Parlamentarische Charaktere aus Preußen

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Titel: Parlamentarische Charaktere aus Preußen
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aus: Die Gartenlaube, Heft 9, S. 140–143
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Parlamentarische Charaktere aus Preußen.


1. Die Führer der Ultramontanen.


Windthorst, die Perle von Meppen. – August Reichensperger. – Peter Reichensperger. – Mallinckrodt.


Es ist nahe sechs Jahre her, daß der preußische Parlamentarismus ein allgemeineres Interesse auf sich gezogen und die hervorragendsten Charaktere desselben die Aufmerksamkeit auch über die Grenzen des engeren Vaterlandes erregten. Als es geschah, handelte es sich um große Principienkämpfe, deren Ausgang für ganz Deutschlands politische Entwickelung von Wichtigkeit erschien und die dann jählings in welterschütternden Ereignissen aufgingen: in dem Kriege von 1866.

Jetzt erst, nach wenigen, aber unvergleichlich großen Jahren, richten sich die Blicke abermals voll besonderer Erwartung auf die parlamentarischen Verhandlungen in Berlin; zunächst, wie einst, nach dem Haus der Abgeordneten auf dem Dönhofsplatz. Eine allmählich erstandene, auch im deutschen Reichstag schon oft lebhaft berührte und seitdem immer bedrohlicher gewordene Frage hat dort zu einem mächtigen Kampfe geführt. Alle Welt fühlt, daß es ein entscheidender zugleich für Deutschlands geistige Cultur geworden ist. Hie Welf, hie Waibling! So lautet wieder die Parole. Kirche und Staat, Römlingsthum und modernes Regierungsprincip, Jesuit und Humanist ringen miteinander, und was das Wichtigste dabei ist, sie ringen auf dem Mutterboden des Protestantismus und der höchsten politischen Schöpfungen der Gegenwart um einen Sieg miteinander, der, wie er auch ausfiele, seine moralischen Wirkungen auf halb Europa ausüben müßte.

Seine Größe und Tiefe hat dieser Kampf dadurch erhalten, daß die preußische Regierung selbst sich nach langer, langer Zeit aus ihrer kirchlichen Befangenheit aufraffte und Fürst Bismarck, der seit einem Jahrzehnt ihr größter Aufrührer gewesen, sie nun auch revolutionär gegen den ultramontanen Rattenfänger machte, dessen Gefährlichkeit er nicht nur für die Bildung des Volks, sondern auch für das Gedeihen des Staates und für die Macht und Autorität derselben erkannt hatte.

So war es der Mann, der seit Jahren so viel Geschichte gemacht, welcher nun auch mit festem Griff diese ultramontane Bewegung abfing, um sie, woran ihm Alles lag, wenigstens unter den Staat zu ducken. So schmiedete er selbst die Waffe des Schulaufsichtsgesetzes, welches dem Staate auch in der Schule das Recht über die Geistlichen sichern sollte; so ließ er Herrn v. Mühler fallen, so führte er den Juristen Dr. Falk auf den Stuhl des Cultusministeriums; so brach er die alte Interessenfreundschaft mit der katholischen Centrumspartei; so war er entschlossen, um hier zu siegen, auch selbst mit seiner eigenen conservativen Partei zu brechen, wenn sie, die längst mit Schrecken auf ihn blickte, ihm ein Hinderniß bereiten würde.

Sein Hauptangriff galt also zunächst der katholischen Fraction im Abgeordnetenhause, und die Wucht und Nachhaltigkeit, mit welcher er bei dieser Gelegenheit auf sie eindrang und sie niederzuschmettern suchte, hat auf diese Gruppe von Abgeordneten und ihre Führer das allgemeinste Interesse in ganz besonderem Maße hingelenkt. Zwar ist sie nicht neu und ihre Führer gehören zu den parlamentarischen Veteranen in Preußen; aber ihre Bedeutung ist [141] erst jetzt durch ihre besondere Niederlage recht vor Augen getreten. Seit mehr denn zwanzig Jahren hockt diese Fraction, welche die Politik nach den Interessen ihrer römisch-katholischen Kirche betreibt, im Centrum des Abgeordnetenhauses, zwanzig, dreißig Mann stark, auch eine Zeit lang schwächer; jetzt aber, Dank der von Rom aus neu angefeuerten ultramontanen Wühlerei in Deutschland, und in Preußen noch besonders, bis auf ein halb Hundert Köpfe angewachsen.

