Pariser Bilder und Geschichten/Moderne Marktschreier

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Autor: Sigmund Kolisch
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Titel: Pariser Bilder und Geschichten. Moderne Marktschreier
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 23, S. 360–363
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1861
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Pariser Bilder und Geschichten.

Von Sigmund Kolisch.
Moderne Marktschreier
.

Gewöhnlich bezeichnet man Spanien und Italien als den classischen Boden der Charlatane und Charlatanerie, der Quacksalber, der Verkäufer von allerlei Wundertränken und allgemeinen Heilmitteln, kurz als die gelobten Länder ausgebeuteter Leichtgläubigkeit und irregeführter Unwissenheit. Gil Blas, Dulcamara und wie sie alle heißen mögen, die berühmt gewordenen Marktschreier der verschiedenen Länder, sie sind arglose Kinder im Vergleich zu dem ersten besten pariser Speculanten, Glücksritter, ja zu dem gewöhnlichsten pariser Geschäftsmanne.

Wer in Europa, sei es nun in dem alten oder modernen, kann sich mit Mengin, dem berühmten Bleistiftverkäufer messen, der als Ritter mit Helm und wallendem Federbusch, mit Musik und einem Wappen auf einem Wagen einherfährt, um auf öffentlichen Plätzen der gaffenden Menge seine Waare feil zu bieten, und der von sich rühmt und rühmen kann, daß er von derselben für mehr als eine Million Franken an den Mann gebracht habe.

Mit einer Offenheit, die Glück macht, erklärt es Mengin den Leuten, die sich, sobald er sichtbar wird, um ihn sammeln, warum er nicht wie gewöhnliche Menschenkinder, sondern in so abenteuerlicher Weise auftritt, wenn er sein Gewerbe treibt. „Sie werden mich einen Charlatan nennen,“ sagt er ihnen, „weil ich mich in einem solchen Anzug darstelle und mit Musik ankündige. Sie haben Recht; meine Verkleidung ist ein marktschreierischer Behelf; allein meine Bleistifte blieben trotz ihrer Vortrefflichkeit auf dem Lager, wenn statt des Helms eine gewöhnliche Mütze oder ein Hut mein Haupt und statt des weißen Mantels ein alltäglicher Paletot meinen Leib bedeckte.“ Und damit berührt der Philosoph der Straße den Kern des pariser Lebens und Treibens. Ohne Trompetenstöße, ohne Wind und Geräusch kein Gelingen, kein Erfolg. Für das stille Verdienst giebt es in diesem Meere von arbeitenden Kräften und arbeitenden Leidenschaften, das man Paris nennt, keinen Lohn.

Herr Merimé, der berühmte Novellendichter, hat eine Reise durch Spanien gemacht und natürlich ein Buch über das merkwürdige Land geschrieben, das von allen christlichen Ländern sich die meisten nationalen Eigenthümlichkeiten bewahrt und seine Sitten und Gebräuche am längsten der überwältigenden Einwirkung der Mode entzogen hat; allein der französische Reiseschriftsteller, weit entfernt, sich mit all dem Ungewöhnlichen und Seltsamen, das er vorfand, zu begnügen, tischte seinen Lesern die abenteuerlichsten Erfindungen auf, wie z. B. das Märchen von dem Dolche, den die Frauen auf der pyrenäischen Halbinsel im Strumpfband tragen sollen, und dergleichen mehr. Bei einem Zusammentreffen mit dem Herzog von Rivas, dem angesehenen spanischen Poeten, von diesem befragt, warum er in seiner Reisebeschreibung Dinge, die nie waren und nicht sind, mitgetheilt habe, gab der Franzose die mehr offene als würdige Antwort: „Sehen Sie, mein Freund, wenn ich die Dinge treu wiedergegeben hätte, wie sie sich vorfinden, so hätte mein Buch nicht angezogen und mir wenig Leser, noch weniger Käufer gefunden; aber etwas Unerhörtes, etwas Unmögliches, glücklich angebracht, ist eine Würze, die den Gaumen des Publicums reizt und den materiellen Erfolg einer Reisebeschreibung sichert.“

Der Schriftsteller Merimé geht von derselben Maxime aus, wie der Bleistiftverkäufer Mengin. Herr Merimé hat es bis zum Senator gebracht; wer weiß, ob es Mengin, mit der Begabung des Herrn Merimé ausgerüstet, nicht noch höher gebracht hätte.

