Kalewala, das National-Epos der Finnen/Siebente Rune

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[31]
Siebente Rune.


     Wäinämöinen alt und wahrhaft
Schwamm so durch die tiefen Wogen,
Wandert wie ein Zweig der Fichte,
Wie ein dürres Reis der Tanne
Sechs der schönsten Sommertage,
Sechs der Nächte nach einander,
Vor sich hatte er die Fluthen,
Hinter sich den klaren Himmel,
Schwimmet ferner zwei der Nächte,

10
Zwei der allerlängsten Tage;

Endlich in der Nächte neunter,
Nach Verlauf des achten Tages
Ward der Alte ungehalten,
Fühlt er großes Mißbehagen,
Denn der Zehe fehlt der Nagel
Und dem Finger die Gelenke.
     Wäinämöinen, er, der alte
Sprach da selber diese Worte:
„Wehe mir, dem armen Manne,

20
Wehe mir, dem Unglückskinde,

Daß das eigne Land verlassend,
Aus der Heimath ich gegangen,
Um nun unter freiem Himmel
Tag’ und Monde hier zu wandern,
Von dem Sturme stark geschaukelt,
Von den Wogen arg gewieget
Auf den weiten Wasserstrecken,
Auf den ausgedehnten Fluthen;
Frostig ist mir hier das Leben,

30
Schmerzhaft ist es hier zu weilen

Immerfort in diesen Wogen,
Auf dem Wasser hinzuziehen.“
     „Weiß ja nicht, wie ich hier leben,
Wie ich mich verhalten solle
Jetzt in diesen schlechten Zeiten,
In den harten Unheilsstunden:
Soll mein Haus im Wind’ ich bauen,
Auf den Wogen meine Stube?“
     „Baute ich mein Haus im Winde,

40
Fänd’s im Winde keine Stütze,

Baut’ ich meine Stub’ im Wasser,
Würd’ das Wasser sie entführen.“
     Her von Lappland kam ein Vogel,
Aus dem Dämmerland ein Adler,
Nicht gehört er zu den größten,
Keineswegs auch zu den kleinsten,
Streift das Meer der eine Flügel,
Reicht der andre an den Himmel,
Durch die Wogen fegt der Bürzel,

50
An die Klippen schlägt der Schnabel.

     Fliegt umher und hält dann inne,
Schaut sich um und blickt nach hinten,
Sieht den alten Wäinämöinen
Auf dem blauen Meeresrücken:
„Weshalb bist du, Mann, im Meere,
Du, o Held, im Naß der Wogen?“
     Wäinämöinen alt und wahrhaft
Redet selber diese Worte:
„Deshalb bin ich Mann im Meere,

60
Ich, der Held, im Naß der Wogen,

Ging zum Nordland um zu freien
Um des Düsterlandes Jungfrau.“
     „Hastig jagt’ ich auf dem Wege
Längs der großen Meeresfläche,
Da gerieth ich eines Tages
Um die Zeit der Morgenstunde
An die Bucht von Luotola,
An die Strömung von Joukola,
Wo mein Roß mir todt geschossen,

70
Wo man mich zu treffen dachte.“

     „Stürzte darauf in das Wasser,
Mit den Fingern in die Fluthen,
Daß der Sturm mich heftig wiegte,
Daß die Wogen mich bewegten.“
     „Her von Nordwest kam ein Sturmwind,
Her von Ost ein starker Windstoß,
Dieser trieb mich weit vom Lande,
Führt’ mich fort in ferne Strecken;
Ward gewieget viele Tage,

80
Schwamm umher gar viele Nächte
[32]

In den weiten Wasserstrecken,
In den ausgedehnten Fluthen;
Kann auch nimmer hier erfahren,
Merken nicht und nicht begreifen,
Wie ich endlich sterben werde,
Was wohl früher wird geschehen,
Ob vor Hunger ich verkomme,
Ob ins Wasser ich versinke.“
Sprach der Aar, der Lüfte Vogel:

