Schiller’s Frau

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Autor: Arnold Schlönbach
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Titel: Schiller’s Frau
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 19–20, S. 245–248; 263–265
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Charlotte von Lengefeld
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[245]
Schiller’s Frau.
Ein Gedenkblatt zur fünfzigjährigen Todtenfeier Schiller’s am 9. Mai.
Die Gartenlaube (1855) b 245.jpg

Charlotte von Schiller.

I.
Bis zum Hochzeitstag.

Trotz einem trüben Novemberabend des Jahres 1787 gingen zwei Damen vor einem reizend gelegenen und noch immer dicht umbuschten Hause zu Rudolstadt spazieren; die Eine mochte 26, die Andere 22 Jahre zählen; jene trug bei aller Jugendlichkeit doch das Gepräge der Frau, und zwar das einer sinnig-ernsten, wenn auch oft ein heller Strahl geistiger Lebhaftigkeit den Ernst durchleuchtete. Die Jüngere erschien durchaus mädchenhaft in der eher kleinen als mittelgroßen, schlanken und feinen Gestalt, in den ziemlich hellblonden, lang nach hinten zurückgeworfenen Haaren und den großen, edel geschnittenen hellblauen Augen; aber die reinen, klaren Züge waren oft wie mit einem Hauche frühreifen Verstandes überschattet. – In wenigen Minuten konnte die eigenthümliche Erscheinung um vieles älter und um vieles jünger aussehen als sie es wirklich war. – Es waren auch wohl ernste, bedeutungsvolle Momente und Empfindungen, die beide Schwestern jetzt durchsprachen und durchdachten; – sie schauten einige Minuten träumerisch hinaus nach den fernen Berggeländen – da erklang es von unten herauf wie Pferdegetrappel, sie blickten auf den Hügel hinunter und zwei Reiter sprengten heran, die Gesichter fast verhüllt in den Kaputzen ihrer langen grauen Mäntel. Sie grüßten die Frauen, die zwar neugierig voran, aber halb verlegen halb verwundert wieder zurücktraten.

Der Vetter!“ rief die Jüngere.

Schiller!“ rief gleichzeitig die Aeltere und Beider Gesicht war hoch geröthet.

Die Reiter, die nun abstiegen, wurden später die Männer der beiden Damen, – aber nicht derjenigen, die zuerst sie erkannt hatten: Charlotte von Lengefeld, die jüngere, wurde Schiller’s Frau; Caroline von Beulwitz, die ältere Schwester, wurde die Frau ihres Vetters Wilhelm von Wolzogen, des Jugendfreundes unseres großen Dichters. Die Freunde kamen von Meiningen, wo sie Wolzogen’s Mutter und Schiller’s dort verheirathete Schwester besucht hatten, und wollten in Rudolstadt die Verwandten des Ersteren nur vorübergehend begrüßen, als hier die Würfel ihrer späteren Lebensschicksale geworfen wurden.

Indessen sahen sich die vier edlen Menschen jetzt nicht zum ersten Male. Wolzogen’s und Lengefeld’s waren sich nicht allein befreundet, sondern auch verwandt. Wilhelm hatte schon früher [246] einige Besuche dort gemacht, als er nach beendigten Studien auf der Karlsschule in Stuttgart vom Herzoge von Meiningen im Baufach angestellt wurde. Und schon in Stuttgart selbst war er von den lieben Cousinen und deren Mutter begrüßt worden, als dieselben 1784 aus der Schweiz kommend Wilhelms Mutter besuchten, die sich ihrer Söhne wegen damals in Stuttgart aufhielt. Diese vortreffliche Dame hatte unserem Schiller den ersten Schutz geboten, als derselbe von der Noth und dem Herzog Karl von Würtemberg verfolgt wurde; auf ihrem Gute Bauerbach bei Meiningen lebte der flüchtige Freund ihres Sohnes sicher und sorglos; sie achtete nicht der Nachtheile, die daraus ihrem Sohne selbst in Stuttgart erwachsen konnten.

Wilhelm hatte die Verwandten auch zu Schiller’s Aeltern auf der Solitüde geführt, und es ihnen zur Pflicht gemacht, die hier empfangenen Grüße dem Sohne selbst zu bringen, der in Mannheim schon im ersten Stadium seines Ruhmes stand. Und hier war es denn, wo Schiller zum ersten Male Caroline und Charlotte sah. Dieses Begegnen war indessen flüchtig und fast kalt. – Die Schwestern waren noch ganz erfüllt von ihrem Schweizerleben, hatten eine Art Scheu vor dem Dichter der Räuber; und verwunderten sich deshalb, daß ein so gewaltiges und ungezähmtes Genie ein so sanftes Aeußere haben könne. Bei Schiller war kein Eindruck von diesem Begegnen zurück geblieben; – Caroline hatte schon Tieferes davon getragen, wie sie überhaupt auch schon vorher mehr als Charlotte den großen Genius in dem Dichter der Räuber erkannt hatte. – Auf Charlotte hatte wohl mehr das zwar lebhafte, aber doch milde, mehr genießende und schwärmerisch anerkennende, als selbst producirende und dominirende Wesen des Vetters Wilhelm Eindruck gemacht, während dieser mit hingebender Begeisterung Carolinen angehörte, und dieses Gefühl bis jetzt treu bewahrt und noch eifriger entwickelt hatte, vielleicht ohne es selbst zu wissen, wenigstens ohne es ahnen zu lassen: Caroline war ja schon seit drei Jahren Gattin, – wenn auch keine glückliche. Eine Convenienzheirath hatte sie dem sonst sehr vortrefflichen und edelgesinnten Herrn von Beulwitz ungeliebt vermählt.

