Meine erste Seereise

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Otto Günther
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Meine erste Seereise
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 6, 9, S. 102–106, 151–154
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[102]
Meine erste Seereise.
Erlebtes von Otto Günther.
I.

„Das sollen aber auch wahrhaftig die letzten Ohrfeigen gewesen sein, die mir der Ordinarius eben gegeben hat, Mutter. Ich gehe nicht wieder hin, in die Schule – es wird sich schon ein Anderer für den letzten Platz finden.“

Mit diesen Worten stürmte ich, damals in der Blüthe meiner Flegeljahre und ein sogenannter „gesunder Junge“, entrüstet in das Zimmer, warf die Schulmappe in die Ecke und stellte mich, beide Hände in den Hosentaschen, trotzig meiner Mutter gegenüber. „Entweder schreibst Du jetzt gleich an Onkel Christian, daß er mir eine Stelle als Schiffsjunge verschafft, oder ich reiße aus und versuche mein Glück allein.“

Die gute Alte war immer nur zu schwach gegen mich Unband gewesen. Obgleich ich ihr durch viele dumme, aber nie schlechte Streiche manchen Kummer bereitet hatte, war ich doch ihr steter Verzug und hatte namentlich seit dem Tode meines Vaters stets meinen Willen gegen den ihrigen durchgesetzt. So auch diesmal! Nach vielen Einwänden, wie ich sie schon unzählige Male von ihr gehört und nie geachtet hatte, verstand sie sich endlich tränenden Auges dazu, den Brief zu schreiben und abzuschicken. Mein Onkel war Heuerbas in Hamburg und hatte als solcher das Geschäft, den Matrosen, die sich auf ein Schiff zu einer Reise verdingen wollten, geeignete Stellen zu verschaffen, d. h. sie zu verheuern. Der sollte mir nun einen Platz als Junge auf einem der zahlreichen von dort auslaufenden Schiffe besorgen, und ich konnte bei ihm sicher sein, gut untergebracht zu werden. – Schon nach wenigen Tagen lief die Antwort ein. „Ich sollte nur kommen,“ schrieb er, „die Brigg ‚Clara‘ ginge mit Stückgütern nach Rio, und der Capitain, ein guter Bekannter von ihm, wolle mich mitnehmen.“ – Wer war froher als ich! Nächtelang hatte ich schon von nichts Anderem geträumt, sah mich schon mit schwarzen [103] Mohren und braunen Indianern, Apfelsinen essend, unter Palmen spazieren und hatte kaum ein Auge für die stille Bekümmerniß meiner guten Mutter. Meine Siebensachen waren schnell gepackt – die See-Ausrüstung konnte doch erst in Hamburg beschafft werden –, und so sah mich schon der nächste Morgen aus meiner Vaterstadt scheiden, leichten Herzens, denn hinter mir lag das dumpfe und enge Zimmer der Quarta, in dem ich nur lustig sein konnte, wenn es galt, die Lehrer zu foppen, und vor mir lag die ganze weite Welt offen da.

Meine Mutter begleitete mich nach Hamburg, half noch mit sorglicher Hand bei der Beschaffung meiner Ausrüstung und trat dann nach schwerem Abschiede die Rückreise nach S. an. Mit beklommenem Herzen sah ich sie scheiden; zum ersten Male dämmerte mir damals die Erkenntniß auf, was es heißt, eine Mutter, eine Heimath zu besitzen.

Mein Schmerz währte jedoch nicht lange. Die Eindrücke der großen Seestadt und meine leicht erregbare Phantasie halfen mir darüber fort. Und wie stolz war ich auf meine See-Ausrüstung! Das „beste Päckchen“, die blaue Jacke, das rothe Hemd und die glanztuchene Mütze sahen auch gar zu flott aus. Aber nun erst der ölduftende Südwester, die thranigen Seestiefel, die mir bis hoch auf die Lenden reichten – sie schienen mir für meine Toilette schon ganz unentbehrlich, und erregte ich, so angethan, eine stete, mir aber damals unerklärliche Heiterkeit bei den Matrosen unten am Hafen, bei denen ich mich bald angefreundet hatte. In der That mußte ich so einen höchst komischen Anblick gewähren, denn damals noch ein Knirps, konnte ich die Last der auf Zuwachs berechneten Stiefel kaum schleppen und trug den Südwester, nach Mützenart, mit dem langen Rückenschirme nach vorn bis ich später an Bord eines Bessern belehrt wurde.

Dieses mein erstes Seemannsleben an Land war nur von kurzer Dauer; nach wenigen Tagen wurde ich angewiesen, an Bord der „Clara“ zu gehen, die segelfertig sei. Da lag sie vor mir, die schmucke „Clara“, als ich in einem gemietheten Boote die weite Strecke stromabwärts bis zum Ankerplatze des Schiffes zurücklegte; zierlich und sauber vom Flaggenknopfe bis zur Wasserlinie, mit scharfem Bug und schlanken Masten, war sie als das schnellste und beste Schiff im ganzen Hafen bekannt.