90
„Sei du keineswegs voll Kummer,

Setze dich auf meinen Rücken,
Richt dich auf am Bürzelknochen,
Will dich aus dem Meere tragen,
Wohin sich dein Sinn auch sehnet;
Wohl gedenk’ ich noch des Tages,
Denke noch der guten Zeiten,
Als die Waldung von Kalewa,
Osmo’s Hain du niederbranntest,
Doch die Birke du verschontest,

100
Ihn, den schlanken Baum, dort ließest

Als ein Ruheplatz den Vögeln,
Selber mir zu einem Sitze.“
     Drauf erhebet Wäinämöinen
Seinen Kopf rasch aus den Fluthen,
Steigt dann muthig aus dem Meere,
Hebt sich kräftig aus den Wogen,
Setzt sich auf des Adlers Flügel,
Auf des Vogels Bürzelknochen.
     Fort trägt drauf der Lüfte Vogel

110
Wäinämöinen, ihn, den alten,

Führt ihn längs der Bahn der Winde,
Längs des Laufs des Frühlingswindes
Zu des Nordens weiten Gränzen,
Nach dem trüben Sariola;
Ließ dort Wäinämöinen nieder;
Selber rauscht er durch die Lüfte.
     Wäinämöinen weinte dorten,
Weinte dort und wimmert’ ängstlich
An dem Strand des weiten Meeres,

120
An der unbekannten Spitze,

Wohl mit hundert Seitenwunden,
Tausendfach vom Wind geschlagen,
Mit dem Barte voller Unrath
Und den wild zersausten Haaren.
     Weinte zwei, ja drei der Nächte,
Weinte eben so viel Tage,
Wußte keinen Weg zu gehen,
Keinen Pfad dort aufzufinden,
Der ihn nach der Heimath führte,

130
Nach bekannten Länderstrichen,

In das Land, wo er geboren,
Wo bis dahin er gelebet.
     Nordlands schlankgewachsne Jungfrau
Mit der schönen, weißen Farbe
Hatte mit der Sonn’ gewettet,
Mit der Sonne, mit dem Monde,
Stets zugleich sich zu erheben,
Und zusammen zu erwachen;
Kam jedoch bei weitem früher,

140
Vor dem Mond und vor der Sonne,

Eh’ den Hahn sie hören konnte,
Eh’ der Henne Sohn gekrähet.
     Schor dann fünf der schönsten Schafe,
Sechs der allerbesten Lämmer,
Sammelte zum Tuch die Wolle,
Wählt’ sie aus zu dem Gewande,
Lang’ bevor der Morgen graute,
Eh’ die Sonne sich erhoben.
     Wusch darauf die langen Tische,

150
Kehrte rein des Bodens Bretter

Mit dem zweigereichen Besen,
Mit der blätterreichen Quaste,
Scharrt den Kehricht dann zusammen
Auf der kupferreichen Schaufel,
Bringt den Unrath fort nach außen,
Durch die Thür zum Ackerfelde,
Zu des letzten Feldes Kante
An des untern Zaunes Ende;
Bleibt dort bei dem Kehricht stehen,

160
Horchet auf und dreht den Körper,

Hörte von dem Meer’ her weinen,
Jammern von dem andern Ufer.
     Hastig eilte sie nach Hause,
Eilt’ behende in die Stube,

[33]

Sprach, als sie dort angekommen,
Und berichtet solcher Weise:
„Hörte von dem Meer her weinen,
Jammern auf dem andern Ufer.“
     Louhi, sie, Pohjola’s Wirthin,

170
Nordlands zähnearme Alte,

Eilte nach dem Hof geschwinde
An die Öffnung ihrer Pforte,
Horchte fleißig auf die Laute,
Redet selber diese Worte:
„Also weinen nimmer Kinder,
Also jammern nimmer Weiber,
Also weinen bärt’ge Helden,
Männer mit behaartem Kinne.“
     Stieß den Nachen in das Wasser,

