Rothes Glas?

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Textdaten
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Autor: M. M. von Weber
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Titel: Rothes Glas?
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 33, S. 554–556
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[554]

Rothes Glas?[1]
Eine Episode aus dem Eisenbahnleben.
Von M. M. von Weber.

„Janos, Ihr seid ein vollständiger Narr,“ sagt der Streckeningenieur der Bahn, welche, südöstlich von Temesvar, die unermeßlichen Getreide- und Kukuruzflächen des Banats durchzieht, zu dem mit abgezogener Mütze vor ihm stehenden Bahnwärter Nr. 128, der zugleich die kleine Personenstation Jam-Saag verwaltet; „ein vollständiger Narr, sage ich Euch; hättet selbst Nichts zu beißen und zu brocken, wenn Euch hier das Brod nicht in den Mund wüchse; vier Kinder, und nehmt den kleinen fremden Wechselbalg noch dazu! Hübsch ist das Mädel allerdings. Wie seid Ihr zu dem Unsinn gekommen?“

„Ja, Herr, das kam so. Drüben an der Flügelbahn sind Arbeiter, wälsche, bei der Marosbrücke, können nicht sprechen mit uns, aber brave Leute, hungern, um Geld zu sammeln. Lag ein Gang von ihren, Jahr voriges, vierzehn Mann hoch in Zelten mitten im Kukuruz von Kloster Zekas. Durften kein Feuer machen wegen Brand im Felde, trockenen. Kamen täglich Weiber meilenweit aus Dörfern hinüber mit Suppe, jämmerlicher. Lief Kind immer neben jungen Weib von diesen; kam sehr, sehr weit her, hübsches Kind, alt wie mein jüngstes. Saßen immer nieder auf Schwelle von Bahnhaus, ruhten aus, todtmüde. – Weinte oft das Kind – wegen Schmerz im Fuß und Schwitz und Müde. Sagt eines Montags mein Weib, was heut’ ist drüben bei Großmutter in Lagos, wo in Schule königlicher, sehr gute, meine vier Kinder – alle –. Janos, sagt sie, erbarmt mich das Kind. Gleicht es der Juscha, was drüben ganze Woche in Schule, königlicher, mit den andern. Sind wir einsam ganze Woche – willst Du, Herr, lassen wir spielen hier das Kind und essen die Woche bei uns – Sonntag mit Kindern unsrigen. Ist hübsch der Fratz[2] und gut; Pane[3] Inspector – sehen wie lacht mit Augen, schwarzen! Sage ich: laß dableiben Kind, wenn wiederkommt mit Mutter seiniger. Arme Frau küßte uns Hände, glücklich war sie, konnte sehen Fratz ihrigen täglich, und brauchte nicht zu füttern den Fratz. Wissen aber, Pane Inspector, daß kam Fieber unter Arbeiter, wälsche, Jahr voriges. Mußten geräumt werden Zelte von allen – sämmtlichen. Aber ehe geschehen konnte, starb Vater von Kind, und Mutter ihrige kam nicht wieder. Ist wohl auch gestorben – wahrscheinlich Kindchen blieb bei uns – Winter, Sommer. Wohin damit auch?“

„Hättet es bei der Bauunternehmung anmelden sollen, Janos; sie hätte es in die Heimath der Arbeiter, nach Wälschland geschickt.“

„O nein, Pane Inspector, nein – so weit – armes Wurm – lieber Fratz – Kinder meinige haben es lieb und wir auch.“

„Nun, ganz schön, Janos, mich geht es nichts an; es bleibt Euch aber lebenslang zur Last. – Wenn wir alle Kinder der Arbeiter, die am Sumpffieber sterben, adoptiren wollten! Ihr seid ein Narr. Gute Nacht. Vergeßt nicht, morgen die Casse nach Temesvar einzuliefern – werdet nicht viel darin haben – aber ’s ist Samstag. Regulativ-Paragraph siebenzehn! und überdies denkt daran, daß wir auf der Strecke die Strolche O. und K. zum Teufel jagten, die Ihr ja früher hier auf der Station hattet, und die Bescheid wissen; auch daß Cassenlieferungszeit ist. Die Kerls stehlen unverschämter, als es selbst hier in Ungarn zulässig ist. Paßt auf, daß sie Euch keine Visite machen. Gute Nacht, Janos!“

