Ravensburger Brief

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Textdaten
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Titel: Ravensburger Brief
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aus: „Schwarzwälder Bote“, Nr. 203 vom 4. September 1927
Herausgeber:
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Entstehungsdatum: 1927
Erscheinungsdatum: 1927
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Originalherkunft:
Quelle: Rolf-Peter Schall, Die Geschichte des Schüler- und Heimatfestes in Altdorf-Weingarten bis zum Jahr 1950. Selbstverlag, Weingarten 1993, Abbildung auf S. 28–29
Kurzbeschreibung: Polemisch-satirischer Zeitungsartikel u. a. über die Ausstattung der Liebfrauenkirche in Ravensburg und das Heimatfest „Rutenfest“
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Ravensburger Brief.

–ll– Ravensburg, 3. Sept. Fremdling, der du nach Ravensburg kommst und in eine Straße oder auf einen Platz geratest, der eine Teerschicht trägt, hüte dein Schuhwerk, damit es nicht, sanft angezogen, von der durch die Sonnenstrahlen aufgewärmten Deckschicht, stecken bleibe und du gezwungen wärest, auf Strümpfen oder Socken oder gar barfüßig deinen Weg zu gehen. –

Das soll dich aber nicht abhalten, zu uns zu kommen, denn so nach und nach wird es kühler und die Teerschicht härter werden, so daß man ungefährdet auf unseren Straßen wandeln kann. Bist du ein Freund der kirchlichen Malerei, so lenke deine Schritte, so es dir nicht an Zeit gebricht, nach unserer altehrwürdigen Liebfrauenkirche, deren Chor und Mittelschiff Bilder von Meister Fugels[1] Hand zieren. Auch die evangelische Stadtpfarrkirche hat Bildschmuck aus neuester Zeit, über den ein andermal geredet werden soll. –

Beinahe wären Fugels Meisterwerke zugrunde gegangen. Ein sparsamer Stiftungsrat hatte den Meister in gewissem Sinne gezwungen, seine Bilder direkt auf die Wand zu werfen, nicht auf Leinwand in Oel, wie’s beabsichtigt und durch die Verhältnisse gegeben war. So kam’s, daß in der feuchten Kirche die Caseinfarben innerhalb kaum eines Jahrzehntes so Not litten, daß die großen Chorbilder schon im vorigen Jahr, die im Mittelschiff heuer im August fixiert und aufgefrischt werden mußten, sollten die Meisterwerke nicht ganz verblassen. Kunst- und Kirchenmaler Baier aus Oberzell hat den Auftrag übernommen und das Werk zu bestem Gelingen vollendet. –

Vor einigen Wochen hat es in Ravensburg bei feinnervigen Personen schwere Gehörsstörungen gegeben, die – Gott sei es gedankt – in der Zwischenzeit wieder behoben wurden. Selbstverständlich hat man nach den Ursachen geforscht und ohne große Schwierigkeiten feststellen können, daß der Pauken- und Trompetenschall, mit dem unsere Nachbarn zu Weingarten[2] ihren ersten Rindviehmarkt einleiteten, die Schuld trug. Selbstverständlich war auch unsere Stadtverwaltung bei diesem historischen Anlaß vertreten und man sagt, daß unsere Delegierten Trauerflor und Trauermiene hart an der Stadtgrenze abgelegt und sich ihrer Glückwünsche in Weingarten heiteren Antlitzes und aufrichtigen Herzens entledigt haben. Der Sturm im Glas Wasser hat sich gelegt! –

Groß war wieder einmal die Zahl der Festlichkeiten usw., die Ravensburg Sonntag für Sonntag über sich ergehen lassen mußte. Wir wollen keine derselben besonders registrieren, es sei denn das Ravensburger Schuljugendfest, die „Ruten“[3], das seines ehrwürdigen Alters wegen nicht übergangen werden darf. Gern hätten wir auch gesagt, ihrer Eigenart wegen verdient sie besonderer Erwähnung, aber, um ganz offen zu sein, von der Eigenart des alten Festes ist nicht mehr viel übrig geblieben. Der modernisierte Kinderfestzug kann sich mit dem, was Weingarten[4] und Biberach[5] bei ähnlichem Anlaß bieten, nicht messen, er leidet an Ideenarmut. Auch in anderer Hinsicht kommt das Fest, dessen Anfang nicht zu ergründen ist, auf ein Niveau, das sicher nicht der Tradition entspricht. Daß noch vor reichlich 100 Jahren die Ravensburger ihr „Rutenfest“ volle zwei Wochen feierten, Evangelische und Katholische je für sich eine Woche, war ein Unfug, dem nicht das Wort geredet werden soll, im Gegenteil, uns will das heutige Fest, das am Sonntag schon seinen Anfang nimmt und Montag, Dienstag anhält, für die heutige Zeit zu lange dauern und es ließe sich, mit einigem guten Willen, sicher auf einen Tag konzentrieren, wobei sich manches, der traditionellen Eigenart des Festes Rechnung Tragende, das heute im „Rutenbier“ und Volksfesttrubel untergeht, feiner herausarbeiten und zur Geltung bringen ließe. Von einer Kürzung der Festtage will allerdings der waschechte Ravensburger nichts hören, aber früher oder später wird er sich daran gewöhnen müssen. Damit sei für heute Schluß!


Anmerkungen (Wikisource)

Die Absätze wurden gegenüber der Vorlage, die z.B. von einem Autor namens Müller stammen könnte, neu eingefügt.

  1. Gebhard Fugel, Maler aus Oberzell bei Ravensburg
  2. Weingarten (Württemberg)
  3. Rutenfest Ravensburg
  4. Schüler- und Heimatfest („Kinderfest“) in Weingarten
  5. Schützenfest in Biberach an der Riß