Pfalzgräfin Mechthild in ihren litterarischen Beziehungen

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Autor: Philipp Strauch
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Titel: Pfalzgräfin Mechthild in ihren litterarischen Beziehungen
Untertitel: Ein Bild aus der schwäbischen Litteraturgeschichte des 15. Jahrhunderts
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Erscheinungsdatum: 1883
Verlag: Verlag der H Laupp'schen Buchhandlung
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Erscheinungsort: Tübingen
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[I]
PFALZGRÆFIN MECHTHILD
IN
IHREN LITTERARISCHEN BEZIEHUNGEN


EIN BILD AUS
DER SCHWÄBISCHEN LITTERATURGESCHICHTE
DES 15. JAHRHUNDERTS


VON


DR. PHILIPP STRAUCH
PRIVATDOCENTEN AN DER UNIVERSITÄT TÜBINGEN


TÜBINGEN 1883
VERLAG DER H LAUPP'SCHEN BUCHHANDLUNG

[II]

[III]
MEINER FRAU

[001]      Die Fürstin, deren Andenken die folgenden Blätter gewidmet sind, entstammte dem Kunst und Wissenschaft liebenden Pfalzgrafenhofe ¹) zu Heidelberg und ist Ende 1418 oder Anfang 1419 geboren als älteste Tochter des Pfalzgrafen bei Rhein und Kurfürsten von Baiern Ludwigs III. des Bärtigen, eines eifrigen Förderers und Gönners der jungen Heidelberger Hochschule, des Stifters der nachmals so berühmt gewordenen Bibliothek, der Palatina. Ihre Mutter war Mechthild von Savoyen, eine fromme und wohlthätige Frau ²).

     Mit fünfzehn Jahren heirathete Pfalzgräfin Mechthild den Grafen Ludwig den Aelteren von Würtemberg ³), den Sohn der Henriette von Mömpelgard. dem sie schon als Wiegenkind verlobt worden war. Aus dieser Ehe ist ausser andern Kindern im Jahre 1445 Eberhard hervorgegangen, der spätere erste würtembergische Herzog. Als Ludwig im Jahre 1450 zu Urach an einer ansteckenden Krankheit schnell dahinstarb, zog sich Mechthild zunächst auf das ihr als Widum angewiesene Böblingen zurück; doch schon im September des folgenden Jahres warb Herzog (seit 1453 Erzherzog) Albrecht VI. von Oesterreich, der von seinem Bruder, dem deutschen Könige Friedrich III. 1444 die vorderösterreichischen Lande erhalten hatte, um Mechthilds Hand und im August 1452 [002] wurde zu Böblingen das Beilager gefeiert. Diese zweite Ehe, welche kinderlos blieb, war keine glückliche. Sie war auf beiden Seiten aus Vernunftgründen geschlossen. Albrecht, dessen Vermögensverhältnisse durch mannigfache Kriege sowie durch eine üppige und verschwenderische Hofhaltung 4) stark zerrüttet waren, hoffte dieselben durch eine reiche Heirath am ehesten aufzubessern und wiederherzustellen. Mechthild dagegen hatte vielleicht geglaubt, in Albrecht eine Stütze zu finden bei den mancherlei Schwierigkeiten, die die Vormundschaftsangelegenheit ihrer beiden unmündigen Söhne erster Ehe mit sich führte. Während Albrecht, ein streitliebender, trotziger, gewaltthätiger und selbstsüchtiger Fürst, dessen Name in späteren Jahren vor seinem Neffen Maximilian garnicht genannt werden durfte, in steten politischen Umtrieben bald hier bald dort verweilte 5), seit Ende 1455 überhaupt nicht wieder in die vorderösterreichischen Lande kam, sondern sich meist in Linz und Wien, wo er am 2. December 1463 starb, aufhielt, residirte Mechthild fast ausschliesslich zu Rottenburg am Neckar, der Hauptstadt der ihr von Albrecht zum Widum bestimmten Herrschaft Hohenberg, Dort auch nahm sie dauernd ihren Wittwensitz. Sie starb, 63 Jahre alt, zu Heidelberg am 22. August 1482 und ward ihrem Willen gemäss neben ihrem ersten Gemahl Graf Ludwig von Würtemberg in der Karthause zu Güterstein bei Urach beigesetzt. Im Jahre 1554 liess Herzog Christof die Leichname Ludwigs und Mechthilds in die Tübinger Gruft überführen. Ihre Grabdenkmäler, insbesondere das der Erzherzogin, sind die künstlerisch besten unter denen im Chor der Tübinger Stiftskirche 6).

     Dies sind in Kurze die äusseren Lebensumstände Mechthilds 7). Sie war eine Fürstin von klarem, festem Charakter, [003] die ebenso nach aussen hin ihre Rechte jederzeit energisch geltend zu machen wusste, wie sie auch in ihrem eignen Lande, zumal an ihrem Hofe weise und klug zu schalten verstand. Ihrem ihr allezeit in kindlicher Liebe ergebenen Sohne Eberhard war sie in schwierigen Regierungsangelegenheiten mit Rat und That zur Seite, schlichtete — ein echt weiblicher Beruf — seine Streitigkeiten mit Verwandten und Nachbarn und war gemeinsam mit ihm bestrebt, in den Klöstern eine strengere Zucht wiedereinzuführen, Güterstein, Kloster Hirsau 8) und die Rottenburger Pfarreien erfreuten sich ihrer ganz besonderen Gunst. Gegen ihre Unterthanen war sie gerecht, leutselig, milde und wohlthätig 9). Eine auch culturhistorisch interessante Berechnung der Besoldungen ihrer Bediensteten aus der letzten Zeit ihres Lebens ist auf uns gekommen 10) und zeigt uns, wie genau und geregelt es in ihrem Lande und an ihrem Hofe zugieng.

     Aber Mecluhild war nicht ausschliesslich eine praktische Natur. Sie war auch eine hochgebildete, für Kunst und Wissenschaft empfängliche Frau, eine »Liebhaberin aller Künste«, um mit den Worten eines später noch zu nennenden Zeitgenossen und Vertrauten zu reden. Es mag dieser Sinn für alles Schöne, insbesondere für die schöne Litteratur bei ihr ein Erbtheil, eine Mitgabe ihrer pfälzischen Heimat gewesen sein, die sie in die neue mit herübernahm. An ihren Namen knüpft sich für die Stadt Rottenburg eine Glanzzeit ihrer Geschichte; durch Mechthild ist Rottenburg für drei Jahrzehnte (1450—1482) der Mittelpunkt eines geistigen Lebens geworden, nicht nur im engeren Umkreise — nein, man darf sagen für das südwestliche Deutschland.

     Prüfen wir, in wie weit Mechthild auf die ehrende Bezeichnung einer Liebhaberin aller Künste Anspruch erheben [004] kann. Sie war eine Freundin der Musik und des Gesanges. Ein bairischer Ritter, den wir noch kennen lernen werden, hatte gehört, dass in Mechthilds Umgebung drei Jungfrauen weilten, die beim Gottesdienst gleich den Engeln im Himmel sangen; auch das erwähnte Rechnungsbuch gibt für Mechthilds musikalische Neigungen Anhaltspunkte 11). Die bildende Kunst fand gleichfalls in Mechthild eine freigebige Förderin. Der schöne 1847/8 restaurirte Röhrenbrunnen vor der St. Martinskirche zu Rottenburg verdankt ihr sein Entstehen; sie hat ihn 1470 erbauen lassen 12). Von einem andern Kunstwerke ist leider nur die Kunde auf uns gekommen. Im Jahre 1474 wurde dem Albrecht Rebmann, Maler von Nürnberg und seinem Schwager, dem bekannten Ulmer Maler Hans Schühlein die Altartafel im Chor derselben Kirche um 425 Gulden zu fassen, d.h. malen verdingt. Die Hälfte der Kosten trug die Erzherzogin 13). Ein späterer Chronist 14) aber berichtet von unserer Fürstin:  »sie, deren Wappen und Gedächtniss hin und wieder in den Kirchen, Fenstern, Epitaphiis, Altären und sonsten in der Stadt vielfältig zu finden, hat die Kirchen mit schönen Altären, Orgeln, Ornaten und andern Gottesgaben herrlich begabt, mit Gemälden auf das schönst und köstlichst zieren, auch die Stadt mannigfach mit nützlichen und notwendigen Bauwerken erbessern lassen«. Am interessantesten und lehrreichsten aber für die Würdigung dieser Frau sind ihre Beziehungen zur schönen Litteratur. Mechthild steht in der deutschen Litteratur an dem Wendepunkte zweier Zeiten und Litteraturgattungen. Für die alte conventionelle Ritterdichtung des ausgehenden Mittelalters war ihr Rottenburger Hof eine der letzten Zufluchtsstätten, aber auch die neue an der italienischen Renaissance gebildete deutsche Prosalitteratur hat bei ihr zuerst volles Verständniss, in ihr [005] eine begeisterte Verehrerin, eine anregende Gönnerin gefunden. Die absterbende Generation des mittelhochdeutschen Ritterthums sah in ihrer glänzenden Hofhaltung eine Erneuerung der einst sangesliebenden Höfe zu Eisenach und Wien, andererseits gemahnt uns derselbe Hof, wenn auch in abgeschwächter Weise, an die italienischen Musenhofe der Visconti, Sforza, Gonzaga und Malatesta. In Mechthilds Umgebung, durch sie litterarisch angeregt, begegnen wir zuerst den Männern, die am italischen Humanismus geschult, es sich haben angelegen sein lassen, diesen der deutschen Heimat zu übermitteln.

     Zu Mechthilds Zeit war die Blüthe der deutschen Ritterdichtung längst vorüber. Mit der Verrohung und Entartung des Standes, der diese Dichtung geweiht und getragen hatte, war auch sie selbst dem Verfalle preisgegeben. Wo etwa seit 1350 noch Erzeugnisse der ritterlichen Poesie entstehen, da sind es Nachahmungen, vereinzelte Spätlinge. Das Ausklingen und den Abschluss bezeichnet im Südosten, in Tirol Kaiser Max, der »letzte Ritter«, der noch einmal in Glanz und Pracht die mittelalterlichen Ideale in sich zu verkörpern suchte, in Süddeutschland, und hier schon etwas früher, der baierische Hof zu München 15), in Schwaben Mechthilds Hof zu Rottenburg. Zu letzterem in näheren Beziehungen stehen zwei Ritter, der Schwabe Hermann von Sachsenheim und der Baier Jacob Püterich von Reichertshausen.

     Hermann von Sachsenheim 16), geboren 1365, entstammte einem den würtembergischen Grafen lehenspflichtigen Geschlechte, das sich nach dem Städtchen Gross-Sachsenheim bei Vaihingen an der Enz nannte. Er war würtembergischer Rath, 1431 und in den nächsten Jahren auch Beisitzer des Stuttgarter Lehensgerichts und stand in Diensten der Henriette [006] von Mömpelgard und ihres Sohnes Graf Ludwig von Würtemberg, bei dessen Ehevertrag mit der Pfalzgräfin Mechthild im Jahre 1419 er zugegen war. Sein gleichnamiger Sohn 17), der 1508 als Landhofmeister starb, war unter Mechthilds Regierung in den Jahren 1471—1482 Landvogt zu Rottenburg. Hermann starb am 31. Mai 1458 und liegt in der Stuttgarter Stiftskirche begraben 18). Seine Grabschrift, die er sich selbst gedichtet hat, ist nicht das einzige literarische Denkmal, das uns von ihm erhalten geblieben ist. Wir besitzen ausser einem nicht gerade saubern Minnegedichte 19) von ihm noch, und zwar in hohem Alter verfasst, mehrere ritterlich-religiöse Dichtungen im Gewande lehrhafter Allegorie, wodurch man im 15. Jahrhundert wenn auch vergeblich den reineren Rittergeschmack zurückführen zu können meinte. Zwei derselben interessiren uns hier, da sie unserer Mechthild gewidmet sind. Der Spiegel und die Mörin sind von Hermann verfasst, als er dem neunzigsten Lebensjahre nicht mehr fern stand, und erregen, so gering an poetischem Wert sie sonst sein mögen, durch den frischen Ton, die rege Kraft und muntere, freilich oft derb ausartende Laune unsere Verwunderung. Im erstgenannten, älteren Gedichte 20) hat sich der Dichter vor der Kaiserin Frau Abenteuer wegen seiner Treulosigkeit zu verantworten; die Mörin 21), die uns an die Mohrenkönigin Belakane im Parzival, deren Name Brunhild an das Volksepos gemahnt, ist gleichfalls eine Allegorie ähnlichen Inhalts, eingekleidet in die auch im Fastnachtsspiel so oft angewandte Form einer Gerichtsverhandlung und zusammengesetzt aus den Volkssagen vom Venusberg, vom Tannhäuser und treuen Eckhart, die vom Dichter mit dem ritterlichen Minnewesen in Berührung gebracht sind. Hermann, der im Spiegel 22) der Fürstin hohen Verstand und ihre Gottesfurcht rühmt, [007] hat seine Mörin 23) Mechthild und ihrem Bruder Friedrich dem Siegreichen von der Pfalz, der der Litteratur ein gleiches Interesse entgegenbrachte und Dichter und Gelehrte an seinen Hof zog, »zu Dienst gemacht«. Das Gedicht wurde 1512 zu Strassburg mit Holzschnitten und seitdem öfter gedruckt 24) und blieb auch in den folgenden Jahrhunderten unvergessen 25). Die im 16. Jahrhundert verfasste Zimmerische Chronik 26) war sogar des wenn auch irrigen Glaubens, dass Hermann von Sachsenheim in der Schilderung des Venusberges den freigebigen und gastlichen Hof der Erzherzogin zu Rottenburg habe darstellen wollen.

     Für die Culturgeschichte sind Hermanns Dichtungen eine nicht zu unterschätzende Fundgrube und es muss dies entschädigen für ihren geringen poetischen Wert. Hermann war ein studirter Mann und verfügte über ein mannigfaltiges, wenn auch nicht tief gehendes Wissen; er zeigt sich theologisch, philosophisch, medizinisch, physikalisch, ganz besonders aber juristisch gebildet, welch letzteres uns bei einem zeitweiligen Stuttgarter Lehensrichter nicht Wunder nehmen wird 27). Eben derselbe Gelehrte ist nun aber andererseits auch seines ritterlichen Standes sich vollauf bewusst und interessirt sich warm für Turnierwesen und Wappenkunde. Wie er als Gelehrter sich durch Lectüre zu bilden suchte, so scheint er als Ritter durch ausgedehnte Reisen sich Erfahrung, insbesondere geographische Kenntnisse gesammelt zu haben. In der eigenen Heimat wusste er gut Bescheid und die Vaterlandsliebe findet des öfteren bei ihm Ausdruck. Das würtembergische Grafenhaus 28), das gerade jetzt durch Frauen besonders geadelt werde, preist er in warmen Worten und meint, wenn es auch nicht Fürsten Namen trage, so komme es ihnen doch gleich an Besitz und [008] Unterthanen; männliche Tüchtigkeit sei den würtembergischen Grafen von Alters her eigen gewesen. Lehrreich sind dann auch seine Beziehungen auf gleichzeitige Ereignisse und Verhältnisse. Seine Sagenkenntniss war nicht unbedeutend, die deutsche Litteratur des 13., 14. und 15. Jahrhunderts aber war ihm in einer Weise vertraut 29), dass wir Grund zu der Annahme haben, Hermann verdankte diese auffallende Belesenheit der Erzherzogin Mechthild, indem sie ihm die Schätze ihrer Bibliothek zugänglich machte 30).

     Von der Bücherliebhaberei dieser Frau sind wir nun durch den andern der beiden genannten ritterlichen Verehrer wol unterrichtet, durch den bairischen Rat Jacob Püterich 31) von Reichertshausen. Dieser hatte durch eine bairische adlige Dame, Margareta von Parsberg 32), die einst mit Mechthild zusammen im Bade zu Kalw — es ist wol Teinach gemeint — gewesen war, so viel des Lobes über sie gehört, insbesondere von ihrem Rottenburger Hofe, wie herrlich man dort sänge, welch schönen Garten sie besässe, aus dem sie den Kindern Kränze spende, wie kostbar die Geräthe seien, die zur weiblichen Handarbeit dort verwendet würden, wie Nadel, Scheere, Fingerhut — dass er, gleichfalls schon bei Jahren, an die Fürstin, die er nie gesehen, im Jahre 1462 eine grosse, 148strophige poetische Epistel, einen »Ehrenbrief« 33) richtete, der zum grössten Theile nichts als ein Geschlechter- und Bücherverzeichniss ist. So weit war es mit der Ritterdichtung gekommen, dass sie in eine Form, die der grosse, auch von Püterich warm gepriesene Wolfram von Eschenbach verwandt hatte, um uns in ihr die rührende Liebesgeschichte von Sigune und Schionatulander zu erzählen, nun trockene Geschlechts- und Bücherkataloge einzwängte! Dennoch verlohnt [009] es sich, mit ein Paar Worten bei diesem sonderbaren Sendschreiben zu verweilen 34).

     Eingangs feiert Püterich die damals bereits 44jährige Wittwe, die er lieber sehen würde, als alle Blumenauen, in überschwänglichsten Worten ritterlicher Galanterie. Baiern, Schwaben und Franken, so meint er, würden dadurch geehrt, dass sie, die Tugendreiche, zu Rottenburg wohne, in der wirde haubtstat; hätte die Fürstin zur Zeit des Grales gelebt, er würde sie zur Königin gemacht haben, sie trüge den Ehrenspiegel hoch vor manchen werthen Frauen. Er bedauert, sie nicht in seiner Jugend besucht zu haben, wenn er sich auch unwürdig fühlt, ihr die Schuhriemen zu lösen und froh wäre, könnte er ihr Stubenheizer sein. Hätte nicht schon das Alter ihn befallen, ihn müsste von Herzen erfreuen der Wind, der von dem Lande wehe, darinnen sie, die Preiswürdige, wohne. Ein Mann von 60 Jahren, der dazu Vater und Grossvater wäre, solle sich freilich nicht mehr mit Amorschaft befassen und es sei nur in der Ordnung, wenn Venus ihm nicht mehr gewogen sei und ihr Sohn Cupido ihn nur selten noch mit seinem feurigen oder goldenen Pfeile treffe. Habe doch auch seine »Hausehre« Anna von Seckendorf ihm gesagt: »Lapp, du könntest es nun genug sein lassen, überlass das Minnen den Jungen, die schicken sich besser dazu!« 35)

     Nach diesem Eingang, der sich von einer Liebeserklärung nicht wesentlich unterscheidet, zählt Püterich der Mechthild zum Beweise, dass auch Baierns Fürsten stets nach Ehre gedürstet hätten um werther Frauen willen, die turnierfähigen bairischen Adelsgeschlechter auf, die sie, wie er gehört habe, nicht alle kenne. Er hofft, dass dieses Verzeichniss ihr um so erwünschter komme, da sie selbst ja als Pfalzgräfin bairisches Blut in sich trage. Von 129 Geschlechtern waren bei [010] seinen Lebzeiten 17 bereits ausgestorben, in 42 Jahren 410 seiner Bekannten dahingegangen; diese traurige Thatsache veranlasst unsern biedern Ritter, eine längere Betrachtung über die Vergänglichkeit des Lebens anzustellen 36). Hierauf entschuldigt sich Püterich wegen seines geringen dichterischen Könnens und bittet Mechthild, von der ihm Margarets von Parsberg Briefe gezeigt hatte, seinen Brief entweder selbst durchzusehen — »ich hoffe dieser Kunst Euch Meister«, schreibt er — oder ihn von Wierich von Stein und Hans von Helmstadt, zwei hervorragenden Dichtern in ihrer Umgebung 37), verbessern zu lassen. Aber so viel dichterisches Selbstbewusstsein besass unser Ritter doch, dass er gleichzeitig der so hoch von ihm verehrten Frau einige zum Theil lyrische Erzeugnisse seiner Muse — vier Lieder und drei »Reden«, d. h. Erzählungen in poetischer Form —, die freilich schon vor 30 Jahren entstanden waren, zu übersenden sich erlaubte, in der Hoffnung, auf der nächsten Fastnacht Mechthild seine Amie nennen zu dürfen, letzteres natürlich nur eine scherzhafte Höflichkeitsformel. Und er versäumt auch nicht, dieser geistigen Gabe eine andere in einem Paar Schuhe bestehende hinzuzufügen. Margareta von Parsberg hatte ihm nämlich die kleinen, wolgestalten Füsse der Fürstin gerühmt; »dessen«, schreibt er nun, war ich eingedenk zu Rom in wälschen Reichen«.

