Nachricht und Exempel von alten deutschen Fabeln

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Autor: Christian Fürchtegott Gellert
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Titel: Nachricht und Exempel von alten deutschen Fabeln
Untertitel:
aus: Sämmtliche Schriften. 1. Theil: Fabeln und Erzählungen, Erstes Buch. S. XIII–XLII
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum: 1746
Erscheinungsdatum: 1769
Verlag: M. G. Weidmanns Erben und Reich und Caspar Fritsch
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans auf Commons
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[XIII]
Nachricht und Exempel
von
alten deutschen Fabeln.

Die Bemühungen, welche unsere Vorfahren seit einigen Jahrhunderten auf die Fabeln gewandt haben, sind, meiner Meynung nach, eben nicht so geringe, daß sie nicht einige Aufmerksamkeit verdienten. Und wenn ich zum voraus setze, daß viele von meinen Lesern nicht Gelegenheit gehabt haben dürften, sich in den Fabeln unserer Alten umzusehen: so hoffe ich, es wird ihnen nicht unangenehm seyn, wenn sie hier einige Proben von ihrer Schreibart finden.

Es gereichet der äsopischen Fabel überhaupt zur Ehre, daß sie fast bey allen Völkern, und zwar zu verschiedenen Zeiten, ungemein vielen Beyfall und viele Hochachtung gefunden hat. Sie ist unstreitig die älteste Spur des menschlichen Witzes. Sie war in den meisten Ländern, ehe die Wissenschaften dahin kamen; und sie vertrat in den Zeiten der Unwissenheit bey diesem und jenem Volke fast ganz allein die Stelle des Witzes und der Moral. Sie erhielt sich bey ihrer Ehre, da die Wissenschaften aufgiengen; und eine Erfindung, die Barbaren gefallen hatte, gefiel auch gesitteten und witzigen Völkern, und ward unter ihren Händen immer mehr verschönert. Meine Leser würden Ursache haben, von meiner Dienstfertigkeit nicht zum Besten zu urtheilen, wenn ich dieses erst erweisen wollte. Wer bey einer Sache, die niemand leugnet, mehr thut, als daß er ihrer erwähnet, der muß entweder Lust haben, etwas [XIV] vergebliches zu unternehmen, oder die Ehre suchen, seine Belesenheit auch zur Unzeit zu zeigen. Eben der äsopische Witz, den das den Wissenschaften günstige Deutschland itzt liebt, ward von den Deutschen schon hochgeschätzet, ehe sie die Wissenschaften noch kannten; und die Fabel gefiel ihnen, ehe sie die Regeln der Kunst wußten. Dieses beweisen unter andern die sehr alten Fabeln eines Ungenannten, von welchen ich itzt reden, und zugleich einige Exempel anführen will. Ich meyne diejenigen Fabeln, welche uns der Herr Doctor und Professor der Philosophie zu Straßburg, Johann Georg Scherz, in zehn Disputationen, die er von 1704 bis 1710 gehalten, aus einem alten Manuscripte geliefert, und mit einigen critischen und moralischen Anmerkungen versehen hat. Er hat von den Fabeln des alten Ungenannten ein und funfzig Stücke herausgegeben[1]. Es ist nach den Umständen, die Herr Scherz angiebt[2], sehr wahrscheinlich, daß dieser Ungenannte zu Kayser Friedrichs II. Zeiten gelebet hat. Und wenn wir auch sonst keine Merkmale hätten: so würden uns doch die Beschaffenheit der Sprache und Orthographie, und die nachdrückliche und kräftige Schreibart, deren sich dieser Dichter bedienet, schon überführen, daß er nicht lange nach den guten Zeiten Friedrichs Barbarossä gelebet haben könnte. Damals war die deutsche Poesie nicht allein an den Höfen sehr gelitten, sondern auch selbst eine Beschäfftigung der Fürsten und großen Herren; und hierdurch gelangte sie zu einer gewissen Stärke und Anmuth, deren sich die nachfolgenden Jahrhunderte [XV] bis auf Opitzens Zeiten nicht haben rühmen können. Und vielleicht hätte sich aus den alten Dichtern keiner besser zu einem deutschen La Fontaine geschicket, als unser Ungenannter, wenn er in unsern Zeiten hätte leben sollen. Einem Manne, der in der Art, die äsopischen Fabeln poetisch zu erzählen, vermuthlich unter seinen Landsleuten der erste gewesen ist; der also weder an einheimischen Exempeln, noch an den Regeln, einen Beystand gefunden hat, und doch mitten in der Finsterniß so glücklich gewesen ist, die Spuren der Natur und des Schönen zu treffen; einem solchen Manne, sage ich, kann man sehr leicht zutrauen, daß er in seiner Art vortrefflich müßte geworden seyn, wenn er die Hülfe der neuern Zeiten genossen hätte. Es geht seinem unbearbeiteten Witze wie einem ungeschliffenen Demante; er läßt, wie dieser, hin und wieder einige Stralen schießen, und es hat, um ihn in seinen völligen Glanz zu setzen, nichts als die Kunst gemangelt, welche ihm das Rauhe und Grobe hätte abnehmen sollen. Wer also großmüthig genug ist, sich nicht durch die Beleidigung irre machen zu lassen, die seine schwäbische Mundart zärtlichen Ohren anthut; wer billig genug ist, es den ordentlichen und edlen Zügen eines Gesichts nicht entgelten zu lassen, daß die Haut mit vielen Sommerflecken besprenget ist; kurz, wer mehr auf die Art, wie er erzählet hat, als auf die Worte sieht, und ihn, indem er ihn liest, in Gedanken in unsere Sprache übersetzet, dem wird unser Fabeldichter bey aller seiner Einfalt vielleicht besser gefallen, als verschiedne, die vier Jahrhunderte später sich in dieses Feld gewagt haben. Ein abwechselndes Sylbenmaaß in langen und kurzen Füßen, ein ordentlicher Abschnitt, und andere in unserer Prosodie gebräuchliche Dinge, waren damals unbekannt. Man darf also dieses nicht von ihm begehren. [XVI] Genug, daß er weit wohlklingender schreibt, als man vor Opitzen schrieb. Endlich muß man auch bedenken, daß wir die eigentliche Bedeutung, den Nachdruck, und die Kraft vieler alten Wörter nicht genug verstehen; daß viele von solchen Wörtern, wenn sie auch heute zu Tage noch gebräuchlich sind, doch entweder mehr, oder weniger, zu bedeuten angefangen haben, und daß also oft eine alte Stelle, die uns matt und unkräftig, oder sonst nicht zulänglich ausgedrückt zu seyn scheint, dennoch kräftig, poetisch und richtig, gegeben seyn kann. Wer sich in alle diese Umstände setzet, wenn er den Winsbeck und andere alte gute Dichter liest, der wird ihre ungekünstelte Anmuth im Lesen empfinden, und da lebhafte und richtige Gedanken wahrnehmen, wo Andere nichts als verlegene Wörter und matte Vorstellungen sehen. Der Leser mag nunmehr aus folgenden Exempeln selbst urtheilen, ob ich den ungenannten Fabeldichter mit Rechte gelobet habe. Das erste Exempel soll die Fabel von dem Löwen und der Maus seyn. Ich will mir die Freyheit nehmen, und Commata und Punkte dazwischen setzen, damit man den Verstand leichter finden könne.