Mengin, ohne sich viel in Schulen umgethan, ohne orthographisch schreiben gelernt zu haben, besitzt eine Naturberedsamkeit und einen Humor, von denen der Senator in dem Luxembourg-Palaste bis zur Stunde keine Beweise gegeben hat. Mengin erheitert seine Zuhörer, und man möchte sagen, daß sie ihm eher für die gebotene Unterhaltung, als für die Bleistifte die Zweisousstücke hinwerfen. Ein eben so vollendeter Zeichner als Redner, fängt Mengin damit an, sich aus der Schaar, die ihn umsteht, einen Kopf auszusuchen, den er mit Blitzesschnelle als Zerrbild aufs Papier wirft und alsbald der Menge zeigt, um darzuthun, wie trefflich sich mit seinen Bleistiften sogar zeichnen läßt. Der Haufen lacht auf über das Bild, und alle Blicke wenden sich abwechselnd nach der Person, welche unwillkürlich dem indiscreten Zeichner gesessen, oder besser gesagt, gestanden, und nach dem komischen Portrait. Diese Person, obgleich auf diese Weise dem Gelächter preisgegeben, weil entfernt sich verletzt zu fühlen, stimmt in das Gelächter ein, und die Heiterkeit ist allgemein. Hie und da ruft einer von den Umstehenden dem Marktschreier einen Witz zu, der diesem zu einer trolligen Antwort oder auch nur Grimasse Anlaß giebt und zur Erhöhung der Heiterkeit beiträgt.

Dieses Alles geht vor, während der Knappe hinter dem Ritter auf dem Wagen auf einem Leierkasten die Ouverture zu der Komödie spielt, welche der neugierige Haufen mit Spannung erwartet. Man kann nicht trefflicher als Mengin einen Boten für eine erwünschte Ernte bearbeiten. Der letzte Ton des Leierkastens verklingt, und Mengin ergreift das Wort.[1] Nachdem er sein Auftreten und seine Verkleidung, wie oben angedeutet wurde, erklärt hat, fährt er also fort: „Sie erkennen wohl mit mir, daß eine Waare nichts durch die Geschicklichkeit von ihrem Werthe verliert, mit welcher ein Verkäufer sie anzubringen weiß. Die künstlichen Mittel, welche ich angewendet habe, um Sie anzuziehen und Sie in Verbindung mit mir zu bringen, fallen von dem Augenblicke weg, als es sich um das Geschäft selber handelt. Könnte eine gute Waare schon dadurch, daß sie gut und wohlfeil ist, angebracht werden, ich brauchte wahrlich dieser auffallenden Ankündigung nicht. Meine Bleistifte sind die ausgezeichnetsten, welche in Paris, der Hauptstadt nicht nur von Frankreich, sondern der civilisirten Welt, zu finden sind, und im Verhältniß zu ihrer Vortrefflichkeit spottwohlfeil, ich möchte sagen zu wohlfeil. Es steht zu befürchten, daß Leute, die Billigkeitssinn und Verständniß, ein edles Herz und einen edeln Geist besitzen, sich Vorwürfe darüber machen, daß sie für einen so brauchbaren, allen Anforderungen entsprechenden Gegenstand, wie ein Bleistift aus der Fabrik, welche ich vertrete, so geringes Geld, wie zwei Sous, bezahlt haben. Ich weiß wie weit der Edelmuth bei Franzosen, überhaupt bei Menschen gehen kann, welche vom Lichte der Civilisation erleuchtet sind; das, was ich hier sage, glauben Sie mir, ist tief gefühlte Wahrheit. Ich schneide nicht auf und [361] will es Ihnen beweisen. Glauben Sie wohl, daß ich für mehr als eine Million Franken, also zehn Millionen Bleistifte zu verkaufen vermocht, daß ich einen so guten Ruf erlangt hätte, wenn gegen meine Waare etwas einzuwenden wäre? Nimmermehr! Denn wenn der Franzose sich anerkennend zeigt dem Verdienste gegenüber, ist er unerbittlich gegen die Unredlichkeit. Dies der moralische Beweis, dessen Gültigkeit Sie wohl nicht bestreiten können, nicht bestreiten werden. Einen materiellen Beweis habe ich durch die Zeichnung geliefert, an welcher Sie die Festigkeit und zugleich Weichheit des Striches bewundern konnten. Sehen Sie außerdem, was so ein kleines Ding wie die Spitze einer Bleifeder, wenn diese gewissenhaft fabricirt ist, aushalten kann.“ Und nun schlägt Mengin mit einem gespitzten Bleistift so gewaltsam auf ein Bret, das vor ihm liegt, daß die Münzen, die sich auf demselben befinden, klirrend in die Höhe fahren. Wer zwei Sous hat, kauft, und Mengin hat seinen Zweck erreicht.

