Pariser Bilder und Geschichten/Monsieur Porcher

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Autor: unbekannt
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Titel: Monsieur Porcher
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aus: Die Gartenlaube, Heft 31, S. 363–366
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[363]
Pariser Bilder und Geschichten.
Monsieur Porcher.

Im Kaffee „Divan“ der rue Lepeletier, der großen Oper gegenüber, machte sich mir, der ich noch ein Neuling in Paris war, ein Mann schon durch seine Erscheinung, durch ein besonderes Wesen, noch mehr aber durch seine Beziehung zu vielen der Personen, welche das Kaffeehaus theils als zufällige, theils als Stammgäste besuchen, bemerkbar. Das genannte Kaffeehaus wird meist von Künstlern, Schauspielern, Malern und Dichtern besucht, die sich da zusammenfinden, um auszuruhen von den Mühen des Ruhmes, der Gesellschaft und der Arbeit, und sich nebstbei durch Mittheilung, durch Kaffee und eine Parthie Dordes zu vergnügen. Alfred de Musset, in seiner guten Zeit, da sein Geist frisch und sprühend war wie seine Gedichte, war alle Tage in diesem Kaffeehause zu treffen. – Ich bemerkte, daß die meisten der anwesenden Künstler meinen Mann mit einer seltsamen Mischung von Hohn und Höflichkeit, von Geringschätzung und Zuvorkommenheit behandelten, daß er aber seinerseits ihnen mit großer Artigkeit und Freundlichkeit begegnete, die aber das Gepräge stolzer Herablassung an sich trugen.

Das Aeußere des Mannes, den ich Monsieur Porcher nennen hörte, verkündete eine Selbstzufriedenheit, die nicht weit von Anmaßung entfernt und eine auffallende Wichtig- und Vornehmthuerei. Die Finger strotzen von goldenen Ringen. Ein englischer Chronometer an einer schweren goldenen Kette wird übermäßig oft in Anspruch genommen. Der Anzug ist in einem guten Stand und von elegantem Zuschnitt. Sein Gesicht ist schwammig, von der Zeit und wüstem Leben abgenützt und verschossen. Auf einer kräftigen, etwas nach Oben strebenden Nase, sitzt jeder Zeit eine schwarze Zwickbrille, welche an einem buntgefärbten Bande hängt, das ihr zur Unterlage dienende Organ arg zusammenklemmt und aus seiner natürlichen Form bringt. Die grauen Augen blinken scharf und nicht selten über die Gläser hinweg. Die grauangeflogenen Haare, reichlich genug vorhanden, sind von einer häufig in Falten gezogenen niedern Stirn sorgfältig zurückgestrichen, wie das bei Künstlern und Denkern öfters vorkommt. Eine überhand nehmende Beleibtheit läßt Herrn Porcher alle Lebhaftigkeit des Franzosen, die sich in der Hast der Bewegungen und der Sprache kund giebt. Oefters sah ich ihn mit vielen wenig anziehenden Personen, die ihn ehrerbietig umstanden, im leisen Gespräche, das mit einem Eifer seinerseits, mit einer Aufmerksamkeit von den Anderen geführt wurde, daß ich dachte, es könne sich unmöglich um etwas Geringeres, als um das Heil des Staates handeln.

Herr Porcher las immer mit einem tiefen, sinnenden Ernst die politischen Zeitblätter, so daß Jeder, der ihn bei dieser Beschäftigung beobachtete, ihn für einen gereiften Staatsmann zu halten versucht sein mußte.

Meine Vermuthung nach dieser Richtung hin wurde aber durch den Umstand erschüttert, daß Monsieur Porcher die Feuilletons der Journale am Montag, da sie in der Regel die Theaterbesprechungen enthalten, mit besonderer Aufmerksamkeit durchstudirte. Meine Erfahrung lehrt mich, daß ein Politiker nie Feuilletons liest, folglich konnte Herr Porcher nach meinem Urtheil kein Politiker sein. Dazu kam noch, daß mein Unbekannter während des Lesens der Theaterkritiken die Wirkung dieser Lecture durch allerhand Bewegungen, durch ein lebhaftes Mienenspiel und durch halblaute Monologe kund gab, die freilich, wenn irgend ein Nachbar seiner Bekanntschaft zur Hand war, sich in Anreden verwandelten. Ich hatte einige Mal Gelegenheit, diese Anreden zu hören, und weit entfernt, mich aufzuklären, machten sie mich über den Mann noch mehr irre.