Eyns tages ein louwe sich erging
In ein walde, da er fing
Ein musz, die wolt er getöttet han.
Sie sprach: Herr louwe lant mich gan!

5
Was eren mag ein Kunig bejagen,

Ob von Ime ein Knecht wurt erslagen?
Des er gewalt hat, wan er vill.
Ist Im das ein ere? das ist nit vil.
Was grosser Künheit mag das gesin,

10
Ob ein louwe ein muselin

Ertöttet? der hat eren me,
Der geschaden mag, und nit tut we.

Lossent ir mich Herr genesen!
Ich mag uch wol nuz wesen,

15
Und mag uch keinen schaden tun,

Noch minder dann ein arn[3] ein hün.
Der louwe liesz sin zurnen sin,
Und liesz gon das muselin,
Des wart es innerlichen fro.

20
Ich wil es uch dancken, sprach es do.

Nu wart es nit lange gespart,
Das der louwe gefangen wart
In eim garn, das was stark.
Er hett geben dusend Marg,

25
Das er darus wer gewesen,

Er wonde sicher, nit genesen.
Da er also gefangen lag,
Da kam die musz, ee dann der tag
Uffging, zu dem louwen hin.

30
Sie sprach: Got Grusz uch, herr myn,

Was clagent ir? Was ist uwer tot?
Ich bin gefangen uff den tot,
Sprach der louwe zu der musz.
Sie sprach, Herr ir koment wol usz;

35
Ich hilff, das ir blibent by den leben,

Wann[4] Ir hant mir das myn geben.
Was sol ich uch nu me sagen?
Die musz geriet[5] das garn nagen
Und mit den zenen bissen

40
Und ouch garn zerrissen

Einzwey, da wart das loch grosz:
Den louwen das nit verdrosz.

Vil balde er sich dannen macht.
Der muse det er acht[6]

45
Frundlich er Ir dancken began,

Sie sprach: Ich hab gern getan.
     Gedenkent wie der gewalt sy,
Dem miltikeit nit wonet by.
Gewalt ebermde[7] sol han;

50
An gewalt sol tugent stan.

Der grosz dem myndern sol vertragen,
Nutze mag er sin, der nit mag schaden.

Die natürliche Einfalt, mit welcher unser Autor erzählet, hat, nach meiner Empfindung, etwas sehr angenehmes bey sich. Man sieht nichts gekünsteltes, und auch nichts frostiges. Er ist nicht so kurz, daß er ängstlich würde, und auch nicht so wortreich, daß er viel müßiges sagte, wenn man etliche wenige Zeilen ausnehmen will. Seine Moralen bringt er mit einer treuherzigen Miene vor, und verbindet sie gut mit der Handlung der Fabel. Die Anrede, welche die Maus an den Löwen hält, ist so kräftig, und schicket sich zu den gegenwärtigen Umständen so gut, daß man nicht sieht, was sie bessers hätte sagen sollen. „Herr Löwe laßt mich gehn! Was mag wohl ein König für Ehre erjagen, wenn er einen Knecht erschlägt? Daß er Gewalt hat, wenn er will, ist ihm das eine Ehre? Mag das wohl eine große Kühnheit seyn, wenn ein Löwe eine Maus erschlägt? Der hat mehr Ehre, der schaden kann, und es doch nicht thut.“

Man höre dagegen die spitzfindigen Betrachtungen, welche der Löwe bey dem lateinischen Anonymus in eben dieser Fabel anstellet, und welche sich [XIX] vermuthlich auf die Vorstellungen beziehen sollen, die ihm die Maus zuvor gethan hat.

Si nece dignetur murem leo, nonne leoni
     Dedecus et muri coeperit esse decus?
Si vincat summus minimum, sic vincere vinci est.
     Vincere posse decet, vincere crimen habet.
Si tamen hoc decus est; si laus, si vincere; laus haec
     Et decus hoc, minimo fiet ab hoste minus.
De pretio victi pendet victoria: victor
     Tantus erit, victi gloria quanta fuit.

Die epigrammatische Rede des Löwen, diese künstliche Wiederholung der Worte in Gegensätzen, ist von der edlen Einfalt weit entfernet, mit welcher der Deutsche seine Maus ungezwungen, und doch nachdrücklich, reden läßt.

Man halte ferner diese alte Fabel gegen eine, die in unserm Jahrhunderte aufgesetzet ist, und sehe, ob der alte Fabeldichter den neuern nicht unendlich beschämet?

In Riederers Fabeln Aesopi, die zu Coburg 1717 herausgekommen sind, wird die Fabel von der Maus und dem Löwen also erzählet.

     Ein Löw, müd von der Hitz und Lauffen,
Legt sich im Schatten in das Grün,
Indem er schläft, so kommt ein Hauffen,
Mäuß über seinen Rücken hin,

5
Drob eine, gleich da er erwachte,

Er zwischen seine Klauen brachte.

     Die Arme bat ganz unterthänig
Um Gnad, Quartier, und um Pardon;
Sie sprach: Was solch ein großer König,

10
Der wider sie zürn, hab davon,
[XX]

Sein Grimm sollt, den er nur mögt sparen,
Gleichwohl in größe Thiere fahren.

     Der Löw gedachte, daß ihm diese
Nicht viel Respect und Ruhm verhieß,

15
Wenn er ein solch klein Thier zerriese,

Und sich sie etwan schmecken ließ,
Drum war er in sich selbst erbötig,
Und ließ sie gleich drauf loß und ledig.

     In wenig Tagen drauf so rennte

20
Besagter Löwe durch den Wald,

Er fiel in Strick und Garn behende,
Er brüllte, daß es wiederhallt;
Allein sein Vorsatz blieb dahinten,
Er konnte keinen Ausgang finden.