Mehr oder weniger – von Mengin findet sich fast in jedem Franzosen. In gesellschaftlicher, wie in geschäftlicher Beziehung liebt es der Franzose, sich bemerkbar zu machen, Aufsehen zu erregen. Es giebt viele Leute, die sich für den Salon, wie Schauspieler für die Bühne, wie Mengin vorbereiten, um irgend eine witzige Geschichte, einen komischen oder tragischen Vorfall anziehend wirksam zu erzählen. Es giebt eine Menge Leute, welche von ihren Salonerfolgen leben, durch diese Salonerfolge ihr Glück machen, einflußreiche Personen, Akademiker, Generaleinnehmer, Präfecten, Staatsräthe, Senatoren, Deputirte, Minister werden. Die Gabe, angenehm zu plaudern, gilt dem Franzosen mehr, als ausgedehnte Kenntnisse und große Fähigkeiten, als ein edles Streben und Tadellosigkeit des Charakters; drum befleißt er sich auch dieser Kunst vor allem. Wie in seinen Büchern, sucht der Franzose in seinen Gesprächen vor allem zu unterhalten, zu ergötzen. In Paris verzeiht man einem Menschen eher ein Verbrechen, als Langeweile, die er etwa verursacht. Die Marktschreierei wird zur Nothwendigkeit, sie ist die erforderliche Schwuranklage für das Verdienst, wie für die Mittelmäßigkeit, für die gänzliche Ohnmacht.

Herr … ist eine viel bekannte, vielgesuchte Erscheinung, der es zum Volksvertreter und Minister gebracht hatte und der, obgleich durch eingetretene Verhältnisse ohne Staatsamt, ein Mann von dem größten Einfluß ist, dessen Schutz und Empfehlung wie eine werthvolle Kostbarkeit gesucht wird, der mit den hochgestelltesten Personen aller politischen Farben in Verbindung steht und dessen Beziehungen zu Staatslenkern oder zu Candidaten künftiger Größe weit über die Grenzen des Landes hinausreichen. Der Minister dieses Staates ist sein Freund, der Führer einer mächtigen Partei jenes Staates ist sein Vertrauter. Mit diesem populären Vorfechter eines patriotischen Gedankens steht er im freundlichsten Verkehr, jenem anderen hat er Dienste geleistet, die Anerkennung finden und verdienen. Sein Salon wird von Berühmtheiten aller Zonen besucht. Verschlossene Thüren öffnen sich auf sein Wort. Feindselige Geschicke werden durch seine Fürbitte abgewendet, zürnende Erdengötter besänftigt. Handelsgesellschaften aller Art wählen ihn zum Unterhändler, wenn sie wichtige Geschäfte abzumachen haben, und betheiligen ihn am Gewinn, bei den größten industriellen Unternehmungen ist er betheiligt. Die Verwaltungscomités sind kaum zu zählen, denen er als Mitglied angehört; und doch ist er weder ein bedeutender Redner noch ein tiefer Denker, noch ein Gelehrter, noch ein Administrator, noch Schriftsteller, er steht nicht an der Spitze eines einflußreichen Blattes, dem er, wie ehemals Herr Bertin dem Journal des Debats, den außerordentlichen Einfluß verdankte, nicht einmal durch irgend eine Fachkenntniß thut er sich hervor, die man immer mehr oder weniger verwerthen kann.

