Nichts Neues unter der Sonne

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Titel: Nichts Neues unter der Sonne
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aus: Die Gartenlaube, Heft 29, S. 478
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Blätter und Blüthen.
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[478] Nichts Neues unter der Sonne. Daß die Monstre-Concerte – wir erinnern an das Bostoner – ihre Vorläufer in einer sehr frühen Zeit haben, das beweist unter anderen Beispielen die folgende Mittheilung: Einzig in den Annalen der Tonkunst ist das Concert, das auf Verlangen des Kurfürsten Johann Georg von Sachsen den 13. Juli 1615 in Dresden stattfand. Das ganze Concert sollte eigentlich in einer Art Oratorium bestehen, welches die Historie von Holofernes behandelte. Der Text dazu war von einem gewissen Matheseus Pflaumenkern verfaßt, die Musik aber von dem Hofcantor Hilarius Grundmaus componirt. Nachdem der Letztere dem Kurfürsten einen Plan vorgelegt hatte, erhielt Derselbe nicht allein die Billigung des Fürsten, sondern der Hofcantor bekam außerdem noch fünf Fäßchen Bier aus der Hofbrauerei zum Geschenk, mit dem Befehl, etwas ganz Absonderliches, Außergewöhnliches zu veranstalten; der Kurfürst wolle alle Kosten tragen. Demzufolge wurden alle Tonkünstler von Deutschland, der Schweiz, von Waadtland, Polen und Italien aufgeboten, sich mit ihren Schülern zu dem großen Musikfest in Dresden einzufinden.

Am Tage St. Cyrillus, den 9. Juli 1615, waren denn auch in der Stadt 576 Instrumentalisten und 990 Sänger gegenwärtig, die Dresdener Choristen nicht mitgerechnet. Die Ersteren brachten nicht allein bereits bekannte, sondern selbst noch nicht gehörte und gesehene Instrumente mit. Vor Allem zog der Riesenbaß eines gewissen Rapotzky aus Krakau in Polen die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Derselbe war auf einen mit acht Mauleseln bespannten Wagen geladen und war sieben Ellen hoch. Sehr sinn- und kunstreich war an dem Instrumente eine kleine Leiter angebracht, mittelst deren Rapotzky nach Gefallen die höheren oder tieferen Töne auf dem gigantischen Basse angab, indem er, mit dem Bogen in der Hand, gewandt auf und nieder voltigirte. Ein Student aus Wittenberg, Namens Rumpler, hatte die Partie des Holofernes übernommen und vom Hofe die Vergünstigung erhalten, seine erschütternde und markige Baßstimme zuvor im Wirthshause durch beliebigen kostenfreien Biergenuß zu stärken und anzufeuchten. Am bestimmten Tage fand die Aufführung dieses Concertes statt, und zwar hinter dem Finkenbusch, rund um einen Hügel, nachdem vorher die nöthigen Gerüste und Erhöhungen, sowohl für die Musiker und den Hof, wie für die vorderen Zuhörer zurecht gemacht waren. Aus Besorgniß, daß der ungeheure Baß Rapotzky’s noch nicht kräftig genug für die Masse der anderen Instrumente sein möchte, ließ der Cantor Grundmaus auf die vier Flügel der Windmühle, die auf dem Hügel stand, ein starkes Schiffstau spannen, welches die Töne der Violen versinnlichen mußte, und deshalb mit einer ausgezahnten Holzsäge gestrichen wurde.

Zu Seiten des Halbcirkels, den die Musiker bildeten, stand eine große Orgel, die vom Pater Serapion mit den Fäusten gehandhabt wurde. Anstatt der Pauken hatte man kupferne Braukessel in Bereitschaft gesetzt, doch da auch diese dem Cantor Grundmaus noch zu schwach dünkten, so ließ der Kurfürst einige Stücke Geschütz auffahren, die beständig geladen und vom Oberhofkanonier genau nach der Partitur losgebrannt wurden. Die Ausführung dieses höchst absonderlichen Musikfestes glückte über alle Maßen und riß alle Anwesenden zur Bewunderung hin. – Unter den Sängern zeichnete sich Donna Bigozzi aus Mailand besonders aus. Sie hatte aber mit Trillern, Läufern, Coloraturen und allerhand lieblichen Agréments ihre Kräfte dergestalt überboten, daß sie nach Verlauf von drei Tagen starb.

Der Student Rumpler, durch den großen Baß unterstützt, sang eine Arie mit so fürchterlich schöner Stimme, daß Alles erzitterte. Das Ganze wurde mit einer überaus künstlichen Doppelfuge beschlossen, wobei es zwischen den beiden Singchören in vollem Ernst zu Thätlichkeiten kam, da die fremden Sänger, welche die fliehende Assyrier vorstellten, von den Dresdener Choristen, welche die Partie der triumphirenden Israeliten übernommen, mit unreifem Obst und Erdklößen geworfen wurden, worüber der Kurfürst herzlich lachte und sich höchlich ergötzte. Nur mit Mühe konnte man die fremden Sänger verhindern, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, wodurch die Festlichkeit leicht einen betrübten Ausgang hätte erleben können. Der Hofcantor Grundmaus empfing als Belohnung ein Fäßchen Niersteiner und fünfzig Meißner Gulden.