MKL1888:Auge

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Meyers Konversations-Lexikon
4. Auflage
Seite mit dem Stichwort „Auge“ in Meyers Konversations-Lexikon
Band 2 (1885), Seite 7376
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Auge. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1885–1890, Band 2, Seite 73–76. Digitale Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/wiki/MKL1888:Auge (Version vom 03.05.2021)

[73] Auge (Ocŭlus), das Sehwerkzeug der Tiere, wird in seiner einfachsten Form bei manchen niedern Tieren durch einen farbigen Fleck dargestellt, an den ein Nerv (Sehnerv) herantritt, so daß eine Empfindung, wenn auch nicht eine dem wirklichen Sehen gleichkommende, wenigstens durch die im Licht enthaltenen Wärmestrahlen hervorgebracht werden kann. Ein unzweifelhaft zum Sehen dienendes A. läßt sich aber dann annehmen, wenn die Nervenendigung an der äußersten Spitze von Farbstoff frei bleibt und so allein der Lichtwirkung ausgesetzt wird. Ist zudem das Ende des Nervs in ein Stäbchen (Sehstäbchen) ausgezogen, so sind alle Bedingungen für ein Sehorgan erfüllt, denn auch die kompliziertesten Augen bestehen im wesentlichen aus einer Anzahl solcher von Pigment zum Teil umhüllter, stäbchenförmiger Nervenendigungen. Zur Sammlung der Lichtstrahlen befindet sich an sehr vielen Augen eine durchsichtige sogen. Linse vor den Stäbchen, außerdem treten namentlich bei den höhern Tieren noch besondere Schutzorgane (Augenlider, Thränenapparat etc.) hinzu. Wie alle übrigen Sinnesorgane, bildet auch das A., wenigstens im Embryo, zu einer gewissen Zeit einen Teil der äußern Haut, liegt jedoch beim erwachsenen Tier meist unterhalb derselben; die alsdann besonders durchsichtige, sich über dasselbe hinziehende Hautstelle wird Hornhaut genannt. Auch diese kann (z. B. bei Gliederfüßlern) linsenartig gewölbt sein und so zur Konzentrierung des Lichts beitragen. Lagerung und Zahl der Augen wechseln im Tierreich ungemein: es gibt Tiere mit Augen am Kopf und außerdem am Rücken (gewisse Schnecken) oder an der Spitze der Arme (Seesterne) etc. Nicht wenige Tierarten sind durch ihren Aufenthalt an lichtarmen Orten blind geworden und haben dann gewöhnlich die Tast-, Riech- und Hörorgane stärker entwickelt. Bei blinden stieläugigen Krebsen sind mitunter noch die Augenstiele erhalten, die Augen selbst aber rückgebildet.

Von besonderm Interesse sind die Augen der Gliederfüßler (Arthropoden) und Wirbeltiere.

Fig. 1.
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Punktauge einer Käferlarve.

Bei erstern unterscheidet man einfache und zusammengesetzte Augen. Jene (Ocellen, Punktaugen, Nebenaugen, Fig. 1) bestehen aus wenigen Nervenstäbchen, auf welche durch die linsenförmige Hornhaut ein umgekehrtes Bildchen des zu sehenden Gegenstandes entworfen wird und mittels des an die Stäbchen sich anschließenden Sehnervs im Gehirn zur Wahrnehmung gelangt.

Fig. 2.
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Facettenauge einer Libelle.

