Kalewala, das National-Epos der Finnen/Eilfte Rune

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
<<< Eilfte Rune >>>
{{{UNTERTITEL}}}
aus: Kalewala, das National-Epos der Finnen
Seite: 54–58
von: [[{{{AUTOR}}}]]
Zusammenfassung: {{{ZUSAMMENFASSUNG}}}
Anmerkung: {{{ANMERKUNG}}}
Bild
Kalewala, das National-Epos der Finnen - 054.jpg
Wikipedia-logo.png [[w:{{{WIKIPEDIA}}}|Artikel in der Wikipedia]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
[[Index:{{{INDEX}}}|Wikisource-Indexseite]]
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
[54]
Eilfte Rune.


     Müssen jetzt von Ahti sprechen,
Von dem muntern Burschen singen.
Ahti, dieser Inselländer,
Lempi’s Sohn, der Gutgelaunte,
Wuchs im hochgebauten Hause,
An der lieben Mutter Seite,
An dem Rand der breiten Meerbucht,
An dem Bug der fernen Spitze.
     Kauko nährte sich mit Fischen,

10
Wuchs empor, verzehrte Barsche,

Wurde Mann, der besten einer,
Blühte auf mit rothem Blute,
War am Haupte gar vortrefflich,
Und von Wuchs wohl ausgezeichnet;
War jedoch nicht ohne Fehler,
Frevelhaft in seinen Sitten:
Stets bei Weibern war sein Leben,
Wanderte umher zur Nachtzeit,
Bei der Mädchen muntern Freuden,

20
Bei dem Tanz der Zopfgeschmückten.

     War auf Saari eine Jungfrau,
Eine Jungfrau, eine Blume,
Wuchs sie in dem hohen Hause,
Schoß gar herrlich in die Höhe,
Sitzend in des Vaters Wohnung,
Wo die Hinterbank sich beugte.
     Lange wuchs sie, weit gepriesen,
Weither kamen Freiersleute
Nach dem Haus der schönen Jungfrau,

30
Nach dem Hof der Vielgepriesnen.

     Für ihr Söhnchen wirbt die Sonne,
Nicht will sie zum Sonnenlande,
An der Sonne Seit’ zu leuchten,
Bei der sommerlichen Eile.
     Für den Sohn wirbt auch der Goldmond,
Nicht will sie zum Haus des Mondes,
An des Mondes Seit’ zu leuchten,
Um den Luftkreis zu durchlaufen.
     Für den Sohn wirbt auch ein Sternlein,

40
Nicht will sie zur Sternesheimath,

Lange in der Nacht zu flimmern
An dem winterlichen Himmel.
     Freier kamen selbst aus Ehstland,
Andre kamen von den Ingern,
Nimmer will die Jungfrau gehen,
Selber giebt sie dieß zur Antwort:
„Ganz umsonst wird Gold verschwendet,
Wird verbraucht von euch das Silber,
Werde nicht nach Ehstland gehen,

50
Werd’ nicht gehen, werd’ nicht wollen

In dem Wasser Ehstlands rudern,
Werd’ nicht Saari’s Wogen messen,
Nicht die Fische Ehstlands essen,
Nicht die Fischsupp’ Ehstlands schlürfen.“
     „Geh’ auch nicht zum Ingerlande,
Zu den Rändern, zu den Strändern,
Hunger ist dort und nur Hunger,
Fehlt an Holz und fehlt an Spänen,
Fehlt an Wasser, fehlt an Waizen,

60
Fehlet selbst an Roggenbröten.“

     Doch der muntre Lemminkäinen,
Selbst der schöne Kaukomieli,
Übernimmt es nun zu gehen
Um die Saariblum’ zu werben,
Um ein Bräutchen hochgefeiert,
Um die schöne Zopfgeschmückte.
     Ab will ihn die Mutter bringen,
Warnen will die greise Alte:
„Werbe nicht, mein liebes Söhnchen,

70
Um ein Mädchen bess’rer Herkunft;

Nicht wirst du geduldet werden
In dem großen Stamme Saari’s.“
     Sprach der muntre Lemminkäinen,
Selbst der schöne Kaukomieli:
„Bin ich nicht aus hohem Hause,
Nicht aus gar zu großem Stamme,
Werde ich nach meinem Wuchse,
Nach dem Aussehn eine wählen.“
     Immer noch verbot die Mutter

80
Lemminkäinen hin zu gehen
[55]

Zu dem großen Stamme Saari’s,
Zu dem weitbegränzten Hause:
„Lachen werden dort die Mädchen,
Dort die Weiber dich verspotten.“
     Wenig achtet’s Lemminkäinen,
Redet selber diese Worte:
„Werd’ der Weiber Lachen hemmen,
Werd’ der Mädchen Kichern dämpfen,
Schlag’ mit Füßen an den Busen,