So standen denn nun die vier Menschen in eigenthümlicher Stimmung zusammen: Schiller litt noch recht wund an seiner unglücklichen Liebe zu Frau von Kalb; Charlotte hatte kurz vorher einen geliebten Mann nach Amerika wandern sehen, um ein für allemal ein Verhältniß abzubrechen, von dem wir nur wissen, daß es unglücklich war und das jetzt noch Charlotten’s Herz bewegte. In dieser Stimmung war sie vielleicht um so empfänglicher für den erneuten Eindruck, den Wolzogen’s plötzliches Erscheinen auf sie ausübte. – Dieser aber war mehr denn je versunken im Anblick Carolinen’s, und diese staunte begeistert Schiller an, der von Weimar aus damals immer weiteren Ruhm gewonnen, immer helleren Glanz von sich ausgestrahlt hatte und in seinem ganzen Erscheinen auch liebenswürdiger geworden war. Schiller fühlte sich früher schon innig zu ihr hingezogen, doch ohne tiefere Bedeutung; Charlotte machte auch jetzt wenig Eindruck auf ihn. – Das war die eigenthümliche Situation, in welche sich die Vier hier zusammen fanden, und aus der sich später die eigentlich nicht zu erwartende Doppelheirath entwickelte.

Manche Leserin dieser Erzählung wird vielleicht gar nicht recht erbaut sein von diesem Beginn der berühmten „Liebe Schiller’s zu Charlotte;“ noch weniger von unserer Behauptung, daß Schiller’s eigentliche Liebesgluth weit mehr Carolinen als Charlotten angehörte; daß Beide weit mehr durch ruhige Neigung und Freundschaft als durch Leidenschaft an einander gefesselt waren. Die Jugend und Frauenwelt hat sich jene Liebe meist sehr ideal und schwärmerisch gedacht und sich mit schönen Verzückungen in ein Verhältniß zwischen den Liebenden und Gatten hinein phantasirt, das eigentlich nie bestanden hat. – Aus der Erziehung und dem Charakter Charlotten’s, dann aus schlagenden Stellen in Schiller’s, Carolinen’s und Charlottens’s weit verzweigtem Briefwechsel wollen wir unsere Behauptung zu rechtfertigen, dann aber auch darzulegen versuchen: daß gerade dieses Verhältniß das für beide Theile gemäße war und sich zu reiner, schöner Blüthe und Frucht entwickelte, indem es Charlotte immer bedeutender, Schiller immer ruhiger und zufriedener machte; Charlotte war der gute Erdenengel unseres unsterblichen Dichters.

So recht mitten im Herzen des thüringer Wald- und Berglandes geboren und erwachsen, und zwar in einer Gegend, die die lieblich-anmuthigen und wildromantischen Reize dieses herrlichen Landes in sich vereinigt: das allein schon konnte nicht ohne Einfluß auf die Entwickelung so erregbarer und empfänglicher Naturen wie die unserer zwei Schwestern sein. Auch die Aeltern nahmen sich mit so viel Bildung, Geschmack und eifrigem Willen der Entwickelung ihrer Töchter an, daß dies durchaus nachhaltig auf sie wirken mußte. Der Vater, Landoberjägermeister, und als Forstmann von bedeutendem Ruf, wirkte auf die Mädchen als kräftige, durch und durch gesunde und resolute Natur, – die Mutter, eine geborne von Wurmb, als ruhige, gottesfürchtige Frau und als ceremoniöse Oberhofmeisterin; der Erstere aber mehr auf Carolinen, die doch schon im vierzehnten Jahre stand, als der Vater starb, von diesem ganz besonders in Obhut genommen war und zu Pferde, zu Wagen und zu Fuß bei vielen fernen und nahen Waldtouren den gichtigen Vater begleitet und dabei die starke, freie Wald- und Bergluft des Landes eingeathmet, die wilde Romantik desselben kennen gelernt und in diesem frischen Naturverkehr Blick und Sinn sich erweitert und gestärkt hatte.

Charlotte war, währenddem noch Kind, fast nur der Mutter und dem lieblich anmuthigen Naturkreis der nächsten Umgebung überlassen. Dies noch mehr nach dem Tode des Vaters 1779, und zwar immer entschiedener und einseitiger, weil die Mutter sie zur Hofdame heranbilden wollte und das junge Gemüth sehr früh mit all den Kleinlichkeiten, Lächerlichkeiten und abgeschmackten Ceremonien erfüllte, die damals namentlich an den kleinen Höfen und ganz besonders am dortigen Hofe, zu solcher Stelle nöthig waren. Die Vorschriften und täglichen Uebungen für Haltung, Miene, Geberde mußten natürlich auch das innere Wesen berühren, wenigstens es einschüchtern oder einzwängen.

Dazu kam noch, daß Caroline schon mit sechzehn Jahren Braut wurde und damit an sich, in ihrem Hause und in der Gesellschaft eine so frühe und dominirende Selbstständigkeit gewann, daß die, doch nun auch herangewachsene und immermehr zur Jungfrau sich ausbildende Charlotte noch lange Zeit fast unbeachtet blieb, und unerkannt, einsam, in ertödtendem Studium zur Hofdame, ihr junges Leben hinbrachte, ihre reiche, tiefe Gemüthswelt verschließen, in manchem wohl gar versiegen, wenigstens einschlummern lassen mußte.

Um das zur Hofdame nöthige echte Französisch an schöner Quelle zu erlernen, wurde Charlotte nach der französischen Schweiz gebracht; Mutter, Schwester und deren Bräutigam begleiteten sie. Fast ein Jahr brachten sie in Vevey zu; aber während Mutter und Schwester die herrlichsten Gegenden besuchten, und mit Lavater in Verkehr traten, mußte Charlotte bei einem ehemaligen Jesuiten, Fauconnier, viel und streng Französisch treiben und schließlich längere Zeit die Krankenwärterin bei ihrer Schwester sein, die sich bei einem Ausflug in das Gebirge eine gefährliche Nervenkrankheit zugezogen hatte.