„‚S ist ein sauber Ding, die ‚Clara‘,“ schmunzelte mein Bootführer beifällig, das Boot mit starken Ruderschlägen vorwärts treibend, „wenn ich noch 'mal auf See ginge, möcht‘ ich's mit keiner andern thun, als mit der ‚Clara‘.“

Wie stolz machte mich das damals schon, obgleich ich noch gar nichts vom Seewesen verstand und ihre guten Eigenschaften noch nicht zu würdigen wußte! Aber das Gefühl der Zugehörigkeit erhob mich – es war ja nun auch „meine Clara“. Mühsam und abwechselnd für den Verlust des rechten oder linken Seestiefels fürchtend, klomm ich die Jacobsleiter in die Höhe, die aber nicht in den Himmel, sondern an der Schiffsseite hinauf auf das Deck führt. Niemand empfing mich dort; das Deck war leer. Mein Onkel hatte mich instruirt, daß der Capitain in einem auf dem Deck stehenden Häuschen wohne und daß ich mich bei dem gleich anzumelden habe. Richtig! da stand ja solch ein Häuschen, und schnell stolpere ich über Tauwerk und Fässer hinweg darauf zu. An der geöffneten Thür saß ein Mann in Hemdärmeln – für mich der Capitain; allerdings machte seine Beschäftigung mich stutzig – er schälte Kartoffeln – aber wie durfte ich mir merken lassen, daß ich das anstößig fand! Da hätt‘ ich‘s ja gleich mit dem Herrn Capitain verdorben. Ich schwenkte also meinen Südwester am falschen Ende, schleppte meinen linken Seestiefel zu höflicher Verbeugung etwas zurück: „Herr Capitain, Onkel Christian läßt schön grüßen,“ platzte ich heraus, „und läßt sagen, er hätte mich nicht eher an Bord geschickt, weil ich beim Laden doch blos im Wege gewesen wäre; ich wär‘ noch zu dumm.“

„Dien Onkel Krischahn is‘n kloken Mann, lütt Stäwelknecht,“ plattdeutschte der vermeintliche Capitain, auf mein Pedal vergnügt herabgrinsend; „dat Du man sihr dämlich büst, dat mark ick nu ok; lop glickst na dat anner End‘! Doa in dat letzte Hus sit ok so'n ollen grisen Kirl – dat 's de Kock; säg em, he sall ruth kamen un sick sine Kartüffel‘ alleen pellen! Ick hew keen Tid dortau as dien Captain.“

Ich stürze nach dem andern Ende des Schiffes, um meine erste Obliegenheit so schnell wie möglich zu erfüllen; da stand wahrhaftig auch ein Häuschen und am geöffneten Fenster saß ein Mann und rauchte. „Koch, Du sollst schnell zum Capitain kommen und Dir Deine Kartoffeln allein schälen,“ rief ich ihm zu, „aber schnell – er hat keine Zeit mehr.“

Der vermeintliche Koch sah mich erst verwundert an und lachte dann laut. „Wie heißt Du, mein Junge?“

Ich nannte meinen Namen.

„Dann bist Du der neue Junge, den mir der Heuerbas schickt?“

Ich bejahte verdutzt.

„So laß Dir ein für alle Mal gesagt sein, daß Du an Bord 'hinten' und 'vorn' ebenso wenig verwechseln darfst, wie den Capitain mit dem Koch. – Aber laß nur!“ fügte er gutmüthig hinzu, als er meine verzweifelte Miene sah, „Du wirst Dich mit der Zeit schon zurecht finden, und dem Koch werd‘ ich seine Dummheiten austreiben.“

Dieses mein erstes Debüt an Bord der „Clara“ trug mir den Namen „lütt Stäwelknecht – kleiner Stiefelknecht“ ein, den ich auch behielt, so lange ich dort an Bord blieb. Ich fand mich bald in den neuen Verhältnissen zurecht, die für den Landbewohner geradezu eine unbekannte Welt bilden; ich lernte, daß man, mit dem Gesicht nach vorn stehend, die rechte Seite des Schiffes Steuerbord, die linke Backbord nennt, daß „luvward“ die Seite ist, von der der Wind herkommt, und daß er von da nach „Lee“ geht, daß das Steuer „Ruder“ genannt wird und der dort befindliche Theil des Deckes, das Achterdeck, ein geheiligter Raum ist. Nur das Gewirr der zahllosen „Enden“, wie die Seemannssprache Taue und Stricke getauft hat, machte mir das entsetzlichste Kopfzerbrechen, und mein Erstaunen war groß, als ich hörte, daß man „Wanten“ und „Mars“ sagt, statt „Strickleiter“ und „Mastkorb“. Beide Worte waren mir immer so seemännisch vorgekommen, und ich hatte sie oft gebraucht, um meinen Schulcameraden eine besondere Meinung von meinen Kenntnissen des Seewesens beizubringen. Sofort nach meiner Ankunft wurde ich einem Voll-Matrosen der Besatzung, einem alten, wettergegerbten Seebären, zur Beaufsichtigung und Ausbildung überwiesen.

