MKL1888:Bernstein

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Meyers Konversations-Lexikon
4. Auflage
Seite mit dem Stichwort „Bernstein“ in Meyers Konversations-Lexikon
Band 2 (1885), Seite 784787
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Bernstein. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1885–1890, Band 2, Seite 784–787. Digitale Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/wiki/MKL1888:Bernstein (Version vom 13.04.2022)

[784] Bernstein („Brennstein“, v. niederdeutsch. bernen, d. h. brennen; auch Agtstein, Succinit, gelbe Ambra, gelbes Erdharz, lat. Succinum, Electrum), Mineral aus der Ordnung der Harze, findet sich in rundlichen, stumpfeckigen, knollen- und plattenförmigen Stücken eingewachsen, eingesprengt, auch in getropften und geflossenen Gestalten ganz wie Baumharz, ist wachs- bis honiggelb, gelblichweiß bis braun, in Sizilien auch bläulich, smaragdgrün, violett, bisweilen geflammt, gestreift, fettglänzend, durchsichtig bis undurchsichtig, vom spez. Gewicht 1,0–1,1 und der Härte 2,0–2,5, entwickelt beim Reiben Geruch und wird elektrisch, beim Erhitzen in Öl weich und biegsam, ist unlöslich in Wasser, gibt an kochenden Alkohol, Äther und ätherische Öle nur wenig ab, löst sich in Benzol, Chloroform und in Alkohol, welcher sehr wenig Kampfer enthält, hat die prozentische Zusammensetzung des Kampfers (C10H16O) mit einem geringen Schwefelgehalt und besteht zu 9/10 aus dem in gewöhnlichen Lösungsmitteln unlöslichen Bernsteinbitumen, Succinin, enthält außerdem in Alkohol lösliches Harz, ätherisches Öl und Bernsteinsäure. Der B. schmilzt bei 280°, brennt mit rußender Flamme, entwickelt, auf glühende Kohlen geworfen, angenehm aromatisch, eigentümlich stechend riechende Dämpfe, gibt bei trockner Destillation Bernsteinsäure, Bernsteinöl und Wasser, als Rückstand in Terpentinöl und fetten Ölen lösliches Bernsteinkolophonium, welches bei stärkerer Hitze dickflüssige, braune Brenzöle und Bernsteinkampfer liefert. Mit Salpetersäure liefert B. viel Bernsteinsäure und etwas Kampfer, mit rauchender Salpetersäure moschusartig riechendes Harz, mit Kalihydrat Borneokampfer.

