Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen: Ober-Forchheim

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: M. G.
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Ober-Forchheim
Untertitel:
aus: Erzgebirgischer Kreis, in: Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen. Band 4, Seite 119–120
Herausgeber: Gustav Adolf Poenicke
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: [1856]
Verlag: Expedition des Ritterschaftlichen Album-Vereins
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: {{{ÜBERSETZER}}}
Originaltitel: {{{ORIGINALTITEL}}}
Originalsubtitel: {{{ORIGINALSUBTITEL}}}
Originalherkunft: {{{ORIGINALHERKUNFT}}}
Quelle: Commons = SLUB Dresden
Kurzbeschreibung:
{{{SONSTIGES}}}
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
20170827115DR OberForchheim (Pockau-Lengefeld) Rittergut.jpg
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[Ξ]
Album der Schlösser und Rittergüter im Königreiche Sachsen IV 187.jpg
[119]
Ober-Forchheim


an den Dresden-Annaberger und Zöblitz-Oederaner Strassen, am rechten Ufer des Haselbaches gelegen, welcher hier, wie fast überall, ein schönes, geöffnetes Thal bildet und die gleichsam einen einzigen, 2½ Stunden langen Ort bildenden Dörfer Dörnthal, Ober- und Niederhaselbach, Ober- und Niederforchheim durchfliesst.

Die Häuserreihen ziehen sich von der Anhöhe, auf welcher die Kirche liegt, zu beiden Seiten des Bachs in das Thal hinunter und steigen wieder auf der entgegengesetzten Anhöhe den Berg hinauf, auf welchem das Rittergut Oberforchheim liegt, dessen Gebäude man weithin sieht und von wo aus man die schönste Aussicht über das ganze Thal und die nähere und entferntere Umgegend geniesst.

Die Gebäude des Gutes sind durchgängig neu und zwar in Folge eines Hauptbrandes. Sie sind eine Zierde für die ganze Gegend.

Die Erbauung des Ortes kann nicht mit Bestimmtheit angegeben werden und eben so wenig die Erbauung des früheren Rittersitzes von Ober-Forchheim. Zuerst waren wohl die Ritter von Forchheim damit beliehen. Dann kamen Ober- und Niederforchheim, Ober- und Nieder- und Neuhaselbach, Ober-, Mittel- und Nieder-Sayda, Lippersdorf, Görsdorf, Zöblitz, Sorgau zur Herrschaft Lauterstein, welche die Ritterfamilie von Berbisdorf innen hatte.

Andreas von Berbisdorf, welcher den obern Lauterstein hatte und mit seinem Gerichtshalter im Lehngericht zu Obersayda stets zu Gerichte sass, verkaufte zu Ende des 15. oder Anfang des 16. Jahrhunderts Ober- und Nieder-Lauterstein, Görsdorf und Sorgau an den Landesherrn und theilte die übrigen Besitzungen unter seine Söhne auf eine merkwürdige Weise, dass man glauben könnte: „Es sei darum gewürfelt worden.“

Christoph von Berbisdorf erhielt Oberforchheim, und da dieser Ort wenig Bauern hatte, gab ihm sein Vater dazu noch das Erb-Lehngericht, 8 Bauern, auch Erbgärtner und Häusler von dem 1 Stunde entfernten Mittelseyda, 3 Bauern, 1 Gärtner und Häusler von Niederseyda, mehre Bauern, Gärtner und Häusler von Lippersdorf und das jus patronatus von Forchheim antheilig und von Mittelseyda ganz.

Dieser Christoph von Berbisdorf verkaufte im Jahre 1615 das jus. patronatus von Mittelseyda an seinen Vetter Siegismund von Berbisdorf auf Mittelseyda, Königl. Kammerrath für 100 Mfl., worüber letzterer sich so freute Kirchenpatron geworden zu sein, dass das bisher dem Pfarrer gebührende Osterlamm in einem fetten Schöps zur Kirchweihe verwandelt wurde, mit der Bedingung‚ dem Schulmeister alljährlich und zwar wechselsweise einmal ein Vorder-, einmal ein Hintertheil zu geben, und dem Pfarrherrn allemal zu Weihnachten 1 Tonne Bier unentgeldlich zu verabreichen.

Dem Christoph von Berbisdorf folgte sein Sohn Hans Hildebrand von Berbisdorf, welcher 1675 mit Tode abgegangen ist. Dann wurde dessen Wittwe Frau Eva Dorothea von Berbisdorf damit beliehen und so blieb das Gut Oberforchheim noch bis ins 18. Jahrhundert bei der Familie von Berbisdorf, wo es dann an Chr. Andreas Woydt kam, der es auf seinen Sohn Christian Heinrich Woydt, welcher im Jahre 1805 in den Adelstand erhoben wurde, vererbte.