Jochen Schütt, an Bord „grot Jochen“ genannt, weil er über sechs Fuß hoch in seinen Schuhen stand, hat mir nie etwas nachgesehen und mich später oft abgestraft, aber er vertheidigte mich auch stets gegen die Foppereien und Thätlichkeiten der übrigen Mannschaft, die nur zu sehr geneigt war, den „lütten Stäwelknecht“ als junge Landratte zu necken und zu malträtiren. Wir wurden sehr gute Freunde. Allerdings schien auch „grot Jochen“ von dieser seiner neuen Aufgabe, mich zu erziehen, wenig erbaut; ohne ein Wort zu sagen, schob er mich in fühlbarster Weise vor sich her auf das Verdeck, hing mir eine Theerpütze um den Hals – einen kleinen mit Theer gefüllten Eimer – und wies mich an, „das Vorgeschirr zu labsalben“, indem er nach dem Klüverbaum hinauswies. Gesagt, gethan. Ohne viel über „Vorgeschirr“ und „labsalben“ nachzudenken, fand ich die Erklärung für meine Arbeit in dem Wink nach dem Klüverbaum, in dem mir in die Hand gedrückten Pinsel und dem schwarzen Inhalt der Theerpütze. Ich kroch also über das Bugspriet hinaus und begann munter das glänzend sauber geschrapte Holz gründlich einzutheeren. „Schade,“ dachte ich bei mir, „weiß wie es war, sah's doch viel sauberer aus.“

„Ist denn der Junge rein des Teufels, Jochen?“ hörte ich plötzlich hinter mir die Stimme des Capitains; „statt bloß die Enden und Ketten einzutheeren, salbt der Teufelsbraten ja den Klüverbaum selbst ein, den der Zimmermann erst heute morgen mühsam blitzblank geschrapt.“ Ich fiel vor Schreck fast von dem verunzierten Klüverbaum herunter in's Wasser, in demselben Augenblick packte mich aber schon Jochen's Riesenfaust im Genicke: „Täuw, ick will Di dat Labsalben lihren!“ damit schüttelte er mich so gewaltig, daß die Theerpütze an meinem Halse mir rechts und links um die Ohren schlug, ihren zähen Inhalt über Haare und Gesicht entleerte und ich so selbst gelabsalbt wurde; er schien mich durch Anschauungsunterricht praktisch erziehen zu wollen. Da half kein Maulspitzen – mit meinem Taschenmesser mußte ich den nur zu dick aufgetragenen Theer wieder fortschrapen, bis das Holz in alter Weiße glänzte; drei volle Stunden brauchte ich, um den angerichteten Schaden wieder gut zu machen, drei volle Stunden mit dem Bauche auf dem harten Klüverbaum liegend, Augen und Nase fast vom Theer verklebt; vier Stunden mit dem Gefäß auf der Schulbank wären mir damals schon lieber gewesen.

[104]
Die Gartenlaube (1877) b 104.jpg

Mutter und Junge auf der Bahn.       Der Koch, Kartoffeln schälend in der Küche.       Nach schwerer Arbeit.       Der Junge den Klüverbaum malend (labsalbend).
Matrose und Junge auf dem Klüverbaum, das Segel festmachend.             Das Festmachen der Raasegel.


Aus „Lütt Stäwelknecht’s“ erster Seereise.
Originalzeichnungen von H. Egersdörfer.

[106] Ich übergehe all’ die Dummheiten, die ich in der erster Zeit aus Mangel an Sachkenntniß anrichtete und die mir derbe Knüffe von Jochen’s erziehender Hand eintrugen. Im Ganzen fand ich mich schnell zurecht und eignete mir des Seemannes ABC bald an.

Am andern Morgen in aller Frühe lichteten wir die Anker; erst wurden die Marssegel, dann die Untersegel, zuletzt Bram- und Oberbramsegel gesetzt, und von oben bis unten in weiße Leinwand gehüllt, flog die „Clara“, zierlich’ zur Seite geneigt, mit günstigem Winde und auslaufender Ebbe die Elbe hinunter. Die untergehende Sonne sah uns schon bei Helgoland – ein freundliches Bild. Fischerboote mit grün-weiß-rother Flagge umkreuzten uns dort, und im warmen Frühjahrssonnenschein leuchtete die seeumbrandete Insel zu uns herüber.

Grün ist der Rand;
Weiß ist der Strand;
Roth ist die Wand –
Das sind die Farben von Helgoland.

