MKL1888:Jacōbi

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Meyers Konversations-Lexikon
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Jacōbi. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1888–1889, Bd. 9, S. 114. Digitale Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=MKL1888:Jac%C5%8Dbi&oldid=- (Version vom 30.04.2016)

Jacōbi, 1) Johann Georg, Dichter, geb. 2. Sept. 1740 zu Düsseldorf, widmete sich in Göttingen dem Studium der Theologie und Philologie, insbesondere auch der Lektüre englischer, italienischer und spanischer Schriftsteller, habilitierte sich 1765 zu Halle als Professor der Philosophie und Beredsamkeit und trat hier mit Gleim in ein inniges Freundschaftsverhältnis. Durch diesen erhielt er 1769 eine Stiftsstelle in Halberstadt. In Düsseldorf, wohin er sodann übersiedelte, gab er unter Gleims Mitwirkung seine „Iris“ (1774–76, 8 Bde.), eine Zeitschrift für das schöne Geschlecht (mit Beiträgen von Goethe, F. H. Jacobi, Lenz, Heinse, Sophie La Roche u. a.), heraus. 1784 folgte er einem Ruf Josephs II. als Professor der schönen Wissenschaften nach Freiburg i. Br., wo er 4. Jan. 1814 starb. Eine von ihm selbst veranstaltete Ausgabe seiner sämtlichen Werke erschien Zürich 1807–13, 7 Bde. (neue Aufl. 1825, 4 Bde.), dazu als 8. Band: „Leben J. G. Jacobis, von einem seiner Freunde“ (A. v. Ittner, das. 1822). J. hatte sich nach französischen Mustern, vornehmlich Gresset und Chaulieu, gebildet und erhob sich erst in seinen spätern Jahren in seinen Gedichten zu selbständigerer, männlich kräftiger Haltung. „Ungedruckte Briefe von und an J. G. J.“ veröffentlichte Martin (Straßb. 1874). Vgl. Rotteck, Gedächtnisrede auf J. (Freiburg 1814).

2) Friedrich Heinrich, Philosoph und Schriftsteller, Bruder des vorigen, geb. 25. Jan. 1743 zu Düsseldorf, widmete sich nach dem Willen seines Vaters dem Handelsstand. Von Kindheit an war er, wie er selbst an Merck schrieb, „Schwärmer, Phantast, [115] Mystiker“. In Genf, wohin er später kam, für die Wissenschaft gewonnen, widmete er sich ihr seit seiner Ernennung zum Mitglied der jülich-bergischen Hofkammer ausschließlich. Sein älterer Bruder machte ihn mit Wieland bekannt; auch kam er in freundschaftliche Berührung mit Hemsterhuis, Hamann, Herder, Lessing, vor allen mit Goethe. Nach dem 1784 erfolgten Tod seiner geistreichen Frau Betty, einer gebornen v. Clermont aus Vaels bei Aachen, zog er sich von aller öffentlichen Thätigkeit zurück und lebte, um der Nähe des revolutionären Frankreich zu entgehen, abwechselnd zu Hamburg, Eutin und Wandsbeck, folgte aber 1804 einem Ruf als Präsident der 1807 eröffneten Akademie der Wissenschaften nach München, wo er 10. März 1819 starb. Seine bedeutendsten Werke sind: „Woldemar“ (Flensburg 1779, 2 Bde.; Ausg. letzter Hand, Leipz. 1826); „Eduard Alwills Briefsammlung“ (Bresl. 1781, neue Aufl. 1792, Ausg. letzter Hand 1826); „Über die Lehre des Spinoza, in Briefen an Mendelssohn“ (das. 1785, 3. Aufl. 1789); „David Hume über den Glauben, oder Idealismus und Realismus“ (das. 1787); „Sendschreiben an Fichte“ (Hamb. 1799); „Über das Unternehmen des Kritizismus, die Vernunft zu Verstand zu bringen“ (das. 1801); „Über gelehrte Gesellschaften, ihren Geist und Zweck“ (Münch. 1804); „Von den göttlichen Dingen und ihrer Offenbarung“ (Leipz. 1811, 2. Aufl. 1822). Jacobis Werke erschienen gesammelt Leipzig 1812–24, 6 Bde. Sein „Auserlesener Briefwechsel“ wurde von Roth (Leipz. 1825–27, 2 Bde.), sein Briefwechsel mit Goethe von Max J. (das. 1847), der mit Hamann von Gildemeister (im 5. Band von „Hamanns Leben und Schriften“, Gotha 1868), seine „Briefe an Friedr. Bouterwek 1800–1819“ von Mejer (Götting. 1868) herausgegeben. Ferner veröffentlichte Zöppritz: „Aus F. H. Jacobis Nachlaß“ (Leipz. 1869, 2 Bde.).