Die Dräsine des Strecken-Ingenieurs, von sechs kräftigen Armen getrieben, verschwindet im Abenddunkel und dem leichten Nebeldunste, der aus den hohen Kukuruzfeldern neben der Bahn blattduftig und durchsichtig sich über die Bahn legt. Janos bedeutet Alles in Allem auf der kleinen Station, die eigentlich nichts als ein halbverlorener Haltepunkt auf öder Bahnstrecke ist, von nur zwei Zügen täglich befahren. Er expedirt den Getreidejuden, der dem grundbesitzenden Cavalier, dem die Schulden an der Kehle stehen, das Getreide für ein Sündengeld auf dem Halme abgeschwindelt hat, oder den Schweinehändler, der die Kukuruzmast seiner „Waare“ inspicirt, oder den Wälderausschlächter, der eben wieder ein Stück Gesundheit, Klima und fruchtbares Wetter in Gestalt eines herrlichen Urwaldes, quadratmeilengroß, in Eisenbahnschwellen und Faßdauben verwandelt hat; oder den Sohn der Pußta, der in den nächsten Flecken zur Stuhlrichterwahl saufen geht – aber wenige von alledem fallen auf der abgelegenen Station auf die Bahn. Die Casse ist daher klein, und dem wackern Janos genügen zur Hülfeleistung ein alter Weichensteller, der einst bei einem Zusammenstoße aus einem „feschen Conducteur“ zu einem armen Krüppel wurde, und des Janos tüchtiges Weib, eine Sachsin aus Siebenbürgen, die lesen und schreiben kann und Herz und Kopf auf dem rechten Flecke hat. Heut ist sie zur Verproviantirung der wie eine Insel im Kukuruzmeere liegenden Station zur Stadt gefahren; der alte Weichensteller Ferenz hat Tagesdienst gehabt und Janos ist mit dem Kinde allein.

Im „Kukuruzmeere“ wahrlich liegt die Station! So weit das Auge reicht in Nord, Süd, Ost und West, Nichts als das übermannshohe Geröhricht der edlen Pflanze. Vom röthlichen Lichte des tiefstehenden, unvollkommenen Sonnenwendemondes im Südosten herab geht ein leichter Nachtwind über die unermeßliche Ebene durch das fruchtbare Ried hin, in dem der Büffel, der vom Sumpfufer der Berzaba heraufsteigt, schmale Pfade tritt, wie im baumhohen Grase der Savannen Amerikas. Der Kukuruz birgt hier den Betyaren und den Büffel so gut, wie das hohe Gras dorten den Bison und die scalphungrige Rothhaut. Und der Wind läßt hier nicht sanfte, weiche, duftende Wogen am Waldrande branden, wie in den blonden Fluthen des Getreides, sondern nur hohe Blüthenrispen, spitz und pfeilartig, millionenfältig glitzern und sich neigen, wie ebenso viel Hellebardenspitzen einer wandernden Heerschaar. Und drunter, im dunklen Gewirre der langen scharfen Blätter, blitzt es hier und da auf, wie von blanken Klingen und klirrt es leise, wie diese thun, wenn sie sich kreuzen. Und da und dort ragt es dunkel und schwarz empor, wie Masten von in diesem Meere gesunkenen Schiffen, an denen das Mondlicht blau herabrinnt. Es sind die Schwengel der Ziehbrunnen, die Wahrzeichen der ungarischen Ebene. Und die Luft ist voll, weit und breit, vom weichen behaglichen Gequake zahlloser Frösche („ungarische Nachtigallen“ nennt sie der Spöttermund der „Schwaben“[4]), die in den Wassergräben der Bahn, in den Lachen der Moorniederung hausen. Nur wenn, wie auf ein allgehörtes Commando, dies Getön, welches das Ohr seiner Unablässigkeit wegen nicht mehr hört, schweigt, wird man gewahr, daß es eben die Luft noch füllte, und hört das leise Rascheln und Klirren im Kukuruz und das ferne Brüllen der Büffel an der Theiß.

Die Eisenbahn hat „eine Furche gezogen“ in die Unermeßlichkeit des „Kukuruzmeeres“. Die Telegraphendrähte schweben darüber, wie blitzende Spinnweben im Mondlicht, und ferne Lichtpunkte künden, daß hier Menschen auf Menschen harren.

Das ist das Bild der ungarischen Ebene, grandiös in seiner schlichten Unermeßlichkeit wie Prairien, Pampas, Llanos und Savannen, und doch so viel freundlicher, menschennäher als jene; wie das unendliche ausgebreitete Nährfeld anmuthender ist, als das unabsehbare Jagdgebiet.