     Damit ist eigentlich die Epistel zu Ende; es folgen aber noch zwei Nachschriften und diesen allein verdankt Püterichs Ehrenbrief seine Bedeutung für die Litteraturgeschichte.

     Nachdem sich Püterich von der Frau von Parsberg verabschiedet hatte, fand er daheim ein Schreiben des Herzogs Otto von Baiern, Mechthilds Vetter 38), vor, in dem dieser ihn um Uebersendung des Gedichtes vom Ritter mit dem [011] Bocke 39) bittet, das Püterich jedoch selbst nicht besass, sondern nur früher einmal bei einem steirischen Ritter, Ulrich von Flädnitz 40), eingesehen hatte. In demselben Schreiben ersuchte ihn der Herzog nun aber auch und zwar für Mechthild um ein Verzeichniss seiner Bücher. Püterich schreibt, er wolle gern diesem Wunsche willfahren und stellt der Erzherzogin seine Bibliothek ganz zur Verfügung, bittet jedoch gleichzeitig um Gegenseitigkeit. Auch Mechthild möge ihm ein Verzeichniss ihrer Bücherschätze zukommen lassen. Wenn sie, fügt er hinzu, die Bücher ihres Vaters 41) besässe, die er in dessen Liberei zu Heidelberg in ungezählter Menge einst gesehen, dann hatte sie in der That »den Wunsch auf dieser Erde«, d. h. alles, was es an kostbaren Büchern jetzt gäbe. Uebrigens hatte Püterich ein wenn auch nicht vollständiges Verzeichniss von Mechthilds Bibliothek bereits in Händen 42) und es ist nicht unwichtig zu constatiren, dass unter 23 Werken, die ihm von 94 Büchern der Erzherzogin zu seiner Verwunderung völlig neu waren, mit einer Ausnahme kein einziges Gedicht aus dem 13. Jahrhundert sich findet. Es ist vielmehr neue, ja neueste Litteratur, Poesie und Prosa 43), die Mechthild schon besass, von der der Baier Püterich aber noch keine Kunde erhalten hatte. Doch nicht nur Zufall wird ihm jene 23 Werke vorenthalten haben. Sein Interesse lag seinen eigenen Worten nach nicht an den neuen, sondern an den alten Büchern, insbesondere Ritterbüchern. Von den 164 Werken seiner Bibliothek, die er der Mechthild aufzählt, gehören die meisten der mittelhochdeutschen Blüthezeit an; er besass überwiegend höfische Romane, von denen uns freilich manches verloren ist, ohne dass dadurch der Wert dieses Kataloges für die Litteraturgeschichte gemindert wurde 44).

     Am Schlusse seiner Aufzählung entschuldigt sich Püterich, [012] dass er die weltlichen Bücher vor den geistlichen genannt, obwol doch letztere seinem Alter angemessener wären — er schaue aber so gerne zurück auf die vergangenen Tage —, und er »beichtet« dann, wie er sich ausdrückt, der Mechthild, auf welche Weise er sich seine Bücherschätze erworben habe. Wählerisch ist unser Ritter dabei gerade nicht zu Werke gegangen. Ihm heiligte der Zweck die Mittel. Vierzig Jahre lang hat er sammelnd die Welt durchwandert, zwischen Brabant und Ungarn umherziehend, überall Nachfrage haltend; trotz manchem Widerspruch hat er sich seine Bibliothek durch Stehlen, Rauben, Entlehnen, durch gelegentliches Finden oder durch Ankauf zusammengerafft, er hat sich manches schenken, anderes abschreiben lassen, »doch mehr die alten Bücher, der neuen acht ich nicht zu keinen Stunden«. Aber freilich auch Püterich blieben gleiche Erfahrungen an seinen eigenen Schätzen nicht erspart. Auch er hat manches ausgeliehen — auf Nimmerwiedersehn und musste sich den Witz gefallen lassen, er wolle die Bücher schon gern vergessen, wenn er nur die Säcke wiederbekäme, darin er sie in guten Treuen ausgeliehen hätte. Und auch sonst fehlte es nicht an Spott. Schälke bei Hofe wussten gelegentlich seine Neugier für ein altes Buch zu erregen, das da oder dort verborgen wäre. Voller Freude eilte er dann dahin, um sich bald zu überzeugen, das man seinen Scherz mit ihm getrieben, »Das litt ich alles«, ruft er aus, »um die Bücher der Vorzeit und hätte mir doch billigerweise bei meinem Alter erspart bleiben sollen« 45).

     Aber nicht nur auf die alten Bücher fahndete unser wackerer Püterich, auch die Gräber ihrer Verfasser suchte er auf. Zwanzig Meilen weit ist er geritten, um nach manchem vergeblichen Forschen im Frauenmünster zu Eschenbach (bei [013] Ansbach) die Grabstätte des grossen, »hochbekannten« Wolfram zu sehen und für seine Seele zu beten. Und auch an dem Grabe des viel gereisten Engländers Johannes von Montevilla († 1372) in einem Kloster vor Lüttich hat er geweilt und theilt der Mechthild dessen Grabschrift im lateinischen Original und in deutscher Uebersetzung mit 46). Der alte Püterich erscheint, wie Uhland sinnig sagt 47), »als ein irrender Geist aus der untergegangenen Ritterwelt. Wie nach vergrabenen Schätzen sucht er ängstlich und rastlos nach den alten Liederbüchern und er wandelt um die Gräber der Dichter, deren Stätte die neue Zeit vergessen hat«.

     Der hochbetagte Hermann von Sachsenheim, der alternde Jacob Püterich, die beide Mechthild so zart ansingen, sie sind Symbole des absterbenden Ritterthums. Bei allem guten Willen und Streben vermochten sie nicht den Verfall aufzuhalten. Ein Landsmann und Reimcollege Püterichs, Ulrich Fürtrer, wünschte sich, als er — ein letzter Versuch — um das Jahr 1487 die alten Artusromane in einem cyklischen Werke zusammenzufassen sich abmühte, diesen braven Ritter wie Medea durch ihre Zauberbäder verjüngen zu können 48). So wenig dies möglich, ebensowenig war die mittelhochdeutsche Ritterzeit und die ritterliche Dichtung neu zu beleben. Die Zukunft gehörte der Renaissance und dem Humanismus. Nicht mehr Frankreich allein, auch Italien wurde jetzt der Culturherd für Deutschland. An die Stelle der höfisch-epischen Ritterpoesie trat eine höhere Ziele verfolgende Prosalitteratur, voran die Prosanovelle, der Prosaroman. Diese aber, anfänglich gleichfalls französische Stoffe behandelnd, wurde bald von italienischem Humanismus befruchtet und wieder ist es der Adel, sind es insbesondere die Höfe, die diese neue Prosa in ihre Pflege nehmen und fürstliche Frauen [014] zumal wirken hier anregend, ja betheiligen sich selbst an der Litteratur 49). Zu diesen fürstlichen Gönnerinnen gehört nun auch Mechthild. Sie hatte pietätvoll dem Alten ihre Theilnahme geschenkt, in noch bedeutsamerer Weise aber zeigte sie sich jetzt für das Neue und geistig Höhere empfänglich. Ihr Einwirken auf die neue Litteratur lernen wir am besten aus den schlichten, wahrheitsgetreuen Schilderungen des Esslinger Stadtschreibers Nicolaus von Wyle 50) kennen, dessen Bedeutung für die Litteraturgeschichte — Lessing 51) lässt mit ihm und Heinrich Steinhöwel unsere gedruckte Litteratur beginnen — hier aber nur berührt werden kann, so weit sie in einem Lebensbilde Mechthilds Berücksichtigung verdient.

     Nicolaus von Wyle war ein Schweizer und ist im ersten Viertel des 15. Jahrhunderts zu Bremgarten im Aargau geboren 52). Vielleicht in Zürich, wo er angesehene Verwandte 53) hatte, erzogen, bekleidete er dort später das Amt eines Schulmeisters, d. h. Rectors der oberen Schulen 54), wir wissen aber nicht wann und wie lange. In die Züricher Zeit fällt jedenfalls seine Bekanntschaft mit dem edelen doch unglücklichen Humanisten Felix Hemmerlin, dem Wyle später ein schönes literarisches Denkmal in einer seiner Translationen gesetzt hat 55). Von 1445—1447 (?) finden wir ihn als Ratschreiber zu Nürnberg 56), im Verkehr mit dem berühmten Rechtsgelehrten und Stadtsyndicus Gregor von Heimburg 57). Vom Jahre 1449 an lebte Nicolaus in derselben Eigenschaft mit einigen Unterbrechungen in Esslingen, seit 1465 lebenslänglich als Stadtschreiber mit 50 Gulden Gehalt daselbst angestellt. Er erwarb sich bald das allgemeine Vertrauen und widerholt sehen wir ihn auswärts als Gesandten seiner Stadt 58). Gleichzeitig unterrichtete er dort in seinem Hause junge Leute vornehmer Stände in der Schreib- und Dichtkunst, insbesondere [015] in der deutschen Stylistik, Orthographie und Interpunktion 59). Ob Nicolaus in Esslingen noch mit Heinrich Steinhöwel, der schon Mitte 1450 nach Ulm als Stadtarzt übersiedelte, persönlich näher bekannt geworden ist, bleibt unsicher 60). Im Jahre 1469 61) brachen zwischen der Stadt Esslingen und ihrem Stadtschreiber Zwistigkeiten aus, die bald einen so ernsten Charakter annahmen, dass sich Nicolaus in Esslingen nicht mehr seines Lebens sicher fühlte. Man verunglimpfte ihn mit Worten und gesungenen Liedern. Er floh nach kurzem Aufenthalt im nahen Kloster Weil, in Stuttgart und Ulm in die heimatliche Schweiz, wurde aber schon im December desselben Jahres vom Grafen Ulrich von Würtemberg zu seinem und seines Sohnes Eberhard des Jüngeren (zweiten) 62) Kanzler ernannt, in welcher Stellung er bis zu seinem Tode, im April 1478 oder 1479 63), verblieb.

     Die Aemter, wie Nicolaus von Wyle sie bekleidete, setzen eine Persönlichkeit von Geist und Geschick voraus und Nicolaus war eine solche 64). Wir treffen ihn wiederholt in den höchsten Kreisen als Gesandten, Berather und Vertrauten, namentlich bei fürstlichen Frauen, nicht nur geschützt an den schwäbischen Höfen, sondern auch ehrenvoll wirkend bis weit über Deutschlands Grenzen hinaus. Als Kanzler der Markgräfin Katharina, der Gemahlin Karls I. von Baden, der Schwester K. Friedrichs III. und Schwägerin unserer Mechthild, war er etliche Monate am kaiserlichen Hofe zu Wiener-Neustadt und lernte daselbst die geistvolle kaiserliche Gemahlin Leonore, die Schwester des Königs von Portugal und Nichte des Königs Alfons von Aragonien und Neapel kennen 65). Am Hofe der Gonzagas zu Mantua verweilte er zweimal, um der Markgräfin Barbara, einer geborenen Brandenburgerin und späteren Schwiegermutter Eberhards im [016] Bart, fürstliche Botschaft zu überbringen 66) und auch in Mailand scheint er die Gastfreundschaft der Bianca Maria, der Gemahlin Francesco Sforzas genossen zu haben 67).

     Mag nun Nicolaus immerhin derartige Vertrauenssendungen in erster Linie seiner diplomatischen Gewandheit verdanken, wir werden auch die litterarische Bildung des Mannes dafür in Betracht ziehen dürfen, da seine Sendungen nicht selten gerade solchen fürstlichen Frauen galten, die Beschützerinnen der Kunst und der schönen Litteratur waren. Der Esslinger Stadtschreiber und würtembergische Kanzler ist in der deutschen Litteraturgeschichte als der erste und einer der bedeutsamsten Vorkämpfer des Humanismus zu nennen. Ihn hatte der geistreiche und feinsinnige Aeneas Silvius Piccolomini, der nachmalige Pabst Pius II. zum Vermittler seiner Ideen in Deutschland ausersehen. Was ihm, dem durch Italiens kunstverständige, schöngeistige Fürsten verwöhnten Ausländer beim deutschen Adel 68) nicht gelingen wollte, hat Nicolaus von Wyle wenigstens zum guten Theile erreicht: er hat in den deutschen adligen Kreisen Interesse an der neuen humanistischen Litteratur zu erregen verstanden. Wir sehen ihn in innigem geistigen Verkehr mit der Erzherzogin Mechthild und ihrem Sohne Eberhard 69), mit den Gemahlinnen Ulrichs und Eberhards des Jüngeren von Würtemberg, Margareta von Savoyen 70) und Elisabeth von Brandenburg 71), sowie mit der markgräflich badischen Herrscherfamilie 72). Und auch hohe Beamte, insbesondere des würtembergischen Hofes, wie Graf Ulrichs Landhofmeister Dr. Georg von Absperg 73) und dessen Gemahlin, eine geborene von Seckendorf — auch Püterichs Frau entstammte diesem Geschlechte —, Graf Ulrichs erster Kanzler Dr. Johannes Fünfer 74), Mechtilds Kämmerer Meister Jörg Rat, der später Wyle’s Schwiegersohn geworden [017] zu sein scheint 75), Abt Johannes von Salmannsweiler 76) zeigten sich seinen litterarischen Bestrebungen geneigt.

     Während Nicolaus in den genannten Kreisen, denen er seine litterarischen Arbeiten widmete, der Gebende war, seine bei ausgedehnter Berufsthätigkeit knapp bemessenen Mussestunden 77) dazu verwandte, hervorragenden Werken gleichzeitiger, namentlich italienischer Schriftsteller durch Uebersetzung in Deutschland Eingang zu verschaffen, blieb er selbst allzeit ein dankbarer Schüler derjenigen, deren Werke ihn selbst zu schriftstellerischer Thätigkeit begeistert hatten. Seine Beziehungen zu Felix Hemmerlin und Gregor von Heimburg 78) habe ich schon erwähnt. Mit einem jüngeren Humanisten Albert von Bonstetten, Dekan zu Einsiedeln, unterhielt er brieflichen Verkehr 79). Derjenige aber, in dem Nicolaus die humanistische Kunst am reinsten vertreten sah, war Aeneas Silvias, dessen Anerkennung ihm Nicolaus, der auch der erste Herausgeber von Aeneas’ umfangreicher Correspondenz wurde 80), durch glühendste Verehrung 81) lohnte. Nicolaus spricht von ihm nur als von dem »hochgelehrten Poeten« 82). Wir wissen leider nicht, wann und wo beide Männer einander näher getreten sind, aber es hat den Anschein, als habe erst ein Brief 83) des Aeneas Silvius aus der Zeit, als er Bischof von Siena (seit 1449) war, Nicolaus von Wyle dazu bestimmt, sich ganz dem schriftstellerischen Berufe zu widmen, während er sich früher der Malerei beflissen hatte. Ich kann hier nicht auf letzteres eingehen, nur das sei erwähnt, dass der überschwängliche Italiener Aeneas jenem vermuthlich zwischen 1449 und 1452 geschriebenen Briefe nach einstweilen in Nicolaus den Maler höher schätzte als den Schriftsteller und ihn einem Apelles und Zeuxis gleichstellte. Im Jahre 1454 bedankte [018] sich Aeneas bei Nicolaus für Uebersendung eines von ihm gemalten hl. Christof in anerkennendsten Worten 84).

     Nicolaus von Wyle hat im Jahre 1478 den grössten Theil 85) seiner Uebersetzungen, deren älteste uns erhaltene aus dem Jahre 1461 datiert, als einheitliches Werk unter dem Titel »Transzlatzion oder Tütschungen« zu Esslingen 86) durch den Druck veröffentlicht, nachdem einzelne seiner Translationen bereits früher gedruckt worden waren 87). Es sind 18 Stücke, von denen aber das 16te und 18te keine Uebersetzungen, sondern von Nicolaus selbst verfasst sind. Die im Ganzen chronologisch geordnete Sammlung ist auf Veranlassung des Landhofmeisters von Absberg entstanden und diesem gewidmet; jede einzelne Uebersetzung trägt ausserdem die Zueignung an denjenigen, in dessen Auftrag oder für den sie ursprünglich angefertigt war. Es ist lehrreich die Stoffe, die Nicolaus für seine Uebersetzungen wählte, etwas näher in’s Auge zu fassen. Er verfuhr dabei nicht willkürlich, sondern systematisch, ich möchte sagen pädagogisch. Er nahm zuerst Stoffe, die lediglich seine fürstlichen Leser ergötzen und unterhalten sollten. Das Neue aber war, dass diese Unterhaltungslectüre den formlose Wust von Abenteuern verschmähte und an seine Stelle einfache Geschichten und Betrachtungen treten liess, bei denen alle Kunst auf die Darstellung verwendet wurde. Nicht mehr Heldenthaten wurden aufeinander gehäuft, das Seelenleben der Menschen sollte geschildert werden, man wollte ihre Leidenschaften psychologisch sich entwickeln sehen. Man gab es endlich auf, eine unwiederbringlich untergegangene Welt neu erwecken zu wollen, mit trüben Klagen das Vergangene zurückzuwünschen, mit Schmäh- und Strafreden einen kargen Adel heimzusuchen. Jetzt war es vielmehr an der Zeit, die Gegenwart begreifen [019] und hoffnungsmuthig das Gute und Gesunde, das sie bot, schützen und gebrauchen zu lernen. Boccaccio, Petrarca, Poggio, Aeneas Silvius u. A. waren die Apostel dieses neuen Geistes und eines Wyle’s Bedeutung liegt eben darin, das Neue und Zukunftverheissende in ihnen erkannt und für seine Heimat nutzbar gemacht zu haben. Ist er auch nur Uebersetzer, so wird sein Verdienst dadurch doch nicht geschmälert. Mit am einleuchtendsten macht sich der Gegensatz zwischen altem und neuem Geschmack gleich in der Uebersetzung geltend, mit der Nicolaus von Wyle seine Sammlung eröffnet. Er wählte dazu das Meisterstück unter den Werken des Aeneas Silvius, die Liebesgeschichte von Euriolus und Lucretia 88), die nach Gervinus 89) treffenden Worten die Stimmung der damaligen Zeit ähnlich berühren musste wie Werther in neuerer. Demselben Zwecke diente die Uebersetzung von Boccaccio’s Novelle Guiscard und Sigismonda nach dem Lateinischen des Lionardo Bruni von Arezzo, die die tragische Liebe zweier Menschen ungleichen Standes behandelt.

     Nicolaus’ Uebersetzungen hatten Beifall. Man forderte Weiteres von ihm und er konnte sich nun auch an solche Themata wagen, die nicht nur unterhielten oder praktische Lebensweisheit schilderten, sondern brennende Tages- und Zeitfragen in Politik und Wissenschaft zur Sprache brachten. Ja er durfte um so offenmüthiger reden, da er ja nur Uebersetzer war. Seine eigenen Absichten und Ansichten erschienen immer nur als Aussprüche und Kundgebungen der Originale, die er, eben weil er ihren Inhalt billigte, übertrug. Und so war denn auch der Erfolg von vorneherein ein gesicherterer, als er es hätte sein können, wäre Nicolaus gleich in eigener Person als Reformator beim Adel aufgetreten. Wie ganz anders mussten da doch die Namen der berühmten [020] Ausländer wirken! Indem Nicolaus des Felix Hemmerlin Abhandlung gegen die Bettelmönche 90) und Poggio’s Bericht über den Märtyrertod des Hieronymus von Prag 91), letzteren für Eberhard von Würtemberg, verdeutschte, hat er sich in die Reihe der Vorkämpfer der Reformation gestellt; dadurch, dass er des Aeneas Silvius Tractat 92) über Fürstenerziehung und den Wert und Nutzen der classischen Studien für die drei Söhne Karls von Baden übersetzte, einer höheren Bildungsfähigkeit das Wort geredet und endlich durch übrigens nicht kritiklose Wiedergabe eines Kapitels aus Hemmerlins Albrecht VI. von Oesterreich gewidmeten Schrift 93) über den Adel das Humanitätsideal des 18. Jahrhunderts vorbereiten helfen. Während er einem Karl von Baden von der echten Bildung begeistert redete, die mehr wert sei als alle weltliche Ehre, entrollte er vor Eberhard von Würtemberg, dem er bei dieser Gelegenheit ein feinsinniges Lob 94) spendete, ein Bild des wahren Adels, der in der Tugend des Gemüthes liege, nicht aber in der Geburt.