25
     Die Maus hört ihn erbärmlich brüllen,

Lauft zu und kennt ihn an der Stimm,
War er ihr unlängst nun zu Willen
Das sie bemerkte interim,
Kommt sie zum Garn, und sucht die Knöpfe,

30
Daß er immittelst Luft nur schöpfe.


     Als sie dieselbe nun gefunden,
So naget sie sie hurtig ab,
Wodurch sie in denselben Stunden
Dem Löwen die Befreyung gab,

35
Denn ihm ist alsofort gelungen,

Daß er aus dem Arrest entsprungen.

Ist die Fabel aus dem dreyzehnten oder vierzehnten Jahrhunderte nicht ein rechtes Meisterstück, gegen die Arbeit des neuen Dichters gerechnet? Ich glaube, daß der Leser das alte Schwäbische lieber zehnmal lesen wird, als das neue undeutsche Deutsche einmal. Dort höret man, ungeachtet der rauhen [XXI] Sprache, doch einen Dichter reden, hier aber, ungeachtet des Sylbenmaaßes, nur einen Reimer.

Das andere Exempel mag die Fabel von dem Raben und Fuchse seyn.

     Ein Fusz hungern began;
Under ein hohen bom er da kam,
Uff den ein rab kam geflogen
Mit eim kese, den er einer frouwen

5
Genommen und gerobet da.

Des wart der Fusz ummassen froh.
Da Ine der Fusz erst ersach,
Mit glatten worten er da sprach:
Got grusz dich, lieber herr myn,

10
Uwer diener wil ich sin,

Und imer wesen uwer Knecht.
Das dunket mich billig und recht.
Ir sint edel und so rich,
Kein fogel mag uch sin glich

15
In allen kunigrichen.

Ich wene[8] uch müse entwichen
Der sperwer und ouch das felkelin,
Des habichs und ouch des pfowen schin
Süsse ist uwer kelen schal,

20
Uwer styme hört man uberal

In dem walde erclingen,
Wann ir geratten singen;
Des hab ich wol genommen war.
Der rap sprach, du sagest war.

25
Nu singent lieber herr myn!

Da sprach der rap, das sol sin.

Er liesz sin stym usz und sang,
Das es durch den walt erclang.
In dem sange empfile Im do

30
Der kese, des wart der fusz vil fro.

Des lobs mus der rap mit schaden entgelten,
Und im was das lob nit gut, als ein schelten.

Die Schmeicheleyen, welche der Fuchs dem Raben macht, klingen artig genug. „Gott grüß euch, mein lieber Herr, euer Diener will ich seyn, und immer euer Knecht bleiben.“ Was fehlet diesem Complimente? Nun fängt er an, ihn recht poetisch zu loben. „Ihr seyd edel und liederreich. Kein Vogel mag euch in allen Königreichen gleich seyn. Nach meinen Gedanken muß euch der Sperber und der Falke weichen; die Schönheit des Habichts und des Pfauen. Süß ist euer Kehlen Schall, eure Stimme hört man überall in dem Walde erklingen.“ Dieses ist, wie mich deucht, eine sehr poetische Stelle. Man stelle sich vor, wenn der Dichter in unsern Zeiten geredet hätte, ob er nicht fast eben das gesagt haben würde, was La Fontaine saget?

Eh bon jour, Monsieur le Corbeau,
Que vous êtes joli! que vous me semblez beau!
Sans mentir si vôtre ramage
Se rapporte à vôtre plumage,
Vous êtes le Phoenix des hôtes de ce bois.

Die Sitten seiner Zeit ließen es nicht zu, daß er sich so manierlich ausdrücken konnte. Indessen muß diese Stelle vor vierhundert Jahren eben so artig und munter geklungen haben, als des La Fontaine seine zu unsern Zeiten klingt. Damit man den Werth dieses alten Autors desto besser erkenne: so will ich eben die Fabel von dem Raben aus dem Melander hersetzen, welcher 1712 eine Mythologiam Paraeneticam, [XXIII] das ist, die Fabeln Phädri in deutschen Versen, zu Eisenberg herausgegeben hat. Er läßt sich folgendermaßen gar annehmlich und deutlich vernehmen.

     Als ein gewisser Raab den Käß vom Fenster stahl,
Und aß denselben gern auf hohem Baum zum Mahl,
So sahe den der Fuchs, und fieng so an zu reden:
O Raab! wie hast du doch so schöne Feder-Weden!

5
Wie herrlich steht dir doch des Leibes-Zierrath an!

Kein Vogel, wenn du sängst, gieng dir im Rang voran.
Allein da sich der Narr zu seiner Stimme schicket,
Verliehrt er seinen Käß, den gleich der Fuchs entrücket,
Und reisset ihn mit List so fein begierig hin,

10
Da wurde erst der Raab der List des Fuchses in.

Und also wurde er zum Seufzen erst bewogen,
Daß ihn der schlaue Fuchs so schändlich hat betrogen;
Damit wird angezeigt, was Sinn und Witz vermag,
Und Klugheit halte stets der Tapferkeit die Wag.

Sollte man nicht denken, wenn man von der kraftlosen Art zu erzählen auf die Zeit schließen wollte, in welcher Melander gelebet; sollte man, sage ich, nicht denken, daß er noch einige Jahrhunderte vor unserm Ungenannten sein Werkchen verfertiget haben müßte? Um die Weitläufigkeit zu vermeiden; so will ich nur noch ein kurzes Exempel aus unserm Alten anführen. Ich muß übrigens erinnern, daß man bey ihm nicht lauter äsopische Fabeln, sondern auch Erzählungen antrifft; zum Exempel, die Geschichte der Matrone zu Ephesus, welche die Herren Verfasser der schweizerischen geistvollen Schriften in ihr siebentes Stück eingerücket haben; die Erzählung von dem Fieber und dem Flohe; von dem Vater, dem Sohne und dem Esel, und andere mehr, in welchen [XXIV] man die Spuren eines guten Geschmacks mit Vergnügen bemerket.

Das letzte Exempel sey die Fabel von dem Wolfe und der Geis.

