Im „Bockstall“ zu München

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Textdaten
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Autor: Arthur Müller
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Titel: Im „Bockstall“ zu München
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 15, S. 241–243
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[241]
Im „Bockstall“ zu München.


Die Gartenlaube (1872) b 241.jpg

Der Siegespreis im Bockstall.
Nach der Natur aufgenommen von L. Bechstein.

Fi donc! Welch unästhetischer Titel!“ wird naserümpfend gewiß manch feines Dämchen ausrufen, wenn sie die Ueberschrift dieses Aufsatzes liest und in leicht voraus zu berechnender Ideen-Association wird ihr nächster Gedanke E. S. Bouquet oder Jean Maria Farina sein.

„O meine Gnädigste – es ist mit diesem Bockstall gar nicht so schlimm bestellt, wie Sie vielleicht meinen! Ich habe in ihm sogar schon die feinsten Damen gesehen –“

„In einem Bockstall?“

„Damen aus der Crême der Gesellschaft!“

„Unmöglich!“

„Von Clara Ziegler, der stolzen Münchnerin, weiß ich es gewiß!“

[242] „In einem Bockstall?“

„In diesem Bockstall – ja!“

„Dann muß es allerdings eine eigene Bewandtniß haben.“

„Einigermaßen, ja! Wenn Sie nämlich in München vom Residenzplatz aus die schöne Maximilianstraße hinabgehen und in die zweite Querstraße rechts einbiegen, so gelangen Sie nach wenigen Schritten auf einen freien Platz, der sich zwar nicht durch besonderen Umfang, dafür aber durch desto größere Häßlichkeit auszeichnet. Der unregelmäßige, weitläufige, schon durch den gleichen Anstrich als zusammengehörig gekennzeichnete Häusercomplex ohne jede Spur von dem, was man in der Architectur Stil zu nennen pflegt, der die ganze Ostseite dieses Platzes einnimmt, ist das königliche Hofbräuhaus. Gerade ihm gegenüber, die südwestliche Ecke des Platzes bildend, befindet sich ein wohl über sechs Schuh hoher Bretterzaun, welcher einen ziemlich geräumigen Hof von eben diesem Platz und einer von Westen nach Osten senkrecht auf ihn ausmündenden Seitenstraße abschließt. Dieser Hofraum mit seinem Bretterzaun und den innerhalb desselben gelegenen Baulichkeiten, bestehend aus einem kleinen Hause mit nur einem Parterregeschoß, einer vielleicht dreißig Schritt langen, gedeckten hölzernen Colonnade und einem allerdings in ursprünglichster Weise hergestellten Orchester, bilden jenes in dem Münchener Leben hochbedeutsame Institut, welches der dortige Volksmund ‚Bockstall‘ getauft hat; nicht etwa, weil es zur Einstellung von Ziegen- oder irgend einer anderen Art von Böcken diente, sondern weil in ihm jenes wunderbare Bier geschenkt wird, das auch in weiteren Kreisen, in Berlin zum Beispiel in engster Verbindung mit dem unvermeidlichen Nebengedanken des dort populären ‚Haut ihm!‘ unter dem Namen ‚Bock‘ bekannt ist.“

„Aber warum heißt dieses Bier gerade ‚Bock‘?“

„Meine Gnädigste, der Baier nennt das von den voll eingeschenkten Gläsern und Maßkrügen abträufende Bier, also das geringste Getränk, das nächst dem Wasser für ihn existirt, ‚Schöps‘. Wenn Sie mir nun den Grund für diese Benennung angeben können, so bin auch ich vielleicht im Stande, Ihnen zu sagen, warum er sein hochfeinstes Edelbier mit dem Namen ‚Bock‘ bezeichnet hat.“

Wer nicht selbst eine Zeit lang in Baiern gelebt hat, kann sich thatsächlich keinen Begriff davon machen, zu welcher Bedeutung das Bier in dem baierischen Volksleben emporgewachsen ist, wobei indessen nicht verschwiegen werden soll, daß auch der einwandernde „Norddeutsche“ und der eingefleischteste „Berliner“ den einheimischen Lockungen des Baiernlandes nicht allzu lange zu widerstehen pflegt und alle hier einschlagenden „Tagesfragen“ bald mit dem gleichen Ernst und der gleichen Gründlichkeit zu behandeln liebt.

