Kinderleben bei den Japanern

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Autor: Ernst v. Hesse-Wartegg
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Titel: Kinderleben bei den Japanern
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 14, S. 235–239
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1896
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Kinderleben bei den Japanern.

Von Ernst v. Hesse-Wartegg.
Mit Illustrationen von Fritz Bergen.
Dem europäischen Besucher Japans muß das ganze ferne schöne Inselreich wie ein einziger großer Kindergarten vorkommen. Alles scheint sich dort um die liebe kleine herzige Welt zu drehen. Die Häuser sind so klein und nett und zierlich, die Gerätschaften darin erinnern an Spielzeuge, die Gärtchen rings herum mit ihren kurios beschnittenen und verkrümmten Bäumchen, ihren winzigen Rasenflächen, Wassertümpeln, Miniaturbrücken und Tempelchen sehen aus, als wären sie für Puppen und nicht für Menschen geschaffen worden. In Japan sind eben auch die Erwachsenen in vielen Beziehungen Kinder. Man kann dort wohl sagen, wo die Kindheit anfängt, aber nicht, wo sie aufhört. Es ist das reine Kinderparadies.

Kinder bilden die einzige Sehnsucht des neuvermählten Ehepaars und, sind sie einmal vorhanden, dessen größten Stolz, ja dessen wichtigsten Besitz. Der Vater arbeitet nicht bis zu seinem Greisenalter, um die Kinder zu ernähren. Die Kinder sind es, die den Vater ernähren. Ist sein Haar grau geworden, so pflegt er sich von seinen Geschäften zurückzuziehen und überläßt die weitere Sorge, ja überhaupt seine ganze Habe, seinem ältesten Sohne. Er selbst verbringt den Rest seines Lebens in Ruhe und Behaglichkeit. Japanische Eltern blicken nicht mit Sorge in die Zukunft, denn sie wissen und können in allen Fällen darauf zählen, daß das Uebermaß von Liebe und Zärtlichkeit, welches sie ihren Kindern zuteil werden lassen, von diesen reichlich vergolten wird, daß sie bis zu ihrem Tode von ihren Nachkommen gepflegt, geliebt und geachtet werden. Der größte Segen der Japaner ist der Kindersegen.

Die Ankunft eines Kindchens wird mit Freude begrüßt, besonders wenn der neue Ankömmling auf Erden männlichen Geschlechtes ist; denn nur ein Sohn kann Namen und Besitz der Familie erben. Sofort werden Verwandte und nähere Freunde durch eigene Boten von dem großen Ereignis in Kenntnis gesetzt, und bald darauf stellt sich ein Strom von Besuchern in dem glücklichen Hause ein, um die Eltern zu beglückwünschen und das junge Wesen in Augenschein zu nehmen. Freude auf allen Gesichtern, nur nicht bei dem kleinen Balg, der von Hand zu Hand gereicht wird und dem die Welt in den ersten Wochen seines Daseins recht unbehaglich vorkommen mag. Die Geschenke, die er erhält, kann er ja nicht nach ihrem Werte schätzen, und Geschenke erhält er in Hülle und Fülle. Bald sind es Kleidungsstücke oder Stoffe verschiedener Art, bald Spielzeug oder Lebensmittel, hauptsächlich Eier. Alle Geschenke sind niedlich in Papier verpackt und mit rotem Bindfaden zusammengebunden. An diesem hängt, in einem winzigen Paketchen aus rotem Papier, ein Stückchen Fisch, Noski genannt, der bei den abergläubischen Japanern als glückbringend gilt.

Am siebenten Tage nach der Geburt des Kindes wird ihm von seinem Vater oder einem Freunde der Familie ein Name gegeben, gewöhnlich der Vatername, etwas verändert, oder der Name eines Vorfahren. Ist das Kind ein Mädchen, so wird es nach irgend einer hübschen Naturerscheinung benannt, wie Frühling, Sonnenschein oder Gold, Apfelblüte, Chrysanthemum, Lilie etc.

