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MKL1888:Deutsche Sprache

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Meyers Konversations-Lexikon
4. Auflage
Seite mit dem Stichwort „Deutsche Sprache“ in Meyers Konversations-Lexikon
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Band 4 (1886), Seite 780790
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Deutsche Sprache. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1885–1890, Band 4, Seite 780–790. Digitale Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/wiki/MKL1888:Deutsche_Sprache (Version vom 15.03.2023)

[780] Deutsche Sprache. Die Bezeichnung d. S. ist in verschiedenen Bedeutungen gebraucht worden. Manche, wie Jakob Grimm in seiner „Deutschen Grammatik“, bezeichnen damit die ganze Familie, die wir besser germanische Sprachen nennen; andre sprechen wieder von deutschen Sprachen im Gegensatz zu den skandinavischen und meinen damit den auch Westgermanisch genannten Zweig der germanischen Sprachen (s. d.), begreifen also darunter außer Hoch- und Niederdeutsch auch das Holländische, Friesische und Angelsächsische (Englische). Am gewöhnlichsten bezeichnet man damit die im eigentlichen Deutschland oder vielmehr in dem Gebiet, in welchem man sich des Hochdeutschen als Litteratursprache bedient, herrschenden Sprachen und Mundarten (natürlich die Schriftsprache inbegriffen). Es ist sonach die d. S. nur ein Teil des Westgermanischen. Das Westgermanische in seiner ältesten uns vorliegenden Gestalt zerfällt in die Mundarten der Friesen, Angelsachsen, Sachsen, Franken und der oberdeutschen Stämme (Bayern und Alemannen). Durch die Auswanderung der Angelsachsen nach Britannien (5. Jahrh.) trat die Sprache derselben aus der engen Verbindung mit den übrigen Sachsen heraus und entwickelte sich selbständig weiter. Sehr nahe verwandt und in der Zeit nach der Völkerwanderung wohl nur durch geringe dialektische Abweichungen verschieden waren die Mundarten der Oberdeutschen, Franken und Sachsen. Da trat in Oberdeutschland eine Lautbewegung ein, die sogen. zweite oder hochdeutsche Lautverschiebung, wodurch (seit dem 7. Jahrh.) Hochdeutsch und Niederdeutsch geschieden wurden; der Zustand der oberdeutschen Sprache, welcher nach dieser Lautwandlung eintrat, wird Althochdeutsch genannt (über die vorangegangene erste Lautverschiebung s. Germanische Sprachen). Am meisten betroffen waren die germanischen Tenues (t, p, k), die im Inlaut (d. h. im Innern der Wörter) zu Spiranten wurden: t zu Ʒ (dasjenige z, welchem heute ß oder ss entspricht), p zu f und k zu hh oder ch. Es ward also z. B. got. wato (angelsächs. väter, engl. water) zu althochd. wazzar, neuhochd. wasser; got. slêpan (niedersächs. slapen, engl. sleep) zu althochd. slâfan, neuhochd. schlafen; altsächs. makôn (engl. make) zu althochd. machôn, neuhochd. machen. Standen dagegen die germanischen Tenues im Anlaut oder im Inlaut nach Konsonanten, resp. in Verschärfungen, so wurde t zu z (= ts), p zu pf (ph), k zu kch, doch dieses letztere nur im Alemannischen und im Bayrischen, während in den nördlichern Teilen des hochdeutschen Gebiets das ursprüngliche k bestehen blieb. So wurde got. tiuhan zu althochd. ziohan, neuhochd. ziehen; got. swarts (altsächs. swart) zu althochd. swarz, neuhochd. schwarz; altsächs. plegan zu althochd. pflegan, neuhochd. pflegen; altsächs. skeppian zu althochd. scephan, neuhochd. schöpfen; got. kaurn (sächs. korn) zu alemann. kchorn (geschrieben meist chorn), aber gemeinhochd. korn; got. vakjan zu alemann. wekchan (wecchan), gemeinhochd. wecken. Diese altoberdeutsche Wandlung des k ist noch heute in Süddeutschland in Kraft; in der Schweiz z. B. ist aus dem alten kch jetzt ein vollständiges ch geworden, man sagt dort chind, chorn etc. Außer diesen Wandlungen der germanischen Tenues im Althochdeutschen wurde besonders noch die germanische Media d verändert, welche in t überging; so wurde z. B. got. dags zu althochd. tac; altsächs. dôn zu althochd. tuon, neuhochd. thun; angelsächs. fader zu hochd. vater. Die germanischen Mediä b und g dagegen blieben als solche bestehen. Eine weitere Erscheinung, daß nämlich das germanische th überall in d übergeht, ist nicht dem Hochdeutschen allein eigen, sondern erstreckt sich auch auf das Sächsische und Fränkische. Nur das Angelsächsische (Englische) und einige friesische Dialekte haben das alte th noch ungeschwächt erhalten. Es heißt also got. thu, engl. thou, im ältesten Althochdeutschen thu, aber bald du; got. threis, engl. three, althochd. und sächs. drî, neuhochd. drei. Durch diese Lautverschiebung wurde dann das Hochdeutsche den übrigen Mundarten des westgermanischen Zweigs äußerlich so unähnlich, daß man die letztern, namentlich das Sächsische und (Nieder-) Fränkische, im Gegensatz zu Hochdeutsch unter dem Namen niederdeutsche Sprachen zusammenfaßt.

Der große fränkische Stamm zog sich von der Pfalz und den Mainländern den Rhein entlang bis in die Niederlande; daher betraf die hochdeutsche Lautverschiebung nur seine südliche Hälfte, die nördliche blieb davon gänzlich unberührt. Die südliche Hälfte, das jetzt allein so genannte Franken nebst der Pfalz und dem Rheingau, rechnet man danach ohne weiteres zum Hochdeutschen; die ältesten südfränkischen Quellen (z. B. Otfried) werden althochdeutsche genannt. Man teilt daher gewöhnlich das Althochdeutsche in den fränkischen, bayrischen und alemannisch-schwäbischen Dialekt. Nördlich an diese oberfränkische Mundart schließt sich (von Trier, Koblenz bis gegen Aachen und Düsseldorf) eine Mundart an, die ebenfalls noch vieles Hochdeutsche in sich schließt, aber doch in manchen Punkten den ursprünglichen niederdeutschen Lautstand bewahrt. Wir kennen diese Mundart, welche man die niederrheinische oder die mittelfränkische genannt hat, aus ziemlich zahlreichen, namentlich kölnischen, Quellen des 13.–15. Jahrh. Diejenigen Franken aber, welche nördlich von Düsseldorf und westlich von Aachen saßen, blieben von aller Einwirkung der hochdeutschen Lautverschiebung verschont; ihre Sprache nennt man Niederfränkisch. Das Altniederfränkische kennen wir nur aus dem Fragment einer Psalmenübersetzung des 9. Jahrh.; im 13. Jahrh. dagegen entwickelte sich unter dem Namen Mittelniederländisch eine reiche niederfränkische Litteratur, und heute ist die holländische (und vlämische) Schriftsprache daraus entstanden. Östlich an das Nieder- und Mittelfränkische grenzt nun das Sächsische. In seiner ältesten Form (Altsächsisch) kennen wir es hauptsächlich aus dem in Westfalen entstandenen „Heliand“. Vom 13. Jahrh. an wird dann die sächsische Sprache häufig in Schriftwerken gebraucht; man nennt sie in dieser Form gewöhnlich Mittelniederdeutsch. Eine so reiche poetische Litteratur allerdings [781] wie das Hochdeutsche derselben Zeit hat das Mittelniederdeutsche nicht entwickelt, doch ist es die in der Schrift der betreffenden Gegenden herrschende Sprache. Das bedeutendste hierher gehörige Gedicht ist der „Reineke Vos“ (ca. 1490), der aber auch nur Übersetzung aus dem Niederländischen ist. Noch im 16. Jahrh. wurden in niederdeutscher Sprache Bücher gedruckt, im 17. verdrängte dann die neuhochdeutsche Schriftsprache dieselbe endgültig aus der Litteratur. Die letzte niederdeutsche Bibel erschien 1621.

Die Geschichte der hochdeutschen Sprache beginnt mit dem Althochdeutschen. Man rechnet diese Periode von der Zeit der ältesten Denkmäler (8. Jahrh.) bis ungefähr in den Anfang des 12. Jahrh. Charakteristisch für das Althochdeutsche, im Vergleich zur folgenden mittelhochdeutschen Periode, sind die noch unversehrten vollen Vokale in den Flexionsendungen. So lautet z. B. das Präsens des Verbs althochd. gibu, gibis, gibit. Plur. gebamês, gebat, gebant, dagegen mittelhochd. gibe, gibest, gibet, geben, gebet, gebent; das Substantiv hano (Hahn) flektiert: Gen. hanin, Dat. hanin, Akk. hanun, Plur. hanun, hanôno, hanôm, hanun, mittelhochd. hane, hanen, hanen, hanen, Plur. hanen, hanen, hanen, hanen. Man unterscheidet, wie schon oben bemerkt, im Althochdeutschen drei Mundarten: die bayrische, alemannische und (ober-) fränkische. Die beiden erstern, welche unter sich damals noch sehr wenig verschieden waren, nennt man auch Strengalthochdeutsch. Das Althochdeutsche ist uns aus zahlreichen sprachlichen Denkmälern bekannt. Vor allem war St. Gallen ein Hauptsitz althochdeutschen Schrifttums, und zwar ist hier das Alemannische zu Hause. Doch ist die althochdeutsche Litteratur größtenteils keine Nationallitteratur, da sie meist in oft bis zur Sprachwidrigkeit treuen Übersetzungen lateinischer Schriften ins Deutsche und in Wortsammlungen besteht und Bekehrung zum Christentum oder Unterricht der Kleriker bezweckt. Die nationale Götter- und Heldendichtung in der allgemein deutschen allitterierenden (stabreimenden) Form ist bis auf wenige Fragmente untergegangen. Auch gibt die uns noch vorliegende althochdeutsche Litteratur nicht sowohl Kunde von einer eigentlichen Litteraturperiode als vielmehr nur von einer Zeit des Überganges. Erst als sich nationaldeutsches Wesen mit dem Christentum innig verschmolzen hatte, beginnt eine neue Periode der deutschen Nationallitteratur, die mittelhochdeutsche.