Fragt man einen seiner Freunde, seiner Clienten und Lobredner, deren Zahl Legion ist, wodurch er zu der eben so vortheilhaften als angenehmen Stellung gelangt ist, so antwortet er mit Emphase mit dem Ausdruck tief gefühlter Ueberzeugung: „O, Herr… ist ein ausgezeichneter Mann (un homme distingué)“ – das sagt eben Alles und nichts.

Die Lösung des Räthsels liegt in dem pariser Leben, in dem Bedürfniß des geselligen Verkehrs, in der Empfänglichkeit des Franzosen für alle gesellschaftlichen Kunststückchen und seiner Dankbarkeit gegen Jeden, der ihn, wäre es auch nur eine Stunde lang, beschäftigt und unterhält, in der Leichtigkeit, mit welcher er sich gewinnen und ausdeuten läßt. Wenn der lateinische Spruch: „Mundus vult decipi“ (die Welt will betrogen sein) irgendwo zur Wahrheit wird, so ist es in Paris.

Herr … ist ein Mann von tadellosem Benehmen, alle Formen der großen Welt sind ihm geläufig, er verneigt sich wie man sich verneigen muß, er ißt, er kleidet sich, er besucht und empfängt nach der Vorschrift der Mode, ohne sich deßhalb stutzerhaft zu gebehrden. Nicht um ein Königreich würde er bei Tische das Brod rechts legen und das Glas links stellen oder sich beim Fisch eines Messers bedienen.

Er ist immer höflich, nie kommt ein ungeschliffenes Wort, ein kräftiger Naturausdruck über seine Lippen; er ist voll Schonung und Nachsicht für die Schwächen und Fehler seiner Freunde und Bekannten und lobt über Gebühr ihre kleineren und kleinsten Vorzüge. Tritt er einer Meinung entgegen, so geschieht es in so zarter, rücksichtsvoller Weise, daß man die Einsprache eher für eine Zustimmung halten möchte und der Vertreter dieser Meinung sich eher geschmeichelt, als verletzt, eher erhoben, als gedemüthigt fühlen muß. Es ist kein Beispiel vorhanden, daß er gegen irgend Jemanden, wie nahe er ihm auch stehen mag, einen Tadel ausgesprochen, daß er ihn auf einen begangenen Irrthum, auf eine hervortretende Unvollkommenheit aufmerksam gemacht hätte. Die verunglücktesten künstlerischen oder schriftstellerischen Versuche finden an ihm einen milden Beurtheiler; aus einem Meer von schlechten Versen, von verkehrten Sätzen versteht er einen wohlklingenden Vers, einen vernünftigen Satz herauszufinden, um ihn zu loben. Frauen gegenüber läßt er an Galanterie die Troubadours und Minnesänger des Mittelalters und den Hof Ludwigs XIV. hinter sich; was man nur aufbieten kann, um dem schönen Geschlechte gefällig zu erscheinen, das bietet er auf; er erweist sich aufmerksam, ehrfurchtsvoll, huldigend. Was einem weiblichen Ohr nur angenehm zu klingen geeignet ist, das sagt er und zwar in dem angemessenen Tone, der die Grenze des Gesagten richtig bestimmt.