Die Zeit für den letzten der wenigen Züge, welche die Station passiren, ist da. Janos nimmt das Kind auf; den kleinen Gefährten seiner Einsamkeit, den er bis dahin, des Kühlwerdens der Nachtluft froh, spielend und schäkernd auf den Knieen gehalten, und trägt es in sein kleines Bett, das in der luftigen Wachstube steht, deren zwei Fenster, zum Ausguck, rechts und links auf die Bahn gehen. Dann zündet der treue Mann die Lampe auf dem Tische an, die seinem einsamen Nachtmahle [555] leuchten soll, und bereitet die Signallaterne für das Zeichen vor, das er dem herannahenden Zuge zu geben hat.

Es ist kein Bedürfniß da, ihn halten zu lassen. Kein Passagier begehrt den Zug zu besteigen, und auf Janos' kleinem Dienstgebiet ist alles in Ordnung, deshalb hat er dem Zuge das weiße, unveränderte Licht seiner Signallaterne zu zeigen, welches ihm zuruft. „Fahr zu, Alles in Sicherheit!“ Sorgsam entfernt daher Janos die bunten Scheiben aus dieser Laterne. Denn das durch die grünen hinausscheinende Licht würde den Zug ohne Anlaß zur „Vorsicht“, zum „Langsamfahren“ mahnen; das rothe aber ihm „Halt“ gebieten.

Und diesem Befehle, mit rothem Strahle hinausgeblitzt auf die Bahn, wagt kein Locomotivführer, kein Bremser auch nur einen Augenblick den Gehorsam zu versagen. Weiß er doch, daß Leib und Leben an diesem Augenblicke hängt. Ein „rothes Licht“, ein „Haltsignal“ auf offener Strecke wirkt auf das ganze Personal eines Zuges elektrisch, unwiderstehlich, wie das Aufblitzen eines feindlichen Schusses auf eine in der Nacht marschirende Colonne. Der Begriff „Halt“ durchfährt alle Sinne, alle Fäuste in jähem Ruck – denn vielleicht – liegt da, dicht vor ihnen, in der Finsterniß – Schreckniß und Tod.

Und die Dampfpfeife gellt in vielfach wiederholtem, schneidendem Aufschrei: „Alle Hand an die Bremsen“ und der Locomotivführer reißt die Hebel zurück, welche die Triebkraft der Locomotive nach rückwärts wirken lassen; und in rasender Hast dreht der Heizer die Kurbel seines kraftvollen Hemmwerks am Tender – und Funken sprühen von den brennenden Bremsklötzen empor, und blaues Feuer zeichnet das Gleiten der Räder auf den Schienen – bis der schnaubende, eiserne Koloß still steht.

Das magische, so mächtig und unwiderstehlich beherrschende Glas entfernt also Janos aus der Laterne und legt es sorgsam neben seinen milder herrschenden Genossen, das grüne, auf den Tisch, und zündet ihre Flamme an. Aufmerksam sitzt das Kindchen im Bette auf, seiner Arbeit zuschauend; in erst halb erlernter Sprache mühsam und gebrochen und doch kindlich unermüdlich plaudernd und fragend, so daß Janos endlich das krause dunkle Köpfchen mit ernster Mahnung, nun zu schlafen, auf das Kissen niederdrücken muß, ehe er, den Zug erwartend, vor das Haus tritt.

Das Kind aber schläft nicht – verstohlen hebt es das Köpfchen wieder empor. Da liegen sie ja, auf dem Tische, die wunderbaren Tafeln, durch welche die Mutter einmal seine dunkeln Augen in die Welt blicken ließ. Es war damals Winter und – doch – das eine machte, daß der ganze helle, grüne sonnige Frühling da war, und – vor dem andern fuhr es zurück – da brannte ja die ganze Welt! – Wie gern hätte das Kind das Wunder noch einmal gesehen – aber der Vater hatte mit harter Strafe gedroht, wenn es sich unterstünde eine der Tafeln in die Händchen zu nehmen – und da lagen die Tafeln jetzt, ganz wie des Kindes Schiefertafel, harmlos auf dem Tische, und der Vater war draußen, ach – nur einen Blick!