„Charlotte Corday von Ponsard“, hörte ich ihn einmal ausrufen, als er sein Feuilleton las, „nennt der ein Stück voll Kraft und erschütternder Wirkungen, das kein Publikum kalt lassen kann – der hat’s bequem – etwas Tinte, eine Feder und Papier, dann schreibt sich das so leicht hin, als wäre es richtig. Erschütternde Wirkungen, wo denn? Ich habe nichts davon gespürt, und ich weiß doch auch so gut, wie diese Herren vom Feuilleton, ein warmes von einem kalten Publikum zu unterscheiden. – Wenigstens glaube ich mich zu diesem Selbstlob berechtigt. – [364] Gefrierpunkt, noch schlimmer, als Gefrierpunkt im ganzen Saale. Und das nennen die Leute erschütternde Wirkungen. Wie gewissenlos, eines Kameraden Willen der großen Leistung ehrlicher Leute, die ihr Fach verstehen, das Verdienst abzusprechen! Können Sie sich etwas Unwürdigeres, als so einen Vorgang denken. Ich habe zwar Herrn Ponsard die Wahrheit gesagt; es ist aber zu fürchten, daß er von Eitelkeit verführt, diesen Leuten ohne alle Sachkenntniß, mehr glaubt, als einem von meiner Erfahrung, ob ich gleich im Feuer gestanden und wissen muß, wie heiß es herging. – So wird einem alle Freude an Arbeit und Erfolg verleidet.“

Der Angeredete antwortete nicht, und der Entrüstete, nachdem er eine Weile weiter gelesen, begann wieder: „Hören Sie nur, was da geschrieben steht: „Das Publikum im Theater français ist so fein gebildet, hat an so viel Meisterwerken sein Urtheil zu schärfen Gelegenheit gehabt, daß ihm keine einzige Schönheit einer dramatischen Dichtung entgeht, und daß jedes gut angewendete Wort, jeder schöne Gedanke ohne jedes weitere Kunstmittel die Empfindung trifft und Beifall hervorruft, wie sich das an Herrn Ponsard’s Charlotte Corday deutlich genug erwiesen.“

„Wie kann man nur die Stirn haben, so unverschämt zu lügen und die Wahrheit zu entstellen“, rief Herr Porcher mit zornglühendem Gesichte und in einer Erregung, die ihm sichtlich durch alle Glieder zuckte. „Dieses gebildete Publikum am Theater français ist wie von Stein, alle Wörter und Gedanken der Welt gewinnen ihm oft kein Zucken der Wimpern ab. Und ich weiß es am Besten, wie wenig die Verse in der Charlotte Corday ausgerichtet. – Die Leute blieben erwartungsvoll auf ihren Bänken sitzen, und sahen dem Effekt entgegen, der nicht kam. – In der Lucretia ging es wenigstens am Ende los; diese Charlotte bringt keinen Pulsschlag, geschweige denn eine Hand in Bewegung. Ich habe es meinem Freunde Ponsard aufrichtig gesagt, denn es ist nicht meine Sache, hinter’m Berge zu halten; hätte er sich von Dumas einige Scenen hineinmachen lassen, dann wäre es freilich leichter gegangen, aber zu so einem Anlehen sind die Herren zu stolz. – Ich sagte meinem Freund Ponsard, wenn sich ein Staat nicht schämt zu borgen, brauchen Sie sich auch nicht zu schämen, wenn es sich nun einmal um einen nothwendigen Bedarf handelt. Herr Ponsard hätte noch den Vortheil, daß er keine Interessen bezahlen müßte, wie Herr von Rothschild sie fordert. Meine Vorstellungen halfen nichts, Herr Ponsard bestand darauf, von seinem eigenen Einkommen die Auslagen zu bestreiten. Es wurde so viel als möglich nachgeholfen; das sollte zum Mindesten anerkannt werden. Mit Herrn von Larmartine war’s derselbe Fall, als er seinen „Toussaint Louverture“ zur Ausführung brachte. Was hilft’s, daß Herr von Lamartine ein Mann von Genie ist, wie allgemein behauptet wird? Auf die Rampen versteht er sich so wenig wie auf’s Regieren, und er könnte sehr gut bei Herrn Bayard in die Schule gehen, ich meine nicht etwa bei dem Ritter ohne Furcht und ohne Tadel, sondern bei dem Bandevilledichter mit viel Furcht und vieler Bühnenkenntniß. – Als ich eine Probe des Toussaint Louverture angesehen, sagte ich Herrn Lamartine: Monsieur, dem Ding fehlt viel, um Glück zu machen.“

