Pariser Bilder und Geschichten/Eine deutsche Löwin

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Titel: Eine deutsche Löwin
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aus: Die Gartenlaube, Heft 19, S. 277-278
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Pariser Bilder und Geschichten.
4. Eine deutsche Löwin.

Gibt es in Paris Heuchler der Tugend, wie wir in der ersten Skizze (Nr. 10) bewiesen haben, so gibt es auch Heuchler des Lasters oder wenigstens solche, die oft besser sind, als ihr Stand und Beruf; solche, die selbst im verderbtesten Leben einzelne Funken edleren Gefühles in ihrem Gemüthe erhalten haben.

Ein in Paris wohnender, sehr bekannter deutscher Schriftsteller, der im Jahre 1848 in seiner deutschen Heimath eine gewisse Rolle spielte und jetzt verbannt ist, der vor und in seiner Verbannung viel Merkwürdiges erlebte, erzählte vor Kurzem in einer Gesellschaft von Landsleuten folgendes Abenteuer, das ich so viel als möglich mit seinen eigenen Worten wiederzugeben suche.

Vor ungefähr achtzehn Monaten, an einem schönen Frühlingsmorgen, da ich, nichts Böses ahnend und arbeitend, auf meiner Stube sitze, tritt ein Commissionair bei mir ein und übergibt mir mit den Worten: „Ich bin schon bezahlt“ ein sehr elegantes Briefchen, das deutsch geschrieben ungefähr so lautete:

„Verehrtester Herr H..!

„Sie würden ein gutes Werk thun, wenn Sie die Güte haben und mich besuchen wollten. Lassen Sie sich durch meinen Namen, wenn er Ihnen bekannt ist, von dem Besuche nicht abschrecken, da es sich, ich wiederhole es, um ein gutes Werk handelt, um eine Wohlthat, die Sie erzeigen sollen, indem Sie in einer wichtigen Angelegenheit Ihren Rath ertheilen. Alles, was ich von Ihnen gehört, gibt mir den Muth zu dieser Bitte, so wie den Wunsch, mich nach Ihrem Rathe zu richten. Ich wohne Boulevard des Capucines No. 17 im zweiten Hofe links, zwei Treppen hoch, und erwarte Sie zwischen ein und zwei Uhr. Ich bitte Sie noch einmal und auf’s Inständigste, kommen Sie, und wenn es Ihnen heute nicht möglich ist, doch einen dieser Tage um dieselbe Stunde.

Auf Ihre Güte trauend, Ihre ergebenste Dienerin

Augustine R–.“

Kennen Sie diesen Namen, meine Herren? Nicht? – Ich kannte ihn. Augustine ist eine Deutsche und eine der elegantesten, schönsten, blondesten und verrufensten Löwinnen von Paris. Es ist sehr merkwürdig, welchen großen Erfolg unsere schönen Landsmänninnen haben, wenn sie sich mit Energie und Ausdauer darauf werfen, Lionnes zu werden. Sie überstrahlen dann alle französischen Löwinnen, die doch den Ruf größerer Koketterie und höherer Grazie haben. Da ich den Namen kannte, war ich etwas verlegen, um so mehr verlegen, da in demselben Hause, im vierten Stocke, aber auf einer andern Treppe ein bekannter Musiker des Conservatoriums wohnt, dessen wöchentliche musikalische Soireen ich regelmäßig besuchte. Wenn mich dessen Frau zu Augustine gehen sähe! oder auch nur der Portier, der mich ganz genau kannte! – Und was kann sie von mir wollen? Was habe ich mit dieser Halbwelt zu thun? Ich Habs mich von solchen Berührungen immer so fern als möglich gehalten, soll ich jetzt mit Gewalt in diese Welt hineingezogen werden? Man kann nie voraussehen, in welche unangenehme Geschichten man bei solchen Weibern verwickelt wird. – Aber der Brief war so dringend; es wehte mich eine Luft der Wahrhaftigkeit, der Aufrichtigkeit, ja der Trauer aus diesen Zeilen an, die mich nachdenklich machte und beinahe rührte. Es ist jedenfalls Pflicht, nachzusehen, dachte ich und machte mich gegen ein Uhr auf den Weg.

