Pariser Bilder und Geschichten/Ein entsetzlicher Maimorgen

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Textdaten
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Autor: Ludwig Kalisch
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Titel: Pariser Bilder und Geschichten
Ein entsetzlicher Maimorgen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 3, S. 44–48
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Pariser Bilder und Geschichten.


Ein entsetzlicher Maimorgen.


Von Ludwig Kalisch.


Nach einer zehnmonatlichen Abwesenheit traf ich am 5. Juni, Morgens sechs Uhr, wieder in Paris ein. Die Commune war eben besiegt; aber die Reste der Barricaden, die zertrümmerten Häuser und die noch rauchenden Brandstätten zeigten deutlich genug, wie hart der Kampf gewesen. Die sonst so heitere lachende Weltstadt hatte eine düstere Physiognomie. An den meisten Häusern flatterte die Tricolore; sie verkündete jedoch nicht wie ehedem ein Freuden- oder Siegesfest; sie war nur eine Manifestation gegen die rothe Fahne, deren Entfernung so viele Menschenopfer gekostet. In vielen Stadttheilen waren noch Kanonen aufgepflanzt, an deren Fuß schläfrige Soldaten sich auf der Streu wälzten. Sie gähnten wie die Kanonen und dachten kaum mehr als diese über das blutige Werk nach, das sie eben vollbringen gemußt. Ein eigenthümlicher durchdringender Geruch wirkte beklemmend auf die Lungen, und der von grauen Wolken bedeckte Himmel diente dazu, die düstere Stimmung wo möglich noch zu vermehren.

Kaum in meiner Wohnung angelangt, trieb es mich schon wieder fort. Ich hatte seit dem Beginne des Krieges von meinen Pariser Freunden keine Nachricht gehabt. Ich brannte vor Begierde, sie zu sehen; jedoch nur wenigen von ihnen konnte ich nach langer Trennung die Hand drücken. Die Meisten hatten vor der Belagerung, Mehrere unter der Commune die Stadt verlassen und waren noch nicht zurückgekehrt. Einige sollte ich niemals wiedersehen; sie waren im fürchterlichen Bürgerkriege gefallen. Von den mir befreundeten deutschen Familien war noch keine einzige wieder zurückgekommen. Es gab auch Familien, die zwar nicht Paris, wohl aber die Wohnung verlassen, in der sie dem Bombardement ausgesetzt waren, und in anderen ruhigen Stadtvierteln augenblicklichen Schutz bei Freunden gesucht hatten. So waren denn die sonst so regelmäßigen Beziehungen zerrüttet und zerstört.

Eine mir sehr befreundete Familie, die seit Jahren in der Nähe des Triumphbogens wohnt, hatte aus Furcht vor den Bomben, von denen Neuilly und die benachbarten Stadttheile zertrümmert [45] wurden, sich zu Freunden geflüchtet, und erst zwei Monate nach meiner Rückkehr hatte ich das Vergnügen, dieselbe wiederzusehen. Ich traf dort zahlreichen Besuch. Unter den Anwesenden fesselte eine junge Dame in Trauer meine besondere Aufmerksamkeit. Sie hatte ein sehr hübsches Gesicht, große lebhafte Augen und eine Stimme von seltenem Wohlklange. Sie war, wie ich bald erfuhr, die Gattin eines oft genannten Mitgliedes der Commune; und ich hörte so viel von den furchtbaren Schicksalen, welche diese Frau innerhalb weniger Tage erfahren, daß ich mich nicht genug wundern konnte, wie sie dieselben hatte überstehen können. Was ich indessen bei diesem Besuche nur bruchstückweise vernommen, machte mich begierig, es von der jungen Frau selbst und im Zusammenhange zu erfahren.

Nachdem ich sie einige Male wiedergesehen, wagte ich es, ihr meinen Wunsch auszudrücken. Sie erklärte sich bereit, denselben zu erfüllen.