     Ein Geisz wolt uff ein weide gon,
Da liesz sie in dem stalle ston
Ein junge geisz, Ir tochterlin;
Zu ir sprach sie, losz nyeman in,

5
Du solt die ture beslossen lon,

Harusz solt du nit gon,
Blip darinn, das ist dir güt,
So bist du vor dem Wolff behüt.
Da die geisz beslossen wart,

10
Vil schier ein Wolff kam uff die fart.

Er gieng zu dem stall drugenlich,[9]
Und geborte sich glich
Der alten geisz in valschheit,
An styme, an wandel und seit[10]

15
Der jungen geisz: losz mich in,

Min trut liebes tochterlin!
Sie sprach, wer bistu stant davor?
Ich ton nit uff des stalles tor.
Min mutter hat verboten mir,

20
Das ich nit usz hin kome zu dir.

Ich kenne dich wol, die stym ist falsch.
Dich hilffent weder tusch, noch welsch.
Du komest nit herin. somer got![11]
Ich wil halten das gebot,

[XXV]
25
Das mir gebot min mütterlin,

Das Ich nyeman solt lossen in.
Du bist ein wolff, das sihe ich wol,
Wann du bist aller schalkheit vol.
Ach herrgott, wie viel der ist

30
Uff erden, die denselben list

Erzöigent mit susses honiges wort,
Und ist schande, schade und mort
In ir hertze alle begraben etc.

Unter die Fabeldichter, die gegen das vierzehnte Jahrhundert gelebet haben, zählen wir auch den Hugo von Trymberg, einen Schulmann zu Babenberg. Er hat ein moralisches Buch in Versen geschrieben, welches er den Renner nennet, und von welchem er saget:

In Schwaben, in Döringen und Franken,
Da sollen teutsche Leute mir danken,
Das ich viel fremder Lere in han
In Teutscher Zungen kundt gethan,
Die manch jar vor und dan noch heuer
In Teutscher Sprache waren deuwer.

In diesem Buche sind verschiedene, theils äsopische, theils andere Fabeln enthalten; und wer weis, ob nicht einige darunter von seiner eigenen Erfindung sind. Man kann von seiner Schreibart mit keiner Zuverläßigkeit urtheilen, weil derjenige, der ihn 1549 zu Frankfurt am Mayn in Folio herausgegeben hat, so besorgt gewesen ist, und die schwäbische Mundart des Trymbergs nach der Sprache des sechzehnten Jahrhunderts verbessert, oder deutlicher zu reden, verderbet hat. Wer Exempel von dieser unzeitigen Sorgfalt sehen will, darf nur den Morhof, von der deutschen Sprache und Poesie, auf der 352. S. [XXVI] nachlesen. Es scheint wirklich, daß Trymberg die Sprache nicht so in der Gewalt gehabt hat, als der ungenannte Fabeldichter. Die Ursache mag wohl diese seyn, daß er sich als ein Schulmann, mehr auf das Latein geleget hatte, wie er saget:

Und wiset, das ich wohl dreißig jar
Meinen Sinn hatte auf Latein so gar
Geleit, das mir die Teutschen Reimen
     *   *   *   *   *   *
So gar waren unbekannt
Als ob ich führe in frembde Land
Und wölte eine sprache lernen da

Wie glücklich sind wir in unsern Zeiten, daß wir diese Entschuldigung nicht mehr nöthig haben! Unsere größten Gelehrten halten es für eine Ehre, sowohl in der einen als in der andern Sprache zugleich schön zu schreiben, und dem Exempel des Cicero zu folgen, der bey seiner Geschicklichkeit in der griechischen Sprache auch in seiner Muttersprache vortrefflich schrieb.

Wenn nichts an unserm Trymberg zu loben wäre: so verdiente er doch wegen der edlen Freyheit, mit welcher er die Laster seiner Zeiten angreift, eine besondere Hochachtung. Er fürchtet sich vor dem geistlichen und obrigkeitlichen Stande so wenig, daß er beiden die Wahrheit ganz unerschrocken saget. Er folget hierinne dem Beyspiele des beherzten Freydanks, welchen er sehr oft mit großer Hochachtung anführet. Die Satyre hat auch viel zu enge Grenzen, wenn sie sich nur mit den Fehlern des bürgerlichen Lebens beschäfftigen soll. Die Thorheiten der Großen machen beredter, als die Narrheiten der Niedrigen. Und man wird allemal finden, daß in dem Lande, wo die meiste Freyheit herrschet, auch [XXVII] die besten und kräftigsten Satyren angetroffen werden. Den poetischen Geist des Herrn Trymbergs mag ich eben nicht loben. Er hat gesunde und gute Lehrsprüche; aber hohe Gedanken und lebhafte Auszierungen wird man freylich nicht oft in seinen Gedichten finden. Wir betrachten ihn indessen itzt nicht als einen erhabnen Dichter, sondern als einen Fabelschreiber. Doch auch in dieser Betrachtung dürfte er wohl etliche Stufen unter dem Ungenannten zu stehen kommen. Ich will eine Probe von seiner Art zu erzählen hersetzen.

          Von zweyen Mülen.
     Ein Müle mit eym rädelein
Bey einem kleinen dürffelein
Hatte vor zeiten ein armer mann
Das wasser dem rädelein entrann

5
Und nicht hatte seinen vollen schwang

Mit jammer es umbgieng und sangk
Als ihm des wassers not gebot:
Hilff Herre Gott, Hilf Herre Gott.
Nun war dabey ein dorff sehr groß

10
Bey dem ein krefftig Wasser floß

Das trieb zwey räder fölligliche
Sie schnapten mit eynander glieche:
Hilff oder laß, Hilff oder laß,
Die Erde sey trucken, oder naß,

15
So hant wir genug tag und nacht

Uns wird so mancher Sack herbracht.

     Diese mülen mögent uns wol bedeuten
Auf erden reich, und arme leute.
Unsern Herren ruffent die armen an. etc.