Der zweite Hof des Hauses Nr. 17 Boulevard des Capucines ist ein sehr schöner, freundlicher Square. Mit dem ersten Schritt in diesen Hof glaubt man sich hundert Meilen weit von Paris. Aller Lärm der Straße verhallt in der Ferne, wie das Rauschen eines fernen Stromes; man hört nur das melodisch-monotone Fallen des Springbrunnens, der sich silbern, glänzend aus der Mitte des Rasenplatzes erhebt, um in ein rundes von Blumen umgebenes Bassin zurückzufallen. Die Bäume, die den Rasenplatz umgeben, standen schon in Blüthe und in ihren Zweigen zwitscherte ein Volk von Vögeln, als ob es sich mitten in einer lachenden Landschaft befände. Auf den Square hinab sehen die großen Krystallscheiben der Fenster, die mit Sculpturen im Renaissancestyl geziert sind und zwischen welchen hübsche Statuen, Nachahmungen der Antiken im Louvre, in Nischen stehen. Aus jeder einzelnen Wohnung führt ein kleiner Balkon, dessen geschmackvolles Gitterwerk hie und da vergoldet ist und Blumen- und Laubgewinde vorstellt, aus dem kleine Köpfchen von Rittern und Damen, von Pagen und Knappen hervorblicken. Aus den vier Ecken führen vier weiße Treppen in den Hof, welche von breiten Glasdächern bedeckt sind, die wieder von eisernen, bronzirten schlanken Säulen getragen werden. In manchen der Wohnungen war die Dienerschaft noch mit Aufräumen und Reinmachen beschäftigt und aus den offenen Fenstern hingen bunte Teppiche oder wurden glänzende Decken geschwungen und geschüttelt. Dort und da sah man eine Dame im Morgenhäubchen am Fenster vorübergehen, oder auch einen Cigarre rauchenden Gentleman im seidenen Schlafrock; aus dem und jenem Fenster kamen einzelne Pianotöne hervor. Das ganze Haus schien die Wohnung, die Zufluchtstätte sorgloser, glücklicher Menschen. Im zweiten Stock, in einem der schönsten Appartements dieses Hauses wohnte Augustine, der mein Besuch galt.

Ich zog die Glocke; ein Bedienter in Livrée öffnete mir und führte mich in den Vorsaal, wo mich ein andrer Bedienter empfing. – „Madame erwartet Sie,“ sagte dieser und führte mich in den Salon. Meine Herrn, Sie kennen den Luxus luxuriöser Pariser Salons und ich will Ihnen diesen nicht erst beschreiben. Nur so viel, daß hier mit all dem Gold, Sammt, Seide, Bronze, Marmor, Porzellan etc. etc. nicht nur Luxus und Reichthum verschwendet war; beide waren mit Geschmack gewählt und geordnet. Kaum war ich eingetreten, als mir Augustine schon voll Dankbarkeit entgegenkam; wie sie aus dem zweiten Zimmer heraus und mir entgegentrat, war ich in der That von der Schönheit dieser Erscheinung wie gebannt. Sie kennen sie ja! – Nicht? – Ach, Sie müssen sie kennen, Sie wissen es nur nicht. Hundert Mal müssen Sie sie schon im Bois de Boulogne gesehen haben – offener Wagen – blaue Livrée – englische Füchse – sie ist meist allein – blonde Locken – die schönste Person des ganzen Demi-Monde. – Ach! nicht wahr? Sie erinnern sich? Sie frappirt ja jedes Auge; man vergißt es nicht, wenn man sie einmal gesehen; sie beschämt alle großen Damen, diese Küferstochter aus Hanau.

