Kindererinnerungen an Weimar

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Autor: Lina Schneider
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Titel: Kindererinnerungen an Weimar
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aus: Die Gartenlaube, Heft 49, S. 829–831
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1891
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Kindererinnerungen an Weimar.
Von Lina Schneider.

Niemals höre ich die Nachtigall schlagen, niemals bringt mir der Frühlingshauch den Duft von Veilchen und Schlüsselblumen, niemals flammt mir der Weihnachtsbaum seinen seligen Lichterglanz, ohne daß ich deiner gedenke, du geliebte Heimathsstadt Weimar! Weit und breit, im Norden und im Süden, habe ich die Welt gesehen, so wie bei dir war es nirgends. Lange Jahre sind vergangen, seit ich mit den Gefährtinnen der Kindheit im Schatten deines Parkes spielte. Wenn ich jener Tage gedenke, dann fühle ich, wie anders wir damals waren als die Kinder der Jetztzeit. Man ließ uns Mädchen hinaus ins Freie, ließ uns träumen, die Natur genießen! Es bleibt in uns Weimaranerinnen durchs ganze Leben ein Zug von Schwärmerei, von oft mißverstandener Einfachheit und Naivetät, ein alles beherrschender Zug von Treue und Anhänglichkeit an die Heimath – fast wie bei den Schweizern. Die wahre, echte Liebe zu der schönen, weltabgeschiedenen und doch so geistestüchtigen Heimath, der heimliche Stolz, von jener berühmten Scholle Erde zu stammen, giebt dem Charakter sein bestimmtes Gepräge, der Seele ihren Flug, dem Herzen seine Stetigkeit! Sei gesegnet, du mein Weimar!

Kindererinnerungen an Weimar haben mich durch mein ganzes Leben begleitet bis heute. Als ich ein kleines Mädchen war, so am Ende der dreißiger, im Anfang der vierziger Jahre, [830] da lebte die Erinnerung an die großen Unsterblichen, die in Weimar gewirkt hatten, noch mit persönlicher Kraft in allen Herzen. Das und jenes hatte der Herr „Geheimderath“ zu einem seiner Beamten, zu einem seiner Arbeitsleute gesagt. Wahr oder erfunden, das wurde nicht untersucht, es ging von Mund zu Mund. Die noch in frischem Angedenken lebende Gestalt Goethes trat durch hundert kleine, jetzt für das große Gesammtbild seiner Wesenheit nebensächliche Züge für uns damals in lebensvolle Erscheinung. Ein kleiner verwachsener Tapezierer, Werner mit Namen, der sich rühmte, des Herrn ,„Geheimderath“ Kanapee in dessen Hause neu aufgepolstert und dabei mit Excellenz in Knüttelversen gesprochen zu haben, war ein vielbegehrter Arbeiter in den Familien. An Schiller mahnten nur wenige volksthümlich gewordene persönliche Erinnerungen; er war schon zu lange tot, die Familie war weggezogen. So kam es, daß er nur in der Verklärung, aber auch in der persönlichen Entfremdung des Richters unter uns lebte.

Wir kleinen Mädchen athmeten damals ganz die Luft der alten Zeit; zusammen mit uns besuchten Herders und Wielands schöne Enkelinnen die Fiege’sche, später die Schulze’sche Schule. Herders Enkelin, Jenny Aulhorn, blieb die ganze Kinderstudienzeit hindurch meine Schulnachbarin, Bianka Wieland war meine kleine Gefährtin bei Herstellung der hübschen, kleinen Handarbeiten, die wir Kinder anfertigten, auch beim Spinnen, das damals noch mehr gepflegt wurde als heutzutage. Wenn zur Weihnachtszeit Bianka und ich uns mit den Fenstervorsetzern gegen die neugierigen Blicke ihres ernsten Papas, des Sohnes von Wieland, verbarrikadiert hatten, wenn sie selbst mit dem von uns Kindern vielbeneideten Rosenantlitz zu leiser Rede sich zu mir neigte, da erlebte ich Märchen. Der Großpapa konnte ja jeden Augenblick herausschreiten aus dem Bild, an der Wand; der freundliche Mann mit dem schwarzen Sammelkäppchen schien sich über unser Geheimthun zu freuen, und ich war ihm ja keine Fremde! Denn wie liebte ich die unverstandenen Werke des „Großpapa“!