Der Übergang der althochdeutschen Sprache in die mittelhochdeutsche vollzieht sich durch die durchgreifende Abschwächung der auf die Stammsilbe folgenden Vokale in ein unterschiedloses e. Die Vokale der Stammsilbe bleiben hierbei im wesentlichen dieselben wie im Althochdeutschen, und dasselbe gilt von den Konsonanten. Die mittelhochdeutsche Periode der hochdeutschen Sprache rechnen wir bis zu der Zeit, wo, von dem Kanzleischreibgebrauch ausgehend, sich eine allgemeine deutsche Schriftsprache zu bilden begann. Wir können dafür ungefähr die zweite Hälfte des 15. Jahrh. ansetzen. Auch in der mittelhochdeutschen Zeit müssen wir mehrere Mundarten unterscheiden, nämlich (ganz wie in der frühern Periode) die oberdeutschen (Alemannisch, Schwäbisch, Bayrisch) und die mitteldeutschen. Die letztern entsprechen im ganzen dem Oberfränkischen der althochdeutschen Zeit; doch kommen noch die sprachlich diesem naheliegenden hessischen, thüringischen und rheinischen Dialekte hinzu, welche aus der mittelhochdeutschen Zeit uns durch zahlreiche Denkmäler bekannt sind, während hierher gehörige althochdeutsche Denkmäler mangeln; endlich das Schlesische und die Sprache des Deutschordenslandes. Die in den mitteldeutschen Dialekten vom 12. bis 15. Jahrh. geschriebenen Litteraturwerke sind sehr zahlreich; doch hat man sich erst neuerdings (ein Hauptverdienst Franz Pfeiffers) dem grammatischen Studium derselben gewidmet. Bei weitem zahlreicher aber und zugleich dem Inhalt nach wichtiger sind die in den oberdeutschen Mundarten verfaßten Dichtungen; die hervorragendsten Meisterwerke der höfischen Poesie, die Dichtungen eines Wolfram, Gottfried von Straßburg, Hartmann v. Aue, sowie die in den „Nibelungen“ und der „Gudrun“ so herrlich erblühte epische Volkspoesie gehören Oberdeutschland an. Man nimmt nun gewöhnlich an, daß eine der oberdeutschen Mundarten, die schwäbische, als Sprache der Litteratur und des Umganges in den höfischen Kreisen allgemeinere Geltung erhalten und sich demzufolge zu einer höfischen Sprache ausgebildet habe, die nach und nach auch da Eingang gefunden, wo ursprünglich eine andre Mundart herrschend war. In dieser höfischen Sprache sollen denn auch alle Hauptwerke der mittelhochdeutschen Poesie verfaßt worden sein. Gegen diese Annahme hat sich jedoch in neuerer Zeit von verschiedenen Seiten Widerspruch erhoben, und es kann dieselbe wenigstens bis jetzt noch nicht als erwiesene Wahrheit gelten.

Der wesentlichste formale Unterschied des Neuhochdeutschen und des Mittelhochdeutschen besteht darin, daß im Neuhochdeutschen eine sehr große Zahl von langen Silben vorhanden ist, die im Mittelhochdeutschen kurz waren, z. B. neuhochdeutsch: Wēg, Grāb, mittelhochdeutsch: wĕc, grăp (wie noch jetzt manche niederdeutsche Dialekte sprechen). Ein weiterer die neuhochdeutsche Sprache charakterisierender Zug ist aber der, daß, während in der alt- und mittelhochdeutschen Zeit die Mundarten vorherrschten und an sie sich die litterarische Thätigkeit anknüpfte, das Neuhochdeutsche gar keine Mundart ist, insofern kein deutscher Stamm dasselbe spricht und unsre Schriftsprache nirgends Sprache des Volkes ist. Diese ist „kein am lebendigen Baum der deutschen Sprache unbewußt und naturgemäß hervorgesproßtes Reis, sondern vielmehr etwas in vielen Stücken durch Einfluß des menschlichen Willens absichtlich Gebildetes und Zusammengewürfeltes“. Aber eben, weil das Neuhochdeutsche keine Mundart eines einzelnen Stammes ist, ist es geeignet, als gemeinsames Band alle deutschen Stämme, hochdeutsche wie niederdeutsche, zu umschlingen. Die Mundart eines einzelnen Stammes würde schwerlich ein solches Übergewicht über die übrigen Mundarten erhalten haben, wie es die deutsche Schriftsprache jetzt hat, und es wäre die politische Zersplitterung der deutschen Stämme wahrscheinlich auch eine sprachliche geworden. Dem ist aber dadurch vorgebeugt worden, daß die keinem Stamm ausschließlich angehörige Schriftsprache Eigentum aller deutschen Stämme und, wenn auch mehr oder weniger mundartlich nüanciert, Sprache des höhern geselligen Umganges aller Orten in Deutschland, Österreich, der deutschen Schweiz, kurz überall, wo man die d. S. spricht, mit Ausschluß nur des holländischen und vlämischen Sprachgebiets, geworden ist. Während wir demnach für die neuhochdeutsche Schriftsprache erst einen Ausgangspunkt zu suchen haben, geben sich die neuhochdeutschen, neben der Schriftsprache bestehenden Volksmundarten als direkte Fortsetzungen der ältern Schwestern zu erkennen.

Unsre Schriftsprache, deren Entwickelungsgeschichte bis auf Luther zurück ohne Unterbrechung vorliegt, hat sich zwar auch im Lauf der Zeit verändert, Altes fallen lassen und Neues angenommen; doch ist [782] sie noch im wesentlichen dieselbe, in der Luther schrieb. Luther ist aber nicht Schöpfer dieser Sprache, welcher er durch seine Schriften, namentlich die Bibelübersetzung, eine immer allgemeinere Geltung verschafft hat, und die sogar in das Gebiet des Niederdeutschen eingedrungen ist; er sagt selbst ausdrücklich, daß er sich nicht einer „gewissen sonderlichen, eignen Sprache im Deutschen“, also nicht einer speziellen Mundart, sondern der Sprache der „sächsischen Kanzlei“ bediene, „welcher nachfolgen alle Fürsten und Könige in Deutschland“, und welche als „die gemeine d. S.“ geeignet sei, „von Ober- und Niederländern“ verstanden zu werden. Entstanden ist aber diese Sprache „auf dem Papier“, d. h. nach und nach durch den schriftlichen Gebrauch selbst, welcher einer Sprache stets einen gewissen Typus zu verleihen pflegt, und durch Vermischung von Mundarten, unter denen selbst das Niederdeutsche nicht ganz unvertreten ist, das Österreichische aber, das schon in frühern Jahrhunderten durch die Diphthongierung des î und û zu ei und au diese Laute den ganz verschiedenen alten ei und ou näher gerückt hatte, eine Hauptrolle spielt. Aus dieser Vermischung von Mundarten, die besonders in der kaiserlichen Kanzlei stattfand, ging die deutsche Reichssprache hervor, die dann, durch den offiziellen Gebrauch bevorzugt und durch Luthers reformatorische Wirksamkeit gehoben, nach und nach die oberdeutschen Mundarten sowie das Plattdeutsche als Schriftsprache verdrängte und in Kirche, Schule und Gerichtsstube eindrang, sich als allein berechtigte in die höhern Gesellschaftskreise und von da in Familie und Haus verbreitete und ihr Gebiet von Tag zu Tag so gewaltig erweitert, daß vor ihrer Alleinherrschaft die Dialekte in den Städten bereits zu verschwinden beginnen und hier nur noch in den untersten Schichten der Gesellschaft sowie vornehmlich bei der ländlichen Bevölkerung in ungetrübter Reinheit zu finden sind. Diese Mundarten sind aber die „natürlichen, nach den Gesetzen der sprachgeschichtlichen Veränderungen gewordenen Formen der deutschen Sprache im Gegensatz zu der mehr oder minder gemachten und schulmeisterlich geregelten und zugestutzten Sprache der Schrift“. Schon hieraus ergibt sich der hohe Wert der Mundarten für die wissenschaftliche Erforschung unsrer Sprache. Sie enthalten eine reiche Fülle von Worten und Formen, die trotz ihres echt deutschen Ursprungs und Charakters von der Schriftsprache zurückgewiesen wurden, und bieten manches dar, was sich zur Erklärung der ältern Sprachdenkmale verwerten läßt und für die Entwickelungsgeschichte unsrer Schriftsprache von Bedeutung ist.

Die deutschen Mundarten.

