Reise-Jeremiade

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Textdaten
Autor: Ludwig Rellstab
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Titel: Reise-Jeremiade
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aus: Empfindsame Reisen: Nebst einem Anhang von Reise-Berichten, Skizzen, Episteln, Satiren, Elegien, Jeremiaden, usw. aus den Jahren 1832 und 1835. Band 2, S. 88-96.
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum: 1835
Erscheinungsdatum: 1836
Verlag: Brockhaus
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Erscheinungsort: Leipzig
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Kurzbeschreibung:
Siehe auch Bad Kissingen
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Reise-Jeremiade.

Kissingen heiße mein Klagelied. Heil denen, welche fern von einem Badeorte bleiben können, denn sie sind fern von der langen Weile, fern von dem kahlen, schalen Treiben der vornehmen Welt, und vielleicht, was ich aber als das Geringste nenne, fern von Krankheit. Ein Badeort wie Kissingen gleicht der Boa, die sich den Leib so voll schlingt, daß sie sich nicht regen kann, und dann einen Monat verdaut und hungert. Drei Monate im Jahre geht es den Kissingern so. Russen, Polen, Franzosen, Engländer, die meisten von nobler Race, stopfen das Nest so voll, daß Dachkammern auf den Werth der Prachtsäle kommen, und die Kissinger selber nicht viel besser wohnen als die Negersklaven im Schiffsraume, denen er nach Kubikzollen zugemessen wird. Dann verläuft sich die Fluth, das Flußbett des Bades wird ganz leer und die sieben (oder etliche mehr) Kissinger Spießbürger zappeln im trocknen, leeren Raume, der so öd-weitläufig wird, daß man sich darin verliert, und mir in Gedanken ungefähr so zu Muthe dabei wird, als sollte ich mein Arbeitscabinet im Straßburger Münster oder Kölner Dom haben. Das Winterelend kenne ich zwar nicht, und weiß nicht, wie es im eingeschneiten Nest aussieht, kann mir’s aber lebhaft denken. Es verhält sich zum Sommerelend wie die unterirdischen, unter dem Meere liegenden eiskalten Sumpfgefängnisse Venedigs zu den glühenden Bleikammern; bis heut hat aber noch Niemand entschieden, welche Marter die größere gewesen ist. Gewesen, denn die französische Revolution, die viele Bastillen und Marterkammern des menschlichen Geschlechts zerstört hat, zerstörte auch diese.

Vom Kissinger Sommerelende singe ich mein Lied. Schon eine Stunde zuvor war die Landstraße abscheulich, denn sie liegt im dichten Staub der rasselnden Wagen, in denen die haute volóe spazieren fährt, ein Genuß, der ihr fade vorkommen würde, wäre nicht undurchdringlicher Staub und betäubendes Rasseln dabei. Ein Grauen ergreift mich, sehe ich die geschminkten Alten und die geschnürten Jungen, deren, Gebet-, Gesang- und Gesetzbuch das Modejournal ist. Es zuckt mir in der Faust, den affektirten Dandys, die vorbei reiten und den Begriff des Mannes durch ihre Existenz verhöhnen, die Reitpeitsche zu appliciren, die sie narrenhaft am Daumen hängen haben. Es zuckt mir abermals doppelt und dreifach, wenn ich bedenke, daß diese Menschenkarrikaturen eigentlich annehmen, die Welt sei für sie, wenigstens sie nur zum Genuß dessen, was sie Erfreuliches bietet, da; der Bauer arbeite, damit sie Weißbrot zerkrümeln, der Winzer, damit sie in Champagner oder Rheinwein der Völlerei fröhnen können. Nicht zufrieden damit, daß das stumpfe dumme Glück diesem mehr Affen- als Menschengeschlecht seine Gaben zugeworfen hat, wollen sie auch noch das Privilegium darauf geltend machen, und Staat, Kirche und Religion so zurichten, daß dieses dreisitzige Tribunal ihnen auch unbedingte Vorrechte in Allem für die Ewigkeit zuspreche. Der Hauptärger ist freilich nicht der im Badeort Kissingen, wie in andern, daß diese Gesellschaft (auch diesen Titel maßt sie sich vorzugsweise an, als wenn das übrige Menschengeschlecht nur eine Bande oder Horde von Wilden sei, zu denen solche Leute wie Schiller, Jean Paul, Lessing u. s. w. allenfalls gehören dürfen) – daß diese Gesellschaft an ihre Vorrechte glaubt oder nicht glaubt, aber eisenfest daran hält, sondern daß es wirklich noch so viel hündischthörichte Demuth (Niederträchtigkeit nenne ichs besser) in der Welt giebt, die jenen die Vorrechte einräumt, und sie für unantastbar heilig hält. Indessen ist der Begriff ziemlich einfach, und gewiß, daß Gott den Bauer und Bürger nicht schuf und zur Lastthierarbeit bestimmte, damit Affen und Laffen von sogenanntem Stande, Lords, Barone, Grafen und etliche drüber oder drunter in Kissingen und andern Badeorten schwelgen, Hunderttausende für schaale Narrheiten vergeuden können. Hoffentlich werden nicht zehn Jahre vergehen, und der deutsche Bauer begreift das so gut wie der französische, und nimmt Spaten und Karst und schlägt – –