Ich theile nun dem Leser die Erzählung dieser Dame mit, und ich brauche wohl nicht erst zu versichern, daß ich fast wortgetreu das Erzählte wiedergebe. Der Leser übrigens, der den furchtbaren Ereignissen des jüngsten französischen Bürgerkrieges aufmerksam gefolgt ist, wird aus der nachfolgenden Erzählung den Helden derselben leicht errathen können. –

„Ich weiß,“ begann die Frau, indem sie mich einlud, mich neben ihr am Kaminfeuer niederzulassen, „ich weiß, daß Sie ein Feind der Commune sind; ich darf Sie übrigens versichern, daß mein Gatte, der anfangs Communemitglied war und, wie Sie wissen, sich der Mairie des sechsten Arrondissements bemächtigt hatte, die Ausschreitungen der Commune mehr als irgend ein Anderer verdammte. Er sagte den Untergang derselben voraus, und es brach ihm das Herz, als er sah, daß allerlei loses nichtswürdiges Gesindel sich der Gewalt bemächtigte, vor keiner Frevelthat zurückschreckte und in Morden, Sengen und Brennen sich gefiel. Die Katastrophe ließ auch nicht lange auf sich warten. Mittwoch, am 24. Mai, waren die Versailler Truppen schon in unserm Stadttheil. Wir wohnten in der Rue de Seine und man schlug sich an der Ecke der Rue Jacob und Saints-Pères und an der Kunstschule, [46] also fast vor unserer Thür, die Kugeln fielen wie ein dichter Hagel. Sterbende sanken auf Leichen, unter welchen auch Weiber und Kinder. Es war entsetzlich zu sehen und ich sah es. Das Geschrei ‚Vive la Ligne!‘ wurde immer allgemeiner und der Ruf ‚Vive la Commune!‘ tönte nur noch mit langen Unterbrechungen. Mein Gatte war nicht zu Hause. Er lief wie ein gehetztes Wild in allen Stadttheilen herum und mußte sich ein Nachtlager erbetteln. Die Häscher waren auf seiner Spur; ich war in Verzweiflung. So kam der Freitag heran. Ich sah ihn im Geheimen in der Rue Chapon und beschwor ihn, bei einem bewährten Freunde sich so lange zu verbergen, bis die Wuth der Sieger sich gelegt haben würde.

‚Ich werde Dich um keinen Preis allein zurücklassen,‘ rief er; ‚die Sorge um Dich würde mich tödten. Ich fliehe nicht ohne Dich.‘

Wir überlegten nun eine Weile, wohin wir uns um ein schützendes Obdach wenden sollten, und mein Mann beschloß endlich, zu einem Freunde zu gehen, mit dem er zusammen aufgewachsen und dem er mit großer Selbstaufopferung zu wiederholten Malen die wichtigsten Dienste geleistet hatte. Derselbe wohnte dicht an der Komischen Oper, also eine halbe Stunde von unserm Hause entfernt. Wir erreichten seine Wohnung nach unzähligen Umwegen. Er zeigte sich sehr kalt und verstand sich wohl dazu, meinen Mann, aber nicht mich zu beherbergen. Unter dieser Bedingung wollte jedoch der Letztere die Gastfreundschaft nicht annehmen. Ich fürchtete die Gefahr für meinen Gatten und sagte ihm: ‚Theuerster Tony, ich bitte, ich beschwöre Dich, bleibe Du allein hier zurück. Ich habe zu Hause nichts zu fürchten. Du kennst mich und bist fest überzeugt, daß keine Gewalt auf Erden mich zwingen wird, Deine Zufluchtsstätte zu verrathen.‘

Ich strengte mich an, heiter zu erscheinen, und verließ ihn mit der Versicherung, so bald wie möglich Nachricht von mir zu geben.

Nachdem ich behutsam aus dem Hause geschlüpft, eilte ich wieder nach meiner Wohnung. Es war inzwischen Abend geworden, und müde und abgehetzt, wie ich war, begab ich mich zu Bette. Alles war still und ruhig. Gegen ein Uhr Morgens aber weckte mich ein dumpfes Geräusch vor der Hausthür, und bald ließ sich Waffengeklirr auf der Treppe hören. Nach einer Minute klopfte man an meine Thür.