Alles dies zusammen mußte wohl, – bei einer schon an sich milden, bescheidenen, verständigen und still beobachtend angelegten Natur, – ein Wesen, einen Charakter bilden: mehr theilnehmend als anregend, mehr dankbar empfangend als leidenschaftlich austauschend, mehr klar, still und sicher in sich selbst beruhend, als mit voller Hingabe einer flammenden Liebe entzückend und berauschend. Ein solcher Charakter konnte Schiller’s Ideal nicht sein; ein solcher Charakter aber mußte dem idealen Schiller so recht zum Halt- und Mittelpunkte seines häuslichen Dichterlebens werden.

Einige Züge aus dem Leben Charlotten’s, zur Zeit, als Schiller in Beziehung zu ihrer Familie und dann näher zu ihr selbst trat, dürften geeignet sein, ihr Wesen in dem Sinne zu beleuchten, wie wir es aufzufassen versuchten. Sie liest z. B. Anton Reisser und empfiehlt es allen Schulmännern; sie liest Trenk und glaubt, es könne vielen jungen Leuten zur Warnung dienen; sie liest Tissot über die Nerven und hat den Wunsch, als Mann Anatomie studiren zu können; sie liest La Roche’s Reise nach London, findet sie meist langweilig und ermüdend, hat aber große Freude an der Schilderung der Nation, weil ihr bei derselben Größe und Wohlthätigkeitssinn harmonisch vereinigt erscheinen. Sie ist fertig im Zeichnen einfacher Landschaften; sie führt dieselben mit Reinheit und Zartheit, aber ohne Kühnheit aus. Sie spricht stets sehr langsam und leise, so daß sich der spätere Hausfreund Göritz noch darüber lustig macht; derselbe will auch ein herbes und vornehmes [247] Wesen gegen ihre Dienstboten bei ihr bemerkt haben. Ihre Schwester Caroline nennt sie „mäßig, aber treu und anhaltend in ihren Neigungen." Als Schiller bei seinem ersten Aufenthalt in Volkstädt den Schwestern die Odyssee vorliest, fühlte Caroline einen neuen Lebensquell durch ihre Seele rieseln, Charlotte aber schläft einige Mal dabei ein, liest indessen ein halbes Jahr später den Aeschylus und Sophokles selbst vor und freut sich innig „über die Wahrheit und Einfachheit“ dieser Dichter. In seinem ersten Liebesbriefe beklagt sich Schiller über Charlotten’s oft „seltsame Kälte“ und „abgemessenes Betragen“, - schreibt Beides aber schon bald ihrer stillen Ruhe der Empfindung zu. So war Schiller’s Braut.

Jene einzige, schöne Zeit der Schiller Goethe-Epoche, die einen weiten Kreis edler, bedeutsamer und großer Männer und Frauen gleichsam zu einer stillen Gemeinde der Geister und Seelen vereinte und wohl als die feinste und edelste Blüthe dieses einen und zwar hauptsächlichsten Theiles deutschen Lebens repräsentirte„ hat uns in ihrer Geistes-, Gefühls- und Schreibseligkeit einen Reichthum von Briefen hinterlassen, deren herausgegebene Sammlungen einen großen Theil der Literatur dieses halben Jahrhunderts ausmachen. Wenn sie auch viel Nichtiges enthalten, bilden sie doch einen außerordentlich wichtigen Beitrag für die Geschichte unserer Literatur und Kultur. Für unsern Zweck hier benutzen wir sie nur zur ferneren Unterstützung der Behauptung, daß Charlotte von Lengefeld nicht die eigentliche Geliebte des Dichters war. - So haben z. B. neuere Sammlungen dargethan, daß früher erschienene Briefe Schiller’s, vermeintlich an Charlotte gerichtet, nicht dieser, sondern Carolinen und oft beiden Schwestern zugleich gelten, und das, was darin der älteren galt, von dieser der jüngeren überwiesen, als dieser angehörig betrachtet, wenigstens bezeichnet wurde; daß Caroline manche direkt an sie gerichtete Briefe, - der Schwester Schiller’s und auch wohl der Welt zu Liebe, - eigenhändig mit der Aufschrift an Charlotte versehen hat. Doch auch außerdem, nur aus dem übrigen Vorhandenen, läßt sich jene Annahme bestätigen und man braucht dazu nicht einmal viel „zwischen den Zeilen zu lesen“; man braucht nur das mannigfach Zerstreute in einigen Zügen zusammenzustellen.

Schiller kannte sich in manchen Momenten besser als ihn viele Andere kannten; einige Tage vor seinem ersten Besuche in Rudolstadt schreibt er: „Bei einer ewigen Verbindung, die ich eingehen soll, darf Leidenschaft nicht sein;“ – ein Paar Tage nach jenem Besuche, – den er freundlich aber kurz erwähnt, – meint er: „Eine Frau, die ein vorzügliches Wesen ist, macht mich nicht glücklich, oder ich habe mich nie gekannt.“

Zu Anfang des Jahres 1788, kurz vor seinem längeren Aufenthalt bei Rudolstadt, ging er ganz praktisch-ernstlich mit dem Vorhaben herum, zu heirathen. Er schreibt: „Es bleibt dabei, ich heirathe. Ich sehen mich nach einer bürgerlichen Existenz und das ist das Einzige, was ich noch hoffe. – Eine Frau habe ich noch nicht, aber gebe Gott, daß ich mich nicht ernsthaft verplempere.“ Ende Mai schreibt er von Volkstädt aus recht herzlich über die Familie Lengefeld-Beulwitz, will aber nahe Anhänglichkeit an dieses Haus und eine „ausschließliche an irgend eine einzelne Person aus demselben“ vermeiden. Ende Juli wird ihm die Trennung von diesem Hause um so schwerer, „weil ich durch keine leidenschaftliche Heftigkeit, sondern durch eine ruhige Anhänglichkeit, die sich allmälig gemacht hat, daran gehalten werde.“ Gleichzeitig erscheint ihm Charlotte „nicht ganz frei von einer coquetterie d’esprit“. Mitte November schreibt er: „Mein Herz ist frei. Ich habe es redlich gehalten, was ich mir zum Gesetz gemacht: ich habe meine Empfindung durch 'Theilung' geschwächt und so ist sie als Verhältniß innerhalb der Grenzen einer herzlichen, vernünftigen Freundschaft.“ – Noch im Frühjahr 1789 schreibt er: „Könnte mir Jemand eine Frau mit zwölftausend Thalern verschaffen, mit der ich leben, an sie mich attachiren könnte, so wollte ich in fünf Jahren eine „Fridriciade“, eine klassische Tragödie und ein halbes Dutzend schöne Oden liefern.“

