Nachtelend in London

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Autor: unbekannt
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Titel: Nachtelend in London
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aus: Die Gartenlaube, Heft 14, S. 218–221
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Notschlafstelle in London
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Nachtelend in London.


Schutzlos in London! Hülflos in London! Obdachlos in London! Welche Geschichte von Weh’ und Leid umfassen solche Worte! In einer großen deutschen Stadt war ich Zeuge der allgemeinen Bestürzung, als es verlautete, eine Familie sei dem Hungertode erlegen. Auf Wochen hinaus warf das Ereigniß einen trüben Schatten auf jede Unterhaltung; es war ein allgemeines Entsetzen, eine allgemeine Beschämung. Aber wer zählt die Hungertode in der Millionenstadt London? Ist es auch wahr, daß das englische Volk alljährlich sechs Millionen Pfund Sterling als Armensteuer entrichtet, die Hungertode bleiben doch, sei es unter Dach und Fach, durch welches der Novembersturm sanft, sei es in dunklem Winkel unter dem Viaduct einer Eisenbahn, sei es auf den Stufen vor dem Portale eines Palastes, sei es in einer leeren Hundehütte hinter dem Hause, wo die Leute von Qualität wohnen, die etwas zu beißen und zu brechen haben und jede Wunde des Mangels mit einer neuen Note der Bank von England bepflastern können.

Wohin sich diese Tausende und aber Tausende von Obdachlosen verlieren, wenn die Nacht kommt, wohin sie alle verschwinden, wer kann es sagen? Auf freiem Felde schlafen, verbietet das Gesetz; auf der Straße den Pflasterstein zum Kopfkissen wählen, verbietet das Gesetz; in einer leeren Scheune sich betten, verbietet das Gesetz, – und ein starres englisches dazu. Wäre nicht die Polizei in London barmherziger als das Gesetz, das Elend zur Nacht wäre noch viel elender als es ist. Zwar fegt sie mitunter in schönen Julinächten durch die Parks und treibt die Müden und Schlummernden aus Busch und Rasenwinkel – aber nur mitunter! Sie drückt wochenlang beide Augen zu und wendet die Laterne ab, wenn sie auf den Trümmern niedergerissener Häuser im Nebel ein Etwas erspäht, das ein menschliches Wesen sein kann, doch vielleicht auch ein Haufen weggeworfener Lumpen.

Eine deutsche Familie hat wohl ihre Hausarmen – dergleichen wäre in England unerhört. Der Unternehmungsgeist hat die Wohlthätigkeit in ein System gebracht, mit einem guthonorirten Beamtenstabe und respectablem Büttelthum, wie es Charles Dickens in seinem David Copperfield mit meisterhafter Feder skizzirt. Die Wohlthätigkeit ist ein Mechanismus geworden. So und so viel wird an Armensteuern entrichtet – und sie sind enorm. So und so viel geben Privatleute und Firmen an Weihnachtsbeisteuern und was darüber wäre, das wäre „vom Uebel“. Nur keine persönliche Unbequemlichkeit, es sei denn sie werde zur erfreulichen Gelegenheit eines Zweckessens arrangirt. Armenhäuser sind hier nicht Wohlthätigkeitsanstalten, sondern Abschreckungsmittel. „Wir nächtigen wohl in einem Armenhause, aber nur dann, wenn wir auf der Straße kein Lager finden können.“ Dies ist eine Antwort, die man von neun Armen unter zehn erhalten kann. Bei aller Mißverwaltung und trotz der unerforschten Canäle, in welche sich die Millionen an regelmäßigen und ausnahmsweisen Armensteuern verkrümeln, haben die Millionen von goldenen Sovereigns doch dazu geführt, daß wenigstens Tropfen auf den heißen Stein fallen konnten, und die Liste der Wohlthätigkeitsanstalten für Jung und Alt ist eine so lange, daß sie sich nicht in einem Westentaschenbuch drucken ließe. Aber wie sehr auch deren Zahl wächst, die Zahl der Armen nimmt nie ab, sondern wächst auch. Sie nimmt ab nur in den officiellen Mittheilungen der Presse aus der Armenstatistik. Sie hämmert mit dem Thürklopfer zehn Mal des Tages an Eure Thür und bietet Euch dieselbe Büchse Zündhölzer zum neunundneunzigsten Male zum Kauf an, mit der sie schon vor achtundneunzig Thüren erschienen. Sie streckt Euch die Hand ohne Worte entgegen, wenn ein Policeman naht. Sie erscheint auf dem Trottoir gekauert, im Schlaf am Mittage, und läßt sich den Penny in die zufällig offene Hand werfen. Sie schreibt auf den Pflasterstein „mich hungert“ und wartet. Sie erscheint an den Ecken als Greis im reinlichen schwarzen Rock, baarhäuptig, mit dem Besen in der Hand. Sie schlägt Rad vor Euch mitten in Regentstreet oder entsetzt die fashionablen Ladies in halbnacktem Costüm, um solchen Ausdruck zu gebrauchen, mit dem originellen Angstruf: „Ich brauche ein Hemde, Ladies!“ und die silbernen Sixpence fliegen!