Die sämtlichen eigentlich deutschen Volksmundarten lassen sich in zwei Hauptgruppen teilen: niederdeutsche (plattdeutsche) und hochdeutsche; die letztern aber zerfallen wiederum in die oberdeutschen und mitteldeutschen Mundarten. Jeder dieser drei Hauptdialekte begreift nun unzählige mehr oder weniger charakteristisch verschiedene Provinzial- und Lokaldialekte in sich. Nach Schmeller beginnt die Sprachgrenze der oberdeutschen Mundart am slawischen Sprachgebiet, unweit der Quelle des Regen, nähert sich bei Regensburg der Donau, geht dreimal über die Altmühl, überschreitet nicht weit von Donauwörth die Wernitz und folgt dem rechten Ufer derselben bis über Öttingen, wendet sich dann westwärts, geht nördlich von Schwäbisch-Hall über den Kocher, südlich von Heilbronn über den Neckar, im Süden von Rastatt über den Rhein und trifft nicht weit von den Saarquellen auf das französische Sprachgebiet. Was das Oberdeutsche am meisten charakterisiert, ist die Aussprache der Gaumenbuchstaben und die der Vorsilben be und ge. Die im Mitteldeutschen noch erhaltene Tenuis geht am Ende der Stammsilbe nach l, n, r im Oberdeutschen in die Spirans über, z. B. Kalk, oberdeutsch Kalch; Mark, oberdeutsch March. Am Oberrhein und westlich vom Lech lautet k auch im Anfang und in der Mitte der Wörter aspiriert, z. B. kalt wie kchalt, Acker wie Ackcher, Rock wie Rockch; ch wird im Donaugebiet am Ende gar nicht ausgesprochen, z. B. euch = eu’, ich = i’, lich = li’. Das e der Vorsilbe be wird im Oberdeutschen nur in gewissen Fällen, besonders vor den Schlaglauten (b, p, g, k, d, t, z), und zwar wie ê, é oder i ausgesprochen, in andern ganz übergangen; das e der Vorsilbe ge wird in Substantiven und Adjektiven oder Adverbien vor den Schlaglauten ebenfalls wie ê; é oder i ausgesprochen, außerdem aber gar nicht gehört; bleibt das e vor den Schlaglauten unausgesprochen, so fällt auch das g weg, z. B. ’Biet für Gebiet. Nach der Aussprache dieser Vorsilben und des Wörtleins „ich“ würde nun aber auch noch das Nabgebiet zum Oberdeutschen gehören, und da die Mundart des Riesengebirges große Ähnlichkeit mit dem Österreichischen hat, so dürfte vielleicht die Grenze zwischen dem Ober- und Mitteldeutschen von der Wernitz nach dem Fichtelgebirge und dann längs des Erzgebirges und des Riesengebirges nach der Oder zu ziehen sein, so daß Oberschlesien noch zum oberdeutschen Sprachgebiet zu rechnen wäre. Indes ist es nicht so ganz selten, daß in einem Bezirk sich Spracheigentümlichkeiten finden, die einem ganz andern fernen Gebiet angehören; so wiederholt sich der in Koburg gesprochene nordfränkische Dialekt teilweise wie durch ein Wunder im Großherzogtum Posen, und die Mundart des thüringischen Fleckens Ruhla offenbart eine merkwürdige Ähnlichkeit mit den Dialekten Tirols. Genaueres läßt sich über die Grenze zwischen dem Mitteldeutschen und Niederdeutschen beibringen. Als Schibboleth für diese Grenzbestimmung dienen die Erscheinungen der hochdeutschen Lautverschiebung, wonach das Hochdeutsche die Tenues des Niederdeutschen in Spiranten verwandelt (s. oben). Im allgemeinen bildet der Habichtswald, die natürliche Grenze zwischen Franken und Sachsen, noch heute die Sprachgrenze zwischen dem Mittel- und Niederdeutschen. Während aber die Stadt Münden und die hannöverschen Dörfer zwischen Fulda und Werra sowie weiter östlich Hedemünden an der Werra, Friedland, Duderstadt und Lauterberg noch dem niederdeutschen Sprachgebiet angehören, fallen Gerlenbach, Witzenhausen, Ahrendshausen, Heiligenstadt, Stadt Worbis und Sachsa dem mitteldeutschen Sprachgebiet zu. Östlich von Sachsa sind die nördlichsten mitteldeutschen Ortschaften: Ellrich, Sulzhain, Hasselfelde, Bernrode, Mägdesprung, Ballenstedt, Hoymb, Meysdorf, Harkrode, Sandersleben, Güsten, Staßfurt, Kalbe und Barby. Vom Einfluß der Saale an aufwärts bildet die Elbe bis gegen Wittenberg hin, namentlich bei Dessau, eine scharfe Sprachgrenze; weiter östlich erscheinen Luckau, Lübben, Guben und Züllichau jenseit der Oder als die südlichsten niederdeutschen Ortschaften. Eine oberdeutsche Sprachinsel im niederdeutschen Gebiet findet sich auf dem Harz, die Ortschaften Klausthal, Zellerfeld, Wildemann und Lauterthal auf der nördlichen und Andreasberg auf der südlichen Abdachung umfassend, wahrscheinlich Niederlassungen von oberdeutschen Bergleuten. Westlich vom Habichtswald folgt die Sprachgrenze der Wasserscheide zwischen dem Diemel- [783] und dem Fuldagebiet bis nach Sachsenhausen, wo sie ins Edergebiet tritt und diesen Fluß noch oberhalb der Mündung des Itterbaches berührt; selbst auf dem rechten Ufer der Eder sind noch Harpshausen und Kirchlotheim niederdeutsch. Dann zieht sich die Grenze von der Mündung der Orke über Sachsenberg und Hallenberg nach der Höhe des Rothaargebirges, welches in seiner Fortsetzung bis nach Drolshagen zwischen der Ruhr und der Sieg die Gewässer und die Mundarten scheidet. Von Drolshagen windet sich die Grenze des Niederdeutschen nordwestlich, so daß Wipperfürth, Burg, Dorp, Solingen, Gräfrath, Gerresheim die äußersten niederdeutschen Städte sind. Wenig nördlich überschreitet sie den Rhein und wendet sich südwestlich, nunmehr nicht das Niedersächsische, sondern das Niederfränkische (Niederländische) vom Niederdeutschen scheidend. Sie zieht sich über Odenkirchen, östlich bei Erkelenz vorbei, über Linnich nach Aachen, doch so, daß Aachen noch ganz ins mitteldeutsche Gebiet fällt; von dort geht sie südlich bei Eupen vorbei (dasselbe ist schon niederfränkisch) und trifft dann (bei Montjoie) auf die französische Sprachgrenze. So läuft ungefähr heutigestags die Grenze zwischen dem Mittel- und Niederdeutschen. Ob sie freilich zur mittelhochdeutschen Periode schon in allen Punkten dieselbe und wie beschaffen sie damals gewesen sei, ist eine noch nicht hinlänglich beantwortete Frage. So wahrscheinlich es ist, daß an vielen Punkten die niederdeutsche Grenze schon damals mit der heutigen übereinstimmte (z. B. in den Rheingegenden), so sicher ist es auch, daß wieder an andern Orten, besonders in der (großenteils früher slawischen) Provinz Sachsen, das Mitteldeutsche auf Kosten des Niederdeutschen an Gebiet gewonnen hat. Merseburg, Halle, Mansfeld und alles, was nördlicher liegt, war im 13. Jahrh. ganz gewiß noch niederdeutsch, wie zahlreiche Urkunden beweisen. Auch in der Provinz Brandenburg hat das Mitteldeutsche in den letzten Jahrhunderten an Gebiet gewonnen. Das gesamte Gebiet der

Oberdeutschen Mundarten

teilt man am passendsten wieder in drei Hauptabteilungen, die man als alemannische, schwäbische und bayrische Mundarten oder nach Schmeller als oberrheinische, westlechische und ostlechische zu bezeichnen pflegt. Die Eigentümlichkeiten der alemannischen oder oberrheinischen Mundart, die das Elsaß, den südlichen Teil von Baden und die Schweiz umfaßt, sind nach Schmeller hauptsächlich folgende: Am Anfang der Wörter lautet k vor l, n, r am Westlech wie ein reines k, während am Oberrhein dasselbe auch in dieser Verbindung wie ch ausgesprochen wird; ebenso wird ch dergestalt tief in der Kehle gesprochen, daß gleichsam ein verschlucktes a vorklingt, was besonders in den Schweizerdialekten der Fall ist. Au der Schriftsprache lautet in den Wörtern, wo es altdeutschem ū entspricht, am Oberrhein noch wie u, während es am Westlech in àu übergegangen ist, z. B. Haus, Westlech: Hàus, oberrheinisch: Hûs; dagegen lautet das ursprüngliche au am Oberrhein âu, am Westlech áu (auch â), z. B. Auge, oberrheinisch: âug, Westlech: áug (âg); ei lautet in den Wörtern, wo es dem altdeutschen î entspricht, am Oberrhein noch immer i, während es am Westlech wie êi ausgesprochen wird, z. B. Weib, Oberrhein: Wîb, Westlech: Wêib. Nasentöne hat dieser Dialekt nicht. Zur Vermeidung des Hiatus schiebt er meist ein j ein, z. B. säje, weje, statt säen, wehen. Wird auch der Schweizerdialekt durch das Vorherrschen rauher Spiranten und Zischlaute etwas rauh, so gewinnt er dagegen wieder viel Angenehmes durch die unendliche Modulation, die in der Aussprache herrscht. Übrigens zerfällt das Schweizerische wieder in viele Mundarten. Alemannisch (im engern Sinn des Wortes, wo das Elsaß nicht mit inbegriffen ist) schrieben und dichteten: Hebel, dessen Sprache die des badischen Wiesenthals ist; Häffliger (Lieder) im Luzerner Dialekt; Kuhn im Berner Dialekt; Usteri, Th. Meyer-Merian („Wintermaieli“), R. Wyß (Kuhreihen und Volkslieder), I. Felner, Tobler (Volkslieder), A. Schreiber, Hoffmann von Fallersleben, Corrodi (epische Dichtungen), Stutz im Züricher Dialekt; Mähly (Gedichte) in Baseler, Jos. Schied („Juraklänge“) in Solothurner, J. Merz in Appenzeller, Lenggenhager in Thurgauer Mundart u. a. Zahlreiche Gedichte im Schweizer Dialekt enthält auch die Zeitschrift „Alpenrosen“ (1812 bis 1830). Vgl. Sutermeister, Schwyzer-Dütsch. Sammlung schweizerischer Mundart-Litteratur (Zür. 1882 ff.). Ein noch jetzt wertvolles Wörterbuch der schweizerischen Sprache lieferte Stalder („Versuch eines schweizerischen Idiotikons“, Aarau 1806–12, 2 Bde.), ein neueres bearbeiten Staub und Tobler (Zür. 1881 ff.). Vgl. Birlinger, Die alemannische Sprache rechts des Rheins (Berl. 1868, Bd. 1), und die vorzügliche Spezialgrammatik: Winteler, Die Kerenzer Mundart in ihren Grundzügen dargestellt (Leipz. 1876); ferner: Seiler, Die Baseler Mundart (Basel 1879); Mörikofer, Die schweizerische Mundart (2. Aufl., Bern 1864). – Unter sich verschieden sind wieder die Mundarten der Elsässer; so sprechen die von der Schweizergrenze bis Schlettstadt hin anders als die Mittelelsässer, von denen sich wieder die jenseit des großen Hagenauer Forstes wohnenden Niederelsässer, die, dem alemannischen Dialekt fremd, sich der pfälzischen Mundart nähern, unterscheiden. In elsässischer Mundart dichteten G. D. Arnold („Der Pfingstmontag“), E. Stöber („Daniel oder der Straßburger“, Lustspiel), K. Fr. Hartmann u. a. Eine Sammlung von Gedichten etc. in Straßburger Mundart enthält A. Stöbers „Elsässer Schatzkästel“ (Straßb. 1877). Vgl. auch Stöbers „Elsässer Volksbüchlein“ (Straßb. 1842) und Bergmanns „Straßburger Volksgespräche“ (das. 1873).

Der schwäbische oder westlechische Dialekt herrscht im größten Teil des Königreichs Württemberg und östlich bis Augsburg, von wo er bis an den Ursprung des Lech hinaufgeht. Statt der rauhen Gurgeltöne des alemannischen Dialekts treten hier Nasentöne ein, die sich durch die Schrift gar nicht wiedergeben lassen; die Schwaben dehnen alle Silben zu außerordentlicher Länge, brauchen viele Diphthonge und häufen Konsonanten. Doch ist die Modulation des Schwäbischen sehr verschieden, und während im allgemeinen das Oberschwäbische härter, ist das Unterschwäbische breiter. Die Mundart unterscheidet sich von der des Ostlech vorzugsweise durch zwei Eigentümlichkeiten: während nämlich westlich in der Endsilbe en das e ausgesprochen wird, wird östlich nur das n, welches nach b, p, w in m übergeht, ausgesprochen (z. B. gewesen, westlich gwesse, östlich gwên; leben, westlich lebe, östlich lebm); ferner durch die Aussprache des sp und st, worin das s im Schwäbischen stets, auch im Inlaut, wie sch lautet, z. B. hascht, bischt, Geischt. Am breitesten und gröbsten tönt das Schwäbische in und um Tübingen. Schwäbische Volkslieder finden sich in Nikolais „Almanach“, einige Gedichte in R. Weckherlins Liedersammlung (1648; neue Ausg., Leipz. 1873). Andre poetische Bearbeiter des schwäbischen Dialekts sind Seb. Sailer („Schriften im schwäbischen Dialekt“, neue Ausg., Ulm 1850), K. Weitzmann („Gedichte“, 3. Aufl., [784] Stuttg. 1878) und G. F. Wagner (Gedichte und Lustspiele); ferner A. Hoser, J. Eppele, J. G. Scheifele, Fr. Richter, A. Grimminger u. a. Eine Sprichwörtersammlung lieferte A. Birlinger („So sprechen die Schwaben“, Berl. 1868), welcher auch ein „Schwäbisch-Augsburgisches Wörterbuch“ (Münch. 1864) herausgab. Die ganze schwäbisch-alemannische Mundart hat Weinhold behandelt in seiner „Alemannischen Grammatik“ (Berl. 1863), worin die Entwickelung derselben von der ältesten Zeit bis auf die Gegenwart verfolgt wird.