B. findet sich in der Kreide- und Tertiärformation, auf sekundärer Lagerstätte auch im Diluvium und Alluvium. Er kommt vor im Schieferthon und Kohlensandstein, im plastischen und im bituminösen schieferigen Thon, im Cerithienkalk, im Sandstein, Gips und in der sogen. Glaukonitformation des Samlandes, in den Lehm- und Sandschichten des Tieflandes, im Meeressand der Ostsee etc. Die Hauptfundorte sind die Nordküste Preußens von Stralsund bis Memel, besonders die Frische Nehrung und die Küstenstrecke von Pillau bis Brüsterort, die Westküste von Dänemark und Schleswig-Holstein und die Küste des Nördlichen Eismeers. Außerdem fand man B. in Sibirien, auf Unalaschka, Kadjak, Kamtschatka und Kanin, bei Helsingfors, in Portugal, Spanien, Frankreich, in den Niederlanden, sehr schön feurigen und mit kräftigen Farbentönen an der östlichen Küste Siziliens, ferner an der Nordküste Afrikas, in Dalmatien, Ungarn, Siebenbürgen, Rumänien, Tirol, Österreich, Galizien, Mähren, Böhmen, sehr verbreitet in Schlesien, in Polen, Livland, Kurland und in der Ukraine, in Brandenburg, Hannover, Sachsen, Altenburg, Mecklenburg, Schweden, England und Australien; die ostindischen, afrikanischen und brasilischen Funde beziehen sich nicht auf echten B., sondern auf ähnliche fossile Harze, welche sich beim Anzünden leicht vom B. unterscheiden lassen. Bei weitem der meiste B. wird von der Nord- und Ostsee ausgeworfen. An der preußischen Küste lösen die heftigen Nordweststürme den B. von dem Meeresboden los und treiben ihn, in Seetang eingewickelt, mit den Wellen dem Lande zu. In der Gegend von Palmnicken und Nodems im Samland wurden in einer Herbstnacht des Jahrs 1862: 2000 kg B. gewonnen. Viel B. wird im Samland gegraben. Die 47–63 m hohen Strandberge des Samlandes zeigen drei verschiedene Schichtensysteme. Auf einem durch viele Grünerdekörnchen (Glaukonit) grünlichgrau gefärbten Sand ruht eine Braunkohlenbildung mit lichtern Sanden und grauen Thonen und auf dieser diluvialer Mergel und Sand mit nordischen Geschieben. Alle drei Schichtengruppen enthalten B., aber nur der untere grüne Sand führt ihn in reichlicher Menge und zwar in einer dunkel gefärbten thonig-sandigen Lage von 1,25–6 m Mächtigkeit, der sogen. blauen Erde, in Gesellschaft von Holzresten, Haifisch- und Saurierzähnen, Seekrabbenresten, Muscheln, Seeigeln etc. Diese blaue Erde zieht sich am ganzen Nordstrand des Samlandes von Brüsterort bis Rantau fort und ist auch in Kranz nachgewiesen worden. Gegen S. senkt sie sich derart ein, daß sie bei Kraxtepellen schon 12,5 m unter See liegt. Da sie nun am Strand im allgemeinen nahe unter dem Meeresspiegel bekannt geworden ist und beinahe horizontal liegt, so muß sie, weil der Meeresgrund sich einsenkt, nicht fern vom Land aus dem Grund hervortreten, und dadurch erklärt sich der Bernsteinauswurf der See, welche an der blauen Erde nagt und den losgespülten B. forttreibt. Auch in frühern Erdperioden hat das Meer diese Lagerstätten abgetragen; daher findet sich der B. z. B. in der Tuchelschen Heide in diluvialen Sandablagerungen mit Seetangresten, abgerollten Holzstücken und Steinen. Überhaupt gibt es in West- und Ostpreußen, Hinterpommern und Posen Forstreviere, wo jährlich nicht unbedeutende Quantitäten B. aus dem Diluvium gegraben werden. Würde der heutige Bernsteinauswurf nicht von Menschen aufgelesen, so würden sich jetzt noch ganz dieselben strich- und nesterweisen Bernsteinablagerungen im Seesand bilden, wie sie sich an den genannten Orten, in der Mark, in Schlesien, bis ins Riesengebirge bei 424 m Seehöhe finden.

Schon früh hat man den B. als das fossile Harz von Nadelbäumen erkannt, und durch die zahlreichen, gut erhaltenen Einschlüsse hat man ein ziemlich deutliches Bild von dem einstigen Bernsteinwald erhalten. Die eigentlichen Bernsteinbäume waren der unsrer Rottanne ähnliche Pinites succinifer, die mehr den Abiesarten entsprechenden Pinus eximius, Mengeanus und radiosus, der unserm P. strobus ähnliche und am häufigsten vorkommende P. strobianus und der unsrer Kiefer nur entfernt gleichende P. anomalus. Der häufigste Baum des Bernsteinwaldes scheint eine Thuja gewesen zu sein, die mit unserm heutigen Lebensbaum völlig übereinstimmt. Außerdem enthielt der Wald viele Laubbäume, Pilze, Flechten, Moose, ein Farnkraut, die Heidelbeere, viele Heidekräuter etc. Die Bernsteinbäume können in ihrem Harzreichtum mit der neuseeländischen Dammara australis verglichen werden, deren Zweige und Äste von weißen Harztropfen so starren, daß sie wie mit Eiszapfen bedeckt erscheinen. Das Bernsteinharz wurde teils an den Wurzeln der Bernsteinbäume ausgeschieden oder angesammelt, teils tropfte es von den Zweigen und [785] fiel auch wohl auf am Boden liegende Blätter, deren Form es im Abdruck erhalten hat. Auch die Bernsteinfauna ist in sehr zahlreichen Einschlüssen erhalten, weist Krustentiere, Tausendfüße, Spinnen, Insekten, eine Landschnecke, eine Vogelfeder und einen Büschel Fledermaushaare auf. Fische und Amphibien fehlen gänzlich. Sämtliche Bernsteintiere sind Landtiere, aber ein einziges Bruchstück eines Seekrebses deutet doch auf die Nähe des Meers und die vielen Neuropteren auf den Wasserreichtum des Bernsteinwaldes. Über das Schicksal dieses Waldes wissen wir nichts; es läßt sich die Existenz von 100 Mill. Ztr. B. berechnen, aber nirgends sind entsprechende Holz- oder Kohlenmassen zu finden, denn die Braunkohlenablagerungen des Samlandes stehen in gar keiner Verbindung mit dem Bernsteinwald.