[XXVIII] In dem sechzehnten Jahrhunderte hat sich Burkard Waldis um die Fabel verdient zu machen gesucht, und vierhundert an der Zahl in Verse gebracht, welche zu Frankfurt am Mayn 1548 in 8tav im Drucke erschienen sind. Morhof gedenkt seiner, in der deutschen Poeterey der mittlern Zeit, mit keinem Worte; und es scheint daher, daß er ihn für sehr schlecht muß gehalten haben. Es ist freylich leider bekannt, daß die deutsche Poesie nach den glücklichen Zeiten der Kayser aus dem schwäbischen Hause ein sehr schlechtes Ansehen bekommen, da sie durch die Unruhen des Krieges aus den Händen der Großen in die Hände des Pöbels gerathen, und endlich ein Zeitvertreib der ungehirnten Meistersänger geworden. Allein so schlecht sie auch in dem sechzehnten Jahrhunderte ausgesehen hat, wenn man Sebastian Brands und Johann Fischarts Arbeiten ausnimmt, von deren Stärke in der Dichtkunst die Herren Verfasser der schweizerischen critischen Schriften in dem siebenten Stücke gehandelt haben: so glaube ich doch, daß man unserm Waldis zu viel thut, wenn man ihn etwan mit Hanns Sachsen in eine Reihe setzen wollte. Er weis die weitläuftige und oft müßige Art zu erzählen, die man ihm mit Rechte vorwerfen kann, doch oft durch muntere Einfälle und lebhafte Beschreibungen wieder gut zu machen. Und er ist mehr zu bedauren, daß er nicht zu einer bessern Zeit gelebet hat, als daß er den Schimpf seiner Zeit und seiner verstümmelten Sprache entgelten sollte. Vielleicht werden einige Exempel von seiner Arbeit seinen Charakter besser bestimmen, als ich. Die Fabel vom Pferde und Esel lautet also:

     Einsmals ein Pferdt gebunden stund
Und het einen schönen Zaum im Mundt

Der war mit gülden Buckeln beschlagen
Auff seinem Rücken thet es tragen

5
Ein blancken Sattel schön gezierd,

Ein Roßdecken mit Gold durchschniert
Es riß den Zügel bald entzwey
Und lieff hinweg mit grossem Geschrey,
Da kam ein Esel on gefehr

10
Mit seiner Last langsam daher,

Das Pferd fraß das Gebiß mit schaum
Gab zorniglich und sprach, gib raum
Wer hat dich solche mores[WS 1] gelert
Daß du nicht weichst eim solchen Pferdt?

15
Geh weg, gib raum, oder wil dich schlagen

Das dich jr sechs von hinnen tragen.
Der Esel erschrack von dem schnurren
Gab raum und durfft auch nit einst murren.
Das Pferd lieff was es leibes mocht

20
Zu letst sichs on gefehr verrücht

Der wardt sein Herr von stundt gewar
Nam jm die schöne Rüstung gar
Verkauffts dem Fuhrmann in den Karren
Der wolt damit hinweg fahren,

25
Das sahe der Esel lieff baldt zu

Sprach, grüß dich freundt, wie siehest nu?
Wo ist das Gülden und Seiden zier
Der sehe ich jetzund keines an dir?
So lieber Freundt, so gehts auf Erden

30
So muß hoffart gestraffet werden.

          Von einer Frauwen,
     die ihren sterbenden Mann beweinet.

Es war einmal ein junges Weib
     Gar wohl gethan und schön von Leib,

[XXX]

Dieselb hett auch ein jungen Mann
     Den kam ein elend Krankheit an,

5
Das er sich legen must zu Bett

     Die Krankheit jn fast engsten thet,
Das er auch mit dem Todte facht,
     Den hätt die Frauw in guter acht.
Getrübt sich deß so mechtig sehr

10
     Daß sie auch kaum kundt reden mehr.

Da sprach jr Vatter, Tochter mein,
     Bitt, wöllest nit so trawrig sein,
Würd dir ietzt schon der Mann absterben
     Ich wolt dir vmb ein andern werben.

15
Ich weiß auch daß derselb für allen

     Dir baß denn dieser solt gefallen,
Vnd dich wol bald also gewehnen,
     Das dich nicht darffst nach diesem sehnen,
Darab erzörnt die junge Frauw

20
     Vnd sprach zum Vatter auf mein trauw,

Ihr seht ich bin betrübtes herzen
     Dennoch vermehrt jr mir den schmerzen,
Das jr mir sagt vom andern Mann
     Das wort ich zwar nicht hören kan

25
Das aus meines krancken Mannes lieb

     Ich mich gar herzlich sehr betrüb,
Bald thet derselbig Man verscheiden
     Darab der Frauwen hertzlich leiden
Mit Trauwrigkeit ward sehr vermehrt,

30
     Wie uns die folgende that lehrt,

Mit weinen sie den Man beklagt
     Darneben auch jren Vater fragt,
Vnd sprach, ich bitt, mir sagen wöllen
     Wie ists umb den jungen Gesellen

35
Von dem jr heut gesaget hat,

     Ist er auch hie in dieser Statt?

Ihr seht wo mich der Schuh ietzt drückt,
     Ob ich meines leidts möcht werden erqvickt.
Hie mag man sehen wie die Frauwen

40
     Ir Männer meynen mit all trauwen

Bey dem sie zwanzig Jar gesessen
     Könntens in einer stund vergessen
Doch wissens viel davon zu waschen,
     Ist gleich als wenn einr kaufft ein Taschen,

45
Vnd braucht sie lang bis sie wird alt

     Vnd jm ohn all gefahr entfallt
Geht hin zum Krämer kaufft ein neuw
     So ists auch um der Frauwen reuw.

Ich übergehe hier verschiedene Fabelbücher, als den Reinecke Fuchs des Herrn von Alkmars, Georg Rollenhagens Froschmäusler, und den Mücken- und Ameisenkrieg, weil sie alle drey nicht sowohl unter die äsopischen Fabeln, als unter die scherzhaften Heldengedichte gehören; in welcher Art sie, der harten und rauhen Verse ungeachtet, doch ihren Werth haben. Der Uebersetzer des Mückenkriegs ist nicht bekannt. Das Original ist von einem, der sich Cocalium genannt hat, in makaronischen, oder halb lateinischen und halb welschen Versen, aufgesetzet, wie die deutsche Vorrede saget:

     Dieser Krieg ist vor vielen Jahrn
Anfangs von eim beschrieben worn
Der sich genannt Cocalium,
Mit einer art der Carminum,
Darinn er vermischt Welsch mit Latein
Wie dieser Verß bey vns mag seyn:

Hei mihi Strassburgum quod non queo schavvere turnum,
Cumque bonis quod non possum zechare Gesellis.

[XXXII] Ich will aus dem ersten Buche eine kurze Stelle anführen, wenn man etwan die Versart dieses Heldengedichts kennen lernen will. Nachdem sich der Bremen König Scannacaballa in der größten Eil auf seinem Rosse, einem Käfer, zu seinem Herrn Schwager Sanguileo, dem Könige der Mücken, begeben, der unlängst eine große Niederlage erlitten hatte: so beschließt er seine lange Anrede also:

– – Ich schwer bey meiner Kron,
Ja bey des großen Jovis Thron,
Daß ich alsbald ohn lenger ziel
Der Mücken todt jetzt rechen wil.

