MKL1888:Unger

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Meyers Konversations-Lexikon
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Originalseite(n)
1014, 1015

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Unger. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1888–1889, Bd. 15, S. 1014. Digitale Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=MKL1888:Unger&oldid=- (Version vom 18.09.2014)

Unger, 1) Johann Georg, Formschneider, geb. 1715 zu Goos bei Pirna, erlernte in letzterer Stadt die Buchdruckerkunst und trieb zugleich als Autodidakt die Holzschneidekunst. Seit 1740 in Berlin, befaßte er sich von 1757 an ausschließlich mit dem Formschnitt. Unter seinen Arbeiten ist eine Folge von fünf Landschaften hervorzuheben. U. erfand auch eine Druckpresse sowie eine Rammmaschine. Er starb 1788.

2) Johann Friedrich, Buchdrucker, Form- und Stempelschneider, Sohn des vorigen, geb. 1750 zu Berlin, trat in die Fußstapfen seines Vaters und bildete sich zu einem der ausgezeichnetsten Männer seines Faches. Die von ihm erfundene Frakturschrift (Ungersche Schrift) hatte Ähnlichkeit mit der Schwabacher Schrift, war aber geschmackvoller. U. wurde 1800 Professor der Holzschneidekunst an der Berliner Akademie und wirkte in dieser Stellung für die künstlerische Wiederbelebung derselben. Er starb 1804.

3) Franz, Botaniker und Paläontolog, geb. 30. Nov. 1800 auf dem Gut Amthof bei Leutschach in Steiermark, studierte zu Graz, Wien und Prag zuerst die Rechte, dann Medizin, praktizierte seit 1827 als Arzt in Stockerau bei Wien, seit 1830 als Landesgerichtsarzt zu Kitzbühel in Tirol, ward 1836 Professor der Botanik an der Universität Graz, 1850 Professor der Pflanzenphysiologie in Wien, bereiste 1852 Nordeuropa, später den Orient und lebte seit 1866 im Ruhestand auf seinem Landgut bei Graz, wo er 13. Febr. 1870 starb. Er erwarb sich zuerst wesentliche Verdienste um die Paläontologie, wandte sich aber später mehr der Physiologie und Phytotomie zu und förderte namentlich die Lehre von den Zellen und dem Protoplasma. Er schrieb: „Über den Einfluß des Bodens auf die Verteilung der Gewächse“ (Wien 1836); „Über den Bau und das Wachstum des Dikotyledonenstamms“ (Petersb. 1840); „Über Kristallbildungen in den Pflanzenzellen“ (das. 1840); „Grundzüge der Anatomie und Physiologie der Pflanzen“ (das. 1846); „Anatomie und Physiologie der Pflanzen“ (Wien 1855); „Grundlinien der Anatomie und Physiologie der Pflanzen“ (das. 1866); „Synopsis plantarum fossilium“ (Leipz. 1845); „Chloris protogaea, Beiträge zur Flora der Vorwelt“ (das. 1841–1847); „Genera et species plantarum fossilium“ (Wien 1850); „Iconographia plantarum fossilium“ (das. 1852); „Sylloge plantarum fossilium“ (das. 1860); „Die Urwelt in ihren verschiedenen Bildungsperioden“ (das. 1851, 3. Aufl. 1864); „Versuch einer Geschichte der Pflanzenwelt“ (das. 1852); „Geologie der europäischen Waldbäume“ (Graz 1870). Außerdem veröffentlichte er: „Wissenschaftliche Ergebnisse einer Reise in Griechenland und den Ionischen Inseln“ (Wien 1862); „Die Insel Cypern“ (mit Kotschy, das. 1865); „Botanische Briefe“ (das. 1852); „Botanische Streifzüge auf dem Gebiet der Kulturgeschichte“ (das. 1857–67, 7 Tle.). Vgl. Reyer, Leben und Wirken des Naturhistorikers Franz U. (Graz 1871); Leitgeb, Franz U., Gedächtnisrede (das. 1870).

4) Friedrich Wilhelm, Jurist und Kunsthistoriker, geb. 8. April 1810 zu Hannover, studierte in Göttingen die Rechte, trat dann bei dem Amt Hannover in den praktischen Justizdienst und ward 1838 als Amtsassessor nach Göttingen versetzt, worauf er sich 1840 als Privatdozent in der juristischen Fakultät habilitierte. Seine Anstellung als Sekretär der Universitätsbibliothek (1845) war die Veranlassung, daß er seine Lehrthätigkeit aufgeben mußte. Erst 1858 begann er wieder Vorlesungen und zwar über Kunstgeschichte in der philosophischen Fakultät, was 1862 seine Ernennung zum außerordentlichen Professor und Direktor der akademischen Gemäldesammlung zur Folge hatte. Er starb 22. Dez. 1876 in Göttingen. Als juristischer Schriftsteller hat er auf dem Gebiet der deutschen Rechtsgeschichte Hervorragendes geleistet. Sein bedeutendstes Werk ist die „Geschichte der deutschen Landstände“ (Hannov. 1844, 2 Tle.). Außerdem sind zu nennen: „Die altdeutsche Gerichtsverfassung“ (Götting. 1842); „Des Richtes Stig“ (das. 1847); „Römisches und nationales Recht“ (das. 1848). Von seinen kunstgeschichtlichen Schriften sind hervorzuheben: „Die Perspektive“ (Götting. 1856); „Die bildende Kunst“ (das. 1858); „Übersicht der Bildhauer- und Malerschulen seit Konstantin d. Gr.“ (das. 1860); „Die Bauten Konstantins d. Gr. am Heiligen Grab zu Jerusalem“ (das. 1863); „Correggio in seinen Beziehungen zum Humanismus“ (Leipz. 1863).