Gewinnung. Handelssorten. Verarbeitung.

Man gewinnt den B. durch Auflesen des von der See ausgeworfenen und geht auch bis 100 Schritt ins Wasser, um ihn mit großen Netzen, welche an langen Stangen befestigt sind, zu „schöpfen“. Der herantreibende Tang, welcher den B. eingeschlossen enthält (Bernsteinkraut), wird mit den Netzen in der Mitte der überkippenden Welle aufgefangen, an den Strand geworfen und ausgesucht. Nächst dieser ältesten, schon von Tacitus beschriebenen Art der Bernsteingewinnung ist das Bernsteinstechen im Gebrauch. Man wendet es an, wo große Steine in der Nähe des Strandes liegen, zwischen denen der B. niederfällt; 4–5 Mann fahren bei klarer See in einem Boot hinaus, und während einer mit einem Speer den B. zu lösen oder mit einem Haken den Stein zu wenden sucht, fängt ihn ein andrer mit einem Käscher auf. Bei Brüsterort, wo in 5–9 m Tiefe eine reiche Bernsteinablagerung vorhanden ist, hebt man die Steinblöcke mit Zangen und Flaschenzügen auf ein Floß und bewegt ein Netz mit scharfem Rand kratzend (schrapend) auf dem Grund hin und her. Großartigere Resultate erzielt man im Kurischen Haff durch Baggerei, welche an der gefährlichen Küste bei Brüsterort nicht anwendbar ist. Die Firma Becker u. Stantien in Memel unternahm bei Schwarzort auf der Kurischen Nehrung diese Gewinnungsart mit 9 Dampfbaggern und 3 Handbaggern und gewann in einem Jahr 36,500 kg B. im Wert von etwa 540,000 Mk. Unter diesem gebaggerten B. findet man viele Kunstprodukte von der Art wie in den altpreußischen Grabstätten, den Hünengräbern. Seit etwa 200 Jahren wird endlich auch B. auf dem festen Lande durch Graben gewonnen, und diese Methode ist ergiebig geworden, seitdem man die blaue Erde als die eigentliche Lagerstätte des Bernsteins erkannt hat. Der Kubikfuß der blauen Erde enthält durchschnittlich 40 g B. Die Strandberge werden in der ganzen Höhe abgestochen, und während sich eine Arbeiterreihe mit Spaten rückwärts bewegt, sammeln die ihnen gegenüberstehenden Aufseher den bloßgelegten B. Versuche, den B. unterirdisch durch Bergbau zu gewinnen, sind schon zweimal gescheitert, indem der sandige, lockere Boden zu große Schwierigkeiten bot und man in den Braunkohlensanden, nicht in der blauen Erde arbeitete. Gegenwärtig, wo man durch den norddeutschen Braunkohlenbergbau lockere, lose Gebirgsmassen zu überwinden gelernt hat, erwartet man von dieser Methode sehr günstige Resultate. Die ganze Produktion des Bernsteins in Preußen beträgt jährlich ca. 100,000 kg, wovon auf die Baggereien im Kurischen Haff 36,500, auf die Gräbereien im Samland 22,500, auf die Gräbereien im Binnenland 3–5000, endlich auf den Seeauswurf 36–38,000 kg kommen. Der Seeauswurf ist in den letzten 300 Jahren ziemlich gleichgeblieben. 50–60 Proz. des gewonnenen Bernsteins sind nur zu chemischen Präparaten und Räucherzwecken verwendbar.

