Johnson und die Kinder

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Titel: Johnson und die Kinder
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aus: Die Gartenlaube, Heft 27, S. 431-433
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[422] Johnson und die Kinder. Wie das gesunde, klare Urtheil, den praktischen, staalsmännischen Blick, so scheint der gegenwärtige Präsident der Vereinigten Staaten von Nordamerika, Andrew Johnson, auch den originellen Humor, die natürliche Beredsamkeit, welche in heiterer Wendung das ernste Ziel, den Nagel auf den Kopf trifft, und das kindliche Gemüth von seinem unvergeßlichen Vorgänger überkommen zu haben. Dies ebenso wie die ungemeine Popularität, deren er sich bereits erfreut, sprach sich sehr bezeichnend in einer allerliebsten Feierlichkeit aus, die vor einigen Wochen in Washington stattfand. Ein Verein sogenannter Sonntagsschulen der Stadt Washington und Umgegend beging am 25. Mai das Gedenkfest seines fünfundzwanzigjährigen Bestehens. Etwa fünftausend Schüler und Schülerinnen und siebenhundert Lehrer und sonstige Schulbeamten bildeten den Festzug. Vor der eigentlichen Feier wallte diese stattliche Menge hinaus nach dem Weißen Hause, der officiellen Residenz des jedesmaligen Präsidenten, brachte Johnson ein endloses Hurrah und defilirte dann in wohlgeordneten Reihen an ihm vorbei, während ihm Tausende von Kinderhänden Blumenstrauß auf Blumenstrauß in den Hut warfen, bis dieser die duftende Last nicht mehr fassen konnte und ein mächtiger Korb die weitere Blumenfülle bergen mußte. Der Anblick der frischen fröhlichen Kindergesichter, ihre Lust, die unerschöpflichen Vivats, die aus den kleinen Kehlen hervorjubelten – sn muß entzückend gewesen sein. Der hübscheste Moment aber war gewiß, als der Präsident vor dem äußeren Gitter seines Amtssitzes Posto faßte, die kleinsten Mädchcn neben sich auf herbeigeschaffte Tische und Stühle stellte, sämmtliche Kinder um ihn herum einen Kreis schließen ließ und dann, helle Freude in den Augen, eine Rede an die jugendliche Versammlung begann, welche bewies, daß der Ruhm des alten Stump-Orators kein unbegründeter gewesen ist.

Diese Rede, die uns ein Freund in Amerika zum Theil in ihrem Wortlaute wiedergiebt, ist so charakteristisch, daß wir uns nicht versagen mögen, den Lesern der „Gartenlaube“ mindestens einige der merkwürdigsten Stellen daraus mitzutheilen, ihnen überlassend, naheliegende, und nicht eben erfreuliche, Parallelen selbst zu ziehen.

„Wenn ich recht verstehe,“ hob Johnson an, „so seid Ihr hier versammelt, einmal um zu zeigen, wie viele Kinder die Schule besuchen, und sodann und hauptsächlich, um dem höchsten Beamten der Nation Euere Achtung zu erweisen. Und diese Achtung, Ihr bringt sie heute einem Manne dar, der sehr wohl die Lage armer oder unscheinbarer Kinder zu würdigen weiß. Zeit meines Lebens ist es mir zuwider gewesen, wenn ich Menschen über ihr Verdienst und Gebühr schätzen und ehren sah, und ich will hier in meinen Worten an Euch, meine jungen Freunde und Freundinnen, die Ihr mir die Ehre Eueres Besuchs erweist, ausdrücklich hervorheben, daß ich ein Feind bin jedweder Vergötterung oder Kanonisation irdischer Dinge und sterblicher Personen, daß ich dem wahren Verdienste aber jederzeit die gerechte und geziemende Achtung und Würdigung gezollt zu sehen wünsche. Meine kleinen Töchter und kleinen Söhne ich darf Eunhk ja wohl so nennen? – lernt also zeitig unterscheiden zwischen Werth und Unwerth, Ihr sowohl, welche das Schicksal in besserer Lebenslage aufwachsen läßt, wie Ihr, die Ihr in minder günstigen Verhältnissen lebt.

