Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen: Strahwalde

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Textdaten
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Autor: Otto Moser
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Titel: Strahwalde
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aus: Markgrafenthum Oberlausitz, in: Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen. Band 3, Seite 101–103
Herausgeber: Gustav Adolf Poenicke
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Erscheinungsdatum: o. J. (1854–1861)
Verlag: Expedition des Albums Sächsischer Rittergüter und Schlösser
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Erscheinungsort: Leipzig
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Kurzbeschreibung:
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Ober - Strawalde


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Strahwalde.


In der Reihe von Dörfern, welche sich ohne Unterbrechung im Pliessnitzthale bis Görlitz hinzieht, bildet Strahwalde in fünfviertelstündiger Ausdehnung den Anfang. Es liegt eine halbe Stunde von Herrnhut und sechs Viertelstunden von Löbau an der Bautzen-Zittauer Chaussee in recht angenehmer Gegend am Fusse des Kottmarberges, der im Westen, wie das Lausitzer Gebirge im Süden, den Horizont begränzt. Südöstlich vom Dorfe zeigt sich der Hutberg und nordöstlich der Hölzel- und Lehmannsberg, welcher Letztere sich durch eine unbeschreiblich reizende Aussicht, zum Theil bis in die Gegend von Görlitz, auszeichnet. Gleichsam die Gränze zwischen dem Stromgebiete der Oder und Elbe bildet eine Waldung, die westlich mit den Kottmar- und östlich mit den Kemnitzer und Herwigsdorfer Waldungen zusammenhängt und Strahwalde von Kunnersdorf, Ottenhain, Herwigsdorf und Kemnitz scheidet. Die Quellen, welche auf der westlichen, südlichen und östlichen Seite desselben entspringen, münden nämlich in den Bach, der Strahwalde durchfliesst und weiterhin in den Petersbach fällt, welcher vom Kottmar herabkommend, eine Strecke lang das Niederstrahwalder Gebiet bewässert und endlich sich mit der Pliessnitz vereinigt. Die nördlich und theilweise östlich hervortretenden Quellen fliessen in das Löbauer Wasser und mit diesem in die Spree; sie gehören aber grösstentheils nicht mehr zu Strahwalde.

Was die Entstehung Strahwaldes anbetrifft, so fehlen darüber alle zuverlässigen Nachrichten; doch scheint es, als ob der Name des Ortes von der Landstrasse herrühre, welche vormals aus dem Lande Meissen und der Oberlausitz durch den längst verschwundenen grossen Wald in das Königreich Böhmen führte. Urkundlich wird der Ort allerdings oft Strasswalde genannt und in der That sind noch jetzt Spuren dieser alten berühmten Heerstrasse zu bemerken, welche unterhalb der hiesigen Kirche nach Ruppersdorf und von da weiter nach Zittau ging, jedoch schon vor dem Jahre 1722 ausser Gebrauch gekommen war. Die älteste Urkunde, welche Strahwaldes gedenkt, ist vom Jahre 1317, wo Markgraf Waldemar von Brandenburg Strahwalde der Gerichtsbarkeit Löbaus unterwarf.

In Strahwalde befinden sich zwei Rittergüter, Ober- und Nieder-Strahwalde, von welchen das erstere etwas kleiner ist als das andere. Oberstrahwalde hat 76 Häuser mit 500 Einwohnern, und Niederstrahwalde 100 Häuser mit 700 Bewohnern. Ausserdem gehören noch zu jedem der [102] beiden Dörfer einige kleinere Ortstheile, nämlich Friedensthal, der alte Zuckmantel und der neue Zuckmantel, ein kleines, 1770 vom Grafen Hrzan gegründetes Dörfchen. Zu Oberstrahwalde gehören bedeutende Waldstrecken; auch hat der Ort recht beträchtliche Teiche. Am Fusse des Lehmannsberges, sowie an der Kunnersdorfer Gränze, auf dem sogenannten Lehden, befinden sich zwei treffliche Brunnen, welche durch eine Röhrenleitung Herrnhut mit Wasser versorgen.