Dicht zusammen auf den kleinen halbrunden Bänken, welche sich in der Mitte des Saales vor der Rednertribüne und dicht unter der Ministerestrade befinden, sitzen die vier Männer, welche die Seele dieser Fraction bilden. Vornan, auf einem besondern Stuhl, Windthorst; hinter ihm die Brüder Reichensperger, in dritter Reihe Herr v. Mallinckrodt. Sie sind der hohe Generalstab, die Führer und Redner der von ihnen wohldisciplinirten Partei; wenn andere Mitglieder, wie Herr v. Savigny, nicht minder bedeutenden Einfluß auf die Haltung des kleinen Kreises nehmen, so bleiben sie bei den Debatten doch gewöhnlich Alle im Hintergrunde. [141] Herr Windthorst ist ein ganz neues Mitglied dieser Fraction und sogleich ihr Hauptgeneral, ihr „geschäftsführender“ Vorstand, geworden, was dem Fürsten Bismarck am allermeisten wohl die Augen über die schleichende Gefährlichkeit derselben geöffnet und ihn gegen sie so heftig erbittert haben mag. Der Grund davon ist naheliegend. Windthorst, als früherer Minister des Königs von Hannover und ausgesprochener Welf, vertrat bis dahin nur die Partei der unzufriedenen Annectirten, und die war schon vor 1870 im preußischen Abgeordnetenhause nicht gefährlich. Als beeinflussender Führer einer so starken Mittelpartei, wie die katholische immerhin ist, erhielt Windthorst natürlich eine ganz andere parlamentarische Bedeutung. Nicht nur, daß er sein Welfenthum in lebendiges Bündniß mit dem hier arbeitenden Ultramontanismus setzte; sondern als ein geschickter und verschlagener Politiker, der bei den preußischen Conservativen sich einiges Ansehen verschafft hatte, war ihm wohl zuzutrauen, daß er in entscheidenden Augenblicken alle diese Elemente, auch die Polen dazu, vereinigen konnte, um der Politik Bismarck’s ein Bein zu stellen. Die Politik Bismarck’s war ja nicht blos ihm, dem treuen Welfen, sondern auch den Ultramontanen, Conservativen und Polen ein Dorn im Auge, um so mehr, je weniger sie den „Racker von Staat“ und die Befestigung der Regierungsautorität nach den Interessen dieser Geister zuzustutzen liebte. Deswegen hatte sich Fürst Bismarck auch vor Allen Herrn Windthorst als Opfer seiner Beredsamkeit erkoren, und der alte Herr nahm diesen bittern Erguß mit verstellter Demuth hin, wie eine Prüfung durch den Himmel.

Dem äußern Eindruck nach erscheint er keineswegs als ein so feiner und gefährlicher Politiker, wie ihn Fürst Bismarck offen hinstellte und als welcher er sich durch seine bisherige Wirksamkeit in der That auch charakterisirte. Windthorst, der jetzt sechszig Jahre zählt, gleicht in seinem äußern Habitus eher einem spießbürgerlichen Rentier, denn einem auf dem glatten Parket des Hofes erfahrenen Staatsmann. Er ist von mittlerer Größe und etwas behäbig untersetzter Figur, einfach und fast altväterisch in seiner Kleidung, doch nichts ohne Leichtigkeit in seinen Bewegungen. Sein starker Kopf ist kahl bis zum Wirbel hinauf, noch mit einem dünnen Kranz flachsgrauer Haare auf der breiten Stirn. Gern folgt er der Gewohnheit aller Glatzköpfe, den Schädel mit der Hand zu streichen. Ein spärlich gediehener, grauer Backenbart faßt sein fleischiges, wie von zartem Rosa angehauchtes Antlitz ein. Die Formen desselben sind etwas gedrückt und verschwommen, die Nase rund und klein, die Lippen sinnlich weich, die Augen in faltigen Polstern lugen zuweilen verschmitzt oder verschämt über das Brillengestell hinweg. Im Kreuzgang eines Klosters und in der Kutte hielte man diese Physiognomie für die eines gutgenährten Paters, der dem lieben Gott ohne Beschwerden sein Leben gewidmet hat. Es liegt nichts Besonderes darin, als eine gewisse schalkhaft versetzte Intelligenz; gar, wenn Windthorst, was oft geschieht, den Kopf gesenkt, vor sich hinzubrüten scheint, illustrirt er wohl das pikante Wort des Grafen Renard, daß er ein welfischer Schalk unter der Kutte sei.