Der neue Ankömmling und sein Name wird in dem Verwaltungsamte des Distriktes registriert, darauf folgt ein Festmahl von Reis mit roten Bohnen und die „Taufe“ ist vollzogen. Ein wichtiger Akt an diesem Tage ist auch das Rasieren des Kindesschädels. Das zarte flaumige Kopfhaar verfällt dem Rasiermesser mit Ausnahme eines kleinen Schöpfchens am Scheitel. Je nach der Laune [236] der zärtlichen Mama bleiben auf dem Schädel ihres jüngsten Sprößlings auch mehrere derartige Schöpfchen oder ein schmaler Kranz oder sonstige willkürliche Haarfiguren stehen, die den japanischen Kindern ein ungemein possierliches Aussehen geben. Erst wenn sie alt genug sind, um die Schule zu besuchen, werden ihnen die Haare stehen gelassen.

Dreißig Tage nach der Geburt erhalten die Kleinen ihre religiöse Weihe dadurch, daß sie in großer Familienprozession in einen Shintotempel getragen und dort unter den besonderen Schutz eines der Götter gestellt werden. An diesem Tage pflegen die glücklichen Eltern auch die vielen Geschenke, welche ihrem Jüngsten bei der Geburt dargebracht wurden, zu erwidern, indem sie jedem Geber etwas Reiskuchen oder Eier oder sonst dergleichen senden, begleitet von einem höflichen Dankschreiben. Wenn man bedenkt, daß besonders in den besseren Ständen mitunter hundert oder noch mehr Geschenke einlaufen, so kann man sich die Mühen der jungen Mutter wohl vorstellen. Die Kuchen werden gewöhnlich in lackierten Holzkästchen gesendet, die aber durch den Ueberbringer wieder zurückgestellt werden müssen, wobei sich die Empfänger hüten, die Kästchen zu reinigen. Das würde Unglück über das Kind bringen.

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Begrüßung des Neugeborenen.

Damit ist das ganze Ceremonie!!, das mit dem Inslebentreten des Kindes verbunden ist, beendet, und es kann sich nun unbehindert seines Daseins freuen. Bei kaltem Wetter bleibt es hübsch zu Hause auf den reinlichen, weichen Matten der Wohnzimmer; Möbel giebt es in den japanischen Häusern keine, an denen es sich Löcher in den Kopf schlagen kann; es giebt keine Glasschränke und Etageren mit allerhand Porzellan und Nippsachen, die es zerbrechen könnte; selbst die Wände des Zimmers bestehen nur aus weichem, auf Holzrahmen gespanntem Papier, und das größte Unglück, das die Kinder anstiften könnten, wäre, ihre Finger durch das Papier zu stoßen. Auch die Kleider können sie sich kaum beschmutzen, und im Sommer tragen sie gar keine – nicht das geringste Feigenblättchen. Werden sie hungrig, so nähren sie sich an dem Born der Natur, und die Muttermilch bleibt ihre hauptsächliche Nahrung bis zum Alter von zwei bis drei Jahren.

In den besseren Ständen und in den Familien der Kuges (Fürsten) und Daimyos (Adeligen) werden die Kinder in Kleider gesteckt, die ganz denselben Schnitt zeigen wie jene der Erwachsenen. Es kann nichts Possierlicheres geben als die liliputanischen Herrchen und Dämchen mit ihren glattrasierten Schädeln und den langen faltenreichen Gewändern, wenn sie, geradeso wie die Alten, tiefe Verbeugungen voreinander machen oder, kaum zwei bis drei Jahre alt, schon am Familientische teilnehmen und statt des Kinderlöffels schon die Reisstäbchen (chop sticks) handhaben. Ankleiden können sie sich freilich noch nicht selbst; das besorgt Mama oder die ältere Schwester. Der nationale Kimono, ein schlafrockartiges Kleidungsstück mit langen weiten sackartigen Aermeln, wie wir es auf dem Bildchen S. 235 erblicken, wird auf dem Boden ausgebreitet und das Kleine darauf gelegt. Dann werden ihm die Aermel auf die Aermchen gezogen, der Kimono über den kleinen Körper gefaltet und mit einer Schärpe zusammengebunden. Gewöhnlich trägt das Kind um den Hals auch ein kleines Messingschildchen mit Namen und Adresse, damit es nicht verloren gehen kann; zum besonderen Schutz gegen Unglücksfälle trägt es am Gürtel ein Kintschaku, d. h. ein Beutelchen aus kostbarem Stoff, in dem sich irgend ein Zaubermittelchen befindet. Bei kaltem Wetter werden zwei oder drei Kimonos ineinandern gesteckt und ihre Länge schützt Füßchen und Händchen. Der äußere Kimono ist immer der bunteste – knallrot, lichtblau, orangegelb, mit großen Blumen und Ornamenten. Je älter das Kind wird, desto weniger bunt werden die Farben der Kleider, desto kleiner die Blumen und Ornamente, junge Damen tragen nur die zartesten Farben, und alte Mütterchen sind gewöhnlich Grau in Grau gekleidet.