Stellen wir mit diesen Zügen einzelne Stellen aus Briefen an Caroline und Charlotte zusammen; als bedeutungsvolles Motto dazu diene Carolinen’s beziehungsvolles Wort: „Schiller bedurfte immer eines Lebens in Ideen und meine ganze Stimmung begegnet ihm.“ Im Sommer 1788 schrieb ihr Schiller: „Ich möchte soviel sagen und wenn ich von Ihnen gehe, habe ich nichts gesagt. Bin ich bei Ihnen, so fühle ich nur, daß mir wohl ist und ich genieße es mehr still, als daß ich es mittheilen könnte;“ – im Februar 1789 den beiden Schwestern zugleich. „Ich wollte Ihnen bei dieser Gelegenheit einige Geständnisse ablocken, welche Sie aber gar verständlich umgangen sind. Doch hat mich Caroline raisonnabler behandelt als Lottchen. Caroline hat mir doch eine Hinterthür gelassen, und eine freundschaftlichen Vergleich auf’s Tapet gebracht, Lottchen aber fertigte mich trocken und kurz ab," - am 3. August 1789, nachdem er in Lauchstedt Charlotten’s Liebeserklärung fast ausdrücklich erhalten hatte, an Caroline. „Welch schöne himmlische Aussicht liegt vor mir. Welche göttliche Tage werden wir einander schenken! Wie selig wird sich mein Wesen in diesem Cirkel entfalten! Ich habe mich selbst wieder gefunden und lege einen Werth auf mein Wesen, weil ich es Ihnen widmen will. Ja, Ihnen sollen alle meine Empfindungen gehören, alle Kräfte meines Wesens sollen Ihnen blühen! In Ihnen will ich leben und meines Daseins mich erfreuen. Ihre Seele ist mein – und die meinige ist Ihnen – drei Wochen später, von Jena aus, an beide Schwestern: „Dein Brief, theuerste, liebste Caroline, hat meine Seele tief ergriffen. – – Vor meiner Seele steht es verklärt und helle, welcher Himmel in der Deinigen mir bereitet liegt. - - Wir haben einander gefunden, wie wir für einander geschaffen gewesen sind. In mir lebt kein Wunsch, den meine Caroline und Lotte nicht unerschöpflich befriedigen können. – Unsere Caroline habe ich blos ahnen können. Ihr Geist überraschte mich, in ihr ist etwas Edles und Feines, das man idealisch nennen möchte, – ihr ganzes Wesen hat einen gewissen Glanz, der mich blendet. Gewiß, sie ist ein ungewöhnliches Geschöpf und wollte der Himmel – es würde wahr und sie wäre unser auf ewig.“ – Noch ein paar Stellen aus einem Briefe an beide Schwestern vom 15. November 1789 mögen diese Citate beschließen. „Du kannst fürchten, liebe Lotte, daß Du mir aufhören kannst zu sein, was Du mir bist. So müßtest Du aufhören, mich zu lieben! Deine Liebe ist Alles, was Du brauchst, und diese will ich Dir leicht machen durch die meinige. Ach, das ist eben das höchste Glück in unserer Verbindung, daß sie auf sich selbst ruhet und in einem einfachen Kreise sich ewig um sich selbst bewegt. – – Caroline ist mir näher im Alter und darum auch gleicher in der Form unserer Gefühle und Gedanken. Sie hat mehr Empfindungen in mir zur Sprache gebracht als Du, meine Lotte, – aber ich wünschte nicht um Alles, daß das anders wäre, daß Du anders wärst als Du bist. – Nur Dein Schicksal, meine Caroline, ist es, was mir Unruhe macht – ich kann dieses trübe Verhältniß noch nicht aufklären, und es wir noch verwirrter, wenn ich an meine Lage denke. Bleibe ich in Jena, so will ich mich gern ein Jahr und etwas darüber mit der Nothwendigkeit aussöhnen, daß Du mit B– (Beulwith) allein lebst. Von diesem Jahr kannst Du die Hälfte bei uns zubringen und die kleinen Zwischenräume der Trennung machen es erträglicher. – – Wenn sich Dein Verhältniß nun nicht mit gleichem Schritte entwickelt, so kämen wir auf ein ganzes Jahr auseinander. Das darf nicht sein. – – es war mir doch lieb, zu sehen, daß die chère mère auf die Trennung von B. schon gedacht hat.“

So lebte Schiller in einem eigenthümlichen Doppelleben der Liebe, und es liegt wohl nicht fern, daß er an eine Ehe, wie Graf Gleichen sie führte, wenigstens in seelischer Hinsicht dachte. Auch Charlotte hat daran wohl gedacht, und wenn wir die darauf bezügliche Stelle recht erfaßt haben: mit einer herrlichen Seelenruhe. Am 6. April 1789 schreibt sie an Stein. „Jetzt lese ich Müller’s Schweizer-Geschichten. Es ist mir gar lieb, daß er die Gedichte von Wilhelm Tell nicht widerlegt, wie Andere gethan haben. Es soll gar nichts Artiges auf der Welt mehr vorgehen; ein Pater in Erfurt hat auch die Geschichte vom Grafen von Gleichen widerlegt. Sehen Sie, daß unser Geschlecht recht gut ist, denn wir glauben gern, daß es wahr sein könne, dass ein Mann existirt habe, der zwei Frauen so lieben kann, und der ersten Geliebten doch immer so treu geblieben ist, wie Graf Gleichen.