Den Grund zu seiner Größe hat er im Salon gelegt, da hat er anziehende Geschichten wirksam zu erzählen gewußt und Verbindungen angeknüpft, durch diese Verbindungen wurde er in vielerlei Familien- und Staatsgeheimnisse eingeweiht, in die Lage versetzt, Vielen zu nützen und zu schaden, Dienste zu leisten und sich Gegendienste leisten zu lassen, und so hat er mit Emsigkeit seinen Einfluß ausgedehnt, sich zu einem Mittelpunkt vielfacher politischer Bestrebungen und Intriguen gemacht und sich zum Volksvertreter und Minister emporgearbeitet.

Wenn er spät kommt, wird er im Salon mit Spannung erwartet, wie das Auftreten des Helden eines Stückes, der das Hauptinteresse in Anspruch nimmt, auf der Bühne. Die Unterhaltung stockt, den Gesprächen fehlt Leben und Bewegung. Nun tritt er ein; er kommt gewöhnlich spät, um sich erwarten zu lassen, ein Geräusch der Befriedigung läßt sich vernehmen. Die Gruppen lösen sich auf, man eilt ihm entgegen, um ihn zu begrüßen, kaum daß die Frauen, dem Anstand gehorchend, auf ihren Plätzen bleiben. Wetteifernd sucht Jeder sich seiner zu bemächtigen, eine Unterredung mit ihm zu erhaschen, Fragen ohne Zahl werden an ihn gerichtet, über die Zustände im In- und Auslande, über finanzielle, theatralische, politische Verhältnisse, er beantwortet alle, er antwortet umständlicher, als man erwarten konnte, mit Anführung von Einzelnheiten, welche die Auskunft pikant machen. Diese Frau wünscht zu wissen, wen die Königin von Spanien in diesem Augenblick mit ihrer besondern Gunst beehrt; Herr … kennt ihn persönlich, giebt dessen Alter, Stand und die Provinz an, aus welcher derselbe stammt, er beschreibt ihn vom Kopf bis zum Fuß zum Entzücken der weiblichen Gesellschaft, die mit Andacht zuhört. Eine andere Frau möchte erklärt haben, warum die Kaiserin Eugenie so plötzlich in der rauhen Jahreszeit eine Reise incognito nach Schottland unternommen habe. Herr … erzählt verschiedene interessante Vorgänge in den Tuilerien, er schildert den Charakter der Fürstin, ihre Jugend, ihr Leben zu Madrid und Sevilla, bevor sie nach Frankreich kam und auf den Thron erhoben wurde, er tischt die Anekdoten auf, die man sich am Manzanares von der Mutter und Großmutter der Kaiserin erzählt, und erklärt das Räthsel, welches ganz Europa beschäftigt hat. Befragt, ob wohl der Papst in der italienischen Frage nachgeben werde, führt er eine Aeußerung an, die der Cardinal Antonelli zu einem seiner Freunde gethan, der denselben Gegenstand berührt. „Die Kirche kann niemals ihre eigenen Gesetze übertreten,“ hatte der erste Minister ausgerufen, „man fordre nicht, daß wir nachgeben, sondern daß [362] wir uns selbst aufgeben.“ Dem Schutzempfohlenen einer geistreichen Frau ertheilt er einen Rath, wie er es anfangen müßte, um eine Anstellung in der Bank zu erhalten, er bezeichnet ihm den Mitbewerber, welchen er zu besiegen hätte, und die geeigneten Mittel, die anzuwenden wären, um diesen Zweck zu erreichen; er entwirft einen vollständigen Feldzugsplan und schreibt einen Empfehlungsbrief an einen Mann, dessen Verwendung das Weitere thun werde. So beschäftigt er den ganzen Abend über die Gesellschaft und wird den ganzen Abend über von ihr beschäftigt.