     Welche Stellung aber nahm Nicolaus von Wyle zu Mechthild ein? Er hat in ihrem Auftrage vier humanistische Schriften verdeutscht und uns in seinen Widmungsbriefen Aufschluss über seine Beziehungen zu jener Fürstin gegeben. Nicolaus lernte sie während seines Esslinger Aufenthaltes im Jahre 1460 oder 1461 persönlich kennen. Was er früher durch Schilderungen Anderer geglaubt, das wolle er jetzt, schreibt er, nachdem er sie selbst gesehen, laut aller Welt verkünden. Er nennt Mechthild eine Ehre und besondere Zier der würtembergischen Lande, durch Vernunft und Weisheit, Liebe zur Kunst und feine Sitte sei sie den berühmten Frauen des Alterthums vergleichbar. Ihr guter Ruf sei weder durch Lob zu mehren [021] noch durch Tadel zu mindern 95). Mechthild hatte Nicolaus durch ihren Kämmerer um irgend eine Uebersetzung bitten lassen. Er sandte ihr 1461 als Dank für empfangene Gnaden eine Verdeutschung von Aeneas Silvius’ Schrift De remedio amoris, nicht ohne sich gleichzeitig bei ihr und allen Frauen, die zukünftig seine Uebersetzung lesen würden, zu entschuldigen, wenn er seiner Quelle auch Ungünstiges über das weibliche Geschlecht nacherzähle. Er hoffe, der Fürstin hoher Verstand wurde das schon billig beurtheilen. Die Frauen herabzusetzen, sei durchaus nicht seine Absicht gewesen, gäbe es ja doch auch eben so viel schlechte Männer als Frauen. Aeneas habe zudem in seiner Darstellung übertrieben, wie man denn manchen hochgelehrten Mann fände, der hundert Gulden für seine Predigt erhielte, aber nicht zweihundert nehmen würde, sollte er alles das, was er gepredigt, auch selbst befolgen 96).

     Schon das folgende Jahr (1462) brachte dann, gleichfalls Mechthild gewidmet, die Uebersetzung von Euriolus und Lucretia 97), jener meisterhaft geschriebenen wenn auch schlüpfrigen Liebesnovelle, eingedenk derer ihr Verfasser Aeneas Silvius später als Pabst die oft citierten Worte ausgehen liess: »Aeneam rejicite, Pium suscipite« und die vielleicht gerade dadurch zumeist eine europäische Berühmtheit erlangt hat. Auch Nicolaus, der der Fürstin diese Lectüre »zur Kurzweil« geschickt hatte, damit ihr durch schwere Kriegsläufe betrübtes Gemüth etwas von Sorge befreit werde — Mechthilds Bruder, Pfalzgraf Friedrich, kriegte damals (Winter 1461/2) mit Karl von Baden und Ulrich von Würtemberg und drang verherend bis Stuttgart vor 98) —, hielt in seiner Zueignung ein Wort der Rechtfertigung, ähnlich wie es schon Aeneas Silvius gethan hatte, für angezeigt. [022] Er meinte, man müsse nach An der Bienen nur das Beste von den Blumen lesen 99) und tröstete sich im übrigen mit seinem illustren Vorbild: was der hochgelehrte Mann, der seitdem Pabst geworden sei, auf lateinisch gewagt habe, warum sollte er, der Stadtschreiber, der doch nicht auf eine höhere Stellung — Nicolaus schrieb dies 1462 — Aussicht habe, das nicht zu verdeutschen wagen? 100) Im Jahre 1465 schickte Nicolaus Mechthilds Kämmerer zwei Uebertragungen; die eine, ein Tractat des heiligen Bernhard, war auf speziellen Wunsch der Erzherzogin entstanden 101).

     Ein wie inniger Geistesverkehr beide mit einander verband, zeigt uns sodann die 1468 verfasste Uebersetzung Von der Königin Frau Glück 102), eines Traumgesichtes, in dem sich Aeneas Silvius ins Reich der Fortuna entführt sieht. Nicolaus hatte der Fürstin etliche Jahre vorher in Wildbad, wo beide, Nicolaus von Mechthild dorthin berufen, die Bäder gebrauchten, diesen Traum mündlich aus dem Gedächtniss, so gut es gehen wollte, verdeutscht und ausgelegt. Als Mechthild dann 1468 abermals in Wildbad weilte, sandte er ihr eine getreue, in besserm Deutsch geschriebene Uebertragung dieser Schrift zur Kurzweil und als Geschenk, wie man das zu thun pflege, wenn Jemand ins Bad reise. Er schliesst sein Widmungsschreiben mit dem Wunsche einer guten Kur. Ein anderes Werk, Petrarcas berühmte Schrift De remediis utriusque fortunae (Ueber die Heilmittel in Glück und Unglück) 103) hatte Nicolaus Mechthild gegenüber bei einer Epidemie in Böblingen gelobt und diese ihn um Uebersetzung gebeten. Er zögerte lange mit der Vollendung und Uebersendung, weil auch hier von Petrarca das weibliche Geschlecht arg mitgenommen wurde. Schliesslich aber, im Jahre 1469 oder 1470, entschloss er sich dazu, da ein Wunsch Mechthilds ihm [023] Befehl sei; auch fand er für persönliches Missgeschick, das ihn gerade damals traf, als er Esslingen flüchtig verlassen musste, in Petrarca’s Schrift gleichsam eine Arzenei.

     Mechthild nahm keinen Anstand daran, wenn Schriften, die ihr aus andern Gründen zusagten, das eigene Geschlecht nicht gerade ehrerbietig behandelten. Sie war eine vorurteilslose Frau, der Schmeichelei abhold, und Nicolaus betont es ausdrücklich, er wolle die Fürstin nicht weiter rühmen, um nicht, darin ganz im Gegensatz zu den oft überzeugungslosen Dichtern italienischer Höfe, der Liebedienerei geziehen zu werden 104), wie es denn auch bemerkt zu werden verdient, dass Nicolaus zumeist nur aufgefordert seine Ueberzetzungen verfasste und nicht um des Geldes willen 105). Charakteristisch für die Natürlichkeit und Einfachheit der Fürstin ist folgender Zug. Man hatte es dem Nicolaus vorgehalten, dass er nicht wie andere reichsstädtische Schreiber die Erzherzogin mit »durchlauchtig hochgeboren« titulierte, sondern es an dem einfachen »durchlauchtig« bewenden liess, denn, meinte er, »durchlauchtig« schlösse schon »hochgeboren« in sich, es nachzusetzen wäre also unlogisch. Als er sich in dieser Weise bei der Frau Erzherzogin verantwortete, verstand sie sogleich den wahren Grund und sagte ihm, er solle nur nach wie vor schreiben; sie wäre damit zufrieden 106). Da diese Worte doch gewiss ein Beweis für die Wertschätzung des Mannes sind, so werden wir uns nicht wundern, wenn Mechthild dem Nicolaus auch Einsicht in ihre Correspondenz gestattete und ihm gelegentlich die Beantwortung empfangener Briefe überliess, wie z. B. jener, die sie von der wegen ihres lateinischen Styles berühmten Hippolyta Sforza, der Gemahlin des Königs Alfons II. von Aragonien und Neapel erhalten hatte 107). Ja der Fürstin Huld für Nicolaus ging [024] so weit, dass sie eine Tochter desselben, die spätere Gemahlin des Jörg Rat 108), Mechthilds Kämmerer, an ihrem Hofe 109) in einer Weise erzog, dass Nicolaus sagen konnte, er würde nicht wünschen, sein Kind hätte dieselbe Zeit in einem Kloster reformirter Schwestern von der Observanz zugebracht.

     Am interessantesten und ehrendsten aber für die Herzens und Verstandesbildung der Fürstin mochte folgender Bericht sein, den uns Nicolaus in seinem selbstverfassten »Lob der Frauen« 110) (1474) aufgezeichnet hat. Er nennt dort, nachdem er die bedeutendsten Frauen des Alterthums aufgezählt, auch diejenigen, die der Jetztzeit durch ihren Kunstsinn, Geist und Tugend zu besonderer Zierde gereichten. Er preist verschiedene ausländische Fürstinnen, wendet sich dann nach Deutschland, um die Kaiserin Leonore und Katharina von Baden zu rühmen und schliesst mit einem Lob auf Schwabens Fürstinnen, Mechthild und die Gemahlinnen Ulrichs und Eberhards des Jüngeren von Würtemberg. Hören wir Nicolaus selbst, wie er über Mechthild urtheilt 111): »Ich wende mich nun in das Innere von Deutschland und übergehe viele Fürstinnen, die vielleicht nicht minder lobenswert, aber mir unbekannt sind, und komme nach Schwaben; da wohnt eine Fürstin Frau Mechthild mit Namen, eine grosse Liebhaberin aller Künste, deren guter Ruf in Weisheit, Tugend und Humanität so gross ist, dass er durch Lob nicht zu mehren, durch Tadel nicht zu mindern wäre. Aber eine Geschichte kann ich doch nicht mit Schweigen übergehen, die mir einst im Beisein einiger Adligen von Ihrer Gnaden begegnet ist. Sie fragte mich, ob ich ihr noch nicht das Buch des Seneca Von den Sitten verdeutscht hätte, welches ich oft vor ihr gerühmt. Ich antwortete: nein, und gab als Ursache an, [025] dass ich eine Stelle in diesem Buche nicht genügend verstanden habe, sei es wegen Mangels an Kunst oder wegen der Unrichtigkeit des lateinischen Textes. Es stünde nämlich geschrieben: si vis omnibus esse notus, fac prius neminem noveris, was nach dem Buchstaben also laute: willst du Jedermann bekannt sein, so mache zuvor, dass du Niemand kennst. Nach kurzem Schweigen und Nachdenken sagte die Herzogin: ich denke, die Meinung ist diese: willst du Jedermann bekannt sein, d. h. willst du, dass Jedermann Gutes von dir sage und rede, so mache zuvor, dass du Niemand kennest, d. h. so sieh zu, dass du dich um Niemand bekümmerst, sondern mit dem Zeugniss des eigenen Herzens dich befriedigst: hierdurch wirst du jedermann bekannt«.

     Diese vielseitigen litterarischen Beziehungen Mechthilds, über die uns freilich nur Mittheilungen Anderer Kunde geben — nach eigenen Aufzeichnungen der Fürstin hierüber habe ich vergeblich gesucht — sie lassen es uns immerhin erst vollauf würdigen, wenn wir Mechthild nun auch persönlich und thätig mithelfen sehen, da es galt für Kunst und Wissenschaft die Stätte zu bereiten, wo ihnen dauernde Förderung zu Theil werden konnte. Für Mechthild war die Liebe zu Kunst und Wissenschaft mehr als eine Privatneigung, eine angenehme Zerstreuung ihrer Mussestunden. Sie sah vielmehr in ihr ein allgemeines Bildungsmittel, dem sie als Fürstin auch einen praktischen Ausdruck geben zu müssen meinte, als solche dazu auch in der Lage war, und so verehren wir in ihr nicht nur eine »Liebhaberin aller Künste«, sondern zugleich die Mitstifterin zweier Hochschulen, der Universitäten Freiburg und Tübingen. Die Hochschule ihres Heimatlandes mag ihr dabei ein Vorbild gewesen sein. Was Freiburg betrifft 112), so wird zwar in der Stiftungsurkunde Erzherzog [026] Albrechts VI. von Oesterreich vom Jahre 1457 Mechthilds Name nicht genannt. Doch es lässt sich Einiges anführen, wodurch Mechthilds Mithilfe an dieser Stiftung sehr wahrscheinlich wird und die Freiburger Hochschule feiert sie denn auch heute noch als ihre Mitgründerin. Urkundlich beglaubigt aber ist Mechthilds Mitwirkung bei der Stiftung der Universität Tübingen. Ihr Name erscheint sowohl in den päpstlichen Urkunden vom 11. Mai und 13. November 1476 als auch in der Stiftungsurkunde Eberhards vom 3. Juli 1477 113). Wie sie früher der Freiburger Universität zur Dotation der Lehrstuhle die zu ihrem Heiratsgut gehörigen Pfarreien Rottenburg und Ehingen zugewiesen hatte 114), so wurde jetzt mit ihrer Einwilligung ein Theil des ihr als Widum zugesprochenen Sindelfinger Stiftes nach Tübingen verlegt und der bisherige Sindelfinger Probst Johannes Degen ward der neu errichteten Hochschule erster Kanzler 116). Dr. Johannes Vergenhans, des Grafen Eberhard Erzieher, der einer Bestimmung des Grafen Ludwig gemäss von Mechthild eine starke jährliche Pension ausgezahlt erhielt, wurde Tübingens erster Rector 116). Auch sonst begegnen wir Männern aus Mechthilds Umgebung an der neuen Stiftung thätig oder doch zu dieser in Beziehungen. Mechthilds und später auch Eberhards Leibarzt Dr. Lucas Spetzhart, der die päpstliche Stiftungsbulle mit unterzeichnete, hat vielleicht auch eine Zeit lang an der Tübinger Hochschule gelehrt 117); sein Name ist als sechster in die Tübinger Matrikel vom 15. September 1477 eingetragen. An dritter Stelle aber findet sich dort Antonius von Pforr 118) verzeichnet, der, nachdem er in früheren Jahren in heimatlicher Umgebung — er stammte aus einer angesehenen Breisacher Patrizierfamilie und war Rat Albrechts VI. von Oesterreich und seiner Gemahlin Mechthild sowie [027] Herzog Sigismunds von Oesterreich — verschiedene Pfarren verwaltet hatte, noch in hohem Alter als Kirchherr und Hofkaplan der Fürstin nach Rottenburg berufen wurde. Auch dieser Mann, der amtlich seit langem und viel mit Mechthild verkehrte, gehörte zur literarischen Umgebung der Fürstin und wenn er, wir wissen leider nicht wann, seine Uebersetzung des Pantschatantra, sein Buch der Beispiele der alten Weisen 119) dem Grafen Eberhard widmete, so wird sicherlich auch hier Mechthild die geistige Vermittlerin gewesen sein.


     Wenn wir heute durch die stillen Strassen der Oberamts- und Bischofsstadt Rottenburg wandern, so will es uns nicht recht einleuchten, dass hier einst reges Leben geherrscht. Und doch ist dem so gewesen. Die Hohenberger haben im letzten Viertel des 13. Jahrhunderts der Stadt den Glanz mittelalterlichen Ritterlebens verliehen. In der zweiten Hälfte des 15. wurde sie noch einmal für dreissig Jahre der Mittelpunkt einer glänzenden Hofhaltung, um die sich nicht nur schwäbischer, sondern auch österreichisch-steirischer Adel scharte. Noch ein Jahrhundert später, um die Mitte des 16., berichtet die Zimmerische Chronik 120): »Mechthilds Wesen und Hofhalten ist aller Freuden und Wollusts, so man erdenken und gehaben mochte, überflüssig voll gewesen; hätte auch Frau Venus Berg können genannt werden, darin man spricht so viel Freuden sein; — sie hat zu Rottenburg grosse Höfe, auch köstliche Fastnachten gehalten« und ich führte schon an, dass dieselbe Chronik in Mechthilds Rottenburger Hofleben das Vorbild für Hermanns von Sachsenheim Schilderung des Venusberges gefunden zu haben meinte. So wenig das letztere wahrscheinlich 121), so wenig glaubhaft ist nun aber auch, was an eben diesem Orte 122) sonst über [028] Mechthild erzählt wird. Nach dieser Quelle soll Mechthilds Lebenswandel mehr als anstössig gewesen sein 123). Geschichten schmutzigster Art werden uns von ihr berichtet, aber so, dass man deutlich sieht, dem Chronisten ist es mehr um den schmutzigen Inhalt als um die historische Wahrheit zu thun, wie er denn auch sonst ein ausserordentliches Gefallen an Schwank- und Scherzgeschichten derbsten Genres zeigt und nur mit Vorsicht zu benutzen ist, ohne dass damit der culturgeschichtliche Wert der Quelle herabgesetzt werden soll. Freilich schlimme Gerüchte über Mechthild gingen schon bei ihren Lebzeiten um 124); wir werden aber nach dem sonstigen Bilde der Fürstin vollauf das Recht haben, ein gut Theil solcher Gerüchte auf Klatschgeschichten zurückzuführen und ihnen keinen grösseren Wert beizulegen. Mechthild, die ihrer Umgebung geistig weit überlegene Frau, die nach aussen wie im eigenen Lande stets gleich energisch auftretende fürstliche Wittwe mag, eben weil sie sich auf einem höheren Standpunkte fühlte, gelegentlich freierer Sitte, als sie sonst einer verwittweten Frau eingeräumt zu werden pflegt, gehuldigt haben 125). Wir dürfen gern zugeben, dass der Sinnlichkeitstrieb stark bei ihr ausgeprägt war; nie und nimmer aber verträgt sich mit ihrer feinfühligen Denkart das Rohe und Gemeine, ja eckelhaft Schmutzige, dessen sie der Zimmerische Chronist zeiht und auch die sonstige allgemeine Achtung, ihr frommes Gemüt, die innig kindliche Verehrung ihres Sohnes Eberhard, auf den sich die Liebe für Kunst und Wissenschaft vererbte, sprechen entschieden gegen solche Beschuldigungen.

     Ich glaube, um dieser Anklagen willen bedarf es keiner Ehrenrettung. Erzherzogin Mechthild ist des Andenkens wert 126), das ihr insbesondere ihre Residenzstadt Rottenburg [029] bewahrt hat, wo sie noch am Ausgang des 17. Jahrhunderts 127) vom Volke mit dem traulichen Namen des »Fräuleins von Oesterreich« — schon dem Volkslied des 15. Jahrhunderts war sie unter diesem Namen bekannt 128) — genannt wurde. Sie gehört zu den bedeutendsten Frauen ihrer Zeit.


ANMERKUNGEN.

Für die obigen Blätter, die mit geringen Abänderungen einen im December vorigen Jahres in der Tübinger Dienstagsgesellschaft gehaltenen Vortrag wiedergeben, sowie für die folgenden Anmerkungen haben mich das kgl. Haus- und Staatsarchiv und die kgl. öffentliche Bibliothek zu Stuttgart, sodann das städtische Archiv zu Esslingen und das Rottenburg-Ehinger Pfarrarchiv mit handschriftlichen Materialien bereitwilligst unterstützt. Den verehrten Vorständen genannter Anstalten spreche ich hiermit auch öffentlich meinen wärmsten Dank aus.

1) Litterarischer Sinn lässt sich am pfalzgräflichen Hofe zu Heidelberg seit der Mitte des 14. Jahrhunderts nachweisen. Im Jahre 1365 schrieb Johann von Speyer für Ruprecht I. von der Pfalz (1309—1390), den nachmaligen Stifter der Heidelberger Universität, Rudolfs von Ems Weltchronik und das Leben der h. Elisabeth ab (Barack Die Handschriften der fürstl. Fürstenbergiscben Hofbibliothek zu Donaueschingen S. 63 ff). Im Auftrage der Pfalzgräfin Elisabeth (1340—1382), Ruprechts Gemahlin, entstand 1370 der schöne Codex Palat. 24 der Predigten Bertholds von Regensburg (Wilken Gesch. der Heidelbergischen Büchersammlungen S. 318 f. Pfeiffer-Strobl Berthold von Regensburg 2, 280). Mechthilds Vater Ludwig III. (1378—1436), ein Freund gelehrter Priester (daher solamen sacerdotum genannt), erlernte noch im Greisenalter die lateinische Sprache. Noch heute besitzt die Heidelberger Bibliothek mehrere deutsche und lateinische Handschriften, die dieser Pfalzgraf »auf der Burg zu Heidelberg« (Cod. Palat. 61) hatte [030] abschreiben lassen (Wilken a. a. O. S. 95). Mechthilds Bruder, Pfalzgraf Friedrich I. der Siegreiche (1415-1476), ein Mann von ungewöhnlicher Bildung und grosser Empfänglichkeit für Kunst und Wissenschaft, insbesondere ein Freund der Musik, war der erste deutsche Fürst, der nach italienischem Muster Hof hielt; seine Hofhistoriographen Matthias von Kemnat und Michael Behaim, welch letzterer kurze Zeit auch in Diensten Erzherzog Albrechts VI. (Quellen und Forschungen zur vaterl. Geschichte, Litteratur und Kunst, Wien 1849, S. 19 Vers 95f.) und Eberhards von Würtemberg, des Sohnes der Mechthild, stand, verherrlichten in überschwenglich-schmeichlerischer Weise die Thaten ihres Gönners und setzten ihn über die berühmten Helden des Alterthums. Den humanistischen Studien hold begünstigte Friedrich den Wanderpoeten Peter Luder und ein gewisser Ariginus sehnte sich von dem Hofe des Markgrafen Johann des Alchymisten auf der Plassenburg, wenn auch vergeblich, in die Nähe des freigebigen Heidelberger Pfalzgrafen. Vgl. GVoigt Die Wiederbelebung des classischen Alterthums 2 (1881), 296 ff. Am Hofe desselben Pfalzgrafen Friedrich und dessen Nachfolgers Philipp (1448-1508, regierte seit 1476) wirkte seit 1472 auch Johann (Grumelkut) von Soest (1448-1506) als Sing- oder Kapellmeister, nachdem er sich vorher zwei Jahre in Cassel beim Landgrafen Ludwig von Hessen, dem Gemahl von Mechthilds gleichnamiger Tochter (Martin Hermann von Sachsenheim (137. Publication des Stuttg. Litt. Vereins) S. 216 Vers 5600 ff Zeitschr. für deutsches Alterthum 6, 42 Str. 57), bis zu dessen Tode (1471) aufgehalten hatte. Am Heidelberger Hofe übertrug derselbe Johann von Soest den Roman Margarete von Limburg aus dem Niederländischen in deutsche Verse. Vgl. Koberstein 5. Aufl. I, 304. 302, 4. Wilken Gesch. d. Heidelb. Büchers. S. 337. Auch Mechthilds Vetter Pfalzgraf Otto II. von Mosbach (1435-1499) war Bücherfreund, s. oben S. 10 f.

