MKL1888:Aale

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Meyers Konversations-Lexikon
4. Auflage
Vorheriger
Aalbuch
Nächster
Aalen
Wikisource-logo.svg

Wikisource-Seite: [[{{{Wikisource}}}]]

Tango style Wikipedia Icon.svg
Wikipedia-Artikel: Aale
Wiktionary small.svg
Wiktionary-Eintrag: Aal; Aale
Seite mit dem Stichwort „Aale“ in Meyers Konversations-Lexikon

Originalseite(n)
6, 7

fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Empfohlene Zitierweise
Aale. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1888–1889, Bd. 1, S. 6. Digitale Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=MKL1888:Aale&oldid=- (Version vom 02.08.2015)


Aale (Muraenoidei), Familie der Knochenfische aus der Unterabteilung der kahlbäuchigen Edelfische (Physostomi apodes), daher ohne Bauchflossen und mit einer Schwimmblase mit Ausführungsgang. Sie haben einen schlangenförmigen Körper, sind meist sehr ansehnlich und leben als Raubfische im Meer und in den Flüssen. Ihre Haut ist nackt oder enthält sehr kleine Schuppen. Die Fortpflanzungsverhältnisse sind noch nicht bei allen Aalen genau bekannt. Wichtig sind der Flußaal, die Muräne (s. d.) und der Meeraal. Gewisse sehr durchsichtige und zarte Fische, die Glas- oder Wurmfische (Helmichthyoidea), werden von einigen Forschern für die Jugendformen von Meeraalen erklärt, so z. B. Leptocephalus Morrisii für den jungen Conger Vulgaris. Zu der Gattung Aal (Anguilla Thunb.) mit schlangenartig gestrecktem Körper, sehr engen Kiemenspelten, Samtzähnen und unmittelbar in die Schwanzflosse übergehender Rücken- und Afterflosse gehört der gemeine Flußaal (A. vulgaris Flem., s. Tafel „Fische I“), bis 6 kg schwer und 1,25 m lang, mit bis zum After cylindrischem, von da bis zur Schwanzspitze seitlich zusammengedrücktem Körper, vorstehendem Unterkiefer, kleinen Augen, kurzen, länglich eiförmigen Brustflossen und länglichen, äußerst zarten Schuppen, welche sich nicht decken und in der schleimigen Haut in zweierlei Richtungen derartig angeordnet liegen, daß viele Zickzacklinien entstehen. Die Färbung ist dunkelgrün, blauschwarz oder graugelb, am Bauch stets heller. Er lebt in tiefem Wasser mit schlammigem Grund, besonders in Brackwasser und Lagunen, ist über ganz Europa verbreitet, fehlt aber in allen Flüssen welche mittelbar oder unmittelbar ins Kaspische oder Schwarze Meer münden. Er ist sehr wanderlustig doch beruht der schon seit Albertus Magnus verbreitete Glaube, daß er nachts aufs Land gehe, um Schnecken und Gewürm, wohl gar Erbsen zu fressen, auf Mißverständnis oder Verwechselung. Er ist durch sein enges Maul auf Würmer, kleine Kruster und Fische beschränkt, überfällt aber auch Frösche und soll selbst Aas nicht verschmähen. Im Winter hält er, im Schlamm verborgen, Winterschlaf. Hat der Aal ein gewisses Alter erreicht, so wandert er vom Oktober bis Dezember, hauptsächlich in stürmischen, finsteren Nächten, ins Meer. Diese ausziehenden und noch nicht geschlechtsreifen A. kehren nicht zurück, aber junge Brut von 5 bis 9 cm Länge steigt bereits im April und Mai, große Hindernisse überwindend, über Schleusen, kleinere Wehre und an Felsen emporkletternd, in großen Scharen in die Flüsse, um hier jahrelang bis zu einer gewissen Stufe der Entwickelung zu verharren. Diese einwandernden A. sind zum bei weitem größten Teil Weibchen, während die kleiner bleibenden Männchen das Meer nie verlassen. Letztere unterscheiden sich von den stumpf stahlgrauen [7] Weibchen durch einen auffallend bronzeartigen Metallglanz. Andre Forscher nehmen an, daß die geschlechtlich ausgebildeten A. überhaupt nicht in die Flüsse steigen, sondern beständig im Meer bleiben, und daß die in das Süßwasser übergesiedelten A. nur verkümmerte Weibchen sind. Derartige sterile Formen findet man übrigens auch in andern Fischfamilien. Um das Verarmen der Flüsse an Aalen durch die Anlage neuer Mühlen zu verhüten, baut man Aalbrutleitern, d. h. aus rohen Brettern zusammengenagelte Rinnen, welche mit einer Neigung von 1 : 5 bis 1 : 8 aus dem Oberwasser in das Unterwasser der Mühle reichen. Die Rinnen sind mit niedrigen Querleisten benagelt, um das Abrutschen von Kies und kleinen Steinen, mit welchen man den Boden bedeckt, zu verhindern, und so gelagert, daß nur wenig Wasser durch sie herabfließt. Diese Vorrichtungen werden von der aufsteigenden Aalbrut bereitwillig benutzt, welche an großen Wehren ein unübersteigliches Hindernis finden würde. Auf die Lebensweise der A. gründen sich der Aalfang und die Aalzucht, wie sie an manchen Orten im größten Maßstab betrieben werden. Am vollkommensten entwickelt sind die Anlagen in den Lagunen von Comacchio zwischen den Mündungen des Po di Volano und des Po di Primaro und am Orbitellosee. Ein sehr ausgebildetes System von Schleusen und Kanälen wird dort im Frühjahr der einziehenden jungen Aalbrut geöffnet und begünstigt vom August bis Dezember den Fang der erwachsenen, 5–6 Jahre alten A., welche sich zur Auswanderung anschicken. Die jährliche Ernte in Comacchio kann auf 1 Mill. kg veranschlagt werden. Man fängt den Aal mit Netzen und Reusen, seltener mit der Angel und tötet ihn am besten durch Abtrennen des Kopfes. Die sehr lange anhaltende Reflexthätigkeit des Rückenmarks, infolge deren sich die Stücke des toten Aals lebhaft winden, wird sofort beendigt, wenn man eine Stricknadel in das Rückgrat stößt. Sehr viele A. fängt man in Schleswig-Holstein und in den Ostseeprovinzen, die meisten aber in Holland, von wo England und besonders London versehen werden. Zwei Gesellschaften, von denen jede fünf Schiffe besitzt, führen mit jeder Reise 8–10,000 kg lebende A. ein. Die vorzüglichen Präparate der Küche von Comacchio kommen zum Teil auch nach Deutschland. Das fettreiche Aalfleisch ist überall frisch, geräuchert und eingemacht eine beliebte Speise, namentlich waren die angelsächsischen Stämme von jeher Liebhaber desselben; Verwilligungen und Freibriefe wurden oft durch Zahlungen in Aalen geregelt. Die Klöster begünstigten die Anlage von Aalteichen, und diesseit wie jenseit des Kanals zeugen zahlreiche Namen von der frühern Ergiebigkeit des Aalfangs (Ellesmore, Elfinger Hof etc.). Vgl. Coste, Voyage d’exploration sur le littoral de la France et de l’Italie (2. Aufl., Par. 1861).