MKL1888:Pannōnien

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Meyers Konversations-Lexikon
4. Auflage
Seite mit dem Stichwort „Pannōnien“ in Meyers Konversations-Lexikon
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Band 12 (1888), Seite 654
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Pannōnien. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1885–1890, Band 12, Seite 654. Digitale Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/wiki/MKL1888:Pann%C5%8Dnien (Version vom 26.01.2023)

[654] Pannōnien, röm. Donauprovinz, wurde im W. durch den Mons Cetius (Wienerwald) von Noricum, durch die Julischen Alpen von Oberitalien, im S. durch den Sausfluß (Save) von Liburnien, im O. durch den Danubius (Donau) von Dacien und Sarmatien und im N. durch denselben Fluß von Germanien geschieden und umfaßte somit den östlichen Teil von Österreich, Steiermark, einen Teil von Krain, Ungarn zwischen der Donau und Save, Slawonien und den Nordrand von Bosnien. Nach der Unterwerfung Pannoniens durch die Römer wurde es unter Trajan in zwei Hauptteile geteilt; der westliche Teil hieß Oberpannonien (Pannonia superior), der östliche Unterpannonien (P. inferior). Seiner physischen Beschaffenheit nach bildet P. eine große, nur im NW. und S. von Gebirgen umschlossene Ebene, die bloß von niedrigen Hügelreihen durchzogen wird. Als Hauptflüsse sind außer dem Grenzstrom Danubius dessen Nebenflüsse: Arrabo (Raab), Dravus (Drau) mit Murus (Mur) und Saus (Save) mit Colapis (Kulpa) zu nennen. Der bedeutendste See war der Pelso (Plattensee). P. galt für rauh, steinig und wenig ergiebig. Das Holz war das wichtigste Produkt; den Metallreichtum des Landes scheinen die Alten noch nicht gekannt zu haben. Die Einwohner (Pannonier) waren illyrischer Abkunft, ein tapferes, kriegerisches, aber auf sehr niedriger Stufe der Kultur stehendes Volk. Seit dem 4. Jahrh. wanderten keltische Völker ein: Taurisker, Karner, Latoviker im W., Aravisker im NW., Skordisker im S., welche im ersten vorchristlichen Jahrhundert von den gleichfalls keltischen Bojern unterworfen wurden. Seit ca. 50 v. Chr. bildete P. eine Provinz des dacischen Reichs. Den ersten Angriff auf P. machte Augustus (35 v. Chr.), welcher den Süden bis zur Drau eroberte. Als jedoch bald darauf der Kampf Marbods gegen Rom begann, erhoben sich auch die Pannonier wieder und konnten erst nach blutigen Kämpfen unter Anführung des Tiberius (9 v. Chr.) von neuem unterworfen werden. In diesem Verhältnis blieb P. bis zur Zeit der Völkerwanderung; in diesem Zeitraum wurde das Land bedeutend kultiviert, der Verkehr gehoben, die Grenzen gesichert. Mitte des 5. Jahrh. wurde P. von Kaiser Theodosius II. an die Hunnen förmlich abgetreten; nach dem Untergang des Hunnenreichs kam es 453 in den Besitz der Ostgoten, 527 in den der Langobarden, die es um 568 den Avaren überlassen mußten. Die wichtigsten Städte waren in Oberpannonien: Vindobona (Wien), Carnuntum (Ruinen bei Hainburg), Savaria (Stein am Anger), Arrabona (Raab), Siscia oder Segestica (Sissek), Celeja (Cilli); in Unterpannonien: Pötovio (Pettau), Aquincum (Alt-Ofen), Taurunum (Semlin), Mursa (Essek) etc. S. Karte „Germanien“.