J. war ein geistreicher Mann und liebenswürdiger Charakter, neben dem Philosophen auch Weltmann und Dichter, daher in seinem Philosophieren ohne strenge logische Ordnung, ohne präzisen Gedankenausdruck. Seine Schriften sind kein systematisches Ganze, sondern Gelegenheitsschriften, „rhapsodisch, im Heuschreckengang“, meist in Brief-, Gespräch-, auch Romanform verfaßt. Will die Philosophie mit endlichem Verstand Unendliches erfassen, so muß sie das Göttliche zu einem Endlichen herabsetzen, und in diesen Fehler verfällt alle Philosophie, sobald sie versucht, das Unendliche zu begreifen oder zu beweisen. Solange wir begreifen und beweisen wollen, müssen wir über jedem Gegenstand noch einen höhern, der ihn bedingt, annehmen; wo die Kette des Bedingten aufhört, da hört auch das Begreifen und Demonstrieren auf; ohne das Demonstrieren aufzugeben, kommen wir auf kein Unendliches. Mithin ist es gar nicht zu verwundern, daß die Philosophie als eine demonstrative Wissenschaft nicht im stande ist, das Dasein Gottes zu beweisen; sie muß zum Atheismus, Mechanismus und Fatalismus führen, weil das demonstrative Wissen alles andre, nur nicht das Unendliche, Unbedingte erfassen und in sich aufnehmen kann. Aber Gewißheit, die begriffen werden soll, verlangt eine andre Gewißheit, die keiner Gründe und Beweise bedarf, ja schlechterdings alle Beweise ausschließt. Ein solches Fürwahrhalten, das nicht aus demonstrierenden Beweisen entspringt, ist eben der Glaube; von ihm geht alles Wissen des Sinnlichen wie des Übersinnlichen als von der höchsten Instanz aus. Derselbe besteht in der innern Nötigung, das Vorhandensein gewisser Dinge und Zustände außer sich anzunehmen; er beruht auf einer unmittelbaren Einwirkung jener Dinge auf unsern Geist. Insofern sich diese Rezeptivität auf übersinnliche Objekte bezieht, wird sie „Vernunft“ (von „vernehmen“) genannt und als ein höheres Vermögen dem Verstand entgegengestellt, da sie nicht (wie dieser) erklärend oder diskursiv begreifend, sondern positiv offenbarend, unbedingt entscheidend ist. Wie es eine sinnliche Anschauung gibt, so gibt es auch eine rationale Anschauung (Idee) durch die Vernunft, gegen welche ebensowenig eine Demonstration gilt wie gegen die Sinnesanschauung. J. tadelt nicht nur, daß Kant darüber klagt, daß die menschliche Vernunft die Realität ihrer Ideen nicht theoretisch darzuthun vermöge, sondern verteidigt ihm gegenüber auch die Wahrhaftigkeit der Sinneswahrnehmung und leugnet die Apriorität der Begriffe von Raum und Zeit. Einverstanden mit Kant ist J. nur darin, daß der Verstand als solcher unzureichend sei, das Übersinnliche zu erkennen; die nachkantische Philosophie ist ihm als „atheistisch“ anstößig. Mit Schelling geriet er durch seine Schrift „Von den göttlichen Dingen und ihrer Offenbarung“ in einen von beiden Teilen mit Erbitterung geführten