MKL1888:Aspasĭa

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Meyers Konversations-Lexikon
4. Auflage
Seite mit dem Stichwort „Aspasĭa“ in Meyers Konversations-Lexikon
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Band 1 (1885), Seite 945
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Aspasĭa. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1885–1890, Band 1, Seite 945. Digitale Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/wiki/MKL1888:Aspas%C4%ADa (Version vom 04.11.2021)

[945] Aspasĭa, die gefeiertste Hetäre des Altertums, Tochter des Axiochos, in Milet, der Hochschule für Hetärenkünste, geboren, nahm sich eine Hetäre, Thargelia, die sich zu fürstlichem Rang emporgeschwungen hatte, zum Vorbild. Sie war keine gewöhnliche Buhlerin, vielmehr wollte sie durch Schönheit und Bildung glänzen, die bedeutendsten Männer an sich ziehen und hierdurch Einfluß und Macht gewinnen. Da sie reichbegabt, voll Sinn für das Schöne und fein gebildet war, so glückte ihr dies um so mehr, als in Athen das Gebot der strengen Sitte die verheirateten Frauen vom freien Verkehr mit den Männern ausschloß und ihnen die Möglichkeit, eine höhere Bildung zu erlangen, abschnitt. Als daher A. nach Athen kam, entzückte sie alle Männer durch ihre anmutige, geistreiche Unterhaltung; selbst Männer wie Sokrates suchten sie auf, um ihrer Rede zuzuhören. Eine bedeutendere Stellung erlangte sie durch die Bekanntschaft mit Perikles, welcher sich von seiner Gattin getrennt hatte und nun mit A. eine dauernde Lebensgemeinschaft einging, welche durch innige Liebe geheiligt war; die förmliche Heirat erfolgte nur deshalb nicht, weil A. eine Ausländerin war. Sie schuf ihm ein glückliches Hauswesen und erheiterte und schmückte durch ihren Geist und ihre Liebenswürdigkeit seine wenigen Mußestunden. Lange wagte die Spottlust der Athener nicht, dies edle Verhältnis anzutasten. Erst spät wurde A. von den Komikern als die Hera des olympischen Zeus, als die neue Omphale oder Deianeira, die den Herakles gebändigt, verspottet. Als vor dem Peloponnesischen Krieg die Feinde des Perikles ihn durch Angriffe kränkten, erhob auch ein komischer Dichter, Hermippos, gegen A. die Klage der Gottlosigkeit und der Verkuppelung freigeborner Frauen an Perikles. Dieser trat selbst als ihr Verteidiger auf und erlangte von den Richtern, die er unter Thränen beschwor, ihre Freisprechung. Nach Perikles’ Tod vermählte sie sich mit Lysikles, einem reichen Viehhändler, der durch sie ein vortrefflicher Redner wurde, aber bald auf einem Feldzug in Karien umkam. Eine Büste mit Aspasias Namen befindet sich im Museo Pio Clementino des Vatikans zu Rom. Vgl. Becq de Fouquières, Aspasie de Milet (Par. 1872); Filleul, Siècle de Péricles (das. 1872), und Ad. Schmidt, Das Perikleische Zeitalter (Jena 1877). R. Hamerling hat A. zur Heldin eines Romans gemacht. – Eine jüngere A., ihrer blühenden Gesichtsfarbe wegen ursprünglich Milto („die Geschminkte“) genannt, war die Tochter des Hermotimos aus Phokäa in Ionien, wurde in strenger Sitte erzogen, aber ihrer Schönheit wegen in den Harem des jüngern Kyros entführt, der sie bald allen seinen andern Frauen vorzog und ihr den Namen A. gab. Nach Kyros’ Tod in der Schlacht bei Kunaxa, 401 v. Chr., kam sie in den Harem des Perserkönigs Artaxerxes, wo sie bald große Auszeichnung fand. Später bat sich des Königs Sohn Dareios vom Vater die A. aus; als dieser sie aber zurückforderte und zur Priesterin machte, empörte sich der Sohn gegen den Vater, wobei er umkam.