hoffnung einflößen, die von den mißhandelten Kriegern längst aufgegeben war. Die merkwürdigste Erscheinung unter den Krankenpflegerinnen ist Miß Nightingale, eine von jeher dem praktischen Erbarmen sich widmende Dame, die ungeachtet ihrer jetzigen edeln, heroischen That im eigenen Lande beschimpft und mit dem Unrathe kirchlicher Zeloten beworfen ward. Unter den frommen Herrschaften Englands und deren Presse erhoben sich schwere Anklagen gegen sie. Sie ist nicht hochkirchlich. Es ist undelikat von einer Dame, noch in den Dreißigern, unter die Soldaten zu gehen! Sie ist nicht hochkirchlich, sie ist katholisch! Nein, sie ist Unitarier. Sie huldigt dem Recordism, nein, dem Sellonism, nein, dem Puseyism und wie sonst die „ism’s“ der englischen Sektenwesens sonst noch heißen. Alle diese frommen von Profession haben in ihren ledernen Herzen und Strohköpfen keine Ahnung von der Humanität und dem himmlischen, ächten Erbarmen des Weibes. Sie ärgern sich, daß Miß Nightingale und ihre 85 Schwestern den Verwundeten und Sterbenden lebendigen Trost reichen und sie abhalten, die Tractätlein zu lesen, welche diese Herren statt Charpie, wollene Decken und körperliche Erquickungen ballenweise in’s Lager sandten, um die Soldaten en gros selig zu machen.

Diese unverständigen Frömmlinge sind, Gott sei Dank, mit ihren Verlästerungen von der Presse und der öffentlichen Meinung schmachvoll in ihre Winkel zurückgetrieben worden, und es macht den Engländern unter der Schmach ihres blödsinnigen und ruchlosen aristokratischen Miliiärsystems Ehre, daß sie sich wie ein Mann der Ehre dieser Damen annehmen und ihren humanen Heroismus zu würdigen wissen. Wir erfuhren bei dieser Gelegenheit Manches von der Persönlichkeit der Vorsteherin. Sie ist die jüngste Tochter eines unabhängigen Mannes in Hants (Derbyshire). Ihre Mutter war die Tochter des Vertreters von Norwich im Parlamente, M. Smith. Sie spricht nicht nur gut Französisch und Deutsch, sondern kennt auch unsere Literatur sehr genau, und ist bewandert in Wissenschaften, die sonst den Damen böhmische Dörfer sind, z. B. in Mathematik. Von früher Jugend war ihr Streben auf praktische Humanität gerichtet, besonders auf Krankenpflege. Zu diesem Zwecke besuchte sie die meisten Hospitäler Europa’s bis nach Afrika hinein, und hielt sich besonders lange in Kaiserswerth auf. In englischen „Lumpenschulen" opferte sie Jahre lang ihre Kraft auf, um das Loos der Verwahrlosten und Ausgestoßenen zu bessern. Zuletzt war sie freiwillige Vorsteherin eines Hospitals für invalide Damen in Harleystreet, London. Der Schrei des Entsetzens und der Noth vom Kriegsschauplatze, reifte in ihr plötzlich den Entschluß, als Trösterin mit ihrer ganzen Kraft dahin zu eilen. Dort wirkt sie jetzt mit dem ganzen Heroismus einer edeln, reinen, erbarmenden Weiblichkeit als Leiterin ihrer 85 Schwestern, denen sie gern die leichteren Sorgen überläßt, während sie sich nur der Erquickung gemeiner Soldaten und der am Schwersten Verwundeten widmen soll.

Sie mag nicht ganz frei von einer frömmelnden Richtung sein, wenigstens verräth sie etwas davon in ihrem Buche über die Diakonissinnen-Anstalt zu Kaiserswerth am Rhein, jedenfalls aber ist ihre praktische Frömmigkeit größer, und so kann uns ein individueller Zug wenig kümmern. Man hat ihr Papismus vorgeworfen, obgleich 60 ihrer Schwestern der protestantischen Confession angehören, und nur 26 der katholischen. Die wahre Frömmigkeit ist nicht confessionell-verdammlich.