Streit. Jacobis Schwäche bestand darin, daß er, statt mit dem Kopf, mit dem Herzen Metaphysik treiben wollte. Er sah richtig ein, daß alles Beweisen ein unmittelbar Gewisses als Ausgangspunkt voraussetzte, und war mit Hume sowohl als mit Hutcheson, Hemsterhuis u. a. darin einverstanden, daß in den Wahrnehmungen des äußern wie in den Aussprüchen des innern (moralischen, ästhetischen) Sinnes des menschlichen Geistes ein solches gegeben sei. In ersterer Hinsicht war seine Philosophie empirischer, in letzterer moralischer und ästhetischer Sensualismus; Quell der Erkenntnis des existierenden Sinnlichen ist die Sinnlichkeit, des Guten und Schönen die „schöne Seele“ (Herz, Gemüt). Aber er irrte darin, daß er die Aussprüche der letztern, die nur rücksichtlich des Wertes gewisser Objekte untrüglich sind, auch rücksichtlich der Existenz derselben für untrüglich hielt und sich nicht begnügte, aus denselben den unbedingten Wert des Guten und Schönen zu folgern, sondern die wirkliche Existenz desselben in der Gestalt des Ideals von Güte und Schönheit, d. h. der Gottheit, erweisen zu können wähnte. Durch den Doppelsinn des Wortes „Sinn“ verlockt, machte er die „Vernunft“ aus einem ästhetischen und moralischen Sinn, der Schönes vom Häßlichen, Gutes vom Bösen unterscheidet, zu einem theoretischen, der (wie der äußere Sinn das sinnliche) das übersinnliche Seiende unmittelbar gewahrt. Der Besitz eines solchen „Wahrnehmungsvermögens des Übersinnlich-Realen“ ist psychologisch nicht zu erweisen, daher dessen Annahme willkürlich und unhaltbar. Das „dunkle Gefühl“ aber für das Gute und Schöne, dessen Inhalt sich nicht zum Bewußtsein erheben läßt, reicht nicht einmal hin, einer Wissenschaft vom Guten und Schönen (Ethik und Ästhetik), geschweige einer solchen vom Seienden (Metaphysik) zur Grundlage zu dienen. Indessen hat ihm die Berufung auf die „schöne Seele“ nicht nur alle, die sich einer solchen gern zu rühmen pflegen, sondern auch alle diejenigen zu Freunden gemacht, welche in Kants Attentat auf die Beweise für das Dasein Gottes ein solches auf dieses selbst sahen und durch die Unmündigkeitserklärung der Vernunft die edelsten Güter des Herzens gefährdet glaubten. So haben sich ihm nicht nur vorzüglich Frauen (wie die Fürstin Galizyn u. a.), sondern auch ideal gestimmte Gemüter, wie z. B. Fries (der seine Philosophie mit jener Kants verband), Köppen, [116] Weiller u. a., angeschlossen. Zu seinen Schülern, die seine Philosophie in ein System zu bringen versuchten, gehören Salat, Ancillon, Bouterwek, Calker, Kuhn, Rembold, Lichtenfels, Jäger, A. Müller, im weitern Sinn selbst Krug u. a. Vgl. Kuhn, J. und die Philosophie seiner Zeit (Mainz 1834); Deycks, J. im Verhältnis zu seinen Zeitgenossen (Frankf. 1848); Zirngiebl, Jacobis Leben, Dichten und Denken (Wien 1867); Harms, Über die Lehre von F. H. J. (Berl. 1876).