Doch das sind Bettler, geschulte und ungeschulte. Sie kündigen sich mit ihrer Person an – sie sind zu zählen. Aber diejenigen, die nicht betteln, sondern aus der Hand in den Mund leben, oder aus der leeren Hand in den leeren Mund schmachten, die nicht Gassenhauer singen und nicht an Eure Thüren hämmern – für welche ein Schilling eine Rettung vom Sprung in die Themse; oder solche, die genau so viele Pence des Tages erworben, um Seele und Leib zusammenzuhalten, aber für kein Nachtlager die kleinste Münze des vereinigten Königreiches auftreiben können – deren Zahl geht in die Hunderttausend. Für diese giebt es nur einen Genuß: den Schlaf, die Ruhe, das Vergessen zwischen heute Abend und morgen früh.

[219] Dies wurde von Menschenfreunden erkannt und führte zur Gründung von „freien Nachtherbergen“ (Night Refuges) in London. Ihre Zahl ist noch sehr klein – drei oder vier. Die in den beifolgenden Abbildungen dargestellte ist die zweitgrößte im Süden von London, wo die Armen dichter beieinander wohnen, als Bienen in einem Korbe. Diese eine Nachtherberge hat in einem einzigen Jahre nicht weniger als 75,000 Obdachlosen den „Schlaf“ beschert und einen Trunk und ein Stück Brod eine Woche lang oder zwei hintereinander und dann nach gewissen Pausen wiederum eine Woche lang oder zwei, während die Einen den Andern Raum machen mußten. So und so oft Schlaf, Brod und Trank – eine Woche lang oder zwei unter den zweiundfünfzig Wochen des langen Jahres – das spielt eine große Rolle in den Gedanken Derer, die hülflos, schutzlos, obdachlos in London!

Es ist ein langes düsteres Haus in einer düstern Straße im düstern London. Aber so sehen fast alle Häuser aus an einem Februar-Abend um sechs Uhr, wenn das Tageslicht schon zwei Stunden vorher von den Gasflammen abgelöst worden. So früh wird Zulaß zu dieser Herberge gegeben und offenbar in weisester Absicht. Das Vagabundiren bei sinkender Nacht und später wird dadurch so Manchen verleidet, weil sie keinen Raum, keine Schlafstätte mehr unter dem gastlichen Dach finden würden, meldeten sie sich nicht frühzeitig. Schon um sieben Uhr ist fast Alles besetzt, was an Lagerstätten vorhanden; um acht Uhr bieten nur noch die Bänke an den Wänden eine Stätte und Nachzügler haben sich über dieselben zu strecken.

Schon lange vor der sechsten Abendstunde sammeln sich Gruppen von Wartenden, zumeist dem weiblichen Geschlechte angehörend, vor dem Eingange, Alte und Junge, Kinder und Säuglinge in der Mutter Arm. Diejenigen, welche „daran gewöhnt“, drängen sich dicht an die Thür, aber Andere, die vielleicht diesen Schritt zum ersten Male thun, halten sich in größerer Entfernung, an Laternenpfählen lehnend oder auf der andern Seite der Straße wartend, als gehörten sie nicht dazu. Einzeln passiren sie durch die Thür in einen kleinen Raum, der zur Nachtzeit als Remise für einen kleinen Schauwagen dient, aus welchem zum Besten des Instituts bei Tage vor der Thür der Herberge religiöse Bücher an die Vorübergehenden verkauft werden. Der Beamte des Hauses, ein Mann, dem Geduld und Milde auf dem Gesicht geschrieben stehen, liest die Gesichter bei jedem Eintritt, um zu sehen, ob keine Unberufenen darunter, d. h. keine, welche öfter, als verstattet, sich zur Aufnahme melden und durch solchen Mißbrauch Andere um ihre Reihe betrügen wollen. „Ich irre mich selten im Wiedererkennen,“ versicherte mir der Inspector. „Das Auge wird scharf und tief in solcher Uebung und erkennt die Hunderte in den Tausenden heraus.“