5
Wil drey mal hundert tausend man

Allhier bringen auf diesen Plan,
Der allerbesten Bremen mein,
So sie in meinen Lande seyn,
Kriegshelden aller eren wert,

10
Eins teils zu Fuß, eins teils zu Pferd

Einen so wohl gerüsten Zeug
Dem nie kein Heer auf Erd war gleich.

Es giebt noch drey andere alte Fabelbücher, die losen Füchse dieser Welt, den Eselkönig, und den Gänsekönig, welche aber auch im eigentlichen Verstande nicht zu den äsopischen Fabeln gerechnet werden können. Die losen Füchse dieser Welt sind nicht sowohl Fabeln als Sinnbilder, in welchen die Füchse unter allerhand Gestalten und Trachten mit einer Beyschrift aus der Bibel vorgestellet werden, welche die Erklärung des Bildes seyn soll. Es mag nun Sebastian Brand, oder wer da will, der Verfasser dieses Buches gewesen seyn: so bringt es ihm, nach meiner Meynung, nicht viel Ehre. Man sieht darinnen wohl ein [XXXIII] gutes Herz, aber wenig Witz, und in der ganzen Anlage wenig Ueberlegung. Wenn dem Vorredner zu der Dresdner Ausgabe von 1585 zu trauen ist: so wäre es schon im Jahre 1495 in brabandischer Sprache im Drucke erschienen, und also älter, als der Reinecke Fuchs, weil wir von diesem keine ältere Ausgabe haben, als die Lübeckische von 1498 in Octav. Wenn diese Nachricht ihre Richtigkeit hätte: so könnte Doctor Luther, wie einige geglaubet, das Buch nicht verfertiget haben. Daß aber Doctor Luther ein großer Freund von Fabeln gewesen, sieht man daraus, weil er die äsopischen hat reinigen und übersetzen wollen, auch wirklich sechzehn Stücke übersetzet, und eine sehr schöne Vorrede von dem Nutzen der äsopischen Fabeln dazu verfertiget hat. Seine kurzen und körnichten Uebersetzungen lesen sich mit Lust. Man findet sie in dem neunten Theile seiner deutschen Werke, und auch in denen hundert Fabeln Aesopi, welche Nathan Chyträus, ein Professor zu Rostock, 1571 in Octav herausgegeben hat. In eben dieser Ausgabe finden sich vier Fabeln, welche Doctor Mathesius, Luthers guter Freund, gemacht haben soll. Ich will eine davon hier einrücken.

„Ein alter Hirtenhund, der seines Herrn viehe trewlich bewachte, gehet zu Abend ein. Den pelfern die Polsterhündlein auf der gassen ahn. Er trabt für sich, und sicht sich nicht umb. Wie er fürn Kuttelhof kompt, fragt ihn ein fleischershund, wie er dis gepelffer leiden könne, und warum er nicht einen beim kamm neme. Nein, saget der Hirtenhund, es zwacket und beisset mich keiner, ich muß meine Zeen zun Wölfen haben.[XXXIV]
Ach wer bisweilen verhören könnte, und der antwortet nicht alles, und lies St. Petrus und Rolands schwert in der scheiden stecken, der blieb lang ungebissen und vertrüg viel sachen.“

Eben dieser Mathesius erzählet in seiner Predigt über Jothams Fabel, eine Fabel vom Philipp Melanchthon, die er im Wiesenthale über Tische vorgebracht hatte, da man von dem Undanke der Welt gesprochen. Sie ist etwas lang, und vielleicht hat sie Melanchthon auch kürzer und anmuthiger erzählet, als sie uns Mathesius aufbehalten hat. Indessen verdienet sie doch, gelesen zu werden, da sie von einem so großen Manne kömmt, gesetzt, daß auch die Erfindung nicht ganz seine wäre.

Der Welt Dank.

Eine grosse Schlang verfiel sich in einer Höle, und schrie jämmerlich. Ein Bawr kompt zu Loch, fragt, was da sey, sie bitt, er wölle ir heraus helfen. Traun nein, sagt der man, an bösen Thieren ist nichts gutes zu verdienen, ich sölte wol ein Schlang in meinem Busen aufziehen. Die Schlang helt an und verspricht den Bawren, sie wölle jm bey jrem Gott, der einmal durch sie geredet, den besten lohn liefern, so die Welt zu geben pflegt. Gifft, gab, und grosse verheissung bethoren auch die weisen. Der Bawr hilfft dem bösen und listigen Wurm heraus, daran wil sie jn zu lohne fressen. Hab ich das umb dich verdienet? Ist das deiner Zusag gemeß? sagt der Bawr. Ich bin zweyzüngig, sagt die Schlang, die welt lohnet nicht anders, wer einen vom Galgen bitt, der [XXXV] bringt jn gemeiniglich wieder[WS 2] daran. Wie der Bawr in engsten stehet, sagt die Schlang, da du mir nicht glauben wilst, so wöllen wirs auf die nechsten zwey setzen, die uns begegnen, was die in diese sachen sprechen, das sol vns beyden, wohl und wehe thun. Bald kompt ein altes pferd, dem legen sie die sache für, der Scheidman spricht: Ich habe meinem Kerner funfzehn jar gedienet, morgen wil er mich dem Schelmschinder geben, die welt lohnet nicht anders. Desgleichen spricht der alte Hund, auf den sie auch compromittirn, ich habe zehn jar tag und nacht meinem junkern jagen[WS 3] und viel Füchs und Hasen fangen helffen, jetzt hat er seinem Weidman befohlen, er sol mich an eine Weide henken, das ist der Welt Lohn. Dem Bawrn wird bang zu muet, indem trabt ein Füchslein daher, dem legt der Bawr, sein sach auch für, und verheist jm all seine Hüner, er soll jm von dem bösen Wurm helffen. Der Fuchs unterwindet sich des Handels, beredt die Schlang, sie wölle jm die Höle zeigen, und was jr gefahr und des Bawr dienst gewesen sey. Man kompt zum loch, der Fuchs fert ein, die Schlang hernach, und zeigt jm alle Gelegenheit. Inn des wischet der Fuchs heraus, und ehe sich die Schlang umwendt, weltzet der Bawr aufs Fuchsen abred, wider ein grosse wand für. Wie der Bawr erledigt, fordert der Fuchs, er soll jm aufn abend das Hünerhaus offen lassen. Der Bawr kompt heim, thut seinem weib relation, und was er dem Fuchs für seine Procuratorey sey anheischig worden. Die Bewrin sagt: Hüner und Gense sein jr, er hab nichts zu vergeben. Der Bawr wil sein Wort nachkommen, lest dem Fuchs das Hünerloch offen. Wie es die Fraw gewar wird, wartet sie mit jrem [XXXVI] Schiermeister die nacht auf den Fuchs, vnd als er bona fiducia[WS 4] geschlichen kompt, verrennen sie jm das loch, vnd blewen auf jn zu, bis sie jn ergreiffen. Ach, sagt der Fuchs, ist denn das recht, und der welt höchster lohn, für die größte wohlthat, so bestettig ichs heut, armer schalck, dis welt recht mit meinem leben und balg.