Wir standen mit vollen Segeln in die Nordsee hinein und hielten auf den englischen Canal zu; wie eine Gazelle flog die „Clara“ durch die blaue See, mit scharfem Bug die Wellen durchschneidend; so weit das Auge reichte, zeigte ein breiter weißer Schaumstreifen den zurückgelegten Weg. Mit Untergehen der Sonne änderte sich jedoch das Wetter; der bisher günstig und „raum“ von hinten wehende Wind „schralte“ weg und wurde conträr; die dicke Luft und eine im Südwesten drohende Wolkenbank deuteten an, daß schlechtes Wetter im Anzuge sei.

„Schmierige Luft, Cap’tain,“ brummte der Steuermann zu dem neben ihm auf der Luvseite des Achterdecks stehenden „Alten“. „Die Nordsee läßt keinen ungehudelt durch. Noch vor Nacht haben wir das Wetter auf dem Halse.“

Und so war’s; die Brise frischte mehr und mehr auf; in kurzen, heftigen Stößen wehte der Wind uns kalt in die Zähne; Masten und Stängen bogen sich knackend unter dem gewaltigen Drucke aller noch stehenden Segel, und schwer stieß das zitternde Schiff in die mißfarbene See.

„Müssen Segel bergen, Steuermann. Es wird der ‚Clara‘ zu viel, und das Barometer fällt noch immer. Weg mit den Bramsegeln! Untersegel fest und zwei Reefe in die Marssegel gesteckt!“

Aber zu spät. Brausend kam die Bö über das Wasser hergefegt; die Kuppen der Wellen abkämmend, trieb sie den in Staub verwandelten Gischt, eine undurchsichtige Wolke, mit rasender Schnelle auf uns zu.

„Alle Mann auf! Segel bergen und fest! Auf das Ruder! Hart auf!“ hallte der Nothruf.

Zu spät. Mit wüthendem Stoße hatte sich die Bö in die Segel geworfen; mit unwiderstehlicher Gewalt hielt sie die Brigg tief auf die Seite gepreßt; das Wasser kochte über die Leeverschanzung auf Deck. Wir drohten zu kentern. Gelang es nicht, den Bug des Schiffes vom Winde ab und die „Clara“ vor den Wind zu bringen, so stand uns das Schlimmste bevor. Da – ein Prasseln oben in der Takelage, ein donnerähnliches Geknatter: die Großbramstänge stürzte gebrochen von oben; das Großsegel war beim Bergen zerrissen und in Fetzen vom Sturme fortgeführt worden. Das hatte uns gerettet; der durch die noch unversehrt stehenden Segel des Fockmastes auf dem vorderen Theil des Schiffes lastende Ueberdruck, ließ die „Clara“ allmählich dem Ruder gehorchen und vom Winde abfallen; langsam richtete sich das Schiff wieder auf, mit wahnsinniger Schnelle vor dem Wetter her durch den Gischt schießend.

Jetzt ging es an die schwere Arbeit des Segelbeschlagens; von der würgenden Seekrankheit und dem Schreck ganz des guten Muthes und fast der Kräfte beraubt, mußten wir zuerst auf den Klüverbaum hinaus, das Klüversegel zu beschlagen; dann ging es hinauf in die Masten, zum Festmachen der Raasegel; Neptun ließ mich auch dort oben nicht in Frieden, sondern forderte ununterbrochen seine Opfer von mir. Mit dem Bauche auf der Raa liegend, die Füße in ein unter die Raa gespanntes Tau gestemmt, mit beiden Armen in das mit unglaublicher Kraft schlagende und sich sträubende Segel fassend, rangen wir oben mit dem Unwetter. Die Nacht war hereingebrochen; nicht mehr in einzelnen Böen, mit heulender Wuth und unverminderter Gewalt hatte jetzt der Sturm das Schiff überfallen. Schnee und Regen peitschten uns in das Gesicht, und weiße Wolken von Schaum und Gischt stürzten über das Deck weg und spritzten bis hinauf zu uns auf die Raaen.