2) Machtildis - devota mulier in Deum et sancta in pauperesque piissima Joh. Trithemii Chronica insignia duo (Frankfurt 1601) 2, 358.

3) Aeneas Silvius, der spätere Pabst Pius II, lobt den sittlichen Einfluss, den Mechthild auf ihren Gemahl geübt habe: Ludovicus [031] in iuventute admodum enormis fuit, libidini ac voluptati deditus. sed ubi uxorem duxit, mores mutavit, alterque vir effectus multa probitatis ostendit indicia. hi fratres (Ludwig und Ulrich V. der Vielgeliebte) viros doctos et praesertim theologos diligunt (De viris illustribus ed. Stuttg. Lit. Verein I, 55). Nicolaus von Wyle spendet ihm in seinen Translationen 283. 25 f. das Lob: der so wărhaft gewesen ist, daz sine wort für brief und sigel wurden geachtet.

4) Der schwäbische Ritter Georg von Ehingen (Allgem. deutsche Biographie 5, 695 ff.) berichtet in seinen Reisen nach der Ritterschaft (Stuttg. Lit. Verein 1, 7) von Albrechts Hofhaltung in Schwaben: der selbig hertsog Albrecht hett nun vil treffelicher lewt und hielt kostlichen, fürstlichen, ja wol königlichen hoff. Aus den Jahren 1454 und 1455 erzählt derselbe Ritter (S. 15): min gnediger her hett der zyt och kain sundere handlung, dann dasz sin gnaden zu Rottenburg, och zuo Fryburg an seinem hoff mit rennen, stechen, dantzen und der glych, och sunst ander iebung in frölichait volbringen liesz; darzuo ich dann och mein best dett und gar emsiglich an sollicher arbat war.

5) Am 3. Juni 1459 waren Albrecht und Mechthild zusammen in Augsburg und wurden dort reich beschenkt. Vgl. EMartin Erzherzogin Mechthild, Gemahlin Albrechts VI. von Oesterreich. Versuch einer Lebensgeschichte, in der Zeitschr. der Gesellschaft für Beförderung der Geschichts-, Alterthums- und Volkskunde von Freiburg u. s. w. 2, 163 f. Vgl. Anm. 7.

6) Die Commissäre des Herzogs Christof, die die Ueberführung der Gebeine Ludwigs und Mechthilds sowie einer früh verstorbenen Schwester Christofs, Anna († 1530), vom abgebrochenen Güterstein nach Tübingen leiten sollten, fanden Mechthilds Ueberreste zerstreut. Die Ueberführung fand am Sonntag nach Jubilate 1554 statt und alsbald wurde auch verordnet, die grabstain herüber zu fieren und zu ergenzen. Mit der Arbeit wurde Meister Josef Schmid von Urach (1550-1555 oder 1556) betraut, von dem auch die Grabdenkmäler Eberhards im Bart und Herzog Ulrichs herrühren; er erhielt 112 Pfund Heller, starb aber während der Arbeit. In diese trat im Jahre 1556/7 Meister Jacob Woller von [032] Gmünd (1556-1569) ein. Er musste um 91 Pfund Heller den Grabstein für Mechthild ausbessern, dann der amm herüberfiern vom Gieterstain etwas beschedigt worden, und zwei ganz neue für Graf Ludwig und das »Fröli« machen. Die Ausbesserung muss sich auf die ganze Figur Mechthilds, die nicht aus einem Stein mit dem Paradebett sondern nur hineingelegt ist, beziehen, denn auf der Zeichnung des Grabmales von Güterstein hat sie die Hände gefaltet und eine andere Anordnung des Mantels. Dem älteren Kunstgeschmacke entsprechend wurden die drei Grabsteine von Hans Schickart bemalt und vergoldet. Vgl. GBunz Die Stiftskirche zu St. Georg in Tübingen 1869, S. 74-76. Wintterlin Die Grabdenkmale Herzog Christofs u. s. w. in der Festschrift zur vierten Säcularfeier der Eberhard-Karls-Universität zu Tübingen, dargebracht von der Königlichen öffentlichen Bibliothek zu Stuttgart 1877, S. 24. 25. 22. Anm. 4. Klemm Württembergische Baumeister und Bildhauer bis ums Jahr 1750 in den Württemb. Vierteljahrsheften für Landesgeschichte 5 (1882), 145. 146. - Der Doppelgrabstein Ludwigs und Mechthilds zählt zu den vorzüglichsten Schöpfungen der Zeit und ist voll Adel, Schönheitsgefühl und Leben. Der Graf liegt in edler Ruhe da, in voller Rüstung, den Helm auf dem bartlosen kriegerischen Haupte, die linke Hand am Schwerte; seine Gemahlin mit dem sanften Antlitz nimmt mit der einen Hand den Mantel auf, dass er im herrlichsten Faltenwurf niederwallt, während die andere sanft auf der Brust ruht. Vgl. Lübke Geschichte der Plastik, 2. Aufl. S 752. Beschreibung des Oberamts Tübingen 1867, S. 223. Bunz a. a. O. S. 76. Der Doppelgrabstein trägt die Umschrift: Anno Domini MCCCCLIIII (statt 1450) illustrissimus familiae Wirtembergensis comes Ludovicus senior IX. kalendas octobris (statt 24. Sept.) murtuus et in aede beatae Virginia ad Bonum lapidem sepultus ab eodem principe Christophoro officiosae pietatis ergo Tubingam huc traductus est. eadem pietate et ratione huc quoque tralata est  D. Mechtildis Palatina Rheni ac Bavariae dux clarissimi Ludovici senioris coniunx suavissima quae licet post Alberto Austriaco nupsisset defuncta tamen Haydelbergae anno MCCCCLXXXII kalendis octobris (statt 22. August) evidentissimo sinceri amoris argumento illic cum priore marito [033] et eodem hic simul conditorio reponi placuit. Eine Abbildung des Doppelsarcophages gab Sattler Gesch. des Herzogthums Württemberg unter der Regierung der Graven 2 (1775) nach S. 174, Tafel IV, auch Gärt Die Grafschaft Hohenberg (s. Anm. 12), Theil 1 Abschnitt 2 Tafel I. S. 354.

7) Ich durfte mich hier um so kürzer fassen, als EMartin in seiner Anm. 5 genannten Abhandlung in sorgfältigster Weise Alles zusammengestellt hat, was sich bisher über Mechthilds Leben ermitteln liess. Ein weiteres Suchen meinerseits in Stuttgart und Rottenburg hat nichts irgendwie Erhebliches zu Tage gefördert. Was ich im Folgenden biete, will nicht mehr sein als eine weitere Ausführung des fünften Abschnittes bei Martin: »Mechthilds Beziehungen zur schönen Litteratur«.

8) Trithemius. Annales Hirsaugienses (1600) 2, 513 sagt von Mechthild: haec vidua huic monasterio Hirsaugiensi fuit ut mater et multa illi bona fecit; vgl noch Martin a. a. O. S. 181 f.

9) Es sei gestattet, hier eine bisher ungedruckte Urkunde vom 30. März 1467 mitzutheilen als Probe für die Art, in der Mechthild mit ihren Unterthanen verkehrte.

Wir Mechthild geborn phalezgrafin by Rein von gottes gnaden Erezherezogin Zu Osterrich etc. wittwe Embieten allen herren gaistlichen vnd weltlichen, insunder allen prelaten bröbsten Techan Camerern kirchern vnd namlich allen andern vnsern amptlüten vnderntanen vnd getrwen vnser fruntschafft grus gnad vnd allecz gůt zuuor Vnd Ihnen vch zu wissen; Als in kureze die stat Heremberg, mit selbs für angegangen, gar nahe gancz vszgebrunen ist vnd sunder daz hospital daselbst, das da gestifftet ist in der ere des almechtigen gottes, dez hailigen gaistes, Deshalben Die armen dürfftigen, bisher in dem selben spital erneret, Ir wanung vnd lybnarung als bisher nit haben mögen, das nw die armenlüte betrachtet haben vnd vnderstanden das gemelt spital wider zu bauen zu lob got dem almechtigen vnd den vorgemelten armen durfftigen zu notdurft, das aber dem grossen mercklichen schaden nach Inen zugestanden In Irem vermögen nit ist, Herumb so bitten wir üch all vnd üwer yeglichen besonder, das Ir dis gegenwertig boten das almusen daran zu bitten fürdern vnd In üwer milte hantreichung tůn wollent zwey Jare die [034] nechsten. das wollen wir über den lone, den ein yeglicher gegen got erholen mag, vmb üch och gern beschulden vnd gnediglich erkennen. Geben zu Rotemburg Vnd mit vnserm Angehengten Insigel besigelt an Montag nach dem hailigen Ostertag Anno dm Milesimo quadringentesimo Sexagesimo septimo. Pergamenturk. mit einem Siegel (Staatsarchiv zu Stuttgart).

10) Gedruckt von Martin a. a. O. S. 255 ff. vgl. 175 ff.

11) Püterichs Ehrenbrief, Strophe 8 in der Zeitschr. f. deutsches Alterthum 6, 33 und Martin a. a. O. S. 177.

12) Sie hat – auch den schönen Brunnen, der bey St Martinskirchen uf dem Markht stehet, machen lassen Christoff Lutzen von Lutzenhart Chronik der Herrschaft Hohenberg und Stadt Rottenburg 1608 Bd. 4 (Staatsarchiv zu Stuttgart), Dr. Weitenauer Liber traditionum St. Mauritii bis 1678 S. 139 (Pfarrarchiv zu Rottenburg-Ehingen). Gärt Die Grafschaft Hohenberg 1 (1779), 10 (Stuttg. kgl. öffentl. Bibliothek Hist. Fol 638). Im gotischen Stile erheben sich drei Reihen von Figuren unter Baldachinen, durch Säulen getrennt, über einander: am Fusse stehen drei 5 Fuss hohe Standbilder, ein Kurfürst von der Pfalz mit Wappenschild und gelber Fahne, ein anderer Fürst in reichem blaugoldenem Mantel, ein dritter in einfacher Ritterrüstung; höher, die Standbilder der Mutter Gottes, St. Martins und St Georgs; oben St. Johannes, Christus als Ecce homo und Maria als Mater dolorosa. Es ist ein Original-Bauwerk, das sich an die prachtvollsten des Mittelalters reihen darf. Die Renovierung, die 2500 Gulden kostete, leitete der Architect Georg Eberlein, ein Schüler Heideloffs. Vgl. Martin a. a. O. S. 178 und Heideloff Die Ornamentik des Mittelalters 3 Band oder 13-16 Heft (1847) S. 25 f. und ebenda Tafel XVI, Pl. I a, wo die Sternblume auf der Spitze abgebildet ist. Eine photographische Wiedergabe des Ganzen findet sich in Paul Sinner’s Sammlung Schwäbischer Baudenkmale und Kunstarbeiten, Tübingen. Druck von Fues. Heft 2. Gothik.

13) Weitenauer a. a. O. S. 136. 139. Martin a. a. O. S. 178. Haszler Chronik der kgl. würtemb. Stadt Rottenburg u. Ehingen am Neckar 1819 S. 122. Ueber Hans Schühlein (Schüchlin, Schielin), der von 1468-1503 blühte und wahrscheinlich seit 1483 Schwiegervater [035] des ausgezeichnetsten Meisters der Ulmischen Malerschule, des Bartholomäus Zeitblom war vgl. Schnaase Geschichte der bildenden Künste im 15. Jahrhundert cd. WLübke (1879) S. 419 f. 421 ff. KDHassler Ulms Kunstgeschichte im Mittelalter 1864. S. 117. Von Schühlein rührt das 1468 gemalte Altarwerk in der Kirche zu Tiefenbronn (zwischen Calw und Pforzheim) her. »Ist es vielleicht auch auf Veranlassung der Erzherzogin Mechthild dorthin gestiftet?« An diese vom verstorbenen Professor BStark herstammende Vermuthung reihe ich mit Martin (Freiburger Zeitschrift 3, 208) eine andere desselben Gelehrten. »Ob das Altarwerk in Rottenburg nicht in den Tafeln desselben Meisters vorliegt, welche in der Sammlung des Fürsten von Sigmaringen sich vorfinden?« Vgl. über letztere Fürstlich Hohenzollernsches Museum zu Sigmaringen. Verzeichniss der Gemälde. Von Hofrath Lehner. Sigmaringen 1871, S. 44 ff. und desselben Photographische Edition von 50 der bedeutenderen Gemälde des Museums zu Sigmaringen, Stuttgart, Eduard Ebner 1868. Nr. 1-7. [Nachträglich theilt mir Herr Dr. von Lehner auf meine Anfrage gütigst mit, durch tiefere Forschung sei es jetzt ausgemacht, dass jene Sigmaringer Tafeln gar nicht dem Meister Schühlein angehörten. Eine Tradition will wissen, dieselben seien früher in Pfullendorf gewesen.]

14) Lutz von Lutzenhart Bd. 4. Vgl auch Weitenauer a. a. O. S. 139 sie erwüste dem Stift Sant Maurizien vil Gnaden und Gutthaten.

15} Der Münchner Hof blieb lange ein hartnäckiger Anhänger des Alten. Für Herzog Albrecht III. (1401-1460), einen Freund der Musik und des Gesanges, bei dem auch Michael Behaim eine Zeit lang Aufnahme fand (Karajan Behaims Buch von den Wienern S. XLII), und seine Gemahlin Anna von Braunschweig übertrug Dr. Johannes Hartlieb (Allgem. deutsche Biographie 10, 670 ff.) u. a. im Jahre 1444 die Alexandergeschichte in Prosa und im Auftrage Herzog Albrechts IV. (1447-1508) frischte Ulrich Fürtrer um das Jahr 1487 noch einmal die Hauptdichtungen der Tafelrunde auf (Allgem. deutsche Biographie 8, 271).

16) Ueber die Lebensverhältnisse Hermanns von Sachsenheim vgl. Uhlands Schriften zur Geschichte der Dichtung und Sage 2, 246 ff. Martin a. a. O. 186 f. 237 ff. Martin Hermann von Sachsenheim [036] S. 11 ff. Über das Geschlecht vgl. noch Beschreibung des Oberamts Vaihingen 1856, S. 153 ff.

17) Vgl. Martin a/ a. O. S. 187,2. 215,77. 219,98. Würtemb. Jahrbücher von 1872, 2 Theil S. 5.

18)

O welt, du hast gelassen mich,
mein schilt und helm hangt under sich.
mein wappenrock ist staub und erdt!
gelebt ich ye in deinem wertt,
das hat sich nun vercheret gar!
o herr, nymm meiner sele war,
und auch dein keusche muoter zart!
jung man, geporn von meiner art.
lasz dir ze sünden nit wesen gach,
ir wüssent sicher all hernach.

Vgl. Haltaus Liederbuch der Clara Hatzlerin S. 278 Vers 209 ff. Martin Hermann von Sachsenheim S. 10. 13 f. Germania 15, 96. In einer handschriftlichen Beschreibung der Stiftskirche im Staatsarchiv in Stuttgart finde ich folgende Angabe gelegentlich der Besprechung der dortigen Grabdenkmäler: Auf der Borkirche unterhalb der Orgel ligt das Sachsenheimische Wappen in Stein gehauen, steht darin die Jahrahl 1471. Anno 1458 am Guten Tag vor St. Bonifacii Tag starb der Streng und Vest Hermann von Sachsenheim Ritter, dem Gott and Maria gnedig sey. Amen. Das Wappen ist unter sich gekehrt und einer von Sachsenheim in Stein gehauen, kniend, dabey die Jahrzahl 1501. Anno 1508 starb der Streng und Vest Herr Hermann von Sachsenheim Landhofmeister des Alten Herrn Hermanns Sohn an St. Othmars Abend. Trotz eingehendsten Nachforschungen hat es nicht gelingen wollen, diese Grabdenkmäler wieder aufzufinden, weder in der Stifts- noch in der Spitalkirche. Vermuthlich sind sie abgebrochen oder sonst weggekommen.

19) Von der Grasmetzen gedruckt bei Haltaus Liederbuch der Clara Hätzlerin S. 279 Nr. 72, vgl. Uhland a. a. O. 2, 245. Hermann von Sachsenheim S. 10.

20) Ausser den beiden im Text genannten Allegorien und dem Anm. 19 genannten Gedichte gehören noch dem Hermann von Sachsenheim an: Das Schleiertüchlein, Jesus der Arzt und Der [037] goldene Tempel, letzterer nach dem Muster der goldenen Schmiede Konrads von Würzburg von Hermann in seinem neunzigsten Lebensjahre (1455) verfasst. Der Spiegel (bald nach 1451) und das Schleiertüchlein sind gedruckt bei Holland und Keller Meister Altswert (Stuttg. Litt. Verein 21) S. 129 ff. 203 ff.; die Mörin (1453), der goldene Tempel und Jesus der Arzt bei Martin Hermann von Sachsenheim. – Betreffs einer Anmerkung Martins (Erzherz. Mechthild S. 188, 3 vgl. S. 258) möchte ich beiläufig darauf hinweisen, dass in der Tübinger Matrikel vom Jahre 1483 sich ein Johannes Spangenlang de Rotenburgo verzeichnet findet (Urk. zur Gesch. der Universität Tübingen in den Jahren 1476-1550 S. 488); wegen spanne und spange vgl. Weigand Deutsches Wörterbuch, 3. Aufl. 2, 748.

21) Ausführliche Inhaltsangabe bei Uhland a. a. O. 2, 220 ff. Die Wiener Handschrift 2946 der Mörin scheint aus der Kanzlei Albrechts VI. von Oesterreich resp. Mechthilds zu stammen, vgl. Martin Hermann von Sachsenheim S. 2. Barack Zimmerische Chronick, 2. Aufl. 3, 8, 30 Anm.

22) Holland und Keller Meister Altswert S. 200, 16 ff.

23) Martin Hermann von Sachsenheim S. 169 Vers 4050 ff. S. 229 Vers 6042 ff.

24) Ebend. S. 5 ff.; über die Holzschnitte handelt Springer in der Abhandlung von Hugo Lörsch Der Process in der Mörin des Hermann von Sachsenheim, ein Beitrag zur Geschichte des gerichtlichen Verfahrens im 15. Jahrhundert. Separatabdruck aus dem Bonner Festgruss an CGHomeyer 1871 S. 6 f.

25) Martin Hermann von Sachsenheim S. 1.

26) Barack Zimmerische Chronik, 2. Aufl. 1, 454. 8ff. 3, 8, 23 ff. Wegen 2, 581, 10 f. vgl. Martin u. a. O. 187, 2.

27) Martin Hermann von Sachsenheim S. 19 f.

28) Ebenda S. 169 Vers 40480ff.:

‚Wer sien die von Wirtenberg?‘ –
ich sprach, es syen graufen gnot
lang zitt geborn von hoher art.
‚besunder yetz von frouwen zart
wirt ir geslecht von hohem stamm.
wie wol sie hond nit fürsten namm,

[038]

so sind sie doch wol ir genosz
an land und lüten; manhait grosz
der hand ir vordern vil geton.

Ganz ähnlich urtheilte Acneas Silvius. vgl Stälin Wirtemb. Gesch. 3, 443 Anm. 2.

29) Martin Hermann von Sachsenheim S. 26 ff

30) Ebend. S. 29 f.