Ist es bei dieser Bierseligkeit leicht erklärlich, daß jede Gemeinde in Baiern, welche das Glück hat, einen Keller zu besitzen, das heißt, ein Local, in welchem das im Winter für den Ausschank im Sommer gebraute Bier lagert und in dieser Jahreszeit auch verzapft wird, in die freudigste und theilnahmvollste Aufregung geräth, wenn der Tag dieses Ausschanks endlich herangekommen ist, so wird man die Aufregung des Müncheners um so begreiflicher finden, wenn sein weltberühmtes Hofbrauhaus den Ausschank seines Sommerbieres oder Bockes anmeldet. Besonders der erste Mai, der erste Tag des Bockverschleißes, trägt in dem Umlaufe des Jahres für den Münchener den vollen Werth eines hochbedeutsamen Ereignisses.

Dem Fremden mag es leicht geschehen, daß er, in einem Münchener Bierlocale sitzend, auf einmal eine seltsame Bewegung unter seinen Mitgästen Platz greifen sieht. Jeder setzt urplötzlich seine Halbe oder Maßkrug an den Mund und trinkt seinen Rest aus. Verwundert fragt er dann wohl die die leeren Gefäße zu neuer Füllung wieder ansammelnde Kellnerin, was denn eigentlich los sei.

„Ja, haben’s denn nit g’hört?“ pflegt dann die verwunderte Antwort zu sein, „’s ist ja frisch a’zapft.“

Die wenigen Schläge, durch die der Hahn in und der Spunt aus einem frischen Fasse getrieben worden sind, ein Geräusch, das der Fremdling gänzlich zu überhören pflegt, für welches aber der Baier fast ein indianerartiges Gehör besitzt, so daß er es aus dem tollsten Lärm heraus erkennt, waren also die Ursache jener Aufregung.

Demgemäß kann man sich ungefähr die Spannung denken, mit welcher der Münchener dem ersten Mai entgegensieht. Wer vor elf Uhr, der Stunde der Eröffnung des Bockstalles, sich auf dem Platzl befindet – so heißt nämlich der Platz vor dem Hofbrauhaus, und ich bitte besonders die Liebe zu bemerken, die in dem Diminutivum liegt – der sieht die Schaaren der Bockdurstigen in hellen Haufen aus allen Gassen und Gäßchen heranströmen. Alle Stände sind vertreten: der Präsident, der General, der Student, der Arbeiter, der Handwerker, der Soldat; alle Confessionen: der Katholik von der Farbe des „Volksboten“ und „Bairischen Vaterlandes“, wie der Altkatholik, der Protestant, wie der Jude. Das Bier paralysirt jeden Unterschied des Ranges, des Standes und der Religion.

Durch das kleine Haus, von dem ich oben bei der Beschreibung der Localitäten des Bockstalles gesprochen habe, geht quer hindurch ein Gang mit zwei Ausgängen, der dasselbe in zwei Theile theilt: der eine enthält die Trinkstube, der andere das Sanctuarium, die Schänke. Nach dort zu findet immer und natürlich erst recht an diesem Tage der größte Andrang des Publicums statt. Zumal in dem Gange selbst steht Mann an Mann, hier und da auch wohl mit einem alten Radiweibe untermengt, „eingekeilt in drangvoll fürchterlicher Enge“, alle Gesichter der Schänke zugewandt, wie Sonnenblumen der Sonne. Da auf einmal ertönt aus dem Innern der Schänke heraus der Klang jener ominösen Schläge, von deren Wirkung ich schon oben gesprochen habe. „Es wird angezapft! Es wird angezapft!“ rauscht es durch die versammelte Menge. Ja! der große Augenblick ist da! Die Bocksaison ist wirklich geworden, das erste Faß ist angesteckt, die Schänke geöffnet!

Wer aber wird das erste Glas davontragen?

Der Glückliche nämlich, dem es gelingt, das erste Glas bei Eröffnung der Bocksaison zu erringen, erhält von der Verwaltung des königlichen Hofbrauhauses als Siegespreis das Privilegium, sich jeden Tag, so lange der Ausschank des Bockbiers dauert, eine Halbe umsonst an der Schänke verabreichen zu lassen.

Der Kampf um das erste Glas, und zwar der Augenblick, in dem er entschieden wird – das ist der Gegenstand der Zeichnung, an welche dieser Aufsatz sich anzuschließen bestimmt ist.

Man wird mir zugeben müssen: in dieser Zeichnung liegt nicht blos künstlerische Inspiration; es liegt mehr darin. Es liegt in ihr jene unmittelbare geistige Auffassung, die im Stande ist, eine lebensvoll bewegte Sachlage mit einem einzigen Ruck zu ergreifen, sie mit zähester Energie während der ganzen Zeit des künstlerischen Schaffens festzuhalten und bis in’s kleinste Detail hinein in haarscharf charakterisirender Weise auszuführen.