„Vorwärts! Vorwärts! Fort mit den Segeln, oder sie gehen alle zum Teufel!“ klang die Stimme des Capitains vom Deck herauf durch den Sturm. Und immer wieder riß uns das Wetter das zusammengeraffte Segel aus den erstarrten Händen; immer von Neuem wurde die Arbeit wieder begonnen. Das Blut strömte aus den zerrissenen Nägeln; mit Fäusten und Zähnen konnte die schwere peitschende Leinwand nur Zoll für Zoll dem Sturme aus dem Rachen gerissen werden. Undurchdringliche, gähnende Finsterniß unter mir, das lähmende Gefühl der Todesgefahr in dem solcher Eindrücke ungewohnten Herzen, an dünnes Tauwerk geklammert vom Sturme umtost, und in sausendem Bogen sinnbetäubend hin- und hergeschleudert – dazu wie Geisterruf der heulende Schrei der mit den übrigen Segeln kämpfenden Matrosen, Eindrücke wie ich sie nie erlebt, nie für möglich gehalten, raubten mir allmählich die letzte Kraft. Arme und Füße versagten den Dienst, ich drohte herabzustürzen; „Täuw, mien Jung! För’t irste Mal büst nü woll taufreden,“ ließ sich zur rechten Zeit Jochen’s Stimme neben mir durch den Sturm vernehmen; seine starke Faust packte mich mit sicherem Griffe; er lud mich auf seine Schulter und trug mich abwärts in den Mars, wo er mich festband. „Süh so, lütt Stäwelknecht, nu schlap ut, bet ick baben (oben) farrig bün!“ Mit unverdrossenem Muthe stieg er wieder hinauf, um die erst halbgethane Arbeit zu vollenden. Schlafen! oben im Mars, von allen Schrecken des Wintersturmes umtobt, vom eisigen Schneetreiben fast erstarrt, und nur durch einen dünnen Strick davor gesichert, in die schwarze Nacht, in die See hinausgeschleudert zu werden! Später konnte ich es, und habe manche Stunde oben im Mars verträumt, aber in jener Nacht nicht.

Stundenlang lag ich so da, fast sinnlos; endlich, endlich kamen Jochen und die übrigen Matrosen zu mir herunter; „nu sünd wi farrig,“ damit lud er mich wieder auf seine Schulter, und durch die Nacht ging es die schwanken Wanten hinunter auf das sichere Verdeck. Als Jochen mich dort hinstellte, brach ich zusammen; es war zuviel gewesen für den Knaben.

Vier volle Stunden, in eisiger Nacht, in erstarrendem Schneetreiben und heulendem Sturme hatte dieser Kampf zwischen Himmel und Wasser gedauert. Auch grot Jochen und die andern Matrosen waren zum Tode erschöpft und vor Kälte erstarrt. Mit dickbauchiger Flasche trat der Capitain zwischen uns; „de Oll giwt’n Lütten ut,“ ging es durch die schmunzelnde triefende Gesellschaft, und im Vorgenuß der kommenden Belohnung wischte sich Jeder den Mund, ob der Anerkennung verlegen greinend und die bekannte Flasche beliebäugelnd.

[151]
II.

Jan Maat ist ein eigener Kauz; er schwärmt für „’nen Lütten“, und ehe er ihn weg hat, wird’s ihm auch schwer seine Zärtlichkeit zu verbergen – er mag ihn gar zu gern leiden, nachher aber, da ist ihm eigentlich gar nichts daran gelegen gewesen, und wenigsten schneidet er ein Gesicht, als hätte er Tinte geschluckt. Erst wird das Glas an die Nase geführt, erst mit dem rechten, dann mit [152] dem linken Nasenloche, zuletzt mit beiden, der süße Duft eingesogen, und dann langsam, langsam mit verklärtem Gesichte und halbgeschlossenem Auge der wärmende Trank hinuntergegossen; darnach aber ein Stöhnen und Räuspern, als wäre die schwerste Arbeit verrichtet worden, und ein ganz unmotivirtes Interesse für alles Andere, nur nicht für den Capitain und seine Flasche. Mehr als einen giebt’s ja doch auf keinen Fall.

Die Gartenlaube (1877) b 152 1.jpg

Mahlzeit bei hohem Seegange.

Die scheidende Sonne des vergangenen Tages hatte noch mit ihren letzten Strahlen die weiße Fläche der in Leinwand gehüllten Masten warm beleuchtet – der kalt und grau heraufdämmernde Morgen traf uns mit kahlen Masten und Raaen, und unter Sturmsegeln im Schneesturme beiliegend. Fünf Tage hielt dieses Wetter an; schon nach den ersten vierundzwanzig Stunden waren sämmtliche Kleidungsstücke durchnäßt, trotz Seestiefel, Oelrock und Südwester, und von da an gab es nur triefende Kleider, wenn man aus der gleichfalls durchnäßten Coje heraus mußte zur Wache.

Die Gartenlaube (1877) b 152 2.jpg

Der Capitain observirend (Höhe der Sonne messend).

Je eine Hälfte der Mannschaft hat die Wache und muß während derselben unter allen Umständen an Deck bleiben und Raaen und Segel bedienen, je nachdem eine Aenderung in der Richtung des Windes oder in seiner Stärke dies erheischt; die andere Hälfte, die „Freiwache“, darf sich von ihrer gehabten Anstrengung ausruhen, oder muß nothwendige Arbeiten verrichten und auch, wenn die Kräfte der Wache nicht mehr ausreichen, dieser helfen. Von vier Stunden zu vier Stunden, Tag und Nacht, wechselt der Wachdienst gleichförmig ab, oft viele Monate lang hintereinander, ohne die willkommene Unterbrechung eines Aufenthaltes im Hafen, und noch öfter muß der Matrose dabei wochenlang die Wohlthat trockener Kleider entbehren. Ein schweres Leben, das Seemannsleben, und bei Gott ein genügsames! Ohne Murren werden dort Anstrengungen und Strapazen als Alltägliches ertragen, wie sie das Landleben ähnlich nur als Außerordentliches mit sich bringt, und die in demselben gebotenen Genüsse sind meist negativer Natur, oder derartig, daß sie der Landbewohner gewiß kaum als solche anerkennt: im Hafen darf der Matrose die ganze Nacht durch schlafen, statt wie in See vier oder acht Stunden derselben schwer auf Deck oder in der Takelage arbeiten zu müssen; eine doppelte Ration Trinkwasser läßt oft die gedrückteste Stimmung in eine fröhliche und übermüthige umschlagen. Bei alledem geht der Humor selten aus, und oft genug geben unter drohenden Umständen die eigenthümlichen Scenen Anlaß zur hellsten und harmlosesten Heiterkeit.