Durch all dies Gegebene dürfte das Negative in dem Liebesverhältniß Beider fixirt sein. Das Positive darin, das was Beide doch immer eifriger und sehnsuchtsvoller zu einer Vereinigung drängte, sie glücklich und dauernd glücklich machte: war bei Schiller das Bedürfniß zu lieben und geliebt zu sein, wirken zu können und ein Wesen um sich zu haben, das sein Geschöpf werde, das unter den Flügelschlägen seines Genius sich entfalte, ihm sein Inneres Dasein verdanke. Er liebte Charlotte, wie ein edler Gärtner [248] ein von ihm gezogenes kostbares Gewächs, wie ein großer Künstler seine Schöpfung liebt. Bezeichnend dafür ist, was ihr Schiller am 14. Februar 1789 schreibt: „Was Caroline vor Dir voraus hat, mußt Du von mir empfangen; Deine Seele muß sich in meiner Liebe entfalten und mein Geschöpf mußt Du sein, Deine Blüthe muß in den Frühling meiner Liebe fallen. Hätten wir uns später gefunden, so hättest Du mir diese schöne Freude weggenommen, Dich für mich aufblühen zu sehen.“ – Zugleich mußte er ein Wesen um sich haben, das sich liebevoll bescheiden seinen Herbheiten und Sonderbarkeiten fügte.

Er sagte ihr z. B.: „Die schöne Seele der Geliebten will ich auffassen, ihre schönen Empfindungen verstehen und erwiedern, aber ein Mißton in der meinigen darf sie weder befremden noch betrüben. – Bei allen meinen Mängeln wird die Geliebte immer finden, was sie einmal in mir liebte. Meine Liebe wird sie in mir lieben.“

Und wie sehr kam Charlotte diesen tief-inneren Bedürfnissen ihres Freundes entgegen! Wie war ihr ganzes Wesen dazu geschaffen, diese Bedürfnisse erfüllen zu können! Wie war es ihr selbst Bedürfniß, Lebensaufgabe, Ziel – dies zu thun! Wie tief fühlte sie die Bedeutung, die Schiller’s Wesen für ihre Entwickelung und Erhebung habe! Wie verständig und schön erkannte sie auch die Nothwendigkeit, daß dieser reizbare, schwächliche, kränkelnde Mann einer ganz besonderen Pflege und Wartung bedürftig sei! Und wie glücklich fühlt sie sich, daß ihren Händen diese heilige Sorge anvertraut werden sollte! – Gerade das, was ihre Verwandte am Meisten gegen diese Verbindung stimmte: das kränkliche, reizbare Wesen Schiller’s, war es, was sie mit hohem Opfermuthe erfüllte, woran sich ihre Liebe noch erstarkte und erhöhte.

Kehren wir nun wieder zurück, um auch die äußerliche Entwickelung dieses Verhältnisses bis zur kirchlichen Verbindung in kurzen Angaben zu verfolgen. Nach dem ersten kurzen Begegnen in Rudolstadt sahen sich Schiller und Charlotte im Winter von 1787–88 in Weimar wieder. Hierher waren die Schwestern gekommen, um Vorbereitung zur Aufnahme Charlotten’s als Hofdame zu treffen. Der Verkehr gestaltete sich recht freundlich, doch nicht besonders nah. Caroline schreibt aus dieser Zeit: „Schiller hielt sich in der gehörigen Entfernung, wie ihm die Umstände und seine Feinheit lehrten.“ Indessen wurde doch schon von dem Plane gesprochen, daß Schiller den nächsten Sommer bei Rudolstadt wohnen solle. Die Freundinnen bereiteten ihm auch in Volkstädt eine heitere, reizend gelegene Wohnung vor, die er im Mai 1788 bezog.Hier schrieb er seine Geschichte der Niederlande und den Geisterseher, in steter Mittheilung an die Freundinnen. Bei diesen lernte er denn auch Goethe kennen, ebenso Herrn von Gleichen, dessen ältester Sohn später der Gemahl von Schiller’s jüngster Tochter wurde. – Gegen Mitte October zog er nach Rudolstadt selbst; nun wurde der gesellige Verkehr noch enger, und schon sprach man in der Gesellschaft von der bevorstehenden Verheirathung Schiller’s mit Charlotten, noch eher als diese selbst davon gesprochen hatten. Mitte November kehrte Schiller nach Weimar zurück; es entstand ein lebhafter Briefwechsel, doch ohne auch jetzt noch von Verheirathung zu sprechen. Währenddem mußte Charlotte noch alle mögliche Exercitien zum Amt der Hofdame durchmachen. Im Frühjahr 1789 wurde Schiller Professor in Jena, und in dieser Stellung mit Aussicht auf fixen Gehalt trat sein Wunsch der Verheirathung immer lebhafter hervor.

Im Juli reisten die Schwestern über Jena, um ihre Freundin, Caroline von Dachröden, von dem Gute ihres Vaters nach Lauchstedt in’s Bad abzuholen. Im Garten der liebenswürdigen Familie Griesbach, bei der Schiller wohnte, brachten sie mit demselben einen schönen und das Liebesverhältniß zeitigenden Tag zu. Schiller versprach nach Lauchstedt zu kommen, und eine verabredete Zusammenkunft mit Körner sollte dazu scheinbar Veranlassung sein. Ein schöner Brief an Charlotte leitete sein entscheidendes Kommen ein; gleichzeitig hatte dieselbe einen ihr unangenehmen Heirathsantrag bekommen, den die Mutter zu unterstützen schien, – da kam Schiller, Anfang August, in Lauchstedt an, und nun tauschten sie rasch und geheim das Geständniß ihrer Liebe aus. Caroline und die edle Caroline von Dachröden segneten zuerst das glückliche Brautpaar. Aber geheim mußte diese Verlobung noch gehalten werden.

