Noch einmal Maus und Canarienvogel

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Autor: J. A. D.
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Titel: Noch einmal Maus und Canarienvogel
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 5, S. 83, 84
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[83] Noch einmal Maus und Canarienvogel. Nummer 1 dieses Jahrgangs der „Gartenlaube“ enthält unter „Blätter und Blüthen“ eine mit der Ueberschrift „Eine Maus im Canarienvogelbauer – gewiß ein seltener Gast!“ bezeichnete Mittheilung. Dem Einsender der letzteren sowohl, als auch anderen Lesern der „Gartenlaube“, welche der bereits in verschiedenen Jahrgängen derselben gestellten Frage „Instinct oder Ueberlegung?“ und den daran geknüpften Mittheilungen aus dem Thierleben mit Interesse gefolgt sind, dürfte eine Mittheilung über Beobachtungen, an einem andern Orte über Maus und Canarienvogel angestellt, vielleicht nicht unwillkommen sein.

Daß die Mäuse die Futterbehälter der Stubenvögel, vorzugsweise diejenigen, welche Hanfsamen enthalten, besuchen, ist da, wo Mäuse und Vögel sich gleichzeitig vorfinden und die Mangelhaftigkeit des Fußbodens oder der Wände das Eindringen der ersteren in ein Zimmer gestattet, durchaus keine Seltenheit, vielmehr eine tägliche Erscheinung. Die Art und Weise, wie die kleinen Näscher ihre Raubzüge nach hoch im Zimmer hängenden Vogelbauern auszuführen im Stande sind, sowie das Maß von Klugheit und Geschicklichkeit, welches sie dabei entwickeln, ist jedenfalls der Beobachtung werth. An Fenstervorhängen, Topfgewächsen, Schnüren und Kleidungsstücken, in Spalten und engen Zwischenräumen, hinter Tapeten, Schränken, Spiegeln und anderen Gegenständen weiß die Maus mit einer bemerkenswerthen und auffallenden Gewandtheit und Kunstfertigkeit zu den Käfigen der Canarienvögel zu gelangen. Wo man ihr eifrig nachstellt, wird in der Regel nur die Nacht, bei starkem Appetit wohl auch die Dämmerungsstunde benutzt, um sich an der Kost des Vogels gütlich zu thun. Ist die Maus dagegen in Folge besonderer Umstände zu einer gewissen Dreistigkeit gelangt, so stellt sie sich nicht nur bei Kerzen- oder Lampenschein, sondern auch mitten am Tage als Kostgängerin des Vogels ein.

In einer unmittelbar über dem Fußboden entstandenen Mauerspalte eines Zimmers, welches ich als lediger Mann mehrere Jahre hindurch bewohnte, bemerkte ich eines Tages eine Maus, die mich unverwandt mit ihren Blicken verfolgte. Um mich zu überzeugen, ob das winzige Thier den Muth haben würde, in’s Zimmer zu dringen, zog ich mich in den Hintergrund desselben nach einer Ofenecke zurück. Nachdem ich hier einige Secunden regungslos gesessen hatte, wagte sich dasselbe wirklich hervor, eilte auf dem Fußboden längs der Wand dem Fenster zu, erwischte ein Hanfsamenkörnlein, welches aus dem Vogelbauer über dem Fenster herabgefallen war, und eilte schnell damit nach seinem Versteck. Später geschah dasselbe fast täglich, wobei das kleine Geschöpf eine immer größere Dreistigkeit an den Tag legte. Ging ich in der Stube auf und ab, so getraute es sich nicht aus der Mauerspalte hervorzukommen; kaum hatte ich aber am Schreibtische oder sonst irgendwo Platz genommen und eine ruhige Haltung bewahrt, so sprang das possirliche Wesen schnell in’s Zimmer und lief nicht mehr, wie das erste Mal, mit einem Körnlein davon, sondern ließ sich sämmtliche herabgefallene Hanfkörner neben dem Fenster wohlschmecken.