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Junge Mädchen, ihre kleinen Geschwister tragend.

In den armen Familien – und bei weitem die Mehrzahl der Japaner ist arm – kann man den jungen Sprößlingen nicht diese Pflege angedeihen lassen. Sie bleiben nackt oder bekommen höchstens einen Kimono. Mama hat viel zu viel im Hause, im Garten oder auf den Feldern zu thun, als daß sie sich viel mit ihrem Kindchen beschäftigen könnte, allein lassen kann sie es auch nicht und so bindet sie es mit langen Bändern auf ihren Rücken. Ist aber ein älteres Schwesterchen da, selbst wenn es nur sechs oder sieben Jahre alt sein sollte, so wird das Kleine dem Schwesterchen aufgesattelt und Mama kann ungehindert ihren Arbeiten nachgehen. Wo immer ich in Japan hinkam, in Städten und Dörfern, auf den Feldern wie in den Straßen, selten sah ich ein junges Mägdlein zwischen sieben und fünfzehn Jahren, das nicht ein Kindchen auf seinem Rücken getragen hätte, wie es das nebenstehende Bild zeigt, und der Kopf des kleinen Wesens ragte darüber hervor wie das Tüpfelchen über dem i. Es findet sehr bald Gefallen an dieser reitenden Stellung, guckt fröhlich über die Schultern des Schwesterchens in die Welt und bleibt dort Tag für Tag, Woche für Woche, bis es endlich selbst zappeln und gehen gelernt hat. Und ist es erst fünf, sechs Jahre alt geworden, so ist vielleicht wieder ein junges Brüderchen oder Schwesterchen zur Welt gekommen, dem es nun seinerseits den Rücken leihen muß.

Wie das Kleine, so gewöhnt sich auch die jugendliche Trägerin ganz [237] unbewußt an diese Last und tummelt sich vor den Häusern herum, spielt mit den Nachbarkindern oder arbeitet, als wäre ihr das Kindchen angewachsen wie ein Höcker. Stundenlang trägt sie dasselbe umher, und wird dieses schläfrig, so schläft es ein, ohne sich durch das Schütteln beim Laufen und Herumspringen hindern zu lassen; die Händchen fallen schlaff herunter, das Köpfchen baumelt hin und her, fällt zurück oder auf die Seite, daß ich oft fürchtete, jetzt müßte das Genick brechen. Aber es schlief ruhig weiter.

Daß ein Kindchen der Trägerin entfallen würde, kommt äußerst selten vor; wie ein gewandter Naturreiter auf seinem Pferde, so klammert es sich mit den gespreizten Beinchen an die Seiten der Trägerin, die thun und lassen kann, was sie will, es bleibt fest im Sattel. Wird es hungrig, so setzt sich die Trägerin neben Mama, oder vielleicht auf ihren Schoß, das Kleine dreht sich herum und nährt sich an Mamas Brust, ohne daß die letztere es zu halten braucht. Und wie fröhlich, wie still und wohlerzogen sind diese Kinder! Selten habe ich ein japanisches Kind weinen gesehen, niemals schreien gehört; niemals nahm ich schlechtes, ausgelassenes Benehmen wahr; niemals Prügeleien unter Jungen, niemals eine Bestrafung durch die Eltern. Werden sie irgendwie ungebührlich, so droht Mama oder Papa mit dem Oni, dem roten Teufel, der die Kinder holen wird. Der rote Teufel ist ihr größter Schrecken, und man kann sich vorstellen, welches Entsetzen das Kommen eines rothaarigen, rotbärtigen Deutschen etwa unter den Kindern eines Dorfes hervorruft! Sie zerstieben, laufen und verstecken sich in alle Schlupfwinkel.