Den bei weitem größten Raum unter den drei Hauptmundarten des oberdeutschen Sprachgebiets nimmt die bayrische oder ostlechische Mundart ein, außer Altbayern nämlich noch Tirol, Salzburg, Österreich, Steiermark bis Krain und die 13 und 7 deutschen Gemeinden in Oberitalien (s. Comuni). Bis ins 13. Jahrh. hinein von dem Alemannisch-Schwäbischen noch wenig verschieden, trennte sich die bayrische Mundart hauptsächlich durch die in ihr zuerst auftretende Verwandlung des alten langen i und u in die Diphthonge ei und au. Seitdem aber sind die beiden oberdeutschen Mundarten immer mehr auseinander gegangen. Die bayrische Mundart ist breit und näselnd und verschluckt eine Menge Laute; auch spricht der Altbayer viel langsamer als der Schwabe, desto schneller dagegen der Gebirgsbewohner. Eigenheiten der bayrischen Mundart im engern Sinn sind noch folgende: Das reine hochdeutsche a gebraucht sie fast nie, sondern verwandelt dasselbe in den Mittellaut zwischen o und a (das schwedische å); statt des hochdeutschen ä läßt sie entweder ein dunkles, dem ö sich näherndes e hören oder, wie in den Verkleinerungs- und Schmeichelwörtern, besonders aber in der Bedingungsform der Verba, ein à (Mittellaut zwischen a und ä); das hochdeutsche ö erscheint meist wie ein helles e; das ä, wie das i der Stammsilben, lautet wie ein tiefes î, hell und spitzig aber in den Endsilben ig und lich, die gewöhnlich in i verkürzt werden; das ai lautet immer wie oa, das ei aber wie ai; das endende l und ll wandeln sich in ein kurzes und stumpfes j; die Endsilbe er verändert sich überall in à, doch wird das r wieder hörbar, wenn das folgende Wort mit einem Selbstlauter anfängt, zu dem es hinübergeschleift wird. Das ch am Ende lautet in den Gebirgsgegenden sehr hart, auch nimmt das r zu Anfang noch zuweilen ein h zu sich (z. B. da Rhieme = der Riemen). Dichterisch wurde diese Mundart besonders von dem ehemaligen Augustiner Marcelin Sturm (Lieder), M. Heigel, Franz v. Kobell und K. Stieler ausgebildet; außerdem findet man Lieder in Hazzis „Statistischen Aufschlüssen von Bayern“ (1. Teil) und in Firmenichs „Germaniens Völkerstimmen“. Beachtenswert ist auch eine „Sammlung bayrischer Sprichwörter“. Vgl. A. Zaupser, „Versuch eines bayrischen und oberpfälzischen Idiotikons“ (Münch. 1789), besonders aber Schmellers vorzügliches „Bayrisches Wörterbuch“ (2. Aufl. von Fromman, das. 1868–78, 2 Bde.) und in grammatischer Hinsicht das ebenso ausgezeichnete Werk Schmellers: „Die Mundarten Bayerns grammatisch dargestellt“ (das. 1821), worin auch reichhaltige Mundartenproben zu finden sind. Die Mundarten des südlichen Tirol weichen von denen des mittlern und nördlichen nicht wenig ab, weil sich in der Aussprache mehrere Laute dem Italienischen nähern. Im ganzen ist die Aussprache der Tiroler hochlaut, kräftig, bestimmt und deutlich. Vorzüglich stark wird das k gesprochen und das a in manchen Gegenden fast so hell wie in Schwaben; das ü lautet wie in Bayern nur als Mittellaut zwischen ü und i. Der Salzburger Dialekt weicht im ganzen wenig von der Tiroler Mundart ab. Lieder und Schnaderhüpfel finden sich in Hübners „Beschreibung von Salzburg“ (Salzb. 1796); ein Bruchstück aus einem Singspiel in diesem Dialekt ist in der Vorrede zu Gottscheds Buch von gleichbedeutenden Wörtern enthalten. Sammlungen von Schnaderhüpfeln veröffentlichten Franz v. Kobell, v. Hörmann u. a. Der österreichische Dialekt unterscheidet sich im allgemeinen von dem bayrischen durch Weichheit, Feinheit und Geschwindigkeit der Aussprache; doch ist er im Land ob der Enns auch gedehnt und singend. In den Gebirgsgegenden zwischen Ungarn und Österreich, durch Kärnten und Krain, ähneln Aussprache, Wortformen und Gesänge der salzburgischen und tirolischen, in Mähren aber der schlesischen und im mittlern Lande der bayrischen Mundart. Die letztere, im eigentlichen Österreich herrschende verwandelt z. B. wie jene die meisten a in o, die echt alten ei in ai, die au in à, behält das alte ïe noch als Doppellaut bei, stumpft die Endsilbe er in à, nur daß sie das r, sobald ein Selbstlauter folgt, wieder etwas hörbar macht, und verändert fast jedes ü in ein dickes î. Doch unterscheidet sie sich von der bayrischen teils durch die eigentümliche Umwandlung einzelner Laute, teils durch die besondere Formierung derselben. So verwandelt sie die alten ai oder ay, die in Bayern oa lauten, in à. Die Aussprache hat etwas Stumpfes und Klangloses. Die Mundart des niedern Volkes und selbst noch der Bürger ist sehr unverständlich, jene der Halbgebildeten aber ein Gemisch von bürgerlicher Mundart und Hochdeutsch. Der dreifache Unterschied jeder Mundart, je nach den verschiedenen Volksklassen, dem Bauer, dem Bürger und dem mehr oder minder gebildeten Stand, ward zuerst von M. Höfer („Die Volkssprache in Österreich“, Wien 1800) dargestellt. Besondere Sammlungen österreichischer Volkslieder sind: Meinert, Alte deutsche Volkslieder in der Mundart des Kuhländchens (Hamb. 1817, Bd. 1); Fr. Ziska und Schottky, Österreichische Volkslieder mit ihren Singweisen (Pest 1819; 2. Ausg., das. 1844); Pogatschnigg und Herrmann, Deutsche Volkslieder aus Kärnten (Graz 1879). In österreichischer Mundart dichteten Castelli und Seidl (niederösterreichisch), M. Lindemayr, Kohlheim, Kaltenbrunner, Klesheim (wienerisch), Stelzhamer (obderennsisch), Fellöcker, Rosegger (steirisch). Ein „Etymologisches Wörterbuch“ gab Höfer (Linz 1815, 3 Tle.); neuere lexikalische Sammlungen für den österreichischen Dialekt sind die von Loritza (Wien 1847), Castelli (das. 1847), des Wiener Dialekts von Hügel (das. 1873). Ein Wörterbuch der tirolischen Volkssprache gaben Schöpf und Hofer (Innsbr. 1862–66) heraus. Über die Mundart der deutschen Bewohner des Böhmerwaldes schrieb J. Ranke („Aus dem Böhmerwald“, Linz 1853), der auch eine Auswahl ihrer Schnaderhüpfeln mitteilte. Ein sehr reichhaltiges „Kärntisches Wörterbuch“ veröffentlichte M. Lexer (Leipz. 1862). Die Grammatik der ganzen bayrisch-österreich. Mundart hat Weinhold in historischer Weise behandelt in „Bayrische Grammatik“ (Berl. 1867).

Die mitteldeutschen Mundarten

sind so unendlich mannigfaltig und bisher so unbeachtet geblieben, daß es unmöglich ist, genaue Nachweise über sie alle zu geben. Doch lassen sich diese so verschiedenen Dialekte mit einiger Sicherheit in gewisse Hauptgruppen teilen. Zunächst die fränkischen Mundarten am Ober- und Mittelmain, an der Oberwerra und der Rhön. Man hört sie vom Odenwald und Spessart bis an das Fichtelgebirge und [785] vom Rennsteig des Thüringer Waldes bis beinahe an den Ausfluß der Wernitz in die Donau. Am nächsten sind sie mit den schwäbischen und bayrischen Mundarten verwandt, denn wenn auch in ihnen die in diesen eigentümliche Aussprache des st und sp im Inlaut als schd und schb aufhört, so haben sie dafür nicht selten die Aussprache des bloßen s als sch; aber die Nasentöne nehmen ab, der breite, kräftige, aufgeblasene Ton der südlichen Dialekte verwandelt sich in einen geschmeidigen und spitzigen. Die Grenze zwischen der Mundart des Mittelmains, der westfränkischen, und der des Obermains, der ostfränkischen, zieht sich nach Schmeller von der obern Wernitz längs der Wasserscheide zwischen Tauber und Regnitz zum Main, überschreitet diesen Fluß östlich von Würzburg, da, wo derselbe nicht mehr, wie von seiner Quelle an, Mâ sondern Mê genannt wird, und wendet sich westlich von Schweinfurt gegen die Quellen der Saale, wo schon die Mundart der obern Werra, die hennebergische, beginnt. Die vorzugsweise fränkische oder ostfränkische Mundart weist an Stelle der alten, noch in Bayern und der Schweiz hörbar als Doppellaute gesprochenen ïe ein ei, öfters auch ein öi auf, an Stelle der alten uo, welche noch in Bayern diphthongisch lauten, ein ou, während die langen o größtenteils in aù, wo u den Ton hat, die eigentlichen au der Schriftsprache aber meist in a verwandelt werden; das alte ai geht gewöhnlich in à über. Doch findet auch hier große Verschiedenheit statt. Dichterisch ausgebildet wurde diese Mundart von den Nürnbergern Grübel, Zuckermandel, W. Marx und W. Weickert und dem Koburger Fr. Hofmann. Ein Idiotikon für den Nürnberger Dialekt von Häslin findet sich im „Deutschen Museum“ (November 1781). Der hennebergische Dialekt herrscht östlich der obern Fulda bis fast zur obern Saale und umfaßt vorzugsweise die gesamte Werragegend oberhalb Salzungen bis Themar, über welches hinaus er schon fränkische Elemente aufnimmt. Er charakterisiert sich durch die Bewahrung des altdeutschen û; welches sowie das altdeutsche î hier und auch in einem großen Teil Thüringens und Hessens nicht in das neuhochdeutsche au, resp. ei übergegangen ist; ferner durch die Verwandlung der Endsilbe ung in ing, des w am Anfang eines Wortes (häufig) in b, des ei in ê und der Endsilben agen in ö, z. B. Hus statt Haus, Méning statt Meinung, bie statt wie, Wö statt Wagen, geschlö statt geschlagen. Statt des n am Ende läßt er häufig einen bloßen Nasenhauch hören. Dichterisch wurde dieser Dialekt in neuerer Zeit vielfach ausgebeutet. Einzelne Gedichte brachte schon das „Koburg-Meiningische Taschenbuch“ (1804 ff.). Gedichtsammlungen veröffentlichten: Neumann (im Wasunger Dialekt), Mylius (in Themarer Mundart); einzelne Gedichte: Klett („Gaul böck dich“, im Suhler Dialekt), Reinhard und Deckert (in Schleusinger Mundart), Wucke (im Salzunger Dialekt), Schneider (im Meininger Dialekt) u. a. Ein hennebergisches Idiotikon gab Reinwald, von einem andern veröffentlichte Brückner Proben. Vgl. Spieß, Beiträge zu einem hennebergischen Idiotikon (Wien 1881); Derselbe, Die fränkisch-hennebergische Mundart (das. 1873). Die Mundarten der Rhön, die durch das Ulsterthal mit der Werragegend, durch das Saale- und Sinnthal mit dem Main, durch das Kinzigthal mit der Wetterau und durch die Fulda mit Niederhessen in Verkehr stehen, haben durch die Einwirkung der mehr als tausendjährigen Herrschaft des Stifts Fulda einen gewissen allgemeinen Charakter angenommen, ohne jedoch ihre ursprünglichen Bestandteile ganz zu verleugnen. Ein charakteristisches Kennzeichen des Rhöndialekts ist der Gebrauch der Diminutivendung „lich“ (statt „lein“ oder „chen“) und zwar für den Plural, während der Singular „le“ hat (z. B. das Häusle, die Häuslich).