Zu bemerken ist noch, daß Herr … eine bestimmte politische Meinung bekennt, von welcher er bisher nicht wesentlich abgewichen; er ist ein gemäßigter Republikaner, der sich mit einer echt konstitutionellen Monarchie abfinden läßt. Er ist mit einem Worte liberal, ob aus Ueberzeugung oder Berechnung, wer vermöchte das zu sagen? Genug, daß er den liberalen Bestrebungen nach Kräften Vorschub leistet und sich der kaiserlich napoleonischen Regierung ferne hielt, die ihm bereitwillig die Arme geöffnet hatte. Man sagt diesem Mengin des Salons, der mit Einfluß Handel treibt, eine glänzende politische Zukunft vorher. –

So oft ein neues Stück von Scribe gegeben wurde, sei es nun im Gymnase, oder in der komischen Oper, oder im Théatre Français, sah man während der Zwischenakte im Foyer einen Mann von stattlichem Aussehen in schwarzem Frack, in weißer Halsbinde und Glanzstiefeln, Namens Fournier. Wer ihn nicht kannte, hätte ihn zum Mindesten für einen Akademiker gehalten, so selbstbewußt trat er auf, so überlegen gebehrdete er sich, so bestimmt war sein Urtheil und jede seiner Behauptungen.

Herr Fournier war aber kein Akademiker, sondern bekleidete eine untergeordnete Stelle im Ministerium des öffentlichen Unterrichts und hatte einige unglückliche Bühnenversuche gemacht.

Die pariser Theater haben ein Foyer, eine Art Sprechsaal, wo die Zuschauer nach jedem Aufzug sich versammeln, sich von den erfahrenen Eindrücken erholen und über das Gesehene und Gehörte ihre Meinungen austauschen können. Es ist durch diese Einrichtung dem Bedürfniß des Franzosen, lebhaft Empfundenem sogleich Ausdruck zu geben und seinen Gefühlen in Worten Luft zu machen, in angenehmer Weise entsprochen. Bei ersten Vorstellungen bilden sich da Gruppen; Theaterliebhaber, Enthusiasten, Männer von Fach, Kritiker, Feuilletonisten erklären sich für und gegen das Gesehene und Gehörte. Handelte es sich um ein Erzeugniß von Scribe, so begab sich Herr Fournier von Gruppe zu Gruppe, bekämpfte mit heißer Beredsamkeit den Tadel, bekehrte die Unentschiedenen zu Gunsten des Verfassers, entflammte die lauen Lobredner und unterstützte die Preisenden. Man kann nicht genug von den Ueberschwänglichkeilen erzählen, denen sich Herr Fournier bei diesen Gelegenheiten hingab.

Als das „Glas Wasser“ im Théatre Français zur Aufführung kam, fand es Einer im Foyer unwürdig, daß drei Frauen und eine Königin auf einen jungen Officier förmlich Jagd machen, der aller geistigen Vorzüge baar sei.

„Wie?“ rief Fournier ihm entgegentretend, „Sie tadeln, was eben als ein großer Zug des Dichters zu betrachten ist, was des Verfassers tiefe Kenntniß der menschlichen Natur, seine gereifte Erfahrung, sein Ehrfurcht vor der Wahrheit darthut? Je unbeeutender Masham erscheint, desto interessanter, desto anziehender, desto lehrreicher die Liebe der Königin, wie der kleinen Abigail, wie der Frau des berühmten General Marlborough, zu ihm. Nur Shakespeare und Scribe besitzen die Meisterschaft, konnten so ein psychologisches Wunder entdecken, nur Shakespeare und Scribe besitzen die Meisterschaft, ein solches Wunder darzustellen. Nur wer das Höchste in der Kunst erreicht hat, kann es wagen, auf diese Weise mit den geheimen Feinden des menschlichen Herzens zu spielen.“ Ein großer Kreis hatte sich um die beiden Vertreter entgegengesetzter Meinungen gesammelt, und es war zu sehen, daß die meisten der Umstehenden, von diesen Worten hingerissen, Herrn Fournier beitraten.