Freilich gehet es auf erden nicht anders zu, wer der welt dienet, der verleuret nicht allein sein wohltat, sondern kriegt mit der Zeit Teufels danck zu lohn. Doch muß es endlich alles bezalet werden, darumb vmb der welt lohn und danckes willen nichts angefangen, vmb jres vndanckes und vntrew willen nichts unterlaßen.

Nunmehr komme ich auf zween prosaische Fabeldichter, die sich von andern darinnen unterscheiden, daß sie nicht als Uebersetzer, sondern als Erfinder, das Reich der Fabeln haben erweitern wollen. Der erste ist Georg Philipp Harsdörfer, ein Rathsherr zu Nürnberg, und Mitglied der hochlöbl. Fruchtbringenden Gesellschaft, der bis in die Mitte des siebenzehnten Jahrhunderts gelebet hat. Er hat außer seinen Frauenzimmer-Gesprächspielen und verschiedenen andern Schriften, geistliche und weltliche Lehrgedichte, unter dem Titel, Nathan und Jotham, 1650 zu Nürnberg in Octav herausgegeben. Diese Lehrgedichte, „welche er zu sinnreicher Ausbildung der wahren Gottseligkeit, wie auch aller löblichen Sitten und Tugenden verfertiget,“ bestehen in hundert und funfzig geistlichen und eben so viel weltlichen Erzählungen. Wenn man diese Lehrgedichte kurz charakterisiren will: so darf man nur den Namen darüber setzen, den Harsdörfer in der fruchtbringenden Gesellschaft [XXXVII] geführet hat. Er hieß der Spielende; und diesen Namen hat er in seinen Lehrgedichten vollkommen behauptet. Sie laufen meistens auf eine frostige Anspielung oder gezwungene Allegorie, und nicht selten auf ein Wortspiel hinaus. Doch würde man ihm zu viel thun, wenn man glauben wollte, daß unter dreyhundert Erfindungen nicht auch etliche gute wären. Ich will eine schlechte und eine etwas bessere hersetzen. Die erste heißt die Armuth. Ich will denjenigen loben, der Wachend etwas so sinnreiches nachahmen kann.

Die Armuth.

Es hat sich ein Pestilentzischer Luft (die Armuth) von den Leichnamen der erschlagenen in dem Krieg, erhaben, etliche Häuser und Stättlein angestecket, und so bald er in ein Haus getroffen, das Zinn und Kupfer, das Geld aus der Kisten, und aus dem Beutel geblasen, viel sind von einer Statt in die andere geflohen, viel sind über Meer entwichen, aus der andern Welte eine Artzney wider diesen gifftigen Luft zu holen. So viel aber mit dem Goldmetall beladen wiederkommen, so viel und mehr sind unterwegs ersoffen. Weil nun diese Pestin sehr überhand genommen, hat man um Rath gefragt, wie der Sache Hülfe zu schaffen? Dafür hat sich in der Apothecken der Hoffnung eine Artzney gefunden, welche von dem Manne des Gebeths und von der Eberwurtz unverdrossener Arbeit gemachet worden. So viel ihrer diese Artzney mit vielen fasten und wachen gebrauchet, sind alle genesen, und hat solche den Gift von den Herzen getrieben, daß er ihnen nicht schaden können. Dieses Mittel ist durch einen [XXXVIII] Wiederhall oder Echo erfunden worden, indem einer gerufen:

A R O,

hat der Wiederruff geantwortet:

O R A.

Es haben sich aber nicht wenig gefunden, so diese Arzeney nicht gebrauchen, und lieber in der Faulsucht ihr Leben enden, daß sie theils ein Hauffen Kleide angethan, bevor sie erkranckt.


Tugend und Laster.

Es wohnten in einem Hause vier fromme Weibspersonen, welche sich zu gleicher Zeit schwanger, und sehr übel befanden. Als nun die Geburtsstunde herbey kame, brachten sie auf einen Tag vier sehr abscheulige Kinder, nemlich zween Söhne und zwo Töchter auf die Welt. Die Wahrheit, welches die älteste und schönste unter besagten Frauen ware, gebore den Haß, ein ungestaltes Kind mit schehlen Augen und spitzigen Klauen. Die Glückseligkeit, ein junges und freches Weib, brachte an das Licht den Stolz, eine Mißgeburt mit zween Köpfen, einem Leib und Schwanz gleich einer abscheulichen Schlangen, mit Basilißken Flügeln, etc. Die Sicherheit gebore eine Tochter, die nennte sie die Gefahr, die wollte klettern wie eine Katz, und hatte doch keine Klauen sich anzuhalten. Viertens erledigte sich die Vertreulichkeit einer Tochter, die nennte man die Verachtung. Wie nun die Eltern gute Freundschaft flogen, also wollten sie solche bey ihren Kindern erblich machen, und heyrathet der Herr Haß, die Fräulein Gefahr, und der Herr Stolz, das Fräulein Verachtung.