Hier geschieht also das Sehen wie bei den Wirbeltieren. An den zusammengesetzten Augen (Fig. 2), die namentlich bei manchen Insekten auffällig groß sind, besteht die stark gewölbte Hornhaut aus Tausenden von kleinen, mehreckigen Flächen (Facetten); zu jeder gehört ein lichtleitender (Kristallkegel) und lichtempfindender Apparat, und zwar ist jener so eingerichtet, daß nur der senkrecht auf die Facette von außen treffende Lichtstrahl ungehindert zu dem in der Tiefe des Auges befindlichen Sehstäbchen des [74] lichtempfindenden Apparats gelangt. Sämtliche Stäbchen liegen nebeneinander und empfangen Fasern vom Sehnerv; da aber auf jedes nur ein einziger Lichtstrahl trifft, so wird mittels desselben nur Ein Punkt des zu sehenden Gegenstandes wahrgenommen. Mit dem ganzen A. sieht daher das Tier den Gegenstand nur einmal (nicht, wie man früher lange Zeit geglaubt hat, so oft, wie es Facetten besitzt), aber in Form eines Mosaik aus einzelnen Punkten (sogen. musivisches Sehen).

Das A. der Wirbeltiere unterscheidet sich in Einer Beziehung wesentlich von demjenigen der Wirbellosen (nur bei einigen Muscheln und Lungenschnecken hat man auch solche Augen gefunden), indem nämlich die stäbchenförmigen Endigungen des Sehnervs nicht dem Licht zu-, sondern von ihm abgewendet sind, so daß letzteres erst alle übrigen Schichten des zu einer Haut (Netzhaut) ausgebreiteten Sehnervs durchdringen muß, ehe es zu den Sehstäbchen gelangt.

Fig. 3.
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Durchschnitt des menschlichen Augapfels.

Diese eigentümliche Erscheinung erklärt sich aus der Entwickelung des Auges. Es entsteht im Embryo nicht, wie bei den Wirbellosen, indem ein Stück der äußern Haut sich nach innen zu einstülpt und einen von der übrigen Haut abweichenden Bau erhält, sondern indem das zu jener Zeit noch hohle Gehirn (s. d.), das aber selbst aus der Haut durch Einstülpung hervorgeht, in seinem vordern Teil auf jeder Seite des Kopfes eine Blase hervortreibt, die zur Netzhaut wird, während die Wandung des engern Verbindungsganges zwischen Hirn- und Augenblase sich später zum Sehnerv gestaltet. Somit liegt wie im hohlen Gehirn, so auch im hohlen A. des Embryos die äußerste Schicht der eingestülpten Haut am meisten nach innen, d. h. vom Licht abgewendet. Der Rest des Auges, nämlich Glaskörper, Linse etc., entsteht erst später und setzt sich mit dem eigentlichen Augenbläschen nachträglich in Verbindung. Die Linse bildet sich aus einem Stück der Oberhaut (Epidermis), schnürt sich von dieser ab und wandert in das Innere des Auges, während die weiße Augenhaut (Sklerotika) samt der Hornhaut (Cornea) aus der das A. unmittelbar umgebenden Bindegewebsschicht stammen. Ungemein verdickt in ihrem hintern Stück ist die weiße Haut bei den Walen; bei Eidechsen, Schildkröten und Vögeln hat sie vorn an der Grenze der Hornhaut oft einen Ring von beweglichen Knochenplättchen. Die Linse ist vollkommen oder nahezu kugelig bei den im Wasser lebenden Wirbeltieren, besonders bei den Fischen, mehr oder weniger abgeplattet bei den übrigen. Zum A. stehen Hilfsorgane in Beziehung, nämlich sechs Muskeln zu seiner Bewegung (s. unten), ferner die Lider und endlich der Thränenapparat. Die Augenlider sind Hautfalten; sie fehlen den Fischen noch fast gänzlich, sind dagegen sonst immer vorhanden, und zwar gibt es ein oberes und unteres bewegliches Lid sowie die sogen. Nickhaut (s. d.), welche vom innern Augenwinkel her quer über das A. hingezogen werden kann. Die Thränendrüsen treten erst bei den Reptilien auf; unter den Säugetieren fehlen sie bei den Walen.

Das Auge des Menschen.
(Hierzu die Tafel „Auge des Menschen“.)