‚Wer ist da?‘ fragte ich.

‚Im Namen des Gesetzes, öffnen Sie!‘ lautete die Antwort.

Ich weigerte mich, indem ich rief, daß ich zu Bette sei. Sie drohten, die Thür einzuschlagen, wenn ich sie nicht sogleich eintreten ließe.

Ich ließ nun durch mein Dienstmädchen die Salonthür öffnen, während ich mich schnell ankleidete.

Einen Augenblick darauf sah ich mehrere Soldaten, einen Officier und einen rohen Menschen vor mir, der das Häscheramt verrichtete.

‚Wo ist M***?‘ fragte mich dieser, indem er mich heftig am Arme faßte.

‚Ich weiß nicht, wo mein Gatte ist,‘ antwortete ich, mich seinen Händen entwindend.

‚M*** ist nicht Ihr Gatte!‘ rief er barsch. ‚Ihr Verhältniß zu ihm ist nicht legitim. Sie leben mit ihm in wilder Ehe.‘

‚Dies verhindert mich nicht, ihm so treu und ergeben zu sein wie ein legitimes Eheweib,‘ antwortete ich.

‚Wir wissen, was wir davon zu halten haben,‘ kreischte er mich an. ‚Ich fordere Sie nochmals auf, uns den Aufenthalt M***’s anzuzeigen.‘

Ohne ihn eines Blicks zu würdigen, wendete ich mich an den Officier mit den Worten: ‚Ich wiederhole, daß ich nicht weiß, wo mein Gatte sich befindet; aber selbst wenn ich es wüßte, würde ich es nicht sagen, und kostete es mir auch mein Leben. Was würden Sie von einem Weibe halten, das ihren Gatten verriethe? – Wo indessen auch mein Mann sein mag, ich bin überzeugt, daß er sich den Händen der Justiz nicht entziehen will. Er wird sich derselben zur Verfügung stellen, sobald die Wuth dieses entsetzlichen Bürgerkrieges einem ruhigen, besonnenen Ermessen gewichen sein wird.‘

‚Genug der Phrasen!‘ rief der Sbirre. ‚Machen Sie sich fertig! Wir werden bald sehen, wie stark Ihre Todesverachtung ist. Wir sind hier nicht weit von dem Münzgebäude, an dessen Mauern schon mancher der Communards unter den Kugeln gefallen.‘

‚Mein Herr,‘ sagte ich, wiederum zum Officier gewendet, ‚ich fürchte den Tod nicht. Gönnen Sie mir Zeit bis zur Morgenstunde, damit ich noch einige Familienangelegenheiten ordnen und mich ankleiden kann. Vor Tagesanbruch aber verlasse ich das Haus nicht, es sei denn, daß Sie mich mit Gewalt fortschleppen.‘

Der Officier bewilligte meine Bitte mit der Bemerkung, daß er sich auf mein Wort verlasse. ‚Vergessen Sie übrigens nicht,‘ fügte er hinzu. ‚daß Sie bewacht sind und daß Niemand die Rue de Seine unbeobachtet verlassen kann. Punkt sechs Uhr sind wir wieder hier.‘

Kaum war ich allein, als es mir im Kopfe zu wirbeln anfing. Ich fiel in Ohnmacht, und erst nach einer Stunde kam ich wieder zur Besinnung. Ich hatte nun die arme Mariette, mein Dienstmädchen, das weinend, jammernd und händeringend aus einem Zimmer in’s andere lief, zu trösten und zu beruhigen. Es war keine Zeit zu verlieren. Ich kleidete mich sorgfältig an und harrte der verhängnißvollen Stunde entgegen.

Punkt sechs Uhr trafen sie wieder ein.