[XXXIX] Der andere von den Fabeldichtern aus dem verflossenen Jahrhunderte ist Justus Gottfried Rabener, ein gelehrter Mann, der als Rector der Fürstenschule zu Meissen 1699 gestorben ist. Seine Fabeln, die unter dem Titel, Nützliche Lehrgedichte, 1691 zu Dresden in Octav herausgekommen, sind zu der Absicht, in welcher er sie für die Jugend aufgesetzet hat, sehr dienlich gewesen. Er scheint freylich den Fußtapfen des Herrn Harsdörfer zuweilen gefolget zu seyn, indessen ist es ihm weit besser geglückt, als jenem. Seine hundert Fabeln zeigen von einer fruchtbaren Erfindungskraft. Und wenn dieser wackere Mann nicht in dem schematischen Weltalter gelebet hätte, wo man recht tapfer allegorisiren mußte, wenn man witzig seyn wollte; wenn er sich ferner des Johann Valentin Andreä lateinische Apologen nicht zu Mustern genommen hätte, welche zu Straßburg unter dem Titel, Mythologia Christiana, 1619 herausgekommen, und nichts weniger, als gute Fabeln oder Erzählungen sind: so würden seine Erfindungen nebst seiner Schreibart weit größere Vorzüge haben. Nach meinen Gedanken verdienten es seine Fabeln, daß man sie von den Fehlern ihrer Zeit reinigte, und sie auf eine geringere Anzahl setzte. Etliche Blätter voller äsopischen Witzes, den ein kurzer und muntrer Vortrag belebet, stiften bey der Jugend und bey tausend Erwachsenen vielleicht mehr Nutzen, als große Werke, worinnen man die Moral gründlich ausdehnet, mit einer tiefsinnigen Miene seicht, und mit einem systematischen Geschreye trocken abhandelt. Weil das Buch des Herrn Rabeners auch nicht in Vieler Händen ist: so will ich ein Paar Proben von seinen Fabeln geben.

[XL] Ein leichtfertiger Bube wollte einmahls in heissen Sommer-Tagen in dem Strome baden, nebenst andern muthwilligen Knaben, wagete sich aber zu weit in den Strom, und wurde von demselben in eine gefährliche Tiefe geführet, in welcher er auch schon unterzusincken anfieng. Als aber die andern Knaben hierüber heftig anfiengen zu schreyen, lief ein ehrlicher Mann aus Mitleiden zu, sprang mit großer Gefahr in das Wasser, erhaschte den schon ertrinckenden bey den Haaren, und brachte ihn also mit grosser Mühe aufs trockene. An statt aber, daß der undanckbare Vogel die Wohlthat erkennen, und sich dafür hätte bedanken sollen, lästerte er den ehrlichen Mann, und warf mit Steinen nach ihm, daß er ihn geraufft hätte. Also gehet es auch treuen Predigern und Lehrmeistern, welche man mehrentheils mit Undanck und Schelt-Worten lohnet, wenn sie ihre Zuhörer aus denen vielen gefährlichsten Lastern heben, und mit großer Mühe heraus reissen.

Spectrum Mansvetudinis.

Es rühmte ein Hund seine Sanftmuth gegen die andern, und vermahnete sie, daß sie ins künftige nicht mehr die unschuldigen fürüber gehenden Leute anfallen sollten. Diese verwunderten sich über seine ungewöhnliche Frömmigkeit, als welche wohl wusten, daß er für dessen die Wanders-Leute bis zum Dorffe hinaus verfolget hätte. Als sie aber genau auf sein Maul Achtung gaben, nahmen sie gewahr, daß ihm seine fördern Zähne alle mit einem Steine ausgeworffen worden. Solches wird erzählet wider dieselben Heuchler, welche viel von ihrer Frömmigkeit und Sanfftmuth rühmen, [XLI] wenn es ihnen an Kräfften und Gelegenheit fehlet den Leuten zu schaden, wiewohl es ihnen an dem bösen Willen nicht mangelt; vor solchen aber muß man sich mehr, als für den Kläffern hüten.


Dieses mag von etlichen deutschen Fabeln genug seyn. Ich weis nicht, ob ich allen Lesern mit dieser Nachricht einen so gar großen Dienst gethan haben werde. Viele würden es vielleicht lieber gesehen haben, wenn ich von den Fabeln der neuern geredet, und sie, nachdem sie es gewünschet, entweder recht unverschämt gelobet, oder recht kunstmäßig herunter gemachet hätte; aber zu beiden habe ich weder einen Beruf, noch die gehörige Geschicklichkeit und Verwegenheit. Vielen würde es lieber gewesen seyn, wenn ich einige poetische Ueberbleibsel von einer uralten griechischen oder lateinischen Fabel hätte auftreiben, und sie mit einem historisch-philologisch-critischen Commentariolo von sechs oder zwölf Bogen versehen können. Zum Exempel, wenn ich die Grenzen der Gelehrsamkeit mit einigen wieder hergestellten Versen aus einer Fabel des Ennius hätte erweitern können, die, wie Gellius berichtet, von der Heidelerche (cassita) handelte, und in versibus quadratis geschrieben war. Doch an Statt, daß einige deswegen Ursache haben sollten, auf mich zu zürnen: so sollten sie mir vielmehr danken, daß ich ihnen nicht eine Materie weggenommen habe, bey der sie ihre Gelehrsamkeit ohne Pralerey zeigen können. Vielen würde es vielleicht lieber gewesen seyn, wenn ich eine Abhandlung von der Fabel, von ihren Fehlern und Schönheiten, an dieser Stelle angebracht hätte. Allein da Herr la Motte vor seinen Fabeln, Herr Breitinger in seiner critischen Dichtkunst, Herr Bodmer in der Vorrede [XLII] zu dem halben Hundert neuer Fabeln, und andere gelehrte Männer mehr bey uns diese Arbeit schon über sich genommen haben: so wird man die meinige sehr gut entbehren, und dafür diese Nachricht von einigen alten Fabeln lesen, oder überblättern können.

Von meinen Fabeln, die ich dem Leser überliefere, weis ich nichts weiter zu sagen, als daß ich erwarte, ob sie das Glück haben werden, den Kennern zu gefallen, oder das Unglück, ihnen zu mißfallen. Das erste wird die größte Belohnung seyn, die ich mir für meine Bemühung nur wünschen kann; das andre die größte Strafe, die mir niemals die Verwegenheit wieder in den Sinn kommen lassen wird, die Welt durch Fabeln zu lehren, oder zu vergnügen. Leipzig, im Märzmonate, 1746.



  1. Eben diese Fabeln hat man in einem papiernen Manuscripte auf der Bürgerbibliothek zu Zürich. S. die Sammlung geistvoller Schriften. VII. St. 48. S.
  2. S. Scherzii Philosophiae moralis Germanorum medii aeui specimen primum.
  3. ar, Adler.
  4. Weil.
  5. Fieng an.
  6. Er bezeigte der Maus Hochachtung.
  7. Erbarmung.
  8. Wenen, glauben, dafür halten.
  9. betrüglich.
  10. sagt.
  11. Somer got, oder sommer gott, ist eine Betheurung, die so viel heißt, als: Bey Gott! So wahr mir Gott helfe!

Anmerkungen (Wikisource)

  1. mores: lat. „Sitten“
  2. Vorlage: wieber
  3. Vorlage etwa jag(e)a
  4. bona fiducia: lat., „mit gutem Glauben“