Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen: Grosshartmannsdorf

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Textdaten
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Autor: Otto Moser
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Titel: Grosshartmannsdorf
Untertitel:
aus: Erzgebirgischer Kreis, in: Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen. Band 4, Seite 43–44
Herausgeber: Gustav Adolf Poenicke
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: [1856]
Verlag: Expedition des Ritterschaftlichen Album-Vereins
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Commons = SLUB Dresden
Kurzbeschreibung:
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Grosshartmannsdorf.


Drei Stunden von Freiberg und begrenzt von den Fluren der Ortschaften Saida und Grosswaltersdorf liegt das schöne Dorf Grosshartmannsdorf, dreiviertel Stunde von Süden nach Norden an einem Bache sich hinstreckend. Dasselbe hat 277 Häuser mit mehr als 1600 Einwohnern und zeigt namentlich in der Nähe der Kirche ein völlig städtisches Ansehen, auch wohnen hier viele Handwerker die sich zum Theil mit Barchentweberei, Bleicherei und Segeltuchfabrikation beschäftigen. Die Gründung des Dorfes fällt in das zwölfte Jahrhundert. Früher theilte man den Ort in Ober- und Niederdorf als zwei besondere Gerichtsherrschaften ein.

Das Rittergut zu Grosshartmannsdorf bildet seit hundert Jahren ein Majorat der alten reichsfreiherrlichen Familie von Carlowitz, wozu auch noch seit 1774 Liebstadt gehört. Die Bewirthschaftung des Gutes ist sehr gut angebracht, hat grösstentheils ebene Felder, treffliche Viehzucht mehrere Teiche und schöne Waldungen. Kurze Alleen führen zu dem ansehnlichen und gut gebauten Gehöfte des Rittergutes. Erwähnenswerth ist auch der hiesige grosse Garten den zu umschreiten zwanzig Minuten erforderlich sind, und den eine vier Ellen hohe Mauer umgiebt. – Der Ort liegt in etwas gebogener Richtung an dem Grosshartmannsdorfer oder Müdisdorfer Bache hinauf bis zu dem oberen Bergwerksteiche; vom unteren Ende des Dorfes verbreitet sich der untere oder grosse Teich, sowie nordwestlich der neue Teich, welcher zwar an Umfang der kleinste, jedoch von allen der tiefste – wie behauptet wird sogar aller Sächsischen Teiche – ist. Von den beiden letztgenannten Teichen aus erhebt sich an einer Bergeshöhe ein ansehnlicher Theil des Dorfes Grosshartmannsdorf mit dem Namen der „Zehntel“ worin jedoch keine Güter befindlich sind, vielleicht aus jener Zeit so genannt, wo seine Häuserzahl den zehnten Theil des Orts betrug, während der Zehntel jetzt mindestens fünf und dreissig Häuser zählt. Im Westen steigt aus dem hiesigen Thale das Gebirge weder flach noch steil an, hingegen ist es im Osten ziemlich flach, wesshalb auch das ganze Thal so erscheint. Der Dörnthaler Kunstgraben berührt den obern, neuen und untern Teich und verbindet sich unterhalb des Dorfes mit dem Zethauer Kunstgraben. Der grosse Teich ist das Hauptreservoir für das bei Freiberg nöthige Aufschlagewasser, und schon Churfürst August kaufte 1562 von einem Herrn von Alnpeck auf Grosshartmannsdorf die Teichstätte nebst der auf dem Damme stehenden jetzt wohlgebauten und beim Teichfischen als Belustigungsort bekannten Mahl- und Bretmühle um 4000 Gulden. Hierdurch ist der Beweis geliefert, dass der Teich nicht erst wie viele glauben, 1726 angelegt sondern in diesem Jahre nur erweitert worden [44] ist, was auch vor etwa vierzig Jahren in der Richtung nach Helbigsdorf hin geschah. Der Teich hält bei sechszehn Ellen Tiefe 32693 Quadratruthen oder 217 Scheffel Land und nach einer muthmasslichen Berechnung (wenn er nämlich ganz voll ist, was aber höchst selten stattfindet) 655/9 Millionen Kubikfuss Wasser. Das Ablassen und Fischen dieses Teiches geschieht in der Regel aller drei Jahre und ist ein heiteres Fest für die weite Umgegend, denn von Würfel- Trink- und Essbuden umgeben bildet die Dammmühle den Mittelpunkt einer lustigen Volksmenge, die durch Tanz und Schmaus den längst erwarteten Fischzug gründlich feiert. Das Ablaufen des Wassers erfordert einen Zeitraum von einem Monat, doch bleibt auf den tiefern Stellen noch soviel zurück dass einige hundert Bergleute den Rest ausschöpfen müssen. Hechte und Karpfen von achtundzwanzig Pfunden Gewicht sind hier nicht selten, und der Verkauf geschieht nur nach Vorzeigung eines beim Bergamte gelösten Abonnementbillets.

