Illustrirte Skizzen aus Rom (Die Gartenlaube 1861/24)

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Textdaten
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Autor: Unbekannt (Gustav Rasch?)
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Titel: Illustrirte Skizzen aus Rom
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 24, S. 380-381
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1861
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Der Vatikan
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Illustrirte Skizzen aus Rom.

Wenn die Beherrscher der ewigen Stadt, die Päpste, in früheren Zeiten die Stufen zu ihrem Wohnsitz, dem vatikanischen Palast, hinaufstiegen, so geschah dies mit dem stolzen Bewußtsein, daß die gesammte Christenheit sich demüthig vor ihnen beugte und in der Person des „heiligen Vaters“ den Stellvertreter Christi auf Erden verehrte. Vom Vatican aus sandten sie ihre Bannstrahlen herab auf die sündigen Völker, und Kaiser und Könige zitterten vor dem Machtgebote eines greisen Priesters, dem nur eine alte Tradition und der Glaube der Christenheit eine solch unermeßliche Bedeutung verlieh. Wie anders ist es aber seit ungefähr zehn Jahren geworden! Jetzt zittert der heilige Vater in seinem Palaste vor den eigenen Unterthanen, vor dem italienischen Volke, wie vor dem aufgeworfenen Schutzherrn, der Tausende von Söldnern nach Rom geworfen hat, um angeblich die Würde des Papstes und das Ansehen der katholischen Kirche zu schirmen, in Wahrheit aber um den charakterschwachen, der wildbewegten Zeit nicht gewachsenen Pio nono gefangen zu halten und ihm jede freie Bewegung unmöglich zu machen. Wie in den Tagen des Mittelalters, so richten sich auch jetzt wieder, wenn auch in anderer Bedeutung, die Blicke der Völker nach dem vatikanischen Palast zu Rom, denn hier wird sich in nicht zu langer Zeit die hochwichtige Frage über die weltliche Herrschaft des Papstes entscheiden. Es wird daher sicher unseren Lesern einiges Interesse gewähren. Genaueres in Bild und Wort von dieser illustren Wohnung der Päpste zu erfahren, die zugleich Sitz der höchsten Kirchengewalten der katholischen Welt, dann aber auch, wie kein anderer Palast in nur annähernder Weise, für alle Welt der hehrste Tempel der Kunst ist. Was Höchstes von Meisterwerken des Alterthums und aus der goldenen Zeit der Kunst auf uns gekommen, findet sich in den Räumen des vatikanischen Palastes vereint; ebenso ist seine Bibliothek der Wissenschaft und ihren Forschern eine unschätzbare Fundgrube; sie bleibt der heiß ersehnte Zielpunkt so manches nordischen Wanderers.

Die Gartenlaube (1861) b 380.jpg

Der Vatican in Rom.
Nach der Natur gezeichnet von Zwahlen und Zielcke.

Den Palast in seiner ganzen ungeheueren Ausdehnung zu überblicken ist fast unmöglich, denn es ist nicht ein einzelner Palast, sondern eine Aneinanderreihung mehrerer an Baustyl und Dimensionen verschiedener Paläste. In drei Stockwerken umfaßt er eine Anzahl großer Hallen und Säle, Prunkgemächer, Capellen, Gallerien, Corridors etc. Dabei zählt man zweiundzwanzig Höfe und über zweihundert Treppen. Wir geben eine Ansicht des Vatikans von dem Plateau vor dem Sanct Peter. Von hier aus überschaut man die Haupttheile, die Wohnung der Päpste selbst; auch gewährt der Palast von diesem Standpunkte den malerischsten Gesammteindruck. Schon die Geschichte seines Baues, die aus den verschiedensten Epochen datirt, läßt schließen, daß er unmöglich ein einheitliches Ganzes, wie andere Prachtarchitekturen, bieten könne. Von Alters her stand neben der Hauptkirche der katholischen Welt, dem Sanct Peter, ein Palast, der abwechselnd mit dem Lateran den damaligen Päpsten zur Residenz diente. Nach ihrer Rückkehr aus Avignon wurde er ihr ausschließlicher Wohnsitz. Papst Nicolaus V. faßte zuerst den Plan, seine Wohnung zum größten und prächtigsten Gebäude der Welt zu machen, und nach seinem Tode, im Jahre 1455, führte Alexander VI. und dessen Nachfolger den Bau weiter fort. Julius II. ließ durch Bramante die Loggien erbauen; es ist dies der auf der linken Seite unseres Bildes sich zeigende Theil des Palastes; die in unseren Tagen mit Bogenfenstern geschlossenen Räume sind diejenigen, in denen Raphael und seine Schüler uns ihre unsterblichen Meisterwerke hinterließen, daher sie auch den Namen der „Loggien Raphael’s“ führen.