‚Ich bin bereit,‘ rief ich, ‚führen Sie mich ab!‘

‚Wir werden Ihnen schon sagen, wann es Zeit ist,‘ brummte der Häscher und begann nun mit seinen Gehülfen alle Schränke und Schubladen zu durchsuchen und in den Papieren herum zu stöbern, von denen er sich eines großen Theiles bemächtigte.

Als die Untersuchung zu Ende war, sagte der Officier: ‚Sie bleiben in Ihrer Wohnung und geben Ihr Ehrenwort, dieselbe nicht zu verlassen. Bedenken Sie, daß kein Fluchtversuch möglich ist und daß Sie sich durch einen solchen einem sichern Verderben preisgeben.‘

‚Ich bin mir keiner Schuld bewußt,‘ antwortete ich; ‚wäre dies der Fall, so hätte ich gewiß schon vor einigen Tagen die Flucht ergriffen.‘

Der Sbirre wendete sich abermals an mich mit der Aufforderung, den Aufenthalt meines Gatten anzuzeigen.

Ich kehrte ihm den Rücken.

Nach einigen Minuten fand ich mich wieder allein, ohne jedoch zur Ruhe zu kommen. Die Ungewißheit, in der ich über das Schicksal meines Gatten schwebte, die unbezwingliche Sehnsucht nach ihm und die Furcht, sein Aufenthalt könnte verrathen werden, folterten mein Herz. Ich war in fortwährender fieberischer Aufregung. Der Zustand Mariette’s diente dazu, meine entsetzlichen Qualen noch zu vermehren. Der armen Dirne, die mir so treu, so ergeben war, hatte die nächtliche Haussuchung, das Waffengeklirr und das angedrohte Todesurtheil einen solchen Schrecken eingejagt, daß sie nicht zur Besinnung kam. Sie schrie beständig, daß man sie an meiner Seite erschießen wolle, rannte wehklagend durch’s Haus und selbst in die Nachbarschaft, und erst nach unsäglicher Mühe gelang es mir, sie zu Bett zu bringen.

So kam der Abend heran. Bis zum Tod erschöpft lag ich im Lehnstuhl, halb schlafend, halb wachend, als ich plötzlich lebhafte Schritte auf dem Flur höre. Ich erhob mich erschreckt und wollte die Thür verriegeln, als dieselbe heftig geöffnet wird und mein Gatte mich in die Arme schließt.

‚Unglückseliger!‘ rief ich. ‚Warum kehrst Du aus dem sichern Schlupfwinkel in dieses Hans zurück, das von Spähern und Häschern umgeben ist? Warum bist Du nicht bei Deinem Freunde geblieben?‘

‚Mein Freund hat mir die Gastfreundschaft aufgekündigt,‘ antwortete er mit einem Seufzer.

‚Der Niederträchtige!‘ rief ich auf’s Tiefste empört. ‚Unzählige Male hast Du ihn mit Wohlthaten überhäuft, und zum Danke dafür liefert er Dich dem Tode in die Hände. Schändlich! Schändlich!‘

‚Beruhige Dich, mein Kind,‘ bat er. ‚Die Menschen sind einmal so. Uebrigens,‘ fügte er nach einer Pause hinzu. ‚hätte ich ohnedies sein Haus verlassen. Die Besorgniß um Dich ließ mir weder Ruhe noch Rast. Ich habe diesen Zustand nicht länger ertragen können.‘

Ich erzählte ihm nun, was inzwischen vorgefallen. Er hielt meine Hände in den seinigen und hörte zu, ohne mich auch nur durch eine einzige Silbe zu unterbrechen. Als ich aber geendigt, preßte er mich an seine Brust und rief: ‚Mein theures, theures [47] Weib, verliere den Muth nicht, den Du bisher bewiesen! Vielleicht entrinnen wir noch dem Schicksal, das uns bedroht.‘

‚Was aber beginnen?‘ fragte ich.

‚Ich bin in diesem Augenblick so erschöpft, daß ich keinen Entschluß zu fassen vermag,‘ antwortete er. ‚Laß mich ein wenig ausruhen. Wir werden dann sehen, was zu thun ist.‘

Er warf sich auf’s Bett und schlief bald ein.