„Was zum Beispiel?“ frug mich Herr von Lamartine stolz lächelnd, wie Jemand, der sich seiner Ueberlegenheit über den andern vollkommen überzeugt ist.

„Nicht weniger als Alles“, gab ich darauf zur Antwort, da mich dieses Lächeln ärgerte; denn ich brauche Herrn von Lamartine nicht, sondern er braucht mich. – „Es hat keinen Zündstoff“, setzte ich hinzu, „und stände auf dem Anschlagezettel ein anderer Namen, als der Ihrige, würde das Stück ausgegähnt.“

„Das ist schlimm“, versetzte Herr von Lamartine, ernstlich den Kopf schüttelnd.

„Sehr schlimm!“ antwortete ich. „Was hilft es Ihnen, daß Ihre Freunde und Verehrer in den Zeitungen posaunen, wenn die Bänke täglich leerer werden. Glauben Sie mir, ich weiß, was durchzusetzen ist, aber diesem Toussaint hilft keine Menschenmacht über die dreißigste Vorstellung hinüber.“

„Ja, was ist zu thun, mein lieber Porcher?“ frug nun der berühmte Dichter, ohne im Mindesten zu lächeln. Das söhnte mich aus und ich gab zur Antwort: „Versuchen Sie Scenen hineinzubringen, vor denen sich das Publikum fürchtet, dann haben sie gewonnenes Spiel. Herr von Lamartine hat meinen Rath nicht befolgt und sein Toussaint Louverture liegt im Theaterarchiv verscharrt, und wie viel Aufwand an Klugheit und Mühe es gekostet, um ihn sein kurzes Leben mit Ehren durchmachen zu lassen, weiß ich am Besten. Denen Dank gebührt, hat Niemand gedankt. Ich sollte an diese Ungerechtigkeit der Welt gewöhnt sein; allein ich kann sie nicht verwinden.“

Meine Neugierde war zum Höchsten gestiegen, als ich dieses Alles hörte. Wie ich auch grübelte, ich vermochte keinen Stand ausfindig zu machen, auf den dieses Alles, was der Unbekannte sprach, gepaßt hätte. Ich riskirte, da sich Herr Porcher entfernt hatte, die Frage, was er denn eigentlich treibe, die ich an den Mann richtete, welcher unmittelbar mit den angegebenen Erörterungen beehrt wurde.

„Er ist der erste und ausgezeichnetste Chef der Claqueurs von Paris“, erhielt ich zur Antwort.

„Hat diese Kunst auch ihre Grade, ihre Talente und Berühmtheiten?“ frug ich spöttisch weiter.

„Das will ich meinen“, erwiederte mit allem Ernst der Befragte, ein Sänger der komischen Oper, „und seien Sie gewiß, daß es Herrn Porcher Niemand gleich thut.“

„Unglaublich!“ rief ich aus.