Sind das aber Jeremiaden? Freilich, aber andere, als solche, die ich schreiben wollte, andere, als Kissinger Reise-Jeremiaden. Aber so gut wie ich mich durch das flachköpfige und leerherzige, giftige Narrenvolk schlagen mußte, um in die Gassen von Kissingen einzufahren, eben so muß sich auch der Leser durcharbeiten, um zu dem andern Ende zu gelangen. – Ich fuhr vor den ersten Gasthof – alles gedrängt voll; vor den zweiten, – es war vor Fuhrleuten und Wagen nicht einmal bis an die Thür zu kommen, geschweige hinein, – vor den dritten. –

„Kann ich hier ein Unterkommen finden?“

„O ja, mein Herr! Es ist noch ein Zimmer offen.“

Der Kellner springt voran; um den Wagen und das Gepäck kümmert sich Niemand. Wir schleppen es mit Hülfe des Kutschers selbst ins Haus. – „Wo ist das Zimmer für uns?“ – „Sogleich! Wilhelm, wo ist der Zimmerkellner?“ – Wilhelm ruft nach Louis, Louis nach Friedrich, Friedrich nach August, August weiß von nichts. – Er hat keinen Schlüssel! Er schreit nach dem Stubenmädchen. Sie ruft, gleich, bleibt aber oben! Ich stampfe mit dem Fuße, ich murmle einen Fluch zwischen den Zähnen. „Sie sollen sogleich bedient werden, mein Herr!“ sagt der Wirth, und springt hinweg, um einen neuen Gast zu empfangen. Weg sind Wirth, Kellner, Stubenmädchen, der Teufel und seine Großmutter. Ich entschließe mich endlich kurz, gehe die Treppe hinauf, suche nach dem leeren Zimmer, und bin endlich so glücklich, den zu treffen, der mir die elende Kammer nach dem Hofe öffnet, in der ich hausen soll. Die Betten liegen da, wie sie am Morgen verlassen sind, die Waschschüsseln unausgegossen, die – still, dergleichen lese man selbst in einer Jeremiade nicht.

Ich fordere frisches Wasser, Reinigung des Waschbeckens. „Die übrige Anordnung hat Zeit, bis ich ausgegangen bin, weil ich gleich auf die Promenade will!“ – „Ich werde das Stubenmädchen gleich herauf schicken.“

Ob er sie schickte, weiß ich nicht, sondern nur, daß sie nicht kam. – Ich sehe einen Brunnen im Hofe, im anstoßenden Zimmer gegenüber entdecke ich noch eine Waschschüssel und Karaffe, und mache also aus der Noth eine Tugend und hole mir das Wasser selbst. – Wir behelfen uns so gut wir können; bürsten unsere Kleider eigenhändig, und sind endlich fertig, um noch die Nachmittagspromenade zu besuchen. Denn außer dem „Gleich, mein Herr!“ war von dem Wirth und den Leuten im Hause nichts zu erlangen.

