Liebende Eltern für verlassene Kinder!

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Liebende Eltern für verlassene Kinder!
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 51, S. 860
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[860] Liebende Eltern für verlassene Kinder! Keine Zeit des Jahres fordert so von selbst auf, den Werth eines Kindes zu schätzen, wie die des Weihnachtsfestes: die köstliche Zeit, wo das gegenseitige Freudemachen die höchste Pflicht aller Menschen von deutscher Sitte ist und wo die reinste Selbstlosigkeit der Liebe ihre schönsten Triumphe feiert. Mit keinem andern Gedanken, als dem, irgend Jemandem eine „heimliche Freude“ zu bereiten, wie der Volksmund eine freudige Ueberraschung bezeichnet, läuft Alt und Jung zum Christmarkt und zwischen den Weihnachtsbuden umher, und wer bepackt davon geht, trägt eine „heimliche Freude“ heim. Aber der Mittelpunkt all der Liebe ist – das Kind. Ein Familienchristbaum, unter welchem kein Kind jubelt, ist ein trauriger Anblick.

Ein Ehepaar, das an diesem Abend allein und hoffnungslos am Fenster steht und die leuchtenden, von glückseligen Kindern umringten Christbäume der Nachbarschaft betrachtet, ist beklagenswerth – aber nur wenn ihm die Mittel fehlen, ein Kind zu erziehen. Wer ein Kind ernähren kann, steht dem „armen Reichen“ unseres heutigen Eingangsgedichtes gleich, auch er kann ein Waisenkind an das Herz drücken, auf daß auch ihm „erblüht das Glück am Weihnachtsbaum“.

Darum haben wir diese „heilige Zeit“ gewählt, um alle Kinderlosen, welche im Besitz des Herzens und der Mittel zur Erziehung eines Kindes sind, wieder einmal an die vielen armen verlassenen Kinder zu erinnern, die nach liebenden Eltern schmachten.

Der Tod und die Noth arbeiten ja unablässig der Barmherzigkeit in die Hände; niemals hat es uns an armen Kindern, desto häufiger freilich an kinderfreundlichen Eltern gefehlt. Dennoch ist es uns seither wieder gelungen, eine erfreuliche Anzahl von Kindern recht glücklich unterzubringen. Diese Erfolge und vor Allem die Gewähr, die Kinder nur edlen Eltern an das Herz gelegt zu haben, verdanken wir zum großen Theil der aufopferungsvollen Theilnahme eines braven, gewissenhaften und pflichtstrengen Mannes, der unsere Bestrebungen unterstützte. Seiner treuen Mithülfe auch für die Zukunft sicher, können und müssen wir es nun auf’s Neue wagen, kinderlose Eheleute zur Annahme von Kindern aufzufordern, und zwar bitten wir dieselben diesmal, ihre Anträge, selbstverständlich mit genauer Angabe ihrer eigenen Lebensstellung und der Wünsche hinsichtlich des Alters und Geschlechts der Kinder, direct an unsern Vertrauensmann Herrn Schuldirector Mehner in Burgstädt bei Chemnitz in Sachsen zu richten.

Unsere Liste verlassener Kinder ist in letzter Zeit ziemlich stark angewachsen, obschon strenge Prüfung und Auswahl eine Anzahl ausgeschieden hat, welche uns nur der Leichtsinn und gewissenlose Bequemlichkeit anboten. Uebrigens dürfte manches der Kinder anderweit untergebracht worden sein, und für diesen Fall möchten wir die Betreffenden bitten, uns Nachricht zu geben, damit wir bereits versorgte Kinder nicht vergeblich auf unserer Liste fortführen.

Und so möge diese Weihnacht für die armen verlassenen Kinder eine recht gesegnete werden! Wir bitten ja nicht blos um Wohltaten, sondern wir bringen den Wohlthätern den Werth einer aufblühenden Kinderseele entgegen. Wer dieses Aufblühen zu belauschen und zu schätzen weiß, der wird bald erkennen, daß der Lohn größer ist als die Wohlthat. Wir wollen mit einem Beispiel schließen. Kurz vor dem Weihnachtsfest des vorigen Jahres kam zu unserem Vertrauensmann ein preußischer Lehrer, der über seine einsame, weil kinderlose Ehe klagte. Er war an den rechten Mann gekommen, denn als er heimwärts fuhr, hatte er von vier jüngst verwaisten Kindern das jüngste, einen zweijährigen Knaben auf dem Schooße. In seinem Wohnort verbarg er bei Freunden das Kind bis zum Abend des Christfestes. Auch an diesem Abend stand wieder, wie seit Jahren, der einsame Christbaum mit den gegenseitigen Geschenken bereit, als aber des Lehrers Gattin das Zimmer betrat, streckte der Knabe ihr über die Lichterpracht jubelnd die Aermchen entgegen – und da war ja das Glück erblüht am Weihnachtsbaum! – Ihr Tausende von Kinderlosen, gehet hin und thuet desgleichen.