Die Ortsgeschichte erzählt mancherlei harte Schicksale, von denen hauptsächlich eine entsetzliche Pest (1625) zu erwähnen ist, die Strahwalde fast gänzlich entvölkerte und in dem nahen Kunnersdorf alle Einwohner, bis auf einen einzigen Mann, vertilgt haben soll. Noch jetzt zeigt man die Stätte wo das Pestkrankenhaus stand und die unglücklichen Opfer der Seuche ihr Grab fanden. In der jetzt sogenannten Dörfelbrache, an der Oberkunnersdorfer Gränze, stand vor Zeiten das Dorf Rothdörfel, von dem ausser einigen ausgetrockneten Teichen und den Spuren einer Mühle kein Stein mehr vorhanden ist. Wahrscheinlich verschwand das Dorf im Hussitenkriege; eine Urkunde darüber ist nicht mehr vorhanden. Im Jahre 1724 zündete eine Magd aus Rache den Niederstrahwalder Herrenhof an und fand ihren Tod auf dem Scheiterhaufen; 1815 brannten in Niederstrahwalde zwei Gehöfte nieder und 1820 zündete wiederum den Niederstrahwalder Hof ein hiesiger Einwohner an, der dafür auf dem Schaffot sterben musste. In der Nacht vom 5. zum 6. Juli 1840 brannte in Oberstrahwalde der Gasthof ab, bei welchem Unglück der Fuhrmann Wersig aus Condorf sammt seinen vier Pferden und dem reichbeladenen Frachtwagen in Asche verwandelt wurde.

Vor etwa 90 Jahren entstand an der Kunnersdorfer Strasse ein neues Dörfchen, Johannisdörfel genannt, und zwar da, wo jetzt der Weg von der Strasse in das Kirchbüschel führt. Die Herrschaft beabsichtigte damals ein Vorwerk hierher zu bauen, gab aber später diesen Plan wieder auf. Nach einer Volkssage soll nach einer pestartigen Seuche die Herrschaft das Dorf wieder mit Böhmen bevölkert haben, wahrscheinlich protestantischen Exulanten, die Kaiser Ferdinand aus ihrem Vaterlande vertrieb. Der Einfall König Carls XII. von Schweden brachte auch nach Strahwalde manches Drangsal, härter aber traf den Ort die Einquartirung im Winter 1757, Theurung und Krankheit. Im Jahre 1813 fanden hier viele Durchmärsche Statt, und nach der Bautzner Schlacht wurden die Einwohner oft von Russischen und Preussischen Streifcorps heimgesucht, während des Waffenstillstandes aber bivouaquirten hier Polen. Als bei dem Einrücken der Alliirten aus Böhmen Marschall Victor von Napoleon zurückberufen worden war, bivouaquirte dieser Feldherr mit seinem ganzen Corps einen Tag und eine Nacht in Strahwalde, wobei das Dorf in grosser Feuersgefahr schwebte. Später fielen in der Nähe bisweilen kleine Gefechte vor, bei welcher Gelegenheit die Polen eine Batterie auf einer Höhe bei Strahwalde errichteten, um den Ort in Brand zu schiessen, eine Absicht die durch einen kühnen Anfall Russischer Cavallerie vereitelt wurde.

Die beiden Rittergüter Ober- und Niederstrahwalde waren in frühester Zeit vereinigt, und zwar gehörte das Gut im Anfange des sechszehnten Jahrhunderts dem adeligen Geschlecht von Klüx. Zuerst wird 1528 Heinrich von Klüx, Hofrichter zu Löbau, genannt, dem Wolf Joachim, Hans und endlich Caspar von Klüx folgten, welcher Letztere 1635 auf gewaltsame Art seinen Tod fand. Zu dieser Zeit geschah die Theilung des Rittergutes in den oberen und niederen Theil; denn 1637 gehörte Oberstrahwalde Friedrich von Rodewitz, der es Joachim von Schilling überliess. Zwischen 1652 und 1654 kaufte das Gut Heinrich Adolf von Kyau, der vorher Kemnitz besessen hatte und Vater von nicht weniger als siebzehn Kindern war, die alle in den Freiherrnstand erhoben wurden und zum Theil hohe Staatswürden erlangten. Nach des Vaters Tode erbte 1677 das Gut Adam Joachim von Kyau, ein frommer, edler Mann, der die hiesige Kirche fast ganz auf eigene Kosten neu aufbaute und 1707 mit Tode abging. Das Gut stand jetzt mehrere Jahre unter vormundschaftlicher Verwaltung des Herrn von Oberländer auf Reichenbach, worauf es sein Mündel August Leopold von Kyau und nach dessen 1740 erfolgtem Ableben dessen Bruder, Carl Ludwig von Kyau, übernahm. Ein dritter Bruder war der bekannte witzige General von Kyau, Commandant der Festung Königstein.