Kissingen ist noch kein Ort, es will erst einer werden. Man baut an allen Ecken und Enden. O herrlicher Sommeraufenthalt! Hinter Maurergerüsten zu wohnen! Die Fenster anmuthig voller Kalk gespritzt! Statt der Vögel vor dem Fenster die weißbestäubten Stiefeln der Maurer! Uns überm Kopf wird eine neue Etage aufgesetzt! Die angenehme Musik der Hämmer und Beilschläge, des Steinschüttens und ähnlicher Charivaritöne, weckt uns aus dem Morgenschlafe. Es ist auch Zeit, denn man muß auf die Promenade, muß an den Brunnen. Von 1100 Gästen sind 100 wirklich körperlich krank, 100 eingebildet, der Rest nur geisteskrank, weil er hier Vergnügungen sucht und findet. Das Kissinger Wasser schmeckt (und darin liegt seine beste Eigenschaft) wie meine Dinte, doch kaum so milde. Welch ein Glück, einen solchen Dintenbecher täglich mehrmals leeren zu dürfen! Die Promenade ist, dies sei der einzige Sonnenblick in der Jeremiade, – eine schöne Lindenallee, eine Art Wäldchen. Uebrigens ist die Gegend so dürr wie die Seele eines Badegastes par plaisir. Links eine mühsame Ruine auf kahlem Gipfel, rechts ein noch mühsameres Lusthaus. Nach beiden wird der Spaziergang gerichtet; aber welch ein Spaziergang! Kein einsamer oder zweisamer an lieber Seite, sondern ein zwanzig-, funfzig-, hundertsamer. Vorher schluckt jeder etwas Gift, welches die Medisance besser in Fluß bringt, ohne die kein gewürzter Spaziergang zu denken ist. Zwar die Apotheker haben kein Recht, das Gift zu verkaufen, doch die Badegäste präpariren sich’s untereinander. Denn die Gräfin Emma hat einen neuen Shawl um, der zwanzig Damen hinlänglich einen ganzen Morgen und Vormittag vergiftet; sie ihrerseits wird durch ein neues Collier der Fürstin P… vergiftet. Doch die Fürstin schließt sich von dem patriotisch geselligem Giftnehmen nicht aus, sondern saugt es ihrerseits aus den rosigen Wangen und Lippen des jungen Fräulein Henriette von S…, die am Morgen auf der Promenade so ungemein von dem Grafen C… ausgezeichnet worden ist, der doch pflichtmäßig seine Huldigungen der Fürstin zu widmen hat, – so ungemein, daß man keine Kissinger Brunnenkranke zu sein braucht, um vollends elend darnach zu werden, d. h. in dem Grade aufgeregt und gereizt, daß man das munterste Ansehen hat, und das Gift der Medisance ordentlich lustig aufschäumt und spritzt beim Nachmittagsspaziergange. Kurz, wie ich sage, Kissingen vergiftet sich ohne Apotheker, und die Kunst der andern Badeörter, der Salons, der Hofgesellschaft, der haute volée, des Faubourg St. Germain, der City wird hier in den Sommerferien nicht vernachlässigt, so sehr man sie im Winter geübt hat.

Aber ich glaube, mein zweistündiger Aufenthalt vergiftet mich selber schon so, daß mir alles schwarz vor den Augen wird, und mithin auch alle Gegenstände schwarz erscheinen, Diable! Das Kurhaus z. B. mißfällt mir höchlichst, – diese Unform! – Und das neue, welches schöner werden soll als das Brückenauer, steht noch nicht. Der Bazar – das neue Tivoli – soll mich solche Misere entzücken? Unmöglich. Drum kehrt! Fort von der Promenade zurück ins Wirthshaus! Aber hier beginnt des Reiseelends zweiter Aufzug. Die vertrackte Marterkammer ist noch so unaufgeräumt wie vor zwei Stunden, ich kann also nicht aufgeräumt sein. Jetzt erst sehe ich’s, daß ein Schornstein dicht unterm Fenster ausmündet, und Rauch und Fettdampf daraus empor- und bei mir einsteigt. Ich habe aber nur eine menschliche, keine Jupitersnatur, und dergleichen Brand- und Bratfettopfer dünsten mir unausstehlich entgegen. Ein anderer Geruch, den ich nicht näher bezeichnen will, kommt aus einem andern Kanal! Im Zimmer Stickluft, draußen Schwefelwasserstoffgas! Verfluchte Anstalt zum Athmen! Und hier soll ich bleiben? Hier die Nacht zubringen, nur um zu sagen, ich schlief auch einmal in Kissingen? Zehn Esel zusammengenommen könnten ja nicht so dumm sein! Kutscher! Kellner! Wirth! Holla! He! Heda! Anspannen! Was bin ich schuldig? Eine Flasche Wein! Kalter Braten! Meine Sachen in den Wagen! Waschwasser! Drei Gulden funfzehn Kreuzer! Jede Minute meines Jeremiasleides ein Kreuzer! Verfluchter Preis! Prellerei! Hier! Glück auf! Der Wagen fährt vor! Hurrah! Wir rollen davon!

Wer hätte es glauben sollen, daß die Jeremiade am Ende mit einem Jubelchor, mit einem Te Deum laudamus schließe? Ich wußte es von Anfang an; denn stimmte ich’s nicht an, so that’s der Leser, daß sie zu Ende war.