Es ist Mittag, das Wetter ist noch dasselbe und sieht noch gar nicht nach Aufklären aus; schwer stampft das Schiff in die anstürmende See; tief holt es erst nach der einen, dann nach der andern Seite hin über.

Da kommt der Koch aus der Küche hervor, um den Eimer mit dicken Erbsen zur Mahlzeit in den Roof, in die Behausung der Mannschaft zu tragen, wo zwölf hungrige Mägen sehnsüchtig warten. Sie sind heute etwas sehr dick gerathen, die Erbsen, und machen ihrem Namen gar zu viel Ehre, aber bei dem wüthenden Hin- und Hertoben des Schiffes ging das Umrühren schlecht; Neptun jedoch weiß Rath für seine hungrigen Lieblinge – schwab! setzt der weiße Kamm einer heranrollenden Welle über die Schanzkleidung und spült aufschäumend in den nun dünnen Erbsbrei; er war auch wahrhaftig zu dick und zu heiß gewesen, und das Bischen Salz mehr ist nur gesund. Drinnen im Roofe wird mit williger Kelle die dünne, kalte und versalzene Mahlzeit vertheilt, und – „wenn’s auch nicht gut schmeckt, es füllt doch den Magen,“ denkt Jeder. Aber „wenn ich's nur erst drin hätt’!“ denkt auch Jeder. Mit dem Rücken gegen die Cojenwand gestemmt, auf der Backskiste sitzend und die Hacken fest in das Deck getreten, sitzt die heißhungrige Gesellschaft da; eine Hand balancirt den vollen Napf; die andere schwingt den Löffel; das Messer für das zähe Salzfleisch halten die krampfhaft zusammengepreßten Kniee. Mit langsam hin und her wiegendem Oberkörper sucht Jeder den ziemlich regelmäßigen Bewegungen des Schiffes zu folgen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren; jetzt machen die an Backbord [153] Sitzenden alle zugleich eine höfliche, tiefe Verbeugung; gleich darauf erwidern die an Steuerbord Löffelnden ebenso devot und gemessen das unbeabsichtigte Compliment; fortwährendes Neigen und Beugen und größte Stille, denn Reden hält unnöthig auf.

Die Gartenlaube (1877) b 153 1.jpg

Grot Jochen auf der Nachtwache.

Aber die „Clara“ ist ein schabernak’sches Ding; „zaust Dich der Sturm so, so willst Du Deine Hähnchen auch etwas rupfen,“ denkt sie und nimmt eine anrollende gewaltige Woge zum willkommenen Vorwande, um sich mit unvorhergesehenem Rucke tief auf die Seite zu werfen. Lautes Geschrei und Gelächter im Roofe; so tiefes Ueberholen war nicht vorgesehen; polternd stürzen die Backskisten durcheinander. Der schießt mit dem Kopfe voraus und dem Gegenüber in die Magengrube. Jener rutscht mit dem Gesäße von der Kiste auf das Deck, streckt die Beine in die Höhe und schießt beim Zurückrollen des Schiffes hintenüber Kobold. „Holl fast, hock fast!“ lacht Alles durcheinander; hier hat Einer sich selbst Gesicht und Bart in dicken Erbsen gebadet, dort Einer seinen Nachbarn mit Breiumschlag versehen; die verschüttete Mahlzeit bedeckt den Boden. Hin ist hin, und eine zweite Ration giebt’s nicht. Da hilft nichts, als den Leibgurt zwei Löcher fester zu schnallen und ein Stück Hartbrod als Ersatz zu knabbern. Die „Clara“ schüttelt sich in hellem Uebermuthe über den gelungenen Streich, daß ihr die Schaumlocken um den schlanken Bug fliegen; sie ist eben ein neckisches Ding, und Frauenzimmern ist nie über den Weg zu trauen. – Endlich, am sechsten Tage klärte sich das Wetter auf; die Sonne zeigte sich als blasse Scheibe hinter den Wolken; der Wind wurde nördlich, und wir konnten Curs auf den Canal zu legen.