Die Mutter hatte kein Vermögen für die Kinder, aber für Charlotte theils recht aristokratische, theils recht praktische Versorgungspläne. Was konnte Schiller dagegen bieten, so lange er noch keinen fixen oder ausreichenden Gehalt hatte! Dieser also sollte erst abgewartet und dann erst der Mutter Einwilligung erbeten werden. – Die Herbst-Ferien brachte Schiller wieder in Volkstädt zu, noch immer im Geheimniß vor der Mutter, aber von derselben stets inniger geliebt und geachtet. Ende October ging er zurück nach Jena, voll tiefsten Unmuths und dort oft in wahrhaft verzweiflungsvoller Stimmung. Hier zeigte sich nun schon Charlotten’s still waltender Zauber auf ihn; mit inniger Ruhe und Ergebung beschwichtigte sie den geliebten Freund. – Zu Anfang December kamen beide Schwestern nach Weimar; Schiller kam jede Woche einmal dorthin und knüpfte jetzt die herrliche Freundschaft mit Wilhelm von Humboldt, dem Geliebten der Freundin Caroline von Dachröden. – Mitte December erschien die Zusage des Herzogs auf fixe Besoldung; am 18. December bat Schiller Frau von Lengefeld um Charlotten’s Hand, – Frau von Stein vermittelte dabei theilnehmend, der edle Coadjutor von Dalberg machte für später glänzende Versprechungen – und die Mutter stimmte nun liebevoll zu. – Am 20. Februar 1790 wurden Friedrich von Schiller und Charlotte von Lengefeld, in dem Dorfe Wenigenjena bei Jena durch den Pfarrer Schmidt getraut. „Der Kosten wegen,“ – wie Schiller lakonisch-naiv schrieb – „ganz einfach und still.“

Die Mutter war dazu von Rudolstadt herübergekommen und freute sich des Glückes ihrer Kinder. – „Meine Frau hat die vollständige Hauseinrichtung mitgebracht,“ so schließt Schiller die Aufzeichnungen aus seinem hier endenden ersten großen Lebensabschnitt. – Mit diesem Ende sollte aber nun erst das wahre, tiefste Lebens- und Liebesglück der zwei Verbundenen beginnen.

[263]
II.
Frau und Wittwe.

Das Eheleben des nun verbundenen Paares ist nach Innen leicht und kurz dahin zu beschreiben, daß es vollkommen dasjenige erfüllte und darstellte, was wir vorher in den Bedürfnissen Beider als Motive ihrer Verbindung, als Bedingung ihrer Liebe zu fixiren suchten. – Schiller sah sich immer inniger, immer tiefer geliebt, verstanden, bewundert; sah Charlotten’s schöne Natur sich immer reifer und bedeutungsvoller entfalten; fühlte das innigste Behagen in so treuer, ruhig aber unermüdlich waltender Pflege und in der elastischen Humanität, womit Charlotte dem einen Theil seines Wesens entgegenkam, das er selbst dahin beschreibt: „Meine Gefühle sind durch mein Nervenleiden reizbarer und für alle Schiefheiten, Härten, Unfeinheiten und Geschmacklosigkeiten empfindlicher geworden.“

Charlotte wurde sich immermehr bewußt, sowohl der hohen Segnungen, die sie durch Schiller empfing, als derjenigen, die sie ihm gab; oft litt und duldete sie freilich auch in dem innern und äußern Kultus ihrer Aufgabe, das aber machte sie dann auch wieder froh und stolz, und stählte ihren Charakter.

Sie lebten angenehm und wenn auch beschränkt, so doch ohne drückende Sorgen in Jena; die Familien Paulus und Griesbach waren ihr nächster und liebster Umgang. Charlotte lernte noch besser Clavier spielen, weil Schiller bei seinen Arbeiten gern eine sanfte Musik im Nebenzimmer hörte. Vor den Studenten fürchtete sich die junge Frau anfangs, doch überwand sie dies bald, begleitete ihren Mann in das Auditorium und bereitete ihm nebenan Thee, den sie ihm dann und wann zutrug. – Dann gingen sie miteinander nach Hause.

Bald sollten sie einer schweren Prüfung entgegen gehen: Schiller wurde lebensgefährlich und lange krank und er behauptete später, daß nur Charlotten’s ausdauernder Muth bei ruhigster und sicherster Ueberschauung ihn gerettet habe. In diese Rettung kam das großartige Geschenk aus Dänemark, das den Dichter auf drei Jahre hin reichlich versorgte und ihm Muth und Kraft für Wallenstein gab.

Indessen waren doch bedeutende Reste aus der Krankheit zurückgeblieben und störten den Dichter sehr häufig. Da berief er sein Auditorium in sein Haus und wenn er hier docirte, saß Charlotte neben ihm, aufmerksam auf seine Gesundheit wie auf seine Worte. Er fühlte sich dann sehr glücklich. –

Im Sommer 1793 wohnte das Paar in Heilbronn und Ludwigslust. Am 14. September kam Charlotte mit dem ersten Kinde, das Karl getauft wurde, nieder, sehr schmerzlich und lebensgefährlich. – Sie sprach stets gern von solchen Zuständen in ihren Briefen an Stein und Fischenich, aber in so einfach rührender Weise, mit so innigsler Mutter-Seligkeit, daß man sie darum lieben konnte. –

Etwas Mutterhaftes, das sie stets gehabt hatte, bildete sich überhaupt immer mehr in ihr aus; so nannte sie den lieben Freund Fischenich, der nur zwei Jahre jünger als sie war, stets nur „lieber Sohn“ – Im Jahre 1794 begann Schiller’s schönes Verhältniß mit Goethe; Charlotte freute sich dessen unendlich und spricht ebenso maßvoll als treffend und charakteristisch darüber und über Goethe selbst; – Gleichzeitig verheirathete sich die von Beulwitz geschiedene Caroline mit dem Vetter Wilhelm von Wolzogen und als derselbe in Weimar angestellt wurde, freute sich ebenso Charlotte wie Schiller, die Geliebten in solcher Nähe zu haben. – Neue Krankheit Schiller’s forderte bald wieder die ganze Kraft Charlotten’s heraus, doch mußte sie auch Rücksicht auf ihre bevorstehende zweite Niederkunft nehmen. Sie theilte nun ihre Zeit [264] verständig ein und während sie schlief, spielten die Hausjungfern mit Schiller am Bette – Karte.