Später entstand zu Herrn von Woydt ein Schuldenwesen und aus der von Woydtischen Schuldenmasse erstand es der Freiberger Rath im Namen des St. Johannishospitals (einer sehr reichen Stiftung) jedoch mit dem Vorsatze, es unter günstigen Bedingungen wieder zu verkaufen, welcher Vorsatz auch zur Ausführung kam. Der derzeitige Besitzer ist Herr Hauptmann von Trebra.

Oberforchheim hat mit Niederforchheim gleiches Schicksal im 30jährigen Kriege gehabt. Mord, Brand und Raub war an der Tagesordnung in jener Zeit und diese hatten im Gefolge die Pest, welche im Jahre 1681 fast alle Einwohner hinwegraffte. In den Nothjahren des 19. Jahrhunderts hat Ober-Forchheim und der ganze Ort ebenfalls viel dulden müssen, obschon das Elend von den mildthäthigen Gerichtsherrschaften auf jede mögliche Weise von Zeit zu Zeit zu mildern gesucht wurde. Namentlich bot sich stets für den fleissigen Arbeiter wenigstens Gelegenheit dar, den nothwendigen Unterhalt zu finden, da der bedeutende Torfstich in Nieder-Forchheim viele Hände beschäftigt. Der Hauptnahrungszweig von Forchheim ist zwar die Leinweberei, welche aber bei dem Mangel an günstigem Absatze und wegen der ungünstigen Flachsernten nicht mehr so lohnend ist, wie früher.

Das Collaturrecht über Kirche und Schule steht dem Rittergute Ober-Forchheim antheilig zu.

Die Kirche, welche eigentlich zum Oberdorfe gerechnet wird, ist ein ansehnliches Gebäude und zeichnet sich besonders durch ihre Silbermannsche Orgel aus, welche man unter die Meisterwerke ihres Erbauers rechnet.

Von der Kirche und Pfarre hat man eine herrliche Aussicht auf das ganze Thal und das Rittergut Oberforcheim liegt vor unsern Augen, [120] wogegen man in der Ferne eine ganze Bergreihe gewahrt, unter welcher sich dem Beobachter namentlich das Schloss Augustusburg ganz deutlich darstellt.

Der Bau der Kirche wurde im Jahre 1719, wo man die alte einriss, angefangen.

Am Sonntage Jubilate 1719 ist zum letzten Male in der alten Kirche Gottesdienst gehalten und mit Rührung von ihr Abschied genommen worden. Darauf hat man aus dem Holze der alten Kirche ausserhalb des Kirchhofs einen grossen Schuppen zur Abhaltung des Gottesdienstes und der übrigen kirchlichen Amtsverrichtungen erbaut und Montags nach Pfingsten ist der Grundstein zum Baue des neuen Gotteshauses feierlich gelegt worden, welche man in 2 Jahren zu vollbringen hoffte.

Leider hat derselbe bis ins Jahr 1726 sich hingezogen, weil Gott eine grosse Theurung ins Land geschickt hatte, so dass man im Jahre 1720 bei den erschöpften Kräften der Gemeinde blos 2 Maurer an dem verhältnissmässig grossartig unternommenen Baue hat arbeiten lassen können, worüber die Forchheimer vielen Spott von ihren Nachbarn haben vernehmen müssen, bis endlich die Schwierigkeiten so weit überwunden waren, dass man im Jahre 1723 am Kirchweihfeste, als den Montag nach Gallus den Gottesdienst aus dem Schuppen wieder in das Gotteshaus hat verlegen können, obwohl der innere Ausbau noch völlig gefehlt hat. In dieser Noth hat sich auf Verwendung des damaligen Pfarrer ein grosser Kaufmann Gotthardt Schubert zu Leipzig, aus Haselbach gebürtig, der hart bedrängten Gemeinde angenommen und 1500 Thlr. derselben zur Ausbauung der Kirche und namentlich zur Beschaffung einer Orgel, eines Altars, einer Kanzel und eines Taufsteins legirt, wozu nach dessen Tode seine Wittwe, die sich später an den Kaufmann Matthäus Dasdorf in Leipzig wieder verehelicht hat, für Altar, Kanzel und Taufstein eine kostbare Bekleidung und die heiligen Gefässe hinzugefügt hat, so dass endlich im Jahre 1726 am dritten heiligen Osterfeiertage die feierliche Einweihung dieses Gotteshauses durch den damaligen Superintendent Dr. Wilisch in Freiberg hat vollzogen werden können.