Verschiedene schmale Treppen führen aus dem untern Geschoß, wo sich die große Küche und die Badezimmer befinden, nach verschiedenen Richtungen in die Schlafsäle für Männer und in die für Frauen. Jeder Ankömmling muß sich seines Schuhwerks entledigen und Strümpfe und Gesicht, Hände und Füße in den Bade- und Waschzimmern reinigen, welche mit kaltem und warmem Röhrenwasser versehen und in mustergültiger Reinlichkeit erhalten werden. Das Schuhwerk wird bis zum nächsten Morgen aufbewahrt. In Reihen, wie auf Bücherbretern, stehen die Schuhe an den Wänden geordnet; schwere und leichte, große und ganz kleine, welche trostlosen Wanderungen haben sie durchmessen! Dort jene Matrosenschuhe kommen vom sturmerschütterten Verdeck vielleicht eines Ostindienfahrers; diese Frauenschuhe in der Nebenkammer wanderten wohl die Insel Britannien durch von einem Ende zum andern; jene Bettelschuhe eines Kindes standen tausendmal auf dem Pflaster von London-Bridge und die kleineren Füße darin zitterten vor Frost und der Leib darüber schwankte im Verschmachten. Auch der elegante Lackstiefel fehlt nicht, wenn auch nur als Ruine, denn es kommen auch Leute hierher, die einst „Gentlemen“ gewesen, aber im großen Jagen von den Hinterherdrängenden überholt und bei Seite getreten wurden in London, wo so oft das gräßliche Gesicht des Elends über die Schulter blickt, die in das feinste Tuch gekleidet ist.

Baarfüßig, die Kappe oder den Hut in der Hand, schreiten sie die Treppen hinauf, die Einen in die Männergemächer, die Andern in die der Frauen. Hier, so lange noch Platz, setzt sich Jeder still auf die an den Wänden entlang laufenden Bänke, zu Häupten der erwählten Lagerstätte, eines Holzkastens, am Kopfende ein wenig erhöht – Breter und Holz, aber reinlich gehalten. In zwei Reihen, wie auf den Boden genagelte lange Fächer, laufen diese Bettstätten durch die Länge jedes Schlafsaales, in einem sechszig in kleineren weniger. Gerade so viel Raum in jeder, wie in einem Sarge, wo auch der Aermste zuletzt sein Haus findet und der Unseligste, der zu Lebzeiten keine Stätte für sein Haupt finden konnte, für das Haupt, in dem eine unsterbliche Seele wohnt, Grundbesitzer wird über sechs Fuß geschaffener Erde. So sitzen sie sich gegenüber und warten, bis die Schlafensstunde schlägt. Welche Gesichter! Alle still! Keine unziemlichen Reden, kein Geräusch. Es ist, als achte die Armuth instinctmäßig den Platz als einen für sie heiligen.

Auch jener zottelige Vagabund in der Ecke hat sein wüstes Gesicht in anständige Falten gezogen. Neben ihm sitzt ein Arbeiter in der Manchesterjacke, die hornigen Hände auf die Kniee gelegt. Er sieht kräftig aus, vielleicht ist’s nur ein augenblicklicher Nothbehelf für ihn, einmal hier eine Nacht zu versuchen. Hier ein kleiner grauhaariger Mann, der die Augen niederschlägt, mit jedem Arme einen Knaben umfangend, Kinder in ärmlicher, aber sauberer Wäsche – zerbrochenes Glück steht auf diesen Zügen geschrieben. Es ist wohl das erste Mal, daß ihr hierher gekommen seid! Daneben ein verwegenes bleiches Gesicht, eine Art Fuchskopf, diebische Augen, doch hier bleiben die Finger müßig; wer stiehlt Lumpen? Und so geht’s fort, Kopf an Kopf bis zu einem breiten Negergesichte, das wie ein schwarzer Punkt diese lange Gesichtergeschichte abschließt, ein Bruder Misérable neben dem anderen. Hier und da haben es sich schon Knaben, die ohne Vater gekommen – „Araber der City“, die irgendwo, irgendwie des Tages über auf dem Pflaster leben – in den Schlafsärgen bequem gemacht. Da ist ein Paar entschlafen, in einer Umarmung, in Lumpen, aber mit feingeschnittenen, blühenden Gesichtern, schön wie die Söhne Eduard’s im Gemälde. Es fehlt nur die Schlummerdecke von Purpursammt und das Kopfkissen von Seide. Aber der Schlaf der Jugend kümmert sich nicht um das harte Bret.