Es dauerte aber nicht lange, so hörte ich wieder Fußtritte auf dem Flur. Die Häscher waren ihm auf den Fersen gefolgt, und schon traten sie in den Salon. Der elende Mouchard, der bereits in der vorigen Nacht und am heutigen Morgen die Patrouille begleitet und mich so roh angefahren hatte, trat vor mich mit den Worten: ‚Oeffnen Sie alle Thüren!‘

In diesem Augenblicke trat mein Mann aus dem Schlafzimmer.

‚Wen suchen Sie, meine Herren?‘ fragte er.

Der Häscher nannte den Namen meines Gatten.

‚Hier bin ich,‘ antwortete dieser. ‚Was wollen Sie?‘

‚Daß Sie uns folgen!‘ sagte Jener.

Ich wollte meinen Gatten nicht ohne mich gehen lassen, und so wurden wir Beide unter dem heftigsten Regen auf die Mairie des sechsten Arrondissements geführt. Dort angelangt, sagte er vor den Richtern: ‚Wie der Richterspruch auch ausfallen mag, ich will vor der Entscheidung mich mit diesem Weibe, das mir so oft die schönsten Beweise unerschütterlicher Treue gegeben hat, trauen lassen. Ich bestehe darauf.‘

Sie beriethen einen Augenblick und beschlossen, ihn nach dem Luxembourg abführen zu lassen. Ich wollte ihn auch dahin begleiten; doch dies ward mir nicht gestattet. Ich war außer mir vor Schmerz, da ich fürchtete, sie beabsichtigten gleich nach meiner Entfernung das Todesurtheil an ihm zu vollziehen. Ein Mitglied des Kriegsgerichtes, der Capitain B., suchte mich zu beruhigen. ‚Sein Todesurtheil ist ja noch nicht gefällt,‘ sagte er; ‚vielleicht wird es auch im Luxembourg nicht gefällt werden. Sollte dies jedoch geschehen, so wird man Sie davon in Kenntniß setzen. Seien Sie besonnen,‘ schloß er; ‚ich gebe noch nicht alle Hoffnung auf.‘

Kaum war ich eine Viertelstunde in meiner Wohnung, als ich nach dem Luxembourg gerufen wurde. Ich fand dort meinen Mann, der inzwischen zum Tode verurtheilt worden, in einer unterirdischen Zelle auf einer Strohmatratze sitzend. Ein Oellämpchen flimmerte in einer Ecke. Er schloß mich in die Arme und sagte: ‚Mein Todesurtheil ist gefällt; doch wird es vor morgen früh nicht vollstreckt werden. Wir haben eine ganze Nacht vor uns. Sei fest und standhaft, wie Du bisher gewesen. Ich werde zu sterben wissen, und Deine Geistesgegenwart wird mir den Tod erleichtern. Ich bin mir keiner Schuld bewußt; ich habe mich, wie Du weißt, an keinem Verbrechen der Rasenden betheiligt, welche die Freiheit auf Ruinen und Leichenhaufen zu gründen wähnten. Du warst mir treu und ergeben bis zum Tod; ich danke Dir. Nun setze Dich neben mich und lass’ uns alle Angelegenheiten, die Deine künftige Lage betreffen, genau überlegen. Ich habe den Notar, ich habe den Maire bestellt; Beide werden vor der entscheidenden Stunde eintreffen.‘

Er rückte den Stuhl an’s Lager, schrieb zuerst sein Testament, sodann einen Brief an seinen Vater, dem er mich dringend empfahl. Nachdem er noch einige Briefe an verschiedene Freunde gerichtet, sagte er: ‚Die letzten Worte, die ich schreibe, magst Du zum Andenken an diese Stunde aufbewahren.‘ Er nahm ein Blatt und schrieb einige Zeilen, in denen er seine Gedanken über die Lage Frankreichs äußerte.“

Sie erhob sich vom Sessel, holte das Blatt herbei und überreichte mir dasselbe mit den Worten: „Lesen Sie und überzeugen Sie sich, wie sehr er sein Vaterland liebte.“

Ich bewunderte indessen viel weniger den Inhalt, als die festen kräftigen Schriftzüge, an denen man sah, daß, der sie auf’s Papier geworfen, die Todesstunde nicht fürchtete.