Am 11. Juli 1796 gebar sie ihren zweiten Sohn, Ernst. Schiller schreibt bei dieser Gelegenheit recht naiv: „Meine Frau wollte das Kind selbst stillen, aber es kommt nichts mehr.“ – Am 11. October 1799 schenkte sie ihrem Gatten die erste Tochter Caroline. Ein furchtbares Nervenfieber ergriff sie danach und wochenlang schwebte sie in Todesgefahr, in völliger Geistesverwirrung. – Der treue und tüchtige Hausarzt Starke und Schiller’s treue Pflege selbst gaben sie dem Leben und der Gesundheit wieder. Mit Anfang 1800 begann ein neues und schöneres Leben in Weimar. Wer kennt hier nicht das liebe, freundliche Schillerhaus! Der Dichter hatte die Sonnenseite und Charlotte befestigte selbst an den Fenstern die carmoisinrothen Vorhänge, die auf Schiller’s productive Stimmung einen wohlthuenden Einfluß ausübten. Das war schon etwas Krankhaftes in Schiller, was sich immer mehr steigerte. Charlotte mußte ihm immer eifriger die Schnupftabaksdose füllen, kalte Fußbäder anrichten und in den Schubladen seines Arbeitstisches faule Aepfel legen, deren Ausdünstung auf seine Nerven anspannend wirkte, die aber Goethe fast zu einer Ohnmacht brachten, als derselbe einst Schiller besuchte und bei dessen Abwesenheit ihn an seinem Schreibtisch erwarten wollte. – Die gute Frau mochte bei solchen Umständen wohl Mancherlei zu dulden haben. –

Im Juli 1804 erwartete sie ihre vierte Niederkunft und wollte dieselbe in Jena, bei dem treuen Starke, vollbringen. Schiller begleitete sie dorthin und bei einer leichten Erkältung schlug sein Nervenleiden in ein furchtbares Fieber über, während Charlotte höchst gefährlich ihre zweite Tochter, Emilie, gebar. Beide schwebten zu gleicher Zeit in höchster Todesnoth. Charlotte genaß bald, aber Schiller erholte sich nur scheinbar und bald schon sahen die Freunde seinem Tode entgegen. Dieser erfolgte am 9. Mai des Jahres 1805, Nachmittags 6 Uhr. Charlotte und Caroline saßen an seinem Bette. Leise erhob er das Haupt, um die Geliebten noch einmal anzuschauen, Charlotte noch einmal zu küssen; dann fuhr es wie ein elektrischer Schlag hell über seine Züge, sein Haupt sank zurück und wie schlafend, mit heitrem Antlitz, lag der große Todte da. Charlotte konnte nur sagen: „Er hat mir noch die Hand gedrückt!“ – Das war die letzte Seligkeit, die sie in ihrem Bunde mit Schiller genoß. –

Die schönsten Blüthen desselben hat Charlotte in folgenden Worten (an Fischenich, vom 3. Juli 1805) niedergelegt, und gewiß mit vollstem Rechte: „Es hat Niemand, kann ich behaupten, dieses edle hohe Wesen so verstanden wie ich, denn keine Nuance entging mir. Ich wußte mir seinen Charakter, die Triebfedern seines Handelns zu erklären, zurechtzulegen wie Niemand. – Die Jahre verbanden uns immer fester, da ich durch das Leben mit ihm seine Ansichten auf meinem eigenen Wege gewann und ihn verstand wie keiner seiner Freunde. Ich war ihm so nothwendig zu seiner Existenz, wie er mir. Er freute sich, wenn ich mit ihm zufrieden war, wenn ich ihn verstand. Dieses geistige Mitwirken, Fortschreiten war ein Band, das uns immer fester verband. – – Ich habe die Beruhigung, daß ich gewiß Alles für ihn that, um ihn vor unangenehmen Eindrücken im Leben zu bewahren, daß er vielleicht ohne mich nicht so lange für die Welt gewirkt hätte. – Ach Sie kannten ihn nur halb, denn in dem letzten Theile seines Lebens, wo seine Seele frei auch unter dem drückenden Gefühle der Krankheit sich erhob, wo er immer milder, immer lieber wurde, sein Herz an dem unschuldigen Leben seiner Kinder sich erfreute, war er ganz anders noch, als da Sie mit uns lebten. Diese Liebe, diese Freude an den lieben Geschöpfen, diese Heiterkeit, wenn er zu uns kam, würde Ihrem Herzen wohlgethan haben. Das lange Leben mit ihm hatte auch mein Gefühl auf eine glückliche Höhe gestellt; bei ihm, mit ihm war ich über das Leben hinweg.“

Diese Worte sind wohl das herrlichste Vermächtniß, das Charlotte uns hinterlassen hat und die ewige Dankbarkeit der deutschen Nation für diese einfache, seltene Frau herausfordert. – – Es giebt Schmerzen, so tief, so keusch und heilig, daß man sie nicht berühren, nicht darstellen darf. Und solchen Schmerz empfand jetzt Charlotte. Ihr war’s, als wenn sie in die ewige Nacht verstoßen wäre und nur der Gedanke an ihre Kinder, das strenge Pflichtgefühl der Mutter, rettete sie vor Verzweiflung. –

Verfolgt man Charlotten’s Entwicklung in ihrem Eheleben aus ihren Briefen, namentlich an die Freunde Fischenich und von Stein, so wird uns ihr ganzes Wesen immer lieber und verehrungswerther. Wir lernen die treue, tüchtige Gattin und Hausfrau, die zärtliche, durchaus praktische und verständige Mutter ebenso schätzen, wie die stets strebende Seele und klare, denkende Kraft. Es ist rührend, mit welcher Glückseligkeit, es ist bedeutsam, mit welch’ scharfer Beobachtung sie von dem Wesen, der Richtung und Entwickelung ihrer Kinder spricht. Zu Anfang wünscht sie sich lieber nur Knaben, weil sie von dem eigentlichen Wesen des Weibes so ideale Begriffe habe, daß es sie schmerzen würde, ihre Töchter nicht danach erziehen zu können. Als aber nun die Töchter kommen, ist sie auch glücklich und weiß klug auf praktischem Wege ihrem Ideale nachzustreben. –