So warten sie, bis ein Mann vom Dienstpersonal das Tischgebet spricht. Dann kommt ein Becher Kaffee und ein Stück guten, unverfälschten Weizenbrodes zur Labung, dann eine kurze Predigt, ein hundertstimmiges Amen und endlich der ersehnte, der erflehte, der heilige Schlaf.

Ebenso ist es bei den Frauen. Ich blieb hier an der Schwelle stehen. Es widerstand mir, wie ein Neugieriger hier durch die Länge des Saales Parade des Elends abzunehmen. Der Eindruck ist ein tieferer im Mitleid, ein vollerer im Erbarmen. Der Mann, wenn nicht ein Krüppel, erscheint nie so hülflos, wie das Weib der Armuth. Auch hier dieselben Variationen, wie im anderen Saale. Manche wohl, die schon mehr als einmal im gelben Nachtnebel an der Themse gestanden, den Frieden der Tiefe mit der Seele suchend, hier und da wohl Eine, die mehr als einmal den Wellen entrissen. Vom Trunk gefärbte Gesichter und andere hungerbleich, grobe Hände mit schwellenden Adern und feine, weiße, die mit der Nadel gegen das Ungeheuer Mangel kämpfen. Auch kleinere, ganz kleine Wesen, halbnackt, halb verwildert, halb noch von der Unschuld verschönt, mit oder Mutter, ohne Mutter, mutterseelenallein, wie eine verirrte Taube. Husch in die Ecke eines Bettkastens gekauert, den zerrissenen Shawl über das Gesicht gezogen! Hier sind die Gesichter lebhafter. Frauen kritisiren einander auch noch dort, wo alle Unterschiede ein Hohn wären, und doch kann der Nachbarin besseres Kleid noch Eifersucht erregen! Hier wird noch gesprochen; namentlich eine alte Irländerin, die sich der Hausregel des Stillsitzens durchaus nicht fügen will, entlastet ihr Herz von einer Fülle drolliger Rohheiten im breiten irischen Accent und mit jenem halbnärrischen Augenzwinkern, das einem Lachen unter Thränen zum Verwechseln ähnlich sieht.

Nach dem Gebet kommt auch hier das Mahl, ein Zinnbecher mit warmem Kaffee und ein Stück Brod. Wie in der Kirche bei der Austheilung des Abendmahls schreitet Eine hinter der Anderen an der Madame des Hauses und ihrer Magd vorüber, von denen die Eine den Kaffee schöpft, die Andere das Brod einhändigt, das von Jeder mit einer Neigung und einem „Thank you“ empfangen wird. Merkt auf diese zwei Worte! Die Eine dankt mürrisch, sie nimmt das Almosen an, nur weil sie muß, und grollt vielleicht der Geberin, der Unbekannten, die dazu das Geld hergegeben; eine Alte empfängt es mit zitternder Dankbarkeit; ein kleines Mädchen hat das Brod schneller in den Mund

[220]
Die Gartenlaube (1866) b 220.jpg

Eine Londoner Nachtherberge.
Nach der Natur gezeichnet von Dammann in London.

[221] gesteckt, als sie dafür danken konnte. Hunger! Dann kehren sie auf ihre Sitze an den Wänden zurück. Nach dem Mahle kommt die kurze Predigt, dann das hundertstimmige Amen und endlich der ersehnte, der erflehte, der heilige Schlaf.

Und in all’ den Sälen wird es ganz still, die Schuldbeladenen schlafen neben den Unschuldigen, der Verbrecher neben dem menschlichen Wesen, das noch nicht untergehen will! Wer bucht die Träume?

Warm ist es in diesen wohlgelüfteten Räumen, die durch eiserne Röhren geheizt werden, welche als hohle Pfeiler die Decke stützen und durch welche die warmen Dämpfe passiren, zu diesem Behufe in einem Dampfkessel erzeugt, der zur gleichzeitigen Heizung der Küchenräume dient. Je näher eine Lagerstätte diesen wärmenden Säulen, je gesuchter von den Obdachlosen, wie ein Luxus sonder Gleichen.

Am Morgen, nach dem Gebet, wiederholt sich die Scene der Speiseaustheilung und dann werden sie entlassen, hinaus in die Welt, in den abenteuerlichen, den feindlichen Tag, dieser und jene mitunter mit Arbeitsbillets versehen, oder mit Suppenmarken, oder anderen Extravortheilen, die Menschenfreundlichkeit beschafft und für welche Begünstigung der die Gesichter lesende Inspector oder Hausvater die ihm am würdigsten Scheinenden aussucht, so weit die Mittel reichen.

So bringt eine Viertel-Million Menschen alljährlich die Nächte zu in der Weltstadt London.