Daß diese Zeichnung die Absicht hat, sich ganz ausschließlich auf dem Gebiete des Humors zu bewegen, liegt schon beim ersten Anblick derselben offen da. Der Aufwand einer großen Leidenschaft zur Erreichung eines unbedeutenden Zweckes wird, künstlerisch gestaltet, immer und unfehlbar humoristisch wirken, vorausgesetzt, daß die nöthige Leichtigkeit und Freiheit in der Behandlung der darzustellenden Idee nicht fehlt. In unserer Zeichnung aber documentirt sich der Künstler vollkommen und nach allen Seiten hin als souverainer Herr seines Gegenstandes.

Man sehe das Leben und die leidenschaftliche Bewegung auf seinem Bilde, die vor Begier weit aufgerissenen Augen und vorgestreckten Hände, Hände, so charakteristisch gezeichnet, daß irgend eine beliebige davon herausgenommen, diese allein schon den Charakter des leidenschaftlichen Habenwollens ausdrücken würde. Hört man nicht den Schmul rechts vom Beschauer, der sich mit der linken Hand den Hut hält, zu seinem Nachbarn sagen: „Aber, lieber Herr, warum drücken Se denn so?“ Spricht nicht der aufgehobene Arm des unmittelbar hinter ihm Stehenden: „Herr, wenn Sie so weiter drücken, hau’ ich Ihnen eine auf!“ Muß man die im Hintergrunde in der Höhe erscheinenden Gestalten nicht in dem schnöden Verdachte haben, daß sie den Buckel oder irgend welche andere Körpertheile ihrer Mitebenbilder Gottes als Staffel benutzt haben, um sich zu ihrer erhabenen Stellung emporzuschwingen? Sitzt nicht der Sturmriemen auf dem Kopfe in der Mitte an einer Stelle des Gesichts, wo zu sitzen er niemals das Recht hat? Hört man nicht das arme Opfer, an der äußersten Linken vom Beschauer, mit dem eingetriebenen Hute und der schiefgerückten Brille, jedenfalls ein Schulmeisterlein oder Musiklehrer, auf den sich sein dicker Nachbar mit dem ganzen Vollgewichte seines breiten Rückens geworfen hat, in der Gefahr [243] garottirt zu werden, laut aufschreien, ohne daß er doch dabei seine Augen von dem Siegespreise abzuwenden vermag? Spricht nicht der giftigste Neid aus den Augen des Staatshämorrhoidarius, der dem glücklichen Sieger zur Linken steht? Und der Sieger selbst, der mit dem Ausdruck halb der Freude, halb der Bitte auf den Schänken sieht, und mit beiden Händen nach dem von diesem in die Höhe gehaltenen Glase mit dem überschäumendem Tranke greift, – hört man nicht unter der kräftigen, ihn zurückreißenden Faust alle Nähte seines Gewandes krachen, während er in der Ansicht:

„Bock trinkt sich gut
Auch ohne Hut,“

letzteren ruhig in die Schänke fallen läßt?

Das sind Alles Typen, jeder mit seiner ganz besonderen Eigenart in die Erscheinung tretend und zwar so, daß dadurch der allgemeine Grundzug des Bildes, die komisch-leidenschaftliche Aufregung, nicht nur in keiner Weise verwischt wird, sondern vielmehr erst recht zur Geltung gelangt.

Verstärkt wird die Wirkung des Bildes noch durch die Meisterschaft, mit welcher der Künstler die darin zur Anschauung kommenden Contraste einander gegenüber zu stellen gewußt hat: dort die von einem einzigen Triebe wild bewegte Menge, hier die classische Ruhe des seiner Würde und der ganzen Wichtigkeit des Augenblicks bewußten altbairischen Hofbrauhausschenken, an dem eben jeder Zoll, die ganze Gestalt, die strammen Ständer, der breite Rücken, die stämmigen Arme, der Stiernacken, das ganze Gesicht, die Nase und der Bart, den Altbaiern und den Schenken zugleich repräsentiren.

Ziehen wir schließlich die Summe aus dem ganzen Bilde, so stellt es sich dar als die vollendete Versinnlichung schnödester Bierselbstsucht, wie sie in ihrer ganzen grotesken Komik am ersten Mai jedes Jahres um die elfte Stunde im Bockstall des Münchner Hofbrauhauses zu Tage tritt.

Es wird wohl nur selten Bilder geben, in denen die Idee und ihre künstlerische Ausführung sich so durchaus decken, wie in dieser Zeichnung Ludwig Bechstein’s, unseres Künstlers.

Mir hat es große Freude gemacht, daß er mich zum Interpreten seines Bildes gewünscht hat.

Arthur Müller.