Das Westfränkische unterscheidet sich vom Ostfränkischen besonders dadurch, daß in ihm die Doppellaute ie und ei, statt in i und a, in äi und ê übergehen. Nicht ohne Einfluß blieb das Niederdeutsche auf dasselbe. Die sogen. rheinische Mundart, zwischen dem Unterrhein und der Lahn, gehört, ebenso wie die eben besprochene west- und ostfränkische, zu dem Komplex der oberfränkischen Mundarten; da die Grenze derselben in Hessen, namentlich bei Alsfeld, großenteils mit der Grenze des Oberlahngaues zusammenfällt, so scheinen im allgemeinen die beiden Lahngaue, die Wetterau, der Maingau, die beiden Rheingaue, der Niedgau und anliegende Gegenden dieses Sprachgebiet zu bilden. Hierher gehören: die Frankfurter Lokalpossen von Malß („Volkstheater in Frankfurter Mundart“, 2. Aufl., Frankf. 1850), W. Pfeiffer und W. Sauerwein; die Gedichte von Fr. Stoltze („Frankfurter Krebblzeitung“ und „Gedichte“); die Mainzer Posse „Herr Hampser als Stadtrat“; Lennigs komische Dichtungen in Pfälzer Mundart („Etwas zum Lachen“, „Die Weinproben“ etc.); die pfälzischen Gedichte von Fr. v. Kobell, Nadler, Woll etc. – Das Gebiet des Rheins von Luxemburg, Trier, Koblenz, nördlich bis nach Düsseldorf und Aachen, bildet dann wieder eine zusammengehörige Mundartengruppe, die niederrheinische oder mittelfränkische. Die hierher gehörigen Mundarten sind mitteldeutsche mit den hauptsächlichsten Erscheinungen der hochdeutschen Lautverschiebung; doch sind sie in einigen Punkten auf niederdeutscher Stufe stehen geblieben und haben besonders das gemeinsam, daß sie sämtlich dat, et, wat haben statt des in allen übrigen mitteldeutschen Gegenden herrschenden verschobenen das, es, was. Außerdem stimmen sie darin mit dem Niederdeutschen überein, daß sie wie dieses, hochdeutschem b entsprechend, in- und auslautend v, resp. f haben, z. B. kölnisch Wif (Weib), Plural: Wiver. Man bezeichnet sie daher als Übergangssprache von den hochdeutschen Mundarten zu den niederdeutschen. Man kann sie wiederum in drei Nebendialekte teilen: den luxemburg-lüttichschen, den trierschen und den kölnischen. Die luxemburg-lüttichsche Mundart wird gesprochen von Diedenhofen bis an den Ausfluß der Sure in die Mosel, von da längs der Sure und Oure bis Vianden, von wo sie sich fast in gerader Richtung nach Westen bis an das Wallonische zieht. Die triersche Mundart zieht sich von Saarlouis über den Gau zwischen Mosel und Saar längs der Grenze des Luxemburgischen bis St. Vith, von da längs der kölnischen Grenze bis an den Rhein. Sie spricht die Vokale noch gedehnter und langsamer als die vorige. Die kölnische Mundart beginnt mit den Hofgerichtshöfen Bütgenbach, Amel und Büllingen. Einen ganz andern Dialekt spricht man vier Stunden über Prüm von Hillesheim bis zur Aar und dem Rhein. Dichterisch behandelten den Luxemburger Dialekt H. Meyer („E Schreck ob de Letzeburger Parnassus“, Letzeburg 1829), den Aachener F. Jansen („Gedichte“, Aachen 1820) und Jos. Müller („Gedichte und Prosa“, 2. Aufl., das. 1853), den Trierer Loyen („Gedichte“, Trier 1850), den Kölner Dialekt Wallraf („Die Poststation[WS 1]“, Fastnachtsposse, Köln 1818) u. a. Vgl. J. Müller und Weitz, Aachener Idiotikon (Aachen 1836); Hönig, Wörterbuch der Kölner Mundart (Köln 1877). Die westerwäldischen Mundarten hat Schmidt in seinem „Westerwäldischen Idiotikon“ [786] behandelt, ohne jedoch die Grenzen anzugeben. Die niederhessische Mundart grenzt in der Werragegend an die thüringische, im Westen an die westerwäldische und im Norden an die niederdeutsche. Ein eigentlich hessischer Charakter ergibt sich kaum bestimmt. Den Gießener Dialekt hat Brentano in seinem „Gockeleia“ ausgebeutet; Crönlein schrieb eine Posse in Gießener und Stahl eine Satire („Die Weilberger Kerb“) in Weilberger Dialekt. Eine sehr gute lexikalische Sammlung für das hessische Idiom gab Vilmar in seinem „Idiotikon von Kurhessen“ (Marb. 1868).

Die natürliche südliche Grenze der thüringischen Mundarten bildet der Rennsteig des Thüringer Waldes; nördlich grenzen sie an den Vorbergen des Harzes an das Niederdeutsche, und im Osten scheidet sie die Thüringische Saale von dem Obersächsischen und Sorbischen, von dem dort schon Formen und Wendungen angenommen werden. Genaue Grenzen für die einzelnen Idiome, die besonders in den Waldgegenden von Ort zu Ort wechseln, anzugeben, dürfte kaum das Ergebnis langer, mühevoller Studien sein. Am meisten hängen sie im Thüringer Flachland, in der Goldenen Aue bis Weimar und anderseits bis Mühlhausen und Nordhausen nebst der sondershäusischen Unterherrschaft, zusammen, wo sie ein großes, in sich abgeschlossenes Gebiet innehaben. Derselbe Dialekt kehrt im Gothaischen wieder und reicht bis zum Wald nach Ilmenau und Arnstadt hinauf. Von Weimar im Ilm- und Geragebiet waldaufwärts nähert sich der Dialekt schon sehr dem obersächsischen, ist aber fast noch breiter und reizloser als dieser. Der Dialekt der Gebirgsbewohner zeichnet sich durch einen gewissen rauhen, dabei aber singenden Ton aus, der durch Zeichen nicht wiederzugeben ist. Auch im eisenachischen Gebiet und der sondershäusischen Unterherrschaft hat er etwas Gedehntes, Singendes, das durch Lautzeichen ebenfalls nicht anzudeuten ist. Nach dem Osterland zu und über Naumburg hinaus geht, wie bemerkt, die thüringische Mundart allmählich in die meißnische oder obersächsische über. Sagen im thüringischen Dialekt gab Bechstein („Sagenschatz des Thüringer Landes“, „Deutsches Museum“ und „Thüringen in der Gegenwart“). Im Dialekt von Ruhla dichteten L. Storch, in Altenburger Mundart Fr. Ullrich („Volksklänge“, 3. Aufl., Stettin 1874), in der Rudolstädter Sommer („Bilder und Klänge aus Rudolstadt“, 11. Aufl., Rudolst. 1881, 2 Bde.). Den mansfeldischen Dialekt wandte (in Poesie und Prosa) Giebelhausen in mehreren Schriftchen an, z. B.: „Nischt wie lauter Hack un Mack, alles dorchenanner dorch“ (Hettstedt 1865, 2 Hefte). Als grammatische und lexikalische Leistungen sind zu erwähnen: K. Regel, Die Ruhlaer Mundart (Weim. 1868); Pasch, Das Altenburger Bauerndeutsch (Altenb. 1878).