Man unterscheidet den B. im Handel nach Farbe, Reinheit, Größe und Form der Stücke, und um dies zu können, entfernt man zunächst die in der Regel vorhandene chagrinartig genarbte Verwitterungsschicht durch die Feile. Stücke über 1/2 kg Gewicht kommen nur selten vor, das größte Stück B. findet sich im königlichen Mineralienkabinett in Berlin, es wiegt 6750 g und hat einen Wert von 30,000 Mk. Stücke über 75 g haben bei guter Farbe und nicht zu ungünstiger Form Silberwert, sie dienen zu Schälchen, Bechern, Nippsachen, flache Stücke (Fliesen) zu Broschen etc. Der sizilische B. wird in Catania zu Kreuzen, Rosenkränzen, Heiligenbildern verarbeitet. Nach der Farbe unterscheidet man den kreideweißen oder lichtgelben Knochen, der reich an Bernsteinsäure ist, und dem besondere heilkräftige Wirkungen zugeschrieben wurden; durchscheinende, wolkige (flohmige) Varietäten und den ganz klaren Gelbblank und Rotblank; am geschätztesten ist der halbdurchsichtige bis durchscheinende Bastart, Bastardstein, von licht grünlichgelber Kumst- oder Weißkohlfarbe.

Man bearbeitet den B. auf der Drehbank, durch Schnitzen, Raspeln oder Feilen, auch mit der Laubsäge und poliert ihn mit Bimsstein, Kreide und Wasser und durch Reiben mit dem Daumen oder überzieht Stellen, die nicht poliert werden können, mit Bernsteinfirnis. Durch Erhitzen in Öl kann man B. vorübergehend so weich machen, daß er sich etwas biegen und in Formen pressen läßt (gegossener B., Braunschweiger Korallen); milchiger B. wird dabei durchsichtig. Der Hauptplatz für den Bernsteinhandel und seine erste Verarbeitung ist seit langer Zeit Danzig, in zweiter Stelle Memel und Königsberg; auch Stolp in Hinterpommern, Lübeck, Breslau verarbeiten viel B.; die großen Stücke gehen aber meist roh ins Ausland und werden in Konstantinopel, Wien und Paris zu den schönsten Schmuckwaren, im Orient zu Pfeifenmundstücken und Bernsteinkorallen als Pferdeschmuck verarbeitet. Bedeutend mehr Korallen werden aber seit alter Zeit anstatt des Geldes zu den Negervölkern Afrikas, den Eingebornen der Südseeinseln und Ostasiens gebracht. Als Surrogate und Verfälschungen des Bernsteins kommen Glas, Kopal und Fabrikate aus Bernsteinabfällen vor, welch letztere man mit Hilfe von Schwefelkohlenstoff oder Äther in eine plastische Masse verwandelt oder mit einem Bindemittel unter hydraulischem Druck in Formen preßt (Ambroid). Die Entdeckung von Fälschungen ist bisweilen recht schwierig, am wichtigsten ist die Beachtung des spezifischen Gewichts, der Härte und der Löslichkeitsverhältnisse. Bernsteinabfälle dienen zur Bereitung von Bernsteinsäure, Bernsteinöl und Bernsteinfirnis. Geschmolzener B. gibt mit 11/2 Teil Schwefelkohlenstoff einen ausgezeichneten Schnellkitt.

Geschichtliches.