Indeß sitzt Janos vor dem Hause, auf dem Holzstumpfe, auf dem die Frau ihr Küchenholz spaltet, das Signal erharrend. Dienst und Kinder und Sorgen gehen im Halbschlummer an ihm vorüber. Da raschelt es knackend und schwer niedertretend im Kukuruz – das ist ein Büffel, der den Weg nach dem Wasser des Bahngrabens sucht! er kann über die Bahn trotten, wenn der Zug kommt, erreicht werden – ausgleisen machen mit seinem ungeschlachten Körper; eilig bückt sich Janos nach dem für solche Fälle unter dem andern Werkzeuge liegenden Stachelstock zum Treiben der Stiere – da – wird ihm eine dicke Bunda[5] über den Kopf geworfen, kräftige Arme umschlingen, ihn fast erstickend, seinen Hals; ehe er sich aus seiner gebückten Stellung aufrichten kann, ist er zu Boden geworfen und gebunden – aber, obgleich dumpf, dringt doch durch den seinen Kopf umhüllenden groben Stoff, laut genug die Raubgesellen zu erschrecken, sein Hülfsgeschrei. –

„Macht den Kerl doch stumm!“ hört er eine Stimme flüstern.

„Todtschlagen?“ fragt eine andere.

„Meinetwegen, rasch – rasch.“

„Nichts da! Nicht todtschlagen,“ flüstert eine dritte; „hat er Euch denn gesehen und erkannt? – Nein? – Nun, so stopft ihm nur das Maul tüchtig!“

„Womit?“

„Reißt die Signalfahne vom Stock – so – und nun haltet ihm die Nase zu. Sobald er das Maul aufthut, hinein mit der Fahne, unter die Bunda und tüchtig mit dem Knüppel hinterhergestoßen, erstickt er, ist's seine Sache – so, der ist jetzt stumm!“

Wie ein Bündel Holz wird Janos hinter einen Holzstoß geworfen, wo sein dick umhüllter Kopf schmerzlich gegen die Scheite schlägt. Da dringt es grell und dröhnend durch all die erstickende Umgebung an sein Ohr: Glockenschläge – eins – zwei – Pause – eins – zwei – das elektrische Signal des kommenden Zuges.

„Heilige Mutter Gottes, wenn der hielte, wäre Alles gerettet!“ denkt der Geknebelte in seiner Todesangst, „aber warum soll er halten?“ –

„Donnerwetter!“ hört er dann rufen, „da kommt der Zug, ich dachte, er sei längst vorüber. Wenn der hält, holt uns der Teufel. Geschwind die Laterne hinaus, da steht sie in der Stube. Weißes Licht gegeben, damit er vorbei stolpert. Gott verdammt! Ehe der Zug vorbei ist, kann nichts gemacht werden, die Casse ist festgeschraubt, wir brauchen Zeit!“

Janos hört die Thür schlagen, rasche Fußtritte mehrerer Männer.

„Hier ist die Laterne, gieb Du das Zeichen, Du verstehst's. Ihr Anderen tretet hier in den Schatten!“

Dann wird's still, ganz still. Da beginnt es in der Ferne klappernd zu dröhnen – der Zug! da ist der Zug! Das Dröhnen kommt näher, die Schienen beginnen leise zu klirren –

„O allergnädige Mutter Gottes, thue ein Wunder, halt ihn an!“ seufzt Janos; „ich hänge ein zinnern Wagenrädchen, drei Pfund schwer, in deine Kirche zu Maros!“

„Es wäre infam, wenn er hielte; da wäre Alles umsonst gewesen. Geschwind, weißes Licht! Hoch, hoch mit der Laterne! Recht sichtlich – so,“ ruft eine Stimme.

Da gellt ein langgezogener Pfiff der Locomotive durch die Nacht daher.

„Hurrah, er fährt durch!“ jubeln drei rauhe Kehlen.

„Alles verloren, was wird nun?“ denkt, halb erstickt, mit schwindenden Sinnen Janos.

Da folgen dem langen Pfiffe, gellend wie Nothschrei, kurz, abgestoßen, noch einer, zwei, drei, fünf, sechs.

„Hölle und Satan, der pfeift ja zum Bremsen und Halten!“ ruft eine der rohen Stimmen. „Gebt Fersengeld, der Teufel kommt! Schnell in den Kukuruz! Schlagt die Signallaterne entzwei! Klirrend fliegt sie an die Wand.

„Sollten wir nicht erst noch den Janos abthun?“

„Zu was? – Hallo, da sind sie schon!“

Der Kukuruz schlägt über den dunklen Gestalten zusammen; der Zug stiebt heran. Funken sprühen unter seinen gebremsten Rädern hervor, die Erde dröhnt, noch ein Keuchen, eine nach dem Monde hinaufgeblasene Dampfwolke – und er steht. Eine Anzahl uniformirter kräftiger Männer springen von den Wagen; voran der Oberconducteur, der rasch und offenbar zornig auf das Bahnhaus zuschreitet.