31) Die Püterich waren eines der ältesten und angesehensten Bürgergeschlechter zu München; im Jahre 1347 besass Ludwig Püterich das zwischen München und Ingolstadt gelegene Schloss Reichertshausen, nach dem sich dann ein in den Adelsstand erhobener Zweig der Familie nannte. Vgl. Chroniken der deutschen Städte 2, 25 Anm. 1. Adelung Jacob Püterich von R. S. 3 Anm. Jacob Püterich von Reichertshausen, den wir in den Jahren 1393 bis 1396 mit Augsburger Bürgern in Rechtsstreitigkeiten finden (Chroniken der deutschen Städte 4. 99 ff. 188 ff. 5, 47 ff. Wilken a. a. O. S. 518), war wol der Vater unseres Püterich. Letzterer ist 1400 geboren (Ehrenbrief Str. 137. 145) und lag 1420 mit K. Sigmund vor Prag (ebenda Str. 51). Am 27 Januar 1441 begegnet er als bairischer Rat in einer von Jörg von Gundelfing, Hofmeister des Herzogs Albrecht III. von Baiern, zu München ausgestellten Urkunde (Monumenta Boica (Pollingana) 10, 171); in gleicher Eigenschaft kam er am 22. Juni 1450 mit Pfalzgraf Friedrich I., Mechthilds Bruder, bei der Teidigung zu Bamberg zusammen (Quellen und Erörterungen zur bair. und deutschen Gesch. 2. 216. 8, 128. Chroniken d. deutschen Städte 2, 232, 11). Am 19 März 1451 erhielt Jacob Püterich v. R. indulgentias ad altare S. Erasmi in ecclesia parochiali beatae Mariae Virginis in Monacho und am 21 März desselben Jahres indulgentias ad altare S. Christophori in domo sororum de tertia regula S. Francisci ebenda, vgl. Mon. Boica 20 (Mon. eccles. ad D. Virginem), 383. 19 (Mon. monasterii Püterich). 290 f. Um 1487 beklagt Ulrich Fürtrer unsern Püterich als verstorben (vgl. Anm. 15 und 48) und im Jahre 1500 ging der Rittersitz Reichertshausen in andere Hände über. vgl. Adelung a. a. O. S. 3. Ueber das Geschlecht vgl. noch die Indices zu Band 19 und 20 der Mon. Boica; über die Monumenta Monasterii Püterich ebenda 19, 235 ff. [039] 32) Das Geschlecht der von Parsberg erwähnt Püterich auch in seinem Ehrenbriefe Str. 35, vgl. noch Wig. Hund Bayrisch Stammen Buch der ander Theil (1598) S. 201 ff, Chroniken der deutschen Städte 2, 604a. 15. 618b Mon. Boica im Index zu Band 1-14. Adelung Jacob Püterich von R. S. 4 Anm. vermuthete unter obiger Margareta von Parsberg Margareta, Schenckinn von Reicheneck, Gemahlin Wernhers von Parsberg.

33) Püterichs Ehrenbrief ist zuletzt ediert von Karajan in der Zeitschr. für deutsches Alterthum 6, 31 f. Vgl. Unland a. a. O. 2, 250 f. Martin a. a. O. 189 ff. Ein schlecht wiedergegebenes Bildniss Püterichs findet sich bei Duellius, dem ersten Herausgeber des Ehrenbriefes: Excerpta geneal. S. 263.

34) Vgl. zu diesem Absatz Ehrenbrief Str. 6. 8. 80-82. 13. 145. 58. 127 ff.

35) Vgl. ebenda Str. 4. 9. 18. 15. 19. 20. 22. 27. 23-26.

36) Vgl. ebenda Str. 29-73. besonders 29. 30. 56. 57. 53. 47. 51. 52. 61 ff. Für das Folgende vgl. Str. 74-90.

37) Von den beiden Dichtern Wierich vom Stein und Hans von Helmstadt, die Püterioh persönlich nicht zu kennen bedauert, wissen wir sonst nichts (Ehrenbrief Str. 76-79). Ein Wierich (Winrich) von Stein wurde 1461 vom Erzbischofe von Mainz Adolf II., Grafen von Nassau, in Botschaft an den Pfalzgrafen Friedrich gesandt, vgl MBeheims Reimchronik Str. 513 in den Quellen und Erörterungen zur bair. und deutschen Gesch. 3, 90. Kremer Gesch. Friedrichs des Siegreichen v. d. Pfalz S. 256. Martin a. a. O. 191, 1; in Mechthilds Rechnungsbuch (Martin a. a. O. S. 264) erscheint der Stainer. ain edelmann von Stain und ainer vom Stain waren nach der Zimmerischen Chronik (2. Aufl. 1, 454, 26) in Mechthilds nächster Umgebung. Zwei Schwestern des Wierich vom Stein, den Pütcrich »der Bücher Haupt« d. h. den Verfasser des berühmtesten der Bücher, »die von der Tafelrunde Wunder sagen«, nennt, erinnert sich unser Ritter einst anlässlich seiner Turnierfahrt nach Köln gesehen zu haben; auf letzterer sei auch Mechthilds erster Gemahl Graf Ludwig von Württemberg zugegen gewesen. – Ein Hans von Helmstadt war Hofmeister des Kurfürsten Ludwig, des Bruders Friedrichs von der Pfalz und der Mechthild; [040] bei einem Vertrage vom 9. März 1449 zwischen Ludwig und Friedrich, den Graf Ludwig von Würtemberg vermittelte, war er anwesend, vgl. Quellen und Erörterungen 2, 214; in Diensten Friedrichs von der Pfalz begegnet derselbe im Jahre 1460 (Kremer Urkunden zur Gesch. Friedrichs des Siegreichen S. 200), im Jahre 1462 unter den bei Seckenheim gefangenen Rittern auf Seiten des Markgrafen Karl von Baden (ebenda S. 277 vgl. 298). Vgl. auch Chroniken der deutschen Städte 2, 447, 17. 18. 25, wo ein Hans von Helmstadt auf Seiten Ulrichs von Württemberg. – Ueber Heinz von Rechberg, der nach Ehrenbrief Str. 83. 84 Briefe in poetischer Form verfasst haben muss, vermag ich nichts Näheres zu sagen. Ein Heinz von Rechberg erscheint urkundlich 1450 (Quellen und Erörterungen 8. 101). Heinrich von Rechberg wird im Ehevertrag zwischen Ludwig und Mechthild vom 25. November 1419 als würtemb. Rat aufgeführt (Martin a. a. O. S. 227). Vgl noch Heinrich von Rechberg in den Chroniken der deutschen Städte 2, 608b. Ueber Veit von Rechberg, den die Zimmerische Chronik (2. Aufl. 1, 454, 27) in Beziehungen zu Mechthild nennt, vgl. Martin a. a. O. 179. 4. Eine Frau von Rechberg war Gevatterin Eberhards und trug bei dessen Taufe am 18. December 1445 das Kind aus dem Gemache der Mechthild (Memminger Würtemb. Jahrbücher 1828, 435 f.).

38) Gemeint ist Pfalzgraf Otto II. von Mosbach (1435-1499).

39) Gemeint ist Meister Konrads von Stoffel Gauriel von Muntavel, vgl. Kobersteln, 5. Aufl. 1, 175. In einer zweiten Nachschrift (Ehrenbrief Str. 126. 127) erfahren wir später, dass Püterich »das Buch vom Bock« erhalten und sofort dem Pfalzgrafcn Otto übersandt hat; er meint aber, die Dichtung könne nur »Gäuchen und Sotten« gefallen; da sei doch Wolfram von Eschenbach etwas ganz anderes!

40) Ritter Ulrich von Flädnitz erscheint in einer Urkunde K. Friedrichs vom 6. Juli 1463 als dessen Diener (Martin a. a. O. 192, 4); ihn nennt auch Michael Beheims Buch von den Wienern ed. Karajan S. 137, 17 zum Jahre 1462.

41) Vgl. Wilken Geschichte der Heidelbergischen Büchersammlungen S. 103 f. 110. [041] 42) Es war dem Püterich dieses Verzeichnis« überbracht worden von Erasmus von Tor (Str. 96. 97). Erasmus (Erasm, Asem) vom Tor (der Thorer, Thorrer, Toraer) begegnet häufig in bairischen Urkunden in den Jahren 1444 (Mon. Boica 6, 340. 18. 431.). 1445 (MB. 6, 454). 1449 (MB. 20, 367). 1450 (MB. 8, 312. 20, 375. 389). 1454 (MB. 20. 450). 1455 (MB. 6, 341. 10, 455). 1461 (MB. 6, 343). 1465 (MB. 6, 474). 1468 (MB. 20, 600). 1474 (MB. 18, 563), meist mit der näheren Bezeichnung E. v. Tor zu Eyresburg, Stadtrichter zu München. 1462 erscheint derselbe als herzoglicher Kammermeister (MB. 21, 186). Wol ein anderer E. der Torer zu Aussenhofen urkundet 1430 (MB. 20, 247. 249). Ueber das Geschlecht s. noch die Indices zu Bd. 19 und 20 der Mon. Boica und Wig. Hund Bayrisch Stammen Buch der ander Theil S. 326 ff. Des Johannes Pütrichs zu Pasing Tochter war die Frau Caspars vom Tor zu Eyresburg, eines Sohnes des obigen, häufig vorkommenden Erasmus (MB. 20. 619 zum J. 1472) Ein anderer Caspar des Geschlechtes war 1411 Pfleger des nahe bei Reichertshausen gelegenen Pfaffenhofen (MB. 20, 298). — Nach Str. 96 scheint es fast, als habe Mechthild davon gewusst, dass Püterich mit einem poetischen Briefe für sie beschäftigt war, und ihn in einem von Erasmus von Tor überbrachten Schreiben zur Vollendung desselben gedrängt. In eben demselben mag sich Mechthild dann wenn auch nicht erschöpfend über den Bestand ihrer und ihres Vaters Bibliothek ausgelassen haben.

43) Die 23 Werke (Str 98. 99) sind folgende: ins 13. Jahrhundert reicht nur 1) Ulrichs von Eschenbach Wilhelm von Wenden (verfasst zwischen 1289—1297) zurück. Poetische und Prosa-Uebersetzungen französischer resp. niederländischer Romane sind 2—5) fünf Lanzelotbearbeitungen, von denen Püterich nur die des Ulrich von Zazikhofen (Str. 102) besass, 6) Florimund, 7) Flordamur, 8) Malagis, 9) Reinald von Montalban, 10) Margareta von Limburg, 11) Bühelers Königstochter von Frankreich, 12) Griseldis, 13) Melusin, 14) Pontus von Galicien, 15) Ritter Herpin; didaktischen und legendenhaften Inhalts 16) Minneburg (wenn so für Himpurg zu lesen sein sollte, vgl. die Heidelberger Handschriften 385. 455 und Wackernagel Litteraturgesch. 2. Aufl. S. 373. 454), 17) Katharina [042] von Siena, 18) Tundalus; endlich als neueste Litteratur 19) Hermanns von Sachsenheim Mörin aus dem Jahre 1453 (vgl. Anm. 21) und 20-23) die vier ersten Translationen des Nicolaus von Wyle aus den Jahren 1461 und 1462. Vgl. zu dieser Zusammenstellung WScherer Die Anfänge des deutschen Prosaromans und Jörg Wickram von Colmar S. 16 ff. vgl. 9 f. 12. 73. Es ist gewiss kein Zufall, wenn der überwiegend größte Theil der hier aus Mechthilds Bibliothek genannten Werke sich gerade auf der Heidelberger Bibliothek handschriftlich erhalten hat, gelegentlich sogar in mehreren Exemplaren eines und desselben Werkes, obwol meines Wissens keine Handschrift ein directes Zeugniss für ihre Herkunft aus Mechthilds Bibliothek beizubringen vermag — eingehendere Untersuchung verlohnte sich immerhin —, so wäre es doch möglich, dass uns im heutigen Bestande Abschriften Mechthild’scher Exemplare vorlägen. Ueber testamentarische Bestimmungen betreffs Mechthilds Bibliothek verlautet nichts, vgl. Martin a. a. O. S. 173.

44) Für diesen Abschnitt vgl. Str. 91—116.

45) Vgl. Str. 117—125. Unter den Hofleuten, die den alten Püterich zum Besten hatten, wird auch Jan von Selitz (lies Sedlitz) genannt Dieser war bairischer Rat unter Herzog Albrecht III. und begegnet in den Jahren 1441 und 1444 in Urkunden des Jörg von Gundelfing, Hofmeisters des Herzogs, vgl. Mon. Boica 10, 171, 13, 448, an erster Stelle zusammen mit unserem Püterich. Seine Gemahlin war Agnes von Rech(en)berg, die 1455 als Wittwe des Hofmeisters Albrechts von Baiern und Pflegers zu Vohburg Joh. von Sedlitz urkundet, vgl. Mon. Boica (Schyrensia) 10, 598.

46) Vgl. Str. 127 ff.

47) Uhlands Schriften zur Geschichte der Dichtung und Sage 2, 254.

48)

O got wûr ich geleret
der selten kunst (nämlich wie Medea sie besass) auch wol!
mein fürsten vil geheret
wolt ich auch machen ein grossen cuppen vol.
es war auch Jacob Pütrich mir genesen
und maister Cunradt, der ie was plind
und meines fürsten organist ist gewesen.

Vgl. v. Aretin Beiträge 9 (1807), 1227. [043] 49) Wie einst das poetische Epos so ging auch die neue Prosa-Litteratur von den Niederlanden aus. Vgl. Gervinus Gesch. d. deutschen Dichtung 5. Aufl. 2. 336 f. Elisabeth, Gräfin zu Nassau und Saarbrücken, Tochter Margaretas von Widmont und Herzog Friedrichs von Lothringen, übersetzte in den Jahren 1407 und 1437 die Romane Loher und Maller und Hug Schapler, vgl. Allgem. deutsche Biographie 6, 18 f. Eleonore, des Königs Jacob I. von Schottland Tochter, seit 1448 Gemahlin des Erzherzogs Sigismund von Oesterreich, übersetzte »ihrem Gemahl zu Lieb und Wohlgefallen« den französischen Prosaroman von Pontus und Sidonia, der 1485 zuerst gedruckt wurde. Ihr widmete Heinrich Steinhöwel 1473 seine Uebersetzung des Boccaccio De praeclaris mulieribus, ihrem Manne seine Aesop-Uebersetzung. Persönliche Beziehungen Eleonorens zu Nicolaus von Wyle, die möglicherweise bestanden, sind bis jetzt nicht nachweisbar. Hiernach ist Allgemeine deutsche Biographie 6, 5 zu berichtigen. Vgl auch HKurz Deutsche Dichter und Prosaisten I, 9. Der Prosaroman, vom Adel angeregt, wandte sich anfänglich auch nur an die adligen Kreise. Der in der Anm. 1 genannte Joh. von Soest sagt ausdrücklich, dass er nur für Herren und Adel dichte. Die bürgerlichen Uebersetzer, die ohne adlige Anregung arbeiten, kommen erst mit dem 16. Jahrhundert auf. Vgl. Gervinus 4. Aufl. 2, 207. WScherer Die Anfänge des deutschen Prosaromans S. 21.

50) Ueber Nicolaus von Wyle vgl. Adelbert von Keller’s Ausgabe seiner Translationen als 57. Publication des Stuttg. Litt. Vereins 1860 und die daselbst S. 365 aufgeführte Litteratur, zu der noch hinzuzufügen ist: Heinrich Kurz Deutsche Dichter und Prosaisten, 1. Abth. S. 1 ff. Joh. Müller im Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit 26 (1879), 1 ff.

51) Lessing ed. Lachmann 10, 367.

52) Translationen ed. Keller 351, 22. Das Geschlecht von Wyle begegnet im Aargau schon im 12. Jahrhundert.

53) Nicolaus von Wyle’s Vetter war Heinrich Effinger, Bürger und vom Rate zu Zürich, dem die 6. Translation — Poggio’s Tractat Ob einem alten Manne gezieme ein Weib zu nehmen 123, 1 ff. — gewidmet ist; Nicolaus verfasste sie 1463. Heinrich [044] Effinger war in den Jahren 1448—1467 Zunftmeister in Zürich, vgl. Archiv für schweizerische Geschichte 2 (1844), 116. 134. Geschichtsfreund 4, 306, an welch letzterem Orte auch ein Johanns von Wil, gleichzeitig (1467) mit ihm von diesem Amte zurücktretend, begegnet. Ein anderer Heinrich Effinger war 1509 Schultheiss der Stadt Zürich, Arch. für schweizerische Geschichte 2 (1844). 168, über weitere Glieder des Geschlechtes vgl. ebenda S. 179b und Geschichtsfreund 23. 303.

54) Translationen 158, 32.

55) Ueber Felix Hemmerlin (1389 - c. 1460/1461) vgl. Allgem. deutsche Biographie 11, 721. Translationen 157, 1 ff. NvWyle rühmt von ihm, Hemmerlin habe ihm, während er in Zürich Schulmeister gewesen und auch noch später, mehr Gutes gethan, als ihm sonst nach Vater und Mutter von irgend Jemandem zu Theil geworden wäre (158. 31 ff.) Vgl. auch Augustin Tünger’s Facetiae ed. Keller, 118. Publicarion des Stuttg. Litt. Vereins 1874, S. 16. 87. LGeiger Renaissance und Humanismus in Italien und Deutschland S. 329 f.

56) Translationen 9, 6. 10, 23f. Wir wissen nicht, aus welchen Gründen NvWyle sein Heimatland verliess. Er ging von Zürich zunächst nach Schwaben (351, 13) und verweilte 1444 in der Gegend des Klosters Salmannsweiler (Salem), von dem ihm damals und seitdem dauernd viele »Gnaden und Gutheiten« zu Theil wurden, so dass er noch nach 30 Jahren in Dankbarkeit sich daran erinnerte (336, 14 ff.) Vgl HKurz Niclasens von Wyle zehnte Translation, Aarau 1853, S. 4, In Nürnberg besassen NvWyle und seine Frau Christina das Bürgerrecht (11, 2 ff.); letztere wird auch in der Bestallungsurkunde NvWyle’s zum Kanzler vom 16. Dec. 1469 genannt, Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit 26 (1879), 2. Vgl. noch Translationen 337, 25 f.