Der B. stand bei den Alten in sehr hohem Ansehen. Schon lange vor Homers Zeiten erzählten die phönikischen Bernsteinhändler, daß im Nordwesten der Hesiodischen Erdscheibe sich in den Okeanos von den hohen Rhipäen (Alpen) der Eridanus ergieße, an dessen Ausfluß gewisse Bäume von der Hitze der vorbeischiffenden Sonne B., genannt Elektron oder Sonnenstein, ausschwitzten. Homer spricht in der „Odyssee“ von einem Halsband: „golden, besetzt mit Elektron, der strahlenden Sonne vergleichbar“. Die [786] Königsburg des Menelaos glänzte von Gold, Elektron, Silber und Elfenbein. Herodot teilt zuerst die Mythe vom Phaëthon mit, welche später Ovid in den „Metamorphosen“ poetisch verarbeitet hat. Thales kannte die anziehende Kraft des geriebenen Bernsteins und vergleicht dieselbe mit der des Magnets. Tacitus wußte, daß die Ästyer (Esthen), welche auf der rechten Küste des Suevischen Meers wohnen, den B., den sie selbst Glesum nennen, als Auswurf des Meers sammeln und an die Römer verhandeln; er spricht von den Einschlüssen und hegt keinen Zweifel, daß B. erhärteter Baumsaft sei. Diodor, Strabon und Plinius haben alles zusammengestellt, was über den B. damals bekannt war; nach Plinius soll man ihn Succinum genannt haben, um anzuzeigen, daß er aus dem Saft (succus) der Bäume entstanden sei, und Plinius selbst leitet ihn von einer Pinie ab. Schon Pytheas hatte zur Zeit Alexanders d. Gr. eine Entdeckungsreise unternommen, um die Heimat des Zinnes, des Bernsteins und köstlicher Felle zu erkunden; er erzählt, daß der B. auf der Insel Abalus im Ozean, gegenüber dem germanischen Volk der Guttonen, von den Wellen angetrieben werde, aber er ist schwerlich über die Weser oder Elbe hinausgekommen, und so kann Abalus nicht auf das Samland bezogen werden. Plinius spricht bestimmter und verlegt die Bernsteininseln, Glessarien oder Elektriden, ins Germanische Meer, gegenüber Britannien, so daß mit Sicherheit angenommen werden kann, daß die Alten B. aus der Nordsee erhalten haben. Die erste sichere Andeutung der samländischen Küste gibt Dionysios von Halikarnaß, und wenn Plinius erzählt, daß die Germanen den B. hauptsächlich nach Pannonien gebracht haben, von wo er durch die Veneter rings am Adriatischen Meer verbreitet wurde (daher die Fabel vom Ursprung des Bernsteins aus dem Po), so kann auch hierin wohl eine Hinweisung auf die Ostseeküste gesehen werden. Daß Überlandhandel mit B. schon in der vorrömischen Zeit stattgefunden habe, scheinen die Massenfunde bei Giebichenstein bei Halle a. S. zu beweisen. Verarbeiteten B. findet man in den Nekropolen Norditaliens, in den großen Gräberfeldern von Hallstatt und in süddeutschen Hügelgräbern. Epochemachend für den Bernsteinhandel war die Entsendung eines römischen Ritters durch Kaiser Nero. Wahrscheinlich wurde durch diese Expedition die bernsteinreiche Küste des ostpreußischen Samlandes dem römischen Handel erschlossen, der vorher auf den Zwischenhandel, namentlich der im nördlichen Elbgebiete wohnenden Teutonen, angewiesen war. Durch diese in der Folge sehr lebhaften Handelsbeziehungen erklärt sich der große Reichtum der Provinz Preußen an römischen Fabrikaten. Der B. war bei den Römern als Schmuckstein ungemein beliebt, auch schrieb man ihm Heilkräfte zu, und die Dichter, besonders Martial, sind seines Lobes voll. Auch in der merowingischen Zeit noch war der B. als Schmuck sehr beliebt, wie dies zahlreiche in Gräbern dieser Zeit gefundene Perlen bezeugen. Mit dem immer mehr hervortretenden Übergewicht des Orients am Ende des ersten Jahrtausends unsrer Zeitrechnung bahnten sich auch Verbindungen für den Bernsteinhandel nach dem Orient an. Zeugen dafür sind die zahlreichen Funde an orientalischen (kufischen) Silbermünzen und Schmuckgegenständen, meistens aus dem 10. und 11. Jahrh. stammend. Gegenüber der Klarheit der Alten bezüglich der wahren Natur des Bernsteins herrschte in der neuern Zeit viel Verwirrung. Agricola verwarf die Ansicht von der vegetabilischen Abstammung des Bernsteins vollständig, und Linné mußte dieselbe noch verteidigen. Erst zu Ende des vorigen Jahrhunderts wurden die natürlichen und geologischen Verhältnisse des Bernsteins genauer erkannt, und durch die bis in die neueste Zeit reichenden Bemühungen von Schweigger, Aycke, Berendt, Göppert, Menge, Zaddach, Heer, Runge u. a. haben wir jetzt eine sehr vollständige Kenntnis derselben erlangt.