Das ist ein Blick in die Hospitäler von Skutari, wo von den 4200 darniederliegenden Engländern drei Viertheile, wie in der Times vom 16. Januar von Ort und Stelle nachgewiesen wird, am englischen Militärsysteme erkrankten, nicht durch die Russen. Wie viele Tausende kamen durch dasselbe System im Lager, unterwegs, in Varna um? Wie viele Tausende wurden nach Malta geschafft oder sind unterwegs nach der Heimath, um vom Zollhausbeamten begrüßt zu werden und noch am englischen Gestade durch stundenlanges Warten unter dem freien Januarhimmel getödtet zu werden? Das Bild im englischen Witzblatte „Punch,“ welches John Bull darstellt, wie er seine englischen Admiräle und Generäle mit einem derben Besen wegfegt, ist der richtige Ausdruck der öffentlichen Meinung in England.

Für die verwundeten, gefangenen Russen ist eine besondere Abtheilung in Skutari eingerichtet. Unter ihnen macht ein Knabe von kaum 16 Jahren und weiblicher Schönheit viel Aufsehen. Er spricht Deutsch und hat die schönsten blauen Augen in seinem Gesicht von Milch und Blut. Er ist einer schönen Mutter Liebling und lebte in den glänzendsten Verhältnissen. Die Rekrutenaushebungen rissen ihn aus den gebildetsten Kreisen Verwandter und von seiner Mutter, von der er mit poetischem Feuer spricht. Seine russischen Mitgefangenen hatten ihm die Bandagen von der Wunde gerissen, weil sie meinten, die Engländer verbänden böse Absichten mit den Bandagen. Ein anderer Russe fluchte fortwährend, so lange er verbunden ward, weil er meinte, man wolle ihn fesseln und lebendig begraben.

In den englischen Hospitälern geht’s feierlich schweigsam und liederlich zu, in den französischen frivol, lustig und musterhaft ordentlich. Wenn sich die Kranken nicht ernstlich mit Sterben beschäftigen, plaudern und rauchen sie nach Leibeskräften. Die Hülfloseren finden in den barmherzigen Schwestern mit ihren merkwürdigen Hüten, ihrer unermüdlichen Sorgfalt und guten Laune, womit sie auch den grimmigsten Alten stets als „excellent enfant“ anreden und behandeln, die besten und zärtlichsten aller Frauen, Schwestern oder Mütter. Die zartesten Hände geniren sich nicht, dem der Arme beraubten passionirten Raucher eine Pfeife zu stopfen und ihm den brennenben Fidibus zu bringen. Sonst stopft auch der Einbeinige dem Armlosen die Pfeife und redet ihm mit volubiler Zunge Muth zu. Durch das ganze Hospital herrscht die größte Ordnung und Reinlichkeit. Die Betten stehen rein in parademäßigen Reihen. Hinter jedem befindet sich ein Schrank für die Bedürfnisse jedes Einzelnen. Durch ein gut arrangirtes System von Ventilation strömt stets frische Luft ein, ohne einen Kranken direkt zu treffen.

Die Menschenverwüstung im Feuer der Schlachten ist schrecklich, aber sie ist Poesie gegen die Würgengel, die hinter, vor und nach den Schlachten viel mehr Menschen vertilgen, als die grimmigsten Kugelregen, zumal unter den Engländern, deren hochgeborne Offiziere ihre Gemeinen kaum für Menschen zu halten scheinen. Aus den russischen Lagern und Hospitälern haben wir wenig Nachrichten. Aber eine Scene im russischen Haupthospitale zun Sebastopol fand als der furchtbarste aller Commentare des Krieges, ihren Weg bereits zu uns. Die Engländer richteten ihre Bomben eines Tages hauptsächlich gegen ein großes Gebäude mitr gelber Flagge, dem Zeichen, daß es Hospital sei. Aber man glaubte ihr nicht und hielt das Gebäude für ein großes Magazin, das die Russen durch die an Schonung appellirende Flagge nur schützen wollten. So flogen die Bomben in großen Feuerbogen auf 2000 hier zusammengeschichtete Kranke und Verwundete herab. Ein solcher feuriger, beschwingter Gesandter des Todes schlug durch’s Dach, zerplatzte mitten unter den Elenden und setzte das ganze Gebäude so schnell in Flammen, daß von den 2000 nicht ein Einziger gerettet werden konnte. Das Prasseln und Knistern der Flammen, das Krachen der Balken, das Geheul und Geschrei der Brennenden und Erstickenden oder zwischen den flackernden Balken Eingequetschten, die Flüche und Gebete der hülflos Daliegenden, das Gewühl und Gebalge der aus einer Flamme in die andere sich Wälzenden – giebt ein Gemälde, auf welches der Maler, unser christlicher Kriegsgott, sich etwas einbilden mag.