Keller’s Bild und Kreuz

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Autor: Alois Wilhelm Schreiber
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Titel: Keller’s Bild und Kreuz
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aus: Badisches Sagen-Buch II, S. 199–201
Herausgeber: August Schnezler
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1846
Verlag: Creuzbauer und Kasper
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Erscheinungsort: Karlsruhe
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Keller’s Bild und Kreuz.

Gegen Ende des 15. Jahrhunderts verließ Markgraf Christoph die alte Stammburg seiner Ahnen und bezog das neue Schloß, welches er auf dem Hügel, dicht über der Stadt Baden, sich erbaut hatte. Auf der alten Burg aber, deren Trümmer wir hoch aus dem Bergwalde ragen sehen, blieb seine Mutter zurück mit zwei Hoffräulein, einem jungen Edelmann und der nöthigen Dienerschaft und Schloßwache. Der Junker, aus dem Geschlechte der Freiherrn von Keller, besaß alle Vorzüge, um sich leicht die Gunst der Frauen zu erwerben, wenn gleich seine Sitten ziemlich locker waren. Vor allen Damen aber hatte die reizende Klara von Tiefenau sein Herz mit den festesten Banden umstrickt; im Hause ihres Vaters, der als markgräflicher Vogt in Kuppenheim lebte, welches damals noch eine Stadt mit Gräben, Mauern und Thürmen war, hatte sich diese Bekanntschaft entsponnen. Ein bequemer Weg, von dem jetzt noch die Spuren sichtbar sind, führte vom alten Badener Schlosse nach Kuppenheim durch einen dichten Wald und unser Junker machte täglich, unter dem Vorwande der Jagd, in den Morgen- oder späten Abendstunden diesen Spaziergang, um die Dame seines Herzens wenigstens auf Augenblicke zu sehen.

Als er einst beim hellen Vollmondschein von dort zurück wieder heimwandelte und das Horn des Burgwächters eben Mitternacht verkündete, kam es ihm plötzlich vor, als sitze, wenige Schritte nur von ihm, am Wege eine weibliche Gestalt, in einen Schleier gehüllt. Wie gewöhnlich abenteuerlustig, schritt der junge Mann keck auf die Erscheinung zu. Allein je näher er derselben kam, desto unbestimmter wurden ihre Umrisse, mehr und mehr in Nebelduft verschwimmend und endlich ganz verschwindend, als er die Hand nach ihr ausstreckte. Jetzt wandelte ihn doch ein leises Grauen an; da er aber beherzt und leichtsinnig genug war, ging er, vor der Hand die Sache nur als ein Trugbild seiner Fantasie betrachtend, am folgenden Abend wieder an derselben Stelle vorbei, um darüber ganz ins Klare zu kommen. Die Gestalt saß, wie gestern, wieder auf dem nämlichen Rasenplätzchen, nur hatte sie jetzt den Schleier zurückgeschlagen [200] und das von einer Fülle dunkler Locken umwallte Haupt auf die Hand gestützt. Der Junker stutzte einen Augenblick, trat aber dann, über seine Bedenklichkeit sich selbst innerlich scheltend, mit ritterlichem Gruße auf die Dame zu, doch siehe da! sie zerfloß, wie gestern, in einen lichten Nebelstreif.

Tags darauf theilte der Junker von Keller das Abenteuer dem Burgkastellan, einem klugen bejahrten Manne, mit und erfuhr von ihm: auf der Stelle, wo das Bild sich gezeigt, habe vor alter Zeit ein heidnischer Tempel gestanden, daher diese Stätte beim Volke verrufen sey und Niemand aus der Umgegend es wage, Nachts dort vorüber zu gehen.

Der Junker gehörte weder zu den Leicht- noch zu den Abergläubigen; was ihm der Kastellan mitgetheilt hatte, reizte jedoch seine Neugier auf eine andere Weise. Gleich des andern Tages ließ er an der geheimnißvollen Stelle nachgraben und bald fand man einen kleinen, zierlichen, noch wohlerhaltenen altrömischen Altar, der, nach seiner lateinischen Inschrift, der Nymphe dieses Hains geheiligt war, und einige Schuh tiefer eine Marmorbüste. Die Arme und der Theil des Körpers von der Brust abwerts fehlten und schienen einst absichtlich abgeschlagen worden zu seyn; dagegen konnte man keinen vollendet schöneren Mädchenkopf und Nacken sehen. Der erste Frühlingstraum des Lebens schien um Stirn und Augen zu spielen; ein Schleier umhüllte nur einen kleinen Theil der üppigen Locken, die zum jugendlich schwellenden Busen niederringelten. Der Junker ließ den Altar, so wie das Marmorbild, auf dem Platz aufstellen, wo sie ausgegraben worden, und so entstand der Name: Kellers Bild.

In der Brust des Jünglings hatte jedoch die reizende Marmornymphe wahnsinniger Liebe Flammen angeschürt und er vermochte trotz alles Unheimlichen und Gespensterhaften, welches die Erscheinung im Walde umwoben, sein Herz nimmer länger zu meistern, sondern wandelte bald darauf um die Mitternachtstunde, als gerade der Mond jene Stelle wieder beleuchtete, zu dem Bildnisse. Da saß die jungfräuliche Gestalt am Fuße des Altars, dieselbe, die er schon zweimal gesehen. Aber diesmal löste sie sich nicht, wie sonst, in Nebel auf; ihre Umrisse traten vielmehr immer deutlicher ins Licht, je näher ihr unser Abenteurer kam.

[201] Ein beherzter Knecht aus der Burg war ihm aus Neugier insgeheim nachgeschlichen und blieb nun in einiger Entfernung stehen. Er sah und hörte, wie der Junker mit der Jungfrau ein Gespräch anknüpfte, aber als sie derselbe gar nun in seine Arme schloß, da wandelte den Lauscher ein solches Grauen an, daß er eiligst nach der Burg zurückfloh.

Am Morgen darauf fand man den Junker von Keller todt am Fuße des Altares liegen; das Marmorbild selbst war und blieb verschwunden. Kellers Bruder ließ den Altar in Trümmer schlagen und an dessen Stelle einen Bildstock mit den Symbolen der Erlösung aufrichten, auf dem Punkte aber, wo der Leichnam des unglücklichen Bethörten gefunden worden, ein steinernes Kreuz. Beide Denkmale stehen noch am alten Wege, der vom alten Schloß Baden nach Kuppenheim führt.

(Vergl. Al. Schreibers „Sagen aus den Rheingegenden und dem Schwarzwalde.“ Neue Sammlung. Heidelberg, 1839.)