5) Joseph, hervorragender österreich. Jurist und Staatsmann, geb. 2. Juli 1828 zu Wien, studierte daselbst und habilitierte sich 1852 als Privatdozent, ging 1853 als außerordentlicher Professor des Zivilrechts nach Prag, von wo er 1857 wieder nach Wien berufen ward. Lebenslängliches Mitglied des Herrenhauses, gehörte er vom November 1871 bis Februar 1879 zum Kabinett Adolf Auersperg als Minister ohne Portefeuille, in welcher Eigenschaft er durch sein ausgezeichnetes Rednertalent die Regierung so geschickt [1015] vertrat, daß er sich den Namen des „Sprechministers“ erwarb. Im Januar 1881 wurde er zum Präsidenten des Reichsgerichts ernannt. Seinen juristischen Ruf begründete er durch das „System des österreichischen allgemeinen Privatrechts“ (Bd. 1 u. 2, Leipz. 1856–59, 4. Aufl. 1876; Bd. 6, 1864, 3. Aufl. 1879), ein Werk, welches zu den bedeutendsten Erscheinungen der juristischen Litteratur zählt und in der Entwickelung der österreichischen Jurisprudenz Epoche gemacht hat. Außerdem nennen wir von ihm: „Die Ehe in ihrer welthistorischen Entwickelung“ (Wien 1850); „Über die wissenschaftliche Behandlung des österreichischen gemeinen Privatrechts“ (das. 1853); „Entwurf eines bürgerlichen Gesetzbuchs für das Königreich Sachsen“ (das. 1853); „Die rechtliche Natur der Inhaberpapiere“ (Leipz. 1857); „Die Verlassenschaftsabhandlung in Österreich“ (Wien 1862); „Zur Reform der Wiener Universität“ (das. 1869); „Die Verträge zu gunsten Dritter“ (Jena 1869). Mit seinem Ministerkollegen Glaser begründete er die „Sammlung von zivilrechtlichen Entscheidungen des k. k. obersten Gerichtshofs“ (Wien 1859 ff., 2. Aufl. 1873 ff.).

6) William, Kupferstecher, Sohn von U. 4), geb. 11. Sept. 1837 zu Hannover, bildete sich seit 1854 auf der Akademie zu Düsseldorf unter Keller, arbeitete seit 1857 bei Thäter zu München, kehrte 1860 nach Düsseldorf zurück und ging 1865 nach Leipzig, sodann nach Weimar. Auf Anregung des Verlegers der „Zeitschrift für bildende Kunst“ begann er 1866, Gemälde alter, besonders niederländischer, Meister im Museum zu Braunschweig zu radieren, denen 1869 eine zweite Reihe von Blättern nach Gemälden der Kasseler Galerie folgte. Durch diese Vorarbeiten eignete er sich eine so große Gewandtheit in der Handhabung der Radiernadel an, daß er die Kunst der Radierung in Deutschland neu belebte und zahlreiche Nachfolger und Schüler fand. Den Winter von 1871 bis 1872 brachte er in Holland zu, wo die Blätter zur „Frans Hals-Galerie“ (mit Text von Vosmaer) entstanden. Von da ab entfaltete er eine sehr umfangreiche Thätigkeit, welche sich auch auf Nachbildungen von Gemälden moderner Künstler erstreckte. Sein Hauptwerk ist die „Galerie des Wiener Belvedere“ (mit Text von K. v. Lützow). Von einzelnen Blättern ist besonders die Radierung nach dem Ildefonsoaltar von Rubens (im Auftrag der Gesellschaft für vervielfältigende Kunst in Wien) hervorzuheben. Seine künstlerische Eigenart befähigte ihn vorzugsweise zur Wiedergabe der Gemälde der Niederländer (Rubens, van Dyck, Fr. Hals, Rembrandt), der Venezianer (Tizian, Veronese) und der Spanier (Murillo, Velazquez) der Blütezeit, deren koloristische Wirkungen er mit feinem Verständnis nachzubilden vermag. Er lebt als Professor in Wien.