[381] An diese Loggien, die gleichsam einen Corridor bilden, schließen sich die Zimmer an, die der Welt unter dem Namen der „Stanzen (Zimmer) Raphael’s“ bekannt sind. Sie enthalten die berühmten Freskomalereien dieses Meisters und geben in verschiedenen Abtheilungen eine Verherrlichung der Idee des Christenthums. Von den vielen Meisterwerken der vaticanischen Gemäldesammlung gedenken wir nur der Transfiguration Raphael’s und der Madonna di Foligno. Die Antiken sind aufgestellt in dem Appartements Borgia (Alexander’s VI.), wo sich auch die gedruckten Bücher der Bibliothek seit 1840 befinden, namentlich aber in dem „Belvedere“ (eigentlich einer Villa Innocenz’ VIII., welche Julius II. mit dem Vatican vereinte und die später erweitert wurde). Hier finden sich die großen Sammlungen: Galeria lapidaria mit mehr als 3000 meistens Grabmälern entnommenen Reliefs; dann das Museo Chiaramonti, von Pius VII. angelegt und mit Statuen, Reliefs etc. angefüllt; dazu gehört der von demselben Papst erbaute Saal, welcher den neuen Flügel des Belvedere (il braccio nuovo) begreift und der an Reichthum kostbarer Marmorarten alle übrigen Säle des Vaticans übertrifft. Keine andere Antikensammlung in der Welt läßt sich jedoch mit dem Museo Pio Clemente vergleichen, denn dasselbe birgt, um nur das Ausgezeichnetste zu erwähnen, den berühmten Torso des Hercules, den herrlichen Apollo, die wundervolle Gruppe des Laokoon, eine Statue des Nils, die kolossale Statue des Antinous und tausend andere Arbeiten, an denen sich das Auge des Kunstkenners nicht satt sehen kann. Es ist dieses Museum der Glanzpunkt des ganzen Vaticans bis auf diesen Tag geblieben. Wenn Julius II. einen Kunsttempel geschaffen, sorgte Sixtus V. für eine der Wissenschaft geweihte Halle und baute die Prachträume der Bibliothek. Man kann sich eine Idee von den dort aufgespeicherten Schätzen der Wissenschaft machen, wenn man bedenkt, daß die vaticanische Bibliothek mindestens 70,000, nach Einigen 200,000, nach Anderen sogar 400,000 Bände enthält, neben denen sich gegen 40,000 Handschriften befinden, die größtentheils zu den ältesten und besten zählen.

Derselbe Sixtus V. erbaute auch denjenigen Theil des Palastes, der die rechte Seite unseres Bildes einnimmt und die gewöhnliche Residenz der Päpste ist. Hier wohnt Se. Heiligkeit, der jetzt regierende Pio nono, während die Eminenz den Cardinal-Staats-Secretairs Antonelli im obern Stockwerke thront. Unter Urban VIII. wurde die prachtvolle Scala regia (Haupttreppe), der officielle Haupteingang des Vaticans, gebaut. Man gelangt zu ihr durch das Säulenportal auf der linken Seite unseres Bildchens. Auf einer vierfachen Folge von Marmorstufen führt die Scala regia zwischen ionischen Marmorsäulen zum Haupteingang und bildet eine Perspektive von wundervoller Schönheit. Hier befindet sich auch die Wache der Schweizergarde, der letzten schwachen Hülfe, auf welche der vielbedrängte Pio nono sich zu stützen versucht. In unseren Tagen ist noch eine neue Seitentreppe hinzugekommen, ein durch die Munificenz Pius’ IX. errichteter Prachtbau, der an der Stelle der früheren Rampe direct in den Hof der Loggien hinaufführt. Dieses Werk ist eben vollendet. Aus der Zeit Urban’s VIII. endlich datirt die große Vorhalle, die Bernini mit so großem Talent ausgeführt hat. Wir sehen auf unserer Zeichnung die eine Hälfte des größten Meisterwerks, das dieser Künstler in der Architektur geschaffen. Die unzähligen Statuen, die den Porticus schmücken, gehören sämmtlich der Schule Bernini’s an, sind aber nur von decorativem Werth. Um schließlich noch einen Begriff von der riesenhaften Ausdehnung dieses Gebäudes zu geben, bemerken wir nur, wie fast alle Quellen die Anzahl der darin enthaltenen Säle, Zimmer etc. auf 11,000 angeben, wohl hinreichend, um den Vatican als die größte aller Residenzen dieser Welt erscheinen zu lassen.

Es liegt im Dunkel des Schicksals verhüllt, wie lange der Vatican noch die Residenz der Päpste bleiben wird. Vielleicht entscheidet schon die nächste Zukunft die brennende Frage, ob nicht der neue König von Italien Rom zu seinem ersten Herrschersitz erwählen wird und darf; dann könnte vielleicht der heilige Vater, seiner weltlichen Krone beraubt, sich gezwungen sehen, seinen Wohnsitz wie früher im Quirinal aufzuschlagen, wenn er es nicht, wie bereits früher, vorzieht, in der Fremde ein Ruhelager zu suchen, auf welches er sein müdes Haupt in Frieden niederzulegen vermag.