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Kinderspiele bei einem Volksfeste.

Himmelbetten und Wiegen nach europäischem Muster giebt es in Japan nicht. Das Kleine wird fleißig gebadet, noch dazu in fast brühend heißem Wasser, was ihm aber nicht zu schaden scheint. Arme Leute, die keine eigenen Bäder besitzen, nehmen das Kindchen in die öffentlichen Bäder, wo sie in Gemeinschaft mit anderen Eltern und Kindern ohne irgend welche Scheu in dasselbe Bassin steigen. Unsere Begriffe von Scham sind den Japanern eben unverständlich.

Diese Bäder, der beständige Aufenthalt in der freien Luft, die unfreiwillige Bewegung, welche die Kinder auf dem Rücken ihrer Geschwister machen, scheinen ihrer Gesundheit sehr zuträglich zu sein. Die Sterblichkeit unter den japanischen Kindern ist geringer als bei uns, und die einzige ziemlich allgemeine Krankheit ist ein Hautausschlag auf den Köpfen und Nacken, der aber bald schwindet. Ist er überstanden, dann sehen die Kinder so gesund und kräftig und pausbackig aus wie Posaunenengel, eine wahre Freude für Eltern und Freunde, die das Kind bewundern, die feisten, harten Glieder befühlen und ihm eine glänzende Zukunft prophezeien. Welches Kind ist denn überhaupt in den Augen seiner Eltern nicht das schönste und klügste, das es jemals gegeben hat!

Allmählich lernt das Kleine auch ein wenig sprechen, lange bevor ihm das freie Gehen gelingt. Die japanische Sprache ist ja so klangvoll, einfach und leicht zu erlernen, wenigstens was die notwendigsten Ausdrücke betrifft. Auch bei dem japanischen Kindchen sind die ersten Ausdrücke mama, tata, bebe, nur bedeuten sie ganz andere Dinge als bei uns. Mama heißt Nahrung, Essen, Trinken; bebe heißt Kleid, tata Socken (die Japanerin, selbst die erwachsene, kennt keine Strümpfe, sondern nur Leinwandsocken); mit dem Worte ija wird nein, ich mag es nicht, es ist mir unangenehm etc. bezeichnet. Das Kind lernt nun auch das Gehen, zuerst im Hause, dann außerhalb, in dem Gärtchen, das die meisten japanischen Familien hinter ihren Holzhäusern besitzen, oder auf der Straße, die ja selten von bespannten Fuhrwerken befahren wird und so besonders in Dörfern den gewöhnlichen Tummelplatz der Kinder bildet. Ist das Gehen im Hause gelungen, so wird dem Kinde der Gebrauch der geta oder stelzenartigen Holzpantoffel gelehrt, und es ist staunenswert, mit welcher Leichtigkeit es sich an diese plumpe, schwere Fußbekleidung gewöhnt, in ihnen läuft, springt und den tollsten Schabernack treibt.

Die Eltern verfolgen die Entwicklung ihrer Kinder mit der liebevollsten Zärtlichkeit, ja die Liebe zwischen Eltern und Kindern ist vielleicht die einzige, wahre Liebe, welche die Japaner kennen. Sie bewachen und lehren die Kleinen und strafen sie kaum jemals. Aberglaube hat damit sehr viel zu thun. Wenn Blattern oder epidemische Kinderkrankheiten im Orte wüten, dann schreibt der sorgsame Papa über seine Hausthüre, die Kinder wären nicht zu Hause, damit die bösen Geister sich gar nicht bemühen, die Schwelle zu überschreiten. Vor Lügen werden die Kinder dadurch gewarnt, daß man ihnen sagt, der böse Oni würde ihnen die Zunge ausreißen.

