Maria von Medicis in Köln

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Textdaten
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Autor: Louise Otto
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Titel: Maria von Medicis in Köln
Untertitel:
aus: Mein Lebensgang. Gedichte aus fünf Jahrzehnten. S.
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum: 1860-1870
Erscheinungsdatum: 1893
Verlag: Moritz Schäfer
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Google-USA* und Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
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Pourbus, Frans - Portrait of Maria de' Medici, Queen of France (Galleria Palatina).jpg
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[216]
Maria von Medicis in Köln.


Sie, die einst Fürstin – eine Königin,
Nun fern der Heimat – eine Bettlerin!
Aus stolzem Mediceer-Blut entsprossen
Und Herrscherin auf Frankreichs hohem Thron,

5
Auf dunklem Lockenhaar die goldne Kron’,

Vom Purpur wallend die Gestalt umflossen:

Das war Maria in vergangner Zeit –
Doch jetzt – wo ist die einst’ge Herrlichkeit?
Jetzt irrt sie obdachlos von Land zu Lande.

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Aufschoß der Samen, den sie selbst gesät,

Zu blut’ger Ernt’, von blut’ger Hand gemäht,
Die ihr gereift zum Fluche und zur Schande.

Der eigne Sohn war’s, der sie kalt verstieß –
Das ist die Schreckensmacht der Nemesis,

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Daß sie Verbrechen sühnt stets mit Verbrechen.

Die Tyrannei stürzt fremde Tyrannei,
Schleppt immer neue Ketten nur herbei,
Bis daß ein Volk erstarkt sie zu zerbrechen.

[217]
Gefangen, wo sie einst Regentin war,
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Und dann verfolgt, verbannt für immerdar;

Aus England und aus Holland selbst vertrieben
Betritt sie Köln, die heil’ge Stadt am Rhein;
Unwillig schaut der deutsche Bürger drein,
Und ist doch treu dem heil’gen Gastrecht blieben.

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Köln ist der Greisin schützendes Asyl,

Doch manchmal wogt ein zürnendes Gewühl
Mutwillig höhnend unter ihrem Fenster.
Dann flieht erschreckt sie in ihr Schlafgemach –
Ein Heil’genbild, ein reuevolles Ach!

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Soll scheuchen ihrer Thaten Rachgespenster.


Da naht ein Julitag, der sie erlöst,
Sie betet, daß der Herr sie nicht verstößt,
Sie nicht in ihren Sünden läßt verderben;
An ihrem Lager steht der Nuntius,

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Das Totenglöckchen mahnt wie Himmelsgruß,

Das heil’ge Oel benetzet sie im Sterben.

Ob Frankreich auch die Lebende verstieß,
Die Königsleiche fordert doch Paris
Und holt sie ein mit königlichen Ehren.

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Im Kölner Dome blieb allein ihr Herz,

In einem Schrein von wohlgegossnem Erz,
Noch die Erinnerung an sie zu nähren

[218]
Drauf eingegraben war ein frommer Spruch –

Doch Kölner Bürger nannten’s eitel Lug

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Und stahlen weg die Tafel von dem Male,

Es wagte niemand je sie zu erneun:
Ein Volks-Urteil wie Gottes-Urteil scheun
War Recht in Köln, der Stadt vom heil’gen Grale.

Und trittst Du jetzt in den erhabnen Bau,

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Fragst nach dem Platz der königlichen Frau,

So zeigt man dir in dem Drei-Königs-Chore
Die Nägel nur, wo einst die Platte war –
Dir graut – als blickte eine Geisterschar
Herab vom Gold und Purpur der Empore.