MKL1888:Abendröte

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Meyers Konversations-Lexikon
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Abendröte. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1888–1889, Bd. 1, S. 30. Digitale Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=MKL1888:Abendr%C3%B6te&oldid=- (Version vom 03.07.2019)

Abendröte (Abendrot), das bekannte Phänomen, welches nach dem Untergang der Sonne einzutreten pflegt und in einem über den Abendhimmel verbreiteten, verschieden nüancierten roten Schein besteht. Es tritt ganz besonders prachtvoll auf, wenn bei tiefblauem Himmel einige Wolken im W. stehen. Gehören diese zu den geschichteten Federwolken, so erscheinen sie meistens vor Sonnenuntergang als hellgraue Streifen mit hellen Rändern, welche später goldgelb und darauf feuerrot werden, während die Wolken im Innern dunkelblau oder, wenn sie die rote Erleuchtung der Rückseite durchscheinen lassen, purpurrot aussehen. Je nach der tiefern oder höhern Lage dieser Wolken gewahrt man verschiedene Färbung; einige erscheinen bereits dunkel feuerrot, während andre, scheinbar danebenstehende noch gelb sind. Bei weißlichem, mattblauem Himmel besteht die A. in einem oft glänzenden, aber mehr oder weniger weißlichen Gelb oder Graurot. Wenn nur ein matter gelber Glanz am Abendhimmel sichtbar ist, wird oberhalb desselben eine weißliche Färbung beobachtet, die oft in ein mattes Grün übergeht. Die frühern Physiker suchten die Entstehung der A. einfach durch die Annahme zu erklären, daß die Luft von den Strahlen, in welche das weiße Sonnenlicht beim Durchgang durch ein dichteres Medium sich teilt, vorzugsweise die blauen reflektiere, dagegen die gelben und roten vollständiger durchlasse. Forbes gab zuerst eine bessere Erklärung der Erscheinung, indem er sie mit dem atmosphärischen Wasserdampf in Verbindung brachte, und endlich hat Clausius im 76. Band von Poggendorffs „Annalen“[1] die Entstehung der A. sowie der blauen Färbung des Himmels aus der Annahme erklärt, daß der atmosphärische Wasserdampf die Form von kleinen, kugelförmigen Nebelbläschen und nicht von massiven Wasserkugeln besitzt. Die äußere Hülle dieser Wasserbläschen wirkt so wie ein dünnes Blättchen, welches sowohl im reflektierten als auch im durchgehenden Licht Farben zeigt. Je dünner die Wasserschicht der Nebelbläschen, desto reiner ist das Blau des Himmels. Bei zunehmender Feuchtigkeit wird nicht nur die Dicke der Wasserschicht zunehmen, sondern es werden sich auch immer von neuem Nebelbläschen bilden, so daß dann alle Zwischenstufen von einer bestimmten Grenze der Dicke an bis zu den feinsten Bläschen herab gleichzeitig in der Luft schweben und die verschiedenen Farben hervorbringen, die sich zu einer weißlichen Färbung vereinigen und das reine Blau des Himmels trüben. Wie in dem von den Nebelbläschen reflektierten Lichte die blaue Farbe vorherrscht, wird im durchgehenden Lichte die dafür komplementäre Farbe, also Orange, vorherrschen, und wenn die Sonne in der Nähe des Horizonts steht, also die Strahlen auf ihrem Weg sehr viele Nebelbläschen zu durchdringen haben, wird die Orangefarbe ein bedeutendes Übergewicht erhalten und die Erscheinung der A. hervorrufen. Ganz dasselbe Phänomen beobachtet man bekanntlich auch als Morgenröte, und wenn sich die Sonne nach und nach über den Horizont hebt, wird die rötliche Färbung immer schwächer, bis sie schließlich in die weiße Farbe übergeht. Wenn bei schönem blauen Himmel sich die A. als ein sanftes Purpurn zeigt und wenige Federwolken am Horizont rot gefärbt erscheinen, pflegt schönes Wetter zu folgen; eine weißlich-gelbe oder sehr rote trübe A. bei größtenteils bedecktem Himmel wird ebenso wie ein starkes Morgenrot bei bedecktem Himmel als Vorbote von Regen angesehen. In den letzten Monaten von 1883 und in den ersten Monaten von 1884 wurden ungewöhnlich lebhafte Morgen- und Abendröten beobachtet, welche man mit vulkanischen Ausbrüchen, besonders mit denen in der Sundastraße 27. Aug. 1883, in Verbindung gebracht hat.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Rudolf Clausius: Ueber die blaue Farbe des Himmels und die Morgen- und Abendröthe