90
Schlage nach dem Arm des Säuglings,

Das beendigt wohl das Schmähen,
Ist ein guter Schluß des Spottens.“
     Solche Worte sprach die Mutter:
„Weh mir Armen um mein Leben!
Sollten Saari’s Weiber lachen,
Sollten es die keuschen Jungfraun,
Wird ein großer Streit entstehen,
Wird ein arger Kampf erwachsen,
Werden alle Saarifreier,

100
Hundert Mann mit ihren Schwertern

Auf dein Haupt, o Armer, stürzen,
Auf den einen alle fallen.“
     Nicht beachtet Lemminkäinen
Seiner lieben Mutter Warnung,
Nahm sein Roß, das gutgebaute,
Schirrte rasch sein edles Füllen,
Jagte rauschend dann von dannen
Nach dem großen Saaridorfe,
Um die Saariblum’ zu freien,

110
Um ein Bräutchen hochgepriesen.

     Es verlachten ihn die Weiber,
Schmähten ihn die Mädchen weidlich,
Als er seltsam in die Gasse,
Seltsam auf den Hof gefahren,
Seinen Schlitten umgeworfen,
Hastig an die Pfort’ geschleudert.
     Zog der muntre Lemminkäinen
Schief den Mund und schiefen Hauptes
Schüttelt er die schwarzen Haare,

120
Redet selber diese Worte:

„Hab’ dergleichen nie gesehen,
Nie gesehen noch gehöret,
Daß die Weiber mich verlachen,
Nie der Mädchen Spott erlitten.“
     Wenig achtet’s Lemminkäinen,
Redet selber diese Worte:
„Giebt’s wohl Platz hieselbst auf Saari,
Land auf Saari’s weiten Flächen,
Daß ich hieselbst munter spiele,

130
Giebt es Platz zu einer Scheune

Zu der Freud’ der Saarijungfraun,
Zu dem Tanz der Zopfgeschmückten?“
     Sprachen da die Saarijungfraun,
Gaben Antwort an der Landzung’:
„Platz genug ist hier auf Saari,
Land genug auf Saari’s Flächen,
Dir ein Raum zu muntern Spielen,
Platz ist da für eine Scheune,
Kannst ein Hirt am Schwendenlande,

140
Daselbst Hirtenknabe werden;

Mager sind die Kinder Saari’s,
Fett genug der Pferde Füllen.“
     Wenig achtet’s Lemminkäinen,
Trat in Dienst als Hirtenknabe,
War bei Tage auf der Weide,
Nachts beim Jubel muntrer Mädchen,
Bei den Spielen dieser Jungfraun,
Bei dem Tanz der Zopfgeschmückten.
     Lemminkäinen voller Frohsinn,

150
Selbst der schöne Kaukomieli,

Hatte bald der Weiber Lachen,
Bald gedämpft den Spott der Mädchen,
Gab dort keine einz’ge Tochter,
Keins der noch so keuschen Mädchen,
Die er nicht alsbald umfaßte
Und an ihrer Seite weilte.
     Unter allen gab’s nur eine
In dem großen Stamme Saari’s,
Die sich nichts aus Freiern machte,

160
Nicht den Männern Gunst ertheilte:

Kyllikki, die schöne Jungfrau,
Saari’s allerschönste Blume.
     Lemminkäinen voller Frohsinn,
Selbst der schöne Kaukomieli

[56]

Trug zu Ende hundert Stiefel
Und zerrudert hundert Ruder,
Als er um das Mädchen freite,
Um Kyllikki sich bemühte.
     Kyllikki die schöne Jungfrau

170
Redet selber diese Worte:

„Weshalb weilst du hier, o Schwächster,
Weshalb winselst du am Strande,
Wirbst du um ein hiesig Mädchen
Mit dem zinngeschmückten Gürtel;
Habe keine Zeit zu gehen,
Eh’ den Stein ich ganz zerrieben,
Eh’ den Stößel ich zerstampfet,
Eh’ den Mörser ich zerstoßen.“
     „Nicht beacht’ ich solche Wichte,

180
Solche Wichte, solche Wische,

Wünsche einen schlanken Gatten,
Da ich selber schlanken Leibes,
Will, daß stattlich er erscheine,
Da ich selber wohlgestaltet,
Wünsch’ ihn von dem schönsten Wuchse,
Da ich selber schön gewachsen.“
     Wenig Zeit war hingegangen,
Kaum verfloß ein halber Monat,
Als an einem schönen Tage,