Die Gartenlaube (1877) b 153 2.jpg

Mannschaft beim Abendbrod (Thee).

Aber wo befanden wir uns? Das Unwetter hatte uns fast sechs Tage lang in der Nordsee hin- und hergetrieben; der bedeckte Himmel hatte eine astronomische Beobachtung zur sicheren Bestimmung des Schiffsortes unmöglich gemacht, und nach unserer Schätzung mußten wir ziemlich nahe der englischen Küste sein; da galt es aufzupassen.

Der Capitain kam sofort mit seinem Sextanten an Deck, als ihm gemeldet wurde, die Sonne scheine herauskommen zu wollen, und richtig, da war sie. Allerdings ließ sie nur eine Minute lang ihre ersehnten Strahlen auf die regenschweren Segel, auf das nasse Deck fallen, aber die kurze Zeit hatte ihm genügt, um mit geübter Hand mehrmals ihre Höhe über dem Horizont zu messen, und für die Messung den Stand des Chronometers zu notiren. Aus so gemessener Sonnenhöhe wird durch astronomische Berechnung die genaue Zeit des Ortes, an dem sich das Schiff befindet, bestimmt; der am Bord befindliche Chronometer zeigt dagegen stets die in demselben Augenblick für Greenwich geltende Zeit. Durch Vergleichung dieser Zeiten, der für den Ort des Schiffes mit der in demselben Augenblick für die Stadt Greenwich geltenden, erhält man den Unterschied beider, und dieser Zeitunterschied, aus dem Zeitmaß in Bogenmaß übertragen (24 Stunden sind gleich 360°), ergiebt die geographische Länge des Schiffsortes, da die Länge in der Nautik von Greenwich aus gerechnet wird. Die Bestimmung der geographischen Breite des Schiffsortes ergiebt sich bedeutend einfacher durch Messen der Höhe der Sonne im Mittag und Berücksichtigung ihrer gleichzeitigen Declination. Beide Größen, geographische Länge und Breite, in die Seekarte exact eingetragen, ergeben nun genau und sicher den Standpunkt des Schiffes, und von diesem Punkt aus wird nach dem Compaß der zu nehmende Curs bestimmt und von dem am Ruder stehenden Mann genau gesteuert. So ungefähr erklärte mir der Capitain damals sein geheimnißvolles und später täglich wiederholtes Thun, als er nach geschehener Berechnung an Deck kam und dem Matrosen am Ruder den Curs zurief; ich verstand seine Erklärung damals nicht, und kam mir auch später das in der Rechnung mystisch waltende natürliche sinus und cosinus verzweifelt unnatürlich vor.

Die „Clara“ schien jetzt nachholen zu wollen, was wir versäumt; wie ein Renner warf sie sich mit scharfem Kiel in die schäumenden Wellen, die machtlos hinter uns her rollten. Bald waren wir im Canal; vorbei zogen die steilen Kreidefelsen von South Foreland, vorbei die immergrüne Insel Wight, vorbei der wogenumschäumte Leuchtthurm von Eddystone. Schon am dreizehnten Tage unserer Cursreise hatten wir die spanische See im Rücken.

„Dat is dat irste Mal, dat ick hier drög’ dörchkamen doh,“ meinte Grot Jochen, „de span’sche See is sünst grad as baben dat Skagerrack.“

„Dat Skagerrack un Kattegat
de maken den Schäper de Hosen nat,“

summte er vor sich hin, und übernahm den Ausguck auf dem Vordeck, denn wir sollten während der beginnenden Abendwache die spanische Küste, Cap Finisterre, in Sicht bekommen. Das Wetter war herrlich; die lauen Aprilnächte, die unvergleichliche Pracht des Sternenhimmels zeigten die südlichere Breite. Ich schob mir ein Bündel Tauwerk als Kopfkissen zurecht und legte mich hin, meinen Gedanken nachhängend. Aus dem Roof drangen fröhliche Stimmen und Gesang; die Mannschaft saß beim Abendbrod und genoß in dem vom Schein der Lampe gemüthlich erhellten Raum ihren Thee; schwermüthig zogen von dort die Klänge heimathlicher Lieder über das Wasser; allmählich verstummte der Gesang und bald wurde es still. Der Wind war eingeschlafen, [154] die See glatt. Langsam stieg der Mond herauf und goß helles Licht und tief dunkle Schatten über das Deck. Jochen stand unweit von mir und lehnte träumend an der Regeling.