Den Knaben wird gewöhnlich viel größere Freiheit gestattet als den Mädchen. Der Knabe wird ja von selbst seinen Weg machen; er ist der Erbe und Nachfolger des Vaters, dessen Handwerk er erlernt und dem so viele andere Berufszweige offen stehen. Anders das Mädchen. Es muß so erzogen werden, daß es einen Mann findet, dem es nicht nur Gattin, sondern auch Dienerin sein muß. Die Stellung der Frau in Japan ist eben noch eine sehr tiefe und deshalb muß ein Mädchen von Jugend auf freundliche, höfliche Manieren und Unterwerfung lernen. Eine andere Stellung als die einer Gattin und Mutter steht ihm ja nicht offen, und findet es keinen Mann, dann bleibt es fürs ganze Leben von der eigenen Familie abhängig. Selbst wenn es sich verheiratet hat, kann der Gatte, falls ihm seine Frau nicht behagt, sie ohne viele Umstände wieder den Eltern zurücksenden. Dementsprechend wird auch die Erziehung des Mädchens angelegt. Sie muß lernen, einen Mann zu gewinnen und nach der Verheiratung auch für immer zu fesseln. Sie darf keinen eigenen Willen haben, darf weder Unzufriedenheit noch Zorn, Heftigkeit oder Schmerz äußern; alle diese Gefühle muß sie lernen, unter freundlichem Lächeln, unter höflichen, unterwürfigen Manieren und mit einer gewissen Koketterie zu verbergen; sie muß lernen, sich selbst anziehend und den anderen das Leben angenehm und behaglich zu machen.

Glücklicherweise wird ihr dies alles in zartester Weise und vielleicht ganz unbewußt beigebracht. Sie ist ja der Liebling im Hause. Die Eltern und Brüder behandeln sie mit Liebe und Zärtlichkeit, die Diener mit Achtung. Ist sie die älteste Tochter, dann wird sie von den letzteren mit O Jo Sana – etwa „ehrenwerte junge Dame“, von ihren Geschwistern Ané San – „ältere Schwester“ genannt. Ist sie eine jüngere Tochter, dann wird sie von ihren Geschwistern und der Dienerschaft „O San“ – etwa „ehrenwertes Fräulein“ angesprochen.

[238] Allmählich werden ihr auch die häuslichen Verrichtungen sozusagen spielend beigebracht. Sie sind in japanischen Haushaltungen nicht so bedeutend wie bei uns, denn die einfachen, einstöckigen Häuschen haben wie gesagt fast gar keine Möbel, Nippsachen, Bilder, Spiegel, Teppiche, Fenster u. dergl. Die Zimmer sind kahle Räume mit mattenbedecktem Boden, die Wände Papierrahmen, und die Reinhaltung derselben sowie der Engawa, d. h. der rings um das Haus laufenden Galerie, ist ziemlich leicht. Die Schlafstätten beschränken sich auf einfache Matratzen, die abends auf den Fußboden gelegt und morgens, wieder zusammengerollt, in einem Schrank aufbewahrt werden, und was die Mahlzeiten anbelangt, so brauchen sich die japanischen Mädchen nicht mit der höheren Kochkunst abzumühen, verschiedene Suppen, Braten und Mehlspeisen zubereiten zu lernen, in die Geheimnisse der Tunken und Präserven einzudringen, denn all’ diese kulinarischen Genüsse wird auch der verwöhnteste Gatte nicht von ihr verlangen. Morgens Reis, mittags Reis, abends Reis, dazu getrocknete Fische und einfach gekochte Gemüse, das sind die Gerichte des täglichen Speisezettels. Es giebt auch keine Spitzen und feine Wäsche zu reinigen, keine Balltoiletten nach neuester Mode anzufertigen, keine Hüte zu schmücken; die einzige Fertigkeit, welche die jungen Mädchen in Japan brauchen, ist das Nähen; ihr schlafrockartiger Kimono und das Unterröckchen, das sie tragen, bedürfen keiner Modistin und Damenschneiderin: sie nähen ihre Kleidungsstücke selbst, und sind diese schmutzig, dann werden sie zertrennt und in kaltem Wasser ohne Seife gewaschen. Das Plätteisen ist den Japanern unbekannt. Nach jeder Wäsche werden die Kleidungsstücke neu genäht. Strümpfe und Schuhe in unserem Sinne werden von den Japanerinnen ebensowenig getragen wie Hüte. Ihre einzige Kopfbedeckung ist die allerdings sehr sorgfältige, mit Nadeln und Blumen geschmückte Haarfrisur, und diese wird alle Wochen einmal von eigenen Haarkünstlerinnen gegen ganz geringes Entgelt sorgfältig aufgebaut. Damit der Kopfputz nicht in Unordnung gerate, dürfen die armen Japanerinnen während des Ruhens keine Kopfkissen verwenden, sondern sie legen unter ihren Nacken einen Holzklotz, über welchen die Köpfchen, wie es die nebenstehende Abbildung zeigt, frei hervorstehen.