190
Um die Zeit der Abendstunde

Munter dort die Jungfraun spielten,
Alle Schönen munter tanzten
In dem Hain am Wiesenrande,
Auf der schönen Bodenfläche,
Kyllikki vor allen andern,
Saari’s weitberühmte Blume.
     Kam der lebensfrische Bursche,
Kam der muntre Lemminkäinen
Mit dem eignen Hengst gefahren,

200
Mit dem auserwählten Pferde

Mitten auf den grünen Spielplatz,
In den Tanz der schönen Mädchen;
Rafft Kyllikki in den Schlitten,
Reißt die Jungfrau hin zum Sitze,
Ziehet rasch das Leder über,
Bindet schnell zurecht die Leiste.
     Schlug das Roß mit seiner Peitsche,
Lärmte heftig mit den Riemen,
Jagte voller Hast von dannen,

210
Sprach beim Jagen diese Worte:

„Nimmer dürfet ihr, o Mädchen,
Von mir irgend Kunde geben,
Daß ich zu euch hergefahren,
Daß die Jungfrau ich entführet!“
     „Falls ihr nicht gehorchen solltet,
Wird’s euch, Mädchen, schlimm bekommen,
Sing’ zum Kriege eure Freier,
Unter Schwerter eure Männer,
Daß in Tagen und in Monden

220
Ja für immer nichts zu hören,

Sie nicht gehen auf den Gassen,
Auf den Fluren nimmer fahren!“
     Wohl genugsam klagt Kyllikki,
Wimmert Saari’s schöne Blume:
„Laß mich endlich doch in Freiheit,
Laß das Kind aus deinen Händen,
Laß nach Haus’ mich lieber wandern
Zu der Mutter, die da weinet!“
     „Wirst du mich nicht von dir lassen,

230
Daß ich fort nach Hause gehe,

O, so hab’ ich fünf der Brüder,
Sieben Vaterbrüdersöhne,
Die des Häsleins Spur verfolgen,
Die die Jungfrau wiederfordern.“
Als sie nun nicht losgelassen,
Macht die Jungfrau sich ans Weinen,
Redet selber diese Worte:
„Froh bin, Ärmste, ich geboren,
Froh geboren, froh gewachsen,

240
Froh verbrachte ich mein Leben;

Jetzt jedoch gerieth voll Unlust
Ich zu diesem Thunichtgute,
Zu dem kampfbereiten Manne,
Zu dem ewig wilden Streiter.“
     Sprach der muntre Lemminkäinen,
Er, der schöne Kaukomieli:
„Liebes Herzblatt, o Kyllikki,
Du mein honigsüßes Beerchen,

[57]

Sei nun ohne alle Sorge,

250
Nie werd’ ich dich schlecht behandeln,

In den Armen bei dem Essen,
An den Händen bei dem Gehen,
An der Seite bei dem Stehen
Neben mir, so lang’ ich ruhe!“
     „Sage, wozu diese Sorgen,
Dieses kummervolle Seufzen,
Klagst du deshalb voller Kummer,
Seufzest darum voller Sorgen,
Daß ich ohne Küh’ und Nahrung,

260
Und an Vorrath Mangel leide?“

     „Sei nun ohne alle Sorge,
Habe wohl genug der Kühe,
Wohl genug, die Milch mir spenden,
Auf dem Sumpfe Ackerbeerchen,
Auf dem Berg die Erdbeerfarbne,
Preiselbeerchen auf dem Felde,
Sind gar schön auch ungefüttert,
Hübsch von Aussehn ungehütet,
Nicht braucht Abends sie zu binden,

270
Morgens man nicht sie zu lösen,

Nicht das Futter vorzuwerfen,
Nicht das Salz zur Morgenstunde.“
     „Oder klagst du deshalb sorgend,
Seufzest darum voller Kummer,
Daß ich nicht von großem Stamme,
Nicht aus hohem Haus geboren?“
     „Bin ich nicht von großem Stamme,
Nicht aus hohem Haus geboren,
Hab’ ich doch ein Schwert voll Feuer,

280
Eine flammenreiche Klinge,

Dieß gewiß ist großen Stammes,
Ist aus breitem Haus geboren,
Ist bei Hiisi scharf geschliffen,
Bei den Göttern blankgescheuert,
Damit will dem Stamm ich Größe,
Breite meinem Hause geben,
Mit dem Schwerte voller Feuer,
Mit der flammenreichen Klinge.“
     Angstvoll seufzete das Mädchen,

290
Redet’ selber diese Worte:

„O du Ahti, Lempi’s Söhnlein,
Willst du mich, die schöne Jungfrau,
Dir zur steten Ehehälfte,
Als ein Hühnchen dir im Arme,
So beschwör’ mit ew’gem Eide,
Daß du nimmer ziehst zum Kriege,
Wenn nach Gold du Sehnsucht trügest,
Wenn nach Silber ein Gelüste.“
     Selbst der muntre Lemminkäinen