Der eigentlich obersächsische (meißnische) Dialekt, die alte Markgrafschaft Meißen und das Osterland beherrschend, bildet seinem Charakter nach ein Mittelglied zwischen dem Ober- und Niederdeutschen. Der Unterschied der weichen und harten Konsonanten ist dem Obersachsen ganz verloren gegangen; er kann b und p, d und t, g und k in der Aussprache nicht unterscheiden und spricht für beide einen Mittellaut zwischen hart und weich. Im Vokalismus stimmt das Obersächsische zum Niederdeutschen, indem es das alte ei und au in ê, resp. ô kontrahiert, z. B. Klêd, Flêsch, Bôm. Proben des Dialekts findet man in Firmenichs „Germaniens Völkerstimmen“. Eine Grammatik nebst Lexikon der Leipziger Mundart veröffentliche K. Albrecht (Leipz. 1880), Gedichte in derselben F. A. Döring („Launige Gedichte“, 2. Aufl., das. 1835, u. a.) und E. Bormann („Mei Leibzig low’ ich mir“; „Herr Engemann“; „Leibz’ger Allerlei“ u. a.). Die Verwandtschaft des erzgebirgischen und riesengebirgischen Dialekts mit dem oberdeutschen ist schon früher angedeutet worden. Vgl. Göpfert, Die Mundart des sächsischen Erzgebirges (Leipz. 1878). Die Mundarten Schlesiens, so verschieden sie auch unter sich wieder sein mögen, stimmen doch im wesentlichen alle mit der obersächsischen überein; indes ist die Aussprache meist reiner und wohlklingender als in Obersachsen. Eigentümlich ist die Mundart der Breslauer „Kräuter“, d. h. der Kraut- oder Kohlgärtner, die näher mit der oberpfälzischen (ostfränkischen) als mit den übrigen schlesischen Mundarten zusammenzutreffen scheint; sie verwandelt gewöhnlich ie in ei (z. B. leib, Deib statt lieb, Dieb), u in au (gaut, raut statt gut, rot) und i in ei (z. B. eich, meich, deich statt ich, mich, dich). Mehrere Lieder dieser Kräuter finden sich in Fülleborns „Breslauischen Erzählungen“. In der Mundart um Glogau ist die „Kraune zu Brassel“ (in Vaters „Volksmundarten“) gedichtet. Auch Holtei („Schlesische Gedichte“, 18. Aufl., Bresl. 1883) und K. F. Becker schrieben Gedichte in schlesischer Mundart. Ein bemerkenswertes älteres Denkmal des schlesischen Dialekts ist das Scherzspiel „Die geliebte Dornrose“ von Andreas Gryphius (zuerst um 1660 erschienen; neu hrsg. von Tittmann, Leipz. 1870). Grammatisch ist die Mundart behandelt von Weinhold („Die Laut- und Wortbildung und die Formen der schlesischen Mundart“, Wien 1853). Derselbe lieferte auch „Beiträge zu einem schlesischen Wörterbuch“ (Wien 1855). Vgl. noch Waniek, Zum Vokalismus der schlesischen Mundart (Bielitz 1880).

Die niederdeutschen Mundarten.

Nördlich von der oben gezogenen Grenzlinie herrschen nun die vom Altsächsischen herstammenden sogen. niederdeutschen Mundarten. Am Rhein grenzen dieselben an das fränkisch-niederdeutsche oder niederfränkische Sprachgebiet, zu welchem außer den eigentlichen Niederlanden auch noch die deutschen Provinzen Kleve und Geldern gehören. Das Niederdeutsche entbehrt größtenteils noch einer wissenschaftlichen Erforschung, und es lassen sich daher nur wenig sichere Angaben über Untermundarten und deren Gebiet machen. Man unterscheidet gewöhnlich zwei Mundarten: die westfälische, westlich der Weser, und die eigentlich niedersächsische, zwischen Weser und Elbe und in den okkupierten slawischen Gegenden im Osten derselben. Als charakteristisches Merkmal des niedersächsischen und westfälischen Dialekts kann die Aussprache der schriftdeutschen Laute u und i, die im Niedersächsischen o und e, im Westfälischen au und ei ausgesprochen werden, und die Form des Fürwortes mir, mich, dir, dich, das im Niedersächsischen mi, di, im Westfälischen mek, dek heißt, angenommen werden. Von den Mundarten im Osten der alten Slawengrenze sind vorzugsweise die pommerschen Gegenstand gründlicher Untersuchung gewesen, als deren Resultat Böhmer („Baltische Studien“) angibt, daß in Pommern zwei gründlich verschiedene niederdeutsche Mundarten nebeneinander bestehen, in denen zugleich alle Unter- und Spielarten der Provinz begriffen sind. Die eine ist rund, leicht, rollend, ohne alle Doppellaute, einfach in Wurzeln und grammatischer Ausstattung, eine echte Schwester der nordischen und englischen Sprache und großer Behendigkeit, Gewandtheit, Traulichkeit und Lieblichkeit fähig; die andre breit an Lauten, gedehnt, voll, schwer, nachdrücklich bis zu großer Trägheit und ziemlicher Härte, insbesondere erfüllt mit gewissen Diphthongen (au, [787] ei, ai) oder nachklingenden Vokalen (a, ä, e etc.) und Liebhaberin träg absinkender Endlaute. Sagt z. B. jene runde Mundart Foot (Fuß), Göder (Güter), so lauten diese Worte in der breiten Sprache: Faut, Gaudre oder Gaure. Allgemeine Eigentümlichkeiten des Niederdeutschen sind, daß es scharfe Laute, wie x, ch, z, k. nicht hat, dagegen sanftere Laute, wie w, v, j, liebt und ch und g viel weicher ausspricht. Eigentümlich ist auch, daß, wenigstens in vielen Gegenden, besonders in Westfalen, sch in der Aussprache getrennt wird, also z. B. S-chinken, s-chön. Charakteristisch für den Niederdeutschen ist ferner die reine, spitzige Aussprache des sp (z. B. s-prechen statt des hochdeutschen schprechen). Überhaupt ist der ganze Konsonantenbau weich und einfach, leicht und geschmeidig, freilich aber auch eintönig und kraftlos. Der eigentliche Charakter des Niederdeutschen ist Naivität, die ihm etwas Kindliches und Gemütliches verleiht. Daß es nicht Schriftsprache geworden ist, kann kaum bedauert werden, denn ohne fremde Elemente hätte es schwerlich die Kraft und Fülle unsrer Schriftsprache erreicht. Auch sind mehrere Ausdrücke und Wendungen aus dem Oberdeutschen bereits in das Niederdeutsche übergegangen, weil in Oberdeutschland die Bildung fortgeschritten ist, dagegen in Niederdeutschland die eigentliche Landessprache aufgehört hat, Organ der Poesie und Wissenschaft zu sein; ja, man hat sogar die oberdeutsche Aussprache in einzelne Wörter aufgenommen. Seitdem die hochdeutsche Schriftsprache die Herrschaft über das gesamte Deutschland errungen, wurde wenig mehr in niederdeutscher Mundart (die man ziemlich allgemein, aber nicht ganz treffend auch als Platt, Plattdeutsch bezeichnet) gedichtet, obwohl es an einzelnen Versuchen, dieselbe wieder zur Schriftsprache zu erheben, nicht fehlte. Glücklicher als J. H. Voß waren in dieser Beziehung Bornemann („Gedichte in plattdeutscher Mundart“, 6. Aufl., Berl. 1854), Bärmann („Rymels und Dichtels“ im Hamburger Dialekt), L. Giesebrecht und Klaus Groth (in seinem bekannten „Quickborn“), namentlich aber F. Reuter, der durch seine Schriften in allen Gauen Deutschlands seiner mecklenburgischen Muttersprache Freunde zu gewinnen wußte. Stets dagegen sprudelte die Poesie des Volkes in reicher Quelle in Märchen, Sagen und Liedern, und das Gewand derselben war natürlich immer auch die Mundart des Volkes. Einen ganzen Schatz solcher Lieder und Sagen findet man in Firmenichs „Germaniens Völkerstimmen“. Als reichhaltige Einzelsammlung ist zu nennen: „Volksüberlieferungen in der Grafschaft Mark“ von Woeste (Iserl. 1849); als Wörterbuch der plattdeutschen Sprache: Berghaus, Sprachschatz der Sassen (Brandenb. 1877 ff.). Von ältern Idiotiken für einzelne niederdeutsche Untermundarten liegen vor: ein Wörterbuch für den bremischen Dialekt von der Deutschen Gesellschaft zu Bremen (Brem. 1767–1772, 5 Bde.; neue Ausg. 1881); für den hamburgischen von Richey (Hamb. 1755); für den osnabrückischen und westfälischen von Strodtmann (Altona 1756); für den holsteinischen von Schütze (Hamb. 1800–1807, 4 Bde.). Von neuern sind bemerkenswert: das „Ostfriesische Wörterbuch“ von Stürenburg (Aurich 1857), das „Göttingisch-Grubenhagensche Idiotikon“ von Schambach (Hannov. 1858), das „Wörterbuch der altmärkisch-plattdeutschen Mundart“ von Danneil (Salzwedel 1859) und das westfälische von Woeste (Norden 1882). Nennenswerte Spezialgrammatiken sind die „Grammatik des mecklenburgischen Dialekts“ von Nerger (Leipz. 1869) und die „Westfälische Grammatik“ von Jellinghaus (Brem. 1877). Vgl. Lübben, Das Plattdeutsche in seiner jetzigen Stellung zum Hochdeutschen (Oldenb. 1846); K. Groth, Briefe über Hochdeutsch und Plattdeutsch (Kiel 1858), und Jellinghaus, Einteilung der niederdeutschen Mundarten (Kiel 1884). Von der friesischen Sprache haben sich in Deutschland nur spärliche Reste erhalten, nämlich auf einigen schleswigschen Inseln: Sylt (Gedichte im Sylter Dialekt von Hansen), Föhr, Amrum und Helgoland, und einem kleinen Streifen der schleswigschen Westküste. Ostfriesland ist schon seit dem 15. Jahrh. niederdeutsch; eine Sammlung „Plattdütsk-ostfreesker“ Gedichte etc. enthält Woortmanns „Sanghfona“ (Emden 1838, 2 Tle.).

Die Mundarten der von slawischer Bevölkerung eingeschlossenen deutschen Ansiedler (Sprachinseln) gehören sämtlich dem ober- oder mitteldeutschen Sprachgebiet an. Die sehr zahlreichen Deutschen in Ungarn gehören verschiedenen Stämmen an. Die Mundarten des ungarischen Berglandes hat Schröer ausführlich behandelt (Wörterbuch, Wien 1858–59; Grammatik u. Sprachproben, das. 1864) u. nachgewiesen, daß sie mitteldeutscher Abkunft sind. Die Mundart der Deutschen in Siebenbürgen beweist ganz entschieden, daß dieselben vom Niederrhein dahin eingewandert sind. Ihre Sprache stimmt überraschend zu den niederrheinischen oder mittelfränkischen Mundarten. Man unterscheidet mehrere Dialekte, den Hermannstädter, den Kronstädter oder burzenländischen, den Bistritzer oder Nösner, den Agnetler und Schäßburger. Für die Erforschung ihrer Mundart sind die Siebenbürger in neuerer Zeit sehr thätig gewesen. Gedichte in siebenbürgisch-sächsischer Mundart veröffentlichte Viktor Kästner (Hermannst. 1862), Volkslieder, Sprichwörter etc. Fr. W. Schuster (das. 1865) und Haltrich. Letzterer lieferte auch Vorarbeiten zu einem Idiotikon. Die deutschen Dialekte der Liv- und Esthländer gehören zu den obersächsischen; die Liven und Esthen sollen unter allen Deutschen im Ausland ihre Sprache am reinsten und unvermischtesten erhalten haben. Vgl. „Idiotikon der deutschen Sprache in Liv- und Esthland“ (Riga 1785); Sallmann, Versuch über die deutsche Mundart in Esthland (Kassel 1873); Derselbe, Beiträge zur deutschen Mundart in Esthland (Leipz. 1877 u. Reval 1880).