In den ältesten Zeiten war das Auflesen des ausgeworfenen Bernsteins jedermann erlaubt, erst die Bischöfe erkannten in dem „Börnstein“, lapis ardens, eine sehr ergiebige Einnahmequelle und ein geeignetes Steuerobjekt (die älteste Urkunde datiert von 1264). Die Deutschen Ritter beuteten das Bernsteinregal in größtem Maßstab aus und gestatteten niemand, gefundenen B. zu behalten oder auf eigne Rechnung zu vertreiben. Die erste Bernsteindreherinnung bildete sich 1534 in Stolp. Unter den Markgrafen und Kurfürsten wurden besondere Bernsteingerichte gegen Unterschlagungen eingesetzt, und alle Strandbewohner mußten den Bernsteineid schwören. Sie erhielten als Entschädigung für die anstrengende und gefährliche Arbeit des Schöpfens nur das gleiche Maß Salz, dessen sie bei dem Fischereigewerbe bedurften. Diese unnatürlichen Verhältnisse führten bald zur Verpachtung der Bernsteinnutzung an Danziger Kaufleute, welche alsbald die glänzendsten Resultate erzielten, den Handel bis Persien und Indien ausdehnten und in vielen Städten Faktoreien einrichteten. Dies verlockte aber die Regierung, die Sache wieder selbst in die Hand zu nehmen, und noch oft wechselten seitdem Verpachtung und Selbstverwaltung miteinander ab. Erst zu Ende des vorigen Jahrhunderts wurde der Bernsteineid abgeschafft, und Friedrich Wilhelm III. überließ 1837 die ganze Bernsteinnutzung von Danzig bis Memel gegen eine Pauschalsumme von 30,000 Mk. den Adjazenten und Strandgemeinden; erst seit 1866 wurde die Gräberei in den Strandbergen, welche etwa seit 200 Jahren betrieben wird, wieder besonders verpachtet. Gegenwärtig ist der B. in ganz Ostpreußen und am westpreußischen Strand, mit Ausnahme des Stadtgebiets Danzig, vorbehaltenes Eigentum des Staats. Für die Strandstrecke von Danzig bis Memel bezieht derselbe die oben genannte Pachtsumme, er verpachtet die Bernsteingräbereien in den Strandbergen auf eignen und Privatgrundstücken und die Baggerei im Kurischen Haff. Jeder Grundbesitzer in Ostpreußen muß den auf seinem Grundstück gefundenen B. gegen gesetzlichen Finderlohn (1/10 des Wertes) abliefern, wenn er sich nicht ebenfalls durch Zahlung einer Pacht von dieser gesetzlichen Verpflichtung befreit. Eine bedeutende Einnahme des Staats aus diesem Regal steht aber den mannigfachen Beschränkungen, welche die Regalverwaltung mit sich bringt, nicht gegenüber; der größte Teil des Gewinnes fällt den Besitzern günstig gelegener Strande oder den Bernsteinhändlern zu. Die vier Stellen Schwarzort, Brüsterort, Sassau und Warnicken liefern eine Pachtsumme von 260,000 Mk. Vgl. Hartmann, Succini prussici historia (Frankf. 1677); Berendt und Göppert, Der B. und die in ihm vorkommenden Überreste der Vorwelt (Berl. 1845); Runge, Der B. in Ostpreußen (das. 1868); Derselbe, Die Bernsteingräbereien im Samland (das. 1869); Göppert und Menge, Flora des Bernsteins (Leipz. 1883 ff.); Klebs, Gewinnung und Verarbeitung des Bernsteins (Königsb. 1883); Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde (Berl. 1871); Waldmann, Der B. im Altertum (das. 1883).

[787] [Hier steht in der Vorlage das Stichwort Bernstein, schwarzer.]

Bernstein, Stadt im preuß. Regierungsbezirk Frankfurt, Kreis Soldin, am Großen Pulssee, der vortreffliche Edelmaränen enthält, 10 km vom Bahnhof Berlinchen, mit evangelischer Pfarrkirche, besuchten Pferde- und Rindviehmärkten und (1880) 2247 Einw. Das ehemalige Cistercienser-Nonnenkloster wurde 1290 gegründet und zur Zeit der Reformation aufgehoben.

