MKL1888:Ätzen

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Meyers Konversations-Lexikon
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Wikipedia-Artikel: Ätzen
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Seite mit dem Stichwort „Ätzen“ in Meyers Konversations-Lexikon

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34, 35, 36

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Ätzen. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1888–1889, Bd. 2, S. 34. Digitale Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=MKL1888:%C3%84tzen&oldid=- (Version vom 05.10.2014)

Ätzen, die Erzeugung nicht sehr bedeutender Vertiefungen auf der Oberfläche verschiedener Körper durch Anwendung von Lösungsmitteln. Ist der zu ätzende Körper nicht vollkommen homogen, so werden einzelne Teile stärker angegriffen als andre, und es entstehen Muster, welche die wahre Struktur scheinbar homogener Körper erkennen lassen und bisweilen zur Verzierung erzeugt werden (Damaszieren, Moiré métallique). Schützt man einzelne Teile der Oberfläche durch eine von dem Ätzmittel nicht angreifbare Masse (Ätzgrund), so kann man leicht beliebige Zeichnungen hervorbringen. Man überzieht z. B. die ganze Fläche mit dem Ätzgrund, gräbt in diesen mittels geeigneter Nadeln und Griffel eine Zeichnung ein, umgibt die zu ätzende Fläche mit einem erhabenen, den Ätzmitteln widerstehenden Rand (in der Regel aus Wachs) und gießt dann eine Flüssigkeit (Ätzwasser), gewöhnlich von saurer Beschaffenheit, darauf, welche auf die durch Nadel und Griffel bloßgelegte Substanz der Oberfläche auflösend einwirkt, wodurch die Zeichnung vertieft dargestellt wird. Sollen in der Ätzung verschiedene Abstufungen oder [35] Töne erreicht und deshalb einzelne Linien mehr oder weniger vertieft werden, so wird, nachdem das Ätzwasser einige Zeit gewirkt hat, auf die zu schützenden Teile eine Lösung des Ätzgrundes in Terpentinöl mit einem Pinsel aufgetragen und dann das Ä. fortgesetzt. Dies ist das Tiefätzen. Ätzgrund erhält man z. B. aus 4 Teilen Wachs, 2 Teilen Kolophonium, 4 Teilen Asphalt und 1 Teil Burgunder Pech. Diese Ingredienzien werden zusammengeschmolzen, der Asphalt aber zuletzt fein gepulvert hinzugefügt. Zum Auftragen des Ätzgrundes schlägt man denselben in feine Leinwand und dann noch in lockern Taft und führt den Ballen mit gelindem Druck auf der erwärmten Fläche herum. Auch kann man eine dicke Lösung des Ätzgrundes mit Kamphin bereiten und diese mit einem Pinsel aufstreichen. Als Ätzwasser benutzt man auf Kupfer verdünnte Salpetersäure, zweckmäßiger eine Mischung von 3 Volumen einer gesättigten Lösung von Kupfer in Salpetersäure mit 1 Volumen einer ebenfalls gesättigten Lösung von Salmiak in Essig, welche man nach dem Aufgießen durch vorsichtiges Eintröpfeln von Salpetersäure zu der gewünschten Stärke bringt. Noch besser ist eine Mischung von 10 Teilen Salzsäure von 1,19 spez. Gew. mit 70 Teilen Wasser und einer siedend heißen Lösung von 2 Teilen chlorsaurem Kali in 20 Teilen Wasser, die man nach Belieben mit 100–200 Teilen Wasser verdünnt. Nach beendigter Einwirkung spült man die Platte wiederholt mit reinem Wasser ab, trocknet sie mit einem leinenen Tuch und entfernt den Ätzgrund durch Terpentinöl. Zum Ä. in Stahl (Siderographie) benutzt man eine Mischung aus 4 Volumen starkem Holzessig, 1 Volumen starkem Weingeist und 1 Volumen Salpetersäure von 32° Baumé oder eine Lösung von fein geriebenem Ätzsublimat (Quecksilberchlorid) in 420 g Wasser, der 1 g Weinsteinsäure und 16–20 Tropfen Salpetersäure zugesetzt werden. Auch eine saure Lösung von salpetersaurem Silberoxyd (Glyphogen) und eine Lösung von Jod in Jodkalium werden empfohlen. Eine zwar sicher wirkende, aber kostspielige Beize ist eine Lösung von 2 Teilen Jod und 5 Teilen Jodkalium in 40 Teilen Wasser. Die abgespülte und abgetrocknete Platte wird durch einen Kautschukfirnis oder durch Bereiben mit frischem Hammeltalg vor dem Rosten bewahrt. Zum Ä. des lithographischen Steins wird meist Salpeter- oder Salzsäure, mit mehr oder weniger Wasser oder mit Gummi arabikum-Lösung verdünnt, angewandt.