57) Ueber Gregor von Heimburg (f 1472) vgl. Allgem. deutsche Biographie 11, 327. Translationen 9, 6 ff. 10, 21 ff. GVoigt Enea Silvio de’ Piccolomini 2, 349 ff. Desselben Wiederbelebung des classischen Alterthums, 2. Aufl. 2, 286 ff. LGeiger Renaissance und Humanismus in Italien und Deutschland S. 330 f. [045] 58) Im Jahre 1450 wurde NvWyle von der Stadt Esslingen nach Baden, 1453 nach Nürnberg und an den kaiserlichen Hof geschickt, vgl. HKurz a. a. O. S. 5. Aus den im Esslinger Archiv aufbewahrten die Concepte amtlicher Schreiben enthaltenden Missivenbüchern, die zum grossen Theil von NvWyle’s Hand herrühren, entnehme ich noch, dass NvWyle verschiedentlich (1455-1456. 1460. 1461. 1463. 1467) in Baden bei Markgraf Karl die Interessen seiner Stadt vertrat. 1456 war er längere Zeit in Wiener-Neustadt, 1457 in Nürnberg, 1459 in Pforzheim, 1460 in Cannstatt, 1461 in Ueberlingen und Constanz. Allein die Aktenstücke, die uns den jedesmaligen Bestimmungsort angeben, sind verschwindend an Zahl gegenüber denen, die sonst noch die Abwesenheit des Stadtschreibers voraussetzen. Die geschäftliche Gewandtheit und Tüchtigkeit des Mannes wird wiederholt durch Actenstücke bezeugt. So z. B. sandte die Stadt am 17. April 1461 ihrem abwesenden Stadtschreiber Briefschaften in Sachen eines Caspar Stöben und Hans Ebner, jedoch nicht das vollständige Material. so sint die ding, heisst es im Begleitschreiben, so ylens zů gangen, das Johannes nit mer dann den ainen brief so bald konnen finden, wir mainen aber, das Ir gestavlt der sachen sust genůgsamenlich syen vnderrichtet. hierumb begeren wir an uch der sachen halb Rat zŭ haben, was fure dar Inn Zu schriben, zu tun oder Zu lassen syg. das kimpt vns von uch Zu dancke. In einem Schreiben der Stadt vom 8. August 1463 dankt sie dem Nicolaus von Wyle für »getreuen Fleiss« und ein Brief vom 13. August desselben Jahres lautet: JhS. xps. Dem Ersamen vnd wysen Nicolausen von Wyle vnnserm Stattschriber. Vnnser fruntlich dienst zuvor, lieber stattschriber. vff daz schriben, so Ir vns yetzo zů gesant hand, wissen wir zů den dingen dar Inn gemelt dismals nichtzit zů tůn. Sunder lassen die In Irem bestand Vnd sagen úch uwersz getruwen flissezs, den wir dar Inn von úch erkennen gebrucht sin, flissigen danck. Bittende, ob Ir vnser sust yendert rede oder zů argem gedencken horten, vns dar Imm zům getrúlichisten vnd besten zů verantworten, als wir ain besonder vertruwen vnd nicht zwyfel haben, Ir selbsz zů tůn genaigt sigen, daz wollen wir mit willen fruntlich vmb úch gedienen. Verschiedenlich erbaten sich fürstliche Personen, die mit der Stadt [046] Esslingen Beziehungen unterhielten, deren Stadtschreiber leihweise. Am 29. Juni 1460 antwortete die Stadt der Erzherzogin Mechthild auf ihre Bitte, ihr den Stadtschreiber zu schicken: wie wol vnser statschriber nit anhaimisch ist, so versehen wir vns doch siner zůkůnft vor der zit der rechttagen In uwerm schriben bestimpt, den wir als dann nach uwer gnaden beger vff die zit schicken wollen, danne wir sint genaigt uwern fürstlichen gnaden zu aller zit gepurlich gefallen zu bewysen. Auf die gleiche Bitte derselben Fürstin antwortete die Stadt um Ostern 1465 zusagend, am 28. April 1467 ablehnend, indem sie bedauerte, das vnser Stattschriber diser zit nit anhaimsch vnd yecz etlich zyt vszgewesen ist, wir wölten In anders ewern furstlichen gnaden gern geschickt haben. In zwei Schreiben vom 25. März 1463 musste die Stadt dieselbe Bitte dem Grafen Eberhard dem Jüngeren und Markgrafen Albrecht von Brandenburg abschlagen - letzterer hatte um Entsendung der Esslinger Ratsbotschaft zu sich nach Dinkelsbühl ersucht —, da die Brüder Georg »Erwählter und Bestätigter« zu Metz und Markgraf Marx zu Baden ihres Stadtschreibers, der morgen zu ihnen abreiten solle, bedürften und zwar bezüglich der gefengknūsz irs bruders, vnsers gnedigen herrn margrafen karlis (vgl. Allgemeine deutsche Biographie 15, 231). Erwähnt sei endlich noch folgendes Schreiben der Stadt vom 10. Juli 1466 an Graf Ulrich von Würtemberg und seine Gemahlin Margareta von Savoyen von wegen vnsers statschribers, úch den zů ainem ritte etliche zyt ze lychen. — wie wol wir etlicher rechten halb vf vns yetz stênde vnd fremd lút antrêffend vnd ouch von des wegen, dasz wir yêtz ain Jarsrechnung vnd vnser aempte vnd rête von núwem endern und besetzen tůn, nit wol sin enbearen mugen, noch dann vf úwer gnaedig ernstlich schriben hetten wir Im soelichen ritte verwiliget, wo Inn bloedikait sins lybs vns wol bekant vnd wissend zů disen zyten hier an nit teatt hindern, als Ir das In syn selbs schriften auch werden verneamen. dar vm so woellen úwer gnaeden von vns das nit anders danne zů gůt verstean, sunder gelovben daz wir In soelichem mindern vnd meren ouch mit vnserm littenlichem schaden den selben úwern gnaeden gern dienstlich gefallen woelten beweysen. — Das Esslinger Archiv bewahrt auch die Pergamenturkunde von Nicolaus von Wyle’s Hand aus dem Jahre [047] 1465, die den Vertrag zwischen ihm und der Stadt enthält: Ich Niclaus von wyle Bekenn offenlich vnd tůn kund mit disem brief, Als die Ersamen fúrsichtigen vnd wysen Burgermaister vnd Ravt grosser vnd klainer der Statt Esselingen Mine lieben herren Mich vmb fúnftzig guldin Jerlichs, vf etlichen zilen mir zu geben, min lebtage zů Irem statschriber ampte, das zu uerweasen, bestellet hant Mit etlichen gedingen, fúrworten vnd vnderschaiden, als das ain briefe Mir von Inen versigelt geben klerlich besait, das Ich mich da hinwider vm gegen den selben minen herren vnd Ir statt wolbedavcht vnd frygs gůten willens verpflicht vnd begeben hab vnd yetz verpflicht vnd begib In craft disz briefs, Inen an soelichem ampte die wyle Ich das durch mich vnd mine diener, so Ich ye zů zyten bestellet hab oder haben wirt, verwesen mag vnd Ich hier zů an lyb vnd vernunft gůt vnd túgig bin, vnd ob mir dar an merklicher bruch sin wurd, sust mit minen raeten vnd anderm getrúlich dienen sol vnd wil min lebtag, die wile Ichs vermag, vngeuarlich vnd der statt nutze vnd fromen fúrdern vnd schaden warnen vnd vm sachen, die sich zů zyten sölichs mines dienstes begeben wurden gegen den Iren recht, vor Ir statt amman vnd gerichte geben vnde neamen, neamen vnde geben vnd Mich des vngeweagert wol benuegenn laessen, ouch mich vm brief vnd schafflen (?) gegen den Iren glychen lonenn fflyssen. ob aber des zwúschen mir vnd sölichen span entstuend, was dann die selben mine herren deshalb ye entschaiden wurden, dar by soelt es belyben vnd bed parthian des kenůgig stean alles vngeuarlich, vf das Ich ouch soelichs, so ob stavt, getrúlich vnd vnzerbrochenlich zu halten mit vfgebotnen fingern lyplich zů got vnd sinen hailigen geschworn hab vnd Inen des disen brief mit minem anhangenden Insigel versigelt geben vf frytag, der da was der zwain vnd zwaintzigost tage des Mertzen In dem Jare do man zalt von Crists gebúrt tusemt vierhundert vnd fúnf vnd sechtzig Jare.

59) do mir vor zyten vil wol geschickter Jüngling, erberer vnd fromer lüten kinder ouch etlich baccalary von manchen enden her zue tische in min cost wurden verdinget, die in obgemelter kunste schribens vnd dichtens ze Instituwieren ze leren vnd ze vnderwysen u. s. w. Translationen 9, 14 ff. Einem seiner Esslinger Schüler Hans Harscher — sein Vater war wol Hans Harscher der Aeltere, Rat der [048] Grafen Ludwig und Eberhard von Würtemberg (Quellen und Erörterungen zur bair. und deutschen Gesch. 2, 283 zum J. 1457) — sandte Nicolaus noch im Jahre 1478 von Stuttgart aus, als Harscher schon Mitglied des Ulmer Rates war. seine früher für seine Schuler niedergeschriebenen Lehren und Unterweisungen im Gebrauch der Titel, in der Syntax und Orthographie (349. 1 ff. Nr. 18 der Translationen; sie wurde 1528 zu Landshut nochmals gedruckt), wie denn die Schriften des NvWyle auch sonst gerade für die deutsche Grammatik von Wert sind, vgl. 7. 25 ff. 10, 30 ff. 15, 15 ff. Vgl. über letzteres auch Keller in seiner Ausgabe der Translationen S. 366. Eduard Niemeyer im Programm der höheren Stadtschule zu Crefeld 1852 (vgl. Kurz a. a. O. S. 17. Nachträgliche Bemerkungen) HRückert Gesch. der neuhochdeutschen Schriftsprache 1, 181. 392. 397. Joh. Müller Quellenschriften und Gesch. des deutschsprachlichen Unterrichts bis zur Mitte des 16. Jhs., Gotha 1882, S. 14. 278 ff.

60) Am 3. September 1449 urkunden in Esslingen zusammen Maister hainrich Stainhöwell doctor in der Ertznyg. Niclas von wyle Statschriber, Anzeiger für Kunde deutscher Vorzeit 26 (1879), 3 Ueber Heinrich Steinhöwel, der gleiche schriftstellerische Ziele wie NvWyle verfolgte, vgl. AvKeller Decameron von Heinrich Steinhöwel, 51. Publication des Stuttg. Litt. Vereins 1860. S. 673 ff. Heinrich Kurz Deutsche Dichter und Prosaisten I, 20 ff. Wackernagel Litteraturgesch. 2. Aufl. S. 447 Anm. 169. S.454 ff. S. auch oben Anm. 49. Martin a. a. O. 194, 1. Directe Beziehungen zu einander erhellen weder aus Steinhöwels noch aus NvWyle’s Schriften, doch s. Anm. 70.

61) Im Einzelnen s. Kurz a. a. O. S. 6 f., der aus handschriftlichen Materialien des Esslinger Archivs geschöpft hat. Das erste Schriftstück in diesem Zwist zwischen der Stadt und ihrem Schreiber datiert vom 11. Juni 1469 und ist an den Markgrafen Karl von Baden gerichtet. Es lautet: Gnediger Herr, Hutt morgens als uwer gnaden Raet Von vns vsgeritten sind, haben wir vnsers Stattschribers In vnserm Rate gemangelet, Vnd ist vns angelangt, Er syg ze fůsz hinab bis gen wyler Vnder vnser Statt gelegen gangen. alda syg er vff ain pferd gesessen vnd von einigen wirtembergischen empfangen. aber was In [049] dar zů bewegt hab, wissen wir nit. das wollen wir uwern furstlichen gnaden nit verhallen, ob vwer gnad etzit deshalb anlangen wurd, Vns das wissen zu lassen: des glgch wollen wir auch tůn. dat. dominica ante Viti et Modesti A° LXIX. (Missivcnbuch aus den Jahren 1466-1474 Bt. 128b der neuen Zählung). Am 1. Juli 1469 bittet die Stadt den Markgrafen vndertenig, ir von dem man zů helffen (ebenda Bl. 130b), am 6. Juli erklärt sie sich damit einverstanden, wenn der Markgraf dem NvWyle gelait wol geben vnd zůfügen will — damit wir von dem man gütlich geschaiden werden und zwar »je eher je lieber« (ebenda). — Vgl. noch Translationen 221, 6. 248, 23 ff. 315, 15 ff.

62) Vgl. Translationen 7, 5. Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit 26 (1879, 4 ff.

63) Das Jahrzeitenbuch des ehemaligen Chorherrenstiftes in Zürich giebt nur den 13. oder 15. April ohne Jahr an (Kurz Deutsche Dichter und Prosaisten 1, 8). Die Vorrede zur Sammlung der Translationen datirt vom 5. April 1478 (12, 20 f.). Am 7. Februar desselben Jahres hatte er in einem Briefe über die grösse vnd schwere seines Körpers geklagt (336, 30).

64) In dem leider nicht datirten Vorwort zu seiner Ausgabe der Briefe des Aeneas Silvius nennt sich NvWyle sacri Lateranensis palatii et aulae imperialis consistorii comes, aber auch nur hier. Kurz NvWyle’s zehnte Translation S. 4. 8. 14, 30. — In gewissem Sinne passt auch auf den deutschen Humanisten NvWyle, was JBurckhardt Die Cultur der Renaissance in Italien, 3. Aufl. 1, 272 von den italienischen sagt: »Der Secretär muss nicht nur von Styles wegen ein guter Lateiner sein, sondern umgekehrt: nur einem Humanisten traut man die Bildung und Begabung zu, welche für einen Secretär nöthig ist. Und so haben die grössten Männer der Wissenschaft im 15. Jahrhundert meist einen beträchtlichen Theil ihres Lebens hindurch dem Staat auf diese Weise gedient«.

65) Nicolaus von Wyle’s mehrmonatlicher Aufenthalt in Wiener-Neustadt (vgl. übrigens auch Anm. 58) muss in das Jahr 1463 fallen (332, 32 ff.), als Katharina von Baden und die Kaiserin Leonore den Kampf der habsburgischen Brüder K. Friedrich und Erzherzog Albrecht beizulegen sich bemühten. Der Tulner Landtag vom 22. [050] September sollte die Aussöhnung ins bessere Geleise bringen. Auf ihm war, wie Michael Behaim in seinem Buch von den Wienern (ed. Karajan 335, 17 ff. 338, 7 ff.) berichtet, Graf Hugo von Montfort zugegen:

den het fraw Katrein marggrevin,
dy von Baden, gesendet hin.
dy was des kaisers swester und
des herzaget. dy selben stund,
da sy daz het vernumen,
sy hin gen Wien was kummen
und het geren dise zwitreht
zwuschen irn pruderm gemacht sleht. —
und ainr hiess Peter von Talham
der auch zu dieser taiding kam.
der marggreffin von baden so
ist er hofmaister gewest do.

Vgl. Krones Handbuch der Geschichte Oesterreichs 2 (1877), 391 f. JChmel Reg. Friedrich IV. S. 407 Nr. 4024. Allgem. deutsche Biographie 1, 289. Nicolaus rühmt (333, 16 ff.) von der Markgräfin, sie führe die Palme aller Ehrbarkeit, Zucht und Tagend, und lobt insbesondere ihr glückliches eheliches Leben, die Liebe zu ihrem Gemahl und ihren wolerzogenen Kindern. Ein für die Erkenntnis ihres Charakters lehrreicher Brief Katharinas an ihren ältesten Sohn Christof (1453-1527), den Nachfolger Karls I., findet sich gedruckt in den Festreden zur Säcularfeier der Geburt des höchstseligen Grossherzogs Karl Friedrich zu Baden, Freiburg 1828, S. 92, muss daselbst aber falsch datirt sein (1503), da die Markgräfin schon 1493 starb. — Ein anderes Ereigniss desselben Jahres 1463 erwähnt Nicolaus (333, 1 ff.), um seiner Verehrung für die Kaiserin Leonore Ausdruck zu geben. Er erzählt von ihr, wie sie in dem wichtigen Momente, als den Ungarn ihre Krone gegen die Summe von 85000 Gulden (von denen die Kaiserin 5000 erhalten sollte), wieder zurückgegeben wurde, eine so schöne, von wahrem Adel und Charaktergrösse zeugende Rede gehalten, dass Graf Hugo von Montfort zu ihm und den andern Räthen und Dienern der Markgräfin gesagt habe, diese Rede verdiene mit goldenen Buchstaben [051] aufgezeichnet zu werden. Ueber die historische Begebenheit s. Mailáth Gesch. der Magyaren 3 (1829), 45 f. Fessler Geschichte von Ungarn, 2. Aufl. 3, 30 ff. 37 f. Krones a. a. O. 2, 408. Ein gleichzeitiges Lob der Kaiserin auch im Archiv für Kunde Österreichischer Geschichtsquellen 19 (1858), 178. 190 Anm. 58.

66) Barbara, die Tochter des Johannes Alchymista von Brandenburg (1403-1464) und der Barbara von Sachsen (1404-1465) ist geboren 1423 und gestorben 1481. Sie war seit November 1433 vermahlt mit dem Markgrafen von Mantua Lodovico Gonzaga (1414-1478), dem Sohne des Gian Francesco (1395-1444) und der Paola Malatesta von Rimini († 1449). Ueber die litterarischen Bestrebungen des Gian Francesco und Lodovico Gonzaga zu Mantua und auf der Plassenburg bei dem Markgrafen Johannes Alchymista vgl. GVoigt Die Wiederbelebung des classischen Alterthums, 2. Aufl. 1. 536 ff. 2, 296 f. Würtemb. Jahrbücher von 1872, 2. Theil S. 4. Barbara, die deutsche Fürstin, war in Mantua die gelehrige Schülerin Vittorinos da Feltre (1397 — 1446. vgl. über ihn JBurckhardt Die Cultur der Renaissance in Italien, 3. Aufl. 1. 255 ff.), unter dessen Leitung sie eine gründliche Kennerin des Lateinischen und Griechischen wurde. Ihre lateinischen Briefe in die Heimat zeichnen sich durch eleganten Styl aus und Albrecht von Eyb (1420-1475) rühmt von ihr in seinem 1472 geschriebenen Ehestandsbuch Ob ainem manne sey zu nemen ain Eelichs weib oder nit, dass sie vierer zungen sprach geleert und gewaltig ist geweszt zu reden, als Teutscher irer müterlicher zungen, Wälscher, lateinischer und kriechischer. Und ist auch gelert geweszt der poeten und natürlichen maister geschrifft, die sy durch ir grosz sinn und weiszheit hat erlangt, dardurch sy billich und mer ander ir tugend, damit sy got begabt hat, nit genug gelobt mag werden. Unser Nicolaus von Wyle preist in seinem »Lob der Frauen« (1474) die Weisheit und hohe Vernunft der Markgräfin zu Mantua »Madonna Barbara«, die sie befähigten, für ihren gleichfalls hochgebildeten, aber meist im Felde liegenden Gemahl Land und Leute zu regieren. Sie handele und walte nach eigenem Ermessen und so, dass Niemand sie in etwas tadeln könne, vielmehr jeder sie mit dem grössten Lobe feiern müsse (332. 4 ff.). Auf Aeneas Silvius, der [052] als Pabst im J. 1459 in Mantua anlässlich des Fürstencongresses, den er zum Zwecke eines Türkenkreuzzuges einberufen hatte, verweilte, hatte Barbara solchen Eindruck gemacht, dass er sie in seinen Schriften an Schönheit, Anmuth und Keuschheit ihrer Grossmutter Elisabeth von Baiern gleichstellte; er nennt Barbara moribus et forma laudabilem und an anderer Stelle praestanti animo ac ingenio femina et quae dominandi artem calleret. Vgl. ferner über sie Jacobus Bergomensis De claris mulieribus, Ferrara 1497, cap. 174: De Barbara inclita muliere principis Mantuani conjuge. Nicolaus von Wyle ist »zweimal in Botschaft eines Fürsten« bei der Markgräfin gewesen und hat sie »reden, ratschlagen, Antwort geben« und diese ihre Ratschläge derart begründen gehört, »dass«, fährt er fort, »ich und mein Mitgeselle ihre Gnaden darum mehr bewundern mussten als wir sie nach Gebühr zu loben vermöchten« (332, 10 ff.). Fragen wir, zu welchen Zeiten Niclasens zweimalige Sendung stattgefunden haben mag, so lassen sich hierfür nur Vermuthungen aufstellen. War Nicolaus etwa auf jenem Mantuanischen Fürstencongresse des Jahres 1459? Dort, am Hofe des Markgrafen Lodovico und der Markgräfin Barbara, weilten damals Aeneas Silvius, Gregor von Heimburg. Bianca Maria Sforza und deren Tochter Hippolyta als Gäste; sie alle waren Nicolaus bekannt, vgl. Anm. 67 und GVoigt Enea Silvio 3. 43 ff. Oder war Nicolaus mitbetheiligt an den Ende 1473 oder Anfang 1474 von Georg von Ehingen geführten Vorverhandlungen zur Verlobung des Grafen Eberhard im Bart mit Barbara Gonzaga, der Tochter unserer Markgräfin? Nur die Vorverhandlungen könnten in Betracht kommen; die Verlobung und Vermählung selbst fand Anfang April 1474 statt. NvWyle’s Lob der Frauen trägt aber bereits den 23. Februar dieses Jahres als Datum. Vgl übrigens PFStälin Die Heirath des würtembergischen Grafen, nachherigen Herzogs Eberhard im Bart mit der Markgräfin Barbara Gonzaga von Mantua im Jahre 1474 in den Würtembergischen Jahrbüchern von 1872, 2. Theil S. 3ff. Kurz Deutsche Dichter und Prosaisten 1, 5 vermuthete aus NvWyle’s Worten 332, 10 ff. eine Dienstzeit desselben beim Kurfürsten von Brandenburg. Zu dieser Vermuthung sei noch auf ein Schreiben hingewiesen, das die Stadt Esslingen zwischen dem 30. [053] October und 3. November 1457 nach Nürnberg an ihre Ratsfreunde Erhart Sachs und Hermann Weinschenck sowie ihren Stadtschreiber Niclas von Wyle richtete: liben frúnd, úwer schriben vns getan haben wir vernomen und ist vns die hinschaidung vnserer gnadigen frowen von Brandenburg (Margareta von Baden, erster Gemahlin des Albrecht Achilless von Brandenburg) In truwem laid, Als wol Billich ist, vnd woellen auch dem laid glych tuon mit luten vigilien, selmeszen vnd anderm, so vns beduncken wirt zuo trost Ire sele, der got der Almachtig erbarmhertzigkait mittailen woll, vnd vnser gnedigen herrn ere vnd vnserm lobe gepurlich sin, vnd Begern auch an vch, ob Ir vnser gnadig heren Als von vnsern wegen nit geclagt haben, das des dann noch tun wöllen, wie gepurig ist. Missivenbuch aus dem Jahre 1455-1460 Bl. 216a. Zur ganzen Anm. vgl Bernhard Hofmann Barbara von Hohenzollern, Markgräfin von Mantua. Ein Lebensbild aus dem 15. Jahrhundert, im 41. Jahresbericht des hist. Vereins für Mittelfranken, Ansbach 1881, S. 1 ff. Ueber ein Bildnis dieser Fürstin auf einem von dem berühmten paduanischen Meister Andrea Mantegna im Jahre 1474 gemalten Frescogemälde, das sich in der Camera dei sposi im Castello di corte in Mantua befindet, hat soeben Director Julius Friedländer im Jahrbuch der Königl. preussischen Kunstsammlungen 4, 49 ff. Bericht erstattet und gleichzeitig einen Holzschnitt nach dem Fresco und eine fein ausgeführte Radirung nach dem Kopfe der Fürstin beigegeben.