Sammlungen von mundartlichen Sprachproben lieferten: Radlof („Mustersaal aller deutschen Mundarten“, enthaltend Gedichte, prosaische Aufsätze und kleine Lustspiele, Bonn 1822, 2 Bde.), J. Günther (Jena 1841), Giehne (Wien 1873) und ein Ungenannter („Die deutschen Mundarten im Lied“, Leipz. 1875). Das bei weitem vollständigste und systematischte Werk dieser Art hat aber Firmenich geliefert: „Germaniens Völkerstimmen. Sammlung der deutschen Mundarten in Dichtungen, Sagen, Märchen, Volksliedern etc.“ (Berl. 1841–66, 3 Bde. nebst Anhang), woselbst man auch dem Inhalt nach sehr anziehende Proben der Mundarten aus mehreren Hunderten von Orten und Gegenden Deutschlands findet. Für die niederdeutschen Dialekte ist wichtig die Sammlung von A. und J. Leopold, Van de Schelde tot de Weichsel (Groning. 1876–81, 2 Bde.). Für die wissenschaftliche Erforschung der Mundarten erschien eine eigne Zeitschrift: „Die deutschen Mundarten“, herausgegeben von Fromman (1851–59, Bd. 1–6; 1875 ff., Bd. 7), worin wertvolle Einzelforschungen über Grammatikalisches und Lexikalisches niedergelegt sind. Eine erschöpfende und nach allen Seiten gleichmäßige Behandlung der deutschen Mundarten aber ist bis jetzt nicht möglich gewesen, da nur die bayrische Mundart so glücklich war, einen Schmeller zu finden, die übrigen [788] aber, namentlich die mittel- und niederdeutschen, noch zum großen Teil aller wissenschaftlichen Untersuchung entbehren, so daß kaum die allgemeinsten Grenzen festgestellt sind. Vgl. Trömel, Die Litteratur der deutschen Mundarten (bibliographisch, Halle 1854[WS 2]); K. Groth, Über Mundarten und mundartige Dichtungen (Berl. 1873).

Graphische Darstellungen des Gebiets der deutschen Sprache in ihren verschiedenen Mundarten bieten die Sprachkarten von Kiepert, Bernhardi u. a.; einen „Sprachatlas von Nord- und Mitteldeutschland“ veröffentlichte Wenker (Straßb. 1881 ff.).

Deutsche Philologie.

Unter deutscher Philologie versteht man das methodische Studium der Geschichte der deutschen Sprache und Litteratur; dieselbe ist als selbständige Wissenschaft erst seit dem Anfang des gegenwärtigen Jahrhunderts vorhanden. Einzelne Männer allerdings beschäftigten sich schon im 17. und 18. Jahrh. mit der Herausgabe und Erklärung altdeutscher Schriftwerke; wir nennen vor allen Goldast und Franz Junius, den ersten Herausgeber des Ulfilas, aus dem 17. Jahrh.; aus dem 18. Eckhart (gest. 1730, Hauptwerk: „Commentarii de rebus Franciae orientalis“), Diederich von Stade, Palthen, Schilter („Thesaurus antiquitatum teutonicarum“), Scherz. Während die Thätigkeit dieser letztern besonders auf das Althochdeutsche gerichtet war, wurden nun in der zweiten Hälfte des 18. Jahrh. auch die Hauptwerke der mittelhochdeutschen Litteratur herausgegeben von Bodmer und Breitinger und, im Anschluß an diese, von Chr. H. Myller („Sammlung deutscher Gedichte aus dem 12., 13. und 14. Jahrhundert“, Berl. 1783–1784, 3 Bde.). Die deutsche Grammatik beschäftigte sich vor Grimm nur mit dem Neuhochdeutschen und war, indem sie die historische Entwickelung außer acht ließ, für die Erkenntnis der Sprache nur von geringer Bedeutung. Die erste deutsche Grammatik veröffentlichte Valentin Ickelsamer (um 1531; neu hrsg., Freiburg 1881); ihm folgten im 16. Jahrh. Ölinger, Laurentius Albertus, J. Clajus; im 17. besonders J. G. Schottelius, Morhof und Bödiker; im 18. Steinbach, Gottsched, Fulda und Adelung. Einen neuen Aufschwung nahmen diese Studien im Anfang des 19. Jahrh., als durch die romantische Schule eine tiefere Auffassung der Kultur des Mittelalters angebahnt und durch die Freiheitskriege der deutsche Geist wieder erweckt wurde. F. H. v. d. Hagen begann seine fruchtbare Thätigkeit als Herausgeber, und G. F. Benecke erschloß zuerst ein tieferes Verständnis der mittelhochdeutschen Klassiker. Auch die Gebrüder Grimm hatten schon seit 1807 für die deutsche Altertumswissenschaft schriftstellerisch gewirkt, als durch das Erscheinen des ersten Bandes von Jak. Grimms „Deutscher Grammatik“ (1819) die Forschung eine sichere Grundlage erhielt. Dieses epochemachende Werk, welches alle bekannten ältern und neuern germanischen Sprachen historisch behandelt, erschien in 4 Bänden, von denen der letzte die Syntax des einfachen Satzes enthält; eine Weiterführung der Syntax hat Grimm nicht gegeben. Bald darauf wurde denn auch durch K. Lachmann die in der Schule der klassischen Philologie gewonnene Methode der Textkritik bei der Herausgabe mittelhochdeutscher Dichtungen (Hartmanns „Iwein“, Walther von der Vogelweide, Wolfram von Eschenbach, Nibelungenlied) angewandt und die Metrik derselben in scharfsinniger Weise begründet. Auch seine Mitforscher und Nachfolger lieferten eine Reihe trefflicher Ausgaben. Von denjenigen, welche mit und nach jenen Männern die deutsche Philologie bis zur Jetztzeit weiter ausgebaut haben, sind als die hervorragendsten zu nennen: Hoffmann von Fallersleben, Uhland, Schmeller, Graff, Maßmann, W. Wackernagel, M. Haupt, R. v. Raumer, Fr. Pfeiffer, Müllenhoff, Holtzmann, Zarncke, Bartsch, Weinhold, M. Heyne, W. Scherer, Paul, Sievers. Eine nicht geringe Förderung erhielt die deutsche Grammatik von der ebenfalls erst aus diesem Jahrhundert datierenden, von F. Bopp begründeten Wissenschaft der vergleichenden Sprachforschung. Leitfaden zum Unterricht im Althochdeutschen bieten: W. Wackernagels „Deutsches Lesebuch“ (5. Aufl., Basel 1873) nebst dessen „Altdeutschem Wörterbuch“ (5. Aufl., das. 1878); Schades „Altdeutsches Lesebuch“ (Halle 1862) nebst dazu gehörigem „Altdeutschen Wörterbuch“ (2. Aufl., das. 1873 bis 1881) und Braunes „Althochdeutsches Lesebuch“ (2. Aufl., das. 1881). Im Gebiet der Lexikographie ist E. G. Graffs „Althochdeutscher Sprachschatz“ (Berl. 1834–42, 6 Bde.; alphabetischer Index von Maßmann, 1846), worin die hochdeutschen Wörter aus den Quellen der frühsten Zeiten bis zum 12. Jahrh. gesammelt und etymologisch behandelt sind, als wichtige Erscheinung hervorzuheben. – Für das Mittelhochdeutsche ist das umfassendste Werk dieser Art das „Mittelhochdeutsche Wörterbuch“ (nach Beneckes Vorarbeiten ausgeführt von Müller und Zarncke, Leipz. 1851–67, 4 Bde.). Ein „Mittelhochdeutsches Handwörterbuch“, welches zu jenem großen Werk reichhaltige Ergänzungen liefert, gab Lexer heraus (Leipz. 1869–78); ein kurzer Auszug daraus ist desselben „Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch“ (3. Aufl., das. 1885). Als grammatisches Hilfsmittel für das Mittelhochdeutsche ist die „Mittelhochdeutsche Grammatik“ von Weinhold (2. Ausg., Paderborn 1883) sowie die kürzere von Paul (2. Ausg., Halle 1884) zu nennen. Die mittelniederdeutsche Sprache wurde grammatikalisch von Lübben bearbeitet („Mittelniederdeutsche Grammatik“, nebst Chrestomathie und Glossar, Leipz. 1882); ein Wörterbuch derselben gaben Schiller und Lübben (Brem. 1872–81, 6 Bde.) heraus. – Die wichtigsten Grammatiken der neuhochdeutschen Sprache seit Adelung („Deutsche Sprachlehre“, Berl. 1781; 6. Ausg. 1816; „Umständliches Lehrgebäude der deutschen Sprachlehre“, Leipz. 1782) sind: Th. Heinsius’ „Deutsche Sprachlehre“ (Berl. 1798, 3 Tle.) und „Neue deutsche Sprachlehre“ (das. 1801, 3 Bde.; 4. Aufl. 1822); J. Chr. A. Heyses „Deutsche Schulgrammatik“ (Hannov. 1816; 21. Ausg. von K. W. L. Heyse, 1868) und dessen „Deutsche Grammatik“ (das. 1814; 5. Aufl. 1838–49, 2 Bde.); J. Grimms „Deutsche Grammatik“ (Götting. 1819–37, neue Ausg. 1870 ff.); Herlings „Syntax der deutschen Sprache“ (Frankf. 1830, 2 Tle.); K. F. Beckers „Schulgrammatik der deutschen Sprache“ (das. 1831; neue Ausg., Prag 1876) und „Ausführliche deutsche Grammatik“ (Frankf. 1836–39; 2. Aufl., Prag 1870, 3 Bde.); Vernalekens „Deutsche Syntax“ (Wien 1861–63, 2 Bde.). Während von den Genannten namentlich Becker und Herling die d. S. von vorwiegend logischem Standpunkt aus betrachteten, suchten K. W. L. Heyse („Ausführliches Lehrbuch der deutschen Sprache“, Hannov. 1838–49, 2 Bde.), Götzinger („Die d. S. und ihre Litteratur“, Stuttg. 1836–42, 3 Bde.), Hahn („Neuhochdeutsche Grammatik“, Frankf. 1848), Schleicher („Die d. S.“, 4. Aufl., Stuttg. 1879) u. a. die Ergebnisse der historischen Forschung, wie sie Grimm vertritt, allgemeiner zugänglich zu machen.