„In welchem Lande sind Sie denn zu Hause?“

„Ich bin ein Deutscher, Monsieur.“ – „Ist bei Ihnen ein Claqueur wie der andere?“

„Bei uns wird diese Profession als solche gar nicht getrieben“, versetzte ich. „Ein Schauspieler oder dramatischer Dichter sorgt wohl hie und da dafür, daß gekaufte oder sonst wie gewonnene Gönner seinen Abendtriumphen nachhelfen; man würde aber in Deutschland unendlich darüber lachen und gewiß auch sich ärgern, wenn man, wie hier, eine organisirte Claque im Parterre beisammen sitzen sähe, die gar kein Hehl von ihrer Absicht nacht, die nach Vorschrift, bei bestimmten bezeichneten Stellen in die Hände klatscht, und oft einen Enthusiasmus an den Tag legt, der dem gesammten übrigen Publikum fremd bleibt. Dieses Publikum im Publikum würde bei uns einen Widerstand hervorrufen, der leicht in Beleidigungen ausarten könnte.“

„Seltsam und bedauerlich“, meinte der Sänger. „Dann freilich können Sie nicht gut begreifen, welche Verdienste Herr Porcher um dramatische Kunst und Künstler besitzt. Manche Berühmtheit von heute wäre ohne seine Mitwirkung verkannt, mancher Emporgekommenn wäre verborgen geblieben, manche Leistung wäre ohne Herrn Porcher der Abschluß einer Wirksamkeit gewesen, der die Welt Verdienstliches zu verdanken hat.“

„Trifft denn das nicht ein Jeder so gut, wie Herr Porcher, in die Hände zu klatschen?’

„Gewiß nicht. Niemand weiß wie er das rechte Maß zu halten, den rechten Augenblick zu treffen, nicht mehr zu thun, als zulässig, nicht weniger, als erforderlich. Viele verderben durch schlecht angewendeten Eifer, indem sie durch Uebertreibung zu Gegendemonstrationen herausfordern, oder unterstützen zu lässig, wo lebhafte Nachhülfe am Platze wäre. Kurz, Herr Porcher ist ein Meister in seiner Kunst, und nur seinen Händen kann man einen Erfolg mit aller Beruhigung anvertrauen. Glauben Sie mir, daß ihn nicht umnsonst die ersten wie die letzten Capacitäten von Paris, die mit der Bühne zu thun haben, aufsuchen und beschäftigen, und man muß sich wohl auf ein Handwerk verstehen, das Einem 20,000 Franken jährlich abwirft, und so viel gewinnt Herr Porcher durch seine Arbeit.“

Es wird Niemanden befremden, wenn ich sage, daß mich diese Auskunft der Neuheit des Gegenstandes halber, dem gewiß die lokale Färbung nicht fehlt, interessirte, und den Wunsch in mir erregte, den vielbelobten „Meister in seiner Kunst“ mit all seinen Beziehungen näher kennen zu lernen. Bei der Mittheilsamkeit des Herrn Porcher war nichts leichter, als an dieses Ziel zu gelangen.

Schon nach wenigen Tagen war ich mit dem großen Claqueur auf so gutem Fuße, daß er mich nicht nur in alle Einzelheiten seines seltsamen Metiers einweihte, sondern sogar zu sich in sein Haus lud, wo er mir sein Tagebuch und manches schätzenswerthe Autograph zu zeigen versprach; Überhaupt erwies mir der Mann die außerordentlichste Zuvorkommenheit, als er bei mir eine Theilnahme für seine Laufbahn bemerkte, die ich ihm nach seinem Gutdünken auszulegen überließ. Herr Porcher setzte mir zunächst auf mein Begehren die Organisation der Claque auseinander.

[365] „Ich wirke nur in den größern Theatern“, sagte er mir, „und erhalte von der betreffenden Direktion eine gewisse Anzahl von Parterre-Freibillets, von denen gebe ich vier bis fünf an meine Leute ab, mit denen ich Alles genau einstudirt und probirt. Die übrigen Billets, ungefähr dreißig an der Zahl, verkaufe ich für die Hälfte oder zwei Drittheilen des gewöhnlichen Preises unter der Bedingung, daß mir die Käufer für diesen Abschlag, der ihnen zu Gute kommt, ihre Hände und auch bisweilen ihre Kehlen zur Verfügung stellen. Jedem Einzelnen wird eingeprägt, daß er streng unserem Beispiele zu folgen habe. Auf diese Weise werbe ich meine Armee, besolde ich sie und zugleich mich. Wenn ich manches Geschenk der Künstler mitzähle, gewinne ich durch mein Talent mehr denn 40,000 Franken jährlich und stehe noch nebstbei mit den ausgezeichnetsten Leuten Frankreichs in fortwährender Verbindung, die, wie sie ann meinen Autographen sehen werden, keine geringe Wichtigkeit auf meine Verdienste legen. Ohne mir zu schmeicheln, darf ich sagen, daß es noch Niemand in dem Fache so weit gebracht, wie ich. So z. B. bin ich Erfinder des Lachens.“