180
In die Fluth den dreibretthohen,

Selbst beginnt sie schnell zu rudern,
Ruderte und eilt’ voll Raschheit
Hin zum alten Wäinämöinen,
Zu dem Helden, der da weinte.
     Wirklich weinte Wäinämöinen,
Jammerte der Wogen Gönner
In dem schlechten Weidenbusche,
In dem dichten Faulbaumhaine,
Mund und Bart, die bebten beide,

190
Doch der Mund ließ sich nicht öffnen.

     Sprach die Wirthin von Pohjola,
Sprach und redet’ solche Worte:
„O du alter Mann voll Thorheit,
Bist in fremdes Land gerathen!“
     Wäinämöinen alt und wahrhaft
Hebt sein Haupt da in die Höhe,
Redet Worte solcher Weise:
„Weiß das selber zur Genüge,
Daß ich bin in fremdem Lande,

200
Auf ganz unbekannten Strecken;

In der Heimath war mir wohler
Und zu Hause stand ich höher.“
     Louhi, sie, Pohjola’s Wirthin,
Redet Worte solcher Weise:
„Möchte gern von dir erfahren,
Und erlaubt sei es zu fragen,
Wer denn bist du von den Männern,
Wer wohl aus der Zahl der Helden?“
     Wäinämöinen alt und wahrhaft

210
Redet selber solche Worte:

„Ward genannt in frühern Zeiten,
Ward zuvor betrachtet immer
Als Erfreuer an dem Abend,
Als ein Sänger in den Thälern,
Auf den Fluren von Wäinölä,
Auf den Flächen Kalewala’s;
Glaube mich in meinem Elend
Selber fast nicht recht zu kennen.“
     Louhi, sie, Pohjola’s Wirthin,

220
Redet Worte solcher Weise:

„Steig, o Mann, nun aus der Nässe,
Komm’, betritt die neuen Pfade,
Daß dein Unglück du erzählest,
Dein Geschick du mir berichtest!“
     Nahm den Mann so fort vom Weinen,
So den Helden vom Gewimmer,
Ziehet ihn ins Boot behende,
Setzt ihn an des Fahrzeugs Ende,
Selber macht sie sich ans Rudern,

230
Ruderte mit allen Kräften

Graden Weges nach Pohjola,
Nach den fremden Wohngebäuden.
     Speisete den Hungermatten,
Trocknete den ganz Durchnäßten,
Wärmte ihn gar manche Stunde,
Wärmte ihn und schafft ihm Hitze,
Macht den Mann gar bald genesen
Und gesund den starken Helden;
Fragt ihn dann und forschet fleißig,

240
Redet selber diese Worte:

„Weshalb hast, o Wäinämöinen,
Du, o Wogenfreund, geweinet
In dem schlechten Aufenthalte
An dem Strande dieses Meeres?“
     Wäinämöinen alt und wahrhaft
Redet Worte solcher Weise:
„Habe Grund genug zum Weinen,
Grund genug mich abzuhärmen,

[34]

Hab’ gar lang’ im Meer geschwommen

250
Und die Wogen fortgestoßen

In den weiten Wasserstrecken,
In der ausgedehnten Öde.“
     „Deshalb weine ich so lange,
Quäl’ ich mich so lang’ ich lebe,
Daß ich aus dem Heimathlande,
Aus bekannten Länderstrecken
Zu der fremden Thür gekommen,
Zu den unbekannten Pforten;
Alle Bäume hier verwunden,

260
Jeder Ast scheint mich zu schlagen,

Jede Birke bringt Beschwerden,
Jede Erle sucht zu schneiden;
Nur der Wind ist mein Bekannter,
Nur die Sonne mir befreundet
In den fremden Länderstrecken,
Bei den unbekannten Thüren.“
     Louhi, sie, Pohjola’s Wirthin,
Redet darauf diese Worte:
„Weine nicht, o Wäinämöinen,

270
Klage nicht, o Freund der Wogen,

Gut ist’s hier für dich zu weilen,
Schön die Zeit hier zuzubringen,
Lachs vom Teller hier zu essen,
Nebenbei das Fleisch der Säue.“
     Sprach der alte Wäinämöinen
Selber Worte solcher Weise:
„Nimmer mag ich fremde Speise
In der allerbesten Fremde;
Besser ist der Mann im Lande,