Nie schweift der Gedanke williger, verlangender in die Heimath zurück, als in der lauen sternklaren Nacht der südlichen Zone; leise rauschend schlagen die Segel lose an den Mast; träumend wiegt sich das Schiff in der leichten Dünung, und vom Bug flüstert das Wasser einschläfernd herauf; da zieht das Bild der Heimath leise vorüber; ich sehe sie sitzen im traulichen Zimmer, die theure Mutter; ihr müdes Auge ist tief auf die Arbeit gesenkt; die wohlbekannte Lampe spendet ihr freundliches Licht. Jetzt sinken die Hände ihr in den Schooß; sinnend blickt sie vor sich hin – denkt sie an mich? –

Plötzlich werde ich aufgestört aus meinem Traum. Heftiges Schnauben und Prusten klingt aus dem Wasser herauf; hellleuchtende Streifen ziehen mit Blitzesschnelle durch die See, bald hier, bald dorthin, bis sie sich endlich unter dem Bug sammeln. Delphine sind’s, eine ganze Heerde, die in der Stille der Nacht ihr geräuschvolles Spiel treiben. Schnell ergreife ich die stets bereite Harpune, des Augenblicks gewärtig, wo einer der flinken Gesellen sich dem Wurfe bietet; da jagen sie weiter heran, ein hellglänzender Fleck im dunklen Wasser. Unter mir ist mein Ziel, und zischend saust der Speer hernieder. Hurrah! das Eisen sitzt. Alles wird munter auf Deck und eilt herbei, den wild um sich schlagenden und widerstrebenden Burschen an Bord zu holen; Hand über Hand wird die Wurfleine eingeholt, und bald liegt er matt an Deck, fett und prall und über sechs Fuß lang, eine willkommene Abwechselung neben dem harten Salzfleisch.

Der Capitain war während der Abendwache an Deck geblieben. Jetzt, da Finisterre feuerklar in Sicht, ging er beruhigt in seine Cajüte. „Peters,“ wandte er sich in der Thür noch einmal um zu dem am Ruder stehenden Obersteuermann, „Peters, achte gut auf dieses Faß mit Regenwasser! Der Junge hat’s mir in den letzten Tagen mühsam gesammelt – ich will morgen früh darin baden.“ Damit verschwand er.

Süßwasser ist an Bord ein seltener Artikel; nur zum Trinken und Kochen wird es in kleinen Rationen täglich vertheilt; zum Waschen und Reinigen des Körpers giebt es nur Salzwasser, und das auf der Haut getrocknete Salz beißt und juckt, wenn nicht mit Süßwasser hin und wieder nachgespült wird. Ein Bad im Regenwasser ist daher eine ersehnte, aber für die Mannschaft nur in den regenreichen Calmen zu erreichende Erfrischung. In anderen Breiten genießt der Capitain sie für Alle.

Peters schielt nach denn Fasse. Es war nicht groß – man konnte nur gerade darin sitzen, aber – Süßwasser zum Baden!“ denkt Peters; „der Alte kann’s ja morgen nicht merken, ob schon Einer darin gesessen, und Einer ist Keiner.“ Die Gelegenheit ist zu verführerisch. Behutsam trägt er das Faß neben das Ruder, denn das darf nicht verlassen werden. Ruck, ruck, fliegen die Kleider vom Leibe, und im nächsten Augenblicke hockt Peters behaglich schnaufend im Fasse, aus dem heraus sein langer Arm das Ruder dreht; hin und wieder nur taucht sein dürrer nackter Leib aus dem dunkeln Fasse auf. Peters sieht nach dem Compasse, ob die „Clara“ noch auf dem Curse liegt. Es ist gar zu schön und wohlig – er sitzt seine Stunde am Ruder im Fasse ab.

Als der Untersteuermann Link unsern Peters ablöst, findet er ihn, unschuldig, als ob gar kein Regenwasser auf der Welt wäre, wie gewöhnlich am Ruder stehend. Mit größter Wichtigkeit übergiebt Peters an Link den zu steuernden Curs und macht ihn ganz zuletzt, als hätte er’s fast vergessen, auf das wieder abseits stehende Faß aufmerksam, das vor dem Umfallen oder Auslaufen sorgfältig zu bewahren sei; der Capitain wolle morgen früh darin baden. Peters geht nach vorn und legt sich stillvergnügt schlafen; Link bleibt am Ruder zurück; er schielt nach denn Fasse. Dasselbe dringende Bedürfniß nach Erfrischung, dieselbe Reflexion – und nach einer Minute regiert auch er das Ruder aus der Regentonne.

Am andern Morgen in aller Frühe erscheint der Capitain auf Deck; die Luft in der dumpfen und stickigen Coje war entsetzlich drückend und heiß gewesen. Da ist solch ein Bad im frischen Regenwasser doch eine herrliche Erquickung! Es sieht zwar etwas dunkel aus, das Wasser, aber das Segel war ja getheert, in dem es aufgefangen wurde, da kann ja das Wasser nicht so ganz klar bleiben. Ah – das erfrischt! „Ha, welche Lust Capitain zu sein!“ singt er vergnügt vor sich hin und steigt als Dritter aus der Tonne.

Wenn der gestrenge Herr geahnt hätte, daß sein Süßwasserbad schon so ausgiebig benutzt worden, es würde wahrscheinlich zu sehr heftigen Erklärungen gekommen sein.