[789] Den ersten Ansatz zu einem neuhochdeutschen Wörterbuch bildeten die deutsch-lateinischen alphabetisch geordneten Wörterverzeichnisse, welche den lateinisch-deutschen Vokabularien beigefügt waren, und deren ältestes Gherardus de Schuerens „Vocabularius teuthonista“ (Köln 1475) enthält. Später ließ man den deutsch-lateinischen Vokabular für sich erscheinen, was zuerst in dem durch K. Zeninger gedruckten „Vocabularius theutonicus“ (Nürnb. 1482) geschah, auf welchen bald der „Vocabularius incipiens teutonicum ante latinum“ (gegen 1500), ferner ein „Vocabularius primo ponens dictiones theutonicas“ (Straßb. 1515) und unter dem Titel: „Die Teutsch spraach“ (Zürich 1561) ein die Schweizer Mundart darlegendes deutsch-lateinisches Wörterbuch von Maaler folgten. Dagegen war das „Dictionarium germanico-latinum“ von P. Dasypodius wieder dessen „Dictionarium latino-germanicum“ (Straß. 1535 u. öfter) angehängt. Das erste eigentlich deutsche Lexikon war das Reimwörterbuch von Erasmus Alberus, das unter dem Titel: „Novum dictionarii genus“ (Frankf. 1540) erschien. Den vollständigen deutschen Sprachschatz aufzustellen, unternahm zuerst G. Henisch in seinem weitschichtig angelegten Werk „Teutsche Sprach und Weißheit“, von dem aber nur der erste, mit G abschließende Band (Augsb. 1616) im Druck erschien. Später legte J. G. Schotelius ein Verzeichnis der „Stammwörter der Teutschen Sprache“ in seiner „Ausführlichen Arbeit von der Teutschen Hauptsprache“ (Braunschw. 1663) nieder, und gegen den Schluß des Jahrhunderts folgte Kaspar v. Stielers alphabetisch nach Wurzeln und Stämmen (oft ziemlich wunderlich) geordneter, sehr reichhaltiger „Teutscher Sprachschatz“ (Nürnb. 1691). Im 18. Jahrh. gab zuerst Steinbach sein ebenfalls nach Wurzeln und Stämmen geordnetes „Vollständiges deutsches Wörterbuch“ (Bresl. 1734, 2 Bde.) heraus, das aber durch das dem Forscher noch heute nützliche „Teutsch-Lateinische Wörterbuch“ von Frisch (Berl. 1741, 2 Bde.) verdunkelt wurde. Schon letzterer suchte dadurch, daß er die zusammengesetzten Wörter unter das erste Wort der Zusammensetzung in ihrer Reihenfolge ordnete, sich der rein alphabetischen Ordnung zu nähern; streng und entschieden durchgeführt wurde dieselbe aber zuerst von J. Chr. Adelung in seinem großen „Grammatisch-kritischen Wörterbuch der hochdeutschen Mundart“ (Leipz. 1774–86, 5 Bde.; 2. Aufl. 1793–1802, 4 Bde.), dem er ein „Kleines Wörterbuch für die Aussprache, Orthographie, Biegung und Ableitung“ (das. 1788, 2. Ausg. 1790) und einen Auszug aus dem Hauptwerk (das. 1793–1802, 4 Bde.) nachfolgen ließ. Auch K. Phil. Moritz begann ein „Grammatisches Wörterbuch der deutschen Sprache“ (von Stutz, Stenzel und Vollbeding vollendet; Berl. 1793–1800, 4 Bde.). An Gehalt tief unter Adelungs großem Werk stehen Voigtels „Versuch eines hochdeutschen Handwörterbuches“ (Halle 1793–95, 3 Bde.) und „Handwörterbuch der deutschen Sprache“ (das. 1804), wie nicht minder das „Wörterbuch der deutschen Sprache“ von Campe (Braunschw. 1807–11, 5 Bde.) das wieder dem „Volkstümlichen Wörterbuch der deutschen Sprache“ von Heinsius (Hannov. 1818–20, 4 Bde.) zu Grunde liegt. Die folgenden Jahre brachten eine Reihe deutscher Wörterbücher, die aber fast alle tiefere Sachkenntnis und eine erschöpfende Behandlung des Gegenstandes mehr oder minder vermissen lassen, trotzdem, daß bereits seit 1822 durch J. Grimm eine deutsche Philologie sich entfaltet hatte und blühte. Diese sind: Örtels „Grammatisches Wörterbuch der deutschen Sprache“ (Münch. 1830, 2 Bde.); das „Handwörterbuch der deutschen Sprache“ von J. Chr. Aug. Heyse und dessen Sohn K. W. L. Heyse (Magdeb. 1833–49, 2 Bde.); das „Gesamtwörterbuch der deutschen Sprache“ von Kaltschmidt (Leipz. 1834); das „Kurze deutsche Wörterbuch für Etymologie, Synonymik und Orthographie“ von Schmitthenner (Darmst. 1834, 2. Aufl. 1837); das „Wörterbuch der deutschen Sprache“ von K. Schwenck (Frankf. 1834, 2. Aufl. 1856); das „Handwörterbuch der deutschen Sprache“ von Weber (15. Aufl., Leipz. 1883); das „Handwörterbuch der deutschen Sprache“ von Chr. Wenig (7. Aufl., Köln 1884) und das „Vollständigste Wörterbuch der deutschen Sprache“ von W. Hoffmann (Leipz. 1852–61, 6 Bde.). Alle diese Werke in Schatten stellend, erscheint seit 1852 das „Deutsche Wörterbuch“ von Jak. und Wilh. Grimm, ein wahrhaft vaterländisches Werk, das, seit dem Tode der Begründer in deren Geist von R. Hildebrand, K. Weigand, M. Heyne und M. Lexer fortgeführt, den gesamten neuhochdeutschen Sprachschatz von etwa 1470 an bis auf die Gegenwart in sich aufnimmt. Neben diesem Werk sind aus neuester Zeit noch mit Achtung zu nennen: das „Wörterbuch der deutschen Sprache“ von D. Sanders (Leipz. 1860–65, 3 Quartbände), dessen „Handwörterbuch der deutschen Sprache“ (3. Aufl., das. 1883) und „Ergänzungswörterbuch“ (Stuttg. 1879 ff.); Dieffenbach-Wülckers „Hoch- und niederdeutsches Wörterbuch der ältern und mittlern Zeit zur Ergänzung der vorhandenen Wörterbücher“ (Frankf. u. Basel 1874–85); Kluges „Etymologisches Wörterbuch“ (Straßb. 1882) und als das beste der kleinern Werke das „Deutsche Wörterbuch“ von K. Weigand (4. Aufl., Gießen 1882). Synonymiken gaben Eberhard („Versuch einer allgemeinen deutschen Synonymik“, Halle 1795–1802, 6 Bde.; 4. Aufl. von Meyer, Leipz. 1853, und „Synonymisches Handwörterbuch“, das. 1802; 13. Aufl. von Lyon und Wilbrandt, das. 1882), Weigand („Wörterbuch der deutschen Synonymen“, 2. Aufl., Mainz 1852, 2 Bde.), Meyer („Handwörterbuch deutscher sinnverwandter Wörter“, 5. Aufl., Leipz. 1863) und Sanders („Wörterbuch deutscher Synonymen“, 2. Aufl., Hamb. 1882). – Die Geschichte der deutschen Sprache schrieben: J. Grimm („Geschichte der deutschen Sprache“, 4. Aufl., Berl. 1880), H. Rückert („Geschichte der neuhochdeutschen Schriftsprache“, Leipz. 1875, 2 Bde.) und Behaghel („Die d. S.“, das. 1885). Vgl. dazu auch R. v. Raumer, Geschichte der germanischen Philologie, vorzugsweise in Deutschland (Münch. 1870).

Schließlich haben wir noch die deutsche Schrift zu erwähnen, über die uns J. Grimm in der Vorrede zum „Deutschen Wörterbuch“ (Bd. 1) schätzbare Aufschlüsse gibt. Die alten Deutschen bedienten sich einer auf gemeinsame Grundformen hinweisenden Buchstabenschrift, der sogen. Runenschrift. Diese Runen (runa, „Geheimnis“), die älteste nationale Schrift der Deutschen, bestanden in senkrechten und schrägen, an oder durch die Senkrechte gesetzten Linien, eine Einrichtung, welche die Schrift augenscheinlich dem Material verdankte (Stein, Holz, Metall), in welches die Runen gerissen oder geritzt wurden. Die Runenschrift findet sich auf einigen uralten goldenen Geräten angewendet, auch in Handschriften nach der Reihenfolge der Buchstaben mit den Namen derselben verzeichnet. Im Nordischen blieb diese Runenschrift länger im Gebrauch. Durch das Christentum ward, wie so vieles andre Nationale, auch diese Schrift verdrängt, da sie, vielfach zur Wahrsagerei [790] und Zauberei mißbraucht, den christlichen Aposteln ein Greuel sein mußte. An ihre Stelle trat bei den Goten Ulfilas’ Schrift, welche derselbe mit Benutzung der Runenschrift auf der Grundlage der griechischen bildete, bei den andern germanischen Stämmen das lateinische, d. h. das christliche, Alphabet. Mit dieser neuen Schrift kam auch das fremde Wort „schreiben“ (lat. scribere) auf. Die lateinische Schrift verlor aber durch die schnörkelnde Hand der Mönche ihre ursprüngliche runde Gestalt, und so entstand unsre deutsche (sogen. gotische) Schrift, die ihre endgültige, noch jetzt bestehende Form übrigens durch keinen Geringern als A. Dürer empfing. J. Grimm verdammt bekanntlich wie diese sogen. deutsche Schrift, so auch die großen Anfangsbuchstaben (Majuskeln) der Substantiva, die sich in griechischen und lateinischen Büchern, namentlich auch in deutschen Handschriften des Mittelalters und noch in den Drucken des 15., zum Teil des 16. Jahrh., nur im Beginn der Sätze und Reihen und bei Eigennamen angewendet finden, wobei sich aber Spuren ihres Gebrauchs bis ins 14. und 13. Jahrh. hinauf bei Urkundenschreibern zeigen, denen geringere Sprachkunde beiwohnte als den Abschreibern der Bücher. Erst im Lauf des 16. Jahrh. drang diese schwankende Anwendung der großen Buchstaben in unsre Drucke, und zwar gab man sie außer den Eigennamen erst den Appellativen, allmählich den sächlichen und abstrakten, endlich allen und jeden Substantiven, ein Gebrauch, der sich endlich im 17. Jahrh., also zu einer Zeit, in welcher unsre Sprache und Litteratur im tiefsten Verfall waren, recht eigentlich und, wie es scheint, für immer festsetzte. Zum ganzen Artikel vgl. Bahder, Die deutsche Philologie im Grundriß (Paderb. 1882).


Ergänzungen und Nachträge
Band 17 (1890), Seite 230
korrigiert
Indexseite

[230] Deutsche Sprache. Zur Litteratur: Braune, Althochdeutsche Grammatik (Halle 1886); Socin, Schriftsprache u. Dialekt im Deutschen (Heilbr. 1887); Paul u. a., Grundriß der german. Philologie (Straßb. 1889 ff.). Ein auf drei Bände berechnetes „Deutsches Wörterbuch“, bearbeitet von Moritz Heyne, erscheint seit 1889.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Po-|station
  2. Vorlage: 1584