Sie setzte sich wieder in den Lehnsessel und fuhr fort: „Er faltete die Papiere und sagte dann, indem er meine Hand faßte, die er nicht mehr aus der seinigen ließ: ‚Nun ist Alles in’s Reine gebracht und ich gehöre nun ausschließlich Dir an.‘

Todesstille herrschte überall; nur der fortwährend heftige Regen klatschte an die vergitterten Luken.

‚Ich würde noch heiterer sterben,‘ sagte er lächelnd, ‚wenn schöneres Wetter wäre. Das ist kein Maiwetter; das ist ein Novemberwetter. Es scheint wahrlich, als ob der Himmel selbst über das furchtbare Schicksal weinte, das unser armes Vaterland heimsucht.‘

Gegen sechs Uhr Morgens trat der Notar in die Zelle. Mein Gatte stellte ihm das Testament zu und ertheilte ihm mehrere Aufträge. Kaum hatte der Notar die Zelle verlassen, als der Maire eintrat und die Trauung vollzog. Tony dankte dem Maire auf’s Herzlichste, und als dieser geschieden, rief er, indem er mich umarmte: ‚Du bist nun auch vor der Welt meine Gattin und wirst von nun an meinen Namen tragen;‘ dann fügte er mit unbeschreiblicher Wehmuth hinzu: ‚Lucie, meine theure, theure Lucie, Du trägst ein zweites Dasein unter dem Herzen. Schone Dich, damit Du einst in der Erfüllung süßer Mutterpflicht den schönsten Lebenszweck findest und Dich dabei dessen erinnerst, der bald nicht mehr sein wird.‘

Ich war eben im Begriff, einige Worte zu erwidern, als eine Seitenthür, die ich bisher nicht bemerkt hatte, sich öffnete und ein Geistlicher aus derselben trat. Er winkte mir, sich ihm zu nähern, und trat mit mir in die Nebenzelle, in welcher er die ganze Nacht zugebracht hatte, ohne daß wir Beide es gewahr wurden.

‚Mein Kind,‘ sagte er sanft, ‚Sie haben in dieser furchtbaren Stunde den Bund mit Ihrem Gatten durch die weltliche Obrigkeit vollziehen lassen; thun Sie noch einen Schritt zu Ihrem Heile und zum Heile dessen, der bald vor Gottes Richterstuhl treten wird. Lassen Sie – ich bitte, ich beschwöre Sie – lassen Sie den Bund auch durch die Kirche besiegeln.‘

‚Ehrwürdiger Herr,‘ antwortete ich, ‚nehmen Sie meinen Dank hin für Ihre Theilnahme, und grollen Sie mir nicht, wenn ich auf Ihren Wunsch nicht eingehe. So viel Schwächen und Gebrechen ich auch haben mag, Heuchelei und Lüge sind meinem Herzen immer fremd geblieben. Ich finde den Schritt, den Sie mir so dringend anempfehlen, nicht nöthig zu meinem Seelenfrieden; ja, ich würde gegen meine Ueberzeugung handeln, wenn ich ihn thäte. Indessen gehöre ich nicht mir an; ich hänge von dem Willen meines Gatten ab. Was er mir räth, werde ich ohne Weiteres befolgen.‘

Tony billigte die Antwort, die ich dem Geistlichen gegeben.

Alle diese Scenen rollten sich viel schneller ab, als ich sie Ihnen erzähle, und kaum hatte sich der Geistliche wieder zurückgezogen, als ein Officier eintrat.