Da ich bestimmt wußte, daß während der Nacht auch das Vogelbauer von Mäusen besucht wurde, so war ich begierig zu wissen, ob sich vielleicht in meiner Abwesenheit diese Maus auch am Tage dazu verstehen würde, nach demselben hinaufzuklettern. Ob mein Canarienvogel, welcher beiläufig gesagt bei der Annäherung eines Menschen eine ganz besondere Courage bewies und furchtlos auf einen durch’s Drahtgitter seines Käfigs gesteckten Finger mit seinem Schnabel loshackte, sich den Besuch eines kleinen Mäuschens [84] während der Tageshelle gefallen lassen würde, war ich gleichfalls neugierig zu erfahren. Zu diesem Zwecke wurde dafür gesorgt, daß kein Hanfsamen zur Erde fiel, außerdem aber hatte ich in meiner Zimmerthüre eine kleine Oeffnung angebracht, welche mich in den Stand setzte, außerhalb meiner Stube die Vorgänge in derselben zu beobachten. In einem Augenblicke nun, als die Maus in der Mauerspalte sichtbar wurde, verließ ich das Zimmer und begab mich auf meinen Posten. Das Thier lief mehrmals unter dem Fenster hin und her, und als es nichts finden konnte, kletterte es zwischen der Mauer und einem etwa einen Fuß hohen Fenstertritt auf den letztern, von welchem es vermittelst der Rückenlehne eines aus Weidenruthen geflochtenen Lehnsessels an die Fenstervorhänge gelangte. An diese hinan breitete sich die Krone einer Myrthe, deren Zweige bis zum Vogelbauer emporragten und als letzte Station ebenfalls von der Maus benutzt wurden.

Der Canarienvogel hatte seinen Gast bereits in der Myrthenkrone bemerkt, verließ seinen Sprossensitz und eilte demselben bis an das Drahtgitter entgegen. Gleichwohl bestieg die Maus den Rand des Vogelbauers, aber dem muthigen und kühnen Wächter seines Hauses gegenüber blieben alle Versuche ihrerseits fruchtlos, in den Käfig zu gelangen, da der Vogel mit ausgespreizten Flügeln und zum Loshacken bereit gehaltenem Schnabel bald von der obern Sprosse die Decke, bald unten die Seiten seiner Wohnung gegen den frechen Eindringling zu vertheidigen wußte. Der Maus blieb zuletzt nichts Anderes übrig, als auf dem angegebenen Wege die Rückkehr anzutreten. Nach Verlauf einer Viertelstunde bemerkte ich indeß die Maus wiederum in der Mauerspalte. Das Thier mußte, wie ich glaubte, stark vom Hunger gequält werden, weshalb ich mich anschickte, einige Hanfkörner auf den Fußboden zu streuen. Dabei fiel mir jedoch ein, es könnte von demselben der Versuch, in das Vogelbauer zu gelangen, noch einmal gemacht werden, weshalb ich wiederum das Zimmer verließ. Auf meinem Beobachtungsposten angelangt, erstaunte ich indessen nicht wenig, als ich jetzt zwei Mäuse im Zimmer erblickte. Beide suchten auf dem bestimmten Wege das Vogelbauer zu erreichen, bei welcher Gelegenheit die eine freilich einige Secunden früher am Rande des Vogelbauers erschien. Der Canarienvogel beeilte sich, seine frühere Position einzunehmen, und rückte ebenso kampfbereit wie vorher an das Gitter. Die Maus schien es aber für dieses Mal weniger auf ein Eindringen abgesehen zu haben, und eilte vielmehr bald oben, bald an der Seite hin und her, um den Vogel in beständiger Aufmerksamkeit zu erhalten.

Dabei wurde ich gewahr, daß die später Eingetroffene sich, ohne daß es der Vogel merkte, durchs Gitter an den Futterbehälter geschlichen hatte und hier unbekümmert um das, was um sie her vorging, am Hanfsamen zehrte. Erst nach einiger Zeit wurden beide Vierfüßler sichtbar, doch verschwand sehr bald wieder einer derselben vom Schauplatze. In Folge dieses Wechsels, der sich zu verschiedenen Malen wiederholte, so daß bald eine, bald beide Mäuse zum Vorschein kamen, läßt es sich wohl mit Bestimmtheit annehmen, daß sowohl eine, als die andere den Käfig nicht ungesättigt verlassen, und den Canarienvogel in schlauer Art und Weise um seine Hanfkörner gebracht haben. Etwa fünf bis sechs Minuten lang beobachtete ich dieselbe Erscheinung, dabei fürchtete ich indeß, daß die lange Aufregung dem kleinen Sänger, meinem Lieblinge, Schaden bringen könne, weshalb ich die Thür öffnete und dadurch die frechen Näscher zu eiliger Flucht nöthigte.

     Rhein in Ostpreußen.

J. A. D.