Die geistige Erziehung hat bis auf das letzte Jahrzehnt viel weniger Zeit erfordert als das Anlernen verschiedener Nichtigkeiten, die aber im Lande des Mikado eine große Rolle spielen. Die jungen Mädchen werden sorgfältig in die Geheimnisse der ceremoniellen Theebereitung (Tscha no yu) eingeweiht, sie lernen das umfangreiche Ceremoniell der Begrüßung und Bewirtung der Gäste, das Zusammenstellen und Binden von Blumensträußen, Samisen (Guitarre) spielen und in besseren Familien wohl auch verschiedene alte Tänze und Pantomimen zur Unterhaltung ihrer Eltern und etwaiger Gäste. Im Alter von sechs bis zehn Jahren besuchen sie irgend eine Privatschule, wo ihnen das Lesen und Schreiben der chinesischen und japanischen Schriftzeichen, chinesische Litteratur, japanische Dichtkunst und Geschichte beigebracht werden. Arithmetik, Geographie, Weltgeschichte und all die anderen Wissenschaften unserer Schulen werden den japanischen Kindern erst seit etwa einem Jahrzehnt bis zu einem gewissen Grade gelehrt; zuerst aber müssen sie dem chinesisch-japanischen Schulgang folgen. Es ist keine geringe Aufgabe für die armen jungen Wesen, nachdem sie mühsam die ungemein schwierige Schriftsprache der Mongolen und das Malen der Tausende von Hieroglyphen mit Pinsel und Tusche erlernt haben, die letzteren mit Feder und Tinte zu vertauschen und Englisch, Deutsch oder Französisch zu lernen; statt mit untergeschlagenen Beinen auf dem Boden zu hocken, auf Schulbänken zu sitzen, an Schultischen zu schreiben; und diese Schulfrage gehört in Japan noch immer zu den ungelösten, ja vielleicht unlösbaren Fragen. In Tokio, Yokohama und anderen Städten, in welchen die europäische Kultur einigermaßen Fortschritte gemacht hat, war es mir ein befremdender Anblick, an Stelle der reizenden buntgekleideten und geschmückten Miniaturjapaner diese kleine Welt in europäischer Kleidung mit Schulbüchern unter dem Arm zu sehen, ganz so wie bei uns. Den Eltern bereitet diese von der Regierung dekretierte europäische Erziehung und Kleidung ihrer Kinder schwere Sorgen und Kosten. Für die Jungen sind die Vorteile der neuen Erziehung noch leichter zu erkennen, bei den Mädchen aber wird die letztere einen vollständigen Umschwung in ihrem ganzen Leben und damit auch einen Umschwung der Kultur und Lebensweise des ganzen Volks mit sich bringen. Ob aber die sittliche Grundlage für die letztere wirklich vorhanden ist?

Augenblicklich muß man noch im verneinenden Sinne antworten, denn die japanischen Kinder genießen keinerlei Religionsunterricht, das Christentum macht nur ungemein langsame Fortschritte und die Moral nach unseren Begriffen steht bei den Japanern auf einer verhältnismäßig sehr niedrigen Stufe.

Unsere Ansichten über die Tugend und Keuschheit, über die Liebe, Liebeswerben und Sittsamkeit sind der großen Mehrzahl des Volkes überhaupt unverständlich, und es mnß gerechtes Erstaunen wecken, daß die japanische Jugend trotzdem einen so hohen Grad von kindlicher Naivetät besitzt.