Kein Schulkind hat je wieder so eifrig den „Goldnen Spiegel oder die Könige von Scheschian“ gelesen als Bianka und ich. Ich möchte es auch, aufrichtig gesagt, keinem mehr anrathen. Wir aber lasen das Buch unter persönlicher Ermuthigung der freundlichen Augen; weil es uns wahrscheinlich im Bücherschrank zuerst in die Hände gefallen war. Tili und Alibanda nannten wir uns damals, ich weiß nicht mehr, aus welchem Grunde. Biankas Wangenrosen sind leider früh verblüht. Als ich nach längerer Abwesenheit mein geliebtes Weimar wieder einmal besuchte, fand ich sie nicht mehr unter den Lebenden. Auch Weimar selbst hatte sich so sehr verändert, es war so viel größer und moderner geworden. Ich erkannte es zuerst kaum wieder.

Ich erzähle alle die kleinen Erinnerungen an die Kinderzeit im Enkelkreise der berühmtesten Männer meiner Vaterstadt aus dem Gedächtniß; kaum kann ich eine Jahreszahl bestimmen, wann dies oder jenes geschah, mir erscheint auch die ganze Zeit heute wie ein Märchen voll Glanz und Glück, und ich forsche nicht nach der Zeitenfolge der kleinen Begebnisse.

Meine Eltern wohnten Ende der dreißiger, anfangs der vierziger Jahre in der Großen Windischengasse bei einem Fräulein Spangenberg. Hinter dem Hause lag ein Garten, der durch ein Holzstaket auf ziemlich hoher Steinmauer von der Straße getrennt war. Auf morscher Treppe stieg man zu einem Altan hinauf, der die Aussicht auf diese Straße, damals Esplanade, jetzt Schillerstraße genannt, hatte. Das Haus bewohnten mehrere Familien, aber es war allen untersagt, in den Garten zu gehen, auch meinen Geschwistern. Ich allein hatte mir die Erlaubniß erbettelt, erschmeichelt, erlistet. Ueber den Altan neigte ein alter Birnbaum seine Zweige tief, tief herunter; dort saß ich oft versteckt und las. Die ganze linke Seite des Gartens begrenzte ein hohes Haus mit vielen Fenstern, wenigstens hielt ich es damals für sehr hoch. Flieder- und Holunderbüsche unseres Gartens reichten bis zu den Parterrefenstern des bewunderten Hauses hinauf, dessen Eingang auf der Esplanadenseite lag. Das war der Grund, daß mir das Haus immer geheimnißvoll erschien. Aus den geöffneten Fenstern drang öfters der Ton von Menschenstimmen, zuweilen zeigte sich auch auf kurze Zeit ein Gesicht an den Scheiben, aber nie konnte man von unserer Seite irgend jemand das Haus betreten sehen.

Auf halber Höhe meiner stillen, grünen Blätterwiege, in der ich versteckt träumte, befand sich, nahe der Straße, an jenem hohen Hause ein sehr kleines Balkönchen, von Holzpfeilern gestützt, die in den Boden unseres Gartens eingerammt waren. An warmen Sommertagen führte man einen alten, fast gelähmten Herrn auf den kleinen Balkon, damit er sich daselbst sonne. Der alte Herr hieß Völcker – seine nächsten Verwandten wohnen noch in Weimar –; Fräulein Spangenberg, unsere Wirthin, hatte ihm das Anbringen dieser luftigen Freistatt in ihrem Garten erlaubt, weil er sonst zu wenig Luft und Sonne genießen könne.