Die älteste urkundliche Nachricht von Grosshartmannsdorf geht bis auf das Jahr 1375 zurück, wo das Kloster zu Chemnitz den Herrn von Waldenburg Rabenstein abtauschte, und Grosshartmannsdorf zur Hälfte mit in den Kauf gebracht wurde‚ daher sich auch die Verbindung des Ortes mit dem Amte Wolkenstein herleitete. Von 1444 bis 1490 gehörte der Ort den Herren von Vitzthum, von denen er obern Theils an Rudolf von Bünau, Rath des Herzogs Heinrich gelangte, während Heinrich von Weichert das Niederdorf besass. Beide Theile erkaufte 1524 Apolionia von Alnpeck und bei dieser Freiberger Patricierfamilie blieb Grosshartmannsdorf bis zum Jahre 1676 wo es an die Pfaffrodaer Linie der Schönberge kam, aus der das Gut der Oberberghauptmann von Schönberg erwarb, dessen Nachkommen es 1720 Paul Selig in Freiberg überliessen. Seit 1730 gehört Grosshartmannsdorf der Familie von Carlowitz aus der Carl Adolf von Carlowitz, königlich Polnischer und churfürstlich Sächsischer Kammerherr Oberaufseher und Kreiscommissar sich vielfach um den Ort verdient machte, und auch der Gründer des erwähnten Majorats wurde. Der jetzige Majoratsherr ist seit 1851 Herr Georg Carl von Carlowitz, königlich Preussischer Major a. D. welcher seinen Wohnsitz auf Liebstadt hat.

An der Westseite des Mitteldorfes befindet sich die Kirche, ein schönes geräumiges helles Gebäu mit einem fünfundsiebzig Ellen hohen Thurme, das unter dem Collator, Kammerherrn Oberaufseher und Kreiscommissar Carl Adolf von Carlowitz im Jahre 1738 erbaut wurde und aus weiter Umgebung sichtbar ist. Das Altargemälde, eine Kreuzigung darstellend, ist ein Werk des Malers Groni und auf Kosten des ebengenannten Herrn von Carlowitz hergestellt worden. Interessant ist auch die reichvergoldete mit trefflicher Bildhauerarbeit versehene aus einem einzigen Steine gearbeitete Kanzel, sowie die älteste der vier Glocken welche die Jahreszahl 1424 zeigt. Die Orgel mit zwei Clavieren ist ein kostbares Werk des berühmten Silbermann. – Vor der Reformation hatten die hiesigen Geistlichen die Verpflichtung in der Kapelle zu Gränitz welches damals nach Grosshartmannsdorf eingepfarrt war, zu bestimmten Zeiten eine Messe zu lesen, wesshalb noch heute der Pfarrer aus dem Vermögen der Gränitzer Kirche jährlich zwölf Groschen empfängt. So war auch Helbigsdorf bis 1667 Filial von Grosshartmannsdorf und der hiesige Pfarrer erhält für die Auspfarrung desselben, gleichfalls jedes Jahr, dreiundzwanzig Thaler, die ein von der Helbigsdorfer Gemeinde gegründetes eisernes Kapital gewährt. Unter den Pfarrherren von Grosshartmannsdorf befand sich auch Caspar Horny, ein sehr reicher Mann, der sein Amt freiwillig niederlegte und sich im Orte ein Haus baute, aber das Unglück hatte von eine Rotte streifender Soldaten misshandelt und durch einen Schuss getödet zu werden. Den Pfarrer Christoph Feller traf das Unglück im Jahre 1670 seine Habe durch eine Feuersbrunst einzubüssen‚ wobei das Pfarrhaus sammt den Kirchenbüchern und anderen wichtigen Dokumenten verbrannte und seine Frau in Folge des gehabten Schrecks – das Feuer entstand durch einen Blitzstrahl – nach einigen Tagen starb. Die jetzige Pfarrwohnung ist 1807 ganz neu und massiv erbaut worden und sämmtliche dazu gehörige Gebäude tragen Blitzableiter, so dass diese Pfarre wohl mit Recht zu den schönsten und stattlichsten Predigerwohnungen des Landes gezählt werden kann. – – Sie soll ihr Dasein einem glücklichen Eigensinne zu verdanken haben. – Der höchste Punkt im Bereiche der Parochie ist die sogenannte Butterhöhe, nordwestlich gelegen, an welche nördlich die Langenauer Höhe und das Freiholz stossen. In der Nähe des grossen Teiches befinden sich zwei bedeutende reichhaltige Torflager, welche die Umgegend mit einem vorzüglichen Brennmaterial versorgen. – In Bezug auf das Herrenhaus ist noch zu erwähnen, dass die ersten sicheren Nachrichten über Erweiterungen und Umänderungen desselben auf das Jahr 1565 zurückgehen, und die Wirthschaftsgebäude durch einen Blitzstrahl 1775 in Asche gelegt wurden, ein Schicksal dass sie auch im Jahre 1846 betraf.

Otto Moser.