280
Und zu Hause steht er höher;

Gieb, o güt’ger Gott dort oben,
Du, o Schöpfer voller Liebe,
Daß nach Hause ich gelange,
Nach dem lieben Heimathlande!
Besser ist’s im eignen Lande
Wasser aus dem Schuh zu trinken,
Als im fernen fremden Lande
Honigtrank aus goldner Schale.“
     Louhi, sie, des Nordlands Wirthin,

290
Redet Worte solcher Weise:

„Was denn wirst du mir wohl geben,
Wenn ich dich nach Hause schaffe,
An den Saum des eignen Feldes,
Hin zur Badstub’ deiner Heimath?“
     Sprach der alte Wäinämöinen:
„Was wohl wünschst du zu erhalten,
Wenn du mich nach Hause schaffest,
An den Saum des eignen Feldes,
Daß den Kuckuck dort ich rufen,

300
Dort die Vögel singen höre;

Willst du eine Mütz’ voll Goldes,
Einen Hut voll schönen Silbers?“
     Louhi, sie, Pohjola’s Wirthin,
Redet Worte solcher Weise:
„O du weiser Wäinämöinen,
Einzig ew’ger Zaubersprecher,
Nimmer werd’ nach Gold ich fragen,
Nimmer mich um Silber kümmern;
Gold ist wie der Kinder Blumen,

310
Silber wie der Rosse Zierath;

Kannst du mir den Sampo schmieden,
Mir den bunten Deckel hämmern
Aus der Schwanenfeder Spitze,
Aus der Milch der güsten Stärke,
Einem einz’gen Gerstenkorne,
Aus der Wolle eines Schafes,
Ja, dann geb’ ich meine Tochter,
Dieses Mädchen dir zum Lohne,
Bringe dich zum Heimathlande,

320
Daß du dort die Vögel singen,

Dort den Kuckuck rufen hörest
An dem Saum des eignen Feldes.“
     Wäinämöinen alt und wahrhaft
Redet Worte solcher Weise:
„Nicht kann ich den Sampo schmieden,
Nicht den bunten Deckel hämmern;
Bring mich nach dem Heimathlande:
Werde Ilmarinen senden,
Daß den Sampo er dir schmiede,

330
Dir den bunten Deckel hämmre,

Deine Tochter sich gewinne,
Daß die Jungfrau er beglücke.“

[35]

     „Dieser ist ein Schmied, wenn einer,
Ist ein Meister in den Künsten,
Hat den Himmel schon geschmiedet,
Hat der Lüfte Dach gehämmert,
Nirgend sieht man Hammerspuren,
Nirgend eine Spur der Zange.“
     Louhi, sie, Pohjola’s Wirthin,

340
Redet Worte solcher Weise:

„Dem nur geb’ ich meine Tochter
Und versprech’ mein Kind nur jenem,
Der den Sampo für mich schmiedet,
Der den bunten Deckel hämmert
Aus der Schwanenfeder Spitze,
Aus der Milch der güsten Stärke,
Einem einz’gen Gerstenkorne,
Aus der Wolle eines Schafes.“
     Schirrte an das muntre Füllen,

350
Spannt’ das braune vor den Schlitten,

Setzt’ den alten Wäinämöinen,
Setzt’ den Helden in den Schlitten,
Sprach drauf Worte solcher Weise,
Ließ sich selber so vernehmen:
„Heb dein Haupt nicht in die Höhe,
Strecke nicht hervor den Körper,
Wenn das Roß nicht schon ermüdet,
Wenn nicht schon der Abend da ist;
Hebst dein Haupt du in die Höhe,

360
Reckest du den Kopf nach außen,

Wird gewißlich Unheil kommen,
Dich ein bös’ Geschick ereilen.“
     Trieb der alte Wäinämöinen
Rasch sein Roß und jagt’ von dannen,
Ließ die Leinen lustig schweben,
Lärmte so des Weges weiter
Aus dem nimmerhellen Nordland,
Aus dem düstern Sariola.