Rätselhafte Veränderungen des menschlichen Haares

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Titel: Rätselhafte Veränderungen des menschlichen Haares
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aus: Die Gartenlaube, Heft 7, S. 110-111
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1895
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Rätselhafte Veränderungen des menschlichen Haares.

Das Ergrauen kommt mit langsamen Schritten - langsam fallen die Schneeflocken des Alters auf unser Haupt. Zuerst zeigen sich an den Schläfen die ersten weißen Haare und lange bleiben sie vereinzelt. Jahre vergehen, bis das Ergrauen allgemeiner wird und schließlich Haupthaar und Bart unverkennbar den - Schmuck des Alters tragen. Aber nicht immer vollzieht sich dieser Vorgang so allmählich, es giebt Ausnahmen von der Regel und so ergrauen auch die Menschen in kürzerer Zeit - in einem Jahre, in wenigen Monaten oder Wochen. Ja, das Haar kann noch rascher bleichen, kann plötzlich in einer Nacht, in wenigen Stunden ergrauen. So erzählt uns die Geschichte, daß Herzog Ludwig der Strenge von Bayern, der in dem Wahne, sein Weib sei ihm untreu geworden, die vermeintlichen Mitwisser dieses Vergehens mit dem Schwerte niedergestoßen hatte, nachdem er von deren Unschuld überzeugt wurde, vor Gram und innerem Seelenschmerze in einer Nacht graues Haar bekommen habe. In ähnlicher Weise sollen im Gefängnisse Thomas Morus, der Kanzler Heinrichs VIII. von England, und die unglückliche Marie Antoinette ergraut sein, als ihnen ihr Todesurteil verkündet wurde. Man erzählt seit altersher noch merkwürdigere Geschichten von Vorfällen, in welchen das Ergrauen der Haare sogar in wenigen Augenblicken zustande gekommen war. Die größte Berühmtheit hat wohl die von einem jungen Schweizer erlangt, der sich, um aus einem Geierhorste die Jungen auszunehmen, mit einem Säbel bewaffnet, mittels eines Taues von einer überragenden Felswand, unter welcher der Horst sich befand, herunterseilen ließ. Unter ihm gähnte ein jäher Abgrund. Nachdem er die Jungen herausgenommen hatte und er wieder heraufgezogen werden sollte, stürzten die alten Vögel, durch das Geschrei der Jungen herbeigelockt, zum Kampfe auf ihn ein. Mit dem Säbel um sich hauend, fühlte er plötzlich einen Ruck am Stricke, der ihn trug. Er sieht hinauf und erblickt, daß er mit der Säbelschneide in den Strick gehauen, der nur noch mittels einer dünnen unverletzten Stelle zusammenhält. Namenlose Angst befällt ihn, jede Sekunde kann der Strick völlig zerreißen, er wird endlich glücklich nach oben hinaufgezogen, aber siehe da - sein Haar ist ergraut.

Dieses plötzliche Ergrauen infolge heftiger Erregung will man sogar bei Tieren beobachtet haben. So soll, um nur ein Beispiel zu erwähnen, ein schwarzer Hahn weiß geworden fein, als in der Nacht im Stalle ein Feuer ausgebrochen war.

In früheren Zeiten zweifelte niemand an der Wahrheit dieser Berichte und an der Möglichkeit des plötzlichen Ergrauens. Erst den neueren Physiologen erschien sie zweifelhaft, und da sie dieselbe nicht zu erklären vermochten, erklärten sie alle jene Erzählungen für lauter Fabeln, romanhafte Ausschmückungen tragischer Ereignisse. So lehrte man, daß Haare niemals plötzlich ergrauen können, bis der Zufall Forscher von Fach zu Zeugen eines solchen Vorganges machte.