Am A. des Menschen ist der wesentliche Teil desselben, der Augapfel (Tafel, Fig. 1a, Fig. 4; die Lage der nachfolgend beschriebenen Teile des Augapfels ist aus nebenstehender Textfigur 3: „Durchschnitt des menschlichen Augapfels“ ersichtlich), nahezu eine Kugel, deren größter Teil von der weißen oder harten Augenhaut (Sclerotica, Sclera, Albuginea, Fig. 4, 6, 7, 10) gebildet wird; nach vorn zu ist ein Teil dieser faserigen, derben Haut durch die vollkommen durchsichtige Hornhaut (Cornĕa, Fig. 4, 10, 11) ersetzt; diese liegt wie ein Uhrglas dem Augapfel auf und ist stärker gewölbt als der Rest desselben. Über ihre äußere Fläche zieht sich als direkte Fortsetzung der Hornschicht der Bindehaut eine Lage von Epithelzellen. Innen im Augapfel selbst liegt der weißen Haut unmittelbar an die Aderhaut (Chorioidĕa, Fig. 6, 7, 11), eine gefäßreiche und wegen ihres Reichtums an schwarzbraunem Farbstoff dunkle Haut. Nach vorn geht sie in die Iris (Iris) oder Regenbogenhaut (Fig. 4, 5, 6, 10) über und bildet deren hinterste Schicht, die sogen. Traubenhaut (Uvĕa). Die Iris ist nach Entfernung der Traubenhaut farblos oder bei Erfüllung ihrer Blutgefäße (z. B. bei den Albinos) rot und verdankt ihre sonstige Farbe (blau, braun, grau etc.) dem Durchschimmern des Pigments der Traubenhaut durch die vordern Schichten. In ihrer Mitte befindet sich das Sehloch oder die Pupille (Fig. 5, 6), die vermittelst zweier Systeme von unwillkürlichen Muskelfasern in der Iris bis auf 2 mm verengert und bis auf 5 mm erweitert werden kann. (Im Schlaf ist sie sogar bis auf 1 mm verengert.) Wo Regenbogen- und Aderhaut zusammenstoßen, liegt ein aus platten Muskelfasern bestehender Muskel, der Ciliarkörper (Corpus ciliare, Musculus ciliaris), der bei seiner Zusammenziehung die mit ihm zusammenhängende Linse an ihrer Vorderfläche stärker wölbt und so die Akkommodation (s. d.) für das Sehen in der Nähe bewirkt, zugleich aber auch die Aderhaut anspannt. Von dem Ciliarkörper entspringt an seinem freien Rand noch eine große Anzahl von gefäßreichen Ciliarfortsätzen, welche in ihrer Gesamtheit der Strahlenkranz (Corona ciliaris, Fig. 5, 10) heißen. Die Linse (Kristalllinse, Lens crystallina, Fig. 1c, Fig. 2) besteht aus wasserhellen, sechsseitigen Säulen, die zu einer beinahe homogenen Masse verbunden sind und von der Linsenkapsel, einer wasserhellen, strukturlosen Membran, eingeschlossen werden. Letztere ist mit der in ihr befindlichen Linse in den Ring des Ciliarkörpers gleichsam eingespannt. Hinter der Linse füllt den zwischen ihr und der Netzhaut (s. unten) befindlichen großen Hohlraum des Auges der sogen. Glaskörper (Corpus vitreum, Fig. 1, 2) aus. Dieser ist eine glashelle, [Ξ]

Auge des Menschen.
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[75] gallertartige Substanz, welche durch eine eigne zarte Membran, die Glashaut, zusammengehalten wird. Letztere heftet sich, indem sie sich in zwei Blätter spaltet, sowohl an die vordere als auch an die hintere Wand der Linsenkapsel an und verschmilzt mit ihnen, jedoch nicht so vollständig, daß nicht ein um die Linsenkapsel herumlaufender, mit einer wasserhellen Flüssigkeit gefüllter Kanal, der Petitsche Kanal, übrigbliebe. Der Raum vor der Linse und der Iris heißt die vordere, der seitlich von der Linse und hinter der Iris gelegene die hintere Augenkammer; beide sind mit der klaren, sogen. wässerigen Augenflüssigkeit (Humor aquĕus) ausgefüllt, welche von den Gefäßen der Ciliarfortsätze abgesondert wird und die beiden Augenkammern sowie besonders die Hornhaut in Spannung zu erhalten hat.