67) Vgl. Translationen 332. 15 ff. Bianca Maria war die Tochter und Erbin des Filippo Maria Visconti, Herzogs von Mailand († 1447), des letzten seines Geschlechtes, und die Gemahlin Francesco Sforza’s. Herzogs van Mailand (1401-1465), dem sie durch ihre politische Begabung und ihren kriegerischen Muth zu dem beinahe vollen Besitz seines Landes, das bereits ganz verloren war, wieder verhalf. Sie begleitete ihren Gemahl auf seinen Kriegszügen; war doch ein männlicher Geist, ein männliches Gemüth das Ruhmvollste, was einer italienischen Fürstin damals nachgesagt werden konnte! Ihre Schönheit und Tugendhaftigkeit rühmt Aeneas Silvius, ihre Liebenswürdigkeit und Leutseligkeit hat Nicolaus von Wyle an sich selbst erfahren. Am Hofe ihres Gemahls wirkte als Lehrer ihrer »wie Engel [054] des Himmels anmuthigen« Kinder Galeazzo Maria († 1476) und Hippolyta der Ciceronianer Guiniforte da Barzizza, der diese in der Grammatik und in den Zierlichkeiten der lateinischen Sprache unterwies und der Verfertiger der Reden war, die sie schon als Kinder vortragen lernten. Galeazzo Maria Sforza, Francesco’s Nachfolger, vermählte sieh 1466 (?) mit Dorothea Gonzaga (geb. 1450, gestorben 1468?), der Tochter der Markgräfin Barbara von Mantua (s. Anm. 66). Hippolyta, die spätere Gemahlin Konig Alfons’ II. von Aragonien und Neapel, wurde im Griechischen von Konstantinos Laskaris unterrichtet. Als auf dem Fürstencongresse zu Mantua im Jahre 1450 die Markgräfin Barbara und ihre Freundin Bianca Maria Sforza am 28. Mai von Pabst Pius II. zum Fusskusse empfangen wurden, hielt die 16jährige Hippolyta eine zierliche lateinische Anrede, die allgemeine Bewunderung erregte. Ciceros Schrift De senectute, die Hippolyta im Jahre 1458 abschrieb, liegt noch heute in einer römischen Bibliothek aufbewahrt. Nicolaus von Wyle (331, 34 ff.) rühmt den reinen Styl, den Geist und die Schrift ihrer Briefe, die er wiederholt bei Mechthild gesehen hatte und im Auftrag der Fürstin beantworten musste. Vgl. GVoigt Die Wiederbelebung des classischen Alterthums, 2. Aufl. 1, 525. 594. Desselben Enea Silvio 3, 44 f, Bernhard Hofmann in der Anm. 66 genannten Abhandlung S. 13 f. 18 ff. JBurckhardt Die Cultur der Renaissance in Italien 1, 40 ff. 270. 276 f. 2, 136 f. — Berühmt wegen ihrer lateinischen Reden war auch Madonna Battista Malatesta aus dem urbinatischen Fürstenhause, für die Lionardo Bruni von Arezzo seinen Tractat De studiis literarum schrieb, wie uns u. A. auch Nicolaus von Wyle berichtet (Translationen 8, 23—29). »Es ist«, sagt Letzterer an einer andern Stelle (331, 20 ff.) »zu unsern Zeiten in Italien eine Fürstin von Malatesta gewesen, und vielleicht lebt sie noch, die in der Poesie und der Kunst wol redens vnd dichtens (die wir nennent oratoriam) so bewandert war, dass sie sich darin den allergelehrtesten Männern ihrer Zeit gleichstellte«. Vgl. noch JBurckhardt a. a. O. 1, 348. GVoigt Die Wiederbelebung des classischen Alterthums 2, 467.

68) Vom deutschen Adel dachte Aeneas Silvius äusserst gering, vgl. GVoigt Enea Silvio 2, 342 ff. Desselben Wiederbelebung [055] des classischen Alterthums 2, 281 ff. Wie abgeneigt Anfangs der deutsche Adel insbesondere den Studien war, sehen wir aus einem Briefe des Nicolaus von Wyle vom Jahre 1469 an Albert von Bonstetten (s. Anm. 79): »Schön ists fürwahr, dass du einem uralten Stamm entsprossen, schöner dass du dich diesen Studien der schönen und ernsten Wissenschaften widmest. Denn jene haben Viele gemeinsam, dies aber ist ganz dein Eigenthum und eine persönliche Zierde. Denn du siehst ja, wie gegenwärtig Fürsten und Barone verächtlich auf die Wissenschaft herabsehen und sich solcher Studien schämen, so dass es fast ein Wunder ist, jetzt einen Gelehrten aus jener Classe zu finden. Daher ist solches Beginnen für dich um so rühmlicher, je seltener unter Adeligen und namentlich in deinem Capitel gebildete Männer zu finden sind. Fahre also fort wie du begonnen, und du wirst unsterblichen Ruhm erringen und nach dem Tode noch fortleben«. Vgl. Gall Morel im Geschichtsfreund 3, 24.

69) Für Eberhard im Hart verdeutschte Nicolaus von Wyle Poggio’s Bericht über den Märtyrertod des Hieronymus von Prag (Transl. XI), im Jahre 1469 oder 1470 (vgl. 248, 23 ff vgl. Anm. 61) Lucians Goldenen Esel nach Poggio’s lateinischer Uebersetzung (Transl. XIII, vgl. Degen Litteratur der deutschen Uebersetzungen der Griechen 2, 68 ff. und Nachtrag S. 204 ff.), im Jahre 1470 ein Kapitel aus Felix Hemmerlin’s De Nobilitate (Transl. XIV, vgl. unten Anm. 93. 94).

70) Margareta war die Tochter des Herzogs Amadeus VIII. von Savoyen (des späteren Pabstes Felix V.). Sie war seit 1445 in zweiter Ehe vermählt mit Mechthilds Bruder, dem Pfalzgrafcn Ludwig IV., dann seit 1453 nach dessen Tode (1449) in dritter Ehe mit dem Grafen Ulrich V. dem Vielgeliebten von Würtemberg, dessen dritte Gemahlin sie war. Sie ist gestorben im Jahre 1479. Nicolaus von Wyle, der für sie im Jahre 1464 des Felix Hemmerlin Contra validos mendicantes (Transl. IX) verdeutschte, rühmt in seinem der Landhofmeisterin Ursula von Absperg gewidmeten Lob der Frauen (334, 20 f.) Margareta und Elisabeth von Brandenburg (s. Anm. 71) als »des höchsten Lobes wert und in allen Tugenden so bekannt, dass es unnöthig wäre, darüber [056] ein Wort zu schreiben«. Auch deshalb unterlasse er es, um nicht der Liebedienerei geziehen zu werden. Das aber, meint er, spräche am besten für die guten Eigenschaften beider Fürstinnen, dass, sobald eine von ihnen krank würde, ihre Unterthanen in tiefstes Leid geriethen und so innig für ihre Wiederherstellung zu Gott bäten, dass er die Ueberzeugung habe, diese Gebete wären heilsamer als alle ihnen von ihren hochgelehrten weisen Aerzten verschriebenen Arzneien. Margareta stand auch im Verkehr mit Heinrich Steinhöwel (s. Anm. 60). Dieser schrieb am 27. Mai 1474 einen scherzhaften Brief an die Gräfin, worin er sie um Verzeihung bat, dass er sie bei dem Gebrauch des Liebenzeller Bades noch nicht besucht habe; er liege selbst am Zipperlein krank. Zur Abbüssung seines »Verbrechens« sandte er ihr als kostbares Geschenk 22 Pomeranzen und etliche Limonien, die er von Como erhalten hatte. Vgl. Keller Decameron von HSteinhöwel S. 676. Margareta war auch eine Bücherfreundin. Im Jahre 1477 schickte sie eine besondere Gesandtschaft nach Bern, um dort Karls des Kühnen »Betbuch wunderbars Gemächts« zu erkaufen. Vgl. Stälin Wirtemb. Gesch. 3, 760, 3.

71) Elisabeth war die treffliche Tochter des mächtigen Markgrafen Albrecht Achilles von Brandenburg (1414-1486), Cousine der Markgräfin Barbara von Mantua, seit 1467 Gemahlin Eberhards des Jüngern (1447-1504). Sie starb 1524. Vgl. Stälin Wirtemb. Gesch. 3, 555 f. 713. Translationen 334, 23 und Anm. 70.

72) Vgl. Anm. 65. Für Markgraf Karl I. (1427-1475) übersetzte Nicolaus von Wyle Boccaccio’s Griseldis (s. Anm. 85) und desselben Guiscard und Sigismonda (Decamerone IV, 1) nach der lateinischen Uebersetzung des Lionardo Bruni von Arezzo (Transl. II), im Jahre 1461 Poggio’s Trostesbrief an Cosimo von Medici (Transl. IV), endlich auch des Aeneas Silvius Abhandlung über den Wert und den Nutzen der classischen Studien (Transl. X).

73) Dr. iur. Georg von Absperg, dem Nicolaus von Wyle als seinem Gönner, Freund und Gebieter die Sammlung seiner Translationen am 5. April 1478 widmete (vgl. 7, 1 ff. 325, 4 ff.), erscheint im Fürstl. würtembergischen Dienerbuch (ed. Georgii Georgenau S. 6) seit 1471 als Landhofmeister des Grafen Ulrich: Er schrib [057] sich Doctor Cantzler und Landthoffmeister. Ihne rühmbte herr Ulrich der Wohlgeliebte, Graf zu Württemberg: Er wisse wohl, dass kein Fürst im Reich seines gleichen habe. Wenn ebenda sein Todesjahr auf 1477 angesetzt wird, so muss das ein Irtthum sein; die Zahl kann höchstens das Jahr meinen, bis zu dem Absperg das Amt eines Landhofmeisters bekleidete. Dazu stimmt der Ausdruck bei Nicolaus von Wyle 7, 7 f. vor langem, als du — lanthofmaister gewesen bist u. s. w. d. h. vor längerer Zeit, als du noch dies Amt inne hattest, da hast du mir gerathen u. s. w. Absperg mag also etwa Anfangs 1477 sein Amt quittirt haben; 1478 erscheint Bartholomäus Ludwig von Grafenegg als gräflicher Landhofmeister. Der Gemahlin des Georg von Absperg widmete Nicolaus 1474 sein selbstverfasstes Lob der Frauen (Transl. XVI).

74) Seinem besonderen und guten Gönner und Freunde Dr. Johannes Fünfer widmete Nicolaus von Wyle im Jahre 1462 seine (5te) Translation von Poggio’s Schrift Ob ein Hauswirt mehr seinen Gästen oder diese ihm zu danken hätten. Nach dem Fürstl. würtembergischen Dienerbuch S. 14. (vgl. auch S. 686) war er von 1460-1477 erster Kanzler des Grafen Ulrich von Würtemberg, vgl. Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit 26 (1879), 5. Als würtemb. Rat erscheint er 1462, Quellen und Erörterungen zur bair. und deutschen Gesch. 2, 388.

75) Ueber Jörg Rat vgl. Translationen 92, 33 f. 145, 1 ff. Martin a. a. O. S. 177, 195, 1. 257. Kurz a. a. O. S. 14, 38. Ihm sind die 7. und 8. Uebersetzung (1465) gewidmet: Die Ratschläge der sieben weisesten Athener über Alexanders Forderung Geiseln zu stellen und St. Bernhard’s Wie ein Hausvater Haus halten soll.

76) Johannes I. Stantenat war von 1471-1494 Abt von Salmannsweiler. Ihm ist die 17. Translation (1478) gewidmet: Poggio’s Rede vor dem Cardinalcollegium, als Pabst Nicolaus V. erwählt wurde.

77) Vgl. Translationen 13, 24 f. zů etlicher müssiger zyte, dero mir doch wenig verlichen wirt. 14, 33 ff. ob mir etwenne in minem ampt wenig růw und můsse durch schickung des gelückes geben wirt, vgl. 14, 35-15, 9. Die 4. Translation hat Nicolaus von Wyle in der Fastnachtszeit verfasst: dwyle mir aber diser vergangner vasnacht, [058] fyrrung halb unsers rates und gerichtes, etlich klain zyt der můsse verlichen gewesen ist, so maint ich besser und loblicher getan sin, sölich zyt ze vertryben mit erber arbait danne mit springen und tantzen, da mit ich doch nu mer kainen hanen gewinnen möcht (103, 11 ff.); die 5., wile grosz unmůsz dises vergangenen herpstes by uns ravt und gerichte abgestellet hatt und deshalb mir (der kainen wingarten hab) etlich růw und můsse verlichen wären, die ich lieber lesung der geschrift danne fuler trägkait geben wolt (113, 6 ff.). An Albert von Bonstetten (s. Anm. 79) schreibt Nicolaus einmal während seiner Stuttgarter Amtszeit in einem Briefe aus Urach, ein Beamter sei ein wahrer Sklave und er insbesondere so wenig Herr seiner Zeit, dass er nicht einmal seinen Freund besuchen könnte, wenn er gern möchte. Vgl. Kurz a. a. O. S. 7.

78) Vgl. Anm. 55 und 57.

79) Ueber Albert von Bonstetten (c. 1445-1509) vgl. Allgem. deutsche Biographie 3, 133 ff. und die dort verzeichnete Litteratur. Kurz a. a. O. S. 6 und 7. In einem Briefe aus dem Jahre 1470 lobt Nicolaus den jungen Bonstetten, »dass er den herrlichen humanistischen Studien obliege« und in demselben Jahre schreibt er ihm, dem soeben, ehe er noch Priester war, zur Würde eines Decans erhobenen: »Ich freue mich, dass du nun das Amt eines Decans bekleidest und so vor deinen Mitcapitularen so sehr erhöht wurdest. Siehe da, wie viel du durch deine Studien gewonnen hast«. Als Bonstetten nach dreijährigem Studium zu Pavia im Jahre 1474 nach Einsiedeln zurückkehrte, begrüsste ihn Nicolaus: »O du Zierde unseres Vaterlandes, schon fürchtete ich sehr, es möchte dich das verpestete Italien dahinraffen. — Ich bin ganz der Deinige und, wenn es die Grammatik zuliesse, der Deinigste. — Nur um eines bitte ich dich: vertausche nicht mich, den alten Freund, gegen neue« u. s. w. Unserem Nicolaus von Wyle hat Bonstetten um 1478 sein schwülstiges und abstruses Poema de iustitiae et ceterarum virtutum exilio (handschriftlich auf der kgl. öffentl. Bibliothek zu Stuttgart 4. Nr. 47 Blatt 92-101) dedicirt mit der Bitte, etwaige Fehler darin zu verbessern. Das Alexander dem Grossen fälschlich zugeschriebene Buch De situ Indiae beförderte Bonstetten im Jahre 1495 zum Druck und widmete es dem [059] Herzog Eberhard von Würtemberg. Am Schlusse der Widmung ruft er dem Herzog zu: vale princeps iustissime, Suevorum sidas meusque crispus Apollo. Vgl. Gall Morel im Geschichtsfreund 3, 12. 16. 37 ff. 52. 18, 35. Ueber Bonstetten, der auch mit Wernher von Zimmern in Verkehr stand, vgl. noch Zimmerische Chronik, 2. Aufl. 1, 559. 28-560, 24.

80) Vgl. darüber Kurz a. a. O. S. 8. 15 Anm. 58. S. 17.

81) Etiam tu ipse satis eum demirari, dum libi coram esset, non potueras schreibt Nicolaus von Wyle an Bonstetten, der in Rom gewesen war. Kurz a. a. O. S. 15 Anm. 57.

82) Vgl. Translationen 8, 35. 13, 18. 15, 11 u. s. w.

83) Der Brief ist wieder abgedruckt von Kurz a. a. O. S. 16 Anm. 66, vgl. S. 17 unter den nachträglichen Bemerkungen. GVoigt Die Briefe des Aeneas Silvius im Archiv für Kunde österreichischer Geschichtsquellen 16 (1856), 400 Nr. 191.

84) Der Brief des Aeneas Silvius vom 3. Februar 1454 an Nicolaus von Wyle ist veröffentlicht von Stälin in Memminger’s Würtemb. Jahrbüchern 1853. Heft 2. S. 208, von GVoigt a. a. O. (s. Anm. 83) S. 409 f. Nr. 364 — Ueber Nicolaus von Wyle als Maler vgl. Kurz a. a. O. S. 8 f. 14 Anm. 41. Kurz Deutsche Dichter und Prosaisten 1, 10, GVoigt Die Wiederbelebung des classischen Alterthums 2, 310. Schnaase Gesch. der bildenden Künste im 15. Jahrhundert ed. WLübke 1879 S. 418 n., wo nur irrig von einem hl. Michael statt hl. Christof gesprochen wird. Ueber die Combination von Malerei und Schriftstellerei im 15. und 16. Jahrhundert vgl. WScherer Die Anfänge des deutschen Prosaromans S. 37 n. 73 n.

85) Nicolaus von Wyle hat ausser den 18 Stücken seiner Sammlung noch Folgendes übersetzt aber nicht drucken lassen: 1) des Boethius Schrift De consolatione philosophiae (Transl. 7, 8 ff. 11, 33 - 12, 4), 2) des Cicero Colores rhetoricales (9, 35 ff. 364, 12 ff.), 3) des Boccaccio Griseldis (Decamerone X, 10) nach der lateinischen Uebersetzung des Petrarca für Markgraf Karl von Baden (79, 5 ff. vgl. WScherer Die Anfänge des deutschen Prosaromans S. 12. 17-73), 4) Marina (79, 14)? — In der Widmung seiner Sammlung entwickelt Nicolaus von Wyle in sehr verständiger Weise [060] die Principien, die ihn bei seinen Uebersetzungen leiteten. Wir erfahren auch Näheres über die Entstehungsgeschichte seiner Translationen. Anfänglich hatte Nicolaus nur für seine Kostgänger Uebersetzungen berühmter lateinischer gedichte, namentlich solcher verfasst, deren Lectüre seinen jungen Pflegbefohlenen lustig und kurzweilig wäre, gleichzeitig aber auch auf ihre Rede, ihren Styl nicht ohne Einfluss bliebe. Als solche Werke dann »an den Tag kamen«, sei er von einigen Fürsten und Fürstinnen gebeten worden, Weiteres zu übersetzen, welich bitte mir wavren ain gebotte und nichte ze verachten. diser beder ursachen halb, minen jungern zů gůt und das ich disen herren und frovwen irs willens ouch lebte. — hab ich sülicher translacionen etwa vil gemachet, dero ich dann als vil her navch folgent ietz lasz usgeen dinem ravte navch obgemelt (9, 19 ff.)

86) Der Esslinger Ausgabe folgten in den Jahren 1510 und 1536 eine Strassburger und Augsburger. Vgl. Panzer Annalen der älteren deutschen Litteratur 1. 106. 325. Zusätze S. 40.

87) So z.B. die dritte Translation Vom Joch der herten eygenschafft der lieb (Aeneas Silvius’ De remedio amoris), Nürnberg ohne Jahrangabe und Augsburg 1474, vgl. Panzer a. a. O. I, 54 75 f. Einzeln erschienen ausserdem Euriolus und Lucretia (erste Translation), ohne Jahrangabe mit 20 Holzschnitten. vgl. Panzer I, 53 f. und Anm. 97. Boccaccio’s Guiscard und Sigismonda (zweite Translation), Augsburg 1482. vgl. Panzer I, 131, Lucian’s Goldener Esel (13. Translation), Strassburg 1506 und 1509, vgl. Panzer Zusätze S. 105. 116. Vgl. noch Anm. 59.

88) Vgl. über diese oft gedruckte und erneute Erzählung Keller in seiner Ausgabe der Translationen zu 17, 1 (S. 368).

89) Vgl. Gervinus Gesch. d. deutschen Dichtung, 5. Aufl. 2, 363.

90) Die 9. Translation. Vgl. BReber Felix Hemmerlin von Zürich S. 125 ff.