Im Jahre 1866 wurde auf die Klinik zu Greifswald ein Kranker gebracht, der einen Anfall von Säuferwahnsinn (Delirium tremens) hatte; er sah bald Tiere neben seinem Bette, schwarze Hunde und Katzen, bald Mäuse über die Bettdecke laufen. Trat jemand ins Zimmer, so schrak der Kranke plötzlich furchtbar zusammen, hüllte sich in die Bettdecke und zitterte an Händen und Füßen. Dieser Zustand der großen Schreckhaftigkeit hatte bereits drei Tage gedauert, und bis dahin hatte man am äußeren Aussehen des Patienten keine Veränderungen wahrgenommen. Am vierten Morgen aber fiel es den besuchenden Aerzten und den übrigen Kranken auf, daß die Haare des Kranken zum größten Teile grau geworden waren, und zwar sowohl die Kopf- als die Barthaare. So vollzog sich in diesem Falle sozusagen unter den Augen der Aerzte das plötzliche Ergrauen innerhalb einer Nacht, und die Haare des Kranken, sowohl die ergrauten, wie die normal gebliebenen, wurden von Dr. Landois einer genauen Untersuchung unterworfen. Ueber das Ergebnis derselben wurde später in Virchows „Archiv für die pathologische Anatomie und Physiologie“ ausführlich berichtet. Landois fand, daß dieses plötzliche Ergrauen durchaus verschieden ist von dem gewöhnlichen, das infolge des zunehmenden Alters sich regelmäßig einzustellen pflegt. In dem letzteren fehlt der Farbstoff, während er in dem plötzlich ergrauten enthalten ist; bei mikroskopischer Untersuchung findet man aber, daß in dem Haar sich zahlreiche Luftbläschen befinden, welche den Farbstoff verdecken und das Haar im anfallenden Lichte weiß erscheinen lassen. So war die Thatsache des plötzlichen Ergrauens wissenschaftlich festgestellt, leider aber blieb die Art und Weise, in der es zustande kommt, völlig dunkel. Man konnte nicht ermitteln, aus welchen Gasen jene Luftbläschen bestanden; ferner blieb es unklar, wie sie sich im Haar gebildet haben. War die Luft in das Haar von außen eingedrungen oder waren die Gase innerhalb des Haares durch Zersetzungsprozesse entstanden? Jede der beiden Annahmen kann richtig sein. Dagegen zeigte der von Landois beobachtete Fall bestimmt, daß jenes plötzliche Ergrauen infolge nervöser Erregung, die sich als große Schreckhaftigkeit des Kranken kundgab, eintrat.

Im Laufe der Zeit wurden weitere Beobachtungen gemacht, welche auf innige Wechselbeziehungen zwischen den Nerven und den Haaren schließen ließen. Wiederholt bemerkte man, daß bei Kranken, die an Neuralgien oder Nervenschmerzen litten, diejenigen Haare ergrauten, welche im Verbreitungsbezirke der erkrankten Nerven wuchsen. In der Regel kam auch in diesen Fällen das Ergrauen in langsamen Schritten, oft aber stellte es sich plötzlich ein. Der französische Arzt Raymond behandelte eine Dame, die schwarze Haare hatte und an einer heftigen Neuralgie der Kopfschwarte litt. Eines Tages wurden die Haare der Kranken rot und dann grau - der ganze Hergang nahm nur 5 Stunden in Anspruch. In allen diesen Fällen hatte das plötzlich ergraute Haar seine ursprüngliche Färbung für immer eingebüßt.

Noch wunderbarer ist eine Veränderung der Haarfarbe, die Dr. C. Reinhard in der Irrenanstalt Dalldorf- Berlin beobachtete. Dort befand sich eine Idiotin im Alter von 13 Jahren. In dem Zustande dieses unglücklichen Geschöpfes zeigte sich ein ziemlich regelmäßiger Wechsel von Erregung und Ruhe, dessen einzelne Phasen etwa eine Woche dauerten. Zur Zeit der Erregung wiegte und schaukelte sich die Patientin in ihrem Kinderstuhl hin und her, knirschte mit den Zähnen, lutschte an den Fingern, grunzte und brüllte, steckte alles Erreichbare in den Mund und hatte wenig Schlaf. Dabei zeigten sich eine leichte Röte im Gesicht, mehr Spannung und Energie in der Haltung, vollerer Puls, wärmere Hauttemperatur und vermehrte Hautabsonderung. In dem ruhigen Zustande saß sie still da, schlummerte viel, aß weniger gierig, sah blasser, welker und älter im Gesicht aus, sank in sich zusammen, fühlte sich kühl an und hatte eine trockenere, sprödere Haut. Schon in den ersten Monaten des Aufenthaltes der Kranken in der Anstalt fiel es auf, daß ihr Haar nicht immer die gleiche Farbe hatte, sondern abwechselnd, je nachdem sich der Zustand der Erregung oder der Ruhe einstellte, gelbblond und goldrötlich wurde. Dieser Wechsel der Farbe pflegte sich ziemlich rasch zu vollziehen; innerhalb 48 bis 60Stnnden hatte er meistens seinen Höhepunkt erreicht. Eine genaue mikroskopische Untersuchung zeigte, daß auch in diesem Fälle die hellere Färbung durch Luftansammlungen im Innern des Haares hervorgerufen wurde.

Nicht minder merkwürdig. war eine Veränderung des Haares bei einem Epileptiker, die Dr. Räuber beschrieb. Der Kranke war 24 Jahre alt und hatte ein reichlich entwickeltes dunkelblondes Haupthaar. Von Zeit zu Zeit begann sich das sonst schlichte Haar des jungen Mannes zu kräuseln, bis in einigen Tagen der ganze Kopf mit einem Krollhaar ohne Glanz, das starr anzufühlen war, bedeckt erschien. Dabei spaltete und knickte sich das Haar an verschiedenen Stellen und verfilzte sich auch. Diese Erscheinung hielt einige Zeit an, worauf das Haar langsam wieder seine ursprüngliche glatte Form annahm. Während des Anfalles hatte der Kranke schmerzhafte, stechende Empfindungen in der Kopfschwarte.