Die von einem zu sehenden Gegenstand ausgesandten Lichtstrahlen gelangen, nachdem sie durch die Linse und den gleichfalls durchsichtigen Glaskörper in besonderer Weise gebrochen sind, auf die im Hintergrund des Auges befindliche Netzhaut (Retĭna, Fig. 7), wo sie unter normalen Verhältnissen sich zu einem Bildchen des Gegenstandes vereinigen. Die Netzhaut, nach hinten zu von der undurchsichtigen Aderhaut umgeben, ist nichts weiter als die flächenhafte Ausbreitung des Sehnervs in Gestalt einer zarten Haut, welche sich nach vorn bis an die Ciliarfortsätze erstreckt, jedoch nur bis etwa zur Augenmitte der Lichtempfindung dient. Der Sehnerv (Nervus opticus, Fig. 1, 2, 3, 4, 6, 10) entspringt im vordern Teil des Gehirns und zwar so, daß derjenige für das rechte Auge von der linken Hirnhälfte und umgekehrt herstammt. Es findet daher beim Austritt der beiden Nerven aus dem Gehirn eine vollständige Kreuzung aller Fasern (Chiasma nervorum opticorum, Fig. 1b) statt. Darauf tritt der Nerv, indem seine Umhüllung mit der weißen Augenhaut verschmilzt, durch ein Loch in der letztern in das A. ein und breitet sich hier als Netzhaut aus; indessen liegt die Eintrittsstelle (die sogen. Papilla optica oder der blinde Fleck, Fig. 7b) nicht genau in der Mittellinie (Achse) des Auges, sondern mehr nach innen zu. Dem Achsenpunkt der Netzhaut entspricht eine etwas verdünnte Stelle, deren Umfang gelblich gefärbt ist (Macŭla lutĕa retĭnae, gelber Fleck, Fig. 7a). Hier findet das schärfste Sehen statt (s. Gesicht). Die Netzhaut hat einen außerordentlich komplizierten Bau, der jedoch im einzelnen trotz aller Bemühungen noch nicht völlig aufgeklärt ist (s. Gesicht).