„Was wollen Sie damit sagen? Ich denke, die Welt, und besonders Frankreich, hat lange vor Ihnen gelacht“, erlaubte ich mir zu bemerken.

„Es ist begreiflich, daß Sie das nicht verstehen. Sie sind ein Fremder und stehen meinem Berufe fern. Früher, vor meinem Auftreten, hat die Claque blos in die Hände geklatscht und hie und da Bravo gerufen, im Lustspiel wie im Trauerspiel, das blieb sich gleich, als ob man so verschiedenartige Dinge auf eine gleiche Weise behandeln könnte. Ich fühlte lebhaft das Mangelhafte der Methode, ob ich gleich erst durch langes Nachdenken und mit der Zeit zu dem geeigneten Mittel der Verbesserung und Abhülfe gelangte. Ich ging von dem Grundsätze aus, daß, da Komisches und Tragisches verschiedene Wirkungen hervorbringen, diesen Wirkungen auf verschiedene Weise nachgeholfen werden muß. Kurz, ich erfand für das Lustspiel das „Verlachen,“ und es hat sich als ungemein vortheilhaft erwiesen. Nichts ist so ansteckend, wie schon die allgemeine Erfahrung lehrt, als Lachen; kommt also nur eine halbwegs komische Wendung oder Situation in einer Komödie vor, so lachen wir und können mit Gewißheit darauf zählen, daß uns das Publikum nachlacht. Was kann einem Lustspiel Besseres widerfahren, was seinen Erfolg begründet?“

Ich sah den Sprecher mit jener tiefen Ueberzeugung von seiner Vorzüglichkeit verwundert an. Diese redliche Ueberschätzung seiner selbst und seiner Lebensaufgabe dünkte mir eben so rührend wie lächerlich. Anziehend fand ich aber an dem Manne, daß er so ganz und gar so ausschließlich von seinem Berufe erfüllt war.

Seine Gedanken traten niemals aus dem Kreise seiner Beschäftigung und der Interessen, die sich an sie knüpften, heraus. Das Parterre war seine Welt und die ganze Welt schrumpfte vor ihm in ein Parterre zusammen. Hier fand er alle Aufregung und Befriedigung, alle Widerwärtigkeit und alles Glück, von da kam ihm alle Hoffnung und aller Unmuth. Hier fand sein Ehrgeiz mehr als hinreichenden Raum für sein Suchen und Treiben. Kurz, er war mit Leib und Seele Chef der Claqueurs. Als ich den Mann in seiner Wohnung besuchte, fand ich die eigenthümlichste Haushaltung; überall trat mir eine gesuchte theuer gekaufte Eleganz mit Unordnung und Vernachlässigung im Kampfe entgegen. Möbel mit reichen bunten Stoffen überzogen, waren beschmutzt und verschossen; ein Teppich auf dem Boden, den Niemand eine glänzende Vergangenheit abzusprechen vermocht hätte, war stellenweise durch Tinten- und andere Flecken verunziert. An den Wänden hingen Bilder berühmter Dramatiker in goldenen Rahmen, die stark beschädigt und von den Fliegen unanständig mißhandelt waren. Auf einem großen Spiegel, ebenfalls in goldenem Rahmen, lag, besondern in der höhern Region beträchtlich viel Staub; auch war das Glas sonst noch getrübt. Bücher, Zeitungen und Kleidungsstücke lagen durcheinander gemischt umher. Die Vorhänge, mit Spitzen besetzt, sahen statt weiß, grau aus, so arg waren sie von der Zeit heimgesucht, und so wenig wurden sie rein gehalten. Madame Porcher und ihre zwei Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, von ungefähr 4 und 5 Jahren, trugen dasselbe Gepräge wie die Wohnstube an sich. Die Kinder waren schlecht gewaschen und aßen als ich kam aus Tellern, die auf Stühle gesetzt waren, Milchreis mit den Händen. Die Hausfrau trug zwar ein schwarzen Seidenkleid, allein ihre Haare hatten sichtlich diesen Tag noch keine Pflege erhalten und befanden sich in völliger Anarchie und als Fußbekleidung dienten ihr alte vertretene Schuhe und Strümpfe, welche mancher Ausbesserung bedurft hätten. Madame Porcher war eine Frau tief in den Dreißigen, von gestreckter Gestalt, im Gesichte noch manchen verschonten Ueberrest verblühter Schönheit. In ihrem Benehmen zeigte sich dieselbe Mischung, wie im ganzen Haushalt von affektirter Weltmanier mit ordinären Formen, welche auf eine späte und falsche Erziehung schließen ließ.