Und dabei bleiben Knaben und Mädchen in Japan länger Kinder als bei uns; sie sind sich keines Unrechtes bewußt und freuen sich ihrer Kindheit, freuen sich an niedlichen unschuldigen Spielen, freuen sich an Puppen und Märchen und Festlichkeiten, an denen es gerade in Japan eine übergroße Zahl giebt. Schon in ihrer frühesten Jugend lernen sie die Arithmetik, indem sie an den Fingern abzählen, wie viele Tage es noch zu dem nächsten Matsuri (Volksfcst) sind. Zu Neujahr, bei den buddhistischen oder nationalen oder häuslichen Festtagen werden sie in die denkbar buntesten Kleider gesteckt und wie Püppchen geputzt; die Mädchen pudern und bemalen ihre Gesichter, schwärzen die Augenbrauen, schminken die Lippen, geradeso, ja eher noch mehr als die Alten, und es kann keinen lustigeren Anblick geben als an solchen Festtagen die zu den Tempeln führenden Straßen und die Tempelhöfe selbst, wo Hunderte von Buden mit allerhand bunten und sinnreichen Spielwaren errichtet sind, und zwischen denen dieses kleine Puppenvolk, begleitet von den Eltern, sich drängt, alles betrachtet, alles kauft und sich freut, so daß auch der ärgste Kinderfeind sich mit freuen muß. Jede Stadt Japans ist eine Art Nürnberg oder Sonneberg; in jeder Straße findet man Spielzeuge aller Art, und die Spielwarenindustrie ist eine der bedeutendsten des ganzen Landes.

Das größte Fest der Mädchen ist das Puppenfest, das am dritten Tage des dritten Monats abgehalten wird, und es giebt an diesem Tage wohl wenige Häuser im Reiche des Mikado, wo nicht sämtliche Puppen aus den Truhen hervorgeholt, sorgfältig herausgeputzt, gekleidet und auf Gestelle gesetzt werden, zur Freude der jungen Welt. In den Häusern des Adels kommen dabei zuweilen Hunderte von Puppen zum Vorschein, die zum Teil alte Familienerbstücke sind und gewöhnlich den Kaiser, die Kaiserin, das Gefolge und den Adel in Prachtgewändern darstellen. Die kleinen Mädchen dürfen dann den Puppen in winzigen Geschirren die Speisen kochen und auf ebenso winzigen Tischchen vorsetzen, sie spazieren führen, an- und auskleiden. An den öffentlichen Feiertagen freuen sich die Kleinen mit den Großen; sie spielen auf der Straße fast dieselben Spiele wie unsere Kinder, Ball und Drachen und Federball; im Winter, wenn es kalt ist, hocken sie um den [239] Hibatschi (offenes Holzkohlenbecken) in der Mitte des Wohnzimmers, spielen Karten oder lassen sich von Großmama oder der Tante (O Ba San) die reizenden japanischen Märchen erzählen.

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Steckenpferdreiten nach einem japanischen farbigen Originalbild.

Für die Jungen ist das größte Fest das Flaggenfest am fünften Tage des fünften Monats; in jeder Familie, welche Söhne besitzt, werden an diesem Tage papierne Fische von ungeheurer Größe auf Bambusstangen gebunden und diese am Hause aufgestellt. Der Wind bläst die Papierfische wie Luftballons auf, und dann sieht man über dem Häusermeer der Städte Zehntausende derartiger Fische schweben. Die Jungen aber ziehen, womöglich als Soldaten oder Samurai (Zweischwertermänner) gekleidet, bunte Flaggen in der Hand, umher und stopfen sich mit Süßigkeiten voll. –

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Kinderscene nach einem japanischen farbigen Originalbild.

Große Freudentage sind es jedesmal, wenn die Eltern ihre Kinder mit in das Theater nehmen – Freudentage im wahren Sinne des Wortes, denn die Familien pflegen morgens ins Theater zu gehen und es erst spät abends zu verlassen. Die Kinder hören andächtig den geschichtlichen Darstellungen zu, und was daran häßlich und gemein ist, thut ihrer Ehrfurcht vor den Eltern keinen Abbruch. Nichts dürfte dem europäischen Besucher japanischer Inlandstädte mehr auffallen als dieser schönste Zug des japanischen Charakters. Er wird so weit getrieben, daß sich alle Kinder und Diener eines Hauses jedesmal auf die Knie werfen und mit der Stirne den Boden berühren, wenn ihre Eltern ausgehen oder nach Hause kommen; nirgends ist Gehorsam so sehr die erste Kindespflicht wie in Japan, und in dieser Hinsicht könnten sich die Kinder in Ländern, die uns viel näher liegen, die Japaner zum Beispiel nehmen.