‚Ich bin zu Ihren Diensten,‘ sagte mein Mann. ‚Zwölf Kugeln, glaube ich, werden genügen; wo nicht, lassen Sie mir, ich bitte, in’s Herz schießen. Und nun lebe wohl, lebe für immer wohl, meine gute, theure Lucie!‘ Er umarmte mich, und als er mich zittern und beben sah, rief er: ‚Muth, mein Kind! Mache Deinem Tony das Herz nicht schwer!‘

Er kehrte, als er an der Thür war, wieder zurück, drückte mir noch einen Kuß auf die Lippen und sagte: ‚Dieser Kuß ist für meinen edeln Vater, der mir den Kummer verzeihen mag, den ich ihm verursacht habe.‘

Er hatte kaum die Zelle verlassen, als ich trotz aller Anstrengung, meinen Schmerz zu verbeißen, einen heftigen Schrei ausstieß. Ein Aufseher trat aber sogleich zu mir und drohte, daß man mich sogleich abführen würde, wenn ich nicht das tiefste Schweigen beobachtete.

Ich biß die Zähne zusammen, faßte mit beiden Händen das Gitter und horchte und horchte. Ein kalter Schauder packte mich, als ich die Schüsse hörte. Es war geschehen. Links am Eingang der Allee des Observatoriums, an der Mauer, wo der marmorne Löwe steht, fiel er Sonntag den achtundzwanzigsten Mai Morgens um sieben Uhr.

Wie ein dichter Schleier senkte es sich über meine Augen und ich stürzte zusammen. Ein Mann, ich weiß nicht, welches Amt er versah, raffte mich auf, suchte mich zu beruhigen und sagte, daß er den Befehl habe, mich nach meiner Wohnung zu führen.

‚Aber wo ist der Leichnam meines Gatten?‘ rief ich. ‚Ich gehe ohne denselben nicht von hier.‘

‚Madame,‘ sagte der Mann, ‚beruhigen Sie sich und verlangen Sie nicht, den Leichnam jetzt zu sehen. Ihre Kräfte sind zu sehr erschöpft, als daß Sie den Anblick desselben ohne Gefahr für Ihr Leben ertragen könnten.‘

All mein Bitten und Flehen half nichts. Er faßte mich unter dem Arme und führte, oder vielmehr zog mich, von fünf [48] Soldaten begleitet, nach meiner Wohnung. Ich wurde von einem hitzigen Fieber ergriffen, das schon am folgenden Tage den zarten Keim zerstörte, von dessen Entwickelung ich den einzigen Trost für mein finsteres Dasein hoffte.

Fünf Wochen war ich an’s Krankenlager gefesselt und hatte noch den unbeschreiblichen Kummer zu erfahren, daß man die arme Mariette in eine Irrenanstalt hatte unterbringen müssen, wo sie noch jetzt langsam hinsiecht.

Nach meiner Genesung that ich alle nur erdenklichen Schritte, um den Leichnam meines Gatten zu erhalten. Ich schrieb an Thiers, ich schrieb an den Kriegsminister, ja, ich drang trotz aller Wachen und Huissiers in die Cabinete der höchsten Behörden, um die Erfüllung meines sehnlichsten Wunsches zu erlangen. Umsonst! Einige suchten mich durch Vertröstungen hinzuhalten; Andere sagten mir, man schrecke vor Manifestationen zurück, welche die durch mich veranstaltete Bestattung hervorrufen konnte. Wiederum Andere versicherten, die Ausgrabung und das Wühlen unter der großen Zahl der Hingerichteten könnte eine Epidemie verursachen. Erst nach mehreren Monaten gelang es mir, durch einen Todtengräber zu erfahren, an welcher Stelle mein Gatte im Kirchhofe Montparnasse mit vielen anderen Executirten begraben worden.

Ich habe Ihnen nichts mehr zu erzählen. Sie sehen mich ruhig und ergeben, und ich bin überzeugt daß mich künftig nichts mehr aus der Fassung zu bringen vermag. Ich kann nichts Schrecklicheres mehr erleben, als ich erlebt habe.“

Sie schwieg und starrte regungslos vor sich hin.