Instinct oder Ueberlegung? (Die Gartenlaube 1872/16)

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Titel: Instinct oder Ueberlegung
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aus: Die Gartenlaube, Heft 16, S. 268
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[268] Instinct oder Ueberlegung? Vor einigen Jahren besuchte ich in den Weihnachtsferien meine Eltern. Mein Vater ist Forstmann, zwei meiner Brüder haben denselben Beruf erwählt, und der ältere von ihnen hielt sich damals zur Unterstützung des Vaters bei demselben auf. Wir hatten gelindes Frostwetter und die Erde war mit einer dünnen Schneedecke überzogen. In der Neujahrsnacht war ein guter Spürschnee gefallen und ich ging am Morgen mit meinem Bruder in’s Revier. Wir wollten eine Marderfalle nachsehen und außerdem auf einigen anderen Punkten im Forste Rundschau halten.

Das erste Ziel war die Falle, eine sogenannte Blockfalle, wie ich sie oft gesehen. Die Wände bestehen aus eingeschlagenen, circa anderthalb bis zwei Zoll dicken Pfählen, welche über dem Boden eine Höhe von einundeinviertel bis anderthalb Fuß haben. Die Vorderwand hat nur halbe Höhe und der Marder erreicht den Köder schon (gewöhnlich ein Ei oder ein Vogel), wenn er mit halbem Leibe in die Falle hinein ist, liegt also auf der Vorderwand. Der Deckel, welcher etwas über letztere vortritt, ist mit Steinen beschwert. Beim Aufstellen wird der Deckel in die Höhe gehoben und mittelst eines Stellstickens in dieser Lage erhalten. Letzterer steht mit dem Köder durch eine Schnur in Verbindung. Sobald derselbe berührt wird, fliegt der Stellsticken heraus, der Deckel schlägt nieder und erdrückt den Marder.

Die Falle stand auf einer Anhöhe in einer Tannenschonung. Wir sahen schon aus einiger Entfernung, daß der Deckel niederlag, und hofften, einen Marder in der Falle zu finden. Wir sahen uns bitter getäuscht, denn dieselbe war derartig zerstört, daß sie in diesem Zustande völlig unbrauchbar war. An der Nordseite der Falle waren vier der armdicken Pfähle über dem Boden abgenagt, mehrere andere zum großen Theile zersplittert. Die Südseite trug ebenfalls Spuren herzhafter Angriffe nagender Thiere. Rings um die Falle war das zernagte und zersplitterte Holz zerstreut und die Schneedecke des Bodens von vielen zierlichen Spuren der Eichhörnchen niedergetreten. Unter dem Fallendeckel aber guckte der buschige Schwanz eines Eichhörnchens heraus, das durch die zerfressene Seitenwand ängstlich in’s Freie schaute. Als mein Bruder den Deckel hob, sprang der Gefangene heraus und war in wenigen Minuten auf den Wipfeln der Tannen verschwunden.

Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß die Zerstörung an der Falle den Zweck hatte, das gefangene Thier zu befreien. Dasselbe war jedenfalls neugierig in die Falle gegangen und hatte sich gefangen. Da es kleiner ist als der Marder, hatte der fallende Deckel nur den Schwanz getroffen und das Eichhörnchen daran festgehalten. Wie aber hatte es seinen Cameraden Mittheilung von seiner Noth gemacht und sie zur Hülfeleistung bestimmt? Die Zerstörung an der Falle war derartig, daß wenigstens zehn bis zwölf Thiere die Nacht hindurch daran gearbeitet hatten. Wie hatten sich diese so schnell zusammengefunden? Der Hauptangriff war wohlweislich auf einen Punkt mit dem größten Erfolge gerichtet, denn die Zerstörung an der Südseite rührte jedenfalls nur von den Thierchen her, die an der Hauptangriffsstelle zur Thätigkeit gerade keinen Platz fanden.

Ich wenigstens habe die Ueberzeugung gewonnen, daß hier ein wohlangelegter Plan mit größter Anstrengung zur Ausführung gebracht war, um das gefangene Eichhörnchen zu befreien. Ein inniges Bedauern ergriff mich bei dem Gedanken, daß solche Arbeit vergeblich gewesen, und daß die Retter den Ort verlassen mußten, ohne dem gefangenen Bruder helfen zu können, dem zwar der Weg in’s Freie offen stand, aber die Fesseln nicht gelöst waren.