Dicht an der Rednerbühne, ist er leicht versucht, sie zu besteigen. Er spricht nicht imponirend, aber sichtlich gern, mit dem Ehrgeiz, seinen staatsmännischen Werth geltend zu machen. Kein Freund Preußens von jeher und am allerwenigsten einer der Bismarck’schen Regierung, verschleiert er diese Gesinnung mit seiner Opposition gegen die Sache, was nicht verhindert, daß er häufig in allgemeine Angriffe übergeht, welche der Präsident gewöhnlich unterbrechen zu müssen glaubt. Aber in diesen Zweideutigkeiten und Ausfällen liegt eine gewisse Bosheit, die aufreizt. Wie wußte er in der großen Debatte über das Schulaufsichtsgesetz von seinen schmunzelnden Lippen das ärgernde Wort abzuschnellen, daß Preußen drauf und dran sei, ein heidnischer Staat ohne Gott zu werden oder der sich Gott selber construire; wie reizte er Fürst Bismarck, indem er ihn den geschäftsführenden Minister der Majorität des Abgeordnetenhauses nannte und den Biß dann noch vergiftete, indem er von einem Abfall vom Royalismus zum Parlamentarismus sprach! Wie nergelte er den thronenden Forckenbeck auf dem Präsidentenstuhl unvermuthet empor, indem er nach der großen Rede Bismarck’s gegen seine welfische Jesuitenpolitik gottergeben bemerkte, daß ihm der Herr Präsident wohl nicht gestatten würde, sich in derselben Tonart zu vertheidigen, wie sie ein Minister ungestört anschlagen dürfe! Und dann hing er den Kopf zur Erde und nahm die neuen Sturzbäder hin.

Die Rolle, welche jetzt Windthorst als anerkannter Führer der katholischen Fraction auf dem großen Theater des preußischen und reichsdeutschen Parlamentarismus spielt, schmeichelt seinem geheimen Ehrgeiz natürlich nicht wenig. Sie ist viel bedeutender als diejenige, welche er fast zwanzig Jahre lang im Königreiche Hannover gespielt hat, und zwar, was heute erst bemerkenswerther geworden ist, vor Allem mit Hülfe des intriguirenden römischen Jesuitenthums. Windthorst, welcher in den vierziger Jahren Advocat in Osnabrück war, wurde durch ultramontane und damit verbündete protestantisch-pietistische Einflüsse zu der Höhe seiner [142] Laufbahn geführt. Er kam zunächst in’s Consistorium, dann in das Oberappellationsgericht und endlich in’s Ministerium. Kein Katholik, der in dem protestantischen Hannover jemals in solche Stellung gekommen wäre! Auch traten die Folgen davon bald zu Tage. Bei Hofe wurde man den pietistischen oder richtiger den papistischen Einflüsterungen zugänglich; Jesuiten fanden dort Zulaß, welche – es war die Zeit, wo Preußen mit seinen Hegemonieplänen scheiterte – die hannoversche Politik in Oesterreichs Lager hinüberzuführen und den König Georg wo möglich katholisch zu machen suchten. Der bekannte Pater Roh, ein Jesuit, hielt in Hannover Predigten, und sie fanden bei Hofe eine auffällig freundliche Aufnahme. Daß hier der Minister Windthorst die beschützende und Platz machende Hand bildete, war unzweifelhaft; denn als er nach dem Reactionsregimente des Grafen Borries zum zweiten Male das hannoversche Staatsministerium erhielt, ging das ultramontane Muckern am Hofe von Neuem los.