Bernstein, 1) Georg Heinrich, Orientalist, geb. 12. Jan. 1787 zu Kospeda unweit Jena, studierte seit 1806 in Jena Theologie und die semitischen Sprachen und habilitierte sich daselbst 1811 als Privatdozent. 1812 als außerordentlicher Professor der orientalischen Litteratur nach Berlin berufen, machte er von hier als Rittmeister die Feldzüge von 1813 und 1814 mit und unternahm später eine wissenschaftliche Reise nach England und Holland, auf der er in London mit Bopp auch Sanskrit studierte. Nach seiner Rückkehr (1819) wurde er 1821 zum ordentlichen Professor der orientalischen Sprachen an der Universität Breslau ernannt, begab sich 1836 abermals nach Oxford, 1842 nach Italien, um seine Exzerpte und Abschriften morgenländischer Handschriften zu vervollständigen, und starb 5. April 1860 in Lauban. Außer Abhandlungen in Journalen veröffentlichte er ein arabisches Gedicht des Szafieddin von Hilla (zuerst Leipz. 1816), einen andern arabischen Schriftsteller, „De initiis et originibus religionum in oriente dispersarum“ (Berl. 1816), einen Teil des „Hitopadeça“ (Bresl. 1823), die 3. Ausgabe von Michaelis’ „Arabischer Grammatik und Chrestomathie“ (Götting. 1817), welcher Nachträge zur Chrestomathie (Bd. 1, das. 1817) folgten, namentlich aber den Anfang eines großen syrischen Wörterbuchs (1. Heft, Berl. 1852) und andre Beiträge zur syrischen Litteratur: „Über die charklensische Übersetzung des Neuen Testaments“ (2. Aufl., Bresl. 1854), über Bar-Bahlul (das. 1842) und Bar-Hebräus (Leipz. 1822 u. Berl. 1847), ein vortreffliches Lexikon zu Kirsch’ „Chrestomathia syriaca“, welche er neu bearbeitete (Leipz. 1832–36, 2 Bde.) und „Gregorii Bar-Hebraei scholia in librum Jobi“ (Bresl. 1858).

2) Aaron, Publizist und Volksschriftsteller, geb. 1812 zu Danzig, jüdischer Abkunft, wurde für den Rabbinerstand bestimmt und in Talmud und Bibel unterrichtet, bis er in Berlin sich eifrigen Studien, auch auf naturwissenschaftlichem Gebiet, hingab. Sein Erstlingswerk war eine Übersetzung und Bearbeitung des Hohenliedes (Berl. 1834), die er unter dem Namen A. Rebenstein herausgab. Ihr folgten: „Plan zu einer neuen Grundlage für die Philosophie der Geschichte“ (Berl. 1838); „Novellen und Lebensbilder“ (das. 1840); eine Abhandlung über die „Rotation der Planeten“ und das gegen Bülow-Cummerow gerichtete politisch-statistische anonyme Schriftchen „Zahlen frappieren“ (das. 1843). An den religiösen Reformbewegungen seit 1845 nahm B. im Interesse einer Reform des Judentums regen Anteil. Im März 1849 gründete er zu Berlin die demokratische „Urwählerzeitung“, die alsbald ungemeine Verbreitung fand, aber dem Herausgeber verschiedene Preßprozesse und Gefängnisstrafen zuzog und schließlich unterdrückt wurde. Seit 1853 erschien das Blatt als „Volkszeitung“ im Verlag von Franz Duncker weiter und gehörte lange zu den verbreitetsten politischen Zeitungen Deutschlands. B. schrieb in demselben jahrzehntelang die täglichen Leitartikel und veröffentlichte außerdem eine Reihe populär-naturwissenschaftlicher Abhandlungen, die ihn als einen Meister in gemeinverständlicher Erörterung wissenschaftlicher Fragen beurkunden und großen Beifall fanden. Sie erschienen gesammelt als „Naturwissenschaftliche Volksbücher“ (4. Aufl., Berl. 1880, 5 Bde.; neue Folge 1880 ff.). Auch seine politischen Aufsätze aus der neuesten preußischen Geschichte gab er besonders heraus unter dem Titel: „Revolutions- und Reaktionsgeschichte Preußens und Deutschlands von den Märztagen bis zur neuesten Zeit“ (Berl. 1883–84, 3 Bde.). Interessant sind seine realistischen, dem jüdischen Kleinleben entnommenen Novellen: „Vögele der Maggid“ (Berl. 1860; neue Bearbeitung, Leipz. 1864) und „Mendel Gibbor“ (Berl. 1860, neue Ausg. 1872). Außerdem veröffentlichte er: „Ursprung der Sagen von Abraham, Isaak und Jakob“ (Berl. 1871); „Betrachtungen über Natur- und Kulturleben“ (das. 1874, 2. Aufl. 1884) und „Natur- und Kunstbetrachtungen“ (Leipz. 1879). B. starb 12. Febr. 1884 in Berlin. – Sein ältester Sohn, Julius, geb. 8. Dez. 1839 zu Berlin, ward 1871 außerordentlicher Professor der Medizin daselbst, 1873 ordentlicher Professor der Physiologie an der Universität Halle; schrieb: „Untersuchungen über den Erregungsvorgang im Nerven- und Muskelsystem“ (Heidelb. 1871) und „Die fünf Sinne des Menschen“ (Leipz. 1875).