Nach und nach wird Charlotte corpulent; sie scherzt darüber und meint, ihre Bekannten lachten sie aus, es erscheint ihr aber als Gewinn, weil sie nun die Welt gemüthlicher ansieht, ohne phlegmatisch zu werden. –

Vor Allem strebte sie nach Klarheit und deshalb war es ihr stets so innig wohl in Goethe’s Gesellschaft. Höchster innerer Lebensgenuß ist ihr: nach Veredelung der geistigen Kräfte zu streben. – Sie schließt sich immer mehr ab gegen neue Bekanntschaften und Freunde; sie will lieber die alten desto fester im Andenken halten um so desto näher in der Vergangenheit leben. In Berlin findet sie die Natur wie die näheren menschlichen Verhältnisse trostlos. Sie selbst bestimmt Schiller, die dort ihm gemachten glänzenden Anerbietungen nicht anzunehmen; allerdings auch, um den Hof in Weimar nicht zu betrüben.

Nach dem Tode Schiller’s wurde Charlotte von allen Seiten, von nah und fern, mit der innigsten und thätigsten Theilnahme beschenkt. Der Hof, Dalberg, Cotta sicherten ihr reichliches Auskommen, sodaß sie auch ihren Kindern die beste Erziehung geben konnte. Im Sommer des Sterbejahres sandte Starke sie nach Brückenau in’s Bad. Die Mädchen blieben währenddem bei Griesbach’s, die Söhne nahm sie mit sich; sie konnte nicht ohne dieselben leben, sie liebt sie jetzt doppelt. Ein schönes Wort aus dieser Zeit bekundet, wie der Schmerz sie veredelte; sie schreibt an Fischenich: „Ich bin jetzt über nichts mehr böse.“ Ihre neu gewonnene Gesundheit benutzt sie zur Ueberwindung ihres Schmerzes, denn sie meint: „Ein Mensch, der sich nicht überwinden kann, ist ein trauriges Mitglied und die Menschen fliehen ihn.“ So übt sie nun Kräfte aus, die sie – wie sie meint – nicht in sich gesucht hat. Aber sie fühlt sich auch isolirt, wenn sie sich nicht an Geistiges hält; so hört sie denn bei Gall Schädellehre, bei Goethe Naturwissenschaft, bei denen es ihr ist, als ob sie die Welt sich gestalten sähe. Sie läßt sich von den Söhnen und deren Hauslehrern vorlesen, weil ihre Augen angegriffen sind, widmet sich aber vor Allem der Ausbildung ihrer Kinder. Martens, Ukert, Gabler und Abeken sind im Laufe einiger Jahre deren Hauslehrer. –

Während der Schlacht bei Jena wohnte sie in den Gemächern der Herzogin. –

Wir überspringen nun viele Jahre ihres ruhig fortgehenden Wittwenlebens. Die Söhne waren währenddem schon in die Welt getreten und angestellt; die eine Tochter hatte sich als Erzieherin ausgebildet und kam als solche später an den Hof nach Stuttgart; die andere vermählte sich dem Herrn von Gleichen.

Im Jahr 1821 besuchte sie ihren Sohn Ernst in Köln und beobachtete auf dieser Reise und während ihres Aufenthaltes in Köln und Aachen fein und scharf die Lebens- und Menschenverhältnisse nach verschiedenartigen Seiten hin, wie dies aus ihren Briefen an Fischenich hervorgeht.

Nach Weimar zurückgekehrt, besuchte sie in Rudolstadt ihre alte Mutter und sie hatte sich vorgenommen, später längere Zeit bei ihr zu verweilen, als dieselbe 1823, über achtzig Jahre alt, starb. Nun zog es sie um so mächtiger wieder nach dem Rhein, wo in Köln ihr Ernst, in Bonn ihr Karl glücklich verheirathet waren. Und in Bonn ließ sie sich für den Rest ihres Lebens nieder. Eine gefährliche Augenoperation bestand sie muthig und mit guten Aussichten auf Erfolg. Da aber traf sie plötzlich, im Juli 1826, ein Nervenschlag; ohne Bewußtsein, aber unter heitern Phantasieen, starb sie in den Armen ihrer Kinder. – Sie hatte früher an Schiller’s Seite begraben sein wollen. Als ein neuer Kirchhof in Weimar angelegt wurde, wollte sie hier einen Begräbnißplatz für Schiller und sich kaufen, den aber der zeitige Bürgermeister, [265] Schwabe, ihr unentgeltlich anbot. Nun wurde sie an den Ufern des Rheins begraben. –

In ihrem Nachlasse fand man ein Gedicht vom 20. Februar 1809, „Die wechselnden Gefährten,“ der Feier ihres Hochzeitstages geltend. Es hat mehr persönliches als dichterisches Interesse, wie denn auch ihre in den Horen von 1799 abgedruckten Gedichte: „Die Capelle im Walde“ und „Eine Nonne“ mehr Formensinn als dichterische Kraft verrathen. –

Der Herausgabe von Schiller’s Briefwechsel mit Goethe war sie eigentlich entgegen; sie betheiligte sich nicht daran und überließ es ihrer Schwester Caroline, die deswegen mit Cotta und Goethe in Briefwechsel trat. –

Wir könnten jetzt noch viele schöne Geistesblüthen aus ihren Briefen auf ihr Grab streuen, doch einen schöneren Grabesschmuck kann sie nicht haben als die Worte:

Charlotte von Schiller
war eine edle, tugendhafte Gattin und Mutter, eine rechtschaffene Freundin; – der treue Erdenengel von Deutschlands edelstem Dichter!