Bon! ich will kurz sein. Nachdem sie mich zum Sitzen gezwungen und sich noch hundert Male wegen ihrer Zudringlichkeit entschuldigt – und das Alles auf das Einfachste, ohne Koketterie, ohne Komödie, stand sie wieder auf und bat mich um Verzeihung, [278] sie werde in einem Augenblicke wieder zurück sein. Nach einigen Minuten kam sie mit einem kleinen Knaben von ungefähr sieben Jahren. Ein wunderschöner Junge und in dieser Beziehung vollkommen würdig, der Sohn dieser Mutter zu sein. Er hatte blonde, lange Locken, die auf einen sehr weißen, nackten Hals herabfielen, und trug eine schwarzsammtne Blouse mit blauen Knöpfchen. Die vollen runden Beinchen waren nackt und die Füße staken in schottischen Strümpfchen. Das tiefblaue Auge dieses Kindes war, trotz des gesunden Wesens der ganzen Erscheinung, voll von Melancholie und zugleich voll auffallender, leuchtender Intelligenz. Augustine sah mit offenbarer Freude, wie ich mich an dem Anblick des holden Kindes weidete, und hörte mit Theilnahme zu, wie ich an dasselbe Fragen richtete und wie sie das Kind beantwortete. Dann nahm sie den Jungen wieder an den Schultern und führte ihn an die Thür, küßte ihn und sagte: Adieu mon bijou, geh jetzt mit Pauline in die Tuilerien. Der Knabe schickte mir noch ein Lächeln und einen freundlichen Blick zu und ging. Augustine kam zurück, setzte sich mir gegenüber auf’s Sopha und sagte: „Nicht wahr, es ist ein liebes Kind?“

„Ein prächtiger Junge, eben so schön als intelligent.“

Augustine seufzte, schien sich zusammen zu nehmen und sagte endlich: „Des Kindes wegen habe ich Sie um diesen Besuch gebeten.“

„Bitte, erklären Sie sich deutlicher.“

„Ich muß Ihnen erst sagen, Herr Doctor,“ nahm Augustine wieder das Wort, „daß ich Sie schon seit lange zu kennen die Ehre habe. Als Sie in Frankfurt waren, war ich noch in Hanau; dort habe ich oft von Ihnen gehört, später habe ich Sie in Frankfurt selbst gesehen. Vor Kurzem war hier in Paris bei einem Souper junger Leute von Ihnen die Rede. Erlauben Sie mir Ihnen zu sagen, daß man nur Gutes von Ihnen gesprochen und ernster, als junge Leute bei solchen Gelegenheiten zu sprechen pflegen. Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich, daß Sie in Paris wohnen, und ich beschloß mich in einer wichtigen Sache, die mir seit lange schwer auf dem Herzen liegt, an Sie zu wenden. – Ich habe Freunde genug, aber Sie wissen, von welcher Art diese Freunde sind. Ich bin da, um sie zu amüsiren, nicht sie mit ernsten Dingen zu langweilen oder ihnen von Sachen zu sprechen, die mich beängstigen. Thäte ich das, sie würden mir in’s Gesicht lachen. Augustine wird sentimental, Augustine wird eine bourgeoise, Augustine wird langweilig, wird moralisch, wird dumm, würde es dann heißen und man würde mir den Rücken kehren. Im besten Falle würde man meine Sorgen, meine Angst, mein Unglück für eine neue Art von Koketterie halten. Sie, lieber Herr Doctor, werde ich trotz Allem nicht für unwürdig halten, mir einen Rath zu geben, der einem unschuldigen lieben Kinde nützen soll.“

„Bitte, sprechen Sie; ich horche Ihnen mit der größten Aufmerksamkeit.“

„Ich wollte Sie um Ihren Rath in Betreff der Erziehung meines Kindes fragen. Sie haben es gesehen. Von Tage zu Tage wird der Knabe schöner, von Tage zu Tage entwickelt sich sein Geist mehr und mehr. Er stellt mir oft Fragen, die mich auf die verschiedenste Weise in Verlegenheit bringen. Ich zittere vor dem Tage, da er mir eine gewisse Frage vorlegen wird, oder da er Alles verstehen wird ohne Frage. Was soll ich thun?“

„In wie fern? Was meinen Sie?“

„Ich habe zwischen zwei Wegen zu wählen. Entweder ich erziehe ihn, wie man in dieser meiner Welt erzieht, oder ich erziehe ihn außerhalb dieser Welt zu einem anständigen Menschen.“

„Glauben Sie, daß Sie hier noch meines Rathes bedürfen? Sind Sie zweifelhaft, für welchen dieser beiden Wege ich mich entscheiden werde?“

