MKL1888:Atlantis

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Meyers Konversations-Lexikon
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Atlantis. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1888–1889, Bd. 2, S. 1. Digitale Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=MKL1888:Atlantis&oldid=- (Version vom 12.05.2016)

Atlantis, ein fabelhafter Inselkontinent, welcher früher einen großen Raumteil des jetzigen Atlantischen Ozeans eingenommen haben soll. Die einzige Nachricht darüber finden wir bei Platon (im „Timäos“ und „Kritias“), der sich auf Solon und die Jahrbücher der ägyptischen Priester beruft. Nach Platons Erzählung soll die Insel nicht weit von den Säulen des Herkules gelegen haben; sie war größer als Asien und Libyen zusammengenommen, von Königen beherrscht, die mit Ägypten und Griechenland Kriege führten, und soll schließlich in einem Tag und einer Nacht versunken sein. Über die politische Verfassung und die Reichtümer der atlantischen Länder gibt Platon ziemlich ausführliche Berichte. Aber kein einziger der mehr realistischen ältern Schriftsteller hat uns eine andre ursprüngliche Nachricht darüber hinterlassen, und von Strabon und Plinius wird die Wahrheit der Erzählung Platons bereits bezweifelt. Spekulationen der neuern Zeit, welche die Platonische A. mit dem Midgard (s. d.) der nordischen Mythologie in Zusammenhang bringen (Rudbeck) oder jenes mächtige Reich im Norden von Asien suchen (Bailly), verdienen nur insofern Erwähnung, als wir darin vielleicht interessante Wiederholungen des Platonischen Gedankengangs finden können. So viel ist sicher, daß schon in sehr früher Zeit die Mythen vom Atlas, nach welchem die Insel benannt ist, vorzüglich an Vorstellungen über Völker und Länder im äußersten Westen anknüpften, und die Vorstellung, daß nach jener Richtung trotz des schroffen Abschlusses an den Säulen des Herkules die Welt wohl nicht zu Ende sei, konnte leicht in denkenden Köpfen entstehen. Später mag die übertriebene Kunde von irgend einem Naturereignis mit jenen Spekulationen in Verbindung getreten sein, und Platon faßte diese Sage auf, um sie für seine ethischen und politischen Ideen zu verwerten. In derselben Weise hat seine Erzählung neuern Philosophen Dienste geleistet, wenn es galt, spekulativen Gedanken, deren Ursprung und Begründung eigentlich aus anderm Gebiet zu suchen ist, einen realistischen Hintergrund zu geben. In neuerer Zeit ist die Hypothese von der A. zur Erklärung paläontologischer Verhältnisse benutzt worden. Die große Anzahl von amerikanischen Pflanzentypen in der Miocänflora der Schweiz veranlaßte Unger zur Aufstellung der Ansicht, daß der jetzige Atlantische Ozean früher festes Land gewesen sei, über welches hin die miocänen Pflanzen sich verbreitet haben. Heer hat diese Hypothese erweitert. Der ideale Umriß der A., den er in seiner „Flora tertiaria Helvetiae“ gibt, stellt einen Kontinent dar so breit wie Europa gerade in dem Teil des Atlantischen Ozeans, welcher jetzt der weiteste und tiefste ist. Soll derselbe nun, wie die Hypothese fordert, bis ans Ende der Miocänperiode existiert haben, so muß er in verhältnismäßig kurzer Zeit außerordentlich schnell versunken sein. Dies spricht aber offenbar gegen die Hypothese, und außerdem haben Asa Grey und Oliver zu zeigen gesucht, daß die betreffenden Pflanzen viel wahrscheinlicher auf dem viermal längern Weg quer durch Amerika und ganz Asien nach Europa gelangt seien. Sehr allgemein hat man die Sage von der A., wie schon Bircherod in seiner Abhandlung „De orbe novo non novo“ (Altdorf 1685), in der Weise zu erklären versucht, daß man annahm, phönikische oder karthagische Handelsschiffe seien, durch Stürme und Strömungen verschlagen, an die amerikanische Küste gelangt und glücklich heimgekehrt. Über den Versuch, die A. zur Erklärung der Eiszeit zu benutzen, s. d. Vgl. Rudbeck, Atlantica sive Mannheim, vera Japheti posterorum sedes ac patria (Ups. 1675–78, 3 Bde.); Bailly, Lettres sur l’Atlantide de Platon (Par. 1779); v. Hoff, Geschichte der durch Überlieferung nachgewiesenen natürlichen Veränderungen der Erdoberfläche, Bd. 1 (Gotha 1822); Th. H. Martin, Études sur le Timée de Platon, Bd. 1 (Par. 1841); Heer, Urwelt der Schweiz (2. Aufl., Zür. 1879).