MKL1888:Laubholzzone

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Meyers Konversations-Lexikon
4. Auflage
Seite mit dem Stichwort „Laubholzzone“ in Meyers Konversations-Lexikon
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Band 19 (Supplement, 1892), Seite 573575
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Laubholzzone. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1885–1890, Band 19, Seite 573–575. Digitale Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/wiki/MKL1888:Laubholzzone (Version vom 03.03.2024)

[573] Laubholzzone, der vorwiegend aus laubabwerfenden Bäumen gebildete Waldgürtel, der sich auf der nördlichen Halbkugel mit mehr oder weniger ausgedehnten Beständen zwischen die Zone der winterharten Nadelhölzer (s. Nadelholzzone) und die Zone der immergrünen, Wärme liebenden Gehölze (s. Waldpflanzen und Immergrüne Gehölze) einschaltet. Die L. zerfällt in Europa in zwei Hauptgebiete, welche nach der tonangebenden Baumart als Buchen- und als Eichenzone unterschieden werden können; die Vegetationsgrenze der Rotbuche trennt die beiden Abschnitte, von denen der westliche entschiedenes Seeklima, der östliche ausgesprochenes Kontinentalklima besitzt. Die genannte Linie verläuft vom südlichen Norwegen (60° nördl. Br.), Schweden (unter 59° im W. und 57° im O.), unweit Königsberg durch das östliche Polen steil nach S., dann durch Galizien, Wolhynien, Podolien nach Bessarabien, wo sie nördlich von Kischinew ihren südlichsten Punkt erreicht. Jenseit der südrussischen Steppe tritt die Buche wieder in der Krim sowie in den höhern Gebirgsregionen des Kaukasus auf und verbreitet sich von hier nach den nordpersischen Gebirgen, wo sie den östlichsten Punkt ihrer zusammenhängenden Verbreitung erreicht; noch weiter östlich tritt sie erst wieder in Japan in zwei verwandten Formen (Fagus Sieboldi) auf; auch Nordamerika hat eine eigne boreale Buchenart (F. ferruginea). Unter den Eichenarten geht in Europa die Stieleiche (Quercus pedunculata) am weitesten nach N. und erstreckt sich von der Westküste Norwegens (unter 62° nördl. Br.) durch Schweden (60°) und Finnland (61°) über Petersburg quer durch Rußland (58–57°) östlich bis zum Flusse Ufa, ohne das Uralgebirge zu überschreiten; der Haselnußstrauch (Corylus avellana) ist ihr getreuer Begleiter, während die Traubeneiche (Quercus sessiliflora) eine abweichende Ostgrenze besitzt; dieselbe folgt zunächst dem Laufe des Bug, zieht sich dann an dem Dnjestr entlang und tritt schließlich auf die Gebirge der Krim, des Kaukasus und Nordpersiens über. Die Eichennordgrenze liegt an der nordamerikanischen Westküste am Nutkasund; im Innern von Kanada kommen Eichen (Q. stellata) bis zum Südrande des Winnipegsees in großen Beständen vor, an der Ostküste enden sie mit Q. alba ungefähr bei Quebec; keine einzige Eichenart tritt übrigens aus der Neuen in die Alte Welt über. Den Buchen und Eichen der borealen L. mischen sich Arten von Ulmus (Rüster), Acer (Ahorn), Fraxinus (Esche) und Tilia (Linde) als charakteristische Elemente bei; Tilia parvifolia erreicht ihre Nordgrenze in Europa längs einer Linie, die zwischen 62° und 58,5° nördl. Br. bis zum Uralgebirge verläuft, welches sie überschreitet, um über Tobolsk und Tomsk das Amur- und Ussurigebiet zu erreichen. Der mitteleuropäische Laubholzgürtel wird ferner durch die Vegetationslinie der Edeltanne (Abies pectinata), die von Polen aus über Schlesien, Sachsen, dann um den Harz herum zum Nordsaum des rheinischen Schiefergebirges verläuft und sich von da bis zur Bretagne südwestwärts senkt, in zwei pflanzengeographische Abschnitte geschieden, von denen der nördliche ungefähr mit dem baltischen Gebiet, der südliche mit der zentralen Mittelgebirgsregion zusammenfällt. Innerhalb der Laubwaldzone des westlichen Frankreich fehlen die Koniferen (außer Juniperus communis) fast ganz; dafür greifen hier die Edelkastanie und die immergrüne Quercus Ilex aus dem Mittelmeergebiet über. Ähnlich verhält es sich in der pontischen Waldregion an der untern Donau, wo Silberlinden, immergrüne Eichen (Q. Cerris und pubescens), verschiedene in Serbien und Bosnien einheimische Koniferen (Pinus