„Das Bild selbst, wenn es wahr ist, bleibt unerquicklich und unmoralisch,“ versetzte der Tadelnde, der sich wenig darum zu kümmern schien, ob die Zeugen des Widerstreits ihm oder seinem Gegner beipflichteten. Da Herr Fournier nicht sogleich Argumente bei der Hand hatte, die wohl auch schwer zu finden sein mochten, um sie der neuen Anklage des unliebsamen Beurtheilers entgegen zu stellen, und doch denselben nicht gelten lassen wollte und konnte, so half er sich durch allerlei Gemeinplätze aus der Verlegenheit.

„In was für einer schlimmen Zeit leben wir,“ rief er im Tone eines zürnenden Propheten, „wo der Kranz auf dem geheiligten Haupte des Genie’s nicht mehr unbeneidet, nicht unangetastet bleibt, wo Götterfunken für Irrlichter, hochgehende Gedanken für Lästerungen, reine Gesinnung für Mangel an Erkenntniß gehalten werden!“ Während er jedoch mit diesen hohlen Phrasen um sich schlug, fiel ihm eine Betrachtung ein, die er dem Tadler gegenüber mit Vortheil verwenden zu können hoffen durfte, und er fuhr fort: „Die Liebe der drei Frauen zu Masham unmoralisch! Kommt er der Königin, kommt er der Frau des General Marlborough in unerlaubte Nähe? Wird das Princip der Ehe nicht in Ehren gehalten? Der Officier liebt die kleine Abigail, und die kleine Abigail liebt ihn, und sie heirathen sich. Was kann die strengste Moral mehr verlangen?“

Die Umstehenden nickten zustimmend. Sie zerstoben, da die Glocke den Beginn des folgenden Actes ankündigte und dem Streit ein Ende machte. Durch die Worte des Herrn Fournier überzeugt, kehrten sie in das Schauspielhaus zurück und beklatschten jede wirksame Scene, jedes geistreiche oder witzige Wort, jede überraschende Wendung der Vorgänge.

Es war nicht etwa aus Freundschaft, daß sich Herr Fournier der Stücke des Herrn Scribe so warm, so heldenmüthig annahm, er erfüllte ein Amt, das ihm der dramatische Schriftsteller übertragen und welches ihm weit mehr eingebracht haben soll, als seine Anstellung im Unterrichtsministerium.

Herr Scribe war ein praktischer Mann, ein berechnender Kopf, der seine Nation zu genau kannte, um nicht zu wissen, wie nützlich und schädlich jedem Unternehmen in Frankreich eine kühne, geläufige Zunge, verbunden mit einer imposanten Körperlichkeit, sein kann. Vertraut mit den Intriguen und Kämpfen des Foyer und überzeugt, daß ihre Einwirkungen die bestabgerichtete Claque nicht aufzuheben vermag, verfiel er auf den glücklichen Gedanken, sich einen Sprecher zu seinen Gunsten, einen Agenten im Foyer zu unterhalten, und in Herrn Fournier, der ihm bei seinen literarischen Arbeiten ein wenig behülflich war, glaubte er den Mann gefunden zu haben, der geeignet war, seine Interessen im Foyer zu vertreten.

