Optische Verstümmelungen

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Titel: Optische Verstümmelungen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 5, S. 91
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[91] Optische Verstümmlungen. Zur Zeit kann man in der deutschen Reichshauptstadt an drei oder vier verschiedenen Orten Damen ohne Unterkörper bewundern. Die schöne Fatimah, oder wie sie sich sonst nennt, erscheint dem Beschauer als lebendige, auf einem unverhangenen vierbeinigen Tisch placirte Büste, ohne daß er von ihrem Unterkörper die geringste Spur zu erblicken im Stande wäre. Man glaubt ein sehr gelungenes, mit Hohlspiegeln erzeugtes Luftbild vor sich zu haben, da öffnet die „schöne Tscherkessin“ den Mund und ersucht ihren Halbirer sie dem versammelten Publicum „zu erklären“. Mit jener Gewissenhaftigkeit, die den Löwen im „Sommernachtstraum“ so sehr auszeichnet, versichert nun dieser ehrliche Mann, daß die schöne Tscherkessin durchaus nicht ist, was sie scheint, sondern eine fehlerfrei gewachsene Deutsche, daß es zuerst dem Professor Robinson in London gelungen sei, Menschenkinder so zu verstümmeln, und daß Vorzeiger dieses seine sechs- oder gar zehntausend Thaler für die Kunst bezahlt habe. Wir wollen unsern Leser für weniger Geld mittheilen, wie dieses Jahrmarktstück, welches sich anderwärts als Sphinx, redenden Kopf, Enthauptung und dergleichen producirt, gemacht wird. Die ganze Zauberei beruht darauf, daß die Büste oder der Kopf in der Schüssel scheinbar auf einem gewöhnlichen vierfüßigen Tische zu stehen scheint, zwischen dessen Füßen man ungehindert durchblicken zu können glaubt, während doch dieser Unterraum, zur sichern Verbergung der Ergänzungen jener sichtbaren Theile mit undurchdringlichen Spiegelscheiben zugesetzt worden ist. Von den vier Beinen des Tisches wird das eine den Zuschauern zugekehrt und zwischen ihm und seinen beiden Nachbarn sind weiße Spiegelscheiben derartig eingefügt, daß sie von den Füßen und der von der Rahmenkante des Tisches genau eingefaßt werden. Die den Boden berührenden untern Kanten der beiden Spiegel werden den Blicken der Zuschauer durch ein davor gelegtes langes Plakat oder dergleichen entzogen. Dieser Spiegeltisch ist nun derartig auf einen Teppich oder dergleichen mit symmetrischen Mustern aufgestellt, daß diese sich in Folge der Spiegelung regelrecht unter dem Tische fortzusetzen scheinen, woselbst man auch die von seitlichen Coulissen gespiegelte Hinterwand, ja sogar ein gespiegeltes hinteres Tischbein zu gewahren glaubt. Da beide Spiegelflächen unter einem Winkel von circa 45 Grad gegen die Beschauer stehen, so können sich diese in denselben nicht wahrnehmen, und die „Professoren“, die uns auf solchen unverhüllten Tischen irgend welche Wunderdinge zeigen, haben nur nöthig zu vermeiden sich denselben von den Seiten zu nähern oder dahinter zu treten.

Diese ebenso sinnreiche wie einfache Zauberei erinnert mich an ein andres, wahrscheinlich unbeabsichtigtes Spiegelwunder, welches mir im Schlosse von Versailles gezeigt wurde. In einer Saalecke begegnen sich dort mehrere Spiegelscheiben derart, daß man, in einer gewissen Entfernung stehend, sein Spiegelbild ohne Kopf erblickt, wobei man sich, wenn nicht ein auffallender Kleiderstoff die Erkennung begünstigt, gewöhnlich erst durch Armbewegungen überzeugen muß, daß man seiner eigenen Köpfung im Bilde zuschaut. Die viel ausgebeutete Sage, daß sich Marie Antoinette einst in den Tagen ihres Glanzes ohne Haupt im Spiegel erblickt habe, würde hier eine sehr einfache Lösung finden, wenn sie nicht vielmehr, aller Wahrscheinlichkeit nach, erst aus diesem von den Castellanen jedem Fremden gezeigten Spiegelwunder hergeleitet worden ist.