MKL1888:Eichhörnchen

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Meyers Konversations-Lexikon
4. Auflage
Seite mit dem Stichwort „Eichhörnchen“ in Meyers Konversations-Lexikon
Band 5 (1886), Seite 361362
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Eichhörnchen. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1885–1890, Band 5, Seite 361–362. Digitale Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/wiki/MKL1888:Eichh%C3%B6rnchen (Version vom 15.09.2022)

[361] Eichhörnchen (Sciurus Cuv.), Säugetiergattung aus der Ordnung der Nagetiere und der Familie der Eichhörnchen (Sciuridae), schlank gebaute Tiere mit langem, meist buschigem, oft zweizeilig behaartem Schwanz, langen, meist mit einem Haarpinsel geschmückten Ohren, langen, gekrümmten Krallen an den fingerartigen Zehen und einem Nagel auf der Daumenwarze. Das gemeine E. (S. vulgaris L., s. Tafel „Nagetiere I“), 25 cm lang, mit 20 cm langem, sehr buschigem, zweizeiligem Schwanz, 10 cm hoch, im Sommer oberseits bräunlichrot, an den Kopfseiten grau gemischt, unterseits weiß, im Winter oberseits braunrot mit Grauweiß gemischt, im hohen Norden häufig weißgrau, bisweilen auch bei uns ganz schwarz mit weißem Bauch, auch ganz weiß oder gescheckt, mit langen Ohrpinseln, findet sich in ganz Europa, im südlichen Sibirien bis zum Altai und nach Hinterasien in Laub- und Nadelwäldern. Es frißt alle Arten von Kernen und Samen, besonders von Nadelhölzern, Knospen, junge Triebe, Schwämme u. dgl., indem es auf den Hinterbeinen sitzt, den Zapfen oder die Nuß mit den Vorderfüßen zum Mund führt und den Schwanz auf den Rücken schlägt. Es jagt aber auch kleine Säugetiere und Vögel, plündert alle Nester und raubt Obst. Es sammelt Wintervorrat in Baumhöhlen, selbstgegrabenen Löchern unter Gebüsch und Steinen, baut ein geschlossenes Nest mit zwei Ausgängen aus Reisig und Moos in Astwinkel, bisweilen zwei bis vier, oder macht sich auch zu kürzerm Aufenthalt ein Krähen-, Elstern- oder Raubvogelnest oder eine Höhlung in einem Baumstamm zurecht. Das E. ist ungemein munter, klettert meisterhaft und bewegt sich auch auf dem Boden in großen Sprüngen sehr schnell vorwärts. Im Norden macht es weite Wanderungen über Steppen und Gebirge, um Nahrung zu suchen. Im Winter verweilt es viel in den Nestern und verläßt dieselben nur, wenn der Hunger es treibt. Die E. paaren sich im März, und das Weibchen wirft nach vier Wochen 3–7 blinde Junge. Letztere saugen vier Wochen und sind gegen den Herbst fast ausgewachsen. Im Juni hat die Alte bereits zum zweitenmal Junge, und im Herbst schlagen sich oft beide Gehecke zusammen. Die E. richten bei starker Vermehrung durch Ausfressen der Holzsaat und der jungen Baumknospen sowie durch Benagen der Rinde und Stehlen des Obstes Schaden an; auch vertilgen sie viele kleine nützliche Singvögel. Ihr Hauptfeind ist der Edelmarder, auch andre Raubtiere und Raubvögel stellen ihnen nach. Die charakteristische Spur des Eichhörnchens mit den langen, gespreizten Zehen zeigt die Figur.

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Eichhornspur.