Aehnliche Veränderungen wurden auch bei einem zweijährigen schwächlichen Mädchen beobachtet, das durch geringfügige Veranlassungen derart aufgeregt wurde, daß es die Nächte nicht schlafen konnte. Sobald eine Verschlimmerung der Aufgeregtheit eintrat, wurden die sonst seidenweichen blonden Locken schlaff, während bei herannahender Besserung die einzelnen Haare sofort anfingen, sich wieder zu kräuseln und allmählich wieder Locken zu bilden.

An ähnlichen Haarveränderungen litten auch drei Geschwister einer nervösen Familie. Bei diesen kräuselte sich das Haar, wenn sie lustig, ausgelassen waren, glättete sich dagegen, wenn sie sich [111] langweilten, matt und abgespannt waren. So hatte das eine der Geschwister als junges Mädchen stets beim Beginn einer Gesellschaft, wo ein gewisses Ballfieber bestand, langes Haar, das sich jedoch nach ein paar Tänzen zur halben Länge kräuselte, so daß ein Herr sie fragte, wie es käme, daß sie den Ballsaal mit langen Haaren beträte und mit kurzen verließe.

Häufiger sind Fälle beobachtet worden, in welchen infolge einer schweren Krankheit die Haare in kurzer Zeit ihre Farbe wechselten So berichtet der Arzt Alibert, daß eine Frau nach einem Fieber im Wochenbette ihr blondes Haar verlor und schwarzes dafür wiederbekam. Eine andere hellblonde Dame wurde von einem Typhus befallen, an dem sie schwer daniederlag. Nach ihrer Genesung fielen ihr die Haare aus, welche im Verlauf einiger Monate zwar wieder wachsen, aber kohlschwarz waren. Der Blondkopf war ein Schwarzkopf geworden. Weiterhin hat man beobachtet, daß Leute im Verlaufe der Lungenschwindsucht statt ihrer hellen Haare dunkle bekommen haben. Es wird auch von einem an Bleichsucht leidenden Mädchen berichtet, welches graues Haar bekam, von der Wurzel bis auf zwei Zoll Länge, während das obere Ende unverändert sich erhielt. Nachdem die Bleichsucht durch Eisenpräparate beseitigt war, wuchsen die Haare wieder in ihrer ursprünglichen braunen Farbe nach, so daß das Mädchen braune Haare hatte, mit einem zwei Zoll langen weißen Zwischenstücke.

Ein solches zeitweiliges vorübergehendes Ergrauen der Haare wird mitunter auch bei ganz gesunden Menschen beobachtet. So hatte ein 19 Jahre alter Knecht, der vor Jahren den Gegenstand sorgfältiger Untersuchungen in Greifswald bildete, eine höchst sonderbare Haarfärbung. Ein jedes seiner Kopfhaare bestand abwechselnd aus braunen und weißen Ringeln, d. h. es war von Stelle zu Stelle ergraut. Die Länge der einzelnen weißen und braunen Ringel betrug 2 bis 3 Millimeter. Landois fand nun, daß die braunen Stellen im Haare die normalen waren, daß an den weißen Stellen aber sowohl das Mark, wie die Rindensubstanz der Haare mit Luftbläschen ganz und gar durchsetzt erschienen, an diesen Stellen war auch das Haar dicker, durch die Gasentwicklung aufgetrieben.

Hiermit schließen wir unsere Mitteilungen über diese wunderbaren und rätselhaften Verändernden des menschlichen Haares. Es ist nicht ausgeschlossen daß die eine oder andere von ihnen häufiger vorkommt, als man bis jetzt annimmt, da ja sonst gesunde Menschen wegen eines vorübergehenden Wechsels in der Färbung oder Kräuselung des Haares in den seltensten Fällen die Hilfe eines Arztes oder gar eines Haarspezialisten in Anspruch zu nehmen pflegen. So sind auch die oben erwähnten Veränderungen von den Aerzten zumeist nur nebenbei beobachtet worden, indem die Kranken wegen irgend eines anderen Leidens in Behandlung kamen und ihre Haarbeschaffenheit durch Zufall die Aufmerksamkeit der Aerzte auf sich lenkte. Wir möchten darum durch diese Mitteilungen weitere Kreise zur Selbstbeobachtung an. regen und würden kurze Beschreibungen ähnlicher Haarveränderungen behufs weiterer zweckmäßiger Verwendung gern entgegennehmen. Hoffentlich werden solche Erhebungen dazu beitragen, in die dunklen Wechselbeziehungen der Haare zu den Nerven mehr Licht zu bringen.

C. Falkenhorst.