Die sechs Augenmuskeln ermöglichen die Bewegung des Augapfels in allen Richtungen: der gerade äußere und innere (Fig. 1d, e; Fig. 3a) dienen zur horizontalen, der gerade obere und untere (Fig. 2; 3b, c) zur vertikalen und der schiefe obere und untere (Fig. 2; 3d, e) zur schrägen Bewegung. Der schiefe obere Muskel läuft hierbei durch eine besondere sehnige Schleife (Rolle, Fig. 3f). Da die zwei schiefen Muskeln von vorn, die vier geraden von hinten her am Augapfel ziehen, so wird bei Anspannung von allen zusammen (d. h. beim Blicke geradeaus) ein Zurückweichen desselben in die Augenhöhle vermieden; überdies ruht der Augapfel auf dem Fettpolster (Fig. 2), welches im Hintergrund der Augenhöhle alle Lücken ausfüllt. Gewöhnlich bewegen sich beide Augen stets zusammen in gleicher Richtung; überwiegt der äußere oder innere gerade Muskel über den innern oder äußern, so findet Schielen statt. Die Augenlider (Palpĕbrae, Fig. 2a, b) sind zwei bewegliche, faltenartige Fortsetzungen der äußern Haut, welche den Augapfel von vorn her bedecken und sich beim Schluß mit ihren Rändern berühren; im Innern hat jedes zwei halbmondförmige Bindegewebsscheiben (sogen. Knorpel) und wird dadurch steif erhalten. Nahe dem Vorderrand ragen die Augenwimpern (Cilia) hervor (oben 100–150, unten 50–75), mehr nach hinten liegt eine Reihe feinster Öffnungen von etwa 30 eigentümlichen Talgdrüsen (Meibomsche Drüsen, s. d. und Fig. 9). Zur willkürlichen oder unwillkürlichen (sogen. Blinzeln) Bewegung der Lider dient der Öffner der Augenlidspalte oder Hebemuskel (Levator palpebrae superioris, Fig. 2c, 9), welcher das obere Lid in die Höhe hebt, sowie der ringförmige Schließmuskel (Orbicularis palpebrarum, s. Tafel „Muskeln des Menschen“, Fig. 1, und Tafel „Nerven I“, Fig. 2). Die innere Haut der Lider setzt sich auf den Augapfel als sogen. Bindehaut (Conjunctiva, Textfig. 3) fort und überkleidet ihn mit Ausnahme der Hornhaut, welche nur einen ganz feinen Überzug erhält, von vorn. Eine besondere Falte im innern Augenwinkel (Fig. 8) ist ein Überrest des schon oben erwähnten dritten Augenlides, der Nickhaut (s. d.). Der Thränenapparat (Fig. 9), zur Absonderung und Wegleitung der Thränen (Lacrymae), besteht aus der Thränendrüse und der Thränenleitung. Erstere (Fig. 9a) ist im äußern Augenwinkel an das Dach der knöchernen Augenhöhle (s. unten) befestigt; die von ihr abgesonderten Thränen (sie enthalten ungefähr 1 Proz. feste Substanz) gelangen durch 7–10 enge Ausführungsgänge im äußern Augenwinkel auf die Hornhaut, benetzen diese und die Innenfläche der Lider und fließen im innern Augenwinkel durch zwei trichterförmige Öffnungen (Thränenpunkte) in den Thränengang, von da in den Thränensack und so in die Nasenhöhle.

Die knöcherne Augenhöhle (Orbĭta, Fig. 1, 3), in welcher das A. liegt, wird von Teilen verschiedener Schädelknochen, die hier zusammenstoßen, gebildet (s. Tafel „Skelett II“, Fig. 1). Die Blutgefäße des Auges treten mit dem Sehnerv in sie ein; zum Teil verlaufen sie im Innern des Sehnervs als dessen Zentralgefäße und gelangen so zur Netzhaut, wo ihre Verzweigungen (Fig. 7) mit dem Augenspiegel sichtbar sind, ferner gehen sie zu der äußerst blutreichen Aderhaut und bilden dort dichte Netze von Kapillaren, endlich zu den Muskeln etc. der Augenhöhle. Die Venen der Netzhaut haben denselben Verlauf wie die Arterien (Fig. 7); diejenigen der Aderhaut heißen Strudelgefäße (Vasa vorticosa, Fig. 6a) wegen ihres eigentümlich geschlängelten Verlaufs; einige aus dem Ciliarmuskel kommende kleine Venen vereinigen sich zu einer ringförmigen Vene, dem sogen. Schlemmschen Kanal. Als Bewegungsnerven dienen das 3., 4. und 6. Hirnnervenpaar (s. Gehirn und Tafel „Nerven I“, Fig. 1), von denen das letztere (Nervus abducens) zum äußern geraden, das 4. Paar (Nervus trochlearis) zum obern schiefen Augenmuskel und das 3. Paar (Nervus oculomotorius) zu den übrigen Muskeln geht. Besonders stark sind unter seinen Zweigen die Ciliar- oder Blendungsnerven (Nervi ciliares, Fig. 6, 11), welche die Verengerung und Erweiterung der Pupille herbeiführen. Der Schließmuskel der Augenlider bekommt seine Bewegungsnervenfasern von dem Gesichtsnerv (Nervus facialis). Die Empfindungsnerven des Auges kommen von der größern Portion des 5. Gehirnnervenpaars (Nervus trigeminus) her. Über den Sehnerv s. oben. Die Farbe des Auges rührt, wie oben erwähnt, von der Verteilung des Farbstoffs in der Regenbogenhaut her. Der Glanz [76] im A. vieler Wirbeltiere (Pferd, Rind etc., viele Fische) entsteht teils von der eigentümlich gebauten Hornhaut, teils und zwar gewöhnlich von einer glänzenden, das Licht zurückwerfenden, daher auch im Halbdunkel leuchtenden Stelle der Aderhaut, dem sogen. Tapetum lucidum. S. die folgenden Artikel: „Augenentzündung“, „Augenheilkunde“, „Augenkrankheiten“, „Augenpflege“. Über künstliche Augen s. d. (S. 79).