„Warum läßt man uns hier halten – und kein Mensch da? In des Teufels Namen, was soll das heißen? Warum hat man uns rothes Licht gegeben?“

„Hier, Herr Oberconducteur, liegt die Signallaterne zerschmettert, aber kein rothes Licht ist drinn.“

„Da ist etwas faul, durchsucht das Haus!“ befiehlt der Zugchef. „Wo sind die Leute? Hier ist nur ein kleines Kind im Zimmer – und hier stöhnt etwas hinter dem Holzstoß!“

„Da ist's – so wahr Gott lebt, ein geknebelter Mann – 's ist der Janos, Bahnwärter Nr. 128, und die Signalfahne als Knebel im Maule! Das sieht einem Besuche der Betyaren ähnlich, wie ein Ei dem andern. Weg mit dem Knebel! – Erzählt, Mann.“

Und Janos, nachdem der Halberstickte Athem geschöpft und seine Gedanken gesammelt hat, erzählt, was ihm geschehen, und äußert den Verdacht, daß es die entlassenen Leute gewesen sein könnten, da die Betyaren den Eisenbahndienst und seine Localität und die Ablieferungszeit der Casse offenbar gekannt haben müßten.

„Aber das Alles,“ unterbricht der Zugchef die breite Erzählung, „erklärt es noch nicht, daß wir das rothe Signallicht [556] bekommen haben. Die Räuber haben es uns doch gewiß nicht gegeben!“

„Ist auch unerklärlich für mich,“ sagte Janos nachdenklich mit gesenktem Kopfe. „Hatte doch selbst genommen Glas, rothes, aus Laterne –“ plötzlich erhebt er den Kopf strahlend: „Nein, Pane Oberconducteur, gnädigster – ist Wunder – ist Wunder – hat Mutter Gottes – Allergnädigste – erhört Gebet meiniges in Todesnoth und hat gegeben selbst Haltsignal rothes, mit Laterne weißer!“ –

„Schnickschnack, alberner,“ sagt der Oberconducteur halb lachend, halb ärgerlich[WS 1], „untersuchen wir die Sache! Kommt Janos, zunächst in die Wachstube.“ Die Männer treten ein. Das Kind sitzt erschrocken auf dem Tische vor der Lampe; als Janos eintritt, läßt es entsetzt die rothe Glasscheibe, die es in den Händchen hielt, fallen und streckt weinend die Arme Janos entgegen.

„Nicht böse sein, Papa! nicht schlagen, Licht so schön roth, hier – draußen – überall. Bitte, bitte, nicht schlagen!“

„Da haben wir ja den kleinen Signalisten,“ ruft der Oberconducteur lachend. „Das kleine Mädel hat durch die Scheibe vor der Lampe geguckt und draußen gab das ein rothes Signal. Janos, Janos, wenn's auch die Mutter Gottes nicht gethan hat, ein Wunder ist wirklich an Euch geschehen. Ohne den kleinen Balg hätten sie Euch doch noch am Ende die Windpfeife zugeschnürt – von der Casse gar nicht zu reden. Die Sache ist aufgeklärt; fahren wir weiter. Ich lasse Euch den Zuggensd'arm hier. Gute Nacht!“

Der Zug rollt von dannen. Janos hält, mit heißen Augen vor sich hinstarrend, das Kind im Arme.

Am andern Tage fährt der Streckeningenieur, auf seiner Dräsine heimkehrend, am Bahnhause Nr. 128 vorbei.

„He, Janos! Guten Morgen; gratulire Euch, daß man Euch noch gratuliren kann. Drinnen auf der Hauptstation hat die Geschichte Alle gerührt; sie schicken Euch heute ein Fäßchen Erlauer. Laßt das Mädel nicht zu viel davon trinken. Ihr seid aber doch kein Narr gewesen, als Ihr das Kind behieltet. Adieu!“

  1. Beruht auf einer wahren Begebenheit. Die Eisenbahnkundigen mögen den leichten Zwang entschuldigen, der den Dienst- und Betriebsverhältnissen um der novellistischen Form willen angethan wurde. Die Ortsnamen sind fast sämmtlich fingirt.
    D. Verf.
  2. Oesterreichisch für „Kind“.
  3. Slavisch: „Herr“.
  4. So nennen die Ungarn alle Deutsche.
  5. Ungarischer weiter Rock.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: ägerlich