Die grauen Winterpelze (bei den Kürschnern Grauwerk, Fehe, Fehbäuche genannt) werden zu Verbrämungen, Muffen, Kragen u. dgl. benutzt und kommen [362] besonders von Rußland aus in den Handel. Die Schwanzhaare dienen zu Malerpinseln. Verschiedene Teile des Eichhörnchens werden auf dem Land noch jetzt als Heilmittel fürs Vieh benutzt. Jung aufgezogen, werden sie leicht zahm und ergötzen dann durch ihre flinken, drolligen Bewegungen. Doch ist ihnen im Alter keineswegs zu trauen, denn sie beißen, wenn sie geneckt werden, ganz empfindlich. Ihr Fleisch wird hier und da auch gegessen. Das graue E. (S. cinereus L., S. virginianus Brisson), in den Eichen- und Hickorywäldern in Pennsylvanien und in einigen Gegenden am Missouri häufig, ist 30 cm lang, an den obern Teilen rotgrau, an allen untern Teilen weiß, mit schwarz, weiß und rotgrau geringeltem, 26 cm langem Schwanz, liefert das unter dem Namen Petit gris nach Europa kommende Pelzwerk. Das weißohrige E. (S. leucotus L.), in Nordamerika, ist grau oder schwarz, am Bauch weißlich, mit runden, auf beiden Seiten behaarten Ohren. Diese E. vermehren sich ungemein stark und richten zuweilen auf Feldern und in Gärten großen Schaden an; in manchen Jahren unternehmen sie in ungeheuern Scharen weite Wanderungen, immer nach Südosten vordringend und alles auf ihrem Weg verwüstend. Zur Familie der E. gehört auch die Gattung Erd- oder Backenhörnchen (Tamias Illig.). Diese Tierchen bilden gewissermaßen den Übergang zu den Zieseln, haben Backentaschen, die bis zum Hinterhaupt reichen, kürzere Beine als das E., sind mehr auf den Boden gebannt, haben einen dünn behaarten Schwanz und gewöhnlich scharfe Längsstreifen auf dem kurzen, nicht sehr reichen Pelz. Der Burunduk (sibirisches Backenhörnchen, T. striatus L.) ist 15 cm lang, mit 10 cm langem Schwanz, nicht über 5 cm hoch, etwas kräftiger gebaut als unser E., mit wenig vorstehender, rundlicher Nase, kleinen Ohren und ziemlich starken Gliedmaßen, ist gelblich mit fünf schwarzen Binden auf dem Rücken, unten gräulichweiß, der Schwanz oben schwärzlich, unten gelblich, lebt in Wäldern Nordasiens und Osteuropas in kunstlosen Höhlen mit Vorratskammern unter Baumwurzeln und hält einen häufig unterbrochenen Winterschlaf. Es nährt sich von Früchten und Samen, schleppt davon große Quantitäten zusammen und richtet in den Scheunen nach Art der Mäuse großen Schaden an. Sein Pelzwerk findet in China Absatz. Die Flug- oder Nachthörnchen (Pteromys G. Cuv.) haben zwischen Vorder- und Hintergliedmaßen von der Hand- und Fußwurzel an eine oben und unten dicht behaarte Flughaut, deren vorderes Ende durch einen knöchernen Sporn an der Handwurzel gestützt wird. Der Schwanz ist rund oder zweizeilig behaart, glatt. Der Taguan (P. petaurista F. Cuv.), 60 cm lang, mit 55 cm langem, sehr dickem, buschig behaartem Schwanz und 20 cm hoch, ist gestreckt gebaut, mit kurzem Hals, verhältnismäßig kleinem Kopf, kurzen, breiten Ohren und großen Augen, ist oben schwarzgrau, unten schmutzig weißgrau mit schwarzem Gesicht und Schwanz, lebt in Malabar, Malakka und Siam, weilt bei Tag in hohlen Bäumen, sucht bei Nacht seine Nahrung und macht mit Hilfe der Flatterhaut sehr weite Sprünge. Das gemeine Flattereichhorn (Ljutaga, P. vulgaris Wagn.), 16 cm lang, mit 13 cm langem Schwanz, ist oben fahlbraun, unten weiß, bewohnt den nördlichen Teil von Osteuropa und fast ganz Sibirien, findet sich nur in Birken- oder gemischten Waldungen, in welchen doch Birken vorkommen, schläft am Tag in hohlen Bäumen, durchfliegt Entfernungen von 20–30 m, frißt Knospen, Sprößlinge, Kätzchen der Birken, im Notfall auch Knospen und junge Triebe der Fichten. Im Herbst bewohnt es gesellig ein einziges großes Nest. Es wird wegen seines Pelzes, welchen die Chinesen verwerten, gejagt. – Das Wort Eichhorn (althochd. Eichorne, niederd. Eker) ist fremden Ursprungs (wahrscheinlich vom franz. écurien, d. h. lat. sciurus) und an Eiche und Horn nur angelehnt, um es volksverständlich umzubilden.