Omorica, P. Peuce und leucodermis) als östliche Typen auftreten. Die Südgrenze der europäischen L. verläuft von Nordspanien, wo sie annähernd mit der Nordgrenze der Olive (Olea europaea) zusammenfällt, über das südliche Frankreich zum Südabhang der Alpen, dann quer durch die Balkanländer nach dem südlichen Rußland; hier bildet die Tschernosemsteppe die Grenze, die dann weiter in Asien südlich vom Uralgebirge längs des Nordrandes der westsibirischen und zentralasiatischen Steppen bis zum Amurgebiet sich erstreckt. In Nordamerika beginnt die Südgrenze nördlich von dem Küstengebirge Kaliforniens, folgt [574] dann dem Nord- und Ostrande der Prärien und endet im Ohio- und Mississippigebiet; im SO. der atlantischen Staaten herrscht bereits die immergrüne Formation vor. Als Übergangsglied zwischen letzterer und der laubabwerfenden Baumform erscheint in Europa die sommergrüne Edelkastanie (Castanea vesca), die in naheverwandten oder identischen Formen auch in Japan, Nordamerika und Nordindien auftritt; bei Suchum Kalé an der Küste des Schwarzen Meeres (bei 43° nördl. Br.) soll sie Neigung zu immergrüner Belaubung zeigen und ihre Blätter auch während des Winters vegetationsfrisch erhalten. Ihre europäische Verbreitungsgrenze geht vom südlichen England längs des Rheinthals bis zum Bodensee, als angepflanzter Baum geht sie jedoch weiter nördlich und reift noch im südlichen Schweden bei Skåne (55°) ihre Früchte; im Mittelmeergebiet bilden die Kastanienwälder am Abhang der Berge eine besondere Region.

Der die nördliche Halbkugel rings umziehende Gürtel sommergrüner Wälder schließt streifenförmige oder inselartige, größere oder kleinere Bezirke ein, auf welchen die Pflanzendecke keinen Waldcharakter zeigt; als solche Stellen erscheinen die von gesellig wachsenden Gräsern gebildeten Wiesen, die von Strauchvegetation begleiteten Erlen- und Birkenbrücher, die mit Bürgern der nordischen Tnndrazone oder mit einzelnen, sporadisch auftretenden Alpenpflanzen besiedelten Moore, die vorwiegend mit einer atlantischen Flora besetzten Heiden, die von Ausläufern und Vorposten der östlichen Steppenvegetation bewohnten Pußten Ungarns u. a. In der mitteleuropäischen, durch die Grenze der Edeltanne (s.oben) umschriebenen Hügel- und Bergregion herrschen Tannen-, Buchen- und Fichtenwälder vor; die Stelle der nordischen Weißbirke vertritt die mitteleuropäische Art, dazu kommen als tonangebende Nebenelemente der Bergahorn nebst Sträuchern, wie Sambucus racemosa und Ebulus, Lonicera Xylosteum, Clematis Vitalba u. a., die nur vereinzelt über die Region hinausgreifen. Charakteristische Wald- und Strauchelemente der mitteleuropäischen Hochgebirgsregion sind besonders die Arve oder Zirbelkiefer (Pinus Cembra), verschiedene Formen der Krummholzkiefer (P. uncinata, P. Pumilio und P. Mughus) nebst Alpenrosen und niedrigen Weidensträuchern. In Nordosteuropa beginnen dann sibirische Waldelemente; in den südlichen Ausläufern des Uralgebirges mischen sich die Waldbestände mit der Steppenvegetation (Waldsteppen); weiter ostwärts breiten sich am Nordrande der aralo-kaspischen Steppen weite, moorige Grasebenen mit zerstreuten Birkenwaldinseln und riesigen Doldenstauden aus. In der Waldregion des Altai, deren Ostgrenze etwa am Baikalsee liegt, greift ebenfalls häufig die turkistanische und mongolische Steppe tief in den Wald ein. Letzterer besteht in seiner untersten Lage aus Kiefern mit Birken und Espen, höher aufwärts lösen Lärchen, Fichten, die sibirische Tanne und Zirbelkiefern bis zur Baumgrenze (bei 1360–1700 m) einander ab; die Südabhänge der Gebirgszüge sind hoch hinauf mit Steppenpflanzen besiedelt. Auch weiter östlich begleiten die genannten Baumarten das Jablonowoigebirge, daneben erscheint aber eine größere Zahl westlich nicht vorkommender niederer Pflanzen; auch mischen sich arktische Formen vom Beringmeer und der ochotskischen Küste ein. Endlich im NO. des asiatischen Waldgürtels entwickeln sich auf den niedern Landschaften Kamtschatkas Birkenwälder (Betula Ermanni) neben üppigen Grasfluren, aus denen ähnlich wie in der westsibirischen Birkensteppe Riesenstauden oft weit über Manneshöhe hervorragen.