An einem schönen Frühlingstage lag ich wieder, von Bienen umsummt, von Blüthenduft umwogt, hinter meinem grünen Blätterschleier, als der alte Herr herausgeführt wurde. Aber nicht der Diener allein trat mit ihm ins Freie, ihm folgte ein junges Mädchen, fast nicht größer als ich, welches ihm das Kissen und die hohe Fußbank rückte und dabei mit fester, wenig kindlicher, aber doch sehr wohlklingender Stimme den alten Herrn neckend schalt. Ich höre sie noch, diese Stimme, obwohl ein halbes Jahrhundert zwischen heute und damals liegt. Neugierig lugte ich durch meine Zweige, deren Rascheln dem jungen Mädchen nicht entging. Mit großen, blitzenden Augen sah sie zu mir herauf, lehnte sich mit beiden Armen auf das Geländer des Balkons und fragte, als ob sie alles Recht der Erde zu dieser forschenden Frage habe:

„Was thust Du da oben?“

Scheu und leise antwortete ich: „Ich lese.“

„Was liest Du denn?“

„‚Gumal und Lina‘!“ Es war das ein damals viel gelesenes Werk des Pfarrers Lossius.

„Das ist dummes Zeug, das mußt Du nicht lesen; komm’ herunter, ich hole Dir ein anderes Buch.“

Sie hatte kein einziges zärtliches Wort zu mir gesagt, hat dies überhaupt in den leider nur zu kurzen Jahren unseres Zusammenlebens nie gethan – aber von diesem Augenblicke an hing mein Herz an ihr. Es war etwas Gebieterisches, Fremdartiges, Vornehmes, Selbstbewußtes in ihr, das mich vollständig in ihre Nähe bannte. Sie hätte mit mir thun können, was sie wollte. Ich stieg vorsichtig meine gebrechliche Holztreppe herab – noch in diesem Augenblick erinnere ich mich, wie sehr ich das Knarren des grauen, morschen Holzes vermied – und harrte unfern des Balkönchens, was sich begeben würde. Sie war verschwunden, kam aber nach wenigen Augenblicken zurück und warf mir ein Buch zu mit den Worten: „Da hast Du ein Buch vom Großpapa! Komm morgen wieder!“

Ich hob das Buch auf. Es war der erste Band von Goethes Werken mit den Gedichten. Zum ersten Mal hielt ich diesen Schatz in der Hand. Schillers und Goethes Werke waren damals noch sehr theuer und nicht in jeder Familie heimisch. Es hat einige Zeit gedauert, ehe ich erfuhr, daß der Unsterbliche noch mehr Werke geschaffen hat als das kostbare, das ich jetzt in Händen hielt. –

Das war der Anfang einer tiefen und reinen Kinderfreundschaft. Sie war einige Jahre älter als ich; ich arm, sie reich; ich sehr einfach, sie sehr selbstbewußt. Wir sahen uns täglich, heimlich und offen, wie es eben ging. Wenn sie mir vom Balkon herab, oder aus den über unsern Holunderbüschen liegenden Küchenfenstern ihres großmütterlichen Hauses, oder beim Herumstreifen an all den ihr vertrauten, durch Goethes Fuß geweihten Plätzen des Parks, oder gar einmal im Garten des großväterlichen Hauses vorerzählte, wie schön es bei Großpapa gewesen sei, kam es mir natürlich nicht in den Sinn, zu überlegen, ob sie bei Goethes Tod schon so groß gewesen sei, daß sie noch eine klare Erinnerung an das Leben mit ihm haben könne. Kinder fragen nicht, wann jemand geboren, noch wann ihnen ein geliebtes Wesen gestorben. Ihnen genügt die Thatsache des Seins und des Gewesenseins. Wie für sie das Leben mit Großpapa, so war mir das Leben mit ihr ein Traum, ein Märchen. Mit ihr habe ich Goethes Gedichte zuerst gelernt, der Reihe nach, ohne Auswahl, aber mit einer Liebe und Begeisterung ohnegleichen. Ich fürchtete mich vor ihrem Urtheil über mein „Deklamieren“, wie wir es stolz nannten, mehr als einige Jahre später vor dem Eckermanns, der an meiner jungen Goethebegeisterung seine Freude hatte und, trotz seiner grämlichen Einsamkeit in einem Garten nahe beim sogenannten „Goldbrunnen“ am Fuße des Ettersberges, sich die Besuche der [831] schüchternen Goetheverehrerin ebensogern gefallen ließ wie unser späterer Nachbar, der alte Rath Ludecus. Wie viel danke ich diesen beiden Männern!