Herr Porcher, der mit Schreiben beschäftigt war, nahm mich sehr freundlich auf und lud mich ein auf einem Lehnstuhl ihm gegenüber Platz zu nehmen, und als ich der Einladung gefolgt war, sprach er: „Er ist gar nicht übel, der Fauteuil, auf welchem Sie da sitzen; wenigstens braucht man sich seiner nicht zu schämen; denn er hat gewiß wenig Kameraden, die solche Leute getragen, wie er. Es sind keine drei Monate her, saß mir mein Freund Meyerbeer wie Sie jetzt gegenüber, nur um Vieles ängstlicher.“

„Warum ängstlich?“ frug ich.

„Wenn diese Herren zu mir kommen,“ meinte Herr Porcher, „haben sie alle Angst, nur daß es ihnen mein Freund Meyerbeer allen zuvorthut. Es war vor der Aufführung des Propheten. Porcher, sagte er zu mir, ich zähle auf Sie.“

„Ich werde mein Möglichstes thun, Meister Meyerbeer, gab ich zur Antwort.“

„Mir war noch nie so bange wie dieses Mal,“ sagte er.

„Natürlich, Sie hatten noch nie so viel Ruhm zu verlieren, wie eben jetzt,“ sagte ich.

„Was halten Sie von dem Propheten, mein lieber Porcher, nun da Sie die Generalprobe gehört?“ frug er.

„Der Prophet ist kein Robert, er ist keine Hugenotten. Nichts Diabolisch-Infernalisches, keine Nonnen in sehr leichten Gewändern; kein Sturm von Instrumenten, wilde Chöre mit Chaosscenen; aber er hat seine Schleifer, seinen Einsturz der Kirche und ich hoffe was daraus zu machen, gab ich zur Antwort.“

„Haben Sie schon die Stellen aufgefaßt, mein lieber Porcher, wo Sie Ihren Nachdruck anzuwenden haben?“

„Aufgepaßt und aufgemerkt, Herr Meyerbeer. In die nächste Probe komme ich mit meinen Leuten und wir werden selbst probiren. Sie werden mir dann sagen, ob Sie zufrieden sind.“

„Recht, Porcherchen,“ versetzte Meyerbeer, „ich weiß, daß ich mich auf Sie verlassen kann, und bin, was Sie betrifft, ganz ruhig.“ Er empfahl sich sehr artig bei meiner Frau, küßte meinen kleinen Charles, der dort in der Ecke spielte, drückte mir freundschaftlich die Hand und ging. Den Tag nach der nächsten Probe des Propheten, wer klopft an meine Thüre und tritt in das Zimmer als ich: „Herein“ rufe? Mein Freund Meyerbeer.“

„Sie sind ein außerordentlicher Mensch,“ sagte er mir gerührt, indem er meine beiden Hände mit der zärtlichsten Innigkeit drückte. Im bescheidensten Tone von der Welt deutet er mir einige Stellen in der Oper an, die von mir vielleicht hervorgehoben werden könnten. So wie ich ihm aber meinen Zweifel an der Zweckmäßigkeit dieser Zuthat ausdrücke, steht er augenblicklich von seinem „Vorschlage,“ wie er es nannte, ab. Sehen Sie, mein Freund Meyerbeer weiß mein Talent zu schätzen und wie ergeht es ihm auch? Sie kennen wohl den Erfolg des Propheten?“ Ich mußte lächeln.