Auge, 1) in der Botanik gleichbedeutend mit Knospe, besonders solche Knospen, aus welchen sich laubtragende Zweige entwickeln (s. Knospe); – 2) in der Architektur die in der Mitte von Spiralen, insbesondere denjenigen der ionischen Kapitäler, zum Abschluß der immer enger werdenden Windungen angebrachte kleine Scheibe; Brückenauge, im Brückenbau eine über den Köpfen der Zwischenpfeiler gewölbter Brücken zur Verdunstung des Sickerwassers und Ersparnis von Mauerwerk angeordnete kreisförmige Öffnung der Stirnmauer; – 3) s. v. w. Öse, das verbreiterte, mit einer Öffnung zur Aufnahme eines Bolzens etc. versehene runde Ende einer eisernen Schiene, z. B. eines Kettengliedes; Öse in der Weberlitze, s. Maillon; – 4) in der Buchdruckerei die erhabene Bildfläche der Type, Linie, Klammer etc., welche den Druck abgibt, d. h. also derjenige Teil, welcher nach dem Druck als das Bild der Type auf dem Papier erscheint.

Auge („Glanz“), in der griech. Mythe Tochter des Aleos und der Neära, eines Königspaars zu Tegea in Arkadien, war Priesterin der Athene. Von Herakles Mutter geworden, verbarg sie ihr Kind im Tempel. Als die Göttin deshalb Unfruchtbarkeit über das Land verhängte, ließ Aleos nach einem Orakel das Heiligtum untersuchen und das gefundene Kind auf dem Parthenischen Berg aussetzen (s. Telephos). Die A. übergab Aleos dem Nauplios mit dem Auftrag, sie ins Meer zu werfen; aber gerührt von ihrer Schönheit, geleitete sie Nauplios nach Mysien zum König Teuthras, der die Verlassene an Kindes Statt annahm. Ihr Sohn Telephos, nachdem er herangewachsen, zog aus, seine Mutter zu suchen, und kam, vom delphischen Orakel unterrichtet, nach Mysien, wo Teuthras eben in einen schweren Krieg verwickelt war. Telephos half ihm; der gerettete Fürst versprach ihm dafür die Hand seiner Pflegetochter A. und das Reich. Als sich diese jedoch, des Herakles eingedenk, der Vermählung mit einem Sterblichen widersetzte und im Brautgemach sogar mit dem Schwerte drohte, erschien zwischen beiden, von den Göttern gesandt, eine Schlange, worüber erschrocken A. das Schwert fallen ließ. Telephos ergreift dieses und zückt es auf die A., als diese in der Todesangst laut den Herakles anruft, woran Telephos die gesuchte Mutter erkennt und sie in die Heimat zurückführt. Nach andrer Sage trieb der Kasten, in welchem Aleos die A. mit Telephos ausgesetzt hatte, an die Küste von Mysien, und Teuthras nahm A. zur Frau.