Reichston

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Textdaten
Autor: Walter von der Vogelweide
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Titel: Reichston
Untertitel:
aus: Walther von der Vogelweide - Werke, S. 222-226
Herausgeber: Jörg Schäfer
Auflage: 13. Auflage
Entstehungsdatum: zwischen 1198 und 1201
Erscheinungsdatum: 1972
Verlag: Wissenschaftliche Buchgesellschaft
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Erscheinungsort: Darmstadt
Übersetzer:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
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I

[222] Ich saz ûf eime steine
und dahte bein mit beine,
dar ûf satzt ich den ellenbogen;
ich hete in mîne hant gesmogen

5
daz kinne und ein mîn wange.

dô dâhte ich mir vil ange,
wie man zer welte solte leben.
deheinen rât kond ich gegeben,
wie man driu dinc erwurbe,

10
der keinez niht verdurbe.

diu zwei sint êre und varnde guot,
daz dicke ein ander schaden tuot.
daz dritte ist gotes hulde,
der zweier übergulde.

15
die wolte ich gerne in einen schrîn:

jâ leider desn mac niht gesîn,
daz guot und weltlich êre
und gotes hulde mêre
zesamene in ein herze komen.

20
stîg unde wege sint in benomen;

untriuwe ist in der sâze,
gewalt vert ûf der strâze,
fride unde reht sint sêre wunt.
diu driu enhabent geleites niht, diu zwei enwerden ê gesunt.

II

Ich hôrte ein wazzer diezen
und sach die vische fliezen,
ich sach swaz in der welte was,
velt, walt, loup, rôr unde gras.

5
[224] swaz kriuchet unde fliuget

und bein zer erde biuget,
daz sach ich, unde sage iu daz:
der keinez lebet âne haz.
daz wilt und daz gewürme

10
die strîtent starke stürme;

sam tuont die vogel under in,
wan daz si habent einen sin:
si dûhten sich ze nihte,
si enschüefen starc gerihte.

15
si kiesent künege unde reht,

si setzent hêrren unde kneht.
sô wê dir, tiuschiu zunge,
wie stêt dîn ordenunge!
daz nû diu mugge ir künec hât,

20
und daz dîn êre alsô zergât!

bekêrâ dich, bekêre,
die cirkel sint ze hêre,
die armen künege dringent dich.
Philippe setze en weisen ûf, und heiz si treten hinder sich!

III

Ich sach mit mînen ougen
manne unde wîbe tougen,
daz ich gehôrte und gesach
swaz iemen tet, swaz iemen sprach.

5
ze Rôme hôrte ich liegen

und zwêne künege triegen.
dâ von huop sich der meiste strît
der ê was oder iemer sît,
dô sich begunden zweien

10
die pfaffen unde leien.

[226] daz was ein nôt vor aller nôt,
lîp und sêle lac dâ tôt.
die pfaffen striten sêre,
doch wart der leien mêre.

15
diu swert diu leiten si dernider,

und griffen zuo der stôle wider:
si bienen die si wolten
und niht den si solten.
dô stôrte man diu goteshûs.

20
ich hôrte verre in einer klûs

vil michel ungebære;
dâ weinte ein klôsenære,
er klagete gote sîniu leit:
„Owê der bâbest ist ze junc; hilf, hêrre, dîner kristenheit!“