3) Moritz Hermann von, Techniker und Physiker, geb. 21. Sept. 1801 zu Potsdam, widmete sich dem Baufach, lebte als Baumeister in Königsberg, erhielt 1835 die Professur der Zivilbaukunst in Dorpat, ward 1837 nach Petersburg berufen und hier zum Staatsrat und Mitglied des Manufakturkonseils beim Finanzministerium ernannt, auch in den Adelstand erhoben. J. ist Erfinder der Galvanoplastik (1838), er bemühte sich um die Anwendung des Elektromagnetismus zum Betrieb von Maschinen und stellte mit Augeraud im großen Maßstab Versuche mit dem elektrischen Licht an. Er starb 10. März 1874 in Petersburg. Außer zahlreichen Abhandlungen in den Memoiren der Petersburger Akademie schrieb er: „Die Galvanoplastik“ (Petersb. 1840); „Mémoire sur l’application de l’électromagnétisme au mouvement des machines“ (Potsd. 1835). Vgl. Wild, Zum Gedächtnis an J. (Leipz. 1876).

4) Karl Gustav Jakob, Mathematiker, Bruder des vorigen, geb. 10. Dez. 1804 zu Potsdam, studierte in Berlin, wurde 1824 Privatdozent für Mathematik an der Universität daselbst, ging hiernach auf Anregung des Ministeriums nach Königsberg, wo er 1827 eine außerordentliche und 1829 die ordentliche Professur der Mathematik erhielt. Nachdem er hier sein Amt 1842 aus Gesundheitsrücksichten niedergelegt hatte, lebte er in Berlin und hielt Vorlesungen an der dortigen Universität. Er starb 18. Febr. 1851. J. hat auf den verschiedensten Gebieten der Mathematik selbständig gearbeitet, seine berühmteste Arbeit aber ist die im Verein mit Abel geschaffene Theorie der elliptischen Funktionen. Außerdem sind seine Leistungen auf den Gebieten der Zahlentheorie und der analytischen Mechanik von hoher Bedeutung. Er schrieb: „Fundamenta nova theoriae functionum ellipticarum“ (Königsb. 1829); „Canon arithmeticus“ (Berl. 1839) und „Mathematische Werke“ (das. 1846–71, 3 Bde.). Aus seinem Nachlaß veröffentlichte Clebsch: „Vorlesungen über Dynamik“ (Berl. 1866). Seine „Gesammelten Werke“ in 6 Bänden werden von der Berliner Akademie herausgegeben (Berl. 1881 ff.).

5) Justus Ludwig, protest. Theolog, geb. 12. Aug. 1815 zu Burg bei Magdeburg, studierte seit 1834 in Halle, darauf in Berlin, wurde daselbst 1847 außerordentlicher, in Königsberg 1851 ordentlicher Professor in der theologischen Fakultät; 1855 folgte er einem Ruf nach Halle. Unter seinen Schriften nennen wir: „Die kirchliche Lehre von der Tradition und Heiligen Schrift in ihrer Entwickelung“ (Berl. 1847, Abteil. 1); „Lehrbuch der Kirchengeschichte“ (das. 1850, Teil 1); „Die Lehre der Irvingiten“ (das. 1853, 2. Aufl. 1868); „Die Jesuiten“ (Halle 1862); „Erinnerungen an D. August Neander“ (das. 1882).

6) Abraham, Arzt und medizin. Schriftsteller, geb. 6. Mai 1830 zu Hartum in Westfalen, studierte zu Greifswald, Göttingen und Bonn Medizin, wurde 1851 in den rheinischen Kommunistenprozeß verwickelt und zu Gefängnishaft verurteilt und wandte sich, nachdem er 1853 auf freien Fuß gesetzt war, nach New York, wo er sich als praktischer Arzt niederließ und bald auch eine umfassende Thätigkeit als Lehrer und Schriftsteller entfaltete. Er ist gegenwärtig Professor am Medicinal College und College of Physicians zu New York sowie Präsident der State Medical Society des Staats New York. Er veröffentlichte: „Contributions of obstetrics and uterine and infantile pathology in 1858“ (mit E. Nöggerath, New York 1859); „Dentition and its derangements“ (das. 1862); „The raising and education of abandoned children in Europe“ (das. 1870); „Treatise on diphtheria“ (1881) u. a.