Das Hochätzen ist eine Umkehr des eben erörterten Verfahrens, insofern man, anstatt die dunkeln Stellen einzuätzen und dann mit Schwärze zu füllen, die Lichter hinwegätzt und die stehen bleibenden Erhabenheiten mit Schwärze überzieht. So geätzte Kupferplatten können gleich Holzschnitten in den Typensatz eingesetzt und mit diesem zugleich abgedruckt werden. Erfinder dieses Verfahrens war Dembour in Metz. Man trägt dabei auf eine sorgfältig gereinigte, mittels geschlämmten Bimssteins oder Salpetersäure feinkörnig gemachte Kupferplatte die Zeichnung mittels eines Pinsels und flüssigen Ätzgrundes, der aus den gewöhnlichen Ingredienzien mit Terpentinöl besteht, auf und ätzt nach dem Trocknen mit Salpetersäure oder einem sonstigen Ätzmittel, wodurch die blank gebliebenen Stellen der Kupferplatte angegriffen werden. Auf lithographischem Stein wird für Maschinendruck hoch geätzt, indem man die Zeichnung mit feinem Harzpulver einpudert und dann stark verdünnte Salpetersäure anwendet. Um Messer- und Säbelklingen sowie allerlei Galanteriewaren mit glänzenden Figuren auf mattem Grund zu verzieren (damaszieren), überzieht man die Stellen, welche ihre Politur behalten sollen, mit einem flüssigen Ätzgrund und setzt das Ganze Dämpfen von Salzsäure aus, welche aus Kochsalz und Schwefelsäure entwickelt werden.

Als Ätzmittel auf Glas dient Flußsäure (Fluorwasserstoffsäure). Um auf einer matt geätzten Fläche glänzende Züge hervorzubringen, deckt man die Zeichnung mit Bernsteinfirnis oder einer Lösung von Asphalt in Terpentinöl, rührt dann Flußspatpulver mit verdünnter Schwefelsäure (1 Teil Säure und 4 Teile Wasser) zu einem dünnen Brei und läßt denselben bei 30–40° auf der Glastafel eintrocknen, wodurch die nicht durch Ätzgrund geschützten Partien matt erscheinen. Verzierungen mit Blumen, Blättern etc. erzeugt man am leichtesten auf die Weise, daß man dieselben mit Gummi auf das Glas klebt, dann die ganze Fläche mit einer geschmolzenen Mischung aus Wachs, Talg und Öl überzieht, nach Erstarrung derselben die Pflanzenteile beseitigt und die entblößten Stellen ätzt. Dampfförmige Flußsäure gibt matte Ätzung. In den Glashütten von Baccarat, St.-Louis und Fort zu Metz benutzt man zum Mattätzen von Glas eine Lösung von 1000 g Wasser, 250 g kristallisiertem Fluorwasserstoff-Fluorkalium, 250 g Salzsäure und 140 g schwefelsaurem Kali. Die Ätzwirkung dieses Mittels ist eine sehr gleichmäßige. Auch kann man das Muster, welches matt eingeätzt werden soll, mit einem Kautschukstempel und einer fettigen Farbe auf das Glas übertragen und mit Fluorwasserstoff-Fluorammonium bestreuen. Das Salz haftet nur an der Farbe und wirkt nach dem Anhauchen durch diese hindurch auf das Glas. Eine aus Fluorwasserstoff-Fluorammonium, gefälltem schwefelsauren Baryt und rauchender Fluorwasserstoffsäure dargestellte Tinte kann mit einer Feder auf das Glas aufgetragen werden und liefert in 15 Sekunden eine scharfe Ätzung. Die von Böttger und Bromeis erfundene Hyalographie liefert geätzte Glasplatten zum Druck.

Zum Ä. auf Zink (s. Zinkätzung) werden Holzessig, Salpetersäure und Chlorsäure, sämtlich sehr verdünnt, angewandt. Bergkristall, Amethyst, Achat und andre kieselsäurereiche Steine ätzt man mit Flußsäure, Gold mit Königswasser, Silber, Messing und Marmor mit verdünnter Salpetersäure, ebenso die großenteils aus kohlensaurem Kalk bestehende Perlmutter, Bernstein und Elfenbein am besten mit konzentrierter Schwefelsäure, Alabaster mit destilliertem Wasser. Zum Ä. auf Metall benutzt man nach Nienstädt eine Ätzmasse aus salpetersaurem Eisenoxyd mit etwas Platinchlorid für Eisen und Stahl und aus Antimonchlorid mit Platinchlorid für alle übrigen Metalle mit Ausnahme von Gold und Platin. Die Ätzmasse wird auf einer Glasplatte ganz dünn und gleichmäßig verrieben und dann mittels eines Kautschukstempels auf die sehr sorgfältig gereinigte, namentlich fett- und oxydfreie, Metallfläche übertragen. Man erhält sofort entweder eine matte Ätzung oder eine fest haftende schwarze Färbung. Man läßt dann kurze Zeit liegen, wäscht mit Wasser, welches zweckmäßig wenig Soda oder Ätzammoniak enthält, trocknet und reibt die Ätzung mit etwas fettem Öl ein oder überzieht sie ganz dünn mit Spiritus- oder Öllack. Die verschiedenen Metalle bedingen unbedeutende Abweichungen des Verfahrens, auf allen aber erhält man sehr scharfe, fest haftende Zeichnungen. Bei der Galvanokaustik, dem galvanischen Ä., wird die vorbereitete Metallplatte in stark verdünnter Salpetersäure [36] mit dem positiven Pol einer galvanischen Batterie verbunden, wobei sich die nicht geschützten Stellen des Metalls sehr schnell auflösen. Vgl. Graphische Künste. Eine Anleitung zum Ä. in Kupfer, Messing, Stahl und andern Metallen gibt Krüger, Die Zinkogravüre (2. Aufl., Wien 1884).

Über Ä. in der Medizin s. Ätzmittel.