Sehr bald hatte mich meine kleine Freundin in ihrer schnellen, fast, befehlenden Weise gefragt: „Wie heißt Du?“ Ich aber wagte lange nicht, die gleiche so natürliche Frage an sie zu richten. Sie hieß Goethe, das war mir genug. Einmal, in Großpapas Garten, – es muß damals mit unserem Besuch desselben eine besondere, geheime Bewandtniß gehabt haben, denn ich erinnere mich, daß wir nicht, wie es sich gehört, zur Thür hineingekommen, sondern von der Rückseite über Zaun und Mauer hineingeklettert waren – unter dem Pflücken von Veilchen, die wie ein blauer Hauch die Wiesen bedeckten, fragte ich sie um ihren Namen. Seit jenem Tage umduftet es mich stets wie Veilchen, wenn ich den Namen Alma höre.

Nie bin ich in ihrem Hause gewesen, sie selten in dem meinen. Wir verabredeten uns auch nicht, uns zu treffen, aber wir sahen uns überall; sommers im Garten unter Holunderbüschen und Flieder, im Winter auf dem Schwansee beim fröhlichen Schlittschuhlauf, da

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Das Denkmal von Goethes Enkelin Alma im Goethehause zu Weimar.

natürlich seltener als in der sonnigen Zeit.

Ich weiß nicht, ob dies Zusammenleben ein oder zwei Jahre währte. Ich weiß nur, daß ich, als es wieder einmal Sommer wurde, Alma immer weniger sah. Sie war sehr groß geworden und erschien mir in ihrer neuem Haarfrisur und in den längeren Kleidern sehr fremd. Ich habe das Gefühl lange Jahre nicht los werden können, als ob sie, trotz immer herzlicher Beziehungen, mir eigentlich in jenen Tagen gestorben sei. Die Menschen nannten sie damals häßlich, aber es war nur das Herbe, Fremde an ihr, was die meisten abstieß. Für mich war sie immer schön; ich sah nur ihre großen, flammenden Augen und die immer deutlicher hervortretende Ähnlichkeit mit dem Großpapa.

Wir zogen aus dem alten, lieben Hause weg, und bald darauf, nach kurzem Abschied, ging Alma nach Wien. Ich habe tiefes Leid um sie getragen. Einmal ist sie noch von dort nach Weimar zurückgekehrt, mich fesselte schwere Krankheit ans Haus, ich habe sie nicht gesehen. Medizinalrath Vulpins erzählte mir, zu welcher frischen, lebenskräftigen Jungfrau sie damals erblüht gewesen sei und in welch herzinniger Freude sie die Aufmerksamkeit genoß, die ihr von allen Seiten geschenkt wurde. Auch, daß der Abschied von Weimar ihr damals so schwer geworden sei, als hätte sie geahnt, daß sie ihre Vaterstadt nicht wieder sehen sollte. Bald – in der Erinnerung erscheint es mir, als wenn es kaum nach Jahresfrist gewesen wäre – kam die Kunde von ihrem frühen Tode, von dem die Sage allerhand Außergewöhnliches zu erzählen wußte. Leicht hätte ich damals von dem alten Bibliothekar Kräuter, dem ich durch die befreundete Familie Keil nahe stand, Genaueres über ihren Tod hören können, aber ich vermochte es nicht über mich, von ihr zu sprechen. Ich ging der Esplanade entlang, viele Tage hintereinander, und starrte auf das kleine Balkönchen, auf dem sie mir zuerst erschienen war, und hielt ihr Bild von damals fest für alle Zeiten. Denn wir Menschen von Weimar aus jener alten Zeit sind fest verwachsen mit unseren Kinderträumen und mit unseren Schwärmereien.