Auch die amerikanische L. beginnt wie die Europas im N. zunächst mit Eichenwäldern. Die Waldzone des Seengebietes geht an der atlantischen Küste bis Neubraunschweig und südlich bis Philadelphia, bildet am nördlichen Alleghanygebirge eine südliche Aussackung und umspannt im Bogen die großen Seen bis zum Winnipeg im NW. Die Mischung der Waldbestandteile ist eine außerordentlich reichhaltige; neben der amerikanischen Ulme (white elm), Linde (Tilia americana) und Walnuß (Juglans nigra) treten 8 Arten von Eichen, 14 Weiden, 5 Pappeln, je 2 Arten von Erle, Esche und Haselnuß, mehrere mit der Buche verwandte Bäume (Fagus ferruginea, Ostrya virginica, Carpinus americana), außerdem Edelkastanien, die amerikanische Platane (Platanus occidentalis) u. a. auf; dazu kommt eine größere Anzahl von Koniferen, von denen Tsuga canadensis und die Weimutskiefer (Pinus Strobus) besonders tonangebend sind. In dem Winkel zwischen dem Seengebiet und dem Felsengebirge, vor allem im nördlichen Manitoba und am Saskatchewan, erreicht ein Baum des Ostens nach dem andern seine Westgrenze, obgleich die pacifischen Arten noch fehlen; der Wald mischt sich hier mit der Prärievegetation ähnlich wie in Asien zwischen südlichem Ural und Altai mit der Steppe. Im O., S. und W. des Alleghanygebirges sowie im Ohio- und Mississippibecken dehnt sich sommergrüner Laubwald von 42° nördl. Br. bis zu der immergrünen Vegetation der südatlantischen Staaten aus. Hier erreichen Juglans, Carya und Quercus (mit 18 Arten) ihre Hauptentwickelung; auch zwei immergrüne Eichen (Quercus virens und cinerea) dringen als niedrige Strauchformen aus der benachbarten immergrünen Zone Floridas herüber und erreichen nebst dem amerikanischen Ölbaum (Olea americana) hier ihre Nordgrenze. Außerdem erscheinen eine Reihe von Baumformen mit südlicherm Gepräge, wie Magnolia acuminata nebst dem Tulpenbaum (Liriodendron tulipifera), der Querzitronholzbaum (Maclura), mehrere Lorbeerbäume (Sassafras und Lindera Benzoin mit abfallender, Persea carolinensis mit immergrüner Belaubung), mehrere laubabwerfende, baumartige Leguminosen (Gymnocladus, Gleditschia) u. a., die an der atlantischen Küste zum Teil bis zur Chesapeakebai hinaufreichen und am Alleghanygebirge ihre nordwestliche Verbreitungsgrenze finden. Ganz verschieden von diesem atlantischen Walde zeigt sich westlich von dem Präriegebiet und der Salzsteppenregion des Felsengebirges der pacifische Küstenwald Kolumbiens; sein Gebiet wird südlich durch die Vegetationsgrenze der kalifornischen Castanopsis chrysophylla sowie durch den klimatischen Gegensatz zwischen einem sehr niederschlagsreichen Küstengebiet nördlich von 43° nördl. Br. und einer südlichern, äußerst regenarmen Zone deutlich von der kalifornischen Niederung und Bergregion geschieden. Hervorragende Charakterbäume des kolumbischen Küstenwaldes sind die Douglasfichte (Pseudotsuga Douglasii) und andre Koniferen sowie die der deutschen Eiche ähnliche Quercus Garryana, mehrere Ahornbäume u. a. An den Ostabhängen des Kaskadengebirges treten bereits die Baumformen der nördlichen Felsengebirgsregion auf, in der mehrere Kiefern (Pinus ponderosa, contorta, flexilis) und andre Nadelhölzer, ferner einige Eichen-, Pappel- und Weidenarten vorherrschen. Der boreale Laubwald besitzt auf der westlichen und östlichen Halbkugel [575] insofern übereinstimmende Züge, als hier wie dort die Kupuliferen in entsprechenden Arten oder Gattungen von arktotertiärem Ursprung (s. Waldpflanzen) überwiegen; außer durch größere Mannigfaltigkeit der Bestandteile ist der amerikanische Laubwald dadurch von dem europäischen verschieden, daß er eine Reihe südlicherer Elemente besonders an der atlantischen Seite in sich aufnimmt, die in Europa gegenwärtig fehlen.