In politischer Hinsicht führte Windthorst übrigens die Geschäfte in gemäßigt liberalem Sinne. Beim zweiten Rücktritt erhielt er dann die einflußreiche Stelle eines Oberkronanwalts, in welcher er bis zu der Annexion Hannovers blieb und noch die persönlichen Angelegenheiten des Königs Georg mit Fürst Bismarck ordnete. Der bedenkliche Preußenfeind wurde dann aber von diesem Posten entfernt und vertrat die welfischen Interessen nur noch als Abgeordneter in Berlin, bis er sie glücklich mit den ultramontanen verkuppelte und nun unter der päpstlichen Flagge in’s hohe Fahrwasser der Politik hinaussegelte. Wie er auf dem Boden der preußischen Verfassung steht, darüber hat er sich, seiner Auslassung nach, mit seinem Gewissen und mit seiner Kirche arrangirt. Ein in Rom so angesehener und um die moderne ultramontane Politik so verdient gewordener Mann muß auch mit seinem Gewissen sich im Reinen fühlen; denn, wie man sagt, hat ihm der Papst in eigenhändigem Lobschreiben zugleich Ablaß für drei Generationen ertheilt. Die Stelle in der Rede Bismarck’s, welche von dem erbittertsten Feinde einer bestimmten Monarchie spricht, „der unter der Maske der Sympathie für diese Monarchie sich an deren König heranzudrängen suche, um ihm einen Rath zu ertheilen, der für diese Monarchie sehr gefährlich sei“ – Windthorst wird sie wohl zu würdigen gewußt haben. Es sollen die schwarzen Ratten schon längst auch am preußischen Hofe wühlen.

Ein stolzeres Haupt, ein stattlicheres Wesen hat der Oberappellationsrath August Reichensperger, der Abgeordnete für Koblenz. Der gleichfalls kahle Schädel leuchtet aus einem noch dunklen Haarkranz, wenn auch der feine, kurze Backenbart schon stark in’s Graue spielt. Denn Reichensperger ist kein Jüngling mehr; er zählt jetzt vierundsechszig Jahre. Aber er hat noch die elastische Fülle und Beweglichkeit des rüstigen Mannes, und eine gewisse Lebhaftigkeit des Charakters, durch eine glatte, elegante Form abgestimmt, äußert sich frei durch Zwiesprach mit dem Nachbar und Spiel der Mienen. Das große, breite Antlitz ist scharf markirt, die Nase stark und von edlem Schnitt, der Mund in begünstigter Ausbildung für einen Redner. Ein geistvolles Auge blitzt unter der hohen Stirn. In dem ganzen Antlitz liegt etwas Selbstbewußtes, Kühnes im Ausdruck des Sinnenden, und ein feiner ironischer Zug fährt oft darüber hin, ohne mißfällig zu wirken. Als Redner mahnt dieser Mann wohl an einen Professor, der zierlich seine Worte setzt, sein Thema völlig beherrscht und in salbungsvoller Breite den Vortrag durch Arabesken und Schnörkel zu verschönen sucht. Selten mit Glück. Die ebene Ruhe und die Harmonie seiner Reden wirken meist mehr ermüdend als anregend; die Gedanken darin blitzen nicht und umschlängeln in mattem Feuer ihr eigentliches Ziel. Es ist ein väterlicher, ein Patriarchenton darin, der versöhnlich stimmen soll, wenn eben die Geister in hellem Kampfe aufeinanderplatzen, und der deshalb wenig Wirkung macht.

August Reichensperger ist als der eigentliche Papst der katholischen Fraction zu bezeichnen; er ist ihr Vater. Der Katholicismus und die päpstliche Oberherrlichkeit sind von jeher die Grundsätze gewesen, nach denen er seine öffentliche Thätigkeit gerichtet hat. In Koblenz unter der dortigen Franzosenherrschaft geboren, in dem Hause eines Vaters erzogen, der französischer Beamter gewesen, wuchs er in dem Geiste auf, welcher in den Rheinlanden bis vor einem Vierteljahrhundert vorherrschend war und der in stetem Protest gegen die preußische Herrschaft sich gefiel. Der Streit mit dem Kölner Erzbischof bildete den Ausgangspunkt einer ultramontanen Propaganda am Rhein, die geschickt diese Antipathien gegen Preußen verwerthete. Reichensperger trat als eifriger Agitator auf diesen Boden. Ehrgeizig und mit Talenten ausgestattet, wollte er eine politische Rolle im Geiste des Katholicismus spielen. Als die Revolution von 1848 niedergeschlagen war, bot er der preußischen Reaction gleichsam die Unterstützung der katholischen Partei an, und man nahm in Berlin seinen Vorschlag mit Freuden auf. Kreuzritter und Römlinge schlossen damals ihre erste Allianz unter der Protection der österreichischen Reaction. In dem unglücklichen Parlament zu Erfurt 1850, wo die preußischen Unionspläne scheiterten, wurde die Gründung einer besondern katholischen Fraction von Reichensperger besorgt. Seitdem hat sie immer im preußischen Abgeordnetenhause existirt, als ein Zipfel der conservativen Partei betrachtet, der sich zuweilen auch um die Füße der liberalen schlug; als parlamentarisches Gebilde nur wichtig, weil die Stimmen dieser Gruppe häufig die Entscheidung bei den Abstimmungen bewirkten und deshalb wohl durch Unterhandlungen von dieser oder jener Partei gewonnen werden mußten.