„Nein, gewiß nicht; aber, Herr Doctor, Sie haben nicht Alles bedacht, was ich bedacht habe; Sie ängstigt bei dieser Wahl nicht, was mich ängstigt.“

„Was ist es?“

„Lasse ich ihn in dieser meiner Welt aufwachsen, dann wird er leichtsinnig, frivol, schlecht vielleicht; er wird denken und fühlen, wie man in dieser meiner Welt denkt und fühlt; er wird nichts Anderes kennen – aber seine ganze Umgebung wird ihm eben so natürlich erscheinen, wie seine Abstammung, und es ist dann noch möglich, daß er seine Mutter liebt, sein Ursprung wird ihn nicht kränken, nicht beschweren, und er wird seine Mutter vielleicht nicht verachten – er wird so viele ähnliche Mütter, so viele ähnliche Kinder sehen. – Lasse ich ihn aber draußen in der anständigen Welt erziehen, in anständigen Ansichten und Grundsätzen aufwachsen, lasse ich seinen Geist und sein Herz sich so weit entwickeln, als sie können – wird er dann nicht doppelt unglücklich sein und wird er sich, sobald er zu Verstande kommt, von seiner Mutter nicht abwenden? Wird er seine Mutter nicht verachten? Und doch kann ich mich nicht entschließen, ihn absichtlich zu einem gemeinen Menschen zu machen – ach, es wäre so schade um das Kind, es ist so lieb, so gut, so klug. Und wieder soll ich mich von ihm verachten lassen? Soll ich es selbst herbeiführen, daß er sich einst meiner schäme? – Was soll ich thun? – Was soll ich thun? Herr Doctor, geben Sie mir einen Rath, was soll ich thun? was fange ich an?“

Sie rief diese letzten Worte im Tone der bebendsten Herzensangst; sie faltete die Hände im Schooße übereinander und sah mich fragend an. Ich gestehe es, ich war gerührt, ich war erschüttert. Ich sah, wie der Dichter sagt, durch tiefes Verderben ein menschliches Herz.

Nur das wollte ich erzählen. Meine Antwort auf diese Fragen brauche ich wohl nicht zu wiederholen. Meinem Rathe fügte ich nur noch den Trost bei, daß von einem in guten Grundsätzen erzogenen Sohne eine gute Mutter, und sei ihre Vergangenheit wie immer beschaffen, stets mehr Liebe und Achtung zu gewärtigen habe, als von einem, der ihr durch seinen Leichtsinn, durch seine Frivolität näher stehe. Ich versprach ihr, daß sie in ihrem Sohne, wenn seine Eigenschaften auf edle Weise ausgebildet würden, dermaleinst, wenn Alles sie verlassen haben wird, einen Freund, eine Stütze, einen Tröster finden werde – indem ein Sohn seiner Mutter gegenüber zur Liebe keiner anderen Ueberzeugung bedürfe, als derjenigen, daß sie eine liebende Mutter gewesen u. s. w., u. s. w.

Das und Aehnliches führte ich ihr aus, so gut es ging, und sie hörte mir zu, als ob ich ein neues Evangelium predigte. Jede Auseinandersetzung, daß sie sich ihres Kindes durch eine gute Erziehung nur desto mehr versichere, nahm sie mit einem glückseligen Lächeln hin. Dann mußte ich ihr noch einen Erziehungsplan machen. Ich war dafür, daß das Kind aus ihrer Welt entfernt werden müsse; ich glaubte, daß es am besten wäre, wenn man es in eine Erziehungsanstalt nach Deutschland schickte. – „Mein Trost,“ rief sie, „mein einziges Glück!“ und während Thränen über ihre Wangen herabfielen, beschloß sie, auch darin meinem Rathe zu folgen.

Meine Herren, ich will Ihnen noch etwas sagen, weil es die Geschichte completirt – und ich hoffe, Sie werden nicht lachen. Als ich ging, faßte Augustine meine Hand, und ehe ich mich dessen versah, hatte sie einen Kuß darauf gedrückt. Ich habe sie seit damals noch einmal besucht. Ihr Kind war in Heidelberg.