300
Redet Worte solcher Weise:

„Ich beschwör’s mit ew’gem Eide,
Werde in den Krieg nicht ziehen,
Wenn nach Gold ich ein Gelüste,
Ich nach Silber Sehnsucht trage!
Schwöre du von deiner Seite,
Daß du nicht zum Dorfe gehest,
Wenn zum Tanzen ein Gelüste,
Wenn zum Spiel dich Sehnsucht treibet!“
     Also schwuren sie die Eide,

310
Legten ab ein stark Gelübde

Vor dem offenkund’gen Gotte,
Unter ihm, dem Allmachtsvollen,
Ahti, daß er nicht zum Kriege,
Kylli nicht zum Dorfe wolle.
     Lemminkäinen voller Frohsinn
Traf den Hengst mit seiner Peitsche,
Schlug das Rößlein mit den Zügeln,
Redet selber diese Worte:
„Lebet wohl, o Wiesen Saari’s,

320
Fichtenwurzeln, Tannenstumpfe,

Die im Sommer ich durchwandelt,
Die im Winter ich betreten,
Wo bei Regennächten oftmals
Ich zu schlechter Zeit gestecket,
Während ich dieß Hühnchen suchte,
Dieses Entlein hier erstrebte!“
     Ließ das Rößlein munter springen,
Bald erschien die liebe Heimath,
Solche Worte sprach die Jungfrau,

330
Ließ sich selber also hören:

„Luftig scheint mir dort die Hütte,
Gleichet einem Hungerloche,

[58]

Wem wohl sollte sie gehören,
Welchem ehrberaubten Manne?“
     Sprach der muntre Lemminkäinen
Selber Worte solcher Weise:
„Quäle dich nicht ob der Stube,
Seufze nicht ob dieser Stätte,
Werde andre Stuben bauen,

340
Werde bessere dir zimmern

Aus bei weitem schönern Balken,
Aus den allerbesten Sparren.“
     So gelangte Lemminkäinen
Grade nach der lieben Heimath
An die Seite seiner Mutter,
In die Nähe dieser Alten.
     Solche Worte sprach die Mutter,
Ließ auf diese Art sich hören:
„Lange bist du fortgeblieben,

350
Lange, Sohn, in fremden Ländern.“

     Sprach der muntre Lemminkäinen
Selber Worte dieser Weise:
„Haben doch die Weiber müssen
Und die keuschen Jungfern zahlen
Für den Spott, für das Gelächter,
Daß sie über mich gekichert,
Nahm die beste in den Schlitten,
Setzte sie auf meine Decke,
Setzt’ zurecht sie auf dem Boden,

360
Schwang sie unter’s Fell behende,

So vergalt ich das Gelächter,
So der Mädchen lang’ Gespötte.“
     „Mutter, die du mich getragen,
Theure, die mich auferzogen,
Hab’ erlanget, was ich wollte,
Hab’ erreicht das Angestrebte,
Breite aus die besten Pfühle,
Für den Kopf die weichsten Kissen,
Daß im eignen Land ich schlafe

370
An der jungen Jungfrau Seite.“

     Sprach die Mutter diese Worte,
Ließ sich selber also hören:
„Gott sei nun dafür gelobet,
Hochgepriesen sei, o Schöpfer,
Gabst mir eine Schwiegertochter,
Welche gut das Feuer schüret,
Trefflich am Gewebe wirket,
Kunstvoll ihre Spindel drehet,
Ausgezeichnet ist im Waschen,

380
In dem Walken der Gewänder!“

     „Preise selber du dein Schicksal,
Hast es gut getroffen, Beste,
Gut gefüget hat’s der Schöpfer,
Er, der liebevolle Vater;
Rein ist auf dem Schnee die Ammer,
Reiner auf dem Gatten, Theure,
Weiß der Schaum zwar auf dem Meere,
Weißer auf dem Ehemanne,
Schlank im Meere wohl die Ente,

390
Schlanker noch an deinem Schützer,

Glänzend ist der Stern am Himmel,
Glänzender an deinem Manne.“
     „Weiter mache nun den Boden,
Größer baue du die Fenster,
Zimmre fertig neue Wände,
Baue um die ganze Stube,
Vor der Stube auch die Schwelle,
An der Schwelle neue Thüren,
Da du diese Maid gewonnen,

400
Da die Schöne du erlesen,

Sie, die Jungfrau bessrer Abkunft,
Die aus größrem Stamm geboren.“