Mit Eifer, Geschick und Erfolg erfüllte Herr Fournier die ihm gestellte Aufgabe; aber nicht immer wurde es ihm so leicht, wie bei der oben angedeuteten Gelegenheit, das letzte Wort zu behalten und seine Gegner durch einen Phrasenschwall zu erdrücken. Manchmal traf er auf einen geistreichen Widersacher, ter ihn verspottete und dem Gelächter preisgab; ein ander Mal stand ein noch Reicherer an Worten, als er selber, ihm entgegen, so daß er durch die eigene Waffe geschlagen wurde; dann stieß er bisweilen auf einen Heftigen, der ihn hart anließ, der seine Zudringlichkeit zurückwies. Allen diesen Widerwärtigkeiten hielt Herr Fournier jedoch mit einem stoischen Gleichmuthe Stand, durch den er das Vertrauen des Herrn Scribe mehr als rechtfertigte.

Eines Abends sollte aber Herr Fournier gar arg aus der Fassung gebracht werden. „Une chaine à rompre“ vom Herrn Scribe wurde im Français gegeben, und ein älterer Mann mit grauem Schnurr- und Knebelbart eiferte im Foyer gegen das Stück, dem er einen verderblichen Einfluß auf die Sitten vorwarf, das er gemein und nichtswürdig schalt. Kaum hatte Herr Fournier dieses vernichtende Urtheil vernommen, als er erwiderte: „Ein Dichter, welcher die Gebrechen der Zeit aufdeckt, kann nicht Jedem Willkommenes vorführen, kann unmöglich alle Empfindlichkeiten schonen, und was den Einen erheitert, kann den Anderen verletzen.“ Ein höhnisches Lächeln zeigte sich auf den Lippen der Umstehenden, und der Mann mit dem grauen Schnurr- und Knebelbart gerieth in eine förmliche Wuth.

„Unverschämter!“ rief er dem Vertheidiger des Stückes zu, zog hastig ein Portefeuille aus der Tasche und reichte dem betroffenen Anwalt des Herrn Scribe seine Karte hin. Und als Herr Fournier zauderte sie anzunehmen, versichernd, daß er auf keine bestimmte Persönlichkeit angespielt habe, rief der Andere: „Nehmen Sie, oder ich beschimpfe Sie auf’s Gröblichste,“ so daß dem armen Fournier nichts Anderes übrig blieb, als die Karte anzunehmen und die seinige zu geben, wollte er sich nicht den Mißhandlungen jenes ungestümen Gegners und dem Gelächter der Anwesenden aussetzen.

Er entfernte sich und eilte in die Loge des Herrn Scribe, den er in bester Laune, sichtlich vergnügt über den Erfolg des Stückes fand.

[363] „Was haben Sie? Sie sehen so verstört aus,“ frug den Ankommenden Herr Scribe; „es geht doch Alles gut.“

„Sehr gut!“ versetzte Herr Fournier. „Hören Sie nur, was sich zugetragen. Ein Wütherich nannte Ihr Stück unsittlich und gemein, ich entgegnete, und er gab mir seine Karte.“

„Das ist ja vortrefflich,“ sagte Herr Scribe.

„Er schickt mir morgen seine Zeugen.“

„Sie schlagen sich. Sie können mir und dem Stücke keinen bessern Dienst leisten.“

„Sie wollen, daß ich mich schlage?“

„Freilich, denken Sie nur, einem Stück, das ein Duell hervorgerufen, ist der glänzendste Erfolg gesichert, und wenn es das schlechteste von der Welt wäre.“

Wenn ich falle?“

So erlebt das Stück dreihundert Vorstellungen nach einander.

„Das ist Ihr Ernst?“ frug Herr Fournier mit verloschener Stimme den Bühnendichter und starrte ihn wie ein Wunder an.

„Es fällt nicht Jeder, der sich duellirt, mein Freund,“ entgegnen beruhigend der Dichter.

Herr Fournier stürzte aus der Loge. Er war von diesem Augenblicke an der erbittertste Gegner des Herrn Scribe.

Den andern Tag that er dem Manne, der ihn herausgefordert hatte, in Gegenwart von vier Zeugen Abbitte, und es kam nicht zum Duell.

  1. Ich theile eine seiner Reden, die ich mir gemerkt und aufgezeichnet habe, fast wörtlich mit.