Nach Carl Ludwig von Kyau’s Tode (1750), behielt dessen Wittwe das Gut noch bis 1769, wo es Graf Xaver von Hrzan und Harras, k. k. Kämmerer, Grosskreuz des Bairischen St. Michaelisordens und Herr auf Kemnitz, erkaufte, von dem es an seinen Neffen, Johann Anton Ludwig von Lenz, k. Sächsischen Major, Ritter der Französischen Ehrenlegion, des Militair-St. Heinrichsordens und des Schwedischen Schwertordens, Adjutanten des Prinzen Johann und Commandeurs der Communalgarde zu Dresden, gelangte. Von ihm erkaufte Strahwalde Herr Carl August Reichel, Kauf- und Handelsherr zu Löbau.

Das Rittergut Niederstrahwalde gelangte nach dem Tode Caspars von Klüx an dessen Schwiegersohn Caspar von Bock, nach dessen Tode es einige Jahre im Besitze von dessen Wittwe blieb, die 1657 starb. Die nächsten Besitzer waren aus der Familie von Rabenau, und zwar Christoph Heinrich, Heinrich Friedrich, Eleuther Christian, Gottlob Ehrenreich und Heinrich Christian von Rabenau, von denen Letzterer 1709 das Zeitliche segnete. Hierauf kaufte das Gut der Besitzer von Oberstrahwalde, August Leopold [103] von Kyau, der beide Güter auf seinen Bruder Carl Ludwig von Kyau vererbte, dessen Wittwe Niederstrahwalde an Christoph Traugott von Burgsdorf verkaufte, der 1758 auf eine höchst merkwürdige Art verunglückte. Er wollte nämlich eines Tages nach Tische ausfahren und befahl anzuspannen, als ihm die Dienerschaft erklärte, dass dies unmöglich sei, weil das Pferd, dessen sich der Herr zu bedienen pflegte, wenn er allein ausfuhr, plötzlich kollerig geworden sei. Trotz allen Bitten und Vorstellungen liess der Edelmann das wüthende Thier herbeibringen und nur mit der grössten Mühe war es einzuspannen. Kaum fühlte sich das Pferd frei, als es sich bäumte, zum nördlichen Hofthore hinausstürzte und dabei den Wagen umwarf. Der unglückliche Herr von Burgsdorf fiel heftig zu Boden und stiess sich dabei das Degengefäss in den Leib, so dass er an der tiefen Wunde nach einigen Tagen unter unsäglichen Schmerzen starb. Drei Tage nach seinem Ableben setzte man die Leiche in der Gruft unter der hiesigen Kirche bei. Die untröstliche Gemahlin hatte dem verunglückten Gatten verschiedene werthvolle Ringe und sonstige Pretiosen mit in den Sarg geben lassen, welche die allgemeine Aufmerksamkeit der Anwesenden erregten. Namentlich erwachte in dem Gesellschaftsfräulein der Edelfrau ein unwiderstehliches Verlangen, sich der Kostbarkeiten zu bemächtigen und als sie beim Herausgehen aus der Kirche zufällig vernahm, dass die Todtengruft erst am nächsten Tage verschlossen werden sollte, entstand in ihr der Plan, sich auf alle Fälle der Schmuckgegenstände zu bemächtigen. In der Nacht, welche dem Begräbnisse des verewigten Herrn von Burgsdorf folgte, schlich sich das kühne Mädchen in die Kirche, zündete in dem herrschaftlichen Betstuhle eine mitgenommene Laterne an und stieg in die unverschlossene Gruft. Hier versuchte sie vergeblich, den zugeschraubten Sarg zu öffnen und als dieser allen Anstrengungen widerstand, ergriff das Mädchen eine Sargunterlage, zertrümmerte damit den Todtenschrein, und entwendete der Leiche den reichen Schmuck. Leise verliess hierauf die Gouvernante die Kirche und gelangte ungesehen in ihr Zimmer; im Dorfe aber hatte man die Erleuchtung der Kirche wohl bemerkt, jedoch aus abergläubischer Furcht keine Untersuchung dieser Erscheinung gewagt. Als man am Tage nach dem Leichenraube die Gruft besuchte, fand sich natürlich die auffällige Verwüstung; aber der Vorfall war so unheimlich, dass jede fernere Nachforschung unterblieb. Erst als nach langen Jahren wieder eine Beisetzung stattfand und mit dem vorigen Geschlecht auch der Aberglaube abgestorben war, entdeckte man den Diebstahl, der endlich auch durch das Geständniss der nunmehr hochbejahrten Diebin bestätigt wurde.