Zum Andenken an jenen Gotthardt Schubert befindet sich nicht blos an der Rückseite des Altars ein Denkstein mit nöthiger Inschrift eingemauert, sondern der Familie Schubert ist auch in der Kirche selbst ein eigenes Betstübchen auf immer zugeschrieben.

An dem Sonntage, welcher nach „Gotthardt“ fällt, werden auf Anordnung jenes Kaufmanns Schubert in der Kirche die Lieder: „Was Gott thut, das ist wohlgethan“ und „Wer weiss, wie nahe mir mein Ende“ von der Gemeinde mit dankbaren Herzen gesungen.

Viele Glieder der Familie von Berbisdorf liegen in dieser Kirche begraben und die Kirche besitzt auch ein Legat von 100 Thlrn., welches im Jahre 1688 den 30. Sept. Frau Eva Dorothea von Berbisdorf auf Ober- und Nieder-Forchheim, Lippersdorf u. s. w. zum Andenken ihres ältesten, auf dem Rückmarsch nach der Eroberung von Ofen, zu Brünn in Mähren als Lieutenant verstorbenen Sohnes, Hans Georg von Berbisdorf mit der ausdrücklichen Bestimmung legirt hat, dass von den Interessen 2 Thlr. 9 gGr. der Kirche, 1 Thlr. 18 gGr. dem Pfarrer, 1 Thlr. 6 gGr. dem Schulmeister, 12 gGr. den beiden Kirchvätern und desgleichen 12 gGr. den beiden Richtern von Ober- und Nieder-Forchheim alljährlich verabreicht werden sollen, doch so, dass, wenn das Kapital nicht höher, als zu 5% anzubringen, die letzteren, Kirchväter und Richter, ihren Thaler gänzlich missen sollen.

Unter den Pfarrern von Forchheim verdient vorzüglich Gottfried Devel einer besondern Erwähnung, den Hans von Berbisdorf auf der Universität unterhalten hatte. Derselbe hat im Schwedenkriege viel Ungemach ertragen. Er hielt, nachdem er seine Frau und Kinder der Sicherheit wegen nach Freiberg gebracht, mit einer alten Frau Haus. Dieser hatte er es zu verdanken, dass er einer längeren Marter der Feinde entging.

Nach der Flucht des Pastors in die Sacristei waren die Schweden ihm gefolgt und hatten letztere gewaltsam erbrochen. Hier ängstigten sie den Pfarrer auf das Schrecklichste, forderten das Kirchenvermögen und gingen eben damit um, ihm den sogenannten Schwedentrank einzugiessen, als auf ein Mal über dem Sacristeifenster herein des Pastors alte Frau rief: Herr seid getrost; jetzt kommt das ganze Dorf Bauern mit Heugabeln und Spiessen euch zu Hilfe. Darauf ist der Feind erschrocken abgezogen und sie hat ihn von seinen Banden wieder befreit.

Er liess sich noch bei Lebzeiten in der Sacristei, wo er gemartert worden war, sein Grab machen und einen Leichenstein setzen, welcher folgende Inschrift führt:

Hic, ubi latro mihi gladii sua spicula strinxit
Tutus in his adytis liber abense cubo
Quis sim, fama refer, Godefried Develius iste.
Praeco, Deo et templo fida columna suo.

Bei der neuen Grundgrabung der Kirche fand man seinen Leichnam noch ganz unverwest und legte ihn in ein neues Grab.

Zur hiesigen Parochie gehören noch die Orte: Görsdorf, Ober-, Nieder- und Neu-Haselbach mit Wernsdorf, und die einzelnen Häuser, Wirthschaften und Güter: Neusorge, Brand, Raschau und Drachenwald; dagegen haben Haselbach und Wernsdorf eigene Schulbezirke.

Haselbach, Nieder- und Neuhaselbach ist bei der von Andreas von Berbisdorf vorgenommenen Theilung schon zu Anfang des 16. Jahrhunderts von der Familie von Berbisdorf weg und an einen Privatmann als Rittergut verkauft, und dann mit dem Allodialgute Wernsdorf vereinigt worden.

Ober-Forchheim mit Nieder-Forchheim zählt 194 bewohnte Gebäude 300 Familienhaushaltungen und 1410 Einwohner und gehört zum Gerichtsamt Lengefeld, zum Bezirksgericht Augustusburg, zur Amtshauptmannschaft Nieder-Forchheim, zum Regierungsbezirk Zwickau.

M. G.