Mit dieser parlamentarischen Thätigkeit im Sinne der römischen Tendenzen begnügte sich August Reichensperger aber keineswegs. Er wurde einer der bedeutendsten Führer der katholischen Propaganda überhaupt, half die katholischen Vereine organisiren und das Netz ihrer Agitationen über ganz Norddeutschland ausbreiten, was die preußische Regierung in dem Glauben begünstigte, daß solche kirchliche Disciplinirung und damit gesicherte Unwissenheit eines großen Theiles des Volkes dem Staatswohl ganz besonders dienlich sei – bis sie nun jetzt ihren Schaden besehen hat. Auch in christlich-germanischer Kunst machte Reichensperger sehr eifrig. Der Dombau zu Köln erhielt durch seine Anregungen in der Presse wie in Vereinen viel Förderung. Eine andere seiner Broschüren, „Fingerzeige auf dem Gebiete der christlichen Kunst“, gab den Geistlichen Anweisungen, ihnen übergebene Kunstschätze vor dem Verderben zu hüten. Eine größere Schrift behandelt „die christlich-germanische Baukunst und ihr Verhältniß zur Gegenwart“.

In treuer Waffengemeinschaft mit ihm auf parlamentarischem Gebiete seit dreiundzwanzig Jahren ist sein etwas jüngerer Bruder, der Geheime Obertribunalsrath Peter Reichensperger, jetzt Abgeordneter für den Wahlkreis Olpe. Im Wesentlichen übereinstimmend mit den Grundsätzen und Bestrebungen seines Bruders, hat sich Peter Reichensperger doch allen ultramontanen Agitationen öffentlich fern gehalten und jederzeit nur den Politiker herausgekehrt, welcher fest davon überzeugt ist, daß eine heilsame Staatspolitik mit den Interessen der katholischen Kirche nothwendig übereinstimmen müsse.

Ein Idealist von reinem Bewußtsein und naivem Glauben, betrachtet er den Katholicismus als ewige Wahrheit, welcher Lüge und Schlamm der Zeit in ihrem Kern nichts anhaben können. Ohne religiöser Schwärmer zu sein, liegt doch eine revolutionäre Leidenschaft in ihm, die ihn oft in die Opposition gegen den Staat getrieben und zu einem Apostel der Volksinteressen gemacht hat. Er ist ein gläubiger und besonnener Lamennais. In seiner Rede liegt die Kraft und selbst die Begeisterung der Ueberzeugung; er hat mehr als einmal, namentlich in früheren Jahren, die lauschende Kammer durch die Macht seiner Beredsamkeit, durch die Logik seiner Gedanken in tiefe Bewegung zu setzen vermocht und gilt deshalb nicht nur als der bedeutendste Kämpfer seiner Fraction, sondern mit Recht auch als einer der besten Redner des preußischen Parlamentarismus überhaupt. Schlank und groß von Figur, hat er sich eine jugendliche Anmuth des Wesens und der Bewegung bewahrt. Noch erscheint sein Haupthaar dunkel, voll und in kühner Locke liegt es auf der Stirn; aber der Bart an den Wangen und besonders am Kinn ist grau geworden, das schmale, lange Gesicht mit einem stark ausgebildeten Unterkiefer hat den Ausdruck des Energischen und der Offenheit; aus diesen Zügen spricht ein arbeitsvoller Geist, aus diesem Lächeln ein warm empfindendes Gemüth, aus diesen Augen, wenn sie nach müdem Aufschlag schnell sich beleben, leuchtet Feuer und selbst ein schöner dämonischer Rausch.