91) Die 11. Translation. Vgl. Eduard Niemeyer in dem Anm. 59 angeführten Programme. GVoigt Wiederbelebung des classischen Alterthums 2, 480. Desselben Enea Silvio 2, 356. LGeiger Renaissance und Humanismus in Italien und Deutschland S. 105. [061] 92) Die 10. Translation. vgl. 8. 34 ff. GVoigt Enea Silvio 2, 291. Desselben Wiederbelebung 2, 467. JBurckhardt Die Cultur der Renaissance in Italien 1, 223. 258. Gervinus Gesch. der deutschen Dichtung. 5. Aufl. 2, 360.

93) Die 14. Translation. Vgl. Kurz a. a. O. S. 10 f. und desselben Deutsche Dichter und Prosaisten 1, 15 ff. BReber Felix Hemmerlin S. 37 f. 197 ff. 224 ff. Gervinus a. a. O. 2, 358. Auch die 17. Translation berührt Aehnliches.

94) Nicolaus stellt dem Grafen Eberhard die Entscheidung anheim, welcher Adel höher stehe, der der Geburt oder der, der in der Hebung der Tugend beruhe; wie er auch urtheilen möge, meint Nicolaus, in beiden Fallen stünde der Graf an erster Stelle (Transl. 283, 20 ff. 284, 11 ff.).

95) Vg. Translationen 91, 7 ff. 19 f. 92, 3 ff. 283, 28 f.

96) Vgl. Translationen 91, 1-95, 14. Ueber das Original der 3. Translation vgl. GVoigt Enea Silvio I, 440.

97) Ueber das Original der ersten Translation vgl. GVoigt Enea Silvio 2, 298 ff. 355. Desselben Wiederbelebung des classischen Alterthums 2. 310 f. Gervinus a. a. O. 2, 361 ff., vgl. auch Anm. 88. In dem Anm. 87 erwähnten Einzeldruck dieser Novelle soll nach Panzer Annalen der älteren deutschen Litteratur 1, 54 die Vorrede oder Dedication nicht an Mechthild, sondern an die Markgräfin Katharina von Baden gerichtet sein.

98) Translationen 16, 1 ff. Vgl. Stälin Wirtemb. Geschichte 3, 535 f. Allgem. deutsche Biographie 7, 597.

99) Translationen 14, 19 f.

100) Translationen 15, 11 ff.

101) Die 8. Translation, vgl. 146, 16 ff.

102) Die 12. Translation, vgl. 232, 2 ff. Ueber das Original vgl. GVoigt Enea Silvio 2, 296. JBurckhardt a. a. O, 2, 276.

103) Die 15. Translation, vgl. 314. 16 ff. 315, 13 ff. Ueber das Original, das nur theilweisc übersetzt ist, vgl. GKoerting Petrarca’s Leben und Werke (1878) S. 542 ff. Betreffs der Datirung der ohne Zeitangabe überlieferten Uebersetzung vgl. 315, 15 ff. — 315, 13-15 bezieht sieh vielleicht auf den Aufenthalt in Wiener-Neustadt im Jahre 1463, s. Anm. 65. [062] 104) Vgl. Translationen 91. 5 f. vgl. 284. 13 f. 334, 26 f.

105) Vgl. Translationen 11, 30 f. 91, 12 ff.

106) Vgl. Translationen 356, 20 — 357, 6.

107) Vgl. Translationen 332, 1 ff. der selben (Hippolyta, s. Anm. 67) briefen etlich von iren gnavden an min gnedige frovwen von Österreich frovw Mechthilten etc. usgegangen ich gesechen, gelesen und daruf iren gnavden antwort gemachet hab.

108) Vgl. Anm. 75.

109) Vgl. Translationen 334, 17 f. in irem gezimber zu hofe.

110) Vgl. Translationen 325, 1 ff. Derartige Zusammenstellungen berühmter Männer und Frauen alter und neuer Zeit waren damals Mode, vgl. JBurckhardt Die Cultur der Renaissance in Italien 1. 177. 203 ff. GVoigt Wiederbelebung des classischen Alterthums 2. 507 f. Nicolaus von Wyle war auch hierin der Nachahmer der Italiener. Wyle’s Lob der Frauen verwerthete theilweise Oberamtmann Walchner in seinem Vortrage Sechs geistreiche Fürstinnen des 15. Jahrhunderts, geschildert von einem Zeitgenossen, gedruckt in den Festreden zur Säculärfeier der Geburt des höchstseligen Grossherzogs Karl Friedrich zu Baden, Freiburg 1828. S. 81-94, wo aber manches Irrige sich findet.

111) Vgl. Translationen 333, 22 ff. und Martin a. a. O. S. 106.

112) Zum Folgenden vgl. besonders Martin a. a. O. S. 159 ff. Wenn geltend gemacht worden ist, dass man schwerlich einem Albrecht allein ein so edles Friedenswerk wie die Gründung der Freiburgcr Hochschule zutrauen möchte, so lasse ich dies Argument lieber bei Seite. Mag immerhin seine Bildung das Mittelmass damaliger Fürsten nicht überstiegen haben, so sind ihm doch litterarische Beziehungen nicht ganz abzusprechen, womit keineswegs gesagt sein soll, dass er diese aus tieferem Interesse unterhielt. Sie wären bei ihm vielleicht am ehesten auf Ruhmsucht zurückzuführen. Ich begnüge mich damit, Albrechts litterarische Beziehungen einfach zu constatiren. Aeneas Silvius schrieb für ihn eine Abhandlung über die Natur der Pferde. Vorher schon hatte er dem Herzog die äsopischen Fabeln in Prosa umgesetzt, weil ihm die Verse zu schwer verstandlich waren. Vgl. Martin a. a. O. S. 160, 3. GVoigt Enea Silvio 2, 287. 343 f. Johann [063] Hartlieb (s. Anm. 15) fertigte für Albrecht eine Anleitung zur Minnekunst (Allgem. deutsche Biographie 10, 671), sein Hofkaplan Felix Hemmerlin widmete ihm seine Schrift De nobilitate (ebenda 11,723). und auch Michael Beheim weilte eine Zeit lang an seinem Hofe (ebenda 2, 280, vgl Anm. 1).

113) Vgl. Urkunden zur Gesch. der Universität Tübingen aus den Jahren 1476-1550 S. 1. 13. 29. Ganze Sätze im Freiheitsbriefe Graf Eberhards vom 9. October 1477 sind dem Freiburger Stiftungsbrief vom 21. September 1457 wörtlich entlehnt. Vgl. ebenda S. 38. Stälin Wirtemb. Gesch. 3, 771. Martin a. a. O. S. 160, 2.

114) Vgl. Martin a. a. O. S. 160 f.

115) Vgl. Martin 3. a. O. S. 169 f. Stälin Wirtemb. Gesch. 3. 770 f. Klüpfel Geschichte und Beschreibung der Universität Tübingen (1849) S. 1 ff, Urkunden zur Gesch. der Universität Tübingen S. 9. 460. Das in seinen Einkünften wesentlich geschädigte Sindelfinger Stift, in das regulirte Augustiner Chorherren einzogen, wurde möglichst von Abgaben befreit. An diese neue Stiftung zu Sindelfingen gemahnt eine noch heute in der dortigen Kirche (früher über dem spitzbogigen Portal der den Klosterhof umfassenden Mauer, neben der Haupteinfahrt mit ihrem weit geöffneten Spitzbogen) befindliche, in einen Rahmen eingelassene, steinerne Gedächtnisstafel, welche in halb erhabener, mit gewandter Hand behandelter Arbeit zwei vor dem segnenden Erlöser knieende Personen, Mechthild (rechts) und Eberhard (links) mit ihren Wappenbildern darstellt und folgende Inschrift trägt: Illustrissima dna Mechthildis nata Palentina Renu ac archiducissa Austriae et illutris Eberhardus comes de Wirtemberg et ejusdem filius hujus sacri coenobii post prioris collegii translationem ad Tuwingen restauratores atque canonicae regulae institutores anno domini MCCCCLXXVII. Vgl. Schönhuth Kleine Chronik der Stadt und des Stiftes Sindelfingen (1834) S. 24 Beschreibung des Oberamts Böblingen (1850) 5. 227 Heideloff Die Kunst des Mittelalters in Schwaben S. 12.

116) Vgl. Martin a. a. O. S. 177. 261.

117) Lucas Spetzhart Arciumn et medicine, ac superillustris principis [064] et domine domine Mechtildis Archiducisse Austrie etc. phisicus Urkunden zur Geschichte der Universität Tübingen S. 25. 26. 461. Vgl. Martin a. a. O. S. 177. 255.

118) Vgl. Urk. z. Gesch. d. Univers. Tübingen S. 461. Ueber das Geschlecht und Wappen des Antonius von Pforr vgl. Germania 9. 227 f. 10, 145 ff. Fürstenbergisches Urkundenbuch 3, 352 (Urk. 474 Anm. 2). In Sachen einer Esslinger jüdischen Bürgers verhandelt die Stadt Esslingen am 11. April 1455 mit Antonius von Pforr. Dekan zu End(r)ingen (unweit Freiburg), der als ain gemainer commissari und gesatzter richter heren hertzog Aulbrecht von Osterrich jenen Juden zur Verantwortung nach Breisach geladen hatte (Esslinger Missivenbuch aus den Jahren 1455-1460 Bl. 45a. 46b 47ab) und noch am 22. Januar 1467 in Endingen das Decanat versah (Martin a. a. O. S. 209. 52). Am 16. Mai und 13. October 1458 erscheint Anlonius von Pforr in zwei von der Erzherzogin Mechthild zu Rottenburg ausgestellten Urkunden, von denen die erstere über Streitigkeiten zwischen Probst, Chorherren und Cappelan zu Ehingen und der Stadt Rottenburg, die zweite über solche zwischen Probst und Chorherren des Stiftes zu Horb und der Stadt Horb entscheidet. In beiden Urkunden werden genannt vnsers lieben herren vnd gemachels (Erzherzog Albrechts) vnd vnser raete Thuring von Halwilr Murschalck vnd Hoptman, Merck von Hailfingen der Junge, Anthong von pforr Techan, Maister Matheus Humel (letzterer der Universität Freiburg erster Rector). Beide Urkunden (auf Pergament) befinden sich im Staatsarchiv zu Stuttgart. Als Rat des Herzogs Sigmund von Oesterreich urkundet AvPforr am 11. November 1458 zu Freiburg im Breisgau (Schreiber Urkundenbuch der Stadt Freiburg 2, 434, wo irrig in der Ueberschrift 18. Februar 1454 als Datum angesetzt ist), als Dechant und Executor des Testamentes der Mechthild am 10. Juni 1468 (Martin S. 212, 63), als Kirchherr zu Müllheim (zwischen Freiburg und Basel) am 2. Mai 1470 (Riegger Analecta academiae Friburgensis 1774, S. 101 f.). Ein Schreiben der Erzherzogin Mechthild vom 20. Juli 1471 an Herzog Sigmund von Oesterreich, in dem AvPforr gleichfalls genannt wird, theile ich ganz mit, da es zugleich von dem energischen Charakter der Fürstin eine Vorstellung zu geben vermag: [065] Was wir liebs vnd gůtz vermügen, Allezit bevor. Hochgeborner fürste, lieber brůder, Ewer Liebde schriben, Die von altingen antreffen, Haben wir vernomen vnd tůnd úch zů wissen, das wir vermercken, das die ding nit an uwer lieb gelangt sind, als dann die sach gehandelt vnd altingen der herschaft wirttenberg vnd hohenberg verpflicht sind. Altingen ist der baider herschafft wirtenberg vnd Hochenberg vnvertaylt zu gestanden mit ergebnis als ein müntat vnd doch mit gemeinen stüren, vnd als nun der hochgeborn Eberhart, graue zů wirtenberg etc., vnser sun, ein schatzung in siner herschafft fürgenomen, haut er an Die von altingen anmůtung gethon, Das sy im och schatzgelt geben als sinem vatter, vnserm gemachel loblich gedächtnüsz. Des hand sich die von altingen gewidert vnd wir ouch. In dem haut sich erfunden, das die selben von altingen vor Jarn sich geschatzt hond vmb ein namlich gelt. So sich das also begeben haut, so hond wir das aber müssen laussen geschechen, was sy vor gethon hond, Doch hernach yedem tail sines rechten vnuergriffen. Nun mag ich wol zů wissend sin, das wir der vnd ander spin mit den anstössern vil hond in der herschafft hochenberg, die alle recht vordern oder sich erbietten vnser bottschaft vnd geschrifft ouch an Ewer rütte langen lausen, Die sachen lausen mit recht zů usztrag vnd lutrung komen (Dann wir das nit ze tůnd hond, Es haut vns ouch nit mögen von úch gelangen), Besunder yetz Den Ersamen vnsern lieben andächtigen vnd getrüwen Anthonie von pforr Der vnd ander sachen, die herschafft hochenberg berüren, zů úwer Lieb gen Regenspurg gefertiget, Der von Ewr Lieb vnd Ewern Rätten sunder Antwurt haut müssen schaiden. Daruff ist aber vnser beger an uch, Die Ewrn zů den dingen senden, da durch die sachen zů lutrungen komen vnd vwer Eigenthům, vnser niessen mög behalten werden, als wir meinen vch selbs vnd pflichtig sind. Was wir Dar zů helffen söllen vnd mögen, wöllen wir willig sin. Sölte das aber nit sin, so ist doch zů verstond, Das der bruch an vns nit ist vnd das vns vnserm niessen abbruch geschäch, wa vnd an welhem End die herschafft Hochenberg übergriffen wer oder ist. Geben zů baden An Möntag nach sant Jacobs tag Anno domini etc. LXX primo. [066] Mâchtild geborn pfalczgräfin by Reyn Von gottes gnaden Erczhertzogin zu Osterich etc. Wittwe. Aufschrift: Dem Hochgebornen Fürsten Vnserm lieben Brüder Hernn Sigmund Hertzogen zů Österrich etc. Auf Papier ohne Siegel (Staatsarchiv zu Stuttgart). –

In einer Urkunde vom 9. März 1472 erscheint »Herr Anthony von Pforr« als Fürsprech des Bischofs von Constanz (Germania 10, 146), am 16. December desselben Jahres ernennt Mechthild den Ersamen vnsern lieben andechtigen vnd getruwen Anthonyen von Pforr vnsern Rate, damit er von der Universität Freiburg zur Pfarrei Sulchen präsentirt werde (Martin 216, 82). Als Kirchherr zu Rottenburg begegnet er in den Urkunden vom 20. Februar 1475 und 26. April 1476 (Martin 217, 90, 219, 97), als rector (eccl. paroch.) oppidi Rottenburg am 14. November 1476 (Riegger a. a. O. S. 162 ff.) und so auch in der Tübinger Matrikel vom 15. September 1477. In demselben Jahre noch (?) nominirte Mechthild als Kirchhernn zu Rottenburg an die Stelle des altersschwachen Anthony von Pforr für die Präsentation der Universität Freiburg den Meister Conrad Schöferlin und bestimmte, dass dieser jährlich 55 Gulden an die Universität als Pension zahlen sollte (Martin 222, 109). Aus Gärt Die Grafschaft Hohenberg 1. Theil (kgl. öffentliche Bibliothek zu Stuttgart Hist. Fol. 638) S. 157 führe ich an: In dem hiesigen (Rottenburger) Stadtwappenbuche ist ersichtlich, dass Herr Anton von Pforr Hofkaplan bey der durchlauchtigen, hochgebohrnen Fürstinn Fraunn Mechtildinn – gewesen sei. – Bemerkt sei noch, dass die von Martin a. a. O. S. 160. 4 161, 3 erwähnte Fälschung, in der Antonius von Pforr des öfteren begegnet, sich abschriftlich auch auf dem Staatsarchiv zu Stuttgart sowie bei Gärt a. a. O. Beilagen S. 43-46 findet. Wo Gärt über Wendelsheim (1. Theil, 2. Abtheilung S. 43 ff. und Seebronn (S 72 ff.) handelt, verlautet aber nichts über das in obiger Urkunde Gesagte, abermals ein Beweis für die Unechtheit derselben.

119) Herausgegeben von WLHolland als 56. Publication des Stuttg. Litt. Vereins, 1860. Vgl. Wackernagel Gesch. der deutschen Litt., 2. Aufl. S. 457. Koberstein Gesch. der deutschen Nationallitt., 5. Aufl. 1, 317 f.

120) Zimmerische Chronik, 2. Aufl. 1, 454, 6 ff.; vgl. ebenda [067] 30 ff. sie (Mechthild) hielt ainsmals ein fasnacht zu Rotenburg und war ain gross rennen und stechen uf dem Mark.

121) Vgl. Martin a. a. O. S. 188.

122) Vgl. Zimmerische Chronik 1. 453, 27 ff. Martin a. a. O. S. 179 f.

123) Eine derbe Anecdote, bei der Mechthild freilich nur als gegenwärtig, nicht als mitschuldig erscheint, erzählt auch Kirchhof (1525—1603) im Wendunmuth (95. Publication des Stuttg. Litt. Vereins) S. 152. Nr. 121. (Martin a. a. O. S. 179, 5.)

124) Vgl. Martin a. a. O. S. 180. 254 f.

125) So war Mechthild z. B. auch Mitglied der Rottenburger Trunk- und Zechstube, die ihre Herren und Gesellen aus dem Adel, Klerus und Bürgerstande zählte und ihr eigenes Gebäude, ihr eigenes Geräthe und ihre Knechte besass. Täglich war ein Anderer aus der Gesellschaft Wirt und keiner durfte sich dessen weigern. Mechthild und K. Maximilian, der gleichfalls Mitglied war, bestätigten die Ordnung dieser Herrenstube. Ein Theil der Wirtstafeln in Holz und mit Wachsguss, in denen die Namen mehrerer noch lebender Geschlechter als Gäste mit ihrer Zeche verzeichnet sind, war noch 1838 vorhanden (vgl. Beschreibung des Oberamts Rottenburg 1828 S. 149), es hat nur aber trotz eifrigster Nachfrage nicht gelingen wollen, den jetzigen Aufenthaltsort dieser Tafeln zu ermitteln. Sie sind weder in die kgl. Hand- noch in die öffentliche Bibliothek, noch in die kgl. Staatssammlung vaterl. Kunst- und Alterthumsdenkmalc zu Stuttgart gekommen. — Nachträglich sei noch bemerkt, dass Einiges von dem, was die Zimmerische Chronik über Mechthild berichtet, sicherlich seinem Ursprunge nach auf eine weit ältere Zeit zurückzuführen ist. Gewisse Geschichten vererbten sich aus ältester Zeit auf die folgenden Jahrhunderte, wurden immer wieder aufgefrischt und an zeitgenössische Personen bald enger bald loser angeknüpft.

126) Die Stadt Esslingen sandte beim Tode der Mechthild folgendes Beileidschreiben an ihren Sohn Graf Eberhard: Hochgeborner gnädiger herr, Als der allmaechtig gott die durchluchtig hochgeborn fürstin vwer gnaud fraw můtter, vnnser gnaedige frawen loblicher gedaechtnusz von zergengklikayt disz Jamerstals zw sinen goettlichen [068] genauden durch todes krafft beruefft havt, deszhalb vwer gnavd ir fúrstlichen gnad muetterlikayt vnd zyttlicher ergetzung manglend, als wir nitt zwyfeln, mitt laydsammer trurikayt betr<up>ebt ist, haben wir mit vwern gnauden ain laydsames getrúwes mittliden, den allmächtigen gott andächtiglich bittend, ir sel Barmhertzeglich zů begnauden vnd in die schosz Abrahe zů niessung öwiger sted der vserweldten himelschen Inwoner zů setzen vnd vwer gnaud ires abgangs gnaedenrichlich mit langwiriger frystung zů ergetzen, dero laydsames vnd betrueblichs nicht mag zů sten, das vnns zů laydsamem vnd getruwem mittliden nitt thuewe bewegen. Gnaediger herr, wir hellen vwern gnauden vnnser mittliden durch vnnsere ravtzfrúnd. Als sich wol gebúrt hett, zu erkennen geben, wa wir nitt gedavcht hetten, vwer gnaud, wyle der lufft (davor die pestilentz ausgestrichen) by vnns ettwas vnlutter ist, ain schyhung ab vnnser bottschafft enpfangen han. dat dornstags navch pelagy (29. August) A°. LXXXII. Missivenbuch aus den Jahren 1482-1485 Bl. 49a.

127) Sie wird noch alleweil von der hiesigen Bürgerschaft genannt das fräule von Österreich Weitenauer (s. Anm. 12) S. 139 f.

128) Vgl. Uhland Alte hoch- und niederdeutsche Volkslieder S. 352 Nr. 137 und die von Martin a. a. O. S. 184 in der Anm. 4 verzeichnete Litteratur, wozu noch Martin S. 184 f. und in derselben Freiburger Zeitschrift 3, 208.