Ihr, denen größere Vortheile geboten sind, werdet nicht eitel und geckenhaft, weil Euere Eltern Euch ein klein wenig besser kleiden oder etwas besser erziehen können; wisset vielmehr und fühlet, daß Euere Eltern und Euere Lehrer allein Euch nicht zu erziehen vermögen. Ob Euere Angehörigen arm oder ob sie reich sind, ob Ihr begabt seid oder nicht – Ihr müßt Euch selbst erziehen! Eltern, Lehrer und sonstige Vorzüge, deren Ihr Euch erfreut, sind nichts als die in Eure Hand gegebenen Mittel, mit denen Ihr selbst Euch die Bahn durch das Leben gestalten und ebnen müßt. Allein nimmermehr bildet Euch ein, daß Ihr irgend etwas Besseres seid, als Euere weniger günstig situirten oder minder befähigten Cameraden. Anstatt daß Ihr sie erniedrigt und ihre Lage noch drückender macht, muß es Euer Stolz sein, sie zu dem Niveau emporzuziehen, auf welchem Ihr selbst steht. – – – Meine Ueberzeugung ist es immer gewesen, daß die große Masse unseres amerikanischen Volkes emporgehoben werden kann. Und wenn dies Ziel erreicht ist, alsdann werden wir die größte und erhabenste Ration dieser Erde sein. – – –

Meine kleinen Töchter und Söhne, merkt wohl auf das, was ich Euch in Wahrheit und Aufrichtigkeit sage: wäre ich im Stande, Euch Etwas zu lehren, was Euch Alle alsbald auf einen höheren geistigen und sittlichen Standpunkt heben könnte, ich würde stolzer sein, als wenn ich vierzig Male zum Präsidenten erwählt worden wäre! Schaut Euch um, hier steht das Haus des Präsidenten und dort drüben das Capitel einer mächtigen Nation, und Ihr blickt auf Die, welche die Gesetze geben und handhaben, als auf überlegene und erhabene Personen. Denkt aber einmal einen Augenblick nach. Ihr seid der Nachwuchs, die Ernte hinter uns. Alle diese Gebäude und die ganze Regierung, eines Tages werden sie unter Euere Controle fallen und Euer Eigenthum werden, und Ihr werdet die Principien der Staatskunst, der Religion und Menschlichkeit zur Ausführung zu bringen und zu überwachen haben. Ihr Knaben, wie Ihr da um mich steht, jeder Sohn seiner Mutter, Jeder von Euch ist geborener Candidat für den Präsidentenstuhl. Warum wollt Ihr mithin nicht sofort anfangen, Euch für diesen Präsidentenstuhl zu erziehen? Und Ihr, meine kleinen Töchter, Ihr könnt zwar keine Präsidenten werden, aber Jede von Euch ist geborene Candidatin für die Würde einer Präsidentenfrau. Dessen müßt Ihr Euch bewußt werden und darum müßt Ihr Alle sonder Verzug Euch auf so hohe Stellungen vorbereiten. – – – – – Alles, was der Mensch unternimmt, muß die Billigung Dessen gewinnen, welcher die Geschicke und Ereignisse der Welt behütet. Das ist mein Glaube, wenn ich einen habe. – – – Die Zeit ist gekommen, wo die erste Frage sein muß, nicht was der Mensch glaubt, sondern ob er ein guter Mann oder ein gutes Weib ist. Wenn der Mensch gut ist – dann kommt wenig darauf an, welcher Kirche oder welcher Religionsgenossenschaft er angehört. – – – Noch einmal, meine Kinder,“ lautete der Schluß der Rede, „erzieht Euch selbst! Seid fleißig und beharrlich; füllt Euere Geister mit Allem, was gut ist; stapelt Alles, was der Aufbewahrung werth, auf in Eueren Köpfen und Euere Erkenntniß wird wachsen und groß werden!“

Der Präsident wollte nun in die innern Räume seiner Wohnung zurückkehren, allein die Menge versperrte ihm den Weg. Sämmtliche Damen und Herren, die sich um die Procession geschaart hatten, wollten ihm die Hand schütteln und der gutmüthige Johnson wehrte ihnen nicht, so daß sich bald ein förmliches Lever improvisirte.