Wer möchte die Ueberzeugungen dieses Mannes verunglimpfen, wenn man sie auch mit anderen Ueberzeugungen bekämpft? Er schwingt sich auf die Tribüne, als wisse er, daß er den [143] Gegnern mit guten Gründen und einer unsträflichen Sittlichkeit des politischen Gewissens gewachsen sei; er giebt mit den Bewegungen seines Armes seinen Worten Nachdruck, wie fechtend im Einzelkampf mit dem Ausgezeichnetsten aus den feindlichen Parteien. In aller Leidenschaft seiner Polemik irrt er aber nicht vom Sachlichen ab und läßt er sich nie zu persönlichen Ausfällen, zu einem verletzenden Ausdruck verleiten; auch im Aufruhr des Innersten bleibt diese Natur dem Gesetz des Schönen und wahrhaft Vornehmen unterthan. Wenn er geendigt, so schreitet er im Stolz erfüllter Pflicht von der Tribüne, in der Erregung kaum des Zweifels fähig, daß er mit seinem Appell an die Vernunft nicht die besseren Geister wenigstens im Stillen überzeugt habe.

Völlig entgegengesetzt ist der Eindruck, den Herr v. Mallinckrodt macht, der Regierungsrath und eines der ältesten und rührigsten Mitglieder der Fraction, der Führer der Schwärzesten unter den Schwarzen. Es ist eine hagere, schlanke, steife Erscheinung mit einem eckigen, ragenden Kopf spitz zulaufend zum Kinn, welches, wie die Oberlippe, ein dichter, kurzer, starrer grauer Bart bedeckt. Das volle Haar ist fast in der Mitte des Hauptes wie nach Frauenart gescheitelt. Die gerade Linie des Gesichts leiht diesem etwas Ehernes und der wenig bewegliche Ausdruck der düsteren Züge, der kalten ruhigen Augen erhöht diesen Charakter noch mehr. Auch inmitten seiner Schaar hält er sich abgeschlossen; mit dem Pince-nez vor den Augen liest er, scheinbar sich um nichts kümmernd, was um ihn vorgeht, während doch ein prüfender Aufblick zuweilen beweist, daß seine Ohren den Verhandlungen folgen; oder er sitzt unbeweglich da, die Blicke gesenkt, hinsinnend. Nur selten, daß er mit seinen Nachbarn spricht; noch seltener, daß dabei das Lächeln der Freundschaft über seine Züge, und dann gezwungen, gleitet.

Ein starrer Ascet, ein fanatischer Puritaner römischer Gesinnung, das ist Herr von Mallinckrodt. Entschlossen und kampffertig, deckt er gleichsam den Rückzug aus dem Gefecht. Dann stellt er sich ein, finster, unheimlich, mit kaltem Hohn und verhaltenem Grimm seine Gegner herausfordernd. Das papistische Non possumus ist sein Evangelium, und rücksichtslos bringt er es gegen die Liberalen wie gegen die Regierung zur Geltung, wenn diese dem ihm verhaßten Zeitgeist Rechnung trägt. Ein nüchterner, wenig gedankenvoller Redner dabei, sind die Pointen seiner Aeußerungen selten mehr als Drohungen und Phrasen jesuitischer Sorte. Er verachtet den Sieg der Gegner, wenn er ihnen nicht mehr zu entreißen ist; er tröstet sich darüber wie Talbot beim Sterben. Bei ihm ist unerschütterlich die Zuversicht, daß schließlich doch die ultramontane Herrlichkeit über allem Ketzerthum strahlen werde, das verderbte Volk der alten Einfalt feudaler Erziehung zuführend, die Juden vertreibend, die Presse unterdrückend, die Regierungen beherrschend, nachdem sie alle wieder den Papst als ihr kirchliches und weltliches Oberhaupt anerkannt haben. Aus seinem Munde fanatische Ideen zu vernehmen, überrascht nicht; man weiß, er glaubt ja daran und er spricht mit einem herben, stacheligen Ernst, so daß die Wirkung im Hause auch bei seinen bizarrsten Auslassungen mehr unheimlich als komisch ist. So nahm er z. B. keinen Anstand, gegen die Angriffe des Fürsten Bismarck Windthorst als einen der populärsten Männer, als eine „Perle“ zu bezeichnen, die seine Fraction erst „in die richtige Fassung gebracht habe.“ Die welfischen Protestanten, die sich den Ultramontanen angeschlossen haben, erklärte er für „Männer von echt deutscher Gesinnung“, und dem Fürsten Bismarck ertheilte er als einem Nachahmer Napoleon’s und Cavour’s offen das Mißtrauensvotum seiner Partei, weil sie „nicht wisse, wohin er sie führe“. Dies wird genügen, diesen Mann zu charakterisiren und die Tendenzen der Partei, in welcher er seit zwanzig Jahren eine so einflußreiche Rolle spielt.