Ich halbe durch mein ganzes Leben treulich meine Weimaraner Erinnerungen gepflegt; ich habe alles gethan, was in meinen Kräften stand, um die Unsterblichen meiner Vaterstadt zu ehren, ihnen Priester zu werben in der Heimath und in der Fremde. Denn die Gemeinde ihrer Gläubigen ist noch lange nicht so groß, zumal unter der Frauenwelt, wie sie sein müßte. Wie in meinen Kinderjahren trat später noch einmal eine unmittelbare Berührung mit Familiengliedern unserer großen Weimarer Toten in mein Leben. Ich bewahre einen Brief von Schillers Tochter Emilie, Frau von Gleichen-Rußwurm, aus deren letzten Lebensjahren, in welchem sie mir dankt für alles, was ich in den Niederlanden durch meine öffentliche Lehrtätigkeit für Schiller gethan habe. Und 1876 schickte mir Schillers Enkel zwei Kränze, einen von rothen, den andern von weißen Rosen, damit ich sie in Bonn auf die Gräber seiner Großmutter und seines Onkels, der Gattin Schillers und ihres Sohnes, am 50. Todestag der ersteren niederlege.

Eine Versammlung der Goethegesellschaft rief mich 1887 nach dem geliebten Weimar, wo die alten Erinnerungen von den echten Erben Karl Augusts und der unvergeßlichen Anna Amalia treu gepflegt werden, wo die Frau Großherzogin das geistige Erbtheil Goethes in der ihr eignen geistesklaren Weise hütet. Das Goethehaus war uns wieder geöffnet.

Nicht mit den anderen allein betrat ich alle die theuren Erinnerungsstätten. Da sah ich auch Almas geliebtes Kinderbild, wie ich es einst gekonnt hatte. Ich ging zu ihr, die ich einst so sehr geliebt, die ich nie vergessen habe, zu Alma von Goethe. Denn sie ist heimgebracht worden aus dem fremden Wien, nahe beim Großpapa schläft sie ihren stolzen Jugendtraum – ich kannte ihn wohl auf Deutschlands geweihtestem Fleck Erde aus. Ich holte ihr Blüthen und Blätter aus Großpapas Garten, Maßlieb von der Wiese nebenan, denn die Veilchen waren schon verblüht, und streute sie über das Gitter, auf den Hügel. Mir war, als müsse sie fühlen, daß ein Herz ihrer gedenke, das sie geliebt hat in den Tagen ihrer schönen Kindheit und ersten Jugend, das mit ihr geschwärmt hat von „ihrem Großpapa“.

Und vor Monaten ging ich wieder auf jenem theuren Wallfahrtsweg in Weimar. Im Goethemuseum war in einem kapellenartig hergerichteten Raume das Marmorbild der geliebten Toten aufgestellt. Im Jahre 1848 hatte es die Mutter in Rom von der Bildhauerin J. A. Jerichau anfertigen lassen. Lange danach, 1871, ist es an den Bruder Almas gesandt worden, der mit der Erinnerung an die Schwester einen heiligen Herzenskultus trieb und sich scheute, aus Furcht, das geliebte Marmorbild beschädigt zu erblicken, die dasselbe umschließende Kiste zu eröffnen. Jetzt, nach seinem Tode, war es seiner Hülle entnommen und im Goethemuseum aufgestellt worden. Welche Gefühle strömten auf mich ein, als ich die mit Blumen spielende, schlafende Gestalt erblickte! Das weiche, lebenswarme Antlitz vom letzten Abschied in den Kinderjahren und dies klassische, marmorweiße und marmorkalte wollten anfangs in meiner Erinnerung nicht zu einem Bilde verschmelzen; auch viel größer erschien sie mir – aber dann, als ich mit ihr allein war, als ich Rosen über sie hinstreute, da war es, als durchhauche das alte Bild der Verklärten den starren Stein, als sei sie es wirklich, die wie der Bergmann aus Falun in unberührter Schöne und Jugend da vor der im Zeitenstrom gealterten Jugendfreundin so friedlich schlafe!