Nach dem Herrn von Burgsdorf findet sich als Besitzer von Niederstrahwalde Johann Ernst von Gersdorf, Kammerjunker und Verweser des Fräuleinstiftes Joachimstein und Herr auf Lautitz, der 1769 das Gut der Gräfin Agnes Sophie von Reuss überliess, die 1791 starb. Ihr folgte Graf Heinrich XXVIII. von Reuss von 1791 bis 1797, wo ihm Friedrich Rudolf, Freiherr von Wattwille, folgte, von dem Niederstrahwalde 1811 seine zweite Gemahlin, Charlotte Marie Eleonore, verwittwete von Gersdorf, geborne Gräfin Pfeil, erbte, deren Sohn erster Ehe, der Rittmeister Ferdinand Rudolf von Gersdorf auf Obersteinkirch das Gut 1812 an Christian Friedrich von Göttlich verkaufte. – Im Rittergute zu Niederstrahwalde befindet sich das eigentliche, bis zum 16. Jahrhundert hinabreichende Ortsarchiv.

Die Kirche zu Strahwalde wird in einer Matrikel des Bischofs von Meissen vom Jahre 1346 erwähnt, worin gesagt ist, dass der bei ihr angestellte Geistliche dem Erzpriester zu Löbau untergeben sei. Die älteste Kirche stand ungefähr an der Stelle, wo die alte Löbauer Landstrasse auf den sogenannten Dreiäckern die Chaussee schneidet und wurde höchst wahrscheinlich im Hussitenkriege weggebrannt. Die darauf neu gebaute Kirche stand auf derselben Stelle, wo sich die jetzige befindet, zu der man nach Abbruch des alten baufälligen Gotteshauses am 17. Mai 1695 den Grundstein legte. Der Thurm wurde im Jahre 1730 erbaut. – Bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts besass die Kirche zu Strahwalde ein Gut in Kottmarsdorf, das, nach alten Nachrichten, sie 1614 von David von Gersdorf erkaufte, und wovon der jedesmalige Pfarrer in Strahwalde die Nutzniessung haben sollte. Die schwere Zeit des siebenjährigen Krieges und andere Verhältnisse machten es nöthig, das Gütchen zu verkaufen, das dafür gelöste Capital aber legte man als unablösbar auf die beiden Rittergüter, von denen der Pfarrer die Zinsen dafür bezieht. – Noch ist zu erwähnen, dass zu Strahwalde vor langen Jahren ein Vorwerk stand, das in Urkunden unter dem Namen des rothen Vorwerks erscheint.

Noch befindet sich im Schlosse zu Oberstrahwalde eine katholische Stiftskapelle für die in der Umgegend von Löbau, Herrnhut und Zittau zerstreut wohnenden Katholiken. Als nämlich 1767 der katholische Graf Xaver von Hrzan und Harras Oberstrahwalde erkaufte, errichtete er wegen zu grosser Entfernung katholischer Gotteshäuser ein solches im eignen Schlosse und erhielt von dem Bischof von Bautzen Wesky von Bärenstamm für dasselbe einen Caplan, der am 4. August 1768 hier die erste Messe las.

O. Moser.