Nun zeigte mir Herr Porcher mit sichtbarem Stolze die versprochenen Autographen, meist Briefe von erzeugenden und darstellenden Künstlern. Da ich einige dieser Episteln sehr bezeichnend für die pariser Zustände fand, erbat ich mir von dem freundlichen Wirth die Erlaubniß, die merkwürdigsten abschreiben zu dürfen, welche dieser gerne gab. Ich glaube mit der Voraussetzung mich nicht zu täuschen, daß auch der Leser dieser Zeilen diese seltsamen Dokumente mit einigem Interesse aufnehmen werde.

Herr Scribe schreibt an das Haupt der Claqueurs Folgendes:
Paris, den 28. Mai 1830. 
„Lieber Porcher!

„Mein jüngstes Kind, der Abälard und dessen Zukunft, lege ich in Ihre Hände. Ich gebe mir genau von den Schwierigkeiten Rechenschaft, welche die Aufführung dieses Stückes zu überwinden hat. Doch sage ich mir zugleich: Ist Porcher mit Dir, so hast Du nichts zu fürchten! Denn Porcher ist ein Erfolg. Porcher gleicht Alles aus, die Schwächen des Talentes, die Ungunst der Verhältnisse. Porcher kann Wunder thun, wenn Wunder nöthig sind. Ich werde Ihnen für den unschätzbaren [366] Dienst, den ich von Ihrer Fähigkeit erwarte, zu danken wissen.

„Genehmigen Sie die Versicherung meiner Ergebenheit.
Eugène Scribe.“
Herr Alexander Dumas hat diese Zeilen an den Claqueur gerichtet:
Paris, 27. December 1847. 
„Mein würdiger Bundesgenosse!

„Hier eine kleine Abschlagszahlung von meiner großen Schuld. Um sie ganz auszugleichen, müßte ich ein Krösus sein. Ich nehme den Rest als ein Geschenk von Ihnen an, für das ich Ihnen bestens danke.

„Empfangen Sie meine freundschaftlichen Grüße.
Alexander Dumas.“
Von Auber hat Herr Porcher dieses Schreiben erhalten:
Paris, 12. Januar 1846. 
„Mein lieber Porcher!
„Sie würden mich sehr verbinden, wenn Sie mich morgen zwischen 10 und 11 Vormittags mit Ihrem Besuch beehren wollen. Ich würde mir erlauben Sie durch das Clavier auf einige Stellen aufmerksam zu machen, um sie Ihrer Berücksichtigung zu empfehlen. Ich habe die Ehre Sie zu grüßen.
Auber.“
Mademoiselle Rachel schreibt so:
„Lieber Porcher!
„Sie müssen zu mir kommen; denn ich weiß, Sie schweigen. Die Rolle, welche ich in Mademoiselle de Bellette übernommen, ist die Probe, ob das Publikum mich im Lustspiel annehmen will. Sie braucht unendlich mehr Sorgfalt als jede andere, die ich früher gespielt. Kurz ich habe Ihnen viel zu sagen.
Ihre ergebene  
Rachel.“ 

Das Datum fehlt.

Derselben Art waren auch die andern Zuschriften der minder berühmten Persönlichkeiten.

„Nicht wahr,“ sagte Herr Porcher als ich die Abschriften fertig gebracht hatte, „ich habe es weit gebracht, und sehen Sie mein Herr, was ich bin, das bin ich durch mich selbst.“ Und um mir dieses zu beweisen, erzählte mir Herr Porcher seine Lebensgeschichte, die ich mir, wie er sagte durch sein Tagebuch ergänzen könne. Da die Erzählung sowohl, als die Tagbuchblätter viel Anziehendes und Eigenthümliches enthalten, gedenke ich nächstens